„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Gettier-Probleme

Die Standardanalyse des Wissens besagt, dass Wissen gerechtfertigte wahre Meinung ist: S (ein Subjekt) weiß, dass P (eine Proposition respektive Aussage), wenn (i) P wahr ist, (ii) S von P überzeugt und (iii) S in dieser Überzeugung gerechtfertigt ist.

Edmund Gettier zeigte 1963 in einem einflussreichen, nur dreiseitigen Aufsatz, dass diese Definition von Wissen wohl zu kurz greift. Die drei genannten Bedingungen seien zwar notwendig, aber nicht hinreichend für Wissen, denn eine gerechtfertigte und wahre Meinung kann auch durch "Zufall" wahr sein und dann stelle sie kein Wissen dar. Diese These illustrierte Gettier anhand von zwei beispielhaften Fällen, die wir gleich behandeln werden. Das Gettier-Problem besteht nun darin, die Standardanalyse entweder so zu verbessern,  dass sie mit derartigen Fällen zufällig wahrer gerechtfertigter Meinung umgehen kann, oder durch eine andere, bessere Analyse zu ersetzen. Es ist eines der Hauptprobleme der gegenwärtigen Erkenntnistheorie.

Die Standardanalyse des Wissens in der Kritik.
Die Standardanalyse des Wissens in der Kritik.

1. Die Standardanalyse des Wissens

Bis zur Publikation von Gettiers Aufsatz nahmen die allermeisten Erkenntnistheoretiker an, Wissen ließe sich als gerechtfertigte wahre Meinung analysieren. Genauer:

Ein Subjekt S weiß, dass P, dann und nur dann, wenn:

·         S glaubt, dass P (Überzeugung)

·         P ist wahr, und (Wahrheit)

·         S hat gute Gründe zu glauben, dass P (Rechtfertigung).

Nach der ersten Bedingung (Überzeugungsbedingung) kann man nur wissen, was man auch glaubt. (Hier werden, wie oft in der gegenwärtigen Erkenntnistheorie, „glauben“, „meinen“, „für wahr halten“, „überzeugt sein“ synonym verwendet.) Nach der zweiten Bedingung (Wahrheitsbedingung) kann man nur wissen, was auch tatsächlich der Fall ist. Nach der dritten Bedingung (Rechtfertigungs-bedingung) darf die Meinung nicht bloß geraten sein o. ä.; der Glaubende muss in der Lage sein, Gründe für seine Überzeugung anzuführen. Was genau unter der dritten Bedingung zu verstehen ist, ist umstritten. Gettier setzt jedoch nur zwei Annahmen über Rechtfertigung voraus, die vergleichsweise unkontrovers sind:

1.            Fallibilismus: Eine gerechtfertigte Meinung kann falsch sein.

2.            Deduktive Geschlossenheit: Wenn man aus einer gerechtfertigten Meinung eine andere Meinung logisch korrekt ableitet, dann ist auch die zweite Meinung gerechtfertigt. Das Gettier-Problem sollte daher für all jene Varianten der Standardanalysen von Wissen einschlägig sein, die die beiden Annahmen über Rechtfertigung teilen.

2. Gettiers Gegenbeispiele

Diese Standardanalyse des Wissens konnte sich bis 1963 (nahezu) unbehelligt behaupten. Sie hatte geradezu den Status eines evidenten Prinzips. Bis Gettier in der renommierten Zeitschrift Analysis zwei Gegenbeispiele unterbreitete. Sehen wir uns zunächst den ersten an:

Fall 1: Smith und der unverhoffte Job.[1]

Zwei Arbeitssuchende, nennen wir sie Smith und Jones, haben sich bei einer Firma auf diesselbe Stelle beworben. Smith hat nun glaubhaft vom Personalchef erfahren, dass sich die Firma letzten Endes für seinen Konkurrenten Jones entscheiden wird. Er hat außerdem beiläufig gesehen, dass Jones zehn Münzen in seiner Hosentasche mit sich herumträgt. Damit hat er gute Gründe für die Überzeugung:

 

(1) Jones ist derjenige, der die Stelle bekommt, und Jones hat zehn Münzen in seiner Hosentasche.

