Logischer Behaviorismus

Der Logische Behaviorismus (auch: analytischer Behaviorismus) ist eine Unterart des Semantischen Physikalismus, nach der mentale Zustände ontologisch auf Verhaltenszuschreibungen - bzw. dispositionen reduzierbar sind.

Eine Verhaltensdisposition ist eine Veranlagung einer Entität oder Person, sich unter bestimmten Bedingungen auf eine bestimmte Weise zu verhalten. Nach dem logischen Behaviorismus ist ein mentaler Zustand wie "Schmerz" also nichts weiter als die Veranlagung zu schreien, zu weinen usw., wenn man sich den Zeh gestoßen, die Hand verbannt hat, usw.

Diese sehr ungewöhnliche These ist von zwei intuitiv viel schlüssigeren Thesen zu unterscheiden: Erstens behauptet der Behaviorismus nicht, dass mentale Zustände unsere Verhaltensdispositionen verursachen. Zweitens ist es auch nicht die These des Behaviorismus, dass mentale Zustände einfach nur nicht-privat sind, d.h. dass sie durch Verhaltensdispositionen – also auch ohne Introspektion – erkannt werden können, indem wir beispielsweise von außen her beobachten, wie ein Mann sich den Zeh stößt, daraufhin aufschreit und so erkennen können, dass er Schmerzen verspürt. Nein, der Behaviorismus meint wirklich, dass die Verhaltensdisposition sich den Zeh zu stoßen und dann aufzuschreien mit dem mentalen Zustand des Schmerzes identisch ist. Mentale Zustände sind physische Verhaltensdispositionen. Der Behaviorismus bietet uns somit eine physikalistische Antwort auf das Leib-Seele-Problem.

1. Kategorienfehler

Gilbert Ryle, der in seinen Überlegungen stark von Ludwig Wittgenstein beeinflusst war, gilt als der Hauptvertreter des Logischen Behaviorismus. Und das ist sicher nicht unberechtigt: in seinem Hauptwerk "The Concept of Mind" vertritt Ryle die These, dass es sich bei mentalen Zuständen um Verhaltensdispositionen handelt. Man geht jedoch an der eigentlichen Pointe der Ryleschen Überlegungen vorbei, wenn man ihn schlicht als Logischen Behavioristen bezeichnet. Ähnlich wie Wittgenstein geht es ihm in erster Linie nämlich darum zu zeigen, dass die traditionelle Diskussion des Körper-Geist-Problems in die Irre geht, da sie auf einem völlig falschen Bild beruht. Das Irrbild, gegen das er kämpft, ist das des Geistes in der Maschine, d.h. das Bild des Mentalen als einer Sphäre von öffentlich nicht beobachtbaren inneren Vorgängen, die, obwohl sie nur dem Geist selbst zugänglich sind, die eigentlichen Ursachen des äußeren Verhaltens darstellen.

Die Grundannahmen der Position, die Ryle als die offizielle Lehre oder auch als Descartes Mythos bezeichnet, lauten u.a.:

(1) Ein Körper existiert in Raum und Zeit; der Geist nur in der Zeit, d.h. er ist nicht-räumlich.
(2) Körper sind den mechanischen Kausalgesetzen unterworfen; das Verhalten des Geistes dagegen beruht auf mysteriösen paramechanischen Gesetzen.

(3) Körper sind öffentlich. Die Vorgänge des Geistes sind privat. Nur der Geist selbst kann von ihnen direkte Kenntnis haben.

Das Bild des Geistes, das sich aus diesen Annahmen ergibt, ist Ryle zufolge jedoch mit erheblichen Problemen konfrontiert:

(1´) Der offiziellen Lehre zufolge soll der Geist in gewisser Weise im Körper sein; aber die Bedeutung dieses "in" bleibt völlig unklar, wenn der Geist nicht-räumlich ist.
(2´) Der offiziellen Lehre zufolge soll der Geist auf den Körper und der Körper auf den Geist kausal einwirken. Die Möglichkeit dieser Kausalbeziehung bleibt völlig im Dunkeln, da sie weder zum Bereich des Geistigen noch zum Bereich des Körperlichen gehören kann.
(3´) Wenn nur der Geist selbst wissen kann, "was in ihm vorgeht", bleibt unklar, wie man jemals wissen kann, was andere denken und fühlen bzw. ob sie überhaupt einen Geist haben.

