„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

1.    Was soll ich tun?

1. Man kann nicht nichts tun

Was soll ich tun? Stillschweigend geht diese Frage davon aus, dass ich überhaupt etwas tun soll. Sie fragt, was ich tun soll, ob ich aber überhaupt etwas tun soll, wurde damit unmerklich und wie selbstredend aus der Debatte herausgehalten. Offenbar scheint es zunächst einmal sinnvoll zu fragen: „(Warum) Sollte ich etwas tun?“ Denkt man ein wenig darüber nach, gelangt man schnell zu der Einsicht: „(Ja, / weil) ich nicht nichts tun kann.“ Der Mensch kann nun mal nicht anders als permanent zu handeln, zu tun. Deshalb ist die Eingangsfrage, ob ich überhaupt etwas tun sollte überflüssig. Und deshalb drängt sich die Frage was ich tun soll nahezu auf.

Der Mensch kann nicht nicht handeln. Ob er etwas unternimmt oder nicht unternimmt, arbeitet oder rumhängt, redet oder schweigt, stets beeinflusst er sich selbst und seine Umwelt. Der Mensch selbst und die Umwelt wiederrum reagieren auf diese Handlungsmuster, was zu endlos langen, ineinander verflochtenen Kausalketten führt. Handeln ist dabei so grundlegend und vollzieht sich meist so subtil, dass es unter dem Schleier der Alltäglichkeit oft übersehen wird. Eine Handlung hat immer mindestens zwei Dimensionen: Inhalt und Referenz. Viele Paradoxa beruhen auf eine Vermengung beider. Ein Beispiel dafür ist die Anweisung: „Schild nicht beachten.“

Für oder gegen sein Dasein kann sich niemand entscheiden. Mit seinem Dasein aber kann ein Mensch Verantwortung für selbiges empfinden. Nun kann dieser Mensch aufgrund einer Überforderung und angesichts der permanenten, oft unvorhersehbaren (Hitlers Eltern hatten bestimmt nichts Böses im Sinn, als sie den koitierten) Handlungsnotwendigkeit schnellstmögliche Selbsttötung begehen. Auf dem ersten Blick scheint dies ein „Ausweg“ aus der unfreiwillig erworbenen Verantwortung  zu sein. Doch auf dem zweiten Blick gilt es zu konstatieren, dass auch etwas zu unterlassen, und sei es das eigene Dasein, eine Handlung ist und Konsequenzen nach sich zieht. Wer sich zuhause verbarrikadiert entscheidet sich bewusst oder unbewusst dafür nicht in Interaktion mit seinen Kollegen zu treten. Und ebenso wer sich das Leben nimmt zieht damit viele Folgeereignisse nach sich. Etwa bei der Ehefrau, die infolge der Trauer in tiefste Depressionen verfällt und keine Kinder mehr gebärt, Kinder die keinen Vorsitz im Landtag einnehmen und kein sozialen Frieden stiftendes Heim für Flüchtlinge erbauen werden usw. Sozialsysteme sind chaotische Systeme. Das heißt es nicht abzusehen wann die Manipulation einer Komponente innerhalb eines Sozialsystems was für wie starke Auswirkungen haben wird. Auch die eigene Existenzabstinenz bleibt also nicht folgenlos. Und man sollte nicht vergessen, dass auch Gandhi Eltern hatte.

Es bekräftigt die Feststellung nur noch mehr: Ich kann nicht nichts tun.

Und wenn man nicht nichts tun kann, stellt sich für jeden die Frage, was man tun soll.

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stick_figure_-_consequence.jpg?uselang=de
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2. Verweise

Die Frage „Was soll ich tun?“ zieht abermalig zahlreiche Fragen nach sich:

  • Handlungsfreiheit: Die Frage „Was soll ich tun?“ impliziert noch ein Weiteres. Nämlich, dass ich die Freiheit habe mich bewusst zwischen unterschiedlichen Handlungsoptionen zu entscheiden. Ansonsten wäre die Frage überflüssig. Denn wenn ich nicht tatsächlich einen (sicher eingeschränkten) Handlungsspielraum hätte mich so oder anders zu entscheiden, wäre mein Leben determiniert und die Frage was ich tun soll würde der unverrückbaren Bekundung was ich tun werde weichen.

 

  • Biologie: Das Argument einer genetischen oder sozialen Determination greift sicher nicht. Längst geht man davon aus, dass es nicht nur die Gene oder das soziale Umfeld sind, die mich veranlassen zu viel zu essen und meinen Sexualtrieb mildern oder dafür sorgen dass ich an Gott glaube. Das Bild der Doppelhelix, das jeder von uns wohl noch von seiner Schulzeit her kennt und die damit vermittelte Vorstellung es gäbe ein Gen für Sommersprossen oder blaue Augen weckt häufig falsche Assoziationen. Es ist nicht so, dass es für jedes Merkmal einfach ein Gen gibt. Die Welt der Gene ist komplizierter, einige Merkmale sind auf vielen verschiedenen Genen verteilt und irgendwo zwischen Umwelt und Schicksal vermutet man noch sehr wohl eine Freiheit in all der Unfreiheit.

 

  • Metaethik: Gibt es auf die Frage „Was soll ich tun?“ überhaupt die eine richtige Antwort? Oder anders gefragt: Gibt es das Ideal von der richtigen Handlung? Einen moralischen Zwang? Und wenn nicht, ist dann alles erlaubt?

 

  • Moral: Auch ein Egozentriker hat eine Moral. Die Moral ausschließlich das anzustreben, wovon er selbst den größten Vorteil hat etwa. Es ist philosophisch nicht falsch von einer „unmoralischen Moral“ zu sprechen. Eine unmoralische Moral kann etwa sein, dass ich mich über einen behinderten Menschen lustig mache, weil meine Freunde das cool finden. Mehr heißt Moral nicht, insofern sie nicht eingegrenzt wird (z.B.: gesetzliche Moral, solidarische Moral usw.).

 

  • Beziehung: Unser bewusstes Handeln dient meist dem Befriedigen der eigenen Bedürfnisse. Mit unseren Bedürfnissen sind somit Handlungspräferenzen in uns angelegt. Zwischenmenschliche Beziehungen können eingegangen werden, um die eigene Bedürftigkeit zu lindern und einige explizite Bedürfnisse ganz zu stillen. Etwa das Unterschreiben des Arbeitsvertrages zwecks der mit der Arbeit einhergehenden finanziellen Zuwendung des Arbeitgebers. Hierin zeigt sich deutlich das abstrakte und komplexe Wesen sozialer Sachverhalte. So haben Sie beispielsweise Erwartungserwartungen an ihren Chef, wenn sie glauben, er fordere für das ausbezahlte Gehalt eine bestimmte Arbeit von ihnen ein.

 

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