Daraus zieht er den folgenden deduktiven Schluss:

(2) Derjenige, der die Stelle bekommt, hat zehn Münzen in seiner Hosentasche.

 

Nun ereignen sich zufällig zwei Dinge, von denen Smith nichts weiß. Erstens hat Smith selbst auch genau zehn Münzen in seiner Hosentasche und zweitens bekommt er und nicht Jones am Ende die Stelle, trotz der gegenteiligen Vorabinformation. Wenn sich das alles zufällig so abspielt, wie Gettier annimmt, dann ist Smiths Überzeugung (2) wahr und gerechtfertigt. Dennoch würden wir ihm kein Wissen zuschreiben. Also, folgert Gettier, ist die Standardanalyse des Wissens falsch bzw. nicht hinreichend für Wissen. Jemand kann sehr wohl eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung besitzen und dennoch kein Wissen haben. 

Zunächst müssen wir uns klar machen, warum Smiths Überzeugung (2) gerechtfertigt und wahr ist (und daher nach der Standardanalyse auch eine Form von Wissen). Smith hat offenbar gute Wahrscheinlichkeitsgründe für seine Überzeugung (1). Er hört aus zuverlässiger Quelle, dass Jones die Stelle bekommen wird, und er sieht, dass Jones zehn Münzen in seiner Hosentasche mit sich trägt. Beide Gründe garantieren die Wahrheit jedoch nicht, denn zuverlässige Informanten können auch einmal Fehler machen (was im vorliegenden Fall ja auch passiert) und die Sinneserfahrung ist sicher nicht untrüglich. Nach dem Wahrscheinlichkeitsmodell der Rechtfertigung ist (1) also gerechtfertigt, nach dem strengeren Gewissheitsmodell jedoch nicht.

Wenn wir das Wahrscheinlichkeitsmodell der Rechtfertigung zugrunde legen, dann ist Smith in seiner Überzeugung (1) also gerechtfertigt (auch wenn sie bzw. die aussagenlogische Konjunktion falsch ist). Durch einen abschwächenden deduktiven Schluss gelangt er zu Überzeugung (2), die ebenfalls gerechtfertigt ist, da eine logische Implikation vorliegt und Rechtfertigung unter logischer Implikation geschlossen ist. (2) ist jedoch nicht nur gerechtfertigt, sondern auch wahr, und zwar wird (2) für Smith ganz unerwartet - durch ihn selbst wahr gemacht. Smith hat mit (2) also eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung. Dennoch zögern wir, ihm Wissen zuzuschreiben, weil seine gerechtfertigte Überzeugung (2) nur aufgrund eines glücklichen Zufalls wahr ist. Smith hat gewissermaßen ´Glück im Unglück´, da er von einer gerechtfertigten Überzeugung, die unglücklicherweise falsch ist, glücklicherweise eine wahre Überzeugung logisch deduktiv ableitet. Dieses zufällige Erzielen der Wahrheit ist mit unserem Verständnis von Wissen offenbar unverträglich.

Sehen wir uns nun Gettiers zweiten Fall an:

Fall 2: Meier und sein Golf.[2]

Smith weiß, dass Meier immer schon einen Golf besessen hat, und er wird auch gerade wieder von Meier in einem Gold mitgenommen. Das sind für Smith hinreichende Gründe um die folgende Position zu glauben:

 

(3) Meier besitzt einen Golf.

 

Auch bei diesen Gründen handelt es sich natrlich nur um Wahrscheinlichkeitsgründe, also bestenfalls um Indizien, die für die Wahrheit von (3) sprechen. Aber es handeltsich um Gründe von der Qualität, die wir üblicherweise als gute Rechtfertigungsgründe verstrehen. Nun hat Smith einen Fruend namens Krause, von dem er überhaupt nicht weiß, wo er sich der zeit befindet. Er lässt jedoch seine Phantasie spielen und denkt sich einen Ort aus, an dem sich Krause gerade aufhalten könnte. Wegen des Namens Krause kommt er auf erlin. Da Smith jemand ist, der logische Spielereien liebt, erkennt er sofort, dass man aus (3) die folgende Proposition deduktiv folgern kann:

 

(4) Meier besitzt einen Golf oder Krause hält sich in Berlin auf.[3]

 

Sobald Smith diesen Zusammenhang erkennt, gelangt er durch deduktive Inferenz aus seiner gerechtfertigten Überzeugung (3) zu der Überzeugung (4). Wenn das Prinzip der Geschlossenheit der Rechtfertigung unter logischer Implikation gilt, ist seine Überzeugung (4) gerechtfertigt. Nun passieren wieder zwei unerwartete Zufälle. Erstens besitzt Meier nämlich in Wirklichkeit seinen Golf nicht mehr, sondern fährt einen Mietwagen. (3) ist also falsch. Doch zweitens ist (4) dennoch wahr, weil sich Krause überraschenderweise tatsächlich in Berlin aufhält. Smiths Überzeugung (4) ist also gerechtfertigt und wahr. Gleichwohl würde man nicht sagen, dass Smith Wissen hinsichtlich von (4) besitzt. In diesem konkreten Fall ist es ein glücklicher Zufall, dass die gerechtfertigte Überzeugung wahr ist. Und eine zufällige wahre Überzeugung ist kein Fall von Wissen. Auch Gettiers zweiter Fall zeigt also, dass die Standardanalyse des Wissens nicht hinreichend ist. Sie kann erfüllt sein, ohne dass Wissen tatsächlich vorliegt.

Sehen wir uns etwas genauer an, was in den Gettierfällen schief geht. Aus der kognitiven Perspektive des Erkenntnissubjekts passieren keine Fehler. Smith bildet eine Überzeugung auf der Grundlage guter Wahrscheinlichkeitsgründe und folgert aus ihr auf logisch vollkommen korrekte Weise eine andere Überzeugung, die auf diesem inferenziellen Wege ihre Rechtfertigung erhält. Da Smith für seine Rechtfertigung nur Wahrscheinlichkeitsgründe zur Verfügung stehen, muss auch die Welt auf die richtige Weise mitspielen, damit seine inferenziell erworbene Überzeugung ein Fall von Wissen darstellt. In einer wichtigen Hinsicht tut sie das auch in den Gettierfällen. Die Schlussfolgerungen, die Smith zieht, sind nämlich wahr. Wenn dennoch in beiden Fällen kein Wisse zustande kommt, dann liegt das daran, dass die Welt in einer anderen Hinsicht nicht richtig mitspielt, d.h. sie ist so beschaffen, dass die Gründe, die Smith zur Verfügung stehen, nicht auf die richtige Weise mit der Wahrheit seiner Schlussfolgerung verbunden sind. Der Fehler lässt sich noch genauer lokalisieren. In beiden Fällen gelangt Smith nämlich zu einer gerechtfertigten, wahren Konklusion auf dem Umweg über eine gerechtfertigte, falsche Prämisse. Wäre allein die Außenwelt geringfügig anders gewesen, wären die jeweiligen Prämissen also nur wahr gewesen, dann hätten wir nicht gezögert, Smith und Meier Wissen zuzuschreiben. Hätte also im Fall von Fall 1 Jones die Arbeitsstelle bekommen, dann hätte Smith unter ansonsten gleichen Umständen Wissen gehabt. Und hätte im anderen Fall Meier tatsächlich einen Golf besessen, dann hätte Smith auch in diesem Fall unter ansonsten gleichen Umständen Wissen gehabt. Die Umstände hätten nur so sein müssen, dass die Wahrheit der gerechtfertigten Überzeugung nicht zufällig eingetreten wäre und es hätte Wissen vorgelegen.

Damit haben wir eine äußerst wichtige Einsichtig gewonnen: Wissen hängt nicht nur von einer gegenüber unseren kognitiven Perspektive externen Bedingung ab (der Wahrheit), sondern noch von einer anderen, nämlich vom im Zweifelsfall wissensgefährdenden Zufall. Die Welt muss auf beide Weisen mitspielen, zum einen wahrheitsgemäß mit der Überzeugung übereinstimmen, und zum anderen den wissensgefährdenden Zufall ausschließen, damit Wissen vorliegt. Welcher Art die wissensgenerierenden Zusatzfaktoren genauer sein müssen, um Gettierfälle zu vermeiden, darüber haben sich die Erkenntnistheoretiker nach Gettier erbitterte Debatten geliefert. Das wird uns an späterer Stelle noch eingehender beschäftigen. Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass diese wissensgenerienden Zusatzfaktoren externer Natur sein müssen.

3. Problematisierung verschiedener Lösungsansätze

3.1. Elimination falscher Annahmen

In Gettiers Beispielen kommt die gerechtfertigte wahre Meinung durch einen Schluss aus falschen Prämissen zustande. Es wäre aber verfrüht zu meinen, dass die Standardanalyse nun einfach zu verbessern wäre durch Anhängen einer Zusatzklausel:

 

·         (iv) Die Meinung, dass P, beruht nicht auf einem Schluss aus einer falschen Annahme.

 

Dass auch diese modifizierte Standardanalyse nicht hinreichend ist, haben weitere Beispiele gezeigt (siehe Feldman 1974), etwa das folgende: Smith betritt einen Raum und sieht Jones. Er bildet umgehend die gerechtfertigte Meinung

 

(e) Jones ist im Zimmer.

 

Tatsächlich aber hatte Smith nicht Jones gesehen, sondern eine originalgetreue Nachbildung von Jones. Nun ist aber, wie es der Zufall will, Jones wirklich im Zimmer – wenngleich Smith ihn natürlich gar nicht gesehen hat.

 

Smiths Meinung, dass (e), ist eine gerechtfertigte wahre Meinung, die nicht auf einer falschen Annahme beruht, aber dennoch kein Wissen.

3.2. Forderung nach Kausalität

Eine weitere Idee ist, einkausale Beziehung zwischen dem Fakt und dem Glauben desselben einzufordern, also

 

·         (iv) Die Meinung, dass P, steht in kausalem Zusammenhang zu P.

 

löst das Grundproblem und auch das obige Beispiel der Nachbildung, da kein kausaler Zusammenhang zwischen der Anwesenheit Jones’ und Smiths Glauben daran besteht. Jedoch ist auch hier eine Erweiterung um einen kausalen Zusammenhang möglich, wenn man annimmt, dass die Nachbildung nur deshalb im Zimmer ist, weil Jones sie eben dort erstellt hat. In dieser Version ist die neue Definition des Wissens damit ebenfalls unzulänglich. Der Einwand, dass hier kein adäquater kausaler Zusammenhang bestehe, entbehrt einer Bestimmung des Begriffes „adäquat“.

3.3. Forderung einer Erfolgswahrscheinlichkeit

Eine weitere Möglichkeit wäre die Forderung, dass der epistemische Erfolg, d. h. dass die geglaubte Aussage wahr ist, auch wahrscheinlich war. Denn dann wären die eingetretenen, höchst unwahrscheinlichen Fälle der Gettier-Probleme vom Wissensbegriff ausgeschlossen.

 

Allerdings müsste so auch der Glaube, nicht im Lotto zu gewinnen, Wissen sein, falls er sich bewahrheitet, da dieses Ereignis sehr wahrscheinlich ist. Zu behaupten, man glaube nicht nur, sondern wisse, dass man nicht gewonnen hat, erscheint dagegen widersinnig.

3.4. Die epistemische Differenz zwischen Meinung und Wissen

Eine deutschsprachige Widerlegung des Gettier-Problems findet man bei Steen Olaf Welding in der epistemischen Unterscheidung zwischen Meinung und Wissen[4]: Es gibt Gründe für die Meinung von P, die nicht übereinstimmen mit dem Wissen, dass P. Somit ist die jeweilige Einschätzung des Grundes bzw. der Gründe für P entscheidend: Wird Q als ein hinreichender Grund für P aufgefasst, dann könnte Q der Grund für eine Person sein zu behaupten, sie wisse, dass P, und wenn Q als ein unzureichender Grund für P beurteilt wird, dann könnte Q für sie ein Grund sein, zu meinen oder zu glauben, dass P. Da es also keine allgemeingültigen Kriterien für die hinreichende oder unzureichende Gründe der Wahrheit einer Aussage P unabhängig von der Beurteilung eines Subjekts gibt, ist es nicht möglich, den Begriff der Meinung oder den des Wissens zu definieren.

4. Fazit

Die genuinen Gettierfälle zeigen, dass Wissen nicht nur von einem externen Faktor abhängig ist (der Wahrheit), sondern auch noch von mindestens einem weiteren (der objektiven Nicht-Zufälligkeit der Wahrheit). Sie zeigen damit auf, dass die Standardanalyse des Wissens nicht hinreichend für "echtes" Wissen sein kann. Dies überrascht zwar nicht, dennoch ist die Schlussfolgerung beunruhigend: Nur weil wir glauben etwas zu wissen und unsere Überzeugung gerechtfertigt und auch wahr ist, bedeutet dies nicht, dass wir wirklich über Wissen verfügen. Eine gerechtfertigte, wahre Meinung kann auch durch "Zufall" wahr sein.

Es gibt derzeit keine definitive Lösung für dieses Gettier-Problem. Zwar versuchen Erkenntnistheoretiker immer wieder mit neuen, erweiterten Wissenskonzeptionen die Gettierfälle zu umgehen, doch dann lassen sich wieder neue, verzwicktere
Gettier-Fälle formulieren, die aufzeigen, dass auch die modifizierten Konzeptionen nicht hinreichend für Wissen sind. Aus diesem Grund werden seit geraumer Zeit grundlegend neue, posttraditionelle Wissensdefinitionen diskutiert.

Einzelnachweise

[1] Gettier: Ist gerechtfertigte, wahre Meinung Wissen? (1987).

[2] Gettier (1987).

[3] Aus Gründen der Präsentation wurden die beiden ursprünglichen Gettierfälle leicht abgewandelt.

[4] Steen Olaf Welding: Die epistemische Differenz zwischen Meinung und Wissen. In: Ders.: Wo denn bin ich? Einige essentielle Probleme der Philosophie. Meiner, Hamburg 2016, S. 37-44.

Weblinks

·        Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.

·        Eintrag in der Internet Encyclopedia of Philosophy.

·        Theory of Knowledge: The Gettier Problem.

·        Gettier and Other Complications. (Aufzeichnung einer Vorlesung)

Stand: 2017

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Sonntag, 04 Juni 2017 00:03)

    Von wem stammt die traditionelle Wissenskonzeption?

    Oftmals schreibt man bereits Platon zu, Wissen als gerechtfertigte wahre Meinung verstanden zu haben. So findet sich im Dialog Menon die traditionelle Bestimmung des Wissens (episteme) als durch Begründung gebundene richtige Meinung (orthe doxa): Statt dem momentanen Erwogenwerden zu entgleiten, werde die richtige Vorstellung durch eine Begründung dauerhaft festgehalten. Auch im Gorgias werden Wissen und Überzeugtsein dadurch definiert, dass zum Wissen stets Wahrheit gehört, zum Überzeugtsein jedoch nicht zwangsläufig; ebenso spricht Platon im Politikos von „wahrer Meinung mit Absicherung“ (alethes doxa meta bebaioseo).

    Diese Analyse stellt Platon jedoch im Theaitetos infrage: Er negiert hierbei gerade, dass Wissen (episteme) "wahre Meinung [über x] mit Wissen von einem Unterschied [von dem, was x von allen relevanten Alternativen x-artigen Typs unterscheidet], einem Grund oder einer Erklärung" wäre (doxa orthê meta epistêmês diaphorotêtos: logou […] proslêpsis). Die Bestimmung von Wissen als „wahre Meinung mit Begründung“ wird verworfen, da die Begründung einer Meinung wiederum begründet werden müsste und ebenso die Begründung der Begründung, was zu einem infiniten Regress führen würde. Vielmehr müsste es einen begründungslosen Anfang aller Begründung geben. Die Begründung einer Meinung muss sich daher auf bereits vorhandenes Wissen stützen, um die wahre Meinung zu Wissen werden zu lassen. Jedoch kann auch die Definition „Wissen ist durch Wissen begründete wahre Meinung“ nicht gültig sein, da der zu definierende Begriff in der Definition enthalten ist und dies zu einem Zirkelschluss führen würde. Der Dialog endet aporetisch.

    In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dennoch rege kolportiert, dass Platon Wissen als wahre gerechtfertigte Meinung analysiert habe und somit als Wegbereiter der Standardanalyse zu sehen sei.


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