Substanzdualismus

Der Dualismus ist eine grundsätzliche ontologische Position, nach der alles, was ist, in zwei Entitätarten zerfällt. In Bezug auf das bewusstseinsphilosophische Leib-Seele-Problem bezeichnet der Dualismus die Auffassung, dass Geist und Gehirn zwei grundsätzlich unterschiedliche Entitäten sind.

Der Substanzdualismus hält Materie und Geist für Substanzen, d.h. für nicht aufeinander reduzierbar. Insbesondere sei der Geist nichtphysischer Natur (sondern z.B. eine immaterielle Seele o.ä.).

Es wird gemeinhin zwischen interaktionistischen und nichtinteraktionistischen Substanzdualismen unterschieden. Interaktionistische Substanzdualismen gehen davon aus, dass Materie und Geist (genauer: neuronale und mentale Zustände) direkt kausal miteinander interagieren, während eben dies von nichtinteraktionistischen Substanzdualismen (z.B. prästabilierte Harmonie, Okkasionalismus) verneint wird. Eine Zwischenposition stellt der dualistische
Epiphänomenalismus dar, nach ihm sind nur neuronale Zustände auf mentale Zustände kausal wirksam, nicht aber umgekehrt.

Platon und René Descartes waren die philosophiehistorisch bedeutsamsten Substanzdualisten. Richard Swinburne gehört zu den wenigen lebenden Philosophen, die heute noch einen Substanzdualismus vertreten. Gegenwärtig diskutiert man jedoch eher den Eigenschaftsdualismus. Die allermeisten modernen Philosophen haben indes jeder Form des Dualismus abgeschworen und vertreten eine Form des naturalistischen Monismus.

Der doppelköpfige Janus – römischer Gott der Zeit, von Anfang und Ende – ist ein sehr altes Symbol des Dualismus
Der doppelköpfige Janus – römischer Gott der Zeit, von Anfang und Ende – ist ein sehr altes Symbol des Dualismus

Argumente für und gegen den Substanzdualismus

Zu den heute noch relevanten Argumente für den Substanzdualismus zählen vor allem die antinaturalistischen Argumente: Das Argument des unvollständigen Wissens, das Argument der Erklärungslücke, etc. (reductio ad absurdum).

Die Argumente von Platon (Argument für die Unsterblichkeit der Seele im Phaidon) und Descartes (res cogitans und res extensa in den Meditationen) müssen heute nicht mehr ernstgenommen werden, wenngleich sie für die damalige Zeit natürlich sehr beeindruckend waren!

Die wahrscheinlich schwerwiegendsten Argumente gegen den Substanzdualismus erwachsen aus den Erkenntnissen der empirischen Neurowissenschaften:

a. Der Ort der Interaktion

Der interaktionistische Dualismus ist empirisch unplausibel, da den Neurowissenschaften kein Interaktionsort bekannt ist, der zwischen materiell-neuronalen und nichtmateriell-mentalen Zuständen kausal vermitteln sollte. Außerdem muss er sich die Frage gefallen lassen, wie sich eine Interaktion zwischen neuronalen und mentalen Zuständen prinzipiell vorstellen lässt, wenn beide doch substantiell sein, d.h. eigenständig und unabhängig voneinander, existieren sollen. Dieser starke Einwand wurde in Ansätzen schon von der böhmischen Prinzessin Elisabeth (1618-1680) gegen Descartes erhoben – dieser
reagierte sehr ausweichend.

b. Die Vollständigkeit der physiologischen Erklärung

Die empirischen Wissenschaftler arbeiten äußerst erfolgreich mit der Annahme der kausalen Geschlossenheit der materiellen Welt. Fordert man einen Physiologen beispielsweise dazu auf zu beschreiben, was geschieht, wenn ein Mann von einem Löwen davonläuft, so liefert er ein detailliertes Bild von evolutionären, hormonellen, neuronalen und psychologischen Faktoren, die dieses Phänomen erklären, ohne dass dabei von nicht-natürlichen Ursachen die Rede ist.

