Falsifikationismus

Der Falsifikationismus (auch: kritischer Empirismus) ist die ursprünglich von Karl R. Popper entwickelte Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus. Popper schlägt mit der Falsifikation und der Falsifizierbarkeit Lösungen für u.a. das Induktionsproblem und dem Abgrenzungsproblem vor. Das heißt zu den Fragen, wo die Grenzen der empirischen Wissenschaften liegen (deskriptiv) und welche Methoden sie anwenden sollten (normativ).

Karl R. Popper
Karl R. Popper

1. Falsifikation und Induktionsproblem

Die Wissenschaftstheorie vor 1934 stand vor folgendem Trilemma:

1.    Die Erfahrungswissenschaften sind ein rationales Unternehmen.

2.    Die Rationalität von Induktionsschlüssen lässt sich nicht rechtfertigen.

3.    Die Erfahrungswissenschaften beruhen auf Induktionsschlüssen.

Die Annahmen 1 – 3 erschienen allesamt sehr plausibel. Ihre Konjunktion führt aber in einen Widerspruch, d.h. mindestens eine Annahme muss falsch sein.

Karl Popper versuchte in Logik der Forschung das Problem wie folgt zu lösen:

Annahme 1 ist wahr. Siehe hierzu den zweiten Abschnitt.

Annahme 2 ist ebenfalls wahr. Eine Induktion schließt vom Spezifischen zum Allgemeinen. Ein klassisches Beispiel ist dieses hier:

P1. Alle bisher beobachteten Schwäne S1, S2, ... Sn waren weiß.
K1. Alle Schwäne sind weiß.

Dieses Argument ist offenkundig nicht-demonstrativ. Denn auch eine noch so hohe Anzahl n an beobachteten weißen Schwänen macht es nicht zwingend, dass alle Schwäne weiß sind. In der Tat könnte bereits der nächste Schwan n+1 weiß sein. Das Argument kann aber zwingend gemacht werden, indem man P2 zufügt:

P1. Alle bisher beobachteten Schwäne S1, S2, ... Sn waren weiß.
P2. Alle Schwäne sind wie die bisher beobachteten Schwäne S1, S2, ... Sn.

K1. Alle Schwäne sind weiß.

Prämisse P2 behauptet das Prinzip der Gleichförmigkeit der Natur (kurz: PUA).

Das PUA lässt sich aber weder demonstrativ noch induktiv-zirkelfrei begründen. Folglich lassen sich auch Induktionsschlüsse als solches nicht rechtfertigen.

Popper geht aber noch einen Schritt weiter: Folgt man seiner Darstellung, so hat David Hume mit dem Induktionsproblem gezeigt, dass es Induktion gar nicht wirklich gibt, sie sei nur ein "Mythos"[1], "Märchen"[2], eine "Illusion."[3]

Also muss die Annahme 3 falsch seinDie Erfahrungswissenschaften beruhen nicht auf Induktion (Induktivismus), sondern auf Deduktion (Deduktivismus). Und sie versuchen nicht Hypothesen zu verifizieren, sondern sie zu falsifizieren.

Das klassische Beispiel:

P1. Wenn H wahr ist, dann sind alle Schwäne weiß.
P2. Am Ort x zum Zeitpunkt t wurde ein nicht-weißer Schwan beobachtet.
K1. Die Hypothese H ist nicht wahr bzw. falsifiziert.

Dieses Argument ist ein gültiger modus tollens. D.h. es ist deduktiv-zwingend!

Poppers Lösung: Poppers Deduktivismus löst also das Induktionsproblem!

2. Falsifizierbarkeit und Abgrenzungsproblem

Aus dem Bisherigen folgt nun Karl Poppers Antwort auf das Abgrenzungsproblem.

Das Abgrenzungsproblem betrifft die Frage, ob und wie sich erfahrungs-wissenschaftliche Hypothesen von anderen Hypothesen abgrenzen lassen.

Poppers Lösung: Eine Hypothese H ist erfahrungswissenschaftlich, gdw. es mindestens eine Beobachtung B gibt, die in Widerspruch zu H steht (B ¬H).

Kurz: Eine Hypothese H ist erfahrungswissenschaftlich, gdw. H falsifizierbar ist.

