Qualia

Der Begriff "Qualia" (von lat. qualis wie beschaffen) bezeichnet den subjektiven Erlebnisgehalt mentaler Zustände.

Für Nicht-Philosophen ist diese Definition erstmal sperrig, weshalb wir näher erläutern wollen, was damit gemeint ist. Häufig wird Qualia auch als phänomenales Bewusstsein bezeichnet. "Phänomenal" beschreibt für Philosophen die Art und Weise, in der sich etwas unserer Wahrnehmung darbietet. Der Philosoph Thomas Nagel brachte es mit der Formulierung "Wie es ist, etwas zu sein oder zu erleben" griffig auf den Punkt. Alternativ könnte man auch sagen: Qualia ist, wie es sich für ein Subjekt anfühlt, in einem bestimmten mentalen Zustand zu sein.

Die Art und Weise, wie es sich anfühlt, die Röte einer Rose wahrzunehmen, ist ein typisches Beispiel für Qualia. Weitere Beispiele sind der Klang von Musik, das Gefühl von Wut, der Geruch von Benzin, der Geschmack von Süße und die Spürbarkeit des eigenen Herzpochens. Sicherlich lassen sich all diese Empfindungen auch mit elektromagnetischen Wellen, Hormonschwankungen,  Molekülen in der Luft oder auf der Zunge, oder einer erhöhten sportlichen Aktivität erklären. Doch diese Erklärungen der Wissenschaften, die die Dritte-Person-Perspektive einnehmen, erscheint unvollständig, weshalb sich auch die Phänomenologie entwickelt hat.

Das Verständnis der Qualia ist eines der zentralen Probleme der Philosophie des Geistes bzw. des Leib-Seele-Problems.

Wie kommt es, dass bei der Verarbeitung von bestimmten Lichtwellen Farberlebnisse entstehen?
Wie kommt es, dass bei der Verarbeitung von bestimmten Lichtwellen Farberlebnisse entstehen?

1. Begriffsbestimmung

Die erste Verwendung des Qualia-Begriffes lässt sich auf das Jahr 1866 datieren und geht auf den amerikanischen Philosophen Charles S. Peirce[1] zurück, doch erst 1929 wurde er durch C. I. Lewis in dem Buch Mind and the World Order[2] im Sinne der aktuellen Philosophie des Geistes bestimmt als „erkennbare Charaktere des Gegebenen, die wiedererkannt werden können, und deshalb eine Art Universalien sind“. Ein in der Literatur häufig anzutreffendes Synonym für den Begriff der Qualia ist der englische Ausdruck raw feels.

In der zeitgenössischen Philosophie werden mit dem Begriff der Qualia v.a. vier Merkmale assoziiert: Qualia sind mentale Eigenschaften, die (a) intrinsisch (b) durch Introspektion unmittelbar zugänglich, (c) alleinige Determinanten der Erlebnisqualität einer Erfahrung und (d) bei Sinneswahrnehmungen das geistige Gegenstück zu Eigenschaften von Objekten sind.[3]

(a) Qualia eines geistigen Zustandes sind eine dem geistigen Zustand innewohnende, intrinsische Eigenschaft eines fühlenden Wesens, die „dafür verantwortlich zu sein scheint, daß es für mich irgendwie ist, ein die Welt und seinen Körper wahrnehmendes Wesen zu sein“ (Heckmann 2001)

 

(b) Qualia sind durch Introspektion direkt zugänglich und privat. Die Einsicht, dass etwas schmerzhaft ist, ist dem Subjekt selbst vorbehalten. Aussagen, die ein empfindendes Subjekt aufrichtig über sein geistiges Innenleben äußert, sind durch eben diese Äußerung wahr.

 

(c) Qualia sind alleinige Determinante der Erlebnisqualität einer Erfahrung und dafür verantwortlich, dass sich ein Schmerz schmerzhaft anfühlt und Zimt so schmeckt, wie er schmeckt. Ob Qualia geistigen Zuständen notwendigerweise zukommen oder beides auch auseinanderfallen kann, ist aber strittig. Ist ein Schmerzzustand, der nicht schmerzhaft ist, möglich? Das ist das Thema des Gedankenexperiments der sogenannten Qualia-Zombies: Könnte es Lebewesen geben, die uns in ihrem Verhalten und ihrer Biologie gleichen, deren geistige Zustände aber keine Qualia besitzen (vgl. Kripke 1981)? Insbesondere in der Sprachphilosophie wird darüber diskutiert, wie mentales Vokabular, wie bspw. „Lust“, „Angst“ oder „Heiterkeit“, verwendet wird und inwieweit Qualia den Inhalt dieser Begriffe festlegen.

 

(d) Ein Quale ist bei Sinneswahrnehmungen das phänomenale Gegenstück zu Eigenschaften von Objekten. Wenn man eine rote Tomate sieht, dann ist das Rot-Quale das geistige Gegenstück zu der Eigenschaft der Tomate rot zu sein, und wenn man über die Rinde eines Baumes streicht, dann ist das Tast-Quale, das man dabei hat, das geistige Gegenstück zu der Eigenschaft der Rinde, eine raue Oberfläche zu haben.

Zudem lassen sich einige hervorstechende Gemeinsamkeiten zwischen geistigen Zuständen mit Qualia beobachten. Ist jemand im Besitz dieser Zustände, ist es für ihn auf einer ganz bestimmten Art und Weise, in diesen Zuständen zu sein. Michael Tye listet folgende paradigmatische Typen von geistigen Zuständen mit Qualia auf: (1) Wahrnehmungserfahrungen [Perceptual experiences], (2) körperliche Empfindungen [Bodily sensations], (3) Emotionen [Felt reactions] und (4) Gefühlsstimmungen [Felt moods].[4] Unklar ist, ob auch bestimmte geistige Zustände mit propositionalem Gehaltwie Wissen, Wünsche oder Hoffnungen, Qualia besitzen.

