„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Analytisch und Synthetisch

Die sprachphilosophische Standarddefinition besagt:

Ein Satz S ist analytisch, gdw. gilt: die Wahrheit von S hängt allein von den Bedeutungen der Ausdrücke in S (bzw. seinen intensionalen Merkmalen) ab.

Ein Satz S ist synthetisch, gdw. gilt: die Wahrheit von S hängt auch von der empirischen Welt, in der S geäußert wird (seinen extensionalen Merkmalen), ab.

1. Geschichte

Die erste Explizierung der Begriffe "analytisch", "synthetisch" erfolgte aber durch:

Ein Satz S ist analytisch gdw. gilt: das Prädikat ist schon im Subjekt enthalten.

Beispiel analytisch: Alle Körper (enthält: ausgedehntsein) sind ausgedehnt.

Beispiel synthetisch: Alle Körper (enthält nicht: schwersein) sind schwer.

Aus 1* ergab sich die heutige Standarddefinition-1:

Ein Satz S ist analytisch gdw. gilt: Der Wahrheitswert von S hängt allein von den Bedeutungen der Ausdrücke in S ab.

Beispiel analytisch: Alle Junggesellen sind unverheiratet.

Beispiel synthetisch: Alle Junggesellen sind kahl.

Gottlob Frege-2 (Grundlagen der Arithmetik):

Ein Satz S ist analytisch gdw. gilt: S lässt sich in einen logisch wahren Satz überführen, indem man in S Ausdrücke durch synonyme Ausdrücke ersetzt.

Beispiel analytisch: "Alle Junggesellen sind Männer"
⇒ 
"Alle unverheirateten Männer sind Männer."

Beispiel synthetisch: "Alle Junggesellen sind rothaarig."

⇏ "Alle unverheirateten Männer sind rothaarig."

Für den Logischen Empirismus waren alle sinnvollen Sätze entweder analytisch oder synthetisch: Die Logik, Mathematik und Philosophie formuliert analytische und damit notwendige und apriorische Sätze. Die Naturwissenschaften beschäftigen sich dahingegen mit synthetischen Sätzen. Da die Sätze der klassischen Metaphysik weder analytisch noch synthetisch seien, wird diese als sinnlos betrachtet. Ein Problem des Logischen Empirismus ist, dass "alle sinnvollen Sätze sind entweder analytisch oder synthetisch" selbst weder analytisch noch synthetisch und damit eigentlich sinnlos ist.

2. Kritik

Die einflussreichste Kritik an der analytisch-synthetisch-Unterscheidung  findet sich in Willard Van Orman Quines Aufsatz "Zwei Dogmen des Empirismus":

2.1. Der Zirkeleinwand

Der Zirkeleinwand besagt, dass sich intensionale Begriffe wie "analytisch" oder auch "synonym" nicht sowohl korrekt und informativ definieren lassen.

Eine naheliegende Definition von "Analyzität" lautet:

Definition-0: Ein Satz S ist analytisch gdw. gilt: S ist eine logische Wahrheit (eine Tautologie).

Quine: Dies ist dies keine korrekte Erklärung. Viele analytische Wahrheiten wie "Alle Schimmel sind weiß" sind keine Tautologien.

Die Standarddefinition-1 von "Analyzität" besagt:

Definition-1: Ein Satz S ist analytisch gdw. gilt: Der Wahrheitswert von S hängt allein von den Bedeutungen Ausdrücke in S ab.

Quine: Dies ist keine informative Erklärung. Diese Definition setzt den Begriff der Bedeutung voraus – und der ist ebenso erklärungsbedürftig wie "analytisch".

Es folgt Freges Definition:

Definition-2: Ein Satz S ist analytisch gdw. gilt: S lässt sich in einen logisch wahren Satz überführen, indem man in S Ausdrücke durch synonyme Ausdrücke ersetzt.

Beispiel:

"Alle Schimmel sind weiße Pferde" "Alle F sind G"
"Schimmel" ist synonym zu ‚weißes Pferd’
"Alle Schimmel sind Schimmel" "Alle F sind F".

Freges Definition erklärt "analytisch" unter Rückbezug auf "synonym", d.h. "bedeutungsgleich". Aber wie ist eigentlich "Synonymie" zu erklären?

 „Ein naheliegender Vorschlag (...) ist der, dass die Synonymie zweier sprachlicher Formen einfach in ihrer Austauschbarkeit in allen Kontexten ohne Änderung des Wahrheitswertes besteht – Austauschbarkeit, in Leibniz’ Worten, salva veritate.”

