„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Gettier-Probleme

Die Standardanalyse des Wissens besagt, dass Wissen gerechtfertigte, wahre Meinung ist: S (ein Subjekt) weiß, dass p (eine Proposition), wenn (i) p wahr ist, (ii) S von p überzeugt und (iii) S in dieser Überzeugung gerechtfertigt ist.

Edmund Gettier entwarf in "Is Justified True Belief Knowledge?" (1963) zwei "Gettier-Fälle", in denen das Subjekt zwar die wahre, gerechtfertigte Meinung besitzt, dass p, jedoch nicht weiß, dass p. Daraus schlussfolgerte er, dass die Standardanalyse des Wissens nicht hinreichend sein kannDas Gettier-Problem besteht nun darin, die Standardanalyse des Wissens entweder gegen diese Einwände zu verteidigen, oder so zu ersetzen oder zu ergänzen, dass sie hinreichend ist. Es ist eines der Hauptprobleme der gegenwärtigen Erkenntnistheorie.

1. Die Standardanalyse des Wissens

Bis zur Publikation von Gettiers Aufsatz nahmen die allermeisten Erkenntnistheoretiker an, Wissen ließe sich als gerechtfertigte wahre Meinung analysieren. Genauer:

Ein Subjekt S weiß, dass p, dann und nur dann, wenn:
- W1: S glaubt, dass p (Überzeugung),
- W2: p wahr ist und (Wahrheit)
- W3: S hat gute Gründe zu glauben, dass p. (Rechtfertigung)

kurz: Wissen ist gerechtfertigte, wahre Meinung.

1. Nach der ersten Bedingung (Überzeugungsbedingung) kann man nur wissen, was man auch für wahr hält. (Hier werden, wie oft in der gegenwärtigen Erkenntnistheorie, "glauben", "meinen", "für wahr halten", "überzeugt sein" synonym verwendet). Nehmen wir an, Sie sitzen bei "Wer wird Millionär" und bekommen die Frage gestellt: "Welcher ist der größte Planet im Sonnensystem?" Um zu wissen, dass die richtige Antwort "der Jupiter" ist, müssen Sie glauben, dass p wahr ist.

2. Nach der zweiten Bedingung (Wahrheitsbedingung) kann man nur wissen, was auch tatsächlich der Fall ist. Es reicht offenbar nicht aus, dass Sie einfach nur glauben, dass p = "Jupiter ist der größte Planet im Sonnensystem". Damit Sie wissen, dass p, muss p auch wahr sein.

3. Nach der dritten Bedingung (Rechtfertigungsbedingung) darf die wahre Überzeugung nicht bloß geraten sein. Das von der Wahrheit von p überzeugte Subjekt muss überdies in der Lage sein, Gründe für seine Überzeugung anzuführen. Sie könnten beispielsweise auf ihr Würfelglück vertrauen und ihre Antwort würfeln. Wenn Sie durch Zufall so zu der wahren Überzeugung gelangen, dass p, wissen sie trotzdem noch nicht, dass p.

Was genau unter der dritten Bedingung zu verstehen ist, ist umstritten. Gettier setzt jedoch nur zwei Annahmen über Rechtfertigung voraus, die vergleichsweise unkontrovers sind:

3a.           Fallibilismus: Eine gerechtfertigte Meinung kann falsch sein.

3b.           Deduktive Geschlossenheit: Wenn man aus einer gerechtfertigten Meinung eine andere Meinung logisch korrekt ableitet, dann ist auch die zweite Meinung gerechtfertigt. Das Gettier-Problem sollte daher für all jene Varianten der Standardanalysen von Wissen einschlägig sein, die die beiden Annahmen über Rechtfertigung teilen.

Nach der Standardanalyse des Wissens sind die Bedingungen (1) bis (3) einzeln notwendig und zusammen hinreichend für Wissen.

2. Gettier-Probleme

2.1. Gettier-Fälle

Diese Standardanalyse des Wissens konnte sich bis 1963 (nahezu) unbehelligt behaupten. Sie hatte geradezu den Status eines evidenten Prinzips. Bis Gettier in einem gerade einmal drei Seiten langem Aufsatz zwei Gegenbeispiele unterbreitete. Sehen wir uns zunächst den ersten an:

Fall 1: Smith und der unverhoffte Job.[1]

Zwei Arbeitssuchende, nennen wir sie Smith und Jones, haben sich bei einer Firma auf diesselbe Stelle beworben. Smith hat nun glaubhaft vom Personalchef erfahren, dass sich die Firma letzten Endes für seinen Konkurrenten Jones entscheiden wird. Er hat außerdem beiläufig gesehen, dass Jones zehn Münzen in seiner Hosentasche mit sich herumträgt. Damit hat er gute Gründe für die Überzeugung:

 

(1) Jones ist derjenige, der die Stelle bekommt, und Jones hat zehn Münzen in seiner Hosentasche.