Man muss daher Ryle zufolge davon ausgehen, dass mit der offiziellen Lehre grundsätzlich etwas nicht stimmt. Und seine eigene Diagnose lautet:

„Ich hoffe zu zeigen, dass [die offizielle Lehre] ganz und gar falsch ist, nicht nur ein Einzelheiten, sondern grundsätzlich. Sie ist nicht nur eine Ansammlung einzelner Fehler. Sie besteht aus einem einzigen großen Irrtum, einem Irrtum von ganz besonderer Art, nämlich einer Kategorienverwechslung. Sie stellt die Tatsachen des Geisteslebens so dar, als gehörten sie zu einem bestimmten logischen Typ oder einer Kategorie (oder zu einer Reihe von Typen und Kategorien), während sie in Wirklichkeit zu einer andern gehören. Das Dogma [vom Gespenst in der Maschine] ist daher ein philosophischer Mythos.“
- Gilbert Ryle: The Concept of Mind, S. 13f.

Das entscheidende Wort hier ist "Kategorienverwechslung", in der neueren Philosophie auch als "Kategorienfehler" bekannt. Ein Kategorienfehler ist nach Ryle so definiert: Zwei Ausdrücke a und b gehören genau dann zu derselben Kategorie, wenn man a in allen Kontexten, in denen die Verwendung von a sinnvoll ist, durch b ersetzen kann, ohne dass Unsinn entsteht, und umgekehrt. Einen Kategorienfehler begeht nach Ryle nun der, der einen Ausdruck a so behandelt, als gehöre er zu der Kategorie A, während er in Wirklichkeit zur Kategorie B gehört. Einen Kategorienfehler begeht also (eventuell), wer die Auffassung vertritt, dass Zahlen raumzeitliche Gegenstände sind, dass Gott eine Person ist oder dass die Zeit fließt.

Nach Ryle besteht der entscheidende Kategorienfehler, der der offiziellen Lehre zugrunde liegt, in der Annahme, dass sich mentale Ausdrücke wie sich erinnern, denken, wahrnehmen, glauben und wollen auf (verborgene) Ereignisse im Innern oder im Geist eines Menschen beziehen, die sein äußeres Verhalten verursachen. Tatsächlich beziehen wir uns Ryle zufolge mit diesen Ausdrücken nicht auf irgendwelche "Schattenhandlungen", die den offenen Handlungen im Verborgenen vorangehen, sondern wir verwenden sie, um die öffentlich beobachtbaren Handlungen auf eine andere Weise zu charakterisieren. Kurzgesagt: Der Anhänger der offiziellen Lehre begeht einen Kategorienfehler, in dem er mentale Ausdrücke so behandelt, als gehören sie privaten Ereignissen an, während sie in Wirklichkeit Handlungsdispositionen beschreiben.

Die Auffassung, dass sich mentale Ausdrücke nicht auf verborgene innere Vorgänge beziehen, untermauert Ryle mit einer Analyse intelligenter und willentlicher Handlungen. Sein Gegner, der Mentalist, analysiert intelligentes bzw. willentliches Verhalten so:

  • Mentalist: Eine Handlung ist intelligent genau dann, wenn sie durch eine entsprechende Überlegung verursacht wurde.
  • Mentalist: Eine Handlung ist willentlich ("voluntary") genau dann, wenn sie durch einen entsprechenden Willensakt verursacht wurde.

