„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Neuronaler Determinismus

Der Neurodeterminismus (auch: neuronaler Determinismus) besagt, dass alle mentalen Zustände M (insbesondere Willensentscheidungen!) durch neuronale Zustände N vollständig festgelegt sind.

1. Wissenschaftlicher Determinismus

Die Vorstellung von vollständig vorherbestimmten Prozessen hat in der abendländischen Kultur schon viele Ausprägungen erfahren und die unterschiedlichsten Weltbilder erfasst. Ob die Allmacht Gottes, historische Notwendigkeit (strenger Historizismus) oder Naturgesetze als verantwortlich für das determinierte Weltgeschehen angesehen werden, alle Formen des Determinismus sind durch eine zentrale Idee verbunden, die für sämtliche Ausprägungen charakteristisch ist: Jedes Ereignis ist vorherbestimmt!

Die Auffassung des allgemeinen Determinismus kann in folgender Weise formuliert werden: Jeder Zustand eines Systems ist zu jedem Zeitpunkt durch vorherige Systemzustände vollständig festgelegt. Der gegenwärtige Zustand Z1, der den nächsten Zustand Z2 festlegt, ist also selbst durch den vergangenen Zustand Z0 festgelegt (siehe hier: Problem der Letztbegründung). Diese Auffassung duldet keine Ausnahmen.

Sollte sich ein Ereignis finden, das nicht festgelegt ist, muss die Auffassung von einer deterministischen Entwicklung durch die des sog. Indeterminismus ersetzt werden, da nur der Indeterminismus Entwicklungen kennzeichnet, in denen nicht alle Ereignisse festgelegt sind. Daraus folgt: Der Indeterminismus kann mit einer "nur" nahezu vollständig festgelegten oder ziemlich stark bestimmten Entwicklung verbunden sein, der Determinismus kann dies nicht.

Mit der logischen Verknüpfung von Determinismus und Naturgesetz hat die Idee des Determinismus Einzug in die Wissenschaft gehalten (wissenschaftlicher Determinismus). Die Auffassung, dass der Determinismus die notwendige Folge der Gültigkeit mathematisch formulierbarer Naturgesetze ist, hatte sich zum ersten Mal im Anschluss an die von Isaac Newton gefundenen physikalischen Gesetze herausgebildet. Dieser physikalische Determinismus, der wir auch als den ersten naturgesetzliche Determinismus bezeichnen können, liegt in der mathematischen Struktur von Differentialgleichungen begründet, in der diese Gesetze formuliert werden. Differentialgleichungen symbolisieren eine Art deterministisches Ideal; mit mathematischer Strenge wird darin vollkommene Festlegung wissenschaftlich formuliert. Newtons Entdeckungen kamen einer Revolution der Naturbetrachtung gleich. Der außergewöhnliche Erfolg der Theorien und ihre technischen Konsequenzen bestärken die Aussicht, dass die gesamte physikalisch erfahrbare Wirklichkeit mit diesen Naturgesetzen vollständig beschrieben werden kann. Und wäre dies der Fall, das schien nur folgerichtig, ist diese Wirklichkeit vorherbestimmt.

Die Situation änderte sich mit der Entdeckung der Quantentheorie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Änderung hatte einen nicht minder revolutionären Charakter als die Entdeckungen Newtons einige hundert Jahre zuvor. Die Physiker begannen sogar den grundlegend anderen Charakter der neuen Theorie in der Sprache kenntlich zu machen, indem sie sämtliche physikalische Theorien wie die newtonsche Mechanik, Elektrodynamik, Thermodynamik, Optik, einschließlich der gerade erst gefundenen speziellen Relativitätstheorie gemeinsam unter dem Begriff "klassische Physik" zusammenfassten, um sie dadurch von der Quantenphysik zu unterscheiden. Diese Unterscheidung – Quantenphysik und klassische Physik – hat sich bis heute erhalten. Als Konsequenz der Quantentheorie wurde der physikalische Determinismus durch den physikalischen Indeterminismus abgelöst (siehe u.a. Heisenbergsche Unschärferelation, Kopenhagener Deutung der Quanten-mechanik). Heutige Physiker gehen nicht mehr davon aus, dass die gesamte Entwicklung aller Ereignisse im Universum bereits feststeht.

2. Die neuronale Determinierung

Einige Entwicklungen können aber sehr wohl feststehen - und zwar jene, für die die indeterministische Quantenphysik keine Rolle spielt. Laut einer landläufigen Auffassung sind Quantenphänomene nur bei kleinen und kalten Systemen relevant, und da das Gehirn groß und warm ist, vertreten die meisten Wissenschaftler einen sog. neuronalen Determinismus. Der neuronale Determinismus ist der Auffassung, dass alle mentalen Vorgänge durch neuronale Vorgänge festgelegt bzw. determiniert sind. Genauer: Alle mentale Zuständen – ob bewusst, vor- und unbewusst – sind vollständig und in allen Einzelheiten durch neuronale Prozesse festgelegt. Diese für unser Selbstverständnis als Menschen folgenschwere These ist seit dem ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert von etlichen Neurobiologen und Hirnforschern formuliert wurden, wenn auch nicht immer unter ausdrücklicher Verwendung des Namens "neuronaler Determinismus".

Von seinen Vertretern wird der neuronale Determinismus als unausweichliche Folge naturwissenschaftlicher Erkenntnisse angesehen, als logische Konsequenz neurobiologischer Theorien über Struktur und Funktion der Gehirne und Nervensysteme. Formulierungen wie „mentale Vorgänge beruhen auf neuronalen Prozessen“ oder „mentale Vorgänge gehen aus neuronalen Vorgängen hervor“ oder auch „Gehirnfunktionen liegen mentalen Vorgängen zugrunde“, präzisieren die angenommenen Verknüpfungsverhältnisse freilich noch nicht. Gleichwohl versuchen die Autoren darin schon mehr oder weniger direkt, die vom neuronalen Determinismus angenommene zeitliche und ursächliche Aufeinanderfolge der angenommenen Gehirn-Gehirn-Verbindung auszudrücken: Zuerst findet ein Gehirnvorgang statt, der und nur der einen vollständig festgelegten mentalen Zustand hervorruft. Diese Auffassung soll durch empirische Untersuchungen bestärkt werden.

