„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der Unterschied zwischen Ethik und Moral

Die Begriffe "Moral" und "Ethik" bezeichneten lange Zeit über etwas Vergleichbares. Das griechische ēthos und das lateinische mos waren sich in ihrer Bedeutung so ähnlich, dass u.a. Cicero sogar ēthos mit mos ins Lateinische übersetzt hatte. Auch in der heutigen Alltagssprache gebrauchen wir Moral und Ethik weitestgehend synonym. 

Dahingegen herrscht in der gegenwärtigen, (praktischen) Philosophie aber eine hohe, terminologische Trennschärfe zwischen diesen beiden Wörtern:

Moralen bezeichnen in der Gegenwartsphilosophie Normensysteme,
die für menschliches Verhalten gelten und mit
dem Anspruch auf unbedingte Gültigkeit auftreten
.
Ethik ist die Wissenschaft von der Moral.

Von dieser philosophischen Unterscheidung handelt dieser Aufsatz.

1. Moral

è     Moral  

Es gibt natürlich auch heute noch Philosophen, die Ethik und Moral ganz anders definieren, als der akademische Mainstream (Habermas zum Beispiel). Wenn man aber auf der Suche nach einer möglichst allgemeingültigen Definition zunächst einmal von Moral ist, dann fährt man mit der folgenden Bestimmung nicht ganz schlecht:

Unter einer Moral versteht man (1) ein Normensystem, dessen Gegenstand das richtige Handeln von (2) vernunftbegabten Lebewesen ist und für sich das Anrecht auf (3) Allgemeingültigkeit erhebt.

Diese drei Bestandteile; Normensystem, richtiges Verhalten von vernunftbegabten Lebewesen und Allgemeingültigkeit; sind konstitutiv für Moralen. Einzeln sind diese Kriterien notwendig, um eine Moral zu konstituieren, gemeinsam hinreichend.

(1) Ein Normensystem kann durch Prinzipien, Werte oder Dispositionen gegeben sein. (2) Da nur vernunftbegabte Wesen Normensysteme verstehen oder befolgen können, d.h. moralbefähigt sind, gelten Moralen vernünftigerweise auch nur für solche. (3) Im Gegensatz zu subjektiven Geschmacksurteilen oder Etiketten sollen Moralen für alle gelten können, sprich allgemeingültig sein.

Da sich verschiedene Normensysteme erdenken lassen und erdenkt werden, existieren auch verschiedene Moralen.

2. Ethik

è     Ethik 

Auf der Grundlage des obigen Verständnisses von Moral lässt sich "Ethik" nun sehr einfach definieren, zumindest was den deutschen Sprachgebrauch angeht:

Ethik ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Moral.

Ethik steht somit eine Reflexionsstufe (über) der MoralSie reflektiert und philosophiert über diverse Moralen, analysiert und systematisiert sie und untersucht und hinterfragt ihre Begründungen und Prinzipien. Und sie fragt, welcher inhärenten Logik ihre Begriffe und Argumentationen folgen.

Während noch viele Moralen koexistieren (etwa die christliche, die libertäre, die mittelalterlich-höfische oder die marxistische), kann es nur eine Ethik geben. Ähnlich wie es verschiedene Musiken gibt, aber nur eine Musikwissenschaft, die sich mit ihnen  wissenschaftlich auseinandersetzt. Entsprechend gibt es auch nur eine ethische Forschungsgemeinschaft, deren Angehörige vielleicht zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen, sich aber alle mit der einen Wissenschaft von der Moral, der Ethik, befassen.

Die Ethik ist primär in der Philosophie beheimatet. Sie wird aber auch in anderen Fachbereichen betrieben, so gibt es beispielsweise eine Moraltheologie, eine Moralpsychologie und eine Moralsoziologie.

In ihrer Form als philosophische Teildisziplin wird die Ethik in drei Großbereiche unterschieden:

  • Die deskriptive Ethik fragt, welche Normensysteme die Menschen denn de facto vertreten. Wer glaubt was tun zu müssen? Eine typische Frage ist: Sind Menschen immer gegen Tötung?
  • Und die Metaethik fragt schließlich ganz abstrakt, welchen Status moralische Urteile und Begriffe haben. Kann es so etwas wie "besseres und schlechteres" Handeln geben? Was ist die Bedeutung von "Sollen" und wie die Begründung von "Sollensaussagen"? Eine typische Frage ist: Kann ein Tötungsverbot überhaupt konsistent (z.B. sprachlich oder epistemologisch) begründet werden?