- Willard Van Orman Quine: Zwei Dogmen des Empirismus, S. 27

Quine schlägt also folgende Definition vor:

Definition-2.1.: Zwei Ausdrücke A und B sind synonym gdw. gilt: Man kann A wahrheitserhaltend ("salva veritate") durch B ersetzen und umgekehrt.

Beispiel: "Briefträger" kann man überall (z.B. in einer Aussage) durch "Postbote" ersetzen, ohne dass sich der Wahrheitswert ändern kann.

Aber auch die Definition von "Analyzität" im Sinne von D-2 durch "Synonymie" im Sinne von D-2.1. ist mit Problemen behaftet:

Aber:

K1. Einige synonyme Ausdrücke lassen sich nicht wahrheitserhaltend  durcheinander ersetzen. In "Der Ausdruck "Junggeselle" hat 12 Buchstaben" kann man nicht für "Junggeselle" salva veritate "Unverheirateter" einsetzen. Und in "Blumentopferde ist billig" kann man nichts Synonymes für "Pferde" einsetzen.

K2. Einige nicht-synonyme Ausdrücke lassen sich wahrheitserhaltend ineinader übersetzen. Die Ausdrücke "Pferde" und "Paul Schockemöhles Lieblingstiere" sind offenkundig nicht synonym. Aber nehmen wir an, es gilt: Pferde sind Paul Schockemöhles Lieblingstiere. Dann lassen sie sich in Sätzen wie "Pferde sind störrisch" wahrheitserhaltend durcheinander ersetzen.

Die Definition-2, unter Rückgriff auf D-2.1., funktioniert also nur, wenn unsere Sprache besondere Kontexte enthält, in denen sich bedeutungsverschiedene Ausdrücke nicht einfach substituieren lassen. Welche Kontexte könnten das sein?

„Die Aussage

(4) Notwendigerweise: Alle und nur Junggesellen sind Junggesellen

ist offensichtlich wahr. Folglich muss, wenn ›Junggeselle‹ und ›unverheirateter Mann‹ salva veritate austauschbar sind,

(5) Notwendigerweise: Alle und nur Junggesellen sind unverheiratete Männer

das Resultat einer Einsetzung von ›unverheirateter Mann‹ für eines der Vorkommnisse von ›Junggeselle‹ in (4), wie (4), wahr sein.“

- Willard Van Orman Quine: Zwei Dogmen des Empirismus, S. 29

Quines zweiter Vorschlag lautet also:

Definition-2.2.: Zwei Ausdrücke A und B sind synonym gdw. gilt: Man kann A und B selbst in Kontexten der Form "notwendig gilt: …" durcheinander ersetzen.

Damit scheint der Kritikpunkt K2 an D-2.1. behoben. Denn "notwendig gilt: Paul Schockemöhles Lieblingstiere sind Einhufer" ist offensichtlich falsch.

Aber auch hier gibt es wieder zwei schwerwiegende Probleme:

K3. Was ist mit "Nachfolger des Nachfolgers der 3" und "5", oder mit "gleichwinkliges Dreieck" und "gleichschenkliges Dreieck"?

K4: Was bedeutet "notwendig"? Die allgemeine Erklärung scheint doch zu sein: Wer behauptet, ein Satz sei notwendig, der sagt letztlich, der Satz sei analytisch.

„Lassen Sie uns schauen, was diesem Argument seinen Anstrich von Hokuspokus verleiht. Die Bedingung der Austauschbarkeit salva veritate variiert in ihrer Stärke je nachdem, wie reich die betrachtete Sprache ist. Das obige Argument unterstellt, dass wir mit einer Sprache arbeiten, die so reich ist, dass sie das Adverb ›notwendigerweise‹ enthält, wobei dieses Adverb so verstanden wird, dass es dann und nur dann Wahrheit ergibt, ... wenn es auf eine analytische Aussage angewandt wird. Doch (...) [i]st das Adverb wirklich sinnvoll? Anzunehmen, dass es das ist, heißt anzunehmen, dass wir ›analytisch‹ bereits in befriedigender Weise verstanden haben. (...) Unser Argument ist nicht rundweg zirkulär, aber etwas in dieser Art. Es hat, bildlich gesprochen, die Form einer geschlossenen Kurve im Raum.“

- Willard Van Orman Quine: Zwei Dogmen des Empirismus, S. 29–30

Wenn wir "Analyzität" durch intensionale Begriffe wie "lexikalische Definition", ("Begriffs)Explikation"‚ "notwendig" oder "semantische Regel" definieren wollen, bewegen wir uns immer nur in einer geschlossenen Begriffsfamilie.