Daraus zieht er den folgenden deduktiven Schluss:

(2) Derjenige, der die Stelle bekommt, hat zehn Münzen in seiner Hosentasche.

 

Nun ereignen sich zufällig zwei Dinge, von denen Smith nichts weiß. Erstens hat Smith selbst auch genau zehn Münzen in seiner Hosentasche und zweitens bekommt er und nicht Jones am Ende die Stelle, trotz der gegenteiligen Vorabinformation. Wenn sich das alles zufällig so abspielt, wie Gettier annimmt, dann ist Smiths Überzeugung (2) wahr und gerechtfertigt. Dennoch würden wir ihm kein Wissen zuschreiben. Also, folgert Gettier, ist die Standardanalyse des Wissens falsch bzw. nicht hinreichend für Wissen. Jemand kann sehr wohl eine gerechtfertigte, wahre Überzeugung besitzen und dennoch kein Wissen haben. 

Und nun der zweite Fall:

Fall 2: Meier und sein Golf.[2]

Smith weiß, dass Meier immer schon einen Golf besessen hat, und er wird auch gerade wieder von Meier in einem Gold mitgenommen. Das sind für Smith hinreichende Gründe um die folgende Position zu glauben:

 

(3) Meier besitzt einen Golf.

 

Auch bei diesen Gründen handelt es sich natrlich nur um Wahrscheinlichkeitsgründe, also bestenfalls um Indizien, die für die Wahrheit von (3) sprechen. Aber es handeltsich um Gründe von der Qualität, die wir üblicherweise als gute Rechtfertigungsgründe verstrehen. Nun hat Smith einen Fruend namens Krause, von dem er überhaupt nicht weiß, wo er sich der zeit befindet. Er lässt jedoch seine Phantasie spielen und denkt sich einen Ort aus, an dem sich Krause gerade aufhalten könnte. Wegen des Namens Krause kommt er auf erlin. Da Smith jemand ist, der logische Spielereien liebt, erkennt er sofort, dass man aus (3) die folgende Proposition deduktiv folgern kann:

 

(4) Meier besitzt einen Golf oder Krause hält sich in Berlin auf.[3]

 

Sobald Smith diesen Zusammenhang erkennt, gelangt er durch deduktive Inferenz aus seiner gerechtfertigten Überzeugung (3) zu der Überzeugung (4). Wenn das Prinzip der Geschlossenheit der Rechtfertigung unter logischer Implikation gilt, ist seine Überzeugung (4) gerechtfertigt. Nun passieren wieder zwei unerwartete Zufälle. Erstens besitzt Meier nämlich in Wirklichkeit seinen Golf nicht mehr, sondern fährt einen Mietwagen. (3) ist also falsch. Doch zweitens ist (4) dennoch wahr, weil sich Krause überraschenderweise tatsächlich in Berlin aufhält. Smiths Überzeugung (4) ist also gerechtfertigt und wahr. Gleichwohl würde man nicht sagen, dass Smith Wissen hinsichtlich von (4) besitzt. In diesem konkreten Fall ist es ein glücklicher Zufall, dass die gerechtfertigte Überzeugung wahr ist. Und eine zufällige wahre Überzeugung ist kein Fall von Wissen. Auch Gettiers zweiter Fall zeigt also, dass die Standardanalyse des Wissens nicht hinreichend ist. Sie kann erfüllt sein, ohne dass Wissen tatsächlich vorliegt.

2.2. Die Struktur von Gettier-Fällen

Ein anderes Beispiel: In das Büro von Smith kommen zwei Studenten, Nogot und Havit. Smith weiß von beiden, dass sie ehrlich und verlässlich sind. Er sieht, wie Nogot bei seiner Ankunft aus einem Ford steigt, und Nogot erzählt ihm auch, dass er gerade einen Ford gekauft habe. Smith hat also gute Gründe (e) für die Annahme:

(p) Nogot, der sich jetzt in meinem Büro befindet, besitzt einen Ford.

