„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Außenweltskeptizismus 

Der Außenweltskeptizismus zweifelt:

(1)  epistemologische These: an der Erkennbarkeit der Außenwelt, oder

(2)  metaphysische These: an der Existenz der Außenwelt.

Anders als These (2) besagt These (1) nicht, dass es keine Außenwelt gibt. These (1) hält die Frage nach der Existenz vielmehr offen und bezweifelt stattdessen, dass wir:

     (1a) schwache These: etwas über die Außenwelt wissen.
     (1b) starke These: etwas über die Außenwelt wissen können.

Entsprechend lässt sich auch These (2) ausdifferenzieren: 

    (2a) schwache These: die Existenz der Außenwelt wird angezweifelt.
    (2b) starke These: die Existenz der Außenwelt wird verneint.

Die Außenwelt ist die Gesamtheit der Entitäten, die außerhalb und unabhängig von meinem Bewusstsein bzw. meinen Bewusstseinsinhalten existieren. Mein Bewusstsein bzw. meine Bewusstseinsinhalte (meine Gefühle, Empfindungen, Wahrnehmungen, Gedanken usw.) bilden meine Innenwelt.

Diese Gegenüberstellung kann einem zu folgendem Gedanken bringen:

(P1) Alles, was ich über die Welt zu wissen glaube, habe ich aus meiner Innenwelt. Bsp: Wenn ich glaube zu wissen, dass ich einen eigenen Körper besitze, kommt dieser Glaube aus der innenweltlichen Wahrnehmung eines eigenen Körpers.

(P2) Die Innenwelt kann Inhalte selbst kreieren, die dann auf uns fälschlicherweise so wirken, als würden sie etwas aus der Außenwelt wiederspiegeln. Bsp: Wenn ich träume Daario Naharis zu sein schafft mein Bewusstsein diese Vorstellung und es wirkt auf mich fälschlicherweise so, als würde ich wirklich, d.h. auch unabhängig von meiner bloßen Vorstellung, in Daario´s Körper stecken.

 

(K) Aus (P1) und (P2) folgt: der Außenweltskeptizismus. Bsp: Wenn ich im Alltag glaube zu wissen, dass ich einen eigenen Körper besitze und eine Außenwelt wahrnehme kann es sein, dass dies nur eine innerweltliche Illusion ist.

Dieser Gedankengang wird von vielen außenweltskeptizistischen Argumenten aufgegriffen, hier zwei prominente Beispiele:

·       Traumargument: Es könnte der Fall sein, dass ich (ein Leben lang) nur träume eine Außenwelt zu erleben.

 

·       Gehirn im Tank: Es könnte sein, dass ich ein Gehirn in einer Nährlösung bin, welches durch elektrische Impulse so stimuliert wird, dass es nur denkt eine Außenwelt zu erleben.

Beide Argumente, das Gehirn im Tank und das Traumargument, haben in der Regel die Form:

(P1) Wenn wir S nicht ausschließen können, kann S.
(P2) Wir können S nicht ausschließen.
(K)   Also kann S.

Oder konkreter:

(P1) Wenn wir nicht ausschließen können, dass es keine Außenwelt gibt, könnte es keine Außenwelt geben.
(P2) Wir können nicht ausschließen, dass es keine Außenwelt gibt.
(K) Also könnte es keine Außenwelt geben.

Logisch-formal lässt sich an diesem Schluss nichts aussetzen. Auch inhaltlich kann man seine Prämissen nur schwer anfechten: (P1) scheint unstrittig und notwendig wahr zu sein. Wenn überhaupt irgendwie, könnte man versuchen (P2) zu widerlegen, nur wie? Meine Wahrnehmungen sind das einzige, was mich dazu veranlasst an eine Außenwelt zu glauben, dabei kann ich nicht ausschließen, dass diese Wahrnehmungen nur vorgetäuscht sind, also gilt auch (P2) und es ergibt sich (K).

Die Betonung liegt deutlich auf "könnte es keine Außenwelt geben" und "können nicht ausschließen". Genau dies kann ein außenweltskeptizistisches Argument leisten, uns aufzeigen, dass wir nicht wissen können, ob es eine Außenwelt gibt. Dahingegen kann kein außenweltskeptizistisches Argument belegen, dass es definitiv keine Außenwelt gibt. Es hält uns stets in der Schwebe der Unkenntnis ob einer Außenwelt. Dies geht unmittelbar aus den Argumenten hervor: Es gibt zwei mögliche Szenarien (S1) "ich erlebe eine Außenwelt" und (S2) "Ich träume / halluziniere und es gibt keine Außenwelt". Beide Szenarien könnten in Bezug auf mein Leben gleichermaßen der Fall sein und beide sind nicht voneinander zu unterscheiden, woraus sich ergibt, dass die Frage nach der Außenwelt immer im Unklaren bleibt.
Und das war´s und wird´s gewesen sein.
Wir werden, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, nie wissen, ob die von uns erlebte Außenwelt real ist oder nicht. Egal wie weit wir uns technisch entwickeln, dass einzige was wir von der Welt haben, ist unsere Wahrnehmung (wie sollte auch eine Alternative aussehen?). Diese Wahrnehmung kann uns vorgekaugelt werden (S2), oder nicht und dann existiert eine reale Außenwelt (S1). Über diese Einsicht werden wir wohl prinzipiell nie hinausgelangen können.