Diese Analysen entsprechen genau dem mentalistischen Grundmuster, demzufolge beobachtbaren Handlungen in der Regel verborgene Ereignisse im Geist einer Person vorausgehen, durch die diese Handlungen verursacht werden. Die mentalistische Analyse intelligenter Handlungen ist Ryle zufolge jedoch aus mehreren Gründen problematisch. Die beiden wichtigsten sind:

  • Es gibt viele Handlungen, die Intelligenz zeigen, für deren Ausführung es aber keine formulierbaren Regeln oder Kriterien gibt (z.B.: Witze machen; aber auch: argumentieren, Reden halten, usw.). Diesen Handlungen können daher keine entsprechenden Überlegungen vorausgehen.
  • Überlegen ist selbst etwas, was man mehr oder weniger intelligent tun kann. Und eine Handlung ist offenbar nur dann intelligent, wenn sie auf einer intelligenten Überlegung beruht. Diese Überlegung muss deshalb selbst durch eine andere intelligente Überlegung verursacht sein; diese ebenfalls durch eine andere intelligente Überlegung usw., bis ins Unendliche. D.h., die mentalistische Analyse führt in einen unendlichen Regress.

Ryle zufolge zeigen schon diese Probleme, dass die mentalistische Analyse nicht richtig sein kann. Aber, was noch wichtiger ist: Wenn wir einmal genauer darauf achten, unter welchen Umstanden wir eine Handlung tatsächlich intelligent nennen, dann ergibt sich plötzlich ein ganz anderes Bild. Denn normalerweise sagen wir, dass jemand dann intelligent handelt, wenn:

  • Er das, was er tut, im Allgemeinen richtig, gut und erfolgreich macht und wenn
  • Er fähig ist, in seinem Vorgehen Fehler zu entdecken und auszumerzen, Erfolge zu wiederholen und zu vergrößern, aus den Beispielen anderer zu lernen, usw.

Das heißt, die genauere Betrachtung unseres tatsächlichen Sprachgebrauchs zeigt, dass wir eine Handlung nicht dann intelligent nennen, wenn wir sie auf einen verborgenen inneren Vorgang zurückfuhren können, sondern dann, wenn sie nicht isoliert steht, sondern Teil eines Musters von ähnlichen und verwandten Handlungen ist.

Auch was die mentalistische Analyse willentlicher Handlungen angeht, verweist Ryle zuerst auf die Probleme, die sich für diese Analyse ergeben.

„Nie sagt jemand, er sei um zehn Uhr vormittags damit beschäftigt gewesen, dieses oder jenes zu wollen, oder er habe fünf schnelle und leichte und zwei langsame und schwere Willensakte zwischen Frühstück und Mittagessen ausgeführt. Ein Angeklagter mag zugeben oder ableugnen, er hatte etwas getan oder absichtlich getan, aber er wird nie zugeben oder ableugnen, einen Willensakt ausgeübt zu haben. Ebenso wenig verlangen Richter und Geschworene hinlängliches Beweismaterial, das der Natur der Sache nach ohnehin nie beigebracht werden konnte, dass nämlich dem Abdrücken der Pistole ein Willensakt vorangegangen sei.“

Gilbert Ryle: The Concept of Mind, S. 81

Ergo: In unseren alltäglichen Beschreibungen unseres eigenen Verhaltens und des Verhaltens unserer Mitmenschen kommen Willensakte einfach nicht vor.

Außerdem: Welche Eigenschaften könnten Willensakte haben? Kann man sie schnell oder langsam vollziehen? Kann man mehrere gleichzeitig ausführen? Kann man einen Willensakt unterbrechen und später wieder aufnehmen? Dass es auf alle diese Fragen nach Ryle keine Antworten gibt, zeigt nur zu deutlich, dass in unserem Alltagsverständnis Willensakte überhaupt keine Rolle spielen.

In Bezug auf die Thesen der offiziellen Lehre muss man also konstatieren:

(1´´) Wenn Willensakte innere Handlungen sind, müssen sie selbst entweder willentlich oder unwillentlich sein. Aber beide Annahmen sind absurd. Wenn ich nicht umhin kann, meinen Nachbarn hänseln zu wollen, kann dieses Hänseln selbst kaum als willentliche Handlung gelten. Wenn Willensakte jedoch selbst willentlich sind, ergibt sich aus der mentalistischen Analyse wieder ein unendlicher Regress.
(2´´) Der angebliche Kausalzusammenhang zwischen Willensakten und beobachtbaren Handlungen ist völlig unverständlich. Denn der offiziellen Lehre zufolge befinden sich alle geistigen Phänomene außerhalb des Kausalsystems, zu dem physische Körper gehören.
(3´´) Wenn Willensakte verborgene Vorgänge im Geist einer Person wären, könnte kein Richter, Lehrer oder Vater je wissen, ob das Verhalten eines Angeklagten, Schülers oder Kindes willentlich war oder nicht.

Auch im Fall willentlicher Handlungen sind die Probleme also so groß, dass man die mentalistische Analyse kaum als zutreffend ansehen kann. Aber wie kann eine alternative Analyse aussehen? Wichtig ist nach Ryle wieder die genaue Beobachtung unserer Alltagssprache. Denn diese zeigt, dass die die Adjektive wie "willentlich" und "unwillentlich" in der Regel dann verwenden, wenn es um die Frage geht, ob eine fehlerhafte Handlung tadelnswert ist. Ein Matrose wird aufgefordert, einen Kreuzknoten zu machen, aber er macht einen Webeleinstek. Ein Schüler kommt zu spät zur Schule. Dies sind typische Fälle, in denen wir fragen, ob die jeweiligen Handlungen willentlich waren oder nicht. Von der Antwort auf diese Frage hängt es ab, ob wir den Matrosen oder den Schüler tadeln oder gar bestrafen dürfen. Entscheidend ist dabei, ob die Person, die einen Fehler begangen hat, diesen hätte vermeiden können. Und dies wiederum hängt davon ab, ob sie überhaupt die Kenntnisse und Fähigkeiten hatte, die Handlung richtig auszuführen, und ob äußere Umstände sie von der richtigen Ausführung abgehalten haben. Beides können wir aber feststellen, ohne irgendwelche mysteriösen Willensakte zu bemühen.

Anders als die offizielle Lehre es will, sind intelligente und willentliche Handlungen also eher so zu analysieren:

·        Behaviorist: Eine Handlung wird "intelligent" genannt, wenn sie richtig und erfolgreich ausgeführt wird, und wenn der Handelnde fähig ist, in seinem Vorgehen Fehler zu entdecken und auszumerzen, Erfolge zu wiederholen und zu vergrößern.

·        Behaviorist: Eine Handlung wird "willentlich" genannt, wenn der Handelnde die Kenntnisse und Fähigkeiten besitzt, die Handlung richtig auszuführen und wenn er nicht durch äußere Umstände von der richtigen Ausführung der Handlung abgehalten wurde.

Sowohl die Analyse intelligenter als auch die Analyse willentlicher Handlungen zeigt also, dass die offizielle Lehre in die Irre geht. Beide Arten von Handlungen sind dadurch charakterisiert, dass wir unter bestimmten Umständen dazu disponieren uns auf eine bestimmte Weise zu verhalten, und nicht dadurch, dass sie durch verborgene innere Ereignisse im Geist verursacht werden.

Wenn das so ist, stellt sich jedoch die Frage, wie dieser falsche Eindruck überhaupt entstehen konnte. Warum begehen wir so leicht einen Kategorienfehler, wenn wir über den Geist nachdenken? Warum nehmen wir an, dass mentale Ausdrücke sich auf Ereignisse beziehen, die im lnnern des Menschen stattfinden? Ein zentraler Grund für die irrigen Auffassungen der offiziellen Lehre liegt Ryle zufolge darin, dass sie mentale Erklärungen, d.h. Erklärungen, in denen wir das Verhalten von Personen auf ihre Überzeugungen, Motive, Charakterzüge oder Emotionen zurückführen, als Kausalerklärungen und demzufolge mentale Phänomene als (verborgene) Ursachen auffasst. Tatsachlich sind mentale Zustande in seinen Augen aber Handlungsdispositionen und mentale Erklärungen daher keine kausalen, sondern dispositionelle Erklärungen.

Dieser Unterschied lässt sich an einem einfachen Beispiel erläutern. Wenn eine Scheibe zerbricht, können wir auf die Frage "Warum?" zwei ganz verschiedene Antworten geben. Eine Antwort kann lauten "Weil sie von einem Stein getroffen wurde". Damit wird das Ereignis angegeben, das das Zerbrechen der Scheibe verursachte. Diese Antwort ist also eine Kausalerklärung. Die Antwort kann aber auch lauten "Weil sie zerbrechlich war". Diese Antwort ist keine Kausalerklärung. Denn die Zerbrechlichkeit der Scheibe ist kein Ereignis, sie kann daher Ryle zufolge auch keine Ursache sein. Die Zerbrechlichkeit der Scheibe ist vielmehr eine Dispositionserklärung.

Grundsätzlich gilt: Wenn man einem Gegenstand eine Disposition zuschreibt, dann sagt man damit, dass sich dieser Gegenstand unter bestimmten Bedingungen auf eine bestimmte Weise verhalten wird. Wenn man sagt "Zucker ist wasserlöslich", dann sagt man damit, dass sich Zucker auflöst, wenn man ihn in Wasser gibt, oder genauer, dass es einen gesetzmäßigen Zusammenhang gibt zwischen der Tatsache, dass inan Zucker in Wasser gibt, und der Tatsache, dass sich dieser Zucker auflöst. Und wenn man sagt "Diese Scheibe ist zerbrechlich", dann sagt man damit, dass diese Scheibe zerbricht, wenn sie von einem schweren Gegenstand mit hinreichender Wucht getroffen wird, oder genauer, dass es einen gesetzmäßigen Zusammenhang gibt zwischen der Tatsache, dass diese Scheibe von einem schweren Gegenstand mit hinreichender Wucht getroffen wird, und der Tatsache, dass sie zerbricht.

Jeder Disposition entspricht daher ein gesetzesartiger* Wenn-Dann-Satz "Wenn x in die Situation S kommt, reagiert x auf die Weise R". Aus diesem Grund gibt es nach Ryle zu jeder Dispositionserklärung immer auch eine parallele Kausalerklärung. Wenn man sagt "Dieses Stück Zucker hat sich aufgelöst, weil es die Disposition hatte, sich aufzulösen, wenn man es in Wasser gibt", dann ist dies eigentlich nur ein Teil der ganzen Erklärung, die erst vollständig ist, wenn man auch die Ursache für das Sich-Auflösen angibt - nämlich die Tatsache, dass das Stück Zucker in Wasser gegeben wurde.

Nach Ryle haben nun auch mentale Erklärungen in den allermeisten Fällen den Charakter von Dispositionserklärungen. Erklärungen, in denen eine Handlung auf das Motiv des Handelnden zurückgeführt wird, gehören seiner Meinung nach eindeutig in diese Gruppe. Deutlich wird dies, wenn man sich einzelne Beispiele genauer ansieht, etwa die Erklärung "Er prahlte aus Eitelkeit":

„[. . .] die Behauptung: ,Er prahlte aus Eitelkeit' sol1 nach der einen Ansicht so ausgelegt werden: ,Er prahlte, und die Ursache seines Prahlens war das Vorkommnis eines besonderen Eitelkeitsimpulses oder eines besondern Eitelkeitsgefühls in ihm.' Nach der anderen Ansicht sol1 sie so ausgelegt werden: ,Er prahlte beim Zusammentreffen mit dem Fremden, und dieses Benehmen genügt dem gesetzesartigen Satz, dass er immer, wenn er eine Gelegenheit sieht, die Bewunderung und den Neid anderer zu erregen, alles tut, was seiner Meinung nach diese Bewunderung und diesen Neid auslosen wird.'“

Gilbert Ryle: The Concept of Mind, S. 116

Ryle zufolge ist es gar keine Frage, dass die erste Analyse völlig absurd ist. Auch wenn wir fragen, zu welchem Typ von Erklärung die Aussage "Er reichte seinem Tischnachbarn das Salz aus Höflichkeit" gehört, zeigt sich seiner Meinung nach sofort die Unhaltbarkeit einer kausalen Analyse. Denn höflich ist der, der die Disposition hat, sich selbst nicht vorzudrängen; anderen den Vortritt zu lassen; unaufgefordert zu helfen; Dinge, die andere verletzen konnten, nicht unnötig auszuplaudern; Gastgeber nicht durch unpassende Kleidung oder unpassendes Auftreten in Verlegenheit zu bringen; usw. Außerdem zeigt sich der dispositionelle Charakter dieser Erklärung daran, dass sie nach der Ergänzung durch eine Kausalerklärung verlangt:

„[. . .] die allgemeine Tatsache, dann jemand unter diesen und jenen Umstanden in dieser und jener Art zu handeln geneigt ist, erklärt allein noch nicht, warum er in einem bestimmten Augenblick etwas Bestimmtes getan hat; genauso wenig wie die Tatsache, dass das Glas spröde war, erklärt, warum es um zehn Uhr zersprang. Wie der Anprall des Steins un1 zehn Uhr das Glas zum Zerspringen brachte, so bringt oder veranlasst irgendetwas der Tat Vorausgehendes den Täter, sie dann und dort zu begehen, wann und wo er sie tut. Jemand reicht z. B. seinem Tischnachbarn das Salz aus Höflichkeit; aber seine Höflichkeit ist eben bloß seine Neigung, das Salz zu reichen, wenn es verlangt wird, und auch noch eine Unzahl anderer Artigkeiten derselben allgemeinen Art. Es gibt also neben der Frage: ,Aus welchem Grunde reichte er das Salz?' noch die ganz andere Frage: ,Was veranlasste ihn, das Salz in diesem Augenblick jenem Nachbarn zu reichen?' Diese Frage hat wahrscheinlich zur Antwort: ,Er hörte, wie sein Nachbar darum bat' oder: ,Er bemerkte, wie das Auge seines Nachbarn über den Tisch wanderte' oder etwas dergleichen.

Gilbert Ryle: The Concept of Mind, S. 149f.

Es kann daher Ryle zufolge gar kein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei der Erklärung "Er reichte seinem Tischnachbarn das Salz aus Höflichkeit" ebenso wie bei der Erklärung "Er prahlte aus Eitelkeit" nicht um Kausal-, sondern um Dispositionserklärungen handelt. Und hieraus folgt für ihn, dass die mentalen Phänomene, auf die in diesen Erklärungen die jeweiligen Verhaltensweisen zurückgeführt werden, keine mysteriösen inneren Vorgänge im Geiste der Handelnden sind, sondern Dispositionseigenschaften, die der öffentlichen Beobachtung ebenso zuganglich sind wie die Dispositionen der Zerbrechlichkeit und der Wasserlöslichkeit.

Mit der dispositionalen Analyse mentaler Zustande verfolgt Ryle also denselben Zweck wie mit seinen alternativen Analysen intelligenten und willentlichen Handelns: Sein Ziel ist, zu zeigen, dass sich mentale Ausdrücke nicht auf verborgene innere Vorgänge im Geist einer Person beziehen, sondern auf Handlungsmuster oder Dispositionseigenschaften, an deren öffentlicher Beobachtbarkeit kein Zweifel bestehen kann.

2. Kritik

Der logische Behaviorismus verzichtet auf innerpsychische Vorgänge zur Erklärung von mentalen Zuständen. Für seine Befürworter macht dies seinen (wissenschaftlichen) Charme aus, seinen Kritiker zufolge charakterisiert er das Gehirn damit als eine Black Box, die auf einen einwirkenden Reiz mit einer bestimmten Reaktion reagiert. Wenn ich jedoch im mentalen Zustand des "Schmerzes" bin, dann reagiere ich nicht einfach nur auf einen Input (Zeh gestoßen) mit einem Output (ich schreie auf), es fühlt sich auch auf eine ganz bestimmte Weise an, Schmerzen zu haben. Insbesondere dieser qualitative Aspekt von mentalen Zuständen kann nicht auf Verhaltensdispositionen reduziert werden, weswegen der logische Behaviorismus scheitern muss.

Der logische Behaviorismus kann aber auch nicht-qualitative Geisteszustände wie rationales Denken nicht erklären. Glaubt eine Person erstens, heute sei Dienstag, und zweitens, dienstags finde die US-Wahl statt, so wird sie daraus schlussfolgern, dass heute die US-Wahl stattfindet. Ein Großteil des menschlichen Innenlebens wird durch derartige Schlussfolgerungen bestimmt, die durch den philosophischen Behaviorismus ebenfalls nicht erklärt werden können.

Der Zusammenhang zwischen bestimmten Verhaltensdispositionen und bestimmten mentalen Zuständen ist keineswegs so eindeutig wie vom logischen Behaviorismus angenommen. Wenn eine Person sich den Zeh stößt, kann sie unterschiedlich darauf reagieren: Sie kann etwa erstens aufschreien, zweitens sich zusammenreißen und drittens einen "heilenden Zauberspruch" aufsagen. Nach dem logischen Behaviorismus hätte die Person je nach Verhaltensdisposition einen anderen mentalen Zustand, da er Verhaltensdispositionen mit mentalen Zuständen gleichsetzt. In Wirklichkeit hat die Person natürlich immer den gleichen mentalen Zustand des Zehschmerzes.

Verhaltensdispositionen sind darüber hinaus weder hinreichend noch notwendig für das Vorliegen von mentalen Zuständen. Sie sind zum einen nicht hinreichend, da vorstellbar ist, dass ein bewusstloser Zombie oder ein anthropomorpher Roboter sich den Zeh stößt und dabei immer aufschreit, ohne dabei jedoch subjektiv Schmerzen zu empfinden. Und Verhaltensdispositionen können auch nicht notwendig für mentale Zustände wie Schmerzzustände sein, da Menschen, die Schmerzen erleben, nicht unbedingt schmertypisches Verhalten zeigen müssen. Ein "Superstoiker" könnte sich beispielsweise den Zeh stoßen oder gar abschneiden, ohne dabei aufzuschreien oder sonst ein schmerztypisches Verhalten an den Tag zu legen. Wie die Beispiele mit den Zombies und dem "Superstoiker" zeigen, können mentale Zustände und Verhaltensdispositionen unabhängig voneinander auftreten. Sie können also weder hinreichend oder notwendig und schon gar nicht – wie vom logischen Behaviorismus behauptet wird – identisch zueinander sein.

Seinen Ursprung hat der Logische Behaviorismus im psychologischen Behaviorismus und damit letztendlich im Problem des Fremdpsychischen: Wenn jemand aufgrund von Introspektion über seine mentalen Zustände berichtet, so ist (oder war damals) keine Überprüfung oder Übersetzung der Aussagen möglich. Ohne allgemeine Überprüfbarkeit ist jedoch, so die Behavioristen, keine Wissenschaft möglich. Deshalb schränkt der methodologische Behaviorist seinen Untersuchungsgegenstand auf beobachtbare und somit verifizierbare Handlungen und allgemeiner Entitäten ein. Dieses Argument würde aber auch für andere naturwissenschaftliche Forschungsgegenstände wie z. B. Quarks oder Steinzeitmenschen zutreffen und führt in einen Positivismus.

das Black Box-Modell
das Black Box-Modell

Bildurheber: Zoph (Creative-Commons 3.0.)

Stand: 2018

Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Sonntag, 01 April 2018 02:22)

    Das mag zwar alles so sein, können Sie jetzt einwenden, aber dennoch gibt es mentale Akte. Jedermann hat und vollzieht solche Akte ständig. Das war natürlich auch den Behavioristen bewusst, und sie wollten dieses Phänomen durch eine Umdeutung der mentalen Akte lösen. Das Problem besteht ja darin, dass es diese rätselhaften subjektiven Empfindungen und Vorstellungen gibt, die man von außen nicht nachempfinden kann. Also werden diese inneren mentalen Akte weggekürzt, indem man sie durch Dispositionen ersetzt. Wenn jemand behauptet, Durst zu haben, so lässt sich dies in die Disposition, etwas zu trinken, übersetzen. Wut besteht in der Disposition zu schimpfen oder jemanden anzugreifen. MENTALE AKTE LÖSEN SICH IN DISPOSITIONEN ZU HANDLUNGEN AUF. Wenn jemand behauptet, aufgeregt zu sein, dann ist dies mit einem bestimmten körperlichen Zustand identisch, der sich durch Faktoren, wie einen hohen Blutdruck oder einen steigenden Adrenalinspiegel beschreiben und messen lässt. Die gezeigte Aufregung ist nur ein Indikator für einen bestimmten körperlichen Zustand, sie bietet keinen Blick in die Psyche oder gar Seele des Betreffenden.

    Das Paradebeispiel ist der Schmerz, der fortan immer wieder eine prominente Rolle in der Philosophie des Geistes spielen wird. Was bedeutet es, wenn jemand Schmerzen hat? Jeder von uns kennt diese Erfahrung. Man fühlt den Schmerz, aber nur man selbst. Nur ich allein. Die Schmerzempfindung ist etwas zutiefst Privates. Wie geht nun der Behaviorismus mit dieser Empfindung um? Er übersetzt das Haben von Schmerzen in ein Schmerz verhalten. Ein Mensch, der Schmerzen hat, schreit oder stöhnt, er knirscht mit den Zähnen, er reibt sich die schmerzende Stelle. Er verhält sich ganz allgemein gesprochen so, dass man merkt, er habe Schmerzen.

    Wenn jemand sagt, er habe Schmerzen, aber kein entsprechendes Verhalten zeigt, dann sind wir irritiert, oder wir glauben ihm vielleicht gar nicht. Stellen Sie sich vor, jemand sitzt Ihnen lächelnd gegenüber, nippt an einem Glas Wein und erzählt eine witzige Geschichte. Dazu behauptet er, dass er gerade sehr starke Schmerzen habe. Sie haben keine Möglichkeit, seine subjektive Empfindung nachzuprüfen oder zu widerlegen. Sie können nur sagen, dass in seinem Verhalten nichts darauf hindeutet, dass er Schmerzen habe. Wenn sie ausschließen wollen, dass er sie belügt, bleibt noch die Möglichkeit, dass er sich so gut beherrschen kann, dass er seinen Schmerz nicht zeigt, wie der berühmte Stoiker, der seine Hand ohne mit der Wimper zu zucken ins Feuer hielt. Umgekehrt ist der Fall vorstellbar, dass jemand ein guter Schauspieler ist, und Ihnen heftige Schmerzen vorgaukelt, obwohl er gar keine empfindet.

    Der Behaviorismus löst das Problem des Mentalen indem er es streicht. Wir erhalten eine lückenlos beschreibbare Wirklichkeit, in der nur noch Handlungen und Verhaltensdispositionen auftauchen. Doch die Theorie Mann zwar vielleicht einige mentale Phänomene auf physische Ereignisse reduzieren, sie kann aber mindestens ebenso viele nicht erfassen.

    Denn wie verhält es sich mit mentalen Akten, die sich nicht im Verhalten zeigen? Zum Beispiel das Empfinden einer bestimmten ->Farbe, oder das angenehme Gefühl, das aus einer Erinnerung entstehen kann. Überhaupt sind Gefühle, sie nicht Intentionalität auf Handlungsziele ausgerichtet sind ein Problem für jeden Behaviorismus. Dazu kommt, dass mentale Zustände sich physikalisch meist nicht einzeln zeigen, sondern in Verbindung mit anderen. Es lassen sich also bei weitem nicht alle mentalen Zustände vollständig als Verhaltensdispositionen beschreiben.

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 01 April 2018 01:10)

    Das Problem dieser Argumentation ist, dass sie sich in der Definition von „objektiv beobachtbar“ selbst logisch widerspricht. Denn um etwas als objektiv beobachtbar klassifizieren zu können, muss man andere Personen fragen, ob sie es (auch) beobachten können. D.h. man fragt Personen nach ihrer Wahrnehmung, also nach ihrem mentalen Zustand. Da laut Annahme 1&2 mentale Zustände aber nicht wissenschaftlich untersuchbar sind, kommt es so zu einem (Widerspruch), der auch die scheinbar objektive Beobachtung von Verhalten in Frage stellen würde. Damit ist die sehr eingängige und auf den ersten Blick vielen plausible Argumentation des epistemischen Behaviorismus wiederlegt.


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