„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Bioethik

Die Bioethik ist eine angewandte Ethik. Zuhauf wird sie als Hyperonym für jede ethische Reflexion des "Lebendigen" in der Medizin- Tier- und Umweltethik verwendet, was den Begriff allerdings unscharf werden lässt (vgl. Düwell 2003, S.24).

Dementsprechend wird der Begriff "Bioethik" unterschiedlich definiert:

1.    Bioethik als Ethik des Umgangs mit Lebensphänomenen (vgl. Düwell 2008, S.23).

2.    Bioethik als Ethik der Lebenswissenschaften ("Life Sciences").

3.    Bioethik als Oberbegriff von Medizin-, Tier- und Umweltethik (inkl. „Public Health Ethics“ und „Food Ethics“)

4.    Bioethik als biomedizinische Ethik.

Eine sehr treffende Begriffsbestimmung liefert Knoeppfler: "Bioethik […] als diejenige Teildisziplin der angewandten Ethik […], die sich in methodischer und reflektierter Weise mit den Sachverhalten befasst, die den verantwortlichen Umgang des Menschen mit Leben und seiner Umwelt betreffen." (vgl. Knoepffler 2007, S.152). 

Auf alle Fälle umfasst der Begriff Bioethik einen äußerst weiten Gegenstandsbereich. Und es ist für ein Erstes nicht ganz verkehrt, diesen mit den Bereichsethiken Medizinische Ethik, Tierethik und Umweltethik abzustecken:

Vorbemerkungen

Rasante Fortschritte in den Naturwissenschaften und in den Technikwissenschaften (einschließlich der Biotechnologie) haben unsere Lebensumstände erleichtert und unser aller Lebensqualität erhöht. Sie haben aber auch unerwünschte Folgen, wie Ressourcenausbeutung, Atommüll, Überfischung der Weltmeere, RegenwaldabholzungWasser- und Luftverschmutzung. Diese Effekte treiben uns in eine beklemmende Besorgnis und geben uns sogar Grund zur Angst bezüglich der Zukunft der Menschheit.

Lücken im Rechtssystem, beispielsweise in Bezug auf Abtreibung und Euthanasie, stellen für viele Menschen ebenfalls ein Grund zur Sorge dar. Darüber hinaus sind es vor allem auch moralische Probleme aus dem Alltag, wie die Genmanipulation unserer pflanzlichen oder die Haltung unserer tierischen Nahrung, die immer wieder zu hitzigen Debatten in der Öffentlichkeit führen.

Es besteht zweifelsohne ein Bedürfnis nach ethischen Richtlinien, die mehr sind, als nur das Anwenden alter, traditioneller Moralen auf die vergleichsweise viel zu komplexen, neuartigen Probleme des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Angemessene Leitlinien sollen es sein, mit denen wir den modernen Ethikproblemen auf Augenhöhe und mit ähnlicher Objektivität und Wissenschaftlichkeit entgegentreten können, wie die Wissenschaften, die uns viele dieser Probleme eingebrockt haben.

Die Angewandte Ethik ist zumindest mal ein Versuch, solche gutbegründeten Leitlinien aufzustellen. Ethik ist die Wissenschaft von der Moral, angewandte Ethik ist angewandte Moralwissenschaft und Bioethik ist Moralwissenschaft, angewandt auf alles LebendigeAls solche ist die Bioethik auch abhängig von den modernen Ergebnissen der Lebenswissenschaften und orientiert sich an selbigen. Fundiert durch jene Erkenntnisse sind es die aufbauenden Ziele der Bioethik:

  • Einen disziplinarischen Rahmen für eine lange Reihe von moralischen Fragen und Problemen rund um die Life Sciences bzw. rund um die Themen Mensch, Tier und Umwelt zu bieten.
  • Eine besonders sachliche und systematische Art und Weise der ethischen Argumentation und Entscheidungsfindungdarzustellen, die: (a) den empirischen Wissensschatz aus den einschlägigen Naturwissenschaften in ihre Arbeit integriert, und, (b) die Erkenntnisse anderer Bereichsethiken, wie der Forschungsethik, der Sozialethik oder der Rechtsethik kennt und genauso in ihre Arbeit integriert.
  • Der Öffentlichkeit eine ethische Orientierungsmöglichkeit zu offerieren, d.h. Leitlinien eben, die einen bestimmten Bereich des menschlichen Verhaltens abdecken.
  • Komplexe ethische Fragen, wie z.B. nach Gentechnik, Klonen und Kybernetik, beleuchten, aufarbeiten und einen erleichternden Zugang an diese Probleme aufzumachen. Mit anderen Worten: Öffentliches Bewusstsein in einer immer komplexeren Welt zu ermöglichen und zu schaffen.
  • Schlechte (zB zirkelschlüssige) Argumente zu entlarven und wichtige Argumente herauszuarbeiten, die am Ende einer kritischen Prüfung von Entscheidungen und Überlegungen durch Diskussionen und Debatten stehen.
  • Die Konzepte und Ansätze der Grundethik zu hinterfragen und ggfs. zu revidieren. Es vermag sich bspw. im Laufe einer bioethischen Untersuchung andeuten, dass der Begriff der Person in der allgemeinen Ethik bislang zu eng gehalten wurde, oder zu Problemen im moralwissenschaftlichen Umgang mit behinderten Menschen führt, und daher dementsprechend angepasst gehört.

Mit anderen Worten: die Bioethik interessiert sich für bestimmte Aspekte des menschlichen Verhaltens zur belebten (zB Mensch und Tier) und unbelebten (zB Steine) Natur - und das Ganze vor dem Hintergrund der Lebenswissenschaften. Sie ist daher und in letzter Konsequenz um die verschiedenen ethischen Probleme besorgt, die sich in diesen Bereichen ergeben oder auch nur ergeben könnten.

Aktuelle Probleme und Diskussionen in der Bioethik drehen sich bspw. um die Frage, wo der Befugnisbereich der Medizin liegt. Diese Frage erhält beispielsweise durch die medizinische Fortschritte im Diagnostizieren und Eingreifen von Dispositionen für bestimmte Krankheiten und körperliche Behinderungen neue Dringlichkeit. Es gilt etwa zu klären, wie Behinderungen zu sehen und ob sie nur von unerwünschten Eigenschaften abzugrenzen sind. Andere Themen der Bioethik sind beispielsweise die schwierigen Bestimmungsversuche der Begriffe "Krankheit" und "Gesundheit". Die Beantwortung solcher bioethischer Fragen wird gesellschaftlich mitbeeinflusst und hat selbst wiederum Rückwirkungen auf die Gesellschaft

Mit der Erweiterung der medizinischen Möglichkeiten und der damit einhergehenden (und eingangs bereits erwähnten) Steigerung der Lebensqualität steigt auch unsere Lebenserwartung. Was einerseits toll ist, anderseits aber die Frage nach der Finanzierung und Neu- bzw. Umgestaltung des Gesundheitswesens dringlich macht – Fragen, die ebenfalls von der Bioethik behandelt werden. Und all diese Fragen waren bisher nur Fragen aus der Medizinethik, einem Teilbereich der Bioethik.

Die Bioethik hält aber auch noch weitere, hochaktuelle Fragen bereit:

  • z.B. welche Verantwortung tragen wir gegenüber zukünftigen Generationen, wenn wir die endlichen Ressourcen der Erde aufbrauchen und Treibhausgase in ihre Atmosphäre pusten? (Umweltethik)
  • z.B. welche Rechte müssen wir Tieren eingestehen, nachdem uns die Evolutionsbiologie gelehrt hat, dass sie genau wie wir Schmerzen und Bedürfnisse empfinden und der Unterschied zwischen Mensch und Tier wenn dann nur ein gradueller ist? (Tierethik)

1. Eine kurze Geschichte der Bioethik

Historisch betrachtet gibt es mindestens drei Wege, auf denen man sich mit der Geschichte der Bioethik vertraut machen kann.

Erstensdurch die historische Betrachtung der Bioethik als bloßes Phänomen. Zweitens, durch den Ursprung des Begriffs der Bioethik (Etymologie) und drittens anhand der geschichtlichen Entstehung des Faches und der Institutionalisierung der Bioethik.

Jeder dieser Wege konzentriert sich auf einen anderen Aspekt der Geschichte der Bioethik. Aber es bedarf aller drei Wege, um die Bioethik vollständig zu fassen und zu historieren:

1.1. Bioethik als Phänomen

a) Medizinethik

Der Begriff der Bioethik und ihre Institutionalisierung sind moderne Entwicklungen. Das Phänomen selbst lässt sich jedoch mit Sicherheit bis zum Eid des Hippokrates (medizinethischer Schwur, 500 v. Chr.) zurückverfolgen. Möglicherweise reichen die Wurzeln der Bioethik sogar noch viel weiter zurück, bis ins 18. Jahrhundert vor Christus und zu den Codex Hammurapi, einer alten Sammlung von Rechtssprüchen, in denen bereits ethische Richtlinien zur medizinischen Praxis festgehalten wurden.

Es zeigt sich, dass die Medizinethik auf jeden Fall die älteste unter den drei Subdisziplinen der Bioethik stellt.

b) Tierethik

Die Vorstellung, dass Tiere Rechte haben sollten und beschützt gehören, verdanken wirhauptsächlich der modernen Moralphilosophie (und da vor allem dem Utilitarismus, siehe u.a: Peter Singer) und den Tierrechtsbewegungen im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert. Es gab aber auch schon früher Philosophen, die anhaltende (negative) Auswirkungen auf den menschlichen Umgang mit Tieren hatten:

Aristoteles (4.tes vorchristliches Jahrundert) war der Meinung, dass Tieren kein moralischer Status innewohne und der Mensch sie von daher auch nicht unrechtmäßig behandeln könnte. Dieser Gedanke war im antiken Rom (8. Jhr. v.Chr. bis 7. Jhr. n.Chr.) allgegenwärtig und wiederspiegelte sich auch in den martialischen Tierhetzen im Kolosseum und im Circus Maximus, in denen Hunderttausende von Tieren getötet wurden, einfach um das Volk zu unterhalten ("Brot und Spiele"). Es gab überhaupt nur einen Vorfall in der langen und blutigen Geschichte der Tierquälerei im antiken Rom, in dem das Publikum auf der Seite des Tieres stand und die Quälerei an einer Gruppe besonders „majestätischer“ Elefanten als „unmoralischen Akt“ ablehnte.

Thomas von Aquin (13.tes Jahrhundert) sollte die christliche Sicht auf den moralischen Status von Tieren für mehrere Jahrhunderte formen. Auch von Aquin sprach Tieren jedweden moralischen Status ab, da sie von Gott geschaffen und sogleich von ihm unter die Herrschaft der Menschen gestellt wurden. Deshalb dürften Menschen mit Tieren umgehen, wie es ihnen dünkt.

Kant (18.tes Jahrhundert) prägte schließlich die berühmtgewordene Argumentation, dass Tiere zwar keinen moralischen Status genössen, man sie aber trotzdem entsprechend behandeln müsse, da sich Grausamkeiten gegen Tiere auch negativ auf unser Verhalten gegenüber unseren Mitmenschen auswirken würden. Sprich, man solle auf seinen Umgang mit Tieren achten, weil alles andere zu einer Brutalisierung des zwischenmenschlichen Verhaltens führen würde.

c) Umweltethik

Die Idee vom Umwelt(und Klima-)schutz ist eine zeitgenössische. Ihre Wurzeln reichen nicht weiter zurück als ins 20. Jahrhundert, wo zum ersten Mal technologische Neuentwicklungen mit weltweiten Umweltgefahren einhergingen.

Die Essenz aus all dem (1.1.) ist, dass bioethische Fragen schon lang vor der Benennung des Phänomens (1.2.) oder seiner Institutionalisierung (1.3.) aufgeworfen wurden, und die Menschen beschäftigt haben.

1.2. Der Ursprung des Begriffs "Bioethik"

Es wird allgemein behauptet, dass der Ursprung des Begriffs der Bioethik ein zweifacher ist:

  • Die Veröffentlichung von zwei einflussreichen Artikeln: a) "Bioethik, die Wissenschaft des Überlebens" (Potter, 1970), eine Betrachtung der Bioethik als eine weltweite Bewegung ob der Sorgen um die Umwelt. b) "Bioethik als Disziplin" (Callahan, 1973), in dem für die Errichtung einer neuen akademischen Disziplin, einer Bioethik, argumentiert wird.
  • Gespräche zwischen Shriver und Hellegers über die Notwendigkeit einer Institution, in der Forscher medizinische Dilemmata unter moralphilosophischen Gesichtspunkten prüfen und analysieren (1970). Dieses Institut wurde ein Jahr später als "Joseph and Rose Kennedy Center for the Study of Human Reproduction and Bioethics" auch tatsächlich gegründet. Heute kennt man es als Kennedy Institute of Ethics (Wiki).

Allerdings ist diese oft wiederholte Geschichte über den Ursprung des Begriffs Bioethik falsch. Wie Sass (2007) korrekterweise anmerkte, veröffentlichte der deutsche Theologe Fritz Jahr 1927 bis 1934 bereits drei Artikel, in denen er den Begriff "Bioethik" benutzt. Er argumentiert darin gar schon mit Nachdruck für die Einrichtung einer bioethischen Disziplin und für die Praxis eines neuen, zivilisierten Ethikansatzes bezüglich der Fragen der Moral nach Mensch und Umwelt.

Jahr formulierte einen eigenen bioethischen Imperativ"Respektieren Sie jedes Lebewesen als ein Zweck aus sich selbst, grundsätzlich - und behandeln Sie sie entsprechend, wo immer es Ihnen möglich ist."

1.3. Institutionalisierung der Bioethik

Auch wenn der Begriff der Bioethik nicht aus den USA stammt, so doch die Bioethik als Disziplin. Der Ursprung der Disziplin Bioethik lag in den USA und ging dort Hand in Hand mit ihrer Institutionalisierung einher. Am Anfang dieses sehr komplexen Prozesses wurde die Bioethik mehr oder weniger identisch mit der Medizinethik verstanden, Tierethik und Umweltethik stießen erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzu. In dieser Form einer reinen Medizinethik repräsentierte das dominierende Begriffsverständnis von Bioethik in den USA vor allem eine Alternative zur traditionellen, am Standesethos von Ärzten orientierten Ethik der Mediziner. Dieses Begriffsverständnis wirkt in den USA bis heute nach.

Die zu Beginn sehr große Nachfrage nach einer ("alternativen") medizinischen Ethik kann als eine Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg gesehen werden. Ergo: Die aktiven Vergehen des Menschen an Umwelt und Mitmensch, und nicht nur die neuen technischen Möglichkeiten in der Medizin und die Entwicklung der modernen Zivilgesellschaft, waren Grund für die Etablierung und Institutionalisierung der Bioethik. In seinem Buch "Das Prinzip der Verantwortung" (1979) hebt Hans Jonas vor allem die erlebten Konsequenzen durch den Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki hervor, die uns zu einem fundamentalen Umdenken in den Bereichen Gesellschaft, Technik und Natur zwangen. Es waren nicht zuletzt solche Katastrophen, die die Bioethik als Forschungsunternehmen notwendig machten und ins Spiel brachten.

Darüber hinaus waren es neuartige und einflussreiche Bücher über Patientenrechte, Empfängnisverhütung, Künstliche Befruchtung, Sterilisation und Euthanasie, die die Dringlichkeit einer bioethischen Disziplin in einer modernen Welt aufzeigen konnten. Besonders hervorgehoben sei hier Paul Ramseys bahnbrechendes Buch "der Patient als Person", in dem der Autor überzeugend für die Schaffung einer neuen, akademischen Disziplin der Medizinethik (heute Bioethik) plädiert.

Bei uns in Europa setzte die Beschäftigung mit Bereichsethiken erst Mitte der 80er ein. In Gestalt von Ethikkommissionen wurde die Bioethik hierzulande institutionalisiert und verdankt ihre letztendliche Etablierung somit jenen Forschungsinstitutionen, die sich mit wissenschaftlichem

Anspruch bioethischen Fragen widmeten und widmen. Seit dieser ihrer ursprünglichen Konstituierung erfuhr die Bioethik als Institutionsform nicht nur eine enorme thematische Ausweitung, sondern unterstand auch einer breiten, wissenschaftstheoretischen Metadiskussion über die Fragen nach ihren methodischen Standards und ihrem m. Rahmen. Aufgrund einer zunehmenden Bedeutung von Ethikkommissionen i.E. entstand auch ein neues Berufsbild für professionelle Bioethiker, welche ethisch relevante Vorentscheidungen bewusst reflektieren sollten. Ihre Tätigkeit ist heute wichtiger und bedeutungsschwerer denn je.

2. Normative Theorien in der Bioethik

Bioethik ist ein sich schnell entwickelndes und immer komplexer werdendes Feld der angewandten Ethik. Umso wichtiger erscheint es, Entscheidungsschlüssel in Form von ethischen Theorien zu besitzen, mit denen sich bioethische Fragen einheitlich beantworten lassen. Die normative Ethik bietet uns eine Handvoll solcher universell anwendbarer "Entscheidungsschlüssel"-Theorien. Und laut einer traditionellen, aber mangelhaften Ansicht, müssen diese allgemeinen Theorien nur auf konkrete Einzelfälle angewendet werden, und das jeweilige moralische Problem ist gelöst.

Dieser "Top-Down-Ansatz" suggeriert, dass es sich mit moralischen Problemen ganz ähnlich verhält wie mit geometrischen Fragen: Es gibt eine solide Grundlage aus Axiomen und allgemeinen Regeln und daraus lassen sich alle Lösungen für Einzelanwendungen deduktiv ableiten. Normative Theorien haben aber keine soliden Grundlagen, ihre Festen sind unbegründet und unbegründbar, d.h. jedem, der sie begründen möchte, unterläuft früher oder später ein Naturalistischer Fehlschluss bzw. ein Sein-Sollen-Fehlschluss.

Weil es keine ethische Grundlegung gibt, existiert auch nicht die normative Ethiktheorie, aus der sich die Lösung für moralische Fragestellungen ableiten ließe. Vielmehr existieren zig ethische Theorien, die alle zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen (können) und von denen sich nicht sagen lässt, dass die eine richtiger als die andere sei.

Das Bild von immerwährenden, ethischen Grundsätzen ist aber auch noch aus einem anderen Grund schief. Im 20. Jahrhundert kristallisierte sich allmählich heraus, dass die tradierten ethischen Theorien große Schwierigkeiten beim Umgang mit den neuen Problemen der Gegenwart haben. Die Kantische Deontologie oder Benthams Utilitarismus tuen sich wahnsinnig schwer, etwas zu radioaktiven Abfällen, Neuro-Enhancement und Klonen auszusagen. Die Folgen waren zum einen, (1) dass die wichtigsten klassischen Theorien (Deontologie und Utilitarismus) umgehend modifiziert wurden, um mit den neuen Situationen erfolgreich umgehen zu können. So modifizierte beispielsweise Christine Korsgaars den Kantianismus und Richard Hare den Utilitarismus.

Und zum anderen, (2) dass grundsätzlich neue Ansätze der ethischen Argumentation und Entscheidungsfindung entwickelt wurden, wie zum Beispiel Beauchamps und Childress Vier-Prinzipen-Ansatz für die Bioethik oder aber auch die feministische Bioethik. Außerdem wurden kasuistische und tugendethische Theorien – Bottom-Up-Ansätze – wiederentdeckt, und weiterentwickelt, um all die komplexen bioethischen Kontroversen angemessen behandeln zu können.

Der Aufstieg der angewandten Ethik im Allgemeinen und der Aufstieg der Bioethik im Besonderen gingen mit einer Vielzahl sprunghaft komplexer werdenden Sachverhalte in der Welt einher. Die Weiterentwicklungen und Neuerfindung der Ethiktheorien sind nur eine konsequente Antwort auf eine immer komplexer werdende Welt.

Solide ethische Ansätze, die in der Angewandten Ethik etwas reißen wollen, müssen mindestens zwei Kriterien erfüllen:

(1)  Sie müssen konsistent sein, d.h. sie dürfen nicht selbstwidersprüchlich sein.

(2)  Sie müssen anwendbar sein, d.h. ihre theoretischen Anteile müssen auf konkrete Einzelfälle übertragen werden können.

Dies sind die unbedingten Mindeststandards (notwendige Bedingungen) für eine ethische Theorie, wenn sie im Rahmen der modernen angewandten Ethik diskutabel sein will.

Die folgende kurze Darstellung soll einen Überblick über jene (bio-) ethischen Theorien bieten. Den Anfang machen dabei die drei prominentesten Vertreter der normativen E.: die Deontologie, die Teleologie und die Tugendethik.

2.1. Deontologische Ansätze

2.1.1. Kant

Deontologische Ansätze, wie der Kants, werden normalerweise durch strenge und kategorische Rechte und Pflichten konstituiert. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf gutbegründete Prinzipien oder allgemeine Imperative, sodass deontologische Ethiken erstmal unabhängig von ihren jeweiligen Konsequenzen gedacht werden müssen. So bemisst sich die moralische Qualität einer Entscheidung auch nicht etwa an ihren faktischen Folgen, sondern an der Qualität der Absichten und Maximen, die hinter der Entscheidung stecken.

Bei Kant wird die moralische Qualität einer Maxime, und somit letztendlich auch die einer Handlung, durch den Kategorischen Imperativ bemessen: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."

Hilft uns das konkret bei der Beurteilung bioethischer Fragen weiter? Zunächst eher weniger, aus Kants Imperativ lässt sich keine allgemein verbindliche moralische oder rechtliche Norm bspw. zum angemessenen sittlichen Umgang mit menschlichen Embryonen finden. Es ist unterschiedlich, was Menschen an allgemeinen Gesetzen wollen und von daher sind auch die Maximen, die sich aus dem K.I. ergeben, unterschiedlich.

Allerdings wird eine bestimmte Version des Kategorischen Imperativs (Selbstzweckformel), die die absichtliche und ausschließliche Instrumentalisierung anderer Subjekte verbietet, von manchen (kantianischen) Ethikern dann doch wieder auf solche Fragen angewandt. Das scheint zunächst deshalb plausibel, weil sich die Selbstzweckformel auf menschliche Personen und somit auf einen Teilbereich des Lebendigen bezieht und somit das Thema der Bioethik betrifft. Dennoch ist es aus kantischer Sicht problematisch, die Selbstzweckformel auf die bioethischen Problemfälle mit den Embryonen zu beziehen, weil Embryonen noch keine vollwertigen Subjekte / Personen mit praktischer Vernunft sind.

Auf andere bioethische Fragestellungen, in denen vollausgeprägte Subjekte eine Rolle spielen, lässt sich die Selbstzweckformel aber schon anwenden: Die Sterbehilfe beispielsweise dürfte gemäß der Selbstzweckformel nicht legal werden, da weder die Allgemeinheit (Zweck: Sozialkassen entlasten), noch der Patient selbst (Zweck: Leben entfliehen) das Leben des Patienten als bloßes Mittel gebrauchen dürfen.

2.1.2. Prinzipienethik

Als zweites sei hier die Ethik von Tom Beauchamp und Jim Childress vorgestellt. Anders als Kant in seiner "Kritik der praktischen Vernunft" thematisieren Beauchamp und Childress in ihrem Buch "Principles of Biomedical Ethics" bioethische Themen explizit.

Die Instrumente, die B. und C. entwickelten, um Leuten in heilsberuflicher Arbeit eine ethische Orientierung zu bieten, sind die Vier Prinzipien:

  • Autonomieprinzip: betont die Entscheidungsfreiheit einer Person bzw. ihre Unabhängigkeit gg. Autoritätsmännern und äußeren Kontrollen.

Für die Medizinethik leitet sich damit auch die Pflicht ab, dass ein Patient vor jeder diagnostischen und therapeutischen Maßnahme kompetent und offen beraten werden muss, um infolgedessen imstande zu sein, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Unerlässliche Bedingungen für das Konzept der autonomen und informierten Zustimmung sind selbstverständlich Vertraulichkeit und Aufrichtigkeit.

  • Nichtschaden-Prinzip: fordert den Mediziner auf, schädliche Eingriffe zu unterlassen.

Dies scheint zunächst selbstverständlich, tatsächlich gab es das Nichtschaden-Prinzip auch schon in der Antike, oftmals kollidiert es jedoch mit dem nächststehenden Prinzip (z.B. in einer Chemotherapie oder bei einer Impfung):

  • Fürsorgeprinzip: verpflichtet dem Behandler zu jenem aktivem Handeln, das das Wohl des Patienten fördert und nützt.

Das Fürsorgeprinzip leitet sich aus demselben Prinzip der Antike her, wie das Nichtschaden-Prinzip. Jedoch beinhaltet es das Gebet der Beförderung des Wohls und der Verringerung von Schaden in aktiverer Weise und steht in manchen Kontexten damit gar konträr zum Nichtschaden-Prinzip. Sobald Nichtschaden- und Fürsorgeprinzip in Konflikt geraten, soll der Mediziner Schaden und Nutzen einer Behandlung abwägen. Das Gleiche gilt für einen Konflikt zwischen dem Autonomieprinzip und den Prinzipien Zwei und Drei (der auftreten kann, wenn ein Patient keine Chemotherapie oder Impfung haben möchte, es aber das Beste für ihn wäre).

  • Gerechtigkeitsprinzip: fordert eine gerechte Verteilung von Gesundheitsleistungen.

Beauchamp und Childress unterscheiden zwischen distributiver Gerechtigkeit (Verteilung der Güter), Strafgerechtigkeit (Angemessenheit der Strafe) und ausgleichende Gerechtigkeit (Wiederherstellung des Rechts, bspw. nach einem Vertragsbruch). In der Medizinethik betrifft dies beispielsweise die Verteilungsgerechtigkeit von Organen, den Zugang zu medizinischen Leistungen und die Aufwendung von finanziellen Ressourcen.

2.2. Tugendethische Theorien

Die Wiederbelebung der Tugendethik im letzten Jahrhundert wurde vor allem von den Philosophen MacIntyre, Anscombe, Nussbaum, Swanton, Hurtshouse, Slote und Oakley vorangetrieben. Auch der tugendethische Ansatz hat die Bioethik, und insbesondere die Medizinethik, zutiefst beeinflusst.

Die allgemeine Idee hinter tugendethischen Ansätzen in der Bioethik ist diese: Man sollte so handeln, wie auch ein tugendhafter Akteur handeln würde. Genauer gesagt ist für den Tugendethiker eine Handlung moralisch richtig, gdw. sie tugendhaft ist, d.h. wenn sie aus der Einhaltung ethischer Tugenden, die der Förderung des menschlichen Wohlbefindens dienlich sind, hervorgeht.

Das bedeutet auch, dass eine moralisch richtige Tat (zum Beispiel, Bedürftigen zu helfen), die aber aus den falschen Motiven heraus ausgeführt wird (beispielsweise, um Ehre und Ansehen einzuheimsen) nicht moralisch gut sein kann. In der Tugendethik muss beides zusammenkommen, die richtige Maßnahme und das richtige Motiv.

Ein tugendhafter Arzt ist auch nicht nur gut ausgebildet und gewissenhaft, er muss auch wirklich motivational gewillt sein, das Patientenwohl zu fördern. Leute, die tugendethische Ansätze auf die Medizinethik angewandt haben, waren und sind u.a.: Hursthouse bzgl. Abtreibuung; Fuß bzgl. Sterbehilfe und Lebacqz bzgl. des tugendhaften Patienten. Die Rolle der Bioethik in der Umweltethik wurde maßgeblich von diesen Personen gestärkt: Frasz, Hursthouse und Merriam.

Es ist Gegenstand der aktuellen Debatte, ob die Stärken des soeben dargestellten, tugendethischen Ansatzes nur in Einzelfällen (die individuelle Ebene), oder aber auch bspw. auf Ebene der die Gesellschaft regulatorisch begrenzenden Politik liegen. Jansen argumentiert, dass tugendethische Ansätze zwei schwerwiegende Probleme aufweisen, die sie nicht hinreichend lösen können. Das erste Problem ist für ihn ist das Problem des Inhalts: Vage Tugenden sind häufig unfähig, realiter konkrete Handlungsanweisungen zu geben. Zweitens sieht er das Problem des Pluralismus: Konkurrierende Vorstellungen lassen die Frage offen, was "die wahre Tugend" sei. 

2.3. Konsequentialistische Ethiktheorien

2.3.1. Peter Singer

Der Konsequentialismus (auch: teleologische Ethik) beurteilt eine Norm anhand der Güter, die durch ihre Befolgung verwirklicht werden. D.h. sein Hauptaugenmerk liegt auf den Konsequenzen einer Handlung.

Der Utilitarismus ist nicht nur die einflussreichste und prominenteste Strömung unter den Teleologischen Ethiken, sondern auch die einflussreichste und prominenteste Art des Argumentierens und Entscheidens in der Bioethik überhaupt! Im späten zwanzigsten Jahrhundert waren utilitaristische Ansätze innerhalb der Bioethik gar so dominierend, dass so mancher von außerhalb glaubte, alle Bioethiker seien Utilitaristen.

Das stimmt natürlich nicht. Aber, selbst wenn es so wäre und alle Bioethiker Utilitaristen wären, würde deshalb noch lange keine Homodoxie (Einheitsmeinung in der Lehre) i.d. Bioethik einziehen. Der Utilitarismus umfasst nämlich eine sehr breite Palette von unterschiedlichen Ansätzen, wobei sich aber vier Kernelemente ausarbeiten lassen, die allen utilitaristischen Ansätzen gemein ist:

1.    Das Folgenprinzip: Die Folgen einer bestimmten Handlung A sind das Maß ihrer moralischen Qualität.

2.    Das Nutzenprinzip: Die moralische Richtigkeit oder Falschheit einer Handlung A wird vom größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Anzahl von allen fühlenden Wesen bestimmt.

3.    Das hedonistische Prinzip: Die Folgen (1) einer Handlung A werden mit Bezug auf einen bestimmten Nutzenwert (2) untersucht. Dieser "oberste Nutzenwert" kann verschieden ausfallen: (A) die Förderung der Freude, (B) die Vermeidung von Leid, (C) die Befriedigung individueller Präferenzen (Präferenzutilitarismus), …

4.    Das Universalitätsprinzip: Der Nutzen soll für alle betroffenen Lebewesen maximiert werden, man spricht hier auch von einem "Gesamtnutzen".

Eine Polemik mit wahrem Kern bietet die nachstehende These: "In seiner reinen Form ist die Anwendung des Utilitarismus auf die Bioethik brandgefährlich, da er im Prinzip das Töten und Ausschlachten einer Person erlauben müsste, wenn durch die Entnahme seiner Organe mehr Menschen geholfen wäre, als ihm der einen Person durch ihren Tod Schaden zugefügt wird" (siehe auch: Kritik am Utilitarismus). Streng gesehen stimmt das gewissermaßen, wenn die Tötung eines Menschen unterm Strich mehr Glück als Leid verursachen würde, wäre sie nach dem Utilitarismus zu fordern oder zumindest legitim.