Und hieraus schließt er deduktiv:

(q) Jemand, der sich jetzt in meinem Büro befindet, besitzt einen Ford.

Tatsächlich ist es aber Havit, und nicht Nogot, der einen Ford besitzt. Nogot hat Smith also ausnahmsweise angelogen. Der Satz q ist also wahr, und Smith glaubt, dass q, und er ist offenbar auch gerechtfertigt zu glauben, dass q. Nach der Standardanalyse weiß Smith also, dass q. Es scheint aber auch offensichtlich, dass Smith nicht weiß, dass q, da seine Überzeugung, dass q, aus p deduziert wurde und p unwahr ist.

Die argumentative Struktur von Gettier ist diese: Der Protagonist eines Gettier-Falls glaubt, dass p, p ist wahr und sein Glaube ist gerechtfertigt. Trotzdem weiß er nicht, dass p. Also sind die Bedingungen (W1)(W3) der klassischen Analyse des Wissensbegriffs zumindest nicht hinreichend für Wissen. Die klassische Analyse des Wissens ist also falsch oder zumindest unvollständigWissen ist nicht gleich gerechtfertigte wahre Meinung.

Die logische Struktur eines Gettier-Falls lässt sich wie folgt skizzieren:

(P1) S hat gute Gründe für die Annahme, dass p wahr ist.
(P2) S weiß, dass q aus p folgt, und er glaubt, dass q, weil er das weiß und weil (P1)
(K1) S glaubt, dass q, und
(K2) S ist gerechtfertigt zu glauben, dass q.
(P3) q ist wahr,
Nach der klassischen Wissensanalyse folgt:
(K3) S weiß, dass q.

Aber: Wir sind uns fast alle darin einig, dass hier kein Fall von Wissen vorliegt. Also muss die klassische Analyse von Wissen, die aus (K1), (K2) und (P3) auf (K3) schließt, falsch sein.

Warum ist das so? Es gibt mindestens einen Sachverhalt, der q wahr machen würde, und dieser Sachverhalt wird durch p ausgedrückt. Smiths Rechtfertigung für q beruht also darauf, dass er gute Gründe dafür hat, p für wahr zu halten.

Tatsächlich wird q aber nicht durch den durch die Aussage p ausgedrückten Sachverhalt, sondern durch einen anderen durch p* ausgedrückten Sachverhalt wahr gemacht. q ist wahr, weil p* wahr ist, während p falsch ist. Also hat Smiths Rechtfertigung nichts mit dem Sachverhalt zu tun, der q tatsächlich wahr macht, und deshalb weiß Smith nicht, dass q.

Diagnose: In GettierFälle gelangt der Protagonist deswegen zu einer wahren Überzeugung, weil er Glück hat. Und Glück ist  ebenso wie Raten  mit Wissen unvereinbar.

Gettier selbst gesteht zu, dass seine Beispiele nur dann schlüssig sind, wenn man die folgenden beiden Annahmen über Rechtfertigung akzeptiert:

R1: Man kann auch in falschen Überzeugungen gerechtfertigt sein.
R2: Wenn folgendes gilt:

(a) S ist gerechtfertigt, p zu glauben,
(b) p impliziert q und
(c) S leitet q aus p ab und kommt auf der Grundlage dieser Ableitung zu der Überzeugung q, dann ist S auch gerechtfertigt, q zu glauben.

2.3. Reaktionen auf die Gettier‐Fälle

Die Reaktionen auf die Gettier-Fälle fallen unterschiedlich aus:

1. Bestreiten: Man bestreitet, dass die Beispiele wirkliche Gegenbeispiele sind. Das heißt, man argumentiert, dass in diesen Beispielen die drei Bedingungen der Analyse (W) tatsächlich nicht erfüllt sind.

2. Ergänzen: Man akzeptiert die GettierBeispiele als Gegenbeispiele und versucht, die Analyse (W) durch Hinzunahme einer vierten Bedingung zu retten.

3. Ersetzen: Man akzeptiert die GettierBeispiele als Gegenbeispiele und versucht, zu einer adäquaten Wissensanalyse zu kommen, indem man die RechtfertigungsBedingung (W3) durch eine andere Bedingung ersetzt.

2.4. Rechtfertigung & Faktizität

Für die Reaktion 1 lässt sich wie folgt argumentieren: GettierBeispiele sind keine wirklichen Gegenbeispiele gegen die Analyse (W). In den Fällen von Gettier ist die Bedingung (W3) verletzt. Tatsächlich ist Smith nicht gerechtfertigt zu glauben, dass jemand, der sich jetzt in seinem Büro befindet, einen Ford besitzt.

Warum ist das so?

Eine Antwort: Man kann nicht gerechtfertigt sein, etwas Falsches zu glauben. D.h., statt Gettiers (R1) ist folgendes Prinzip korrekt:

(R1′) Wenn S gerechtfertigt ist zu glauben, dass p, dann ist p wahr.

Mit anderen Worten: Rechtfertigung ist faktiv.

Beispiel Hans: Hans sieht, dass bei 100 Würfen einer bestimmten Münze immer ‘Kopf’ gefallen ist. Daraus schließt er induktiv, dass auch beim nächsten Wurf dieser Münze ‘Kopf’ fallen wird. Tatsächlich fällt auch beim 101. Wurf ‘Kopf’. In diesem Fall würden wir offenbar sagen, dass Hans gerechtfertigt war, dies zu glauben.

Beispiel Fritz: Fritz beobachtet den Wurf einer anderen Münze. Bei dieser Münze fällt ebenfalls bei 100 Würfen immer ‘Kopf’. Daraus schließt auch Fritz induktiv, dass beim nächsten Wurf dieser Münze wieder ‘Kopf’ fallen wird. Tatsächlich fällt jedoch beim 101. Wurf ‘Zahl’. War nicht auch Fritz gerechtfertigt zu glauben, dass ‘Kopf’ fallen würde?

Die Beispiele machen plausibel:

1. Rechtfertigungen können auch auf induktiven Schlüssen beruhen, also auf Schlüssen, die nicht wahrheitsgarantierend sind.
2. Ob eine Person gerechtfertigt ist oder nicht, hängt in gewisser Weise nur von der epistemischen Situation ab, in der sie sich befindet, d.h. von den Erfahrungen, die S macht, und von den anderen Anhaltspunkten, über die S verfügt.

Damit ergibt sich: Wenn sich zwei Personen in derselben epistemischen Situation befinden und aus denselben Gründen zu denselben Überzeugungen kommen, kann es daher nicht sein, dass die eine Person in diesen Überzeugungen gerechtfertigt ist, die andere aber nicht. Wenn Hans’ Überzeugung, dass beim nächsten Wurf ‘Kopf’ fallen wird, gerechtfertigt ist, dann ist auch Fritz in dieser Überzeugung gerechtfertigt. Man kann folglich und offenbar doch gerechtfertigt sein, Falsches zu glaubenRechtfertigung ist nicht faktiv!

Resümé: Anhänger der Strategie 1 folgen durchweg ein und demselben Muster: Sie machen Rechtfertigung nicht nur von der epistemischen Situation des Subjekts S abhängig, sondern auch von Dingen, von denen S – so wie seine epistemische Situation beschaffen ist – nichts weiß oder sogar nichts wissen kann. Daraus folgt, dass es nach allen diesen Prinzipien möglich ist, dass zwei Personen A und B in derselben epistemischen Situation sind, dass sie in dieser Situation beide aus denselben Gründen zu der Überzeugung p kommen, dass aber nur A in dieser Überzeugung gerechtfertigt ist, B dagegen nichtUnd das scheint ausgesprochen kontraintutiv.

2.5. Wissen und Widerlegbarkeit (defeasibility)

Für die zweite Reaktion lässt sich wie folgt argumentieren: Die GettierBeispiele sind wirklich Gegenbeispiele gegen die Analyse (W). Sie zeigen, dass die Bedingungen (W1)  (W3) auch zusammen nicht hinreichend sind für Wissen. Die Bedingungen (W1) – (W3) müssen nun durch eine vierte ergänzt werden.

Welche?

Eine Antwort: In GettierFällen liegen die Dinge so: q ist wahr, S glaubt, dass q und S ist gerechtfertigt zu glauben, dass q. Und trotzdem weiß S nicht, dass q. Warum nicht? Weil S’ Rechtfertigung widerlegt (defeated) ist.

Daraus folgt eine neue Wissensanalyse II:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
- W1 p wahr ist,
- W2 S glaubt, dass p, und
- W3 S gerechtfertigt ist zu glauben, dass p.
- W4 S’ Rechtfertigung nicht widerlegbar ist.

Frage: Was heißt in diesem Zusammenhang ‘widerlegbar’?

Der Fall Tom Grabit: S sieht, wie jemand ein Buch aus der Bibliothek entfernt, indem er es unter dem Mantel versteckt hinausträgt. Da S sicher ist, dass es sich bei dem Mann um Tom Grabit handelt, den er aus seinen Vorlesungen gut kennt, sagt er:

(p) Ich weiß, dass Tom Grabit das Buch gestohlen hat.

Aber angenommen, es gilt auch:

(q) Mrs. Grabit, die Mutter von Tom, hat ausgesagt, Tom sei am betreffenden Tage gar nicht in der Stadt gewesen. Tom habe aber einen eineiigen Zwillingsbruder, John, der an diesem Tage in der Bibliothek gewesen sei.

S hat gute Gründe e zu glauben, dass p, d.h. dass Tom Grabit das Buch gestohlen hat:

· S sieht, wie jemand ein Buch aus der Bibliothek entfernt, indem er es unter dem Mantel versteckt hinausträgt.
· S hält die Person, die er sieht, für Tom Grabit.
· S kennt Tom Grabit gut aus seinen Vorlesungen.

Also gilt(i) S glaubt, dass p und (ii) S ist gerechtfertigt zu glauben, dass p. Wenn außerdem (iii) gilt, dass p wahr ist, scheint S also zu wissen, dass p.

Aber: S weiß das aber nicht; S weiß nicht, dass Tom Grabit das Buch gestohlen hat.

Denn: S’ Rechtfertigung wird durch die Aussage von Mrs. Grabit widerlegt. S’ Rechtfertigung für die Überzeugung, dass p, ist deshalb widerlegt, weil Folgendes gilt: S hat gute Gründe e für die Annahme, dass p. Aber: Es gibt eine – S nicht bekannte – wahre Aussage q, so dass gilt: e und q zusammen rechtfertigen S nicht, p zu glauben.

Noch einmal: S’ Rechtfertigung für die Überzeugung, dass p, ist widerlegt, wenn:

· S zwar gute Gründe e für die Annahme hat, dass p, wenn es aber
· eine – S nicht bekannte – wahre Aussage q gibt, so dass gilt: e und q zusammen rechtfertigen S nicht, p zu glauben.

Kritik: Was aber ist, wenn außerdem wahr ist:

(r) Mrs. Grabit ist geistig verwirrt, und Tom hat gar keinen Zwillingsbruder?

Dann gilt doch offenbar: e und q zusammen rechtfertigen S nicht, p zu glauben.

Aber es gilt auch: e, q und r zusammen rechtfertigen S wieder, p zu glauben.

In diesem Fall widerlegt q S’ Rechtfertigung also nur scheinbar.

Es gilt also, echte von nur scheinbaren Widerlegungen zu unterscheiden.

Vorschlag: Wenn S aufgrund von e gerechtfertigt ist zu glauben, dass p, dann wird diese Rechtfertigung durch die wahre Aussage q nur scheinbar widerlegt, wenn es eine weitere Aussage q′ gibt, für die gilt:

(i) e & q rechtfertigen S nicht, p zu glauben
(ii) e & q & q′ rechtfertigen S aber wieder, p zu glauben, und zwar in demselben Sinn, in dem e S rechtfertigte, p zu glauben.

Daraus folgt abermals eine neue Wissensanalyse III:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
- W1: p wahr ist,
- W2: S glaubt, dass p, und
- W3: S gerechtfertigt ist zu glauben, dass p.
- W4: es für jede wahre Aussage q, für die gilt: e & q rechtfertigen S nicht, p zu glauben, eine weitere wahre Aussage q* gibt, für die gilt: e & q & q* rechtfertigen S wieder, p zu glauben, (und zwar in demselben Sinn, in dem e S rechtfertigte, p zu glauben.)

Der Fall Gert: Gert liest in der Zeitung, ein Führer der Bürgerrechtsbewegung sei ermordet worden. Der Artikel wurde von einem Augenzeugen geschrieben, der wahrheitsgemäß über das Ereignis berichtet hat. Gert glaubt, was er liest, und ist in seiner Überzeugung offenbar auch gerechtfertigt. Um Rassenunruhen zu vermeiden, haben sich allerdings alle anderen Augenzeugen verschworen, das Geschehene zu leugnen und stattdessen zu behaupten, dem Führer der Bürgerrechtsbewegung gehe es nach wie vor gut.

Alle Kollegen von Gert haben nicht nur den Artikel gelesen, sie haben auch die gegenteiligen Behauptungen der anderen Augenzeugen gehört und sind deshalb nicht gerechtfertigt zu glauben, der Führer der Bürgerrechtsbewegung sei ermordet worden. Sollen wir nun trotzdem sagen, dass Gert, der nur durch Zufall nichts von den gegenteiligen Behauptungen gehört hat, weiß, dass der Führer der Bürgerrechtsbewegung ermordet worden ist?

2.6. Kausalität, Verlässlichkeit und Tracking

Für die dritte Reaktion lässt sich wie folgt argumentieren: Die GettierBeispiele sind wirklich Gegenbeispiele gegen die Analyse (W). Sie zeigen, dass die Bedingungen (W1)  (W3) auch zusammen nicht hinreichend sind für Wissen. Die Bedingung (W3) muss nun durch eine andere ersetzt werden.

Welche?

a. die kausale Theorie

Ein zentraler Aspekt aller Gettierbeispiele scheint zu sein, dass es in ihnen keinen adäquaten Zusammenhang zwischen der (wahren) Überzeugung q des epistemischen Subjekts S und der Tatsache gibt, die diese Überzeugung wahr macht.

Die kausale Theorie des Wissen (WAIV) versucht genau diesen Zusammenhang zu sichern:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
- W1: p wahr ist,
- W2: S glaubt, dass p, und
- W3K: S’ Überzeugung, dass p, durch die Tatsache verursacht wurde, die p wahr macht.

Aber: Angenommen, die Tatsache, dass sich im Gehirn von S eine bestimmte Chemikalie C befindet, sei die Ursache dafür, dass S überhaupt Überzeugungen haben kann. Und angenommen, S kommt zu der Überzeugung, dass sich in seinem Gehirn die Chemikalie C befindet, ohne dass er dafür irgendwelche Anhaltspunkte hat. Dann weiß S offenbar nicht, dass sich in seinem Gehirn die Chemikalie C befindet.

Die verbesserte kausale Wissensanalyse (WAV) lautet also:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
- W1 p wahr ist,
- W2 S glaubt, dass p, und
- W3Kv S’ Überzeugung, dass p, in angemessener Weise durch die Tatsache verursacht wurde, die p wahr macht.

Die Vorzüge der kausalen Theorie:
- Die kausale Theorie des Wissens liefert eine einfache und überzeugende Analyse für Fälle nicht
inferentiellen Wissens  also für Fälle, in denen einen Überzeugung nicht darauf beruht, dass sie aus anderen Überzeugungen (deduktiv oder induktiv) abgeleitet wurde. Die kausale Theorie des Wissens hat daher insbesondere keine Probleme mit Wahrnehmungswissen.
- Auf der anderen Seite schließt sie auch inferentielles Wissen nicht aus, wenn dieses auf Überzeugungen beruht, die ihrerseits durch das Gewusste bewirkt wurden.
- Auch der Fall von Wissen durch Kommunikation ist mit der kausalen Theorie gut zu erfassen. Nehmen wir an, S weiß, dass es draußen regnet, weil er die entsprechende Überzeugung hat und diese Überzeugung durch die Tatsache, dass es draußen regnet, selbst verursacht wurde. Wenn S nun, weil er davon überzeugt ist, sagt: „Es regnet draußen“ und wenn diese Äußerung bei mir – kausal – die entsprechende Überzeugung hervorruft, dann weiß auch ich, dass es draußen regnet.
- Die kausale Analyse bietet eine Lösung für die klassischen Gettierbeispiele.

Probleme für die (verbesserte) kausale Theorie:

- Wissen um die Zukunft: Zukünftige Ereignisse können jetzige Überzeugungen nicht verursachen. Goldmans Lösungsvorschlag:

W3K* S’ Überzeugung, dass p, wurde in angemessener Weise durch p verursacht oder S’ Überzeugung, dass p, und p wurden in angemessener Weise durch dieselbe Ursache e hervorgerufen.

- Allgemeines Wissen: Die Tatsache, dass alle Menschen sterblich sind, beinhaltet auch die Sterblichkeit von Menschen, die noch gar nicht geboren sind. Wie sollen diese Fälle eine entsprechende Überzeugung verursachen können? Und wie soll man sich diese Verursachung im Fall der Tatsache, dass Neutrinos die Ruhemasse 0 haben, vorstellen?

- Mathematisches Wissen: Die Tatsachen, dass 7 eine Primzahl ist oder dass es überabzählbar unendlich viele reelle Zahlen gibt, liegen außerhalb von Raum und Zeit und sind daher keine möglichen Ursachen.