Diese Punkte machen mehr als deutlich wie schwierig es ist, die phänomenalen Gehalte von geistigen Zuständen in Worte zu fassen und zeigen auf, dass die Frage nach einer begrifflichen Bestimmung des Wortes „Qualia“ kein leichtes Unterfangen ist. Dass die obigen Ausführungen für jemanden, der nicht vorher schon eine Ahnung hat, was mit dem what-is-it-like-Aspekt eines geistigen Zustandes gemeint ist, nur bedingt informativ sind, unterstreicht folgender Kommentar von Ned Block:

„Sie fragen: Was ist das, was Philosophen ‚qualitative Zustände‘ genannt haben? Und ich antworte, nur halb im Scherz: Wie Louis Armstrong schon sagte, als man ihn fragte, was Jazz sei: Wenn du erst fragen musst, wirst du es nie verstehen.“

– Ned Block: Troubles with Functionalism[5]

Umso wichtiger ist es, sich das Problem vor Augen zu führen, zu dessen Lösung die Rede über „Qualia“ beitragen soll. Der Kommentar von Block zeigt auch, weshalb Thomas Nagels anfänglicher Bestimmungsversuch der Qualia als "wie es ist, etwas zu sein oder zu spüren" als unzureichend gelten muss. Denn er setzt voraus, dass diese Phrase bereits verstanden wird. Wenn einer keinen Zugang zu Qualia hat, wird er auch nach dieser Definition nicht verstehen, was damit gemeint ist.

2. Das schwierige Problem des Bewusstseins

Erkennt man die Existenz von Qualia an, ergibt sich das schwierige Problem des Bewusstseins (David Chalmers): Warum gibt es überhaupt subjektive Erlebnisgehalte - also Qualia? Warum tut es etwa weh, wenn ich mir mit einer Nadel in den Finger steche? Wir verstehen einiges von den physiologischen Prozessen, die in einer solchen Situation ablaufen: Von unserem Finger werden Signale ins Gehirn geleitet, dort finden komplexe Verarbeitungsprozesse statt. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren können wir sogar herausfinden, welche Prozesse im Gehirn ablaufen, wenn wir Schmerzen im Finger erleben. Nur, so Chalmers, wir haben dennoch nicht die geringste Ahnung, warum all diese Prozesse mit einem Schmerzerlebnis einhergehen. Warum passiert all dies nicht, ohne dass dabei auch nur ein Funken Bewusstsein entsteht? Dies ist das harte Problem des Bewusstseins und auch das klassische Qualiaproblem, wie es u.a. auch von Thomas Nagel, Frank Cameron Jackson und Joseph Levine formuliert wurde.

Warum sollte ein physischer Prozess überhaupt ein reiches inneres Leben entstehen lassen?“
- David Chalmers

Nach unseren bisherigen Erkenntnissen über die physikalische Beschaffenheit unseres Gehirns ist es nicht nur unklar, welche Eigenschaften der verschiedenen Impulsweiterleitungen der Nervenzellen durch die Natrium-Kalium-Pumpen und unzähligen Ausschüttungen von Neurotransmittern letztlich maßgeblich für phänomenale Gehalte sind. Es scheint auch prinzipiell unmöglich zu sein, Qualia naturwissenschaftlich zu erklären. Vielmehr kommt es einem so vor, als seien Qualia etwas Weiteres, etwas neben dem, was naturwissenschaftlich überhaupt erforscht werden kann. Diese Intuition wird durch eine Reihe von antiphysikalistischen Argumenten gestützt, von denen einige im Folgenden vorgestellt werden sollen, siehe auch Erklärungslücke.

2.1. Das Mary-Gedankenexperiment

Das berühmteste gegen den Materialismus gerichtete qualiabasierte Argument kommt von dem australischen Philosophen Frank Cameron Jackson. In seinem Aufsatz What Mary didn’t know („Was Mary nicht wusste“)[7] formuliert Jackson das Gedankenexperiment der Superwissenschaftlerin Mary. Mary ist eine auf Farbensehen spezialisierte Physiologin, die seit ihrer Geburt in einem schwarz-weißen Labor gefangen ist und noch nie Farben gesehen hat. Sie kennt alle physischen Fakten über das Sehen von Farben, weiß jedoch nicht, wie Farben aussehen. Jacksons Argument gegen den Materialismus ist nun recht kurz: Mary kennt alle physischen Fakten über das Sehen von Farben – sie kennt dennoch nicht alle Fakten über das Sehen von Farben. Er schließt daraus, dass es nicht-physische Fakten gebe und der Materialismus falsch sei.

Gegen dieses Argument sind verschiedene materialistische Erwiderungen vorgebracht worden. David Lewis argumentiert, dass Mary keine neuen Fakten kennenlernt, wenn sie erstmals Farben sieht. Vielmehr würde sie allein eine neue Fähigkeit erwerben – die Fähigkeit, Farben visuell zu unterscheiden. Michael Tye argumentiert ebenfalls, dass Mary vor ihrer Befreiung alle Fakten über das Sehen von Farben kennen würde. Mary würde lediglich einen schon bekannten Fakt auf eine neue Weise kennenlernen. Daniel Dennett erklärt schließlich sogar, dass es für Mary gar nichts Neues gäbe, wenn sie Farben zum ersten Mal visuell wahrnimmt. Ein so umfassendes physiologisches Wissen über das Sehen von Farben – sie weiß alles – würde sie mit allen Informationen ausstatten.

2.2. Fehlende und invertierte Qualia

Auch mit den Gedankenexperimenten der fehlenden und invertierten Qualia ist der Anspruch verbunden, die Rätselhaftigkeit der Qualia nachzuweisen. Die Gedankenexperimente fußen auf der Tatsache, dass der Übergang von neuronalen Zuständen zu Erlebniszuständen keineswegs offensichtlich ist. Ein Beispiel (siehe Grafik): Ein neuronaler Zustand A geht mit einer Rotwahrnehmung, ein Zustand B mit einer Blauwahrnehmung einher. Nun sagt das Gedankenexperiment der invertierten Qualia, dass es auch vorstellbar sei, dass dies genau umgekehrt ablaufe: Derselbe neuronale Zustand A könne auch mit einer Blauwahrnehmung, derselbe neuronale Zustand B mit einer Rotwahrnehmung einhergehen.

Das Gedankenexperiment der fehlenden Qualia behauptet darüber hinaus, dass es sogar vorstellbar sei, dass einem neuronalen Zustand gar keine Qualia gegenüberstehen. Die Idee der fehlenden Qualia läuft daher auf die Hypothese der „philosophischen Zombies“ hinaus: Es sei vorstellbar, dass Wesen die gleichen neuronalen Zustände wie andere Menschen haben und sich daher auch im Verhalten nicht von diesen unterscheiden. Dennoch hätten sie in Bezug auf den betrachteten neuronalen Zustand kein Erleben, den neuronalen Zuständen korrelierten also keine Qualia.

Fehlende und invertierte Qualia.
Fehlende und invertierte Qualia.