Mithilfe eines Gedankenexperiments kann das Modell des neuronalen Determinismus veranschaulicht werden: Nehmen wir an, eine Person sitzt allein in einem Raum und spricht nicht. Während einer Minute wird mit den modernsten Apparaturen die Gehirnaktivität der Person gemessen und registriert. Was die Person in dieser Minute fühlt, erinnert, denkt, erlebt – alles, was ihr in dieser Zeit einfällt und durch den Kopf geht, nennen wir die Inhaltes ihres Bewusstseins oder auch mentale Zustände. Es gibt zwei grundlegende Zugänge zu mentalen Zuständen, erstens die subjektiv-qualitative Erlebnisperspektive und zweitens die objektiv-quantifizierbare Perspektive der Wissenschaften. Dem einmünitigen Strom des Bewusstseins steht damit ein einminütiger Strom registrierter Gehirnaktivitäten gegenüber. Jetzt zerschneiden wir gedanklich das einminütige bewusste Erleben in Zeitscheiben von jeweils einer Millisekunde Länge und erhalten dadurch sechzigtausend „mentale Zeitscheiben“: M1, M2, …, M60000. Innerhalb jeder Zeitscheibe sind nun die gesamten Inhalte des Bewusstseins dieser Person enthalten, die ihr in dieser Millisekunde „durch den Kopf gegangen“ sind.

Nun zerschneiden wir ebenfalls gedanklich die einmünitige registrierte Gehirnaktivität in Zeitscheiben von jeweils einer Millisekunde Länge, subtrahieren davon den Teil der registrierten neuronalen Aktivität, der zur Determinierung der mentalen Prozesse nicht erforderlich ist und erhalten sechzigtausend „neuronale Zeitscheiben“: N1, N2, …, N60000. Selbstverständlich ist die Millisekunde eine willkürlich festgelegte Zeitscheibenlänge und wir hätten auch eine andere wählen können. Die gewählte Zeitscheibenlänge orientiert sich an der Fähigkeit des Gehirns „über große Entfernungen hinweg Synchronizität zu erzeugen, die im Millisekundenbereich präzise ist.“[1]

Gemäß der Auffassung vom neuronalen Determinismus sind alle mentalen Vorgänge ihren neuronalen Vorgängen „nachgängig“[2], wie der Hirnforscher Wolf Singer betont. Das heißt: Zwischen dem Beginn eines neuronalen Vorgangs (N) und dem Beginn des durch (N) determinierten mentalen Vorgangs (M) vergeht Zeit, die Determinierungszeit (D). Nehmen wir an, die Zeitdauer beträgt für alle sechzigtausend neuromentalen Determinierungen eine Millisekunde. Dann gilt D1 = D2 = D… = D60000, die Determinierungszeit ist konstant. Auch diese Zeitdauer wurde willkürlich und, der Einfachheit halber, ebenso groß wie eine Zeitscheibenlänge gewählt. Eine kleine Schwierigkeit gilt es noch zu beheben. Die erste neuronale Zeitscheibe N1 und die erste mentale Zeitscheibe P1 beginnen gleichzeitig. Da Determinierung Zeit benötigt, kann P1 nicht durch N1 determiniert worden sein, sondern durch einen neuronalen Vorgang, sagen wir N0, dessen Beginn eine Millisekunde vor dem Beginn der ersten Registrierung liegt. Unsere erste neuronale Zeitscheibe N1 determiniert die zweite mentale Zeitscheibe M2. Analog dazu verhalten sich die anderen, „um eins verschobenen“ Determinierungen. N2 determiniert M3, N3 determiniert M4 usw.

Was aber geschieht innerhalb des Zeitraums D der Determinierung von M durch N? Auf diese Frage besitzen Neurowissenschaftler und Geistesphilosophen keine einheitliche Antwort! Deshalb kann dieser Aufsatz z.T. nur vage ausfallen und keine allgemeine Wertung an dem Neurodeterminismus vornehmen, schlichtweg deshalb, weil es "den Neurodeterminismus" gar nicht gibt. Von Seiten der Neurowissenschaftler heißt es z.B. einerseits, der gegenwärtige, neuronale Zustand lege den nächsten neuronalen Zustand fest (Wolf Singer[3]). Andererseits soll offenbar in dieser Zeit der „unvermeidliche Sprung“ (Gerhard Roth[4]) oder „Phasenübergang“ (Wolf Singer[5]) vom Neuronalen zum Mentalen erfolgen. Diese Formulierungen zeichnen zumindest unterschiedliche innere Bilder von der Determinierung des Mentalen durch das Neuronale. Wie komplex, dynamisch, nichtlinear und distributiv organisiert die neuronale „Phase“ auch immer sein mag, die Wortwahl legt zumindest nahe, dass dort, wohin gesprungen oder übergangen werden soll, auch etwas ist. Was aber sind mentale Zustände wie Willensentscheidungen und Farbempfinden ihrem Wesen nach? Und wie entstehen Farbempfindungen aus Materie (Qualiaproblem)? Diese Fragen müssen sich die Vertreter der Philosophie des Geistes stellen, eine Übersicht über die bisher gegeben Antworten findet sich hier.

In den Neurowissenschaften werden Hirnvorgänge, die mentalen Vorgänge zugrunde liegen, als raumzeitliche neuronale Aktivierungsmuster beschrieben. Diese elektromagnetischen Muster entstehen, indem Millionen von Nervenzellen, die in den verschiedenen Hirnregionen lokalisiert werden können, in einer spezifisch miteinander verknüpften und zeitlich aufeinander abgestimmten Weise elektromagnetische Aktivität zeigen. Dabei handelt es sich um ein komplex-organisiertes Neuronen-Miteinander, das zumindest im Prinzip „von außen“ dargestellt und aus der Dritte-Person-Perspektive objektiv erfasst werden kann. Wie das Gedankenexperiment deutlich macht, lässt sich – nach Auffassung des neuronalen Determinismus – jedem mentalen Vorgang ein solches neuronales Aktivierungsmuster zuordnen, das vor dem mentalen Vorgang stattfindet und diesen vollständig festlegt. Oder anders ausgedrückt: Liegt ein psychischer Vorgang vor, dann ist der ihn zuvor determinierende neuronale Prozess notwendig (Wahrscheinlichkeit p ist gleich 1) eingetreten.

Andersherum ist es nicht zwingend, dass wenn ein neuronaler Vorgang vorliegt, der durch ihn „eigentlich“ determinierte psychische Vorgang auch tatsächlich eintritt. Der neuropsychische „Sprung“, der „Phasenübergang vom Materiellen zum Geistigen“[6], könnte ja ausbleiben oder gestört sein.

