„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Begriffsanalyse

"Begriffsanalyse" (auch: Begriffsexplikation) ist die Bezeichnung für das normalsprachliche Instrumentarium zur Klärung von Begriffssemantiken.

 

Es existieren verschiedene Strategien zur Begriffsanalyse. Der späte Ludwig Wittgenstein schlug beispielsweise vor, unseren Gebrauch von Begriffen in der Alltagssprache zu analysieren. Dafür können zum Beispiel Paradebeispiele und Grenzfälle für einen Begriff wie "Radikalismus" (oder philosophischer: "Person") gesammelt und am Ende festgehalten werden, welche Merkmale notwendig und welche hinreichend für das Vorliegen von Radikalismus bzw. Persönlichkeit sind.

 

In unserem Aufsatz soll es uns später vor allem um die Art der Begriffsanalyse gehen, bei der ein Begriff X durch einen anderen Begriff Y informativ erläutert werden soll.

 

Begriffsanalysen sind wichtig, etwa um Missverständnisse vorzubeugen, die durch verschiedene Auffassungen bezüglich der Bedeutung von Begriffen entstehen können. Insbesondere in philosophischen Diskussionen, in denen oft von hochtrabenden Begriffen wie "Wahrheit", "Geist" oder "Wissen" die Rede ist, unter denen dann nicht selten jeder was anderes versteht, kann eine Begriffsanalyse Scheinprobleme aufdecken.

1. Überblick

Vom Anfang des 20. Jahrhundert bis in die 60er Jahre war die Analytische Philosophie hauptsächlich von zwei Strömungen geprägt: Normalsprachler und Idealsprachler.

1.1. Philosophie der idealen Sprache

Philosophen der idealen Sprache zeichnen sich dadurch aus, dass sie mittels einer logischen Analyse der Normalsprache eine Idealsprache zu konstruieren versuchen. In dieser Idealsprache ließe sich alles ausdrücken, was sich auch sinnvollerweise in normalsprachlichen Sätzen ausdrücken lässt, nur klarer, prägnanter und logisch eindeutig. Darüber, wie eine derartige logische Analyse der Normalsprache im Detail auszusehen hat, gehen die Meinungen weit auseinander.

 

Neben der logischen Analyse kennt die Philosophie der idealen Sprache noch ein zweites methodisches Mittel, das der rationalen Rekonstruktion.

1.2. Philosophie der normalen Sprache

Die Normalsprachliche Philosophie wurde ausgehend von Frege, Russel und dem 'frühen' Wittgenstein wesentlich von den Mitgliedern des Wiener Kreises weiterentwickelt, zu dessen Kern u.a. Moritz Schlick und Friedrich Waismann gehörten. Der Wiener Kreis hat Untersuchungen zur Entwicklung der Wissenschaften ins Zentrum seiner Philosophie gestellt. Karl Popper und Carl G. Hempel haben darauf aufbauend solide Fundamente für die Disziplin der Wissenschaftstheorie gelegt, während Rudolf Carnap und Hans Reichenbach vor allem die Sprachphilosophie und die Erkenntnistheorie weiterentwickelten.

 

Die Philosophie der normalen Sprache kennt ebenso zwei charakteristische Methoden, namentlich die "Begriffsanalyse" und die "Therapie". Ludwig Wittgenstein hat in seinen Philosophischen Untersuchungen (PU) die Auffassung entwickelt und praktiziert, dass ein Philosoph eine Frage wie eine Krankheit praktiziert (PU 255). Die 'Krankheit' ist dabei die "Verwirrung", die die Philosophie mit ihren Fragen stiftet. Die 'Therapie' besteht darin, die Begriffe, die für das Entstehen des philosophischen Problems wesentlich sind, aus der metaphysischen Verwendung in ihren alltäglichen Gebrauch zurückzuführen und damit das Problem als Scheinproblem zu entlarven: "Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." (PU 109)

 


Dieses Bild vom Philosophen als Therapeuten hat wahrscheinlich deshalb an Attraktivität eingebüßt, weil das Auflösen philosophischer Probleme oftmals nicht hinreichend begründet ist. Wenn ein Problem jedoch ohne Lösung stehen gelassen wird, führt dies bestenfalls zu einer Haltung des Nichtwissens; aber das philosophische Fragen begnügt sich dauerhaft meist nicht einmal mit der sokratischen Haltung des begründeten Nichtwissens.

1.2.1. Begriffsanalyse

Die normalsprachlichen Philosophen haben auch eine konstruktive Methode entwickelt, nämlich die Begriffsanalyse. Diese hat sich sehr viel stärker durchgesetzt. Hier werden wir die Strategie diskutieren, einen Begriff durch einen anderen Begriff informativ zu erläutern. Betrachten wir zunächst ein einfaches Alltagsbeispiel:

 

(1)  Ein Großvater zu sein ist dasselbe, wie Vater eines Vaters oder Vater einer Mutter zu sein.

 

Es ist wesentlich, dass es sich bei diesen Sätzen um begriffliche und nicht um empirische Wahrheiten handelt. Der Satz „Ein Großvater zu sein ist dasselbe, wie ein verheirateter Mann zu sein, der älter als 50 Jahre ist“ ist dagegen ein empirischer Satz, in dem charakteristische Merkmale von Großvätern festgehalten werden. Großväter sind in der Regel verheiratet und über 50 Jahre alt. Doch ist es keineswegs so, dass in der Regel ein verheirateter Mann über 50 ein Großvater ist. Selbst wenn es faktisch so wäre, dass alle Großväter dieser Welt verheiratete Männer über 50 wären und umgekehrt alle verheirateten Männer über 50 auch Großväter wären, so wäre dies nicht notwendigerweise so. Die Tatsache, das es auch anders sein kann, zeigt, dass mit dem obigen Satz eine empirische und keine begriffliche Aussage gemacht wird. Doch wenn korrekte Begriffsanalysen nur begrifflich wahre Aussagen zulassen, so besteht der Verdacht, dass diese – entgegen der Anforderung – nicht informativ sein können. Wie das Beispiel (1) zeigt, entsteht eine begrifflich wahre Aussage zumindest dann, wenn der analysierte Begriff und seine Erläuterung bedeutungsgleich bzw. synonym sind. Es scheint jedoch gerade dann keine informative Analyse möglich. Damit steht die Analytische Philosophie vor dem Paradox der Analyse. Bei der folgenden Darstellung haben die Begriffsanalysen die allgemein Form „X zu sein ist dasselbe, wie Y zu sein“ (vgl. Künne, Georg Edward Moore. Was ist Begriffsanalyse?).

 

1.    Prämisse: Wenn „X“ und „Y“ synonym sind, dann ist die Begriffsanalyse nicht informativ.

2.    Prämisse: Wenn „X“ und „Y“ nicht synonym sind, dann ist die Begriffsanalyse inkorrekt.

3.    Konklusion: Eine Begriffsanalyse kann nicht gleichzeitig korrekt und informativ sein.

 

Wenn man die Konklusion nicht akzeptiert, muss man zeigen, dass eine der Prämissen falsch ist, denn der Schluss ist richtig. Die Lösung des Paradoxes besteht darin, die zweite Prämisse des Arguments als falsch zurückzuweisen: Eine Begriffsanalyse kann korrekt sein, auch wenn die beiden Begriffe nicht synonym sind. Um dies zu zeigen, brauchen wir zunächst genauere Erläuterungen der Begriffe „Synonymie“ und „korrekte Analyse“ Die Synonymie wird durch eine notwendige Bedingung erläutert: Wenn zwei Begriffe „F“ und „G“ synonym sind, dann kann jemand, der beispielsweise die Sätze „Politiker sind F“ und „Politiker sind G“ versteht, nicht zugleich den einen für falsch und den anderen für wahr halten. Betrachten wir als Beispiel die Begriffe Bruder sein und männliches Geschwister sein. Wenn jemand den Satz „Michael ist ein Bruder von Sylvia“ für wahr hält, dann auch den Satz „Michael ist ein männliches Geschwister von Sylvia“. Die Bedingung für eine korrekte Analyse haben wir uns bereits vor Augen geführt: Eine Begriffsanalyse ist nur dann korrekt, wenn die Aussage „X zu sein ist dasselbe, wie Y zu sein“ nicht bloß zufällig, sondern notwendigerweise wahr ist. Kommen wir nun zu einem Beispiel, welches der Bedingung einer korrekten Analyse genügt, ohne die notwendige Bedingung für Synonymie zu erfüllen. Die philosophische Analyse des Begriffs des Wissens sieht wie folgt aus, wobei der Buchstabe „p“ für einen beliebigen Satz steht:

 

Eine Person weiß genau dann, dass p, wenn
  1)sie glaubt, dass p.
  2)sie gute Gründe hat zu glauben, dass p, und
  3)es der Fall ist, dass p.

