„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Standardanalyse des propositionalen Wissens

Die Standardanalyse des Wissens definiert propositionales Wissen als wahre, gerechtfertigte Überzeugung.

D.h. Ein Subjekt S weiß die Proposition[1], dass p, genau dann, wenn:

(i) S überzeugt ist, dass p.
(ii) die Proposition, dass p, wahr ist.
(iii) S in seiner Überzeugung, dass p, gerechtfertigt ist.

Diese Definition lässt sich bis zu Platon zurückverfolgen und galt daraufhin für über zweitausend Jahre bis hin zu Gettiers Gegenbeispielen in den sechziger Jahren als die allein maßgebliche Definition. Sie soll hier deshalb auch als "Standardanalyse" des Wissens bezeichnet werden.

1. Die drei Bedingungen

Die Standardanalyse des Wissens liefert uns drei Bedingungen, die einzeln notwendig und zusammen hinreichend für propositionales Wissen sein sollen.

Im Folgenden soll nun dargelegt werden, was jeweils für (und gegen) die einzelnen Bedingungen spricht.

a. Überzeugung

Stellen Sie sich für einen Moment eine Welt ohne Lebewesen mit einer kognitiven Perspektive vor. Unsere Welt ist zurzeit nicht von dieser Art, aber sie ist es vor der Entstehung höher entwickelten tierischen Lebens einmal gewesen und könnte unter ungünstigen Umständen auch wieder auf diesen Zustand zurückfallen. In einer solchen Welt kann es Information geben: Baumringe tragen beispielsweise Information über das Alter eines Baumes. Information ist also nicht auf eine kognitive Perspektive angewiesen. Es genügt, wenn es eine gesetzmäßige Beziehung zwischen dem Träger der Information und dem, worüber er Information trägt, gibt.[2]

Aber in einer Welt ohne kognitive Perspektive kann es umgekehrt kein Wissen geben. Wissen liegt nur dann vor, wenn der Gegenstand des Wissens von jemandem kognitiv erfasst wird. Propositionales Wissen kann es also nur geben, wenn es zusätzlich jemanden (ein höherentwickeltes Säugetier, Gott etc.) gibt, der propositionale Einstellungen haben kann. Doch auch nicht jede propositionale Einstellung ist gleich auch eine Überzeugung!

Damit eine Überzeugung vorliegt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Erstens muss eine bestimmte Entsprechungsrichtung vorliegen. Überzeugungen müssen sich nach der Welt richten, um korrekt zu sein, und nicht umgekehrt (wie es z.B. bei Wünschen der Fall ist[3]). Und zweitens stimmt jemand, der von einer Proposition überzeugt ist, ihrem Inhalt zu. Er ist sich subjektiv sicher, dass es sich so verhält. Ganz anders verhält es sich, wenn jemand die Wahrheit einer Proposition nur in Erwägung zieht oder sogar nur erhofft. Die erste Bedingung ist im Fall des propositionalen Wissens offensichtlich erfüllt, denn wenn wir uns um Wissen bemühen, dann streben wir danach, die Welt so zu erfassen, wie sie ist (und nicht z.B. wie wir uns sie wünschen). Wir streben nach Wahrheit. Wie aber verhält es sich mit der zweiten Bedingung? Einige Erkenntnistheoretiker argumentieren, dass man die Wahrheit einer Proposition auch bloß in Erwägung ziehen oder vermuten kann, um (unter ansonsten geeigneten Umständen) Wissen zu haben. Ich persönlich halte ihre Argumente jedoch nicht für überzeugend, weshalb ich die Überzeugungs-bedingung weiterhin für notwendig halte.

b. Wahrheit

Was spricht für die Wahrheitsbedingung des Wissens? "Wissen" ist ähnlich wie "wahrnehmen" oder "erinnern" ein Erfolgsverb. Genauso wenig, wie wir wahrnehmen können, ohne dass der wahrgenommene Gegenstand existiert, oder uns erinnern können, ohne dass es das erinnerte Ereignis in der Vergangenheit gab können wir wissen, ohne dass das, was wir wissen (die Proposition), wahr ist. Unsere kognitive Perspektive muss eine Tatsache in der Welt erfassen, damit wir Wissen zuschreiben können; und das bedeutet nichts anderes, als dass die kognitive Perspektive wahr sein muss (siehe z.B. Korrespondenztheorie der Wahrheit). Über die Wahrheitsbedingung des Wissens besteht allgemeine Einigkeit. Man kann zwar auch von unwahren Propositionen überzeugt sein, aber dann ist man nicht im Besitz von Wissen.