Ein neuronaler Vorgang, der einen psychischen Vorgang zu „erzeugen“ vermag, determiniert somit zweierlei: seinen psychischen Vorgang und den nächsten neuronalen Vorgang! Hieraus ergibt sich die Schlussfolgerung vieler Neurodeterministen, unser gesamtes Gehirn-Geist-System und somit auch unsere Handlungen und Willensentscheidungen seien nicht intentional beeinflussbar (keine Alternativität) bzw. nicht-frei. Freilich könnten an der Festlegung des nächsten neuronalen Vorgangs auch andere neuronale Vorgänge beteiligt sein, als jener „Ausschnitt“ neuronaler Aktivität, der – gemäß dieser neurobiologischen Konzeption – den psychischen Vorgang zu „erzeugen“ vermag, doch bleibt der neuronale Determinismus davon unberührt. Auch hier legt der jetzige Zustand des Gehirns den nächsten Zustand des Gehirns vollständig fest. So lautet das neuronale Prinzip. Dazu bemerkt der Hirnforscher Wolf Singer: „Im Bezugssystem neurobiologischer Beschreibungen gibt es keinen Raum für objektive Freiheit, weil die je nächste Handlung, der je nächste Zustand des Gehirns immer determiniert wäre durch das je unmittelbar Vorausgegangene. Variationen wären allenfalls denkbar als Folge zufälliger Fluktuationen.“[7].

Wenn dies der Fall ist, dann wäre allerdings die Entwicklung von einem zum nächsten neuronalen Vorgang jedoch eben nicht mehr vollständig neuronal festgelegt und der Indeterminismus zumindest auf der neuronalen Ebene verwirklicht. Mit Willensfreiheit haben die von Wolf Singer vermuteten „Fluktuationen“ aber freilich genauso wenig zu tun wie der quantenmechanische Indeterminismus. Interessanterweise wären solche „Fluktuationen“ auch für den neuronalen Determinismus selbst irrelevant. Erstens handelt es sich bei diesen „Fluktuationen“ bloß um „Zufälle“ - und zweitens bleibt die Forderung, dass alle psychischen Vorgänge durch neuronale Vorgänge vollständig festgelegt werden, davon unberührt. Wenn sich ein neuronales Aktivierungsmuster durch „zufällige Fluktuationen“ ändert und damit nicht mehr durch den vergangenen Zustand des Gehirns determiniert ist, dann ist das Gehirn jetzt folgerichtig in einem anderen Zustand, als es ohne diese „zufällige Fluktuationen“ gewesen wäre. Auch ein von diesem neuronalen Prozess hervorgerufener psychischer Vorgang wird nun vermutlich ein anderer sein, als er ohne das zufällig veränderte neuronale Aktivierungsmuster gewesen wäre; aber noch immer ist der psychische Vorgang durch einen, durch seinen Hirnvorgang determiniert.

Der neuronale Determinismus wurde bisher nur mit Blick auf mentale Zustände charakterisiert. Aber der neuronale Determinismus behauptet mehr. Er behauptet nicht nur, dass die mentalen, sondern das alle Vorgänge oder Zustände, die durch neuronale (oder in Folge durch mentale) Vorgänge angestoßen, initiiert oder ausgelöst werden, vollständig durch diese neuronalen Prozesse festgelegt sind, also bspw. auch die über Nervenzell-Muskelbeziehungen gesteuerten motorischen Bewegungen und die dem vegetativen Nervensystem obliegenden autonomen Prozesse wie beispielsweise die Drüsensekretion. Die Letzteren – motorische und autonome Prozesse – sind ja schließlich, die den „von außen“ beobachtbaren und messbaren Teil des Verhaltens oder einer Handlung überhaupt ausmachen. Damit stellt der Neurodeterminismus neben der Willensfreiheit explizit auch die Handlungsfreiheit infrage.

Werden die beobachtbaren oder messbaren somatischen Vorgänge mit den Erlebnisberichten einer Person verknüpft, dann werden sie beispielsweise von Eric Kandel als „komplexe kognitive Handlungen“ oder von Wolf Singer als „Verhaltensleistungen“ charakterisiert: „Darunter fallen Wahrnehmen, Vorstellen, Erinnern und Vergessen, Bewerten, Planen und Entscheiden, und schließlich die Fähigkeit, Emotionen zu haben.“[8] Die Unzulänglichkeit der Inneneperspektive einer anderen Person wird durch die sprachliche Verknüpfung von „kognitiv“ und „Handlung“ oder von „Verhalten“ und „Leistung“ natürlich nicht aufgehoben. Psychische Vorgänge – eine Grünempfindung oder das introspektive Haben einer Vorstellung oder eines Gedankens – sind für eine andere Person oder ein Messgerät, also aus einer Dritte-Person-Perspektive nach wie vor nicht zugänglich. Sie können nur indirekt ermittelt oder erschlossen werden, wenn eine Person über ihre Erlebniszustände berichtet oder ihre körperlichen Vorgänge über diese Zustände etwas mitteilen. Das ist und bleibt natürlich etwas ganz anderes als die unmittelbare Teilnahme oder introperspektive Teilhabe an oder gar inmitten der Innenperspektive des Bewusstseins einer anderen Person (siehe auch: Das Argument des unvollständigen Wissens). Kurzum: Ein subjektiver Erlebniszustand kann – nach den bisher in der Neurobiologie verwendeten klassisch-physikalischen Grundlagen – immer nur in seiner Verknüpfung mit motorischen oder durch das autonome Nervensystem vermittelten viszeralen oder vegetativen Vorgängen erfahrbar werden.

Gerade das Wort „in“ im letzten Satz markiert die Schwierigkeit bei der Erklärung eines „umgekehrten Phasenübergangs“ von der Psyche zum Körper und der Beantwortung sich daran anknüpfenden Fragen: Wie ist der Geist im gesprochenen Wort, wie die Psyche in der Bewegung? Das Treffen einer Entscheidung beispielsweise kann, was sich auch immer im Bewusstsein einer Person „rein psychisch“ abgespielt haben mag, erst in einer motorischen Bewegung oder einer durch das autonome Nervensystem bewirkten physischen Veränderung auch von außen messbar werden, also in einer Verknüpfung mit dem Körper. So werden letztlich nur Aspekte der körperlichen Gebundenheit erfasst: motorische Bewegungsabläufe, Verhalten, Handlungen. Die Psyche des Menschen umfasst freilich mehr. – Ein Schüler macht sich Gedanken (psychischer Vorgang) über die Aufgabe und notiert die Lösung (Verhalten). Ein Kind schämt sich (psychischer Vorgang) und sein Gesicht wird rot (Verhalten). Des Weiteren stellt sich die Frage, inwieweit die oben implizit getroffenen Annahmen zutreffend sind. Wirkt sich eine neurodeterminierte Entscheidung tatsächlich kausal auf die Welt aus, oder handelt es sich bei ihr um ein Epiphänomen?

3. Die verschiedenen Modelle

Neben dem „reinen“ neuronalen Determinismus lassen einige neurobiologische Konzepte noch andere, freilich ebenfalls deterministische Auffassungen erkennen. Davon sind einige explizit und noch einmal direkter mit der Diskussion über den freien Willen verknüpft, wie etwa der von Gerhard Roth und Michael Pauen beschriebene Motivdeterminismus.[9] Die Unterschiede sind gering, die Konsequenzen – das Verhalten des Menschen ist vollständig festgelegt – gemeinhin identisch. Sie äußern sich in den unterschiedlichen Akzenten innerhalb der Argumentation, mit deren Hilfe der Determinismus begründet wird; sodass sie eher als Schattierungen, Varianten oder Lesarten des neuronalen Determinismus erscheinen. Während der „reine“ neuronale Determinismus konsequent den Determinismus aller psychischen Vorgänge bzw. mentalen Zustände behauptet, also aller „Erste-Person-Erlebnisse“ in einem subjektiven „Innenraum“, die nicht gemessen und damit nicht „von außen“ erfahren werden können, wird in anderen „Varianten“ eher die vollständige Festgelegtheit des menschlichen Verhaltens betont oder die Argumentation wird vornehmlich auf die Unterscheidung von bewussten und unbewussten Prozessen eingegrenzt.

Zuletzt stimmen alle Auffassungen in dem überein, was die Formulierungen „Verschaltungen legen uns fest“[10] von Wolf Singer oder „Wir sind determiniert“[11] von Gerhard Roth als konsequente Kurzformeln zum Ausdruck bringen. Dadurch scheint der Verzicht auf eine fortlaufende Unterscheidung verschiedener deterministischer Varianten hinreichend begründet. Wir werden uns in den folgenden Abschnitten auch allein auf den „reinen“ Determinismus beschränken, werfen aber zuvor noch einen Blick auf einige Unterschiede in der Argumentation.

Bei einigen Neurobiologen und Hirnforschern tritt innerhalb der Argumentation die Unterscheidung von Bewusstseinsstufen, insbesondere von unbewussten und bewussten psychischen Vorgängen, in den Vordergrund. Zur Begründung des neuronalen Determinismus ist dies nicht erforderlich. Wird davon ausgegangen, dass jeder psychische Vorgang durch vorangehende neuronale Prozesse determiniert ist, dann gilt dies für alle Bewusstseinsgrade, für unbewusste, vorbewusste und bewusst erlebte psychische Vorgänge. Bewusste und unbewusste psychische Vorgänge unterscheiden sich zweifellos, doch nicht im Grad ihrer Festgelegtheit. "Je bewusster, desto weniger festgelegt" gilt für den neuronalen Determinismus gerade nicht. Bewusste Vorgänge könnten - was realiter niemals der Fall ist - zu einhundert Prozent den Entscheidungs-vorgang bestimmen, doch werden - nach Auffassung des neuronalen Determinismus - auch diese einhundert bewussten Entscheidungsprozente vollständig und in allen Einzelheiten durch vorangehende neuronale Prozesse festgelegt. Es heißt ja gerade, dass alle mentale Zustände durch neuronale Zustände festgelegt seien, unabhängig von ihrem jeweiligem Bewusstseinsgrad.

Damit entgeht der neuronale Determinismus dem Einwand, dass bewusste Gedanken des Bewusstseins womöglich den Determinismus des menschlichen Verhaltens irgendwie einschränken oder gar aufheben könnten. Dieser "reine" neuronale Determinismus stützt sich auch nicht auf die Expermente Benjamin Libets oder anderer Forscher zur sogenannten Willensfreiheit (siehe u.a.: Libet-Experiment). Wann auch immer und ob überhaupt ein Inhalt ins Bewusstsein tritt; er ist, gemäß dieser Auffassung, immer und ausschließlich ein durch neuronale Prozesse vollständig festgelegtes Resultat.

Der Hirnforscher Gerhard Roth stützt seine Argumentation auf die Unterscheidung von unbewussten - im Limbischen System verankerten - und von bewussten - unter maßgeblicher Beteiligung der Hirnrinde "erzeugten" - psychischen Vorgänge.[12] Die Begründung: Am Anfang und am Ende eines jeden Entscheidungsprozesses sind ausschließlich unbewusst wirksame neuronale Prozesse des Limbischen Systems ausschlaggebend und nur sie legen letztlich fest, welche Handlung tatsächlich ausgeführt und unterlassen wird. Kurzum: Das "erste und das letzte" Wort hat das Limbische System!

Nehmen wir an, die Entscheidung "Vanille- oder Erdbeereis" ist das Ergebnis eines langen Erwägungs- und Überlegungsvorgangs, der mit dem Appetit, dem Verlangen, dem Wunsch, der uns zum Eismann führt, beginnt und mit der entsprechenden Eiswaffel in der Hand endet. Ein Vorgang hat, als zeitliches Geschehen, einen Anfang und ein Ende. Das "Erste Wort" hat das Limbische System. Wenn nun auf dem Wege der Entscheidung auch bewusste Abwägungen oder Auswahlüberlegungen eine Rolle spielen sollten, geschehen diese lediglich in der Zwischenzeit, bevor das unbewusst wirksame Limbische System die Letztentscheidung trifft. Jeder bewusst erlebte Erdbeerwunschgedanke kann zugunsten einer unbewussten, durch das Limbische System getroffenen Vanilleentscheidung umgeworfen werden, und zwar ohne dass uns die Vorgänge, die diesen Entscheidungswechsel tatsächlich herbeiführen, in irgendeiner Form bewusst oder einsichtig werden. Dabei kann die "Erstes-und-Letztes-Wort-Argumentation" durchaus den Eindruck erwecken, dass eine Einschränkung des Determinismus durch bewusste psychische Vorgänge für möglich gehalten werde, wenn nur die bewussten Anteile an Entscheidungsprozessen spät genug auftauchten, wenn auch sie einmal "das letzte Wort" haben könnten. Doch sei eben dies niemals der Fall. Noch einmal: Dieses Argument ist überflüssig, um den "reinen" neuronalen Determinismus zu begründen, da nach dieser Ansicht auch jedes bewusste Erleben, jeder im und mit Bewusstsein stattfindende Prozess ein psychischer Vorgang ist, der vollständig durch neuronale Prozesse determiniert ist.