Fallibilismus: Folglich sind alle erfahrungswissenschaften Hypothesen fehlbar.

Beispiele 1. Falsifizierbare Hypothesen:

H1. Mittwochs regnet es überall.

H2. Alle Stoffe dehnen sich bei Hitze aus.
H3.
Wenn ein Lichtstrahl von einem ebenen Spiegel reflektiert wird, ist der Einfallswinkel gleich dem Ausfallswinkel.
H4. Alle Elementarteilchen bestehen aus eindimensionalen Strings.

Die Hypothesen H1 – H4 sind prinzipiell falsifizierbar durch Beobachtungen wie:

B1. Am Mittwoch, den 12.06.2019, hat es in Münster nicht geregnet.

B2. Wasser dehnt sich Nahe des Gefrierpunkts nicht aus, wenn es erhitzt wird.

B3. Ein Lichtstrahl fällt in einem schrägen Winkel in einen ebenen Spiegel; daraufhin wird der Lichtstrahl vom Spiegel in einem rechten Winkel reflektiert.

B4. Der futuristische Teilchenbeschleuniger SuperCern konnte den Beweis erbringen, dass Elementarteilchen aus etwas anderem als Strings bestehen.

Beispiele 2: Nicht-Falsifizierbare Hypothesen:

H5. Entweder es regnet oder es regnet nicht.

H6. Alle Punkte auf einem euklidischen Kreis befinden sich gleich weit vom Mittelpunkt entfernt.
H7. Es gibt einen außerweltlichen 
deistischen Gott.

H8. Bei Sportwetten kann Glück im Spiel sein.

Die Hypothesen H5 - H8 sind nicht-falsifizierbar, denn: (H5) ist eine Tautologie und tertium non datur wahr. (H6) ist analystisch wahr, da ein euklidischer Kreis so definiert ist. H7 & H8 machen keinen empirisch feststellbaren Unterschied.

Also: Die Hypothesen H5 - H8 werden von keinem logisch möglichen Weltverlauf widerlegt, was sie immun gegen Kritik und letztendlich unwissenschaftlich macht.

Nach Popper sind die marxistische Geschichtstheorie, die freudsche Psych-oanalyse und die Astrologie in diesem Sinne unwissenschaftliche Theorien.

Dahingegen nennt er die Allgemeine Relativitätstheorie als Beispiel für eine gute wissenschaftliche Theorie. Siehe: Popper und die Sonnenfinsternis 1919.

„Es ist möglich, dass ich mich blamiere.

Indes ist dann immer mit einiger Dialektik wieder zu helfen.

Ich habe natürlich meine Aufstellungen so gehalten,

dass ich im umgekehrten Fall auch recht habe.“

- Karl Marx: Brief an Engels (1857), MEW 29, 161

2.2. Falsifizierbarkeitsgrade

Die Güte aller falsifizierbaren Theorien ist jedoch nicht gleich hoch.

Die Güte einer Theorie ist umso höher, je höher ihr Falsifizierbarkeitsgrad, d.h. die Menge aller Falsifikationsmöglichkeiten bzw. ihr empirischer Gehalt ist.

Beispiel 1:

(A) Der Mars bewegt sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne.

(B) Alle Planeten bewegen sich auf einer elliptischen Bahn um ihre Sonne.

Die Theorie (B) ist empirisch umfassender und damit besser als Theorie (A).

Beispiel 2:

(A) Der Mars bewegt sich auf einer elliptischen Bahn um die Sonne.

(C) Der Mars bewegt sich um die Sonne.

Die Theorie (B) ist empirisch präziser und damit besser als die Theorie (A).

EG(C) ⊆ EG(A) ⊆ EG(B); B → A → C.
EG(C) ⊆ EG(A) ⊆ EG(B); B → A → C.

Hinweis: Im raffinierten Falsifikationismus werden zusätzlich noch Neuartigkeit und Kühnheit als Güterkriterien für wissenschaftliche Theorien vorgeschlagen.