Gegenbeispiel – Henrys Scheune: Henry fährt aufs Land und kommt nach einigen Kilometern zu einem Gebäude, das wie eine Scheune aussieht. Aufgrund dieser Tatsache kommt er zu der Überzeugung:

(p) Vor mir steht eine Scheune.

Selbst wenn man annimmt, dass p wahr ist, stellt diese Überzeugung kein Wissen dar, wenn es in der Gegend, durch die Henry fährt, eine Menge von Potemkinschen Scheunen gibt – Scheunenattrappen aus Pappmaché, die von wirklichen Scheunen für Uneingeweihte nicht zu unterscheiden sind.

Goldman hat dieses Beispiel selbst in seinem Aufsatz “Discrimination and Perceptual Knowledge” (Journal of Philosophy 73 (1976), 771799) gegen seine ursprüngliche Kausalanalyse ins Feld geführt und aus diesem Beispiel die folgende Konsequenz gezogen: Die kausale Analyse ist zwar im Prinzip richtig. Aber es kommt nicht so sehr darauf an, dass die Überzeugung p durch die Tatsache, die p wahr macht, verursacht wurde, sondern vielmehr darauf, dass diese Überzeugung durch eine verlässliche Methode bzw. einen verlässlichen Prozess zustande kam.

b. Die Verlässlichkeitstheorie

WA VI:

S weiß genau dann, dass p, wenn gilt:
W1 p wahr ist,
W2 S glaubt, dass p, und
W3V S’ Überzeugung, dass p, auf einem verlässlichen Prozess zur Erzeugung von Überzeugungen beruht.

Frage: Was ist ein verlässlicher Prozess? Ein Prozess M zur Erzeugung von Überzeugungen ist genau dann verlässlich, wenn M immer (bzw. in den meisten Fällen) zu wahren Überzeugungen führt.

Aber: Die Individuierung von Prozessen: Jeder einzelne Prozess instantiiert die unterschiedlichsten Typen von Prozessen. Jemand schaut auf seine korrekt gehende Schweizer Armbanduhr und kommt so zu einer wahren Überzeugung bzgl. der Uhrzeit.

Dieser Prozess fällt unter die folgenden Typen:

· auf die Uhr schauen
· auf eine Armbanduhr schauen
· auf eine korrekt gehende Uhr schauen
· auf eine Schweizer Uhr schauen
· auf eine korrekt gehende Armbanduhr schauen
· auf eine korrekt gehende Schweizer Armbanduhr schauen; usw.

Präzisierungsversuch: Wenn jemand auf eine bestimmte Weise M zu einer Überzeugung kommt, dann ist die Bedingung (W3V) erfüllt, wenn es irgendeinen verlässlichen Prozesstyp gibt, den M instantiiert.

Problem: Wenn jemand auf eine bestimmte Weise M zu einer wahren Überzeugung kommt, dann gibt es immer einen verlässlichen Prozesstyp, den M instantiiert.

Jemand schaut genau um 11 Uhr auf seine Armbanduhr, die exakt vor 24 Stunden stehen geblieben ist, und kommt so zu der – wahren – Überzeugung, dass es 11 Uhr ist.

Dieser Prozess fällt unter anderem unter die folgenden Typen:

· auf die Uhr schauen
· auf eine stehengebliebene Uhr schauen
· genau zu der Zeit auf eine stehengebliebene Uhr schauen, zu der sie stehengeblieben ist.

Offensichtlich ist der letzte Prozesstyp durchaus verlässlich!

Lösungsversuch: Man geht von einer Reihe von paradigmatischen verlässlichen Prozesstypen und einer Reihe von paradigmatischen nicht verlässlichen Prozesstypen aus.

Zu den paradigmatischen verlässlichen Prozesstypen können z.B. gehören:

· Wahrnehmung, sofern sie nicht unter ungünstigen Bedingungen stattfindet
· deduktives Schließen
· induktives Schließen.

Zu den paradigmatischen nicht-verlässlichen Prozesstypen können z.B. gehören:

· Raten
· Kaffeesatzlesen
· die Karten befragen.
Den konkreten Prozess, durch den eine Überzeugung zustande gekommen ist, beurteilt man im Hinblick auf seine Verlässlichkeit, indem man prüft, ob er mehr einem Prozess der ersten oder mehr einem Prozess der zweiten Gruppe ähnelt.

Gegenbeispiel: Truetemp: Angenommen einer Person mit dem Namen “Truetemp” wird bei einem neurochirurgischen Eingriff ein kleines Gerät eingesetzt, das auf der einen Seite ein sehr genaues Temperaturmessgerät ist, das auf der anderen Seite aber auch Überzeugungen erzeugt. Und zwar erzeugt dieses Gerät in Truetemp genau dann die Überzeugung, dass die Temperatur in Truetemps Umgebung x° C beträgt, wenn es diese Temperatur gemessen hat. Truetemps Überzeugungen bzgl. der Temperatur in seiner Umgebung sind also fast immer korrekt und offensichtlich werden sie auch durch einen verlässlichen Prozess erzeugt.

Wenn man aber weiter annimmt, dass auch folgendes gilt: Truetemp weiß nichts von dem Gerät in seinem Kopf und wundert sich eher immer ein bisschen, woher wohl seine obsessiven Temperaturüberzeugungen kommen; und Truetemp überprüft seine Temperaturüberzeugungen nie mit einem Thermometer, weiß also nichts über deren Zuverlässigkeit, sondern akzeptiert sie einfach so auf’s Geratewohl. Ist es dann angemessen zu sagen, dass Truetemp weiß, wie hoch die Temperatur in seiner Umgebung ist?

Einzelnachweise

[1] Gettier: Ist gerechtfertigte, wahre Meinung Wissen? (1987).

[2] Gettier (1987).

[3] Aus Gründen der Präsentation wurden die beiden ursprünglichen Gettierfälle leicht abgewandelt.

Weblinks

·        Eintrag in der Stanford Encyclopedia of Philosophy.

·        Eintrag in der Internet Encyclopedia of Philosophy.

·        Theory of Knowledge: The Gettier Problem.

·        Gettier and Other Complications. (Aufzeichnung einer Vorlesung)

alte Version dieses Aufsatzes (2018).doc
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Stand: 2018

Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Sonntag, 24 Juni 2018 04:09)

    https://www.youtube.com/watch?v=HEvDQc0GciQ

  • #3

    WissensWert (Donnerstag, 14 Juni 2018)

    Wir wissen nicht, was Wissen ist.

  • #2

    WissensWert (Montag, 02 Oktober 2017 18:06)

    https://www.youtube.com/watch?v=q_K-BtJ_taY

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 04 Juni 2017 00:03)

    Von wem stammt die traditionelle Wissenskonzeption?

    Oftmals schreibt man bereits Platon zu, Wissen als gerechtfertigte wahre Meinung verstanden zu haben. So findet sich im Dialog Menon die traditionelle Bestimmung des Wissens (episteme) als durch Begründung gebundene richtige Meinung (orthe doxa): Statt dem momentanen Erwogenwerden zu entgleiten, werde die richtige Vorstellung durch eine Begründung dauerhaft festgehalten. Auch im Gorgias werden Wissen und Überzeugtsein dadurch definiert, dass zum Wissen stets Wahrheit gehört, zum Überzeugtsein jedoch nicht zwangsläufig; ebenso spricht Platon im Politikos von „wahrer Meinung mit Absicherung“ (alethes doxa meta bebaioseo).

    Diese Analyse stellt Platon jedoch im Theaitetos infrage: Er negiert hierbei gerade, dass Wissen (episteme) "wahre Meinung [über x] mit Wissen von einem Unterschied [von dem, was x von allen relevanten Alternativen x-artigen Typs unterscheidet], einem Grund oder einer Erklärung" wäre (doxa orthê meta epistêmês diaphorotêtos: logou […] proslêpsis). Die Bestimmung von Wissen als „wahre Meinung mit Begründung“ wird verworfen, da die Begründung einer Meinung wiederum begründet werden müsste und ebenso die Begründung der Begründung, was zu einem infiniten Regress führen würde. Vielmehr müsste es einen begründungslosen Anfang aller Begründung geben. Die Begründung einer Meinung muss sich daher auf bereits vorhandenes Wissen stützen, um die wahre Meinung zu Wissen werden zu lassen. Jedoch kann auch die Definition „Wissen ist durch Wissen begründete wahre Meinung“ nicht gültig sein, da der zu definierende Begriff in der Definition enthalten ist und dies zu einem Zirkelschluss führen würde. Der Dialog endet aporetisch.

    In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde dennoch rege kolportiert, dass Platon Wissen als wahre gerechtfertigte Meinung analysiert habe und somit als Wegbereiter der Standardanalyse zu sehen sei.


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