Rezeption

Moderne Philosophen tuen gerne so, als sei der Außenweltskeptizismus zwar eine nette Spielerei, aber doch kein ernstzunehmendes Programm. Ich halte das für verkehrt. Der Außenweltskeptizismus weist uns darauf hin, dass wir wirklich nicht wissen können, ob es unabhängig von unserer Wahrnehmung eine Außenwelt gibt – oder eben nicht. Der Grund, weshalb nicht mehr über den Außenweltskeptizismus gesagt wird, ist nicht etwa, das er nicht ernstzunehmend wäre, sondern, dass damit schon alles sinnvolle gesagt ist: Eine Außenwelt kann es geben oder nicht. Mehr können wir, da bin ich agnostizistisch eingestellt, nicht wissen. Und alle mir bekannten Versuche das Gegenteil zu beweisen, d.h. Versuche, den Außenweltskeptizismus zu widerlegen oder nur zu entplausibilisieren, wie z.B. P.M.S. Hackers "Die Widerlegung des Solipsismus", scheitern.

  • #Solipsismus #Descartes 
  • #Solipsismus #Hume 
  • Gegenwart: Parallel zum räumlichen Außenweltskeptizismus lässt sich ein zeitlicher Außergegenwartsskeptizismus formulieren: Nur die Gegenwart ist Teil unserer Wahrnehmung, Vergangenheit und Zukunft erleben wir nie und dass wir trotzdem von ihrer Existenz ausgehen liegt an unseren Erinnerungen und Erwartungen. Doch nur weil wir Erinnerungen und Erwartungen haben heißt das nicht, dass es eine Vergangenheit gab oder eine Zukunft geben wird.
  • Höhlengleichnis: Die Frage nach der Realität der sinnlich wahrnehmbaren Außenweltwelt wurde bereits von Platon in seinem berühmtgewordenem Höhlengleichnis erörtert.
  • Realismus: Die Realismusdebatte unterstellt die Trennung von Denken und Wirklichkeit und öffnet damit Raum für den Außenweltskeptizismus.

Stand: 2016

Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Montag, 27 Februar 2017 01:37)

    https://www.youtube.com/watch?v=3CCqwVUxV60

  • #3

    WissensWert (Mittwoch, 02 November 2016 02:05)

    Meine Antwort wäre: Ich erfahre einen Strom wechselnder Bewusstseinsinhalte (Qualia). Das ist eine Aussage von "incorrigible truth" - sie ist ein ehrlicher Versuch, mein inneres Erleben ohne Täuschungsabsicht oder unzulässige Schlussfolgerungen sprachlich darzustellen.
    Den ontologischen Ursprung der Qualia kann ich nicht mit letzter Sicherheit klären. Es hat sich pragmatisch bewährt, Qualia als Reaktion des Bewusstseins auf elektrische Inputs zum Gehirn zu verstehen. (Jedes Mal, wenn ich ein Stück Zucker esse, erlebe ich offenbar dasselbe Quale).
    Qualia können sich erheblich ändern, wenn das Gehirn beschädigt oder pharmakologisch beeinflusst wird. Die Wahrnehmung von Qualia scheint also in relevanter Weise mit Neurophysiologie zusammenzuhängen. Wie genau Qualia entstehen ist bisher völlig unklar. (hard problem)
    Mehr ist m.E. nicht aussagbar.

    Körperunabhängiges Bewusstsein ist eine interessante These (setzt übrigens externen Realismus voraus) - aber sie ist derzeit nicht von einer Illusion, einem Irrtum unterscheidbar.

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 04 Oktober 2016 20:13)

    Aus https://de.wikipedia.org/wiki/Au%C3%9Fenwelt :

    "Mit Außenwelt wird im allgemeinen Sprachgebrauch alles bezeichnet, was sich außerhalb eines begrenzten Bereichs befindet, der von einer bestimmten Person oder Gruppe als ihre Innenwelt oder als ihr relativ isolierter Aufenthalts- oder Interessenbereich betrachtet wird. Beispielsweise spricht man von der Außenwelt eines Staates oder davon, dass eine Gruppe von Menschen durch ein Naturereignis von der Außenwelt abgeschnitten ist. Oft wird alles, was außerhalb des eigenen Körpers ist, als Außenwelt betrachtet und bezeichnet.