Hinsichtlich der Motive für diese Gedankenexperimente muss man zwischen zwei verschiedenen Lesarten – einer erkenntnistheoretischen und einer metaphysischen – unterscheiden. Philosophen, welche die erkenntnistheoretische Lesart bevorzugen, wollen mit den Gedankenexperimenten zeigen, dass sich Qualia noch nicht auf neuronale Zustände reduzieren lassen. Sie argumentieren, dass die Vorstellbarkeit des Auseinandertretens von neuronalem Zustand und Qualia zeige, dass wir die Verbindung zwischen beiden nicht verstanden haben. Hier wird oft das Wasserbeispiel bemüht: Wenn Wasser erfolgreich auf H2O reduziert worden ist, sei es nicht mehr vorstellbar, dass H2O vorliege, ohne dass zugleich Wasser vorliege. Dies sei einfach deshalb nicht vorstellbar, weil das Vorliegen von Wasser unter den Gegebenheiten der Chemie und der Physik aus dem Vorliegen von H2O ableitbar ist. Nur deshalb könne man sagen, dass Wasser auf H2O reduziert worden sei. Ein Äquivalent der chemisch-physikalischen Theorie, die dieser erfolgreichen Reduktion zugrunde liegt, fehlt jedoch im Bereich der neuronalen und mentalen Phänomene.

Die metaphysische Lesart der Konzepte der invertierten und fehlenden Qualia haben hingegen noch weiter reichende Folgen. Vertreter dieser Argumentationsrichtung wollen mit den Gedankenexperimenten beweisen, dass Qualia nicht mit Eigenschaften von neuronalen Zuständen identisch sind. Sie haben damit letztlich eine Widerlegung des Materialismus im Sinn. Sie argumentieren wie folgt: Wenn X und Y identisch sind, dann ist es nicht möglich, dass X vorliegt, ohne dass zugleich Y vorliegt. Dies könne man sich an einem Beispiel leicht verdeutlichen: Wenn Augustus mit Octavian identisch ist, dann ist es nicht möglich, dass Augustus ohne Octavian auftritt, sie sind schließlich eine Person. Nun argumentieren die Vertreter der metaphysischen Lesart weiter, dass die Gedankenexperimente aber gezeigt hätten, dass es möglich sei, dass neuronale Zustände ohne Qualia auftreten. Also könnten Qualia nicht mit Eigenschaften von neuronalen Zuständen identisch sein. Eine solche Argumentation muss sich natürlich den Einwand gefallen lassen, dass die Gedankenexperimente gar nicht zeigen, dass es möglich sei, dass neuronale Zustände ohne Qualia auftreten. Sie zeigen nur, dass dies vorstellbar ist. Vertreter der metaphysischen Lesart erwidern darauf, dass a priori Vorstellbarkeit immer auch prinzipielle Möglichkeit impliziere. Einflussreiche Argumente, die dies zeigen sollen, hat Saul Kripke[8]formuliert. Eine neuere Ausarbeitung bieten Frank Cameron Jackson und David Chalmers.[9] Von grundlegender Bedeutung ist hierbei die sog. Zweidimensionale Semantik.

3. Erklärungsmodelle

Jacksons Gedankenexperiment über Mary und die Diskussionen um fehlende und intervenierende Qualia haben viele Philosophen dazu angeregt, sich zu dem Phänomen der Qualia zu positionieren. Im Folgenden werden fünf sich gegenseitig nicht zwangsläufig ausschließende Theorien über den Status von Qualia vorgestellt: Eigenschaftsdualismus, Funktionalismus, Repräsentationalismus, Eliminativismus und Nichtreduktionistische Strategien.

Diese Theorien geben eine Richtung vor, wie eine Metaphysik von Qualia aussehen, d.h. wie das Zustandekommen von Qualia erklärt und anschließend in ein konsistentes Weltbild eingeschlossen werden könnte. Die letzten vier Positionen vertreten dabei die Auffassung, dass dafür keine nicht-physikalischen Entitäten wie eine Seele angenommen werden müssen. Laut dem Funktionalismus sind auch qualitative mentale Zustände letztendlich nur funktionale Zustände (Kritik: Chinesisches Zimmer). Der Repräsentationalismus führt mentale Zustände auf repräsentationale Zustände zurück, der Eliminativismus bestreitet die Existenz von Qualia gar und der nichtreduktionistische Physikalismus meint zwar, dass eine Rückführung von mentalen Zuständen auf physikalische Zustände scheitern muss, hält den Physikalismus aber dennoch für wahr. Nur der Eigenschaftsdualismus behauptet eine strikte Dualität zwischen der materiellen Welt und den Qualia.

3.1. Eigenschaftsdualismus

Die substanzdualistische Annahme, dass es neben physikalischen Substanzen auch nicht-physikalische Substanzen oder Teilchen gibt, wird in der aktuellen philosophischen Debatte kaum noch vertreten oder diskutiert. Was aber noch diskutiert wird ist die Position, dass neben physikalischen Eigenschaften auch nicht-physikalische Eigenschaften existieren, und zwar als Eigenschaften mentaler Zustände. David Chalmers tritt als wichtiger Vertreter dieser Position auf. Aus seiner Sicht sind Qualia weder grundlegende physikalische Eigenschaften, wie die, eine Masse zu besitzen oder eine elektronische Ladung zu haben, noch lassen sie sich auf solche physikalischen Eigenschaften zurückführen.

Mit der Annahme, dass Qualia nicht auf physikalische Eigenschaften reduzierbar sind, macht der Eigenschaftsdualismus das Besondere an den Qualia und die Probleme, die sie mit sich bringen, verständlich, muss dafür aber erklären, wie solche Eigenschaften überhaupt in ein physikalisches Weltbild zu integrieren sind, insbesondere in das Netz ihrer raumzeitlichen Kausalverknüpfungen. Für diese Integration ergeben sich prinzipiell drei Optionen: Erstens könnte man die kausale Geschlossenheit unserer Welt aufgegeben. Dies würde bedeuten, dass nicht alle physikalischen Eigenschaften sich durch die Wirkung anderer physikalischen Eigenschaft erklären lassen. Zweitens könnte man versuchen plausibel zu machen, dass physikalische und nicht-physikalische Eigenschaften gleichzeitig kausal wirksam sind. Dies ist jedoch eine eher unorthodoxe Option, da eine gesetzmäßige Überdetermination von Zuständen, in den Naturwissenschaften kaum auf Akzeptanz stoßen würde. Oder drittens kann man eine die Position des Epiphänomenalismus einnehmen. Dieser geht davon aus, dass physikalische Eigenschaften nicht-physikalische verursachen, die nicht-physikalischen Eigenschaften selbst aber nicht mehr kausal wirksam sind.