4. Weitreichende Konsequenzen

Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem neuronalen Determinismus? Was folgt daraus für unser Denken, unser Handeln, unser Selbstverständnis? Zunächst betrifft der neuronale Determinismus alle Lebewesen mit Neuronen und damit auch den Menschen und die Gesamtheit seiner Interaktionen. Wenn der neuronale Determinismus wahr ist, dann sind alle psychischen Vorgänge und Handlungen des Menschen durch neuronale Prozesse vollständig festgelegt. Wenn aber alle psychischen Vorgänge und Handlungen des Menschen durch neuronale Prozesse determiniert sind, dann sind damit weitreichende Konsequenzen verknüpft, die nun aufgezählt und anschließend an einigen Beispielen illustriert werden sollen.

Wenn der neuronale Determinismus wahr ist, dann ist es nicht meine willentliche Entscheidung zu einer bestimmten Handlung, die mich etwa meine Hand anheben lässt. Vielmehr sind es feuernde Neuronen in meinem präfrontalen Kortex, die Signale an die prämotorische Rinde weitergeben und meine Armmuskulatur kontrahieren lassen. Je nach Handlung sind auch andere Gehirnregionen beteiligt. Beim Sprechen beispielsweise steuert das Borca-Areal, das sich bei den meisten Rechtshändern in der linken Gehirnhälfte befindet, die Sprachbewegungen. Die supplementär-motorische Rinde regelt die Abfolge und Programmierung geplanter Handlungen, und der und der anteriore cinguläre Kortex ist für Emotionen und Schmerzen sowie für Handlungen zuständig. Hirnscans weisen schließlich darauf hin, dass eine Region mit dem Namen dorsolateral-präfrontaler Kortex mit der subjektiven Erfahrung einer Entscheidung über das Wann und Wie einer Handlung im Zusammenhang steht.

In keinem dieser Fälle gebrauchen die Neurowissenschaften kausal wirksame Willensentscheidungen für die Erklärung einer unserer Handlungen. Deshalb, und weil die Annahme einer multiplen Verursachung höchst unwahrscheinlich ist, gilt der Neurodeterminismus vielen Neurowissenschaftlern als empirisch plausibel.

Wenn der Neurodeterminismus wahr ist, dann stehen auch bereits alle unsere gegenwärtigen und zukünftigen Argumentationslinien, Abwägungsunternehmungen und Begründungsversuche für oder gegen den neuronalen Determinismus schon längst fest. Dann sind Sie durch neuronale Prozesse auf ihre Meinung festgelegt und nicht etwa durch die logische Kraft oder empirische Plausibilität ihrer Argumente und Erklärungen.

Sollte dies hier jemand lesen oder nicht lesen, einleuchtend oder unsinnig finden - alle diese Überlegungen und Entschlüsse und damit verbundenen Stimmungen und Gefühle sind die Folge determinierter Gehirnvorgänge. Als Neurowissenschaftler ihren Aufsätzen folgende Überschriften gaben: "Wir sind determiniert" und "Verschaltungen legen uns fest", war dies die Folge von vollständig festgelegten Gehirnprozessen. Erkenntnisse, Einfälle oder Intuitionen sind ebenso wie jede Suche nach schlüssigen oder fehlerhaften Argumenten psychische Vorgänge und damit neuronal determiniert. Und nicht nur das. Welchen Stift die Autoren wählten, an welchem Computer sie schrieben oder ob sie dabei ein blaues Hemd oder einen Pullover trugen, alles das war neuronal festgelegt. Auch als ihre akademischen Widersacher einen Stift in die Hand nahmen, um ihre Einwände zu Papier zu bringen, war dies nicht die Folge ihrer argumentativen Über- oder Unterlegenheit, sondern die Folge determinierter neuronaler Prozesse.

Im neuronalen Determinismus sind unangenehme Empfindungen ebenso determiniert wie angenehme. Alle je hervorgebrachten Gedanken, Gefühle und Vorstellungen sowie alle logischen Folgerungen, Widerlegungen, Begründungen, Verteidigungen, Überzeugungen, Abwägungen, kurzum alle Gemütsbewegungen und überhaupt: alle mentale Zustände sind neuronal determiniert. Auch die "Entdeckung" des neuronalen Determinismus selbst und der Gedanke, dass vielleicht ein Neurobiologe bessere Argumente als ein anderer habe, alles das sind ebenso determinierte Prozesse wie sämtliche möglicherweise gegenteiligen Empfindungen oder Gedanken, denn, so Wolf Singer: "Und wie jemand rational abwägt, ist seinerseits wieder neuronal determiniert."[13] Neurobiologen, Hirnforscher und Philosophen, die für die Auffassung plädieren, dass Straftäter gar nicht anders hätten handeln können und dies mit Argumenten zu verteidigen suchen, taten dies, weil auch sie in diesem Moment zum Plädieren und Aussprechen dieser als Argumentation bezeichneten Wortfolge neuronal determiniert waren.

Die Vorstellung, dass "Erkenntnis" eben einer von vielen Begriffen innerhalb umfangreicher Beschreibungssysteme sei, mit denen Gesellschaften wie die unsere solche und andere Vorgänge benennen, ist ein neuronal determinierter Vorgang. Der Glaube, dass dies dennoch ein Argument oder Erkenntnis sei, ist neuronal determiniert. Jedenfalls überzeugen uns Argumente nicht in einer Weise, dass dem Überzeugungsprozess ein intrapsychischer nichtneuronaler Mechanismus innewohnt. Wenn wir zustimmen oder ablehnen, dann deshalb, weil neuronale Prozesse uns in dieser Weise und zu diesem Zeitpunkt so determiniert haben. Die neurobiologische Verteidigungsstrategie ist ebenso determiniert wie der Verweis auf die Plastizität des Gehirns oder die evolutionäre Anpassung unseres Erkenntnisapparates auf die Realität (Evolutionäre Erkenntnistheorie).

Als ein Neurobiologe den Unmut seiner Zuhörer mit Argumenten zu verringern hoffte, war das neuronal determiniert; auch als er verlauten ließ, dass wir nicht pessimistisch sein müssten, denn wir wüssten ja heute, dass Psychotherapie auch bei Straftätern helfen könne. Was dabei hinzugefügt werden muss - auch die Hinzufügung ist wie der Pessimismus die Folge eines neuronal determinierten Prozesses - hier wird nicht aus Gründen der Einsicht in neurobiologische Zusammenhänge eine Therapie verordnet, sondern weil ein neuronal determinierter Arzt zu einem Stift greift und infolge neuronal determinierten Prozesse ein Rezept ausfertigt, das zu einem ebenso neuronal determinierten Psychotherapeuten gelangt. Dieser therapiert wiederum nicht aufgrund seiner psychotherapeutischen Kenntnisse, Einsichten und Überlegungen, sondern weil er neuronal determiniert ist, dies zu tun oder etwas anderes. Der Psychotherapeut ist in seinem Verhalten nicht weniger festgelegt als der Straftäter. Und wenn er die Therapie nicht durchführt, dann deshalb, weil er anders determiniert war. Wolf Singer schreibt: "Jemand hat so entschieden, weil er mit einem Gehirn ausgestattet ist, das in diesem Moment so entscheiden konnte und nicht anders."[14]

Was aber folgt aus dem neuronalen Determinismus nicht? Wenn die Vorstellung des neuronalen Determinismus sich zu einer ähnlich starken Überzeugung entwickeln sollte, wie beispielsweise die Überzeugung, dass auch am morgigen Tag an irgendeinem Ort der Erde die Sonne scheinen wird, dann ist damit nicht notwendig verbunden, dass alle Menschen in eine resignative Verantwortungslosigkeit verfallen müssten und keine Anstrengungen und Reglementierungen mehr für sich und andere auf sich nehmen würden. Der Mensch wäre zwar von seiner Determiniertheit innerlich durchdrungen, aber kein Mensch "wüsste" wie, sondern nur dass er determiniert ist. Nicht zu vergessen: Resignative Überzeugungen, verantwortungslose Stimmungen, Einsichten, Hoffnungen, Befürchtungen und auch das Gegenteil - alles das sind psychische Vorgänge und also neuronal determiniert.

Der neuronale Determinismus behauptet zwar die vollständige Festgelegtheit des menschlichen Handelns, nicht aber die vollständige Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit dieser Festgelegenheit. Außerdem wären alle Handlungen - auch Berechnungen und Vorhersagen sind Handlungen - die zu einer resignativen Verantwortungslosigkeit gehören, lediglich die Folge neuronal determinierter Prozesse. Es macht also gar keinen Sinn, sich darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn der Neurodeterminismus zutreffen würde. Denn dann würde alles – diese Erkenntnis und all unsere Geistesprozesse davor und danach – bereits unumstößlich feststehen. In Erinnerung an Theodor Fontane und seinen literarischen Helden, Dubslav von Stechlin, können wir sagen, dass der neuronale Determinismus der folgenden Auffassung genügt: "Wenn ich das Gegenteil gesagt, getan, gefühlt oder gedacht hätte, wäre es ebenso determiniert gewesen."[15]

5. Offenheit, Neuheit und Kreativität

Entgegen den oben gemachten Überlegungen zeigt sich in einigen Texten der neuen neurowissenschaftlichen Literatur eine Tendenz zur Harmonisierung von Widersprüchen. Einerseits werden die Konsequenzen des neuronalen Determinismus betont, zum Beispiel und insbesondere die vollständige Festgelegtheit aller menschlichen Entscheidungen und das eben niemand hätte anders handeln können, als er es getan hat.[16] Andererseits wird derselbe Determinismus mit der Möglichkeit einer offenen Zukunft, objektiver oder echter Neuheit und Kreativität zu harmonisieren versucht.[17] So schreibt zum Beispiel Wolf Singer: "[...] unsere Gehirne funktionieren nach deterministischen Naturgesetzen. Aber auch deterministische Systeme sind offen und kreativ, können Neues in die Welt bringen."[Ebd.] Dass darin Widersprüche enthalten sein müssen, liegt auf der Hand. Eine Entwicklung als offen zu charakterisieren bedeutet immer, dass es sich um eine nicht festgelegte, also um eine indeterministische Entwicklung handeln muss. Eine deterministische Entwicklung kann unbekannt sein, doch niemals offen. Alles ist ja festgelegt, gleichgültig, ob wir von dieser Festgelegtheit Kenntnis haben, sie prinzipiell prognostizieren können oder nicht. Sie ist - und damit alle Zustände oder Vorgänge oder Ereignisse, die zu dieser deterministischen Entwicklung gehören - von Beginn an vollständig festgelegt; also gerade nicht offen, sondern geschlossen.

Schwieriger ist die unterscheidende Zuordnung, wenn über die Möglichkeit von Neuheit von Ereignissen geurteilt wird, da Neuheit, anders als Offenheit, letztlich allein subjektiv aufgefasst werden kann. Das subjektiv Neue bezieht sich auf die Person, die ein Ereignis zur Kenntnis nimmt. Etwas ist erstmalig und neu für die Person, unabhängig davon, ob die untersuchte Entwicklung im Augenblick der Kenntnisnahme eine deterministische ist oder nicht. Soll von einer objektiven Auffassung des Neuen die Rede sein, muss dieses Neue - unabhängig von einer möglichen Kenntnisnahme - sich auf die Entwicklung selbst beziehen und erhielte damit die gleiche Bedeutung wie die oben erwähnte Offenheit. Das objektiv Neue ist das noch nicht Festgelegte, gleichgültig ob irgendein Lebewesen davon Kenntnis nimmt oder nicht. "An-Sich-Neues" oder objektive Neuheit kann daher ebenso wie Offenheit ausschließlich bei indeterministischen Entwicklungen auftreten. Mit einer deterministischen Entwicklung sind beide unvereinbar. In einem vollständig determinierten Universum kann der morgige Tag nichts Neues bringen, da alle in ihm enthaltenen Ereignisse schon seit dem Urknall feststehen.

Auch echte Kreativität kann es in einem deterministischen Prozess nicht geben, insofern echte Kreativität Offenheit und Neuheit voraussetzt. Wenn das Ergebnis eines Prozesses nicht offen ist, sondern von Anfang an feststeht, dann war der Prozess nicht kreativ. Das gleiche gilt für Neuheit: Wenn bei einem Prozess nichts Neues entsteht, sondern nur das, was sowieso schon im Anfangszustand des Prozesses festgeschrieben war, auch dann war dieser nicht kreativ.

6. kurze Kritik

Zum Schluss soll noch ein Einwand gegen den neuronalen Determinismus angeführt werden, der sich aus der bisherigen Analyse ergibt. Dem neuronalen Determinismus liegen die Annahmen zugrunde, dass (a) mentale Zustände durch materielle Zustände realisiert werden (Naturalismus) und dass (b) es sich bei diesen materiellen Zuständen im Spezifischen um neuronale Zustände handelt. Ein mentaler Zustand wird also durch ein Zusammenspiel einzelner Neuronen realisiert.

Nun zählen mentale Zustände und das menschliche Gehirn zu den komplexesten Erzeugnissen der bisherigen Evolution. Warum also sollte die Natur gerade beim Gehirn – bildlich gesprochen – „auf ihr eigenes Fundament verzichtet haben“, nämlich auf die grundlegendste und genaueste Theorie die der Mensch bisher gefunden und als Quantentheorie bezeichnet hat? Das Gehirn ist gefühlt das einzige Objekt im Universum, das Wissenschaftler nicht unter anderem auch quantentheoretisch zu erklären versuchen. Dies rechtfertigen sie vor allem damit, dass die Quantentheorie eine „Theorie des Kleinen und Kalten“ und das Gehirn zu groß und warm sei. Mehr dazu später.

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich eine durchaus bizarre Situation. Der neuronale Determinismus kann ja nur dort ernsthaft Geltung beanspruchen, wo Nervenzellen und neuronale Prozesse zu finden sind. Nun gelten die Quantentheorie und der mit ihr verbundene physikalische Indeterminismus universal und neuronale Prozesse finden selbstverständlich in diesem Universum statt, sodass hier Konflikte unvermeidlich sind. Wir gelangen zu der eigenartigen Feststellung, dass der neuronale Determinismus sich offenbar vereinbar sieht mit einem physikalischen Indeterminismus, der überall gelten mag, nur eben nicht dort, wo neuronale und mentale Zustände vorliegen.

Wie muss das wiederum – aus Sicht der den neuronalen Determinismus vertretenden Wissenschaftler – mit Blick auf die evolutionäre Entwicklung interpretiert werden? Die physikalische erfahrbare Wirklichkeit mag indeterministisch sein, doch mit dem Auftreten neuronaler und mentaler Strukturen treten in diesem sich entwickelnden Kosmos zunehmend deterministische, „quantentheoriefreie“ Inseln auf, in denen der neuronale Determinismus besonders im Menschen seine volle Gültigkeit erlangt. Diese zwingende Konsequenz – die Konsequenz des neuronalen Determinismus – ist im hohen Maße kontraintuitiv, bedeutete sie doch: Je komplexer, lebendiger, gefühlt freier, „neuronaler und mentaler“ die Wirklichkeit ist, desto festgelegter - und je einfacher, lebloser, gefühlt determinierter „nichtneuronaler und nichtpsychischer“, desto offener kann diese Welt sein.

Dieses Denkschema ist offenkundig naturwissenschaftlich ungenügend, aber als Konsequenz der Auffassung des neuronalen Determinismus unausweichlich, notwendig, zwingend. Es akzeptiert den physikalischen Indeterminismus für alle Vorgänge im Kosmos mit Ausnahme der neuronalen und mentalen. Die Quantentheorie führt sogar dazu, dass die fatalistische Konsequenz „Alle Ereignisse sind vorherbestimmt“, die aus der universellen Gültigkeit eines physikalischen Determinismus folgen würde, aus dem neuronalen Determinismus inmitten einer indeterministischen „Umgebung“ nicht folgen muss. Der physikalische Determinismus hätte die notwendige Konsequenz, dass die gesamte kosmische Wirklichkeit, und nicht nur die neuronale und mentale, vollständig festgelegt ist. Alles wäre dann im Wollknäuel der Zeit bereits von Beginn an enthalten, nur in dem jeweils von uns Gegenwart genannten Augenblick „zeigt“ sich die entsprechende Spitze des abgewickelten Woll- bzw. Zeitfädchens.

Vor diesem „Albtraum“, wie Karl Popper den physikalischen Determinismus bezeichnet hat, wird der neuronale Determinismus merkwürdigerweise durch die Quantentheorie „bewahrt“. Die Quantentheorie sorgt sozusagen dafür, dass selbst dann, wenn der neuronale Determinismus wahr wäre, die indeterministische Entwicklungen außerhalb aller Neuronen und Psyche „tragenden“ Lebewesen den Albtraum verhindern oder doch lindern könnten. Freilich wären nicht festgelegte, indeterministische Entwicklungen ausschließlich im nichtneuronalen und nichtmentalen „Dazwischen“ möglich.

Unsere letzte Frage soll sein: Gilt die indeterministische Quantentheorie vielleicht auch im Neuronalen und widerlegt damit den neuronalen Determinismus? In ihrer einfachsten Vereinfachung wird die Quantentheorie als eine Theorie fürs "Kleine und Kalte" missverstanden, die für neurobiologische Fragestellungen an ein "großes und warmes Gehirn" nicht von Bedeutung sein kann. Thomas Metzinger, Philosoph an der Mainzer Universität, gibt sich als Vertreter dieser Auffassung zu erkennen, wobei er seinen Ausführungen ein Bekenntnis zum naturgesetzlichen Determinismus voranstellt: "Der jetzige Zustand des Universums wird immer durch den vorhergehenden Zustand komplett festgelegt [...] Das Gehirn ist ein Gegenstand mittlerer Größenordnung, bei dem eine Temperatur von siebenunddreißig Grad herrscht. Das heißt: Quanteneffekte können für die Ereignisse, die für unsere geistige Informationsverarbeitung verantwortlich sind, keine Rolle spielen. Die Quantenebene ist für das Problem nicht relevant."[18]

Thomas Metzinger sitzt hier einer veralteten Vorstellung über den Geltungsbereich der Quantentheorie auf. Im 21. Jahrhundert werden in der Tag Experimente mit Quanteninformation bei Lufttemperatur durchgeführt, deren experimentelle Herstellung zu Quantenobjekten führt, die eine Ausdehnung von über einhundert Kilometer besitzen.[19] Schon allein dieser Umstand bringt den Standpunkt des neuronalen Determinismus ins Wanken. Der Sehvorgang des Auges wird heute bereits mit quantentheoretischer Genauigkeit untersucht. Dabei treffen einzelne Photonen bei Körpertemperatur auf die relativ große Netzhaut. Überdies ist die Netzhaut ihrer embryologischen Herkunft nach aus dem sogenannten Neuroektroderm hervorgegangen und "somit ein in die Peripherie verlagerter Hirnanteil".[20] Vieles deutet darauf hin, dass Quantenphänomene auch bei Gehirnprozessen eine relevante Rolle spielen. Dies würde nicht nur die philosophischen Debatten um die Willensfreiheit bzw. den Neurodeterminismus berühren, sondern auch jene um das Bewusstsein (Leib-Seele-Problem). Vielleicht bräuchten wir dann eine quantenbasierte Bewusstseinstheorie, wie sie in Ansätzen bereits von dem Ehepaar Brigitte und Thomas Görnitz beschrieben wurde.