Ein interaktionistischer Substanzdualist muss also erklären, warum er die Annahme der kausalen Geschlossenheit der materiellen Welt plötzlich aufgeben möchte, wenn diese sich empirisch doch so sehr bewährt hat.

c. Die Korrelation von mentalen und neuronalen Zuständen

Demgegenüber haben nichtinteraktionistische Dualismen mit dem ebenfalls durch den Erfolg der empirischen Wissenschaften bedingten Problem zu kämpfen, dass entgegen ihrer zentralen These empirisch alles für eine kausale Interaktion zwischen neuronalen und mentalen Zuständen spricht. Wenn ich mich beispielsweise im mentalen Zustand des Durstes befinde, folgt darauf in der Regel, dass neuronale Zustände meinen Körper dazu bringen,  sich bzw. mir ein Glas Wasser zu holen. Wie der berühmte Fall um Phineas P. Gage zeigt, gilt auch der umgekehrte Fall: Wenn die neuronalen Gehirnstrukturen beschädigt oder zerstört werden, kann dies das gesamte mentale Grundsettting einer Person ändern. Aufgrund solcher Beobachtungen scheint es äußerst plausibel. von einer kausalen Interaktion zwischen neuronalen und mentalen Zuständen auszugehen. Und da wie gesagt weiterhin vieles gegen die Annahme nicht-physischer Entitäten spricht, vertreten die meisten modernen Philosophen eben einen naturalistischen Monismus.

 usw.

Die generelle Erklärungsschwäche des Substanzdualismus

Generell sollte eine gute Theorie des Mentalen (mindestens) diese sechs allgemeinen Merkmale mentaler Zustände erklären (bzw. "wegerklären") können:

(1) Einige mentale Zustände scheinen von Zuständen der Welt verursacht zu  werden (z.B. körperliche Schmerzen)

(2) Einige mentale Zustände scheinen Handlungen zu verursachen (z.B.  Entschlüsse)

(3) Einige mentale Zustände scheinen andere mentale Zustände zu  verursachen (z.B. körperliche Schmerzen à Entschluss Medikamente  einzunehmen)

(4) Einige mentale Zustände sind bewusst (z.B. bewusste Gedanken)

(5) Einige mentale Zustände handeln von Dingen in der Welt (z.B. von Autos)

(6)  Mentale Zustände korrelieren systematisch mit neuronalen Zuständen  bestimmter Art (Feuern bestimmter Neuronen à Schmerzen).

Es ist bezeichnend, in welchem Ausmaß es dem Substanzdualismus misslingst, auch nur einen der aufgelisteten Sachverhalte zu erklären. Die Probleme des Substanzdualismus mit den Punkten (1) und (2) wurden bereits hinreichend thematisiert. Über den Punkt (3) schweigt der Substanzdualismus gänzlich. Wie soll es einem nichtphysischen Zustand gelingen, andere nichtphysische Zustände hervorzubringen? Insbesondere stellt sich hier die Frage, wie es kommt, dass sich einige der bestehenden kausalen Beziehungen zwischen nichtphysischen Zuständen an die Regeln des vernünftigen Denkens halten. 

Wenden wir uns dem Punkt (4) zu. Die Vertreter des Substanzdualismus besitzen weiterhin keine Erklärung des bewusst-seins mentaler Zustände. Sie behaupten zwar, dass nichtphysische Zustände Bewusstsein haben können, machen aber keine Angaben über die bewusstseinsförderlichen Merkmale der nichtphysischen Zustände. Auch hier sind ihnen die naturalistischen Entwürfe voraus, denn diese können auf eine ganze Reihe valider Theorien aus der Psychologie und den Kognitions- und Neurowissenschaften zurückgreifen.

Punkt (5) besagt, dass zumindest einige mentale Zustände von Dingen in der Welt handeln. Meine Überzeugung, dass der Mount Everest 8848 Meter hoch ist, bezieht sich auf den bzw. handelt vom Mount Everest. Theorien des Bezugs (des "worüber") mentaler Zustände heißen "Theorien des Inhalts" (theories of content). Es ist nicht völlig ausgeschlossen, dass nichtphysische Zustände von den Dingen der ansonsten physischen Welt handeln können, allerdings gibt es auch keine einzige rational ernstzunehmende dualistische Theorie des Inhalts.

Bleibt der Punkt (6). Warum sollen nichtphysische Zustände mit physischen Gehirnzuständen korrelieren? Nach descartscher Auffassung spielt die Zirbeldrüse eine entscheidende Rolle bei der Vermittlung zwischen der Welt und dem nichtphysischen Geist. Die Zirbeldrüse ist jedoch selbst nur ein physisches Organ im Gehirn, das Problem des "wie und wo" der Interaktion zwischen Gehirn und Geist wurde von ihm also nur kaschiert, nicht gelöst. Kein Wunder, dass Descartes so ausweichend auf Prinzessin Elisabeths kluge Frage reagierte!

Stand: 2017

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