3.2. Funktionalismus

Alternativ lässt sich auch die Position des Funktionalismus einnehmen, nach dem geistige Zustände nichts anderes als funktionale Zustände sind, die eine entsprechende kausale Rolle einnehmen. Funktionale Zustände sind Zustände, die durch ihre kausale Rolle bestimmt sind. Das heißt, die Zustände sind einerseits durch die Reize, die ein Wesen von außerhalb aufnehmen kann (die Inputs) bestimmt und andererseits durch das, was ein Wesen selbst wieder als Ereignis verursachen kann (die Outputs). Und zuletzt sind funktionale Zustände durch Relationen zu anderen funktionalen Zuständen eines Wesens bestimmt. Zu betonen ist, dass die funktionalen Zustände nur implizit spezifiziert sind, d.h. ihre Realisierung ist beliebig und spielt für die Charakterisierung keine Rolle. Es bleibt offen, ob es ein Gehirn aus Nervenzellen ist, das bei einem bestimmten Input einen bestimmten Output generiert, oder ob dies ein Computer aus Recheneinheiten umsetzt, oder ob es durch etwas völlig anderes ausgeführt wird.

Prima facie ist der Funktionalismus ontologisch-neutral, da ein ontologischer Status der Zustände, die eine bestimmte kausale Rolle einnehmen, unbestimmt bleibt. Dennoch bietet er einen Ansatz Qualia auf physikalische Eigenschaften zu reduzieren, indem nach physikalischen Entitäten gesucht wird, die einer bestimmten funktionalen Rolle gerecht werden. Gleichzeitig klammert der Funktionalismus, indem er geistige Zustände über ihre kausale Rolle identifiziert, das schwierige Problem des Bewusstseins aus. Eine Erklärung für den phänomenalen Gehalt von geistigen Zuständen findet sich in einer funktionalen Analyse von geistigen Zuständen nicht. In diesem Sinne kann eine funktionalistische Position als eine eliminativistische oder aber als eine nicht-reduktive dualistische Position ausgearbeitet werden.

3.3. Repräsentationalistische Strategien

Repräsentationalistische Strategien erfreuen sich unter materialistischen Philosophen großer Beliebtheit, Varianten werden etwa von Thomas Metzinger,[10] Fred Dretske[11] und Michael Tye[12] vertreten. Ein Ziel solcher Positionen ist es, Qualia auf repräsentationale Zustände zurückzuführen. Wenn man sich etwa mit einer Nadel in den Finger sticht, wird der Stich durch neuronale Zustände repräsentiert. Das Erleben soll nun nichts anderes als der Modus dieser Repräsentation sein. Nun wird oft eingewandt, dass es aber nicht plausibel sei, dass Repräsentationen schon eine hinreichende Bedingung für Erleben sind. Zum einen haben simple Systeme, wie etwa ein Thermostat, auch repräsentationale Zustände, zum anderen scheint es auch beim Menschen unbewusste Repräsentationen zu geben. Ein Beispiel aus der Neuropsychologie sind etwa die Fälle von Rindenblindheit (blindsight), in denen Menschen Wahrnehmungen haben, die sie jedoch nicht kognitiv oder qualitativ registrieren. Manche Philosophen, wie David Rosenthal,[13] vertreten daher etwa einen Metarepräsentationalismus. Nach ihm werden qualitative Zustände durch Repräsentationen von Repräsentationen realisiert.

Nun sind aber alle repräsentationalistischen Strategien mit dem Einwand konfrontiert, dass auch sie das Qualiaproblem nicht lösen können. Denn man kann auch bei repräsentationalen Zuständen fragen, warum sie denn von Erleben begleitet sein sollen. Wären nicht auch alle Repräsentationen ohne Qualia denkbar?

Einige materialistische Philosophen reagieren auf dieses Problem, indem sie behaupten, dass sie gar nicht erklären müssten, wie materielle – etwa repräsentationale – Zustände zu Erleben führen. So hat etwa David Papineau argumentiert, dass man die Identität von einem Erlebniszustand mit einem materiellen Zustand einfach akzeptieren müsse, ohne eine Erklärung für diese Identität verlangen zu können.[14] Die Frage „Warum sind X und Y miteinander identisch?“ sei einfach eine schlechte Frage und daher erweise sich das Rätsel der Qualia als ein Scheinproblem. Vertreter der These, dass Qualia rätselhaft seien, erwidern auf diesen Einwand, dass sie gar nicht die genannte Frage stellen würden. Sie erklären, dass sie vielmehr wissen wollten, wie es überhaupt möglich sei, dass das subjektive Erleben mit einem materiellen Prozess identisch sei, und sie behaupten, dass diese Frage nicht geklärt sei, solange keine Reduktion der Qualia gelungen sei.

Während Papineau auch die zweite Frage für unberechtigt hält, erkennen andere materialistische Philosophen hier die Existenz eines Rätsels an. Wieder andere wenden sich der Position des Qualiaeliminativismus zu oder verlassen den Rahmen materialistischer Theorien.

3.4. Qualiaeliminativismus

Einen besonders radikalen Vorschlag zur Lösung des Qualiaproblems macht der US-amerikanische Philosoph Daniel Dennett: Er behauptet, dass es Qualia in Wirklichkeit gar nicht gebe.[15] Eine solche Position erscheint manchen anderen Philosophen als vollkommen unplausibel, wenn nicht gar unverständlich. „Natürlich haben wir subjektive Erlebnisse“, erklären sie, „nichts könnte sicherer sein als dies.“ Dennett hingegen behauptet, dass solche Äußerungen nur der Ausdruck veralteter metaphysischer und insbesondere cartesischer Intuitionen seien. In Wirklichkeit sei „Qualia“ ein vollkommen widersprüchlicher Begriff, der im Zuge des wissenschaftlichen Fortschrittes abgeschafft werden könne, ähnlich den Begriffen „Hexe“ oder „Phlogiston“. Dennett macht sich nun daran, die verschiedenen Vorstellungen, die man von Qualia hat (unaussprechlich, privat, intrinsisch) anzugreifen, und meint, dass diese Eigenschaften den Qualia keineswegs zugesprochen werden können. Es bleibe laut Dennett eine leere Begriffshülse übrig, die verlustlos abgeschafft werden könne. Auch wenn viele Philosophen Dennetts Argumentation ablehnen, hat sie doch eine weite Debatte ausgelöst. Dennetts Position wird etwa von Patricia Churchland und Paul Churchland sowie weiteren eliminativen Materialisten unterstützt.

3.5. Nichtreduktionistische Strategien

Da reduktionistische und eliminative Strategien, für manche, vor enormen Problemen stehen, werden Positionen attraktiv, die erklären, dass es gar nicht notwendig sei, solche Versuche zu unternehmen. Die klassische nichtreduktionistische und nichteliminative Position ist der Dualismus. Wenn Qualia gar keine materiellen Entitäten sind, braucht man sie weder auf neuronale Zustände zu reduzieren noch sich Sorgen zu machen, wenn solche Reduktionsversuche scheitern. Gegen einen dualistischen Lösungsansatz wird jedoch traditionell eingewandt, dass er nicht mehr die Interaktion von Qualia mit der materiellen Welt verständlich machen könne. Schließlich habe jedes physische Ereignis auch eine hinreichende physische Ursache. Es bliebe also gar kein Platz für immaterielle Ursachen. Es scheine nämlich sehr unplausibel zu sein, zu behaupten, dass etwa eine Schmerzempfindung keine Ursache für ein physisches Ereignis – nämlich das Verhalten der Person – sein könne. Eine besonders prägnante Formulierung dieser Schwierigkeiten bietet das sogenannte Bieri-Trilemma.

Eine andere nichtreduktionistische und nichteliminative Position ist der Begriffspluralismus, wie er etwa von Nelson Goodman formuliert worden ist. Er behauptet, dass es verschiedene Beschreibungsweisen gebe, die gleichberechtigt nebeneinander stünden und dennoch nicht aufeinander zurückführbar seien. So seien der Schmerz beim Berühren einer heißen Herdplatte und die neuronalen Aktivitäten im Gehirn des Betreffenden logisch äquivalent, quasi als unterschiedliche Seiten derselben Münze.

Angelehnt an den Panpsychismus besteht ein Ansatz, wonach jedem Zustand eines beliebigen (nicht notwendigerweise biologischen) physischen Systems ein Quale oder ein Satz von Qualia entspreche. Dabei müsse nicht notwendigerweise ein Dualismus im Sinne von „Beseeltheit“ der Dinge (wie im klassischen Panpsychismus) angenommen werden. Dieser Ansatz habe den Vorteil, dass er keine qualitativen „Sprünge“ beim Übergang von unbelebter zu belebter Materie annehme. Das komplexe menschliche Bewusstsein setze sich vielmehr aus „Elementarqualia“ zusammen und lasse sich somit auf Elementarprozesse reduzieren, analog der Reduktion der physischen Erscheinung des Menschen als Vielteilchensystem auf elementare physikalische Prozesse. In diese Richtung argumentiert etwa David Chalmers. Aus wissenschaftlicher Sicht ist diese Argumentation jedoch unbefriedigend, da kein Experiment bekannt ist, mit dem die Existenz dieser Elementarqualia nachzuweisen oder zu widerlegen wäre.

4. Schlussbemerkungen

Seitens der Vertreter des Qualia-Konzeptes wurden immer wieder Stimmen laut, die das angenommene „Rätsel“ der Qualia für prinzipiell-unlösbar halten. Eine solche Position wird vor allem von Philosophen vertreten, die zwar am Materialismus festhalten wollen, aber reduktionistische und eliminative Strategien für unplausibel halten. Thomas Nagel zieht etwa die Möglichkeit in Betracht, dass die heutige Wissenschaft einfach noch nicht weit genug sei, um das Qualiaproblem zu lösen. Vielmehr bedürfe es einer neuen wissenschaftlichen Revolution, bevor eine Antwort auf dieses Rätsel gefunden werden könne. Als Analogie biete sich die Weltsicht vor und nach der kopernikanischen Wende an. Manche astronomischen Phänomene seien im Rahmen des geozentrischen Weltbildes einfach nicht zu erklären gewesen, es habe erst eines grundlegenden Wandels in den wissenschaftlichen Theorien bedurft. Analog sei eine Lösung des Qualiaproblems vielleicht erst durch neue Erkenntnisse oder Modelle der Neuro- und Kognitionswissenschaften möglich.

Der britische Philosoph Colin McGinn geht noch einen Schritt weiter. Er behauptet, dass das Qualiaproblem für die Menschheit grundsätzlich nicht lösbar sei.[16] Menschen hätten im Laufe der Evolution einen kognitiven Apparat entwickelt, der keineswegs dazu geeignet sei, alle Probleme zu lösen. Vielmehr sei es plausibel, dass auch der menschlichen Kognition grundsätzliche Schranken gesetzt seien und dass wir bei den Qualia eine dieser Schranken erreicht hätten. Diese Anschauung wurde wiederum von anderen Philosophen heftig kritisiert, wie etwa Owen Flanagan, die McGinn als „New Mysterian“ bezeichneten.[17]

Einzelnachweise

1.    Charles S. Peirce: Collected Papers. Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge [1866] 1958–1966 (Nachdr.), § 223.

2.    Clarence Irving Lewis: Mind and the World Order. Outline of a Theory of Knowledge. Charles Scribner's sons, New York 1929, S. 121; Dover, New York 1991 (Nachdr.).

3.    Michael Tye: Qualia https://plato.stanford.edu/archives/win2016/entries/qualia/  

4.    Michael Tye: Qualia https://plato.stanford.edu/archives/win2016/entries/qualia/  

5.    Ned Block: Troubles with Functionalism. In: Perception and Cognition. University of Minnesota Press, Minneapolis Minn 1978.

6.    Chalmers, David J.: Das schwierige Problem des Bewusstseins. In: Esken, F. (Hg.): Bewußtsein und Repräsentation, Paderborn, Schöningh 1998, S.224

7.    Frank Cameron Jackson: What Mary didn’t know. In: Journal of Philosophy. 83/1986, S. 291–295.

8.    Saul Kripke: Naming and Necessity. Blackwell, Oxford 1981.

9.    David Chalmers: The Conscious Mind. Oxford University Press, Oxford 1996.

10. Thomas MetzingerBeing No One. The Self-Model Theory of Subjectivity. MIT Press, Cambridge Mass. 2003.

11. Fred Dretske: Naturalizing the Mind. MIT Press, Cambridge Mass 1997.

12. Michael Tye: Ten Problems of Consciousness. MIT Press, Cambridge Mass 1996.

13. David Rosenthal: The Nature of Mind. Oxford University Press, Oxford 1991.

14. David Papineau: Mind the Gap. In: Philosophical Perspectives. Blackwell, Cambridge Mass. 12/1998, ISSN 1520-8583

15. Daniel Dennett: Quining Qualia. In: A. J. Marcel, Bisach: Consciousness in Contemporary Science. Clarendon Press, Oxford 1993, S. 42–77.