c. Rechtfertigung

Sehen wir uns nun die dritte Bedingung der Standardanalyse des Wissens an. Was ist damit gemeint, dass eine Person gerechtfertigt ist, eine bestimmte (wahre) Proposition zu glauben? Es ist gar nicht so einfach, die richtige Antwort auf diese Frage zu geben. Für ein erstes gibt es aber ein ganz naheliegendes Verständnis der Rechtfertigungsbedingung, welches auch die traditionelle Konzeption des Wissens bestimmt hat. Eine Person ist demnach gerechtfertigt, eine bestimmte Proposition zu glauben, wenn aus ihrer Perspektive etwas für die Wahrheit dieser Proposition spricht. Es muss einen Grund geben, der für die Wahrheit der Proposition spricht, und dieser Grund muss der Person bekannt sein. Es kann also danach nicht der Fall sein, dass jemand gerechtfertigt ist, ohne dass ihm der rechtfertigende Grund bewusst ist (Es gibt keine unbewussten Gründe, die zu Wissen führen können). Nach dieser Auffassung sind Gründe mentale Zustände der Person selbst. Iwans Überzeugung, dass er sterblich ist, wird dadurch gerechtfertigt, dass er glaubt, dass alle Menschen sterblich sind und er selbst ein Mensch ist. Iwan hat eine interne (da durch kognitive Faktoren bestimmte) Rechtfertigung für seine Überzeugung, dass er sterblich ist.

2. Das Gettier-Problem

Iwan hat die (referentiell) (i) gerechtfertigte, (ii) wahre (iii) Überzeugung, dass er sterblich ist. Nach der Standardanalyse des Wissens würde man ihm demnach Wissen zuschreiben. Diese Standardanalyse des Wissens konnte sich bis 1963 auch (nahezu) unbehelligt behaupten. Sie hatte bis dahin geradezu den Status eines evidenten Prinzips. Dann erschein ein kleiner, eineinhalbseitiger, fast unscheinbarer Artikel des zu diesem Zeitpunkt völlig unbekannten amerikanischen Philosophen Edmund Gettier in der renommierten Zeitschrift Analysis. Wenn man der Legende glauben darf, handelte es sich eher um das Zufallsprodukt eines verzweifelt um seine akademische Weiterbeschäftigung kämpfenden Nachwuchsphilosophen, der bis dahin einfach zu wenig publiziert hatte, um eine lebenslange Anstellung an seiner Universität zu bekommen. Der unscheinbare Artikel enthielt zwei Beispiele, die zeigen sollten, dass die Standardanalyse des Wissens nicht hinreichend sein kann. Gettiers Artikel schlug ein wie eine Bombe in der akademischen Welt und erschütterte die erkenntnistheoretische Orthodoxie nachhaltig. Vielleicht hat nie ein anderer philosophischer Text von solch bescheidenem Umfang jemals eine derartig überwältigende Rezeption erfahren. Dabei handelte es sich ironischerweise nur um eine philosophische Verlegenheitsarbeit.

Gettiers erstes Gegenbeispiel geht so:

 

Smith und Jones haben sich für eine Arbeitsstelle beworben. Smith hat starke Gründe, das Folgende zu glauben:

 

·       Jones ist derjenige, der den Arbeitsplatz bekommen wird, und Jones hat zehn Münzen in seiner Tasche.

 

Smiths Gründe für (a) bestehen darin, dass der Chef ihm versichert hat, dass er am Ende Jones auswählen würde, und dass er, Smith, die Münzen in Jones’ Tasche vor zehn Minuten gezählt hat. Aus (a) zieht Smith den folgenden Schluss:

 

·       (b) Derjenige, der den Job bekommt, hat zehn Münzen in der Tasche.