 

Der Begriff des Wissens ist somit nur dann angebracht, wenn erstens jemand eine Überzeugung hat, zweitens sich seine Überzeugung auf gute Gründe stützt (und nicht beispielsweise auf eine Eingebung im Traum) und drittens die Überzeugung wahr ist. Wissen ist nach dieser Analyse gerechtfertigte, wahre Meinung. Die Aussage „Wissen zu haben ist dasselbe, wie eine gerechtfertigte, wahre Meinung zu haben“ ist notwendig und nicht bloß zufällig wahr. Damit liegt eine korrekte Begriffsanalyse vor. Allerdings ist es durchaus möglich, dass jemand, der den Begriff des Wissens in der Alltagssprache gelernt hat, den Satz „Anna weiß, dass es regnet“ für wahr und zugleich den Satz „Anna hat den gerechtfertigten, wahren Glauben, dass es regnet“ für falsch hält, weil er den von der Philosophie aufgedeckten Zusammenhang zwischen Wissen und gerechtfertigter, wahrer Meinung nicht kennt. Die Bedingung der Synonymie ist also nicht erfüllt. Damit wurde beispielhaft gezeigt, dass eine korrekte Analyse auch bei zwei Begriffen möglich ist, die nicht synonym sind, und dass somit die Begriffsanalysen gleichzeitig korrekt und informativ sein können.

Ein weiteres Beispiel ist die Analyse des Begriffs des Lügens: Im ersten Ansatz sagen die meisten Menschen, dass Lügen dasselbe ist, wie die Unwahrheit zu sagen. Natürlich lügt man nicht, wenn man bloß falsch informiert ist. Also lautet der zweite Versuch einer Analyse meistens: Lügen ist dasselbe, wie etwas zu behaupten, von dem man glaubt, es sei falsch. Doch auch damit trägt man unseren Intuitionen nicht Rechnung: Angenommen ich weiß, dass Sofie mich für einen notorischen Lügner hält, aber sie kann nur von mir die Information bekommen, welchen von zwei möglichen Wegen sie wählen soll. Rate ich ihr aufrichtig den richtigen Weg A, dann glaubt sie dennoch, ich hätte gelogen, und wählt den falschen Weg B. Wenn ich ihr die richtige Information A mitteilen möchte, so dass sie diese glaubt, dann muss ich B sagen, also etwas, von dem ich glaube, dass es falsch ist. Aber wir würden diesen Fall nicht als Lüge einstufen, weil ich die Absicht habe, dass Sofie die korrekte Information erhält. Lügen ist somit dasselbe, wie etwas zu behaupten, von dem man glaubt, es sei falsch, in der Absicht jemanden glauben zu machen, es sei wahr. Diese Begriffsanalyse ist korrekt, aber die beiden verwendeten Begriffe sind keineswegs synonym, weil erst vielfältige Überlegungen, die über normale Sprachkompetenz weit hinausgehen, diesen Zusammenhang aufdecken.

Diese Art der Begriffsanalyse ist in der Philosophie der normalen Sprache ausgiebig verwendet worden; z.B. hat Gilbert Ryle in The Concept of Mind (1949) ein Begriffsnetz bzw. eine Geographie unserer mentalistischen Begriffe aufgedeckt. Seit den 60er Jahren breitete sich die Analytische Philosophie nicht nur im angelsächsischen Raum, sondern auch in Europa zunehmend aus. In den Disziplinen der Analytischen Philosophie entwickelten sich umfangreiche Diskussionen, denen man nicht mehr durch die methodische Unterscheidung von Philosophie der normalen und der idealen Sprache gerecht werden kann. So wie die Analytische Philosophie bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts durch eine sprachliche Wende (von den Sach- zu den Bedeutungsfragen) charakterisiert werden kann, so findet seitdem eine kognitive Wende statt: Viele Disziplinen der Analytischen Philosophie, insbesondere die Erkenntnistheorie, die Philosophie des Geistes und  Teile der Sprachphilosophie, stehen in engem Zusammenhang mit der Kognitionswissenschaft. Diese junge Wissenschaft hat sich das Ziel gesetzt die psychischen Fähigkeiten des Menschen zu erforschen, wobei Linguisten, Psychologen, Neurobiologen, Philosophen und Informatiker an denselben Leitfragen arbeiten. Neben der Wissenschaftstheorie, die schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts besonders eng mit der Physik verknüpft ist, ist es für die neuesten Entwicklungen in der Analytischen Philosophie charakteristisch, dass sie sich allgemein für einen interdisziplinären Austausch öffnet, so dass man von einem Trend zu interdisziplinärer Philosophie sprechen kann: In allen Forschungsgebieten, sei es die Ethik, sei es die Philosophie des Geistes mit engen Verbindungen zu Psychologie und Hirnforschung oder sei es die politische Philosophie mit einer engen Kopplung an Rechtswissenschaft und Soziologie, anerkennen immer mehr Philosophen, dass eine fruchtbare, systematische Theoriebildung ganz wesentlich auf die neuesten Erkenntnisse in anderen Wissenschaften, insbesondere den empirischen Wissenschaften, angewiesen ist.

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Es darf kein Inhalt dieser Seite weiterverbreitet werden, sofern nicht mein Einverständnis dafür vorliegt.