Induktivismus

Der Induktivismus ist eine (durch die Arbeiten von Francis Bacon und die Erfolge von Isaac Newton maßgeblich mitgeprägte[1]) Wissenschaftstheorie, nach der sich naturwissenschaftliche Gesetze und Theorien logisch[2] per Induktion aus der Erfahrung ableiten lassen: Wenn eine große Anzahl von A unter einer einer Vielfalt verschiedener Umstände beobachtet wurde, und wenn alle diese beobachteten A ohne Ausnahme die Eigenschaft B besitzen, dann sind wir gerechtfertigt, zu schließen, dass (wahrscheinlichalle A B sind.

Ein solcher Induktionsschluss ist jedoch nicht-demonstrativ: Nur weil alle beobachteten A die Eigenschaft B besitzen, heißt das nicht, dass alle A B sind. Dieses Induktionsproblem wurde u.a. vom Philosophen David Hume beanstandet.

Karl Popper veranlasste es dazu, als Alternative zur verifikationistischen Induktion die Methode der falsifikationistischen Deduktion zu entwerfen: Es gäbe eine Theorie T, dass alle Schwäne weiß sind. T kann deshalb niemals per Induktion bewiesen werden, da es immer möglich ist, dass ein noch nicht-beobachteter Schwan nicht-weiß ist. Deshalb sollten Naturwissenschaftler alles daran setzen, T durch Beobachtung eines nicht-weißen Schwanes zu falsifizieren, gelingt dies ihnen nicht, so kann die Theorie als bewährt betrachtet werden.

Des Weiteren werden v.a. die Bedingungen kritisiert, die laut dem w.o. verstandenen Induktivismus ein gutes induktives Argument konstituieren sollen:

(1) Was ist eine große Anzahl? Einige Vorgänge können nur selten (Higgs-Boson, Gravitationswellen), oder gar nicht (Makroevolution, Urknall) beobachtet werden. Trotzdem werden die Theorien, die diese Vorgänge beschreiben, als seriös und wissenschaftlich angesehen.

(2) Welche Umstände sollen variiert und was soll beobachtet werden? Die Antworten auf diese Fragen rekurrieren meistens auf Theorien oder  Wissen, also auf Deduktionen, die laut dem Induktivismus im wissenschaftlichen Prozess aber gar nicht stattfinden dürften!

(3) Was rechtfertigt das Induktionsprinzip? Wohl die Erfahrungen, dass die Natur gesetzmäßig verläuft, respektive, dass die Zukunft in Vergangenheit in etwa so war wie die Vergangenheit damals. Diese Begründungen verlaufen aber selbst induktiv und sind somit zirkelschlüssig.

(4) usw.

Das Induktionsproblem (3) gilt als Hauptkritikpunkt am Induktivismus In jüngster Zeit erlebt der I. ein kleines Re­vi­val in Gestalt des Bayesianismus.

Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost zu Ehren von Isaac Newton
Sonderbriefmarke der Deutschen Bundespost zu Ehren von Isaac Newton

„In der […] Physik leitet man die Aussagen aus den Naturerscheinungen her und macht sie durch Induktion zu allgemeinen Aussagen. So entdeckte man die Undurchdringbarkeit, die Bewegbarkeit und den impetus der Körper, die Gesetze für die Bewegungen und die Schwere.“
- Isaac Newton[3][4]

Anmerkungen

[1] Das gilt zumindest für den sog. einfachen Induktivismus (vgl. Larry Laudan: Science and Hypothesis (1981)).

 

[2] oder zumindest gut begründet.

 

[3] Newton, I. (1999 [1687]): Die mathematischen Prinzipien der Physik (Berlin & New York: de Gruyter), S. 516.

 

[4] Im selben Buch auf Seite 381 findet sich überdies folgendes Zitat, das in dieselbe Kerbe schlägt: „In der experimentellen Physik muss man die durch Induktion aus den Naturerscheinungen erschlossenen Propositionen trotz widersprechender Hypothesen solange entweder für vollkommen oder annähernd wahr halten, bis einem andere Naturerscheinungen begegnet sind, durch welche sie entweder noch genauer werden oder durch welche sie Einschränkungen unterworfen werden. Dies muss so sein, damit ein Induktionsschluss nicht durch Hypothesen entkräftet werden kann.“

Stand: 2017

Kommentare: 4
  • #4

    Wissenswert (Mittwoch, 31 Januar 2018 03:07)

    https://www.youtube.com/watch?v=PtKSwPnkZEM&list=PL4O7bFNxwUHpxnd77NrkTMeJV67vd1n_p&index=7

  • #3

    Wissenswert (Sonntag, 10 Dezember 2017 16:15)

    "Carnaps Schriften stehen im Rahmen einer Tradition, die seit dem siebzehnten Jahrhundert weite Verbreitung gefunden hat. In dieser Tradition ist von den "induktiven Wissenschaften" die Rede. Damit war ursprünglich gemeint, der Forscher solle genaue Beobachtungen anstellen, sorgfältig Experimente durchführen und die Ergebnisse wahrheitsgemäß aufzeichnen. Dann soll er Verallgemeinerungen formulieren [ALSO INDUKTIVE SCHLÜSSE ZIEHEN] [...]. Carnaps Philosophie ist eine dem zwanzigsten Jahrhundert angepaßte Version dieser Einstellung. Nach seiner Auffassung sind Beobachtungen die Grundlage unserer Erkenntnis, und in seiner Spätphilosophie beschäftigt er sich mit dem Versuch, eine induktive Logik zu ersinnen, durch die sich erklären ließe; inwiefern umfassend anwendbare Hypothesen von Beobachtungsbeöegen gestützt werden können.

  • #2

    Wissenswert (Sonntag, 10 Dezember 2017 16:01)

    Ja, die Mathematik ist eine deduktive Wissenschaft. Das heißt auch, dass mathematisches Rechnen nie gehaltserweiternd ist. Wer bspw. addiert und subtrahiert, kommt zu keinem Ergebnis, dass nicht schon in arithmetischen Grundaxiomen versteckt war.

  • #1

    Wissenswert (Samstag, 09 Dezember 2017 23:05)

    So haben Wissenschaftler zum Beispiel Antimaterie und Supraleitung, Radiostrahlung und Gravitationswellen, Neutronensterne und Schwarze Löcher, Neutrinos und andere exotische Elementarteilchen sowie die Kosmische Hintergrundstrahlung vom Urknall und die den Weltraum zur beschleunigten Ausdehnung antreibenden Dunkle Energie ersonnen, lange bevor man sie nachweisen konnte - oder überhaupt auf die Idee kam, sie einmal nachzuweisen.


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