 

Smith glaubt (b) nur deshalb, weil er die logische Schlussfolgerung von (a) nach (b) einsieht. In diesem Fall ist Smith gerechtfertigt, (b) zu glauben.

 

Nun ist es jedoch so, dass – ohne dass Smith dies weiß – Smith den Job bekommt, und Smith ebenfalls – ohne dass Smith dies weiß – zehn Münzen in der Tasche hat. (b) ist daher wahr, obwohl (a), woraus Smith (b) gefolgert hat, falsch ist.

 

Es gilt daher:

·         Smith glaubt, dass (b),

·         (b) ist wahr,

·         Smith ist gerechtfertigt zu glauben, dass (b).

 

Aber es ist auch klar, dass Smith nicht weiß, dass (b) wahr ist. Denn (b) ist nur deshalb wahr, weil Smith den Arbeitsplatz bekommt und zehn Münzen in der Tasche hat, und nicht etwa deshalb, weil Jones den Arbeitsplatz bekommt und zehn Münzen in der Tasche hat. Smith gründet seine Meinung, dass (b), auf das Nachzählen der Münzen in Jones‘ Tasche und darauf, dass er fälschlicherweise annimmt, dass Jones den Job bekommen würde. Da Smith also über eine (i) gerechtfertigte, (ii) wahre (iii) Überzeugung verfügt, jedoch nicht über Wissen, kann die Standardanalyse des Wissens nicht hinreichend sein.

Zunächst nahm man an, dass Gettier mit seinen Gegenbeispielen kein sehr tief greifendes Problem präsentiert hatte und dass sich die Standardanalyse mit einigen technischen Tricks repariere ließe. Auf jeden neuen Definitionsvorschlag wurden jedoch neue gettierähnliche Gegenbeispiele vorgebracht, so dass sich die Abfolge von Definitionsvorschlägen und Gegenbeispielen bald zu einer ganzen Industrie verselbstständigte. Deshalb zweifeln mittlerweile nicht wenige Erkenntnistheoretiker daran, dass man überhaupt eine vollständig zufriedenstellende Definition des Wissens finden kann oder dass die Suche nach Definitionen des Wissens finden kann oder dass die Suche nach Definitionen überhaupt ein sinnvolles philosophisches Projekt ist. Die Debatte darüber, was wir über das Wissen wissen, ist also wieder völlig offen.

3. Geschichte

Oftmals schreibt man bereits Platon zu, Wissen als gerechtfertigte wahre Meinung verstanden zu haben. So findet sich im Dialog Menon die traditionelle Bestimmung des Wissens (episteme) als durch Begründung gebundene richtige Meinung (orthe doxa):

"[...] auch die richtigen Überzeugungen sind eine schöne Sache, solange sie leiben, und bewirken alles Gute; lange Zeit aber pflegen sie nicht zu bleiben, sondern gehen davon aus der Seele des Menschen, so dass sie doch nicht viel Wert sind, bis man sie bindet durch Aufweisung ihrer Begründung. Und dies, Freund Menon, ist eben die Erinnerung, wie wir im Vorigen zugestanden haben. Nachdem sie aber ebunden werden, werden sie zuerst Erkenntnis (gr. ´episteme´ = Wissen) und dann auch bleibend. Und deshalb nun ist die Erkenntnis höher zu schätzen als die richtige Überzeugung, und es unterscheidet sich eben durch das Gebundensein die Erkenntnis von der richtigen Überzeugung."[4]

Platon behauptet hier eigentlich gleich mehrere Dinge auf einmal. Erstens liegt Wissen dann und nur dann vor, wenn jemand zusätzlich zu der wahren Überzeugung (ii (die Platon "richtig" nennt)) auch noch über eine Rechtfertigung (iii) verfügt. Platon macht also einen Vorschlag für die Definition von Wissen. Zweitens sagt er etwas über die Funktion der Begründung aus. Die Begründung soll die wahre Überzeugung "binden", so dass sie eine stabile Verankerung im Überzeugungshaushalt der Person bekommt und nicht so leicht verschwinden kann. Und drittens´ behauptet Platon, dass Wissen aufgrund dieser Stabilität mehr wert ist als eine Überzeugung, die bloß wahr ist. Das ist die Mehrwertsthese