16.  Colin McGinn: Problems in Philosophy. Blackwell, Oxford 1994.

17. Owen Flanagan: The Science of the Mind, MIT Press, 1991, S. 313.

Weblinks

·        Literatur zum Thema Qualia im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

·        Jay David Atlas: Qualia, Consciousness, and Memory: Dennett (2005), Rosenthal (2002), LeDoux (2002), and Libet (2004) (PDF; 197 kB)

·        Peter BieriWas macht Bewusstsein zu einem Rätsel? (rtf-Datei; 56 kB) In: W. Singer (Hrsg.): Gehirn und Bewusstsein. Spektrum, Heidelberg 1994, S. 172–180

·        Ned Blockmehrere Artikel mit einführendem und weiterführendem Charakter zum Thema

·        David ChalmersAuswahlbibliographie (MindPapers)

·        David Chalmers: Linksammlung

·        Tim CraneThe origins of qualia (Memento vom 22. August 2008 im Internet Archive), in: Tim Crane, Sarah Patterson (Hrsg.): The History of the Mind-Body Problem, London: Routledge 2000.

·        Volker Gadenne: Drei Arten von Epiphänomenalismus (PDF; 71 kB)

·        Amy Kind: Qualia. In: Internet Encyclopedia of Philosophy.

·       Thomas MetzingerPräsentationaler Gehalt (PDF; 92 kB), in: Frank Esken, Heinz-Dieter Heckmann (Hrsg.): Bewußtsein und Repräsentation. Schöningh, Paderborn 1998 (Metzinger bestreitet die Existenz von Qualia)

·       Martine Nida-RümelinQualia: The Knowledge Argument. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.

·        Carsten Siebert: Das Phänomenale als Problem philosophischer und empirischer Bewußtseinstheorien

·        Michael TyeQualia. In: Edward N. Zalta (Hrsg.): Stanford Encyclopedia of Philosophy.

Verweise

An sich: Qualia wiederspiegeln die Welt "vor meinem geistigen Auge", nicht die Welt an sich. Wie die Welt an sich ist, liegt außerhalb meines Erfahrungs und Erkenntnisvermögens.

Chinesisches Zimmer

Eliminativismus: Während der Diskussion um das Leib-Seele-Problem wurden zunehmend der Dualismus und der Monismus als die zwei möglichen Positionsfelder bekannt. Der Dualismus verliert mit dem Fortschreiten neurowissenschaftlicher Erkenntnis zunehmend an Attraktivität, doch auch der Monismus kann Phänomene wie Qualia oder auch Intentionalität derzeit nicht überzeugend beschrieben. Aus diesem Grund ist der Eliminativismus als eine dritte Strategien attraktiv geworden, die das Problem der Qualia von vornerein umgeht, in dem er einfach die Existenz von Qualia leugnet.

Emergenz: Einen naheliegenden Einwand gegen reduktionistische Strategien formulierte der Neurophysiologe Benjamin Libet. Nach ihm ist der gedankliche Ansatz falsch, Qualia müsse dadurch erklärt werden, dass man sie auf kleinste Strukturen wie Neuronen oder gar Atome (Quantenbewusstsein) reduziert. Es seien nämlich nicht nur Neuronen oder Atome, die das Gehirn ausmachen, sondern vor allem die Interaktion zwischen diesen Bestandteilen, die Bewusstsein erzeugen.

Fledermaus: Im Jahre 1974 veröffentlichte der Philosoph Thomas Nagel den Aufsatz "What is it like tob e a bat?". Dieser Aufsatz sollte die Philosophie des Geistes revolutionieren und auf ihn fußt auch die gegenwärtige Qualiadebatte. Nagels Aufsatz fiel in eine Zeit, in der die Philosophie des Geistes durch die Erfolge der Neuro- und Kognitionswissenschaften überwiegend reduktionistisch geprägt war. Er argumentiert darin, dass die Naturwissenschaften das Phänomen des Erlebens nie erklären werden. Schließlich seien sie in ihrer Methode auf eine Außenperspektive der Dinge festgelegt, in der sich die Innenperspektive der Qualia gar nicht fassen lasse. Diese Position illustriert Nagel an einem berühmt gewordenen Beispiel: Stellen Sie sich eine Fledermaus vor. An dieser Fledermaus können wir unzählige neurowissenschaftliche und ethologische Experimente abhalten und einiges über die Kognition und das Verhalten der Fledermaus herausfinden. Das ist aber alles nur die Außenperspektive. Wie es ist eine Fledermaus zu sein, lässt sich wissenschaftlich nicht erforschen und genauso wenig auf neuronale Strukturen reduzieren. Es wird Nicht-Fledermäusen auf immer ein Rätsel bleiben, wie es sein muss, ein Objekt via Echoortung zu lokalisieren.

Ich: Zum menschlichen Bewusstsein gehört auch das Selbstbewusstsein und zur menschlichen Wahrnehmung gehört auch die Selbstwahrnehmung. Die Wahrnehmung des eigenen Selbst ist ein zentraler Bestandteil unserer phänomenalen Welt. 

Leibniz: Auch Gottfried Willhelm Leibniz formulierte bereits in Ansätzen das Qualiaproblem (Mühlengleichnis): "Man muß übrigens notwendig zugestehen, daß die Perzeption und das, was von ihr abhängt, aus mechanischen Gründen, d. h. aus Figuren und Bewegungen, nicht erklärbar ist. Denkt man sich etwa eine Maschine, die so beschaffen wäre, daß sie denken, empfinden und perzipieren könnte, so kann man sie sich derart proportional vergrößert vorstellen, daß man in sie wie in eine Mühle eintreten könnte. Dies vorausgesetzt, wird man bei der Besichtigung ihres Inneren nichts weiter als einzelne Teile finden, die einander stoßen, niemals aber etwas, woraus eine Perzeption zu erklären wäre." Monadologie, §. 17.

Leib-Seele-Problem: Das Leib-Seele-Problem ist die zentrale Frage der Philosophie des Geistes. Da heutzutage der Begriff Seele wegen seiner religiösen Konnotation etwas aus der Mode gekommen ist, findet man auch andere Bezeichnungen, wie Körper-Geist-Problem oder Gehirn-Bewusstseins-Problem,- am Kern der Fragestellung ändert das natürlich nichts: Welcher Zusammenhang besteht zwischen unserem phänomenalen Erleben (das Erleben von Qualia) und den intersubjektiv beobachtbaren, materiellen Vorgängen der Welt?