Wenn wir aber ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass all das, was wir in diesem Aufsatz gelesen haben, wahr oder falsch sein könnte. Wir wissen derzeit einfach viel zu wenig über das Organ Gehirn, um dies beurteilen zu können. Vielleicht ist es determiniert, vielleicht indeterministisch. Eines nur scheint es – nach allem, was wir derzeit wissen - nicht zu sein: Der Heimatort eines phänomenalen Selbst, das über Alternativität, Urheberschaft und Autonomie – sprich über einen freien Willen verfügt.

Gibt es noch einen letzten Strohhalm, an den sich Verfechter menschlicher Willensfreiheit klammern könnten? Ja, aber er ist klein und brüchig. Anstatt vom Neuron aus eine Beschreibungsebene „tiefer“ in die Welt der Quanten zu gehen, können wir auch ein Stück herauszoomen und das Gehirn als Gesamtsystem betrachten, das mentale Zustände erzeugt. Die sogenannte Emergenztheorie vermutet, dass einige Systeme irreduzible Eigenschaften besitzen, die den einzelnen Systemkomponenten noch nicht zukommen. Dünenlandschaften sind ein typisches Beispiel für emergente Phänomene. Die Wüste wird hier als System betrachtet, das Dünenlandschaften hervorbringt und aus Sandkörnern besteht, wobei einzelne Sandkörner freilich noch keine Dünenlandschaften hervorbringen. Das Phänomen „Dünenlandschaften“ ist also emergent, es lässt sich nicht auf einzelne Sandkörner reduzieren, sondern entsteht erst im Zusammenspiel dieser Systemkomponenten untereinander. Ähnlich könnte, so vermuten einige Wissenschaftler, auch das Gehirn Eigenschaften (Qualia, Intentionalität, freier Wille) besitzen, die wir bei unserer technisch-beschränkten Beobachtung und reduktionistischen Erklärung des Gehirns derzeit noch übersehen. Und ja, das könnte es. Derzeit ist "Emergenz " im Zusammenhang mit dem Gehirn aber nur ein populäres Schlagwort, ein aufregendes Gedankenspiel, das unseren Intuitionen folgt, mehr aber nicht. Es fehlen Modelle, die plausibel darlegen könnten, wie beim Zusammenspiel von einer Milliarde Nervenzellen Eigenschaften wie Bewusstsein oder Willensfreiheit „emergieren“ sollen.

7. Einzelnachweise

[1] Vgl. Singer W. Der Beobachter im Gehirn. Frankfurt: Suhrkamp; 2002: 165.

 

[2] Vgl. Singer W. „Wir brauchen Übersetzer“. Ein Gespräch. In: Hüttemann A (Hg.). Zur Deutungsmacht der Biowissenschaften. Paderborn: Mentis; 2008: 23.]

 

[3] Vgl. Singer W. Der Beobachter im Gehirn. 2002: 75.

 

[4] Vgl. Roth G. Worüber Hirnforscher regen – und in welcher Weise? In: Geyer C (Hg.) Hirnforschung und Willensfreiheit. Frankfurt: Suhrkamp; 2004: 78.

 

[5] Vgl. Singer W. Der Beobachter im Gehirn. 2002: 179.

 

[6] Vgl. Singer W. Der Beobachter im Gehirn. 2002: 179.

 

[7] Singer W. Der Beobachter im Gehirn. 2002, S.75.

 

[8] Vgl. Singer W. Verschaltungen legen uns fest. 2004: 35.

 

[9] Vgl. Roth G. Aus Sicht des Gehirns. Frankfurt: Suhrkamp; 2009: 198-201.

 

[10] Vgl. Singer W. Verschaltungen legen uns fest. 2004: 30.

 

[11] Vgl. Roth G. Wir sind determiniert. Die Hirnforschung befreit von Illusionen. In Geyer C (Hg.). Hirnforschung und Willensfreiheit. Frankfurt: Suhrkamp; 2004: 218.

 

[12] Vgl. Roth G. Das Problem der Willensfreiheit aus Sicht der Hirnforschung. In: Information Philosophie. 2004: 83-92.

 

[13] Vgl. Singer W. Wer deutet das Denken? Streitgespräch zwischen Wolfgang Prinz und Wolf Singer über Neurowissenschaften und den freien Willen. Die Zeit. Heft 29; 2005.

 

[14] Vgl. Singer W. Wer deutet das Denken? Die Zeit. Heft 29; 2005.

 

[15] Vgl. Fontane T. Der Stechlin. In: Fontanes Werke in fünf Bänden. Fünfter Band. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag; 1991: 28.

 

[16] Vgl. Singer W. Wer deutet das Denken? Die Zeit. Heft 29; 2005.

 

[17] Vgl. Singer W. Neurobiologische Anmerkungen zur Willensfreiheit. In: Bonhoeffer T, Gruss P (Hg.). Zukunft Gehirn. München: C.H.Beck; 2011: 260-261. UND Singer W. Der freie Wille ist nur ein gutes Gefühl. Interview mit Markus C. Schulte von Drach. Süddeutsche Zeitung vom 25.01.2006.

 

[18] Vgl. Metzinger T. Philosophie des Bewusstseins. Gibt es einen freien Willen? Gefilmtes Interview mit Thomas Metzinger von Dierk Heimann. In: Gut geforscht. Wissenschaft vor Ort, Produktion der Gutenberg.tv; 2010.

 

[19] Vgl. Ursin R, Tiefenbacher F, Schmitt-Manderbach T, Weier H et al. Entanglement-based quantum communication over 144 km. Nature Physics 3; 2007: 481-486.

 

[20] Vgl. Ulfig N. Kurzlehrbuch Embryologie. Stuttgart: Thieme; 2009: 147.

Das Bildrecht liegt bei: Ben Brahim Mohammed (Creative Commons)

Stand: 2017

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 07 September 2017 11:59)

    https://www.youtube.com/watch?v=mwZPZ6SWfDc&list=UUhpvPIndYSuv_uf1KC4Prwg+Wir+tun+nicht+was+wir+wollen+wir+wollen+was+wir+tun


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