Eine solche Definition kann nur zirkulär und deshalb nicht informativ sein.

Wenn wir "Analyzität" durch extensionale Begriffe wie "Referenz" oder "Wahrheit" definieren wollen, bekommen wir keine korrekte Definition.

Zwischenfazit: Intensionale Begriffe wie "Analyzität" lassen sich weder intensional noch extensional korrekt und informativ definieren.

2.2. Der Holismuseinwand

Der Holismuseinwand besagt, dass es rein analytische Sätze nicht geben kann.

Quine widerspricht zunächst der Verifikationstheoriedie behauptet, dass sich einzelne Sätze empirisch überprüfen lassen. Nach Quine sind nur Gesamtheiten von Sätzen, d.h. Theorien empirisch überprüfbar:

„[O]ur statements about the external world face the tribunal of experience not individually but only as a corporate body“

- Willard Van Orman Quine: Zwei Dogmen des Empirismus, S. 41

Beispiel: Aus dem Satz S "Da steht ein Baum" folgt nur zusammen mit Sätzen B1...Bn über Lichtverhältnisse, Blickrichtungen etc. Sätze, die sich direkt an Erfahrung testen lassen. Der getestete Satz ist nicht S, sondern S & B1...Bn.

Daraus folgt ein Überprüfungsholismusempirisch überprüfbar sind nicht einzelne Sätze, sondern nur ganze Theorien.

Aus der Verifikationstheorie einerseits und dem Überprüfungsholismus andererseits schlussfolgert Quine einen Bedeutungsholismus:

(P1) Semantischer Gehalt ist immer empirischer Gehalt. D.h. ein sprachliches Element hat nur dann eine Bedeutung, wenn es empirisch überprüfbar ist (Verifikationismus)
(P2) Empirisch überprüfbar sind Theorien, nicht einzelne Sätze (Überprüfungsholismus).
(K1) Nicht Sätze, sondern Theorien sind die Träger von Bedeutung. (Bedeutungsholismus)

„The unit of empirical significance is the whole of science“

- Willard Van Orman Quine: Zwei Dogmen des Empirismus, S. 42

Wenn aber nicht einzelne Sätze sondern nur Theorien Bedeutung haben, kann es auch keine rein analytischen Sätze gebenDenn jeder scheinbar analytische Satz hängt wieder mit synthetischen Sätzen zusammen und umgekehrt.

GesamtfazitDie Unterscheidung von "analytisch" und "synthetisch" muss nach Quine zusammen mit der von Bedeutungs- und Weltwissen aufgeben werden.

3. Gegenwartsphilosophie

In Folge Quines lehnen einige Philosophen die analytisch-synthetisch Distinktion ab, weisen jede Form der Begriffsanalyse zurück und verstehen Philosophie analog zu den Naturwissenschaften. Die meisten zeitgenössischen Philosophen halten aber mindestens heuristisch an der Unterscheidung fest (zB. O. Müller).

2. Siehe auch

De re und De dicto

Synthetische Urteile A Priori

Aufsätze in: EpistPapersBySubject

Eintrag in: Routledge Encyclopedia of Philosophy

Eintrag in: Stanford Encyclopedia of Philosophy

3. Literatur

Bankov, A.: Die Lehre Kants von den analytischen und synthetischen Urteilen (1976)

Behmann, H.: Sind die mathematischen Urteile analytisch oder synthetisch? (1934)

Bennett, J.: Analytic-Synthetic (1959)

Bergmann, G.: Two Cornerstones of Empiricism (1954)

Beth, E.W.: Kants Einteilung der Urteile in analytische und synthetische (1954)

Beth, E.W.: Over Kant's onderscheiding van synthetische en analytische oordeelen (1942)

Bird, G.H.: Analytic and Synthetic (1961)

Boghossian, P.: Analyticity (1999)

Carnap, R.: Bedeutungspostulate (1972)

Cobitz, J.L. und Wild, J.: On the Distinction between the Analytic and the Synthetic (1948)

Cramer, K.: Non-Pure Synthetic A Priori Jugdments in the "Critique of Pure Reason"  (1974)

Delius, H.: analytisch/synthetisch

Dubislav, W.: Über die sogenannten analytischen und synthetischen Urteile (1926)

Essler, W.K.: Der erkenntnistheoretische Status synthetisch‑apriorischer Urteile bei der Gewinnung von Erfahrungserkenntnissen (1971)

Frege, G.: Die Grundlagen der Arithmetik (1961)

Gesang, B.: Die analytisch-synthetisch-Dichotomie bei Immanuel Kant und J.G.E. Maass. Ein Beitrag über die Aktualität der Aetas Kantiana (2000)

Gewirth, A.: The Distinction between Analytic and Synthetic Truths (1953)

Goodman, N.: On Likeness of Meaning (1949)

Grice, P. & Strawson, P.: In Defense of a Dogma (1965)

Hanna, R.: The Return of the Analytic-Synthetic Distinction (2012)

Hoche, H.-U.: Nichtempirische Erkenntnis. Analytische und synthetische Urteile a priori bei Kant und bei Husserl (1964)

Huber, F.: Wie unterscheiden sich die analytischen und synthetischen Urteile? (1849)

Jong, W.R.: Gottlob Frege and the Analytic-Synthetic Distinction within the Framework of the Aristotelian Model of Science (1996)

Kant, I.: Kritik der reinen Vernunft (1781)

Kant, I.: Prolegomena (1783)

Knauss, G.: Extensional and Intensional Interpretation of Synthetic Propositions A Priori  (1974)

Kühnemann, E.: Analytisch und synthetisch (1895)

Lauener, H.: Why the Distinction between Analytic and Synthetic Statements? (1993)

Liu, Sh.-Ch.: On the Analytic and the Synthetic (1992)

Moore, A.W.: The Underdetermination/Indeterminacy Distinction and the Analytic/Synthetic Distinction (1997)

Müller, O.: Synonymie und Analytizität: Zwei sinnvolle Begriffe. Eine Auseinandersetzung mit W.V.O. Quines Bedeutungsskepsis (1998)

Newen, A.: Apriorität und Analytizität (2007)

Nordenstam, T.: Empiricism and the Analytic-Synthetic Distinction (1972)

Peikoff, L.: The Analytic-Synthetic Dichotomy (1979)

Putnam, H.: The Analytic and the Synthetic (1962)

Quine, W. V. O.: Zwei Dogmen des Empirismus (1979)

Russel, B.;Whitehead, A.N.: Principia Mathematica (1910)

Russell, G.: Truth in Virtue of Meaning. A Defence of the Analytic/Synthetic Distinction (2008)

Seebohm, Th.M.: Zwei neuere Explikate der Begriffe "analytisch" und "synthetisch" (1971)

Siebel, F.: Untersuchungen zum Problem der Unterscheidung analytischer und synthetischer Urteile (1952)

Stegmüller, W.: Der Begriff des synthetischen Urteils a priori und die moderne Logik (1954)

Sternberg, K.: Über die Unterscheidung von analytischen und synthetischen Urteilen. Ein Beitrag zur Lösung des Problems der Urteilsmodalität (1926)

Waismann, F.: Analytic and Synthetic (1949-52)

Walsh, W.H.: Analytic and Synthetic (1954)

Wang, H.: Notes on the Analytic-Synthetic Distinction (1955)

White, M.G.: The Analytic and the Synthetic (1950)

Stand: 2018

Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Donnerstag, 25 Oktober 2018 17:25)

    In der ->Willensfreiheitsdebatte kommt häufig etwas vor, was ich als "analytisch-synthetisch-Fehlschluss" bezeichnen möchte. Klassische und moderne ->Libertarier sind der Auffassung, dass unsere klassischen Begriffe des Handelns und Entscheidens Begriffe von "zwei-Wege-Vermögen" sind: Wer handelt, kann auch unterlassen, wer eine Entscheidung trifft, wählt zwischen mindestens zwei offenen Optionen. Die Feststellung dieses begrifflichen Zusammenhangs, so er denn besteht, ist freilich kein Freiheitsbeweis, wie einige Libertarier gerne tun, denn aus analytischen Sätzen folgen niemals synthetische.

    https://www.sapereaudepls.de/was-soll-ich-tun/willensfreiheit/libertarismus/
    https://www.sapereaudepls.de/was-soll-ich-tun/willensfreiheit/

  • #2

    WissensWert (Montag, 22 Oktober 2018 20:08)

    https://www.uni-erfurt.de/fileadmin/user-docs/Philosophie/praktphil/Online-Texte/Gibt_es_analytische_Urteile.pdf

  • #1

    WissensWert (Montag, 22 Oktober 2018 18:44)

    https://www.youtube.com/watch?v=zX-nNQ2Opsc


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