3. Kritik

àKritik am Kritischen Empirismus

Einzelnachweise

[1] Karl Popper: Vermutungen und Widerlegungen: Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis (1994), S. 77
[2] Karl Popper: Realismus und das Ziel der Wissenschaft (2002), S. 39
[3] Karl Popper: Replies to my Critics (1974), S. 1015

Siehe auch:

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Stand: 2019

Kommentare: 6
  • #6

    WissensWert (Sonntag, 01 April 2018 23:06)

    https://www.youtube.com/watch?v=xN6Gw0tQNgk

  • #5

    Wissenswert (Dienstag, 23 Januar 2018 23:19)

    https://www.sapereaudepls.de/2014/05/13/religion-und-naturwissenschaft/

    "Wer sich mit den Naturwissenschaften auseinandersetzt, wird fasziniert sein von ihren Bemühungen sich selbst immer wieder empirisch in Frage zu stellen. Theorien sind Blaupausen für Experimente, deren Ergebnisse zu einer präziseren oder gar neuen Theorie führen. Die Theologie sucht nicht, sondern ignoriert empirische Widerlegungen, wie etwa die der jungfräulichen Geburt. Die Krone wird aufgesetzt, wenn Physiker trotzdem skeptisch genug sind, wenn sie von Belegen, nicht von Beweisen sprechen, und Theologen in ihrer Gutgläubigkeit von „der einen Wahrheit.“

  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 14 Juni 2017 13:33)

    die aktuelle ausgabe von spektrum der wissenschaft ist ein guter belegt dafür, dass die wissenschaft (im gegensatz zur religion) in der lage ist, ihre annahmen ständig zu überprüfen und ggf. zu korrigieren.
    http://www.spektrum.de/inhaltsverzeichnis/eine-neue-kosmologie-spektrum-der-wissenschaft-6-17/1425057

  • #3

    WissensWert (Samstag, 18 Februar 2017 21:17)

    Auch in Amerika zählen laut herausposaunte Befindlichkeiten ähnlich viel wie empirisch erwiesene Fakten. Jeder sechste Biologielehrer ist ein Anhänger des Kreationismus und Trump ignoriert die Wissenschaft gleich völlig („Der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen“). In einer 2011 durchgeführten Befragung konnten 2/3 der Amerikaner keinen einzigen derzeit lebenden Wissenschaftler benennen. Die freie Wissenschaft und ihre Anerkennung ist bedroht. Im deutschsprachigen Raum sieht das nicht anders aus.

    An meiner Uni sind die meisten Studierenden der Geisteswissenschaften der Meinung, dass Wissenschaft nur eine Art Wahrheit sei. Viele faseln irgendetwas von „Wissenschaftsgläubigkeit“ und haben augenscheinlich eines der zentralsten Prinzipien, nämlich die Falsifikation, nicht verstanden. Wissenschaft bringt demnach niemals „ewige Wahrheiten“ hervor, wie sie die Bibel oder der Koran behaupten, sondern immer nur Wahrheit auf Zeit, die durch Empirie und Logik revidiert oder erweitert werden kann.

    Es wird Zeit, dass schon die Kinder in den Schulen von der wissenschaftlichen Methode erfahren und beigebracht bekommen, wie man zur (aktuell) gesicherten Erkenntnis kommt. Wer die wissenschaftliche Methode kennt und Fakten von Meinungen unterscheiden kann, so glaube ich, ist auch gegenüber Populisten gewappnet, die vermeintliche Wahrheiten zu ihren Gunsten verbiegen. Erdogan, Orban, Trump und Petry haben gerade wegen unkritischer Bürger leichtes Spiel, die Wahrheiten als trendiges Lebensgefühl missverstehen zu scheinen.

    Schuld daran sind auch die Linken, die die Realität und die Fakten jahrelang geleugnet und relativiert haben, um ihr Weltbild nicht revidieren zu müssen. Dabei haben sie diesen Relativismus auch anderen Gesellschaftsmitgliedern aufgedrückt (political correctness). Viel gravierender ist aber ihr manipulativier Umgang mit Wahrheit, den viele entweder kritiklos übernommen haben oder ihre Abwendung von dieser Art des Denkens explosionsartig („Volksverräter!“) vollzogen, um sich nicht weniger wahrheitsfeindlichen Parteien anzuschließen. Die meinungsdiktatorisch auferlegte Leerstelle der Wahrheitssuchenden (das ist jeder Mensch) wird ohne geeignetes Rüstzeug mit gefühlten Wahrheiten besetzt, die dann durch Bestätigungsfehler (man wählt Informationen aus, die die eigenen Erwartungen erfüllen) und Populisten zementiert werden.