Auch im Gorgias werden Wissen und Überzeugtsein dadurch definiert, dass zum Wissen stets Wahrheit gehöre, zum Überzeugtsein jedoch nicht zwangsläufig;[5] ebenso spricht Platon im Politikos von „wahrer Meinung mit Absicherung“ (alethes doxa meta bebaioseo).[6]

Platon stellt seine eigene Analyse jedoch im Theaitetos wieder infrage: Er negiert hierbei gerade, dass Wissen (episteme) "wahre Meinung [über x] mit Wissen von einem Unterschied [von dem, was x von allen relevanten Alternativen x-artigen Typs unterscheidet], einem Grund oder einer Erklärung" wäre (doxa orthê meta epistêmês diaphorotêtos: logou […] proslêpsis).[7] Die Bestimmung von Wissen als „wahre Meinung mit Begründung“ wird verworfen,[8] da die Begründung einer Meinung wiederum begründet werden müsste und ebenso die Begründung der Begründung, was zu einem infiniten Regress führen würde. Vielmehr müsste es einen begründungslosen Anfang aller Begründung geben. Die Begründung einer Meinung muss sich daher auf bereits vorhandenes Wissen stützen, um die wahre Meinung zu Wissen werden zu lassen.[9] Jedoch kann auch die Definition „Wissen ist durch Wissen begründete wahre Meinung“ nicht gültig sein, da der zu definierende Begriff in der Definition enthalten ist und dies zu einem Zirkelschluss führen würde. Der Dialog endet aporetisch.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dennoch rege kolportiert, dass Platon Wissen als wahre gerechtfertigte Meinung analysiert habe und somit als Wegbereiter der Standardanalyse zu sehen sei.[10]

Fußnoten

[1] Eine Proposition ist allgemein der Inhalt eines Satzes oder einer Überzeugung. Propositionales Wissen bezieht sich also auf den Inhalt eines Satzes oder einer Überzeugung.

 

[2] Vgl. zum Informationsbegriff Dretske: The Pragmatic Dimension of Knowledge.

 

[3] Searle: Intentionality. An Essay in the Philosophy of Mind, S. 7f. S. unterscheidet zwei Entsprechungsrichtungen (directions of fit). Überzeugungen und Aussagen haben eine Geist-zu-Welt-Entsprechungsrichtung: Der Geist oder die Sätze sollen sich der Welt anpassen. Wünsche oder Versprechen haben eine Welt-zu-Geist Entsprechungsrichtugn: Die Welt soll dem Geist entsprechen.

 

[4] Platon 1970, Menon 97e-98a; meine Hervorhebung. Übersetzung leicht abgeändert.


[5] Platon, Gorgias 454d.

 

[6] Platon, Politikos 309c.

 

[7] Zur Interpretation: Timothy Chappell: Plato on Knowledge in the Theaetetus. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy., Kelly L. Ross: Knowledge, 2007

 

[8] Platon, Theaitetos 210a-b.

 

[9] Platon, Theaitetos 203 c-d.

 

[10] So etwa schon im Stellenkommentar von Lewis Campbell: The Sophistes and Politicus of Plato. Oxford 1867, S. 184: “‘real true opinion with confirmation:’ i.e. knowledge, as defined in Theaet. sub fin. and Meno 98 a, b; Phaedo 76; Tim. 51 d, e; Legg. 2, 653 b”. Dagegen wendet sich schon Hans Henning Raeder: Platons Philosophische Entwickelung, Teuber 1905, S. 347 mit Hinweis darauf, dass am Ende des Theaitetos nur die doxa auf real existierende Objekte bezogen werde, für Wissen aber ein höherer Status reserviert bleibe. Noch Rainer Enskat: Authentisches Wissen. Was die Erkenntnistheorie beim Platonischen Sokrates lernen kann. In: Amicus Plato magis amica veritas. Festschrift für Wolfgang Wieland zum 65. Geburtstag. Berlin / New York 1998, S. 101–43, 103f. meint, Platon habe im Theaitetos die „differenzierteste Arbeitsdefinition des Wissensbegriffs“ gegeben, an die Gettier nahtlos anknüpfe.

Stand: 2017

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