3. Der Unterschied

Implizit wurde der Unterschied zwischen Moral und Ethik bereits erfasst: Moralen sind Normensysteme und die Ethik die Wissenschaft von ihnen

Dementsprechend heißt "moralisch" so viel wie "sittlich" oder "sittlich gut"(aus jemandes Norm entspringend oder mit jemandes Norm übereinstimmend) und "ethisch" bedeutet so viel wie "sittenwissenschaftlich" (in jener Reflexion thematisch oder zu jener Reflexion zugehörig). Moralische Ansichten sind ethische Themen. Und moralische Auffassungen werden mit ethischen Instrumentarien untersucht, bewertet und hinterfragt.

Nun lassen sich beide Adjektive zwar mitunter auf dieselben Substantive anwenden (etwa: das moralische Problem der Tötung und das ethische Problem der Tötung), der Unterschied bleibt aber bestehen. Jemand hat ein moralisches Problem, wenn er an den 10 Geboten festhalten möchte, aber einen Menschen getötet hat. Aber jemand hat ein ethisches Problem, wenn er die Frage, ob Tötung denn unter allen Umständen schlecht ist, erörtern möchte. Er wird dafür sittenwissenschaftliche Ansätze heranziehen und sittenwissenschaftliche Klassifikationen entwickeln. Die Moral liegt, als Gegenstand der Ethik, auf der dogmatischeren Normebene und die Ethik auf der kritischeren Reflexionsebene. Daher wird die Ethik auch manchmal als "Moralphilosophie" bezeichnet.

3.1. Ethisch

"Moralisch" und "ethisch" stehen im Grunde zueinander wie "psychisch" und "psychologisch" oder "sozial" und "soziologisch". Sie haben ein psychisches Problem, wenn Sie eine Phobie besitzen. Und sie habe ein psychologisches Problem, wenn Sie sich fragen, ob Phobien mit Kindheitserinnerungen zusammenhängen. Im letzteren Fall beschäftigen sie sich psychologisch-"seelenwissenschaftlich" mit dem Phänomen der Psyche, so wie sich ein Ethiker “sittenwissenschaftlich“ mit der Moral befasst.

Ein soziales Problem haben sie, wenn Sie einen Außenseiterstatus innehaben. Versuchen Sie nun ein Modell zu erarbeiten, das ihren Außenseiterstatus "gesellschaftswissenschaftlich" erklärt, ist dieses soziologischer Natur.

3.1.1. 'unethisch'

Ich finde diese Vergleiche mit "psychisch" und "psychologisch" u.ä. persönlich sehr einprägsam und hilfreich. Sie können vielleicht auch zeigen, dass es sinnlos ist, z.B. von einem "unethischen Verhalten" zu reden.

"Ethisch" ist (im Gegensatz zu u.U. "moralisch") kein wertendes Adjektiv, sondern ein klassifizierendes, ähnlich wie "psychologisch", "soziologisch" oder "physikalisch". Es, das Adjektiv "ethisch", sollte daher auch unter keinen Umständen wertend verwendet werden!

Diese Wertfreiheit schlägt sich auch darin nieder, dass der Gegensatz von "ethisch" durch das Wort "nichtethisch", und nicht etwa durch den bedeutungsleeren Begriff "unethisch", ausgedrückt wird. Denn was soll "unethisch" schon bedeuten? Es gibt für das Wort "unethisch", anders als für das Wort "unmoralisch", überhaupt keine sinnvolle Gebrauchsmöglichkeit. Das Wort "ethisch" umfasst alles, was zum Gegenstandsbereich der Ethik gehört. Es signalisiert, dass das von ihm Beschriebene der Wissenschaft Ethik zugehörig ist, ähnlich wie bei "physikalisch" oder "biologisch". Und ebenso wenig, wie biologische Erklärungen nicht unphysikalisch, sondern höchstens nichtphysikalisch sind, sind biologische, oder alle anderen Erklärungen, die nicht zum Gegenstandsbereich der Ethik gehören, nicht un- sondern schlichtweg nur nichtethisch.

Genaugenommen ist schon "ethisches Verhalten" kein guter Wortgebrauch im Deutschen. Gemeint ist meist ein Verhalten, welches einem bestimmten Normensystem entspricht. Dafür ist der passende Ausdruck jedoch "moralisches Verhalten".

Parallel dazu lässt sich erklären, warum "unethisches Verhalten", auch abgesehen von der Unterscheidung mit un- und nichtethisch, keinen guter Wortgebrauch darstellt. Gemeint ist offenbar ein Verhalten, welches einem bestimmten Normensystem zuwiderläuft. Hierfür wäre der passende Ausdruck aber "unmoralisches Verhalten".