    So verblödet die ganze Menschheit und macht sich gegenüber irrationalen Spinnern wie Erdogan oder Trump verwund- weil manipulierbar. Ich fordere deshalb eine Erneuerung der Debattenkultur, die sich an der wissenschaftlichen Methode orientiert und verpflichtend schon in den Schulen gelehrt werden muss. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.

    (Eine ausführlichere Analyse Debattenkultur findet ihr hier: http://gottunddiewelt.net/2017/02/04/debattenkultur-heute/)

  • #2

    WissensWert (Donnerstag, 10 November 2016 13:49)

    Abt. Diskurswerfen:

    Vielen Christen entgeht die Ironie des Ganzen vollkommen:

    Da behaupten sie, dass die Wissenschaft auf Glaubensaussagen basiert, wie ihr Glauben auch, im Vertrauen darauf, damit eine Art "mexikanisches Patt" erzielen zu können. Dabei vergleichen sie Voraussetzungen (von denen sie weder die Konsequenzen verstehen, noch, worauf diese Glaubenssätze wiederum gründen), die noch nie ein sinnvolles Ergebnis vorweisen konnten, oder etwas vorhersagen konnten, mit wissenschaftlichen Resultaten - auf einem Computernetzwerk, das nicht funktionieren würde, wenn die Voraussetzungen der Wissenschaft und ihre Arbeitsweise nicht gänzlich anders wären, als sie begreifen.

    Wenn sie nur im Entferntesten recht hätten, könnte ich ihre Botschaft hier nicht lesen.

    Sie können ja mal versuchen, ihren apologetischen Quatsch stattdessen mit Beten im kleinen Kämmerchen zu verbreiten, statt über eine Hochtechnologie, die ohne Wissenschaft unmöglich wäre. Und dann die Ergebnisse vergleichen: Wie viel von ihrer Botschaft konnte durch übernaturalistischen Unsinn telepathisch verbreitet werden, wie viel durch auf Wissenschaft basierenden Computern?

    Wir brauchen den Test nicht durchzuführen, jeder weiß, wie er ausgehen wird. Aber man tut immer noch, als habe man eine vergleichbare Denkweise. Aber man weiß schon, worauf man sich verlässt - und das ist nicht der eigene Glauben. Weil der eigene Glauben so klein ist, muss man die Wissenschaft kleinreden. Damit man bei Kollisionen zwischen beiden behaupten kann, der Glauben sei besser als die Wissenschaft, oder gleichwertig.

  • #1

    WissensWert (Samstag, 16 Juli 2016 20:38)

    "Und nocheinmal, weil es so schön war, Volker Dittmar. Bitte streiche die Bezeichnung "linker Faschismus" aus deinem Vokabular." - Gut, dann nenne ich das eben "linken Totalitarismus".

    Das Problem ist diese elende Herumtheoretisiererei. Man hat eine "ideale Ideologie X" (für X kann man einsetzen: Faschismus, Kommunismus/Sozialismus, Islam, Kapitalismus, Christentum etc. pp.), in der ganz genau festgelegt wird - eben in reiner Theorie - wie die Welt zu sein und wie die Menschen zu leben haben, damit sie "glücklich" sind oder "rechtgeleitet", oder eben bessere Menschen - Herrenrasse, Kommunisten, Muslime, gute Christen, wohlhabende Kapitalisten, oder was auch immer.

    Ich schwöre, dass diese Welt ein besserer Ort wäre, wenn nicht so viele Leute hier herumlaufen würden, die meinen, sie wüssten besser als ich, was mich glücklich macht, mir gut tut, oder wie das "rechte Leben" für mich aussieht. Und die nichts haben als eine Theorie aus einer Weltanschauung, die sich die Welt nicht einmal angeschaut hat. Die eben bloße Theorie ist, aus dem 1., dem 7., dem 19. oder dem 20. Jahrhundert.