Deshalb führen die meisten Utilitaristen unverhandelbare Grundsätze (z.B. Recht auf Leben) in ihre Theorien ein, um den Utilitarismus für die Bioethik fruchtbar zu machen. Umstritten ist bei all diesen Grundsätzen meist, ob sie nur für Menschen oder alle empfindungsfähige Lebewesen gelten sollen. Sind diese Fragen geklärt, ist der Utilitarismus mMn ein nützliches Werkzeug, um Nutzen und Schaden von bioethischen Entscheidungen abzuwägen.

Die utilitaristische Herangehensweise an die Bioethik ist vor allem im angloamerikanischen Raum weitverbreitet. Einige bioethisch/utilitaristische Thesen werden äußerst kontrovers diskutiert, etwa die vom deutschen Rechtsphilosophen Norbert Hoerster, oder die vom australischen Ethiker Peter Singer.

Die Thesen Peter Singers werden in den nächsten Abschnitten aufgegriffen.

Laut Singer sollte man es nicht zulassen, dass Tiere getötet werden, wenn man bei diesen Rationalität und Selbstbewusstsein– für Singer die Kernelemente einer Persönlichkeit – zu erkennen sind. Unsere gelebte Praxis (Tiere töten, Menschenleben erhalten) ist für Singer eine Art des zumindest evolutionsbiologisch unhaltbaren Speziesismus, vergleichbar mit Sexismus und Rassismus, und muss vermieden werden. Moralische Urteile, so haben es sich nicht zuletzt die Utilitaristen auf die Fahnen geschrieben, sollten stets unparteiisch und universell sein. Macht man jedoch einen Unterschied zwischen Menschen und Nicht-Menschen, verstößt man eklatant gegen dieses wichtige Prinzip. Man muss schon Gott heranziehen, um diesen gemachten Unterschied zu erklären.

Auf der einen Seite holt Singer Tiere mit rein ins Boot unsere moralischen Überlegungen, sofern diese durch Persönlichkeitselemente charakterisiert werden können, auf der anderen schließt er menschliche Wesen aber auch daraus aus, wenn diese (noch) keine hinreichenden Merkmale für eine Persönlichkeit besitzen. So wird von Singer beispielsweise die Regel befürwortet, dass Föten und sogar Neugeborene mit schwerer Behinderung in bestimmten Situationen getötet werden dürfen.

# Vorsicht, persönliche Meinung des Autors:
Mit seinen Standpunkten stößt Peter Singer auf enorm viel Gegenwehr,
sogar eine Nähe zur
Euthanasie wird ihm hinter gesagt.
Wir Deutschen tun uns besonders schwer mit seinen Thesen,
was zum einen auf unsere Geschichte, zum anderen
aber auch auf unsere intellektuelle Steifheit zurückzuführen ist.
Würde man Peter Singer wirklich zuhören, so müsste man unweigerlich
erkennen, dass er gute Gründe für seine Positionen hat
und das meiste, was ihm vorgeworfen wird,
in
Wahrheit gar nicht vertritt.

#Weitere Ansätze i. d. Bioethik

Stand: 2015

Kommentare: 1
  • #1

    Klaus Roggendorf (Mittwoch, 13 Juli 2016)

    Der Beitrag zur Bioethik ist gibt eine notwendige, sehr klare Übersicht zum naturbedibgten Sollen des Menschen. Die Ethik muß global das Primat* für menschliches Verhalten werden, wenn die Menschheit nicht in eine der evolutiv antriebsdynamisch bedingten, existenzbedrohlichen Fallen* geraten soll. Mehr dazu in meinen Beiträgen hier und im Internet unter >klaus roggendorf< Das ethisch wisenschaftlich hochkomplexe und -komplizierte Wissen erreicht die Massen nicht, kann sie leider entwicklungsbedingt antriebsdynamisch nicht erreichen.
    Deshalb stifte ich 5oo Euro für einen lebenspraktischen Wettbewerb auf Facebook., demjenigen dem es gelingt, auf einer Din A4 -Seite eine leicht verständliche, erkenntnisstandgemäße Lebensleitlinie - einen ethischen Global Konsens - für ein gedeihlicheres und globales Miteinander - der Menschen untereinander und mit den anderen Tieren - philosophisch begründet. Der Text sollte philosophisch wiederspruchsfrei begründet sein und das Gute im Fühlen, Denken und Handeln, die Menschen-Rechte u. - Pflichten so formulieren, dass kein Mensch sich ihnen , ohne sein Gewissen zu belasten, entziehen kann. Auf gehts- alle sind aufgerufen - mitzumachen und Bewertungen argumentativ zu begründen! .


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