    Insbesondere in philosophischen Texten wird oft als Außenwelt die Gesamtheit der Gegenstände und Tatsachen bezeichnet, die nicht dem Bewusstsein eines wahrnehmenden Subjekts angehören, im Gegensatz zur Innenwelt, welche die mentalen Vorgänge und Zustände des wahrnehmenden Subjekts umfasst. Im Sinne dieses Verständnisses wird auch der eigene Körper des wahrnehmenden Subjekts von diesem, insoweit er Objekt der Sinneswahrnehmung ist, der Außenwelt zugerechnet. Ob und inwieweit Vorstellungen über die Außenwelt die Realität widerspiegeln oder angemessen repräsentieren, wird in der Philosophie im Rahmen der Erkenntnistheorie und der Philosophie des Geistes, in der Wahrnehmungspsychologie sowie unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten in der Physiologie und in der Biologie unter dem Aspekt der Wahrnehmung kontrovers diskutiert.

    Die Frage nach der Realität der sinnlich wahrnehmbaren Außenwelt wurde bereits im Höhlengleichnis Platons erörtert. Sie ist auch das Thema von Gedankenexperimenten wie beispielsweise dem Argument vom Gehirn im Tank bei Hilary Putnam oder in dem modernen Science-Fiction-Film Matrix."

  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 16 Juni 2016 15:14)

    Im Dunkel des Schädels schwimmt unser Gehirn in einer warmen Salzlösung und bekommt nichts von der Welt mit, als einen ständigen Strom elektrischer Signale. Sehnerv, Hörnerv, Gleichgewichtsnerv, Spinalnerven, die dem Gehirn die Gelenkstellung oder taktile Reize übermitteln - sprechen alle dieselbe Sprache: elektrische Signale. Aus dem Chaos einströmender elektrischer Impulse sucht das Gehirn sinnvolle (überlebensrelevante) Muster heraus und erstellt daraus ein kognitives Modell der Umwelt. "Rot", "salzig", "weich" - das sind verschiedene Auswertungen elektrischer Muster aus unseren "Peripheriegeräten", aus dem Auge, der Zunge oder den Tastkörperchen der Haut. Die gesamte wahrgenommene Realität ist nichts weiter als das Rechenergebnis des Supercomputers in unserer Kopf.

    Dieser körpereigene Supercomputer kann beliebige Daten erfolgreich verarbeiten. Gehörlose Menschen können lernen, die Haut ihres Rückens als Ohr zu benutzen. Schallwellen werden elektronisch in Vibration übersetzt und als komplexe, flächige Vibrationsmuster an die Haut übermittelt. Das Gehirn macht, was es am besten kann: Aus dem Chaos einströmender Daten relevante Muster entnehmen. Nach wenigen Tagen kann der gehörlose Patient Wörter verstehen.

    Blinde Patienten sehen mit der Zunge: Eine Kamera nimmt die Umgebung auf, ein Rechner entnimmt dem Pixelbild die Kanten und übermittelt sie an eine Silikonscheibe, die korrespondierende elektrische Signale an die Zunge des Patienten abgibt. Nach wenigen Tagen kann der Proband sehen. Der somatosensible Kortex lernt, den Datenstrom an den visuellen Kortex zu senden: der blinde Patient hat übliche Seheindrücke, die er über mechanische Reize an der Zunge wahrnimmt.

    David Eagleman fügt der Hardwareausstattung unseres Zentralrechners neue "Peripheriegeräte" hinzu. Er baut eine taktile Weste, die Vibrationen an den Oberkörper überträgt. Der Proband soll drei Knöpfe bedienen. Ein direktes Feedback teilt ihm mit, welche Reaktion auf welches Muster korrekt war - und welche falsch. Was der Proband nicht weiß: Die Daten, die er taktil empfängt, sind Börsenkurse. Seine Reaktion sind Aktien-Käufe und -verkäufe. Nach wenigen Tagen hat das Gehirn (ohne zu wissen, was es da tut) die taktilen Muster in feedback-verstärkte, zielführende Reaktionen übersetzt. Der Proband wird, ohne es zu wissen, zum erfolgreichen Börsenmakler.

    Aktienhandel, Patientenüberwachung in Echtzeit, Überwachung der Flugparameter für Piloten - all das lässt sich in ein sinnlich wahrnehmbare Muster codieren und dem "Gehirn-Zentralrechner" zur selbständigen Auswertung vorlegen. Das Gehirn macht stupide das, wofür es evolutionär selektiert wurde: Aus dem einströmenden Chaos elektrischer Impulse selbständig relevante Muster erkennen und feedbackgesteuert geeignete Reaktionen darauf berechnen. Wow!

    Neue Sinnesorgane für Menschen:
    https://www.ted.com/talks/david_eagleman_can_we_create_new_senses_for_humans?language=en#t-351592

    Sehen mit der Zunge:
    https://youtu.be/OKd56D2mvN0 "


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