3.2. Moralisch

Kommen wir nach dem "ethisch"-Exkurs nochmal ganz explizit auf das Adjektiv "moralisch" und seine Bedeutung zu sprechen. "Moralisch" kann sowohl wertend als auch wertneutral gebraucht wertend. Moralisch kann bedeuten: (1) zum Bereich der Moral, zu einer Moral gehörend (wertneutral), oder auch, (2) moralisch richtig, sittlich (wertend).

Das Gegenteil zu "moralisch" kann folglich sowohl "nicht moralisch", als auch "unmoralisch" sein. Je nachdem, was damit zu Ausdruck gebracht werden soll: Möchte man ausdrücken, dass die Frage, ob man Schalke- oder Dortmundfan ist, keine moralische darstellt, so sagt man, die Frage ist nicht moralisch. Das Verhalten, Leute zu belügen, um sich selbst dabei einen Vorteil zu verschaffen, ist dahingegen unmoralisch.

Unmoralisch ist ein solches, rücksichtsloses und vorteilsbedachtes, Verhalten zumindest in Bezug auf die meisten gegenwärtigen Moralen. Es kann natürlich auch "egozentrische" Moralen geben, die jedes Tun, das mit einem persönlichen Vorteil einhergeht, gutheißen. Und es wäre vor dem Hintergrund der meisten "konventionellen" Moralen nicht falsch, diese "egozentrischen" Moralen dann als "unmoralische Moralen" zu beschreiben.

3.3. Sprachuntersuchungen

3.3.1. 'Ethics' im Englischen

Die alltagssprachliche Vermengung der Begriffe "Moral" und "Ethik" mag auch damit zusammenhängen, dass die englische Sprache immer mehr an Einfluss gewinnt und diese diese Unterscheidung gar nicht macht.

"Ethics" kann im Englischen sowohl (1) Moral im Sinne von "morality" oder "morals" bedeuten, als auch (2) die akademische Disziplin Ethik benennen. Adäquaterweise kann das zugehörige Adjektiv "ethical" zwei Bedeutungen besitzen: "moralisch" und "ethisch". Es ist dann nur noch logisch, dass der Begriff "unethical" im Englischen wieder auftaucht und dort auch Sinn macht. Er bezeichnet dort das Gleiche wie "immoral", also zu Deutsch: "unmoralisch". Folglich ist es im Englischen durchaus legitim, von "ethical behaviour" oder "unethical behaviour" zu sprechen. Es entspricht dem deutschen "(un-)moralisches Verhalten".

Die deutsche Sprache ist an dieser Stelle durchaus differenzierter, was sehr zu begrüßen ist, da sie hier eine feinsinnigere Kommunikation ermöglicht.

3.3.2. 'Ethos' im Deutschen

Nun sei noch unbedingt noch darauf hingewiesen, dass das eingedeutschte "Ethos" nicht gleichbedeutend zu "Ethik" ist. Ethos hat vielmehr etwas mit Moral zu tun und zwar mit einer ganz speziellen Form der Moral. Seinen etymologischen Ursprung hat das deutsche Wort "Ethos" im griechischen und bezeichnet in seiner eingedeutschten Form die grundlegende, sittliche Gesinnung einer Person oder einer Gruppe von Personen, die die eigene Identitätsbildung und das Selbstverständnis fundieren.

Ein "Ethos" ist ein oftmals über längere Zeiträume gewachsene, tradierte Moral, deren Geltung sich oft nur über bestimmte Personen oder festumrissene Personengruppen erstreckt und deren Lebensform und Handlungsmuster sichtbar gestaltet oder überhaupt erst definiert. In diesem Sinne spricht man von einem "Berufsethos", einem "Standesethos", vom "Ethos eines Mediziners" oder vom "Ethos der Wissenschaft".

4. Religiöse Moral vs. wissenschaftliche Ethik

Die Unterscheidung zwischen "Ethik" und "Moral" mag Manchen trivial oder ohne Relevanz für die alltägliche Realität vorkommen. Das ist aber falsch. Stellen Sie sich nur mal vor, wir hätten eine Moral- statt eine Ethikkommission und unsere Kinder erführen einen Moral- statt einen Ethikunterricht. Es ist ein Exempel unserer säkularisierten, aufgeklärten Gesellschaft, dass keine moralische Institution, wie etwa die Kirche, mehr darüber entscheidet, was gut und was politisch falsch ist und dass unsere Kinder, anstatt die christlich-dogmatische Doktrin eingetrichtert zu bekommen, sich nun kritisch und weltoffen mit den ethischen Fragen unserer Zeit beschäftigen können.