Mary: Neben dem Mühlengleichnis und dem Fledermaus-Gedankenexperiment ist Mary ein weiteres, qualibasiertes Argument, das gegen den Materialismus gerichtet ist. Manchmal wird es auch das "Argument des unvollständiges Wissens" genannt und versucht, wie der Name schon andeutet, zu zeigen, dass das wissenschaftlich-objektive Wissen von der Welt nicht alles ist. Es gäbe noch eine andere Art von Wissen, nämlich der von der subjektiven Qualität eines Erlebnisses. Um dies zu illustrieren fordert man uns auf, an die fiktive Superneurowissenschaftlerin Mary zu denken. Mary weiß alles, was es wissenschaftlich über Farbempfindungen zu wissen gibt. Sie weiß, wie das Licht auf unserer Netzhaut bricht und welche Gehirnmuster welche Emotionen repräsentieren. Aber jetzt kommt der Clou. Ihr ganzes Leben lang ist Mary in einem schwarz-weißen Labor gefangen gewesen und hat folglich noch nie selbst eine Farbempfindung gehabt. Wenn Mary jetzt aus dem farblosen Labor tritt und erfährt, wie es ist, eine Rose zu sehen, weiß sie dann mehr wie vorher? Zur Erinnerung: Zuvor kannte Mary alle wissenschaftlichen Fakten, um eine Rotempfindung physiologisch zu beschreiben, nur wie es ist, selbst Rot zu sehen, wusste sie noch nicht. Diese Wissenslücke hat sie jetzt gestopft und dass es immer noch Wissenslücken geben konnte, nachdem Mary alles weiß, was es wissenschaftlich über Farbempfindungen zu wissen gibt, zeigt, dass das wissenschaftliche Wissen über die Welt unvollständig sein muss.

Naiver Realismus: Die Welt ist nicht so, wie sie zu sein scheint. Jeder Schwindelanfall und jede optische Täuschung, bei denen sich die Welt zu drehen scheint, in Wahrheit aber mucksmäuschenstill steht, offenbart uns diese simple aber folgenschwere Wahrheit. Wenn die Welt aber an sich nicht so ist, wie ich sie wahrnehme, wie ist sie dann?

Repräsentationstheorien: Eine weitere Strategie, mit der Philosophen dem Qualiaproblem begegnen, stellen die repräsentionalistischen Theorien dar. Das einheitliche Ziel all dieser Positionen ist es, Qualia auf repräsentionale Zustände zurückzuführen. Wenn man sich etwa das Knie stößt, wird der Stoß durch neuronale Zustände repräsentiert. Das Erleben des Stoßerlebnisses bzw. der Schmerz soll nun nichts anderes als der Modus dieser Repräsentation sein. Aber sind Repräsentationen schon eine hinreichende Bedingung für Erleben? Wohl kaum. Zum einen besitzt ein simples System, wie etwa ein Thermostat, auch schon repräsentationale Zustände und trotzdem kein subjektives Erlebnis. Zum anderen scheint es beim Menschen auch unbewusste Repräsentationen zu geben (siehe z.B. Rindenblindheit). Warum sollte die eine Repräsentation mit einem Erlebnis einhergehen und die andere unbewusst bleiben? Und warum sollten repräsentationale Zustände überhaupt von Erlebnissen begleitet werden?

Seele: Der Pathologe Rudolf Virchow rollt das Qualiaproblem aus medizinischer Sicht auf: "Ich habe tausende von Leichen seziert, aber ich habe nirgendwo eine Seele gefunden." Virchow wird zudem auch zugeben müssen, dass er noch nie so etwas wie eine Empfindung oder einen Gedanken in einer Leiche vorgefunden hat. Wohl auch, dass ihm dies ebenso wenig bei einer lebenden Person gelingen würde. 

Solipsismus: "Ich denke, also bin ich." – die eigenen Bewusstseinsinhalte bezweifelt kaum jemand ernsthaft. Aber wie sieht es mit denen anderer Personen aus? Woher weiß ich, dass mein Gegenüber auch empfindet, und nicht nur bewusstlos funktioniert wie ein Roboter oder Zombie?

Traumargument: Das Traumargument kehrt den Reduktionsspieß um und sucht, statt nach einer materiellen Erklärung für die subjektive Realität, nach einer subjektiven Erklärung für die materielle Welt.

Urknall: Zusammen mit der Frage, warum überhaupt etwas ist, ist das Problem der Qualia wohl eines der größten Probleme des modernen, naturalistischen Weltverständnisses.

Warp-Antrieb: Bis dato liegt die theoretische Obergrenze für Geschwindigkeiten bei Lichtniveau, die praktische sogar noch weit darunter. Wenn ein Warp-Antrieb realisierbar wäre, würde sich das ändern und wir könnten  beliebig schnell durchs All kreuzen. Nur ist dieses "wenn" ein sehr großes WENN: Wahrscheinlich wird es aus prinzipiellen Unzulänglichkeiten nie einen Warp-Antrieb geben. Falls doch, sähe sein Bauplan grob so aus: Man nehme eine Warp-Blase mit einem ungekrümmten, zentralen Bereich und platziere ein Raumschiff in die ruhende Mitte. Am Blasenrand krümmen wir die Raumzeit durch einen am Rand positionierten, dichten Ring aus negativer Energie. Final koordinieren wir die Raumkrümmungseffekte noch so, dass sich das Raumschiff immer weiter zum Ziel bewegt, ohne dabei den Raum zu durchqueren.

Zombie: Descartes hat die modale Intuition, er könne nach dem Tod als bewusstes Wesen ohne Körper weiterexistieren. Er nimmt damit implizit eine dualistische Position ein und gesteht dem Menschen eine Seele, die ohne materielle Basis weiterexistieren kann, zu. Andersherum ebnet er damit aber auch den Weg für das Gegenteil von Seelen: Zombies. Seelen sind Geist ohne Körper, Zombies sind Körper ohne Geist. Wenn Geist etwas ist, das den Menschen beseelt, muss es auch unbeseelte Menschen geben können, die materialistisch-behavioral exakt so sind wie wir, aber über kein Innenleben verfügen.

Mehr noch als die Außenwelt macht uns die Erklärung der eigenen Innenwelt Probleme.

Das Bildrecht liegt bei: KMJ aus der deutschsprachigen Wikipedia (Creative Commons)

Stand: 2017

Kommentare: 6
  • #6

    WissensWert (Dienstag, 24 Oktober 2017 20:30)

    Bewusstes Erleben von sinnlichen Qualitäten, wie zum Beispiel der Geruch frischen Basilikums, die Farbe Ultramarin, ein lästiges Ohrgeräusch (Tinnitus), Zahnschmerzen oder eine Emotion wie Neid, hat aus der Sicht der erlebenden ersten Person, das heißt aus der privaten Perspektive des subjektiven Ichs, die phänomenale Qualität des puren Empfindens, das nach Thomas Metzinger prima introspectione homogen (ungeteilt, ohne innere Struktur), transparent und präsent erlebt wird.108 Die besondere Qualität der introspektiv erfahrbaren, subjektiven Erlebensweisen wird in der Philosophie seit der Einführung des Begriffs von Clarence Irving Lewis als „Quale“ (vom lateinischen Fragewort „qualis“ = „wie beschaffen?“) beziehungsweise „Qualia“ (Mehrzahl) bezeichnet. Ein Quale ist die spezifische Weise, in der ein bewusster Zustand für ein Subjekt erscheint oder sich anfühlt.109

    Qualia widersetzen sich als intrinsischer Kern eines mentalen Zustands nach Auffassung vieler Philosophen einer reduktionistischen Analyse, weil sich der Kern solcher Erlebnisse begrifflich nicht auf Beziehungen zwischen Elementen tiefer liegender Beschreibungsebenen zurückführen lässt. Die Erfahrung, wie es ist, sich in einem bestimmten qualitativen Zustand (zum Beispiel Basilikum zu riechen) zu befinden, ist nicht öffentlich, sondern privat, also nur für die Person zugänglich, die sich in dem betreffenden sensorischen Zustand befindet. Qualia sind sprachlich nur unvollständig fassbar und damit schwer mitteilbar.110 Der australische Philosoph Frank Jackson machte die Bedeutung von Qualia an der von ihm erfundenen Neurobiologin Mary deutlich: Mary weiß alles über die Neurophysiologie der Farbwahrnehmung und über die Physik des Lichts und des Farbspektrums. Weil sie aber in einer vollkommen schwarz-weißen Umwelt aufgewachsen ist, weiß sie nicht, wie die Farbe Rot wirklich aussieht.111

    Die hohe epistemologische und ontologische Bedeutsamkeit, die von „Pro-Qualianern“ subjektiven phänomenalen Zuständen (die ihnen als nichtrelationale Bewusstseinszustände gelten) zugeschrieben wird, wird unter anderem von Daniel Dennett angezweifelt. Dennett betont, dass unser qualitatives Erleben zum Beispiel eines Musikstücks wesentlich von unserem kulturellen und historischen Hintergrund abhängt.112 In ähnlicher Weise sah Richard Rorty Qualia als relational an; sie können sich nur relational zu einer Sprache konstituieren (und zwar als eine im Rahmen einer kulturellen Evolution gebildeten Gewohnheit, über Qualia zu sprechen). Rorty bezweifelt die Relevanz des Qualia-Problems: Alle Erste-Person-Aspekte des Mentalen wiesen eine historische und genetische Dimension auf, sodass die Art, in der uns die Dinge heute erscheinen, nur ein Schnappschuss unserer aktuellen Subjektivität sei ohne irgendeinen natürlichen Anspruch auf epistemologische oder ontologische Bedeutsamkeit.113 Daniel Dennett stellt provozierend die Existenz von Qualia überhaupt in Frage.

    -

    108 T. Metzinger (Hrsg)., 2005: „Bewußtsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie“, 5. Auflage, Paderborn: mentis, S. 44.
    109 C. I. Lewis, 1926: „Mind and the World Order“, New York: Dover.
    110 Ludwig Wittgenstein behauptet, dass wir kein Wissen von unseren mentalen Zuständen haben können, weil es nicht möglich ist, eine Privatsprache zu bilden und in dieser gehaltvoll über die stets privaten mentalen Zustände zu sprechen.
    111 F. Jackson, 1982: „What Mary Didn’t Know“ in: Journal of Philosophy, Bd. 83, S. 291-295.
    112 D. C. Dennett, 1991: „Consciousness Explained“, Boston, Toronto, London: Little Brown and Company, deutsch 1994: Philosophie des menschlichen Bewusstseins“, Hamburg: Hoffmann und Campe.
    113 R. Rorty, 1993: „Holism, intrisicality, and the ambition of transcendence“, in: B. Dahlbohm (Eds.): „Dennett and his Critics“, Oxford, Cambridge: Blackwell, S. 186-188.

  • #5

    WissensWert (Samstag, 07 Oktober 2017 01:22)

    Achtung, schlechtes Wortspiel: Den eigentlichen "Reiz" stellen die elektromagnetischen Wellen dar, nicht die Schokolade an sich.

  • #4

    WissensWert (Samstag, 07 Oktober 2017 00:51)

    Warum lässt sich das Qualiaproblem so schwer lösen? Eine Antwort auf diese Frage bietet vielleicht der Blick auf unseren Erkenntnisapparat: Das Gehirn hat sich mit dem Ziel entwickelt, einen größtmöglichen Überlebensvorteil für Individuum und Gattung darzustellen. Für abstraktere, nicht unbedingt überlebensnotwendige Überlegungen ist das Gehirn, mit dem wir denken, nicht gemacht.

  • #3

    WissensWert (Freitag, 06 Oktober 2017 00:23)

    http://www.philosophie.uni-mainz.de/Dateien/beingnoone.pdf

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 31 August 2016 22:49)

    Qualies (aus der Medizinethik), nicht zu verwechseln mit Qualia. / Anhänger des „effektiven Altruismus“ messen und kalkulieren oft in/mit(?) sog. „Qualies“, ein Konzept, das ursprünglich aus der Medizinethik stammt.

  • #1

    WissensWert (Freitag, 13 Mai 2016 01:39)

    Der Status qualiabasierter Argumente gegen den Physikalismus ist weiterhin höchst umstritten. Zum einen ist das Konzept der Qualia selbst schwer bestimmbar und sehr umstritten. Zum anderen ist aber auch nicht sicher, welchen Status Qualiaargumente haben. Sind sie metaphysische Argumente, die uns über den ontologischen Status von Mentalem aufklären können, oder sind sie erkenntnistheoretische Argumente, die uns vor allem über die Grenzen unseres Wissens aufklären?[19] Wäre Letzteres der Fall, hätte das Qualiaproblem keine Konsequenzen in Bezug auf die Frage nach der Wahrheit des Physikalismus.


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