    Für die komplexen Systeme unserer Gesellschaft sind diese ganzen Theorien viel zu primitiv. Sie sagen, tue dieses, tue jenes, und die Welt wird besser. Man macht es, und die Welt wird die Hölle auf Erden. Und dann wundert man sich, aber statt sich zu fragen: Ist es das wert? Gibt es Gründe, warum das nicht funktioniert? Was könnte man verbessern? pocht man darauf, dass die "reine Lehre" das große Glück bringt, und man verdoppelt seine Anstrengungen, während man seine Ziele verfehlt.

    Die treffende Charakterisierung - das Titelbild in meinem Profil - lautet:

    Haben uns verirrt, komme aber gut voran.

    Man macht Fortschritte. Man weiß bloß nicht, wohin die führen werden. Man hat seine "Propheten" - Platon, Jesus, Mohammed, Hegel, Marx, Lenin, Hitler, tausende - und alles wird besser, wenn man denen ganz genau folgt. Jeder Fehlschlag beweist nicht, dass die auch keine Ahnung hatten, sondern bloß, dass man bei der Umsetzung etwas falsch gemacht hat und der Mensch schwach ist. Die Ideologie ist ideal, bis sie auf die Realität kracht. Und dann gibt es blutige Köpfe und Scherben, und Schuld haben immer die anderen, die Juden, die Kapitalisten, die Kommunisten, die Faschisten, die Illuminaten, der Weihnachtsmann.

    Alles, was man tut, hat nicht nur Wirkungen, sondern auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen. Und diese können die Wirkung in ihr Gegenteil verkehren. Und dann führt mehr Anstrengung beim Streben eben zu noch mehr Chaos.

    Eine Theorie - oder Ideologie - ist niemals besser als ihre Umsetzung in der Realität. Die Wirklichkeit ist das Maß aller Dinge, nicht irgendwelche zurechtfantasierten Spökenkiekereien. Scheitert eine Idee an der Realität, muss man die Idee ändern oder aufgeben und etwas anderes versuchen. Und man muss die Leute fragen, ob sie das so haben wollen, statt zu meinen, man selbst wüsste besser, was für die anderen gut ist.

    Am verheerendsten sind die Totalitarismen, egal ob von links, von rechts, von oben, von unten, oder von hinten. Man setzt ungestraft keine Ideologen aus vorigen Jahrhunderts an das Steuer komplexer Regelkreise, die sich zudem permanent ändern. Eine Idee, gestern gut, kann heute mehr Schaden anrichten als man sich erträumt hat.

    Man kann sich die Realität nicht anhand von Weltanschauungen aus den vorherigen Jahrhunderten basteln. Wir leben in einer Welt, in der Maßnahmen Wirkungen haben, oft überraschende, und es ist nirgendwo eine Welt, an keiner Stelle, an keinem Ort, die jemals jemand verstanden oder durchschaut hat, der nicht in ihr lebt. Wir müssen diese Welt nach den Vorstellungen der Lebenden gestalten, nicht nach der von Toten.

    Wir brauchen weniger Theorie und mehr Mut, etwas auszuprobieren und zu sagen: Wenn das nicht klappt, machen wir was anderes. Und wenn es nicht mehr klappt, machen wir auch was anderes. Und wir fragen die Leute, was sie haben möchten, und beteiligen sie, statt stets zu glauben, wir seien schlauer als alle anderen. Das glauben nämlich überwiegend nur Deppen.

    Warum ist diese Welt mit Religion kein schlechterer Ort? Weil der Schaden, den Deppen anrichten können, oft durch ihre eigene Dummheit begrenzt wird, oder ihre Ignoranz (und ignorant sind wir alle, auch ich). Aus denselben Gründen hat keine Religion diese Welt zu einem besseren Ort machen können: Weil der Nutzen, den Deppen bewirken können, oft durch ihre eigene Dummheit begrenzt wird, oder ihre Ignoranz.

    Und ein Depp mit einer Theorie bleibt ein Depp, der jetzt allerdings nicht mehr weiß, warum es schiefgeht, weil die Theorie ja angeblich so perfekt ist.

    "Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, dann ist das Leben erklärt" (Mark Twain)


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