"Ethisch gerechtfertigt" ist mehr als nur "moralisch richtig". "Moralisch richtig" bedeutet schlichtweg die Überschneidung einer Tat mit vorliegenden, moralischen Überzeugungen. Das Prädikat "ethisch gerechtfertigt" hingegen inkludiert viel mehr. Es verspricht, dass das Urteil einer wissenschaftlich fundierten Untersuchung oder zumindest einer reflektierten und wohlbegründeten Überzeugung entspringt. Das "ethisch gerechtfertigte" Urteil wurde zuvor einer selbstkritischen und vielseitigen Prüfung unterzogen, wohingegen was "moralisch" richtig ist meist von einer Moral a priori einfach festgelegt wurde.

Damit sich Menschen moralisch richtig verhalten, könnte man sie auch einfach abrichten, sie z.B. konditionieren, dressieren oder mittels massiver Strafandrohungen gefügig machen. Das unreflektierte Befolgen moralischer Befehle oder die Angst vor Strafe (z.B. Peitschenhiebe oder Höllenandrohung im Islam) bei unmoralischen Verhalten reichen aus, damit sich einer "moralisch richtig" verhält. Es braucht kein eigenständiges Subjekt und kein reflektiertes Momentum für Moral.

Auch wenn sich ein solcher "Sklave" moralisch richtig verhalten würde, so wäre sein Verhalten doch nicht ethisch gerechtfertigt. Sie könnten keine rationalen, nachvollziehbaren Argumente für die Richtigkeit des Verhaltens angeben, außer der Berufung auf Autoritäten (aka "Gott") und Konditionierungen, was kein inhaltlich-sachliches Argument darstellt. Sowohl die Autorität, als auch man selbst, könnten sich geirrt haben. Wer so argumentiert und meint die Kirche, die ideologische Gesinnung, Gott oder der Staat würden ein Verhalten hinreichend rechtfertigen, kreiert ein Autoritätsargument. Er unterliegt somit einem klassischen Argumentationsfehler.

Verfügt eine Person dagegen über eine kritisch durchdachte und gutbegründete, moralische Einstellung, die sich in ihrer inneren Haltung und ihrem Verhalten manifestiert, dann handelt sie nicht nur moralisch richtig, sondern verfügt darüber hinaus über eine ethische Rechtfertigung ihres Verhaltens, die sie in einem herrschaftsfreien Diskurs rational und argumentativ vertreten kann. Er muss dann anderen seine Ethik auch nicht mehr oktroyieren, wie Religionen und religiöse Institute, er kann sie nämlich begründen und für sie argumentieren. Als jemand, der sich mit Ethik beschäftigt, sucht er nach dem richtigen Handeln, dessen Legitimation und versucht all das zu hinterfragen. Er hat es gar nicht erst nötig, anderen seine unreflektierte, präferierte Moral (von der er höchstwahrscheinlich noch der Meinung ist, sie stamme von ihm und sei gerechtfertigt) aufzudringen. Hierin unterscheiden sich moralische Dogmengebäude wie Religionen von der wissenschaftlichen Ethik.

Das Ziel der Ethik und des Ethikunterrichts ist es idealerweise, dem Menschen zum "moralischen Nicht-Sklaven" auszubilden. Wohingegen ihre Gegenspieler, Religionsunterricht und Kirche, einen Alleinanspruch auf (eine sehr intolerante und nicht zeitgemäße) moralische Deutung erhoben haben und dem Menschen indoktrinieren: "Das ist gut, das ist schlecht. Weil heilige Schrift. Punkt." So erstickt man jedes kritische Selbstdenken bereits im Keimstatus und behindert das Entstehen einer eigenen, ethisch geleiteten, moralischen Urteilskraft.

5. Verweise

Diskursethik: Die vorgetragenen Begriffsdefinitionen vermitteln (nur) die vorrangigen Verwendungsweisen von "Moral und Ethik" im deutschen, akademischen Sprachgebrauch. Man bringt aber, so ein dem Philosophen Arthur Schopenhauer zugesprochenes Bonmot, zwei Philosophen eher dazu, gemeinsam die gleiche Zahnbürste zu benutzen, als die gleichen Begrifflichkeiten. Dementsprechend haben sich unter verschiedenen Philosophen und philosophischen Schulen auch noch ganz andere Begriffsverständnisse der Worte "Moral" und "Ethik" evolviert, als das hier vorgestellte. Namentlich und exemplarisch sei hier Diskursethik genannt. Diese von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas begründete Schule macht auf den ersten Blick gar den Anschein, als gebrauche sie die beiden Begriffe "Moral" und "Ethik" in vertauschter Bedeutung:

Habermas spricht beispielsweise von "ethischen Überzeugungen" im Sinne von Einstellungen bezüglich eines guten Lebens und er spricht von "moralischen Normen", wenn er so etwas wie Regelungen für eine gerechte Gemeinschaft meint. Er verwendet die Begriffe "ethisch" und "moralisch" also, auf den ersten Blick, gerade andersherum. In seiner Terminologie bilden "ethische Überzeugungen" einen Teilausschnitt aus den moralischen Überzeugungen, nämlichen jenen Ausschnitt, der sich mit der Entscheidung für die richtige Lebenseinstellung befasst. Demgegenüber bezeichnen die habermas'schen "moralischen Normen" einen moralischen Sektor, der sich mit der Regulierung des gesellschaftlichen Zusammenlebens auseinandersetzt.

In gewisser Hinsicht steht bei Habermas damit "Moral" höher als "Ethik": Das "Moralische" umreist die primären, allgemeingültigen und unparteiischen Normen einer gerechten Interessensabwägung und das "Ethische" nur die sekundären, individuellen oder begrenzt-kollektiven Entwürfe einer guten Lebensführung. Im üblichen Wortgebrauch ist das Stufungsverhältnis geradewegs umgekehrt, dort ist die "Ethik" die übergeordnete,  wissenschaftliche Reflexionsebene, Moral die untergeordnete, vorwissenschaftliche Gegenstandsebene. Habermas hat den üblichen Wortgebrauch also auf den Kopf gestellt.

Habermas kopfstehende Wortverwendung könnte dadurch erklärt werden, dass sein Adjektiv "ethisch" eher von "Ethos", also von "Ethik" abgeleitet sein könnte. Immerhin, "Ethos" bezeichnet im üblichen Verständnis gerade eine solche Moral, wie sie Habermas mit "ethisch" adjektiviert. Den Ethikbegriff benutzt demgegenüber auch Habermas meist im herkömmlichen Sinne für jene philosophische Disziplin, die sich mit der Beschaffenheit, Wertung und Gültigkeit von Normen befasst.

Trotz alldem bleibt das Verhältnis zwischen dem habermas'schen Vokabular und der üblichen Terminologie angespannt: Zuweilen verwendet Habermas "Ethik" auch, um damit speziell den Bereich seiner "ethischen Überzeugungen" zu benennen, statt viel besser von "Ethos" oder gleich von "moralischen Überzeugungen" zu reden. Entsprechend hält er die Titulierung seiner Theorie als "Diskursethik" für strenggenommen unpassend, eben weil "ethische Diskurse" seinem Verständnis nach nur die gute Lebensführung betreffen. Aus diesem Grund würde er die Wendung "Diskurstheorie der Moral" grundsätzlich vorziehen, weil es "moralische Diskurse" sind, die sich gemäß seinem Wortgebrauch mit verbindlichen Handlungsnormen befassen.

Egoismus: Bevor man sich mit moralischen Themen ethisch auseinandersetzt, um so seine eigene, gute Lebensführung zu finden, stellt sich zunächst eine ganz andere Frage: "Warum soll ich (überhaupt) sittengerecht handeln?" Welchen ethischen Grund habe ich nicht immer nur nach mir zu schauen? Bertolt Brecht prägte dazu den pointierten Ausspruch "Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral".

Metaethik: U.a. mit dieser Frage nach der Begründbarkeit von moralischen Normen befasst sich die Metaethik. Sie steht noch einmal eine Stufe über der Ethik (quasi "zwei Reflexionsstufen über der Moral") (wird indes trotzdem als Teilgebiet der Ethik aufgefasst) und hat die Semantik ethischer Aussagen, die Existenzweise und Erkennbarkeit moralischer Normen und nicht zuletzt die Frage: "Soll man überhaupt moralisch sein? Wenn ja, warum?" zum Thema.

Juristik: Der Unterschied zwischen Recht und Gerecht bzw. Juristik und Moral ist der folgende: Die Moral fragt "gehört sich das ", das Recht fragt "wem gehört das?" Letzteres, das unreflektierte, und wenn es sein muss auch unmoralische, pochen auf das Recht trifft insbesondere auf die Vertreter des Rechtspositivismus zu. Das Gegenteil vom Rechtspositivismus ist wohl die Selbstjustiz.

Nihilismus: Es gibt verschiedene Nihilismen, einer von ihnen ist der Moralische Nihilismus bzw. Amoralismus.

Physik: Nichts in der "Welt da draußen " ist physikalisch, die Welt ist physisch. Physikalisch, also der Wissenschaft Physik zugehörig, ist nur unsere Reflexion und unsere wissenschaftliche Beschreibung vom Physischen.

Stand: 2015

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.