Leib-Seele-Problem

Das Leib-Seele-Problem (auch: Körper-Geist-Problem) ist die zentrale Frage in der Philosophie des Geistes. Es hat das Verhältnis von Geistigem (Bewusstsein, mentale Zustände, Psyche, evtl. Seele) zu Physischem (Materie, Körper, Gehirn) zum Thema.

Anhand des Bieri-Trilemmas lässt sich das LS-Problem hervorragend charakterisieren:

  1. Der Bereich physikalischer Phänomene ist kausal geschlossen.
  2. Mentale Phänomene sind nichtphysikalische Phänomene.
  3. Mentale Phänomene sind im Bereich physikalischer Phänomene kausal wirksam.

Hier dürfen immer nur zwei der drei naheliegend scheinenden Thesen beibehalten werden, um die logische Konsistenz im Ganzen zu wahren. Aber welche? Sind Körper und Geist vielleicht zwei grundsätzlich verschiedene Substanzen? Das entspräche unserem intuitiven Empfinden und dem Substanz-Dualismus. In diesem Fall könnten sich mentale Phänomene auf physikalische auswirken, aber der Bereich physikalischer Phänomene wäre durch die mentalen kausal durchbrochen.

Mentale Phänomene, wie ein Gedanke etwa, könnten letztendlich aber auch physikalischer Art sein, wie es der materialistische Monismus meint. Bei ihm können These 1 und 3 gerettet werden, physische Phänomene können durch mentale verursacht werden, und der Bereich physikalischer Phänomene kann kausal geschlossen sein. Die zweite These muss man auf dieser Position aber verneinen.

Egal, wie man sich entscheidet, man bezieht zwingend Stellung bezüglich des Leib-Seele-Problems. Und jede Stellungsnahme bringt weitere, schwerwiegende Fragen und umfassende, philosophische Implikationen mit sich.

Ein winzig kleiner Überblick:

1. Das Problem

(Dieser Aufsatz gehört dringend überarbeitet!)

Die Allerweltfragen nach dem Bewusstsein, der menschlichen Seele und viele weitere sind nichts anderes als moderne Spielarten des Leib-Seele-Problems. Die Philosophen schlagen sich seit über 2000 Jahren mit ihm herum und ein Ende ist nicht in Sicht. Was macht die LS-Frage so mühsam und gleichzeitig so dringlich? Es ist die als unüberwindbar erscheinende Kluft zwischen mentalen und physischen Phänomen. Und die Frage, wie sich diese als diametral unterschiedlich wahrgenommene Welten vielleicht doch unter einen Hut bringen lassen.

1.1. Geist

Auf der einen Seite steht unser persönliches, subjektives Erleben. Wenn ich morgens durch die Stadt laufe, rieche ich frischgebackene Brötchen und sehe die Tauben die Backwaren vom Vortag aufpicken. Ich höre mein Lieblingslied über den Walkman in meiner Hosentasche und trällere leise mit, weil ich mich an den Text erinnere. In meinem Kopf spiele ich den bevorstehenden Tag schon einmal sorgfältig durch und freue mich insgeheim schon, heute Abend mit meiner Frau einzuschlafen.

All diese Bewusstseinsinhalte (Geruch, Erinnerungen, Erwartungen, Emotionen etc.) haben eine Qualität, die nicht kommuniziert werden kann. Ob mein Sitznachbar in der Cafeteria der Cappuccino genauso schmeckt und die Ledersitze in genau der gleichen Farbe wahrnimmt, wie ich das tue, kann ich ihn zwar fragen, aber ich werde es nie wissen können. Solche nicht vergleichbaren Erlebnisse nennt der Philosoph Qualia.

1.2. Materie

Eigentlich haben wir keinen anderen Zugang zur Welt und alles, was wir haben, sind nichts mehr als Sinneserfahrungen, Quale. Wir Menschen sind aber davon überzeugt, dass diese tatsächlich von einer physischen Welt rühren. Damit stehen wir vor zwei Welten: einer inneren, subjektiven einerseits und einer vollkommen andersartigen, äußeren andererseits. In der objektiven Welt kann jeder von uns alles auf Gewicht, Größe und Form hin vermessen und überprüfen, nur mit dem subjektiven Geruch von Brötchen und der Farbe der Lederbezüge geht das überhaupt nicht.

In welcher Relation stehen diese beiden Welten zueinander? Dies ist die Kernfrage des Leib-Seele-Problems.

2. Die Debatte

2.1. Dualismus

Was wäre jetzt naheliegender, als Körper und Geist als eigenständige Substanzen anzusehen? Auf diesem Weg wird der erlebten Verschiedenheit zwischen Materie und Bewusstsein maximale Rechnung getragen. Man muss hier jedoch aufpassen, dass man den Begriff Substanz nicht missversteht. Im Alltag assoziieren wir mit ihm gerne etwas Materielles. Das ist hier nicht gemeint. Die Substanz-Dualisten, so heißen die Verfechter dieser Einstellung nämlich, verstehen den Begriff Substanz eher im aristotelisch-terminologischen Sinne: Substanz sei ein Etwas, das für sein Sein keines anderen Seins bedarf. Also kann auch der immaterielle Geist Substanz sein, und zwar dann, wenn er zur Existenz keine Hilfe (etwa ein materielles Gehirn) braucht.

Und es kann auch mehrere Substanzen zugleich in der Welt geben, falls sie separat und selbständig voneinander gedacht werden können. Der Substanz-Dualismus geht davon aus, dass dies der Fall ist. Körper und Geist seien zwei voneinander unabhängige Substanzen. Diese Auffassung deckt sich mit unserem Alltagserleben der „zwei Welten“ und deshalb sind viele Menschen, wenn auch oft unbewusst, Substanz-Dualisten. In den meisten nicht-westlichen Gesellschaften ist diese Vorstellung tief verankert, und Umfragen sagen uns, dass auch viele Bewohner des transatlantischen Raumes diese Erklärung bevorzugen.

Der bekannteste war und namentlich erste Verfechter eines Dualismus ist René Descartes (1596 - 1650). Mit dem nach ihm benannten cartesischen Dualismus postuliert Descartes einen Geist, der nicht im Raum verortet werden kann und autark gegenüber der physischen Substanz ist. Die Materie nennt er „res extensa“, was in etwa „die ausgedehnte Sache“ bedeutet und das Geistliche ist bei ihm „res cogitas“, „das Denkende“ oder „das Vorstellende“. Bei dieser Unterscheidung hat sich der Begründer der analytischen Geometrie offensichtlich etwas gedacht: Habe ich einen Gedanken, etwa: „diese Brötchen riechen aber gut“, kann diese subjektive Qualität räumlich nicht lokalisiert werden. Es ist auch komisch zu fragen, ob der Gedanke jetzt eckig, rund oder zweidimensional sei. Qualia sind also irgendwie anders. Sie haben, im Gegensatz zum räumlichen Geschehen, nichts mit Räumlichkeit zu tun.

Allerdings hat die Sache einen riesigen Haken: Wie erklärt der Dualismus die Interaktion zwischen Körper und Geist? Dass diese beiden Welten miteinander kommunizieren, ist klar ersichtlich: Wenn ich den Entschluss fasse, nach einem Brötchen zu greifen und dann nach dem Brötchen greife oder wenn ich mich an eine peinliche Situation erinnere und Blut in mein Kopf schießt, wirkt der Geist offensichtlich auf die Materie. Andersherum kann auch die Materie den Geist beeinflussen, wenn ich mich beispielsweise am Tischbein stoße und daraufhin Schmerz verspüre.

Wie also soll man sich die Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist im Substanzdualismus denken? Descartes behauptet, Körper und Geist stünden in der Zirbeldrüse des menschlichen Gehirns in einem interaktionalistischen Austausch zueinander. Konsequent nennt er das Ganze dann auch Interaktionismus. Löst das die Probleme des Dualismus? Keineswegs, es verschiebt sie nur. Die Zirbeldrüse ist ja ein materielles Organ, also bleibt die Frage, auf welche Weise zwei so heterogene Dinge wie das materiell-Räumliche und immateriell-Nichträumliche überhaupt in Berührung zueinander kommen können? Warum sollte ausgerechnet die Zirbeldrüse mit der geistlichen Sphäre kommunizieren können?

Es existieren noch zig weitere Einwände, die den Dualismus zweifelhaft machen. Uns soll derjenige der Interaktion hier reichen. Keine dualistische Theorie konnte ihm etwas Vernünftiges entgegensetzen, weshalb die meisten Wissenschaftler und Philosophen den Dualismus heute ablehnen, und eine Form des Monismus bevorzugen.

2.2. Monismus

Monismus lautet die Überzeugung, es gäbe entweder nur Körper, oder nur Geist. Es gibt verschiedene Versionen des Monismus. Der idealistische Monismus stellt den Geist in den Vordergrund, er muss erklären, warum wir meinen, eine physische Welt wahrzunehmen und warum diese so kohärent funktioniert. Beliebter bei Wissenschaftlern ist der materialistische Monismus, der die Materie als Substanz betrachtet. Aber auch er ist nicht ganz unproblematisch: Wie löst er das Problem der Qualia, also die Frage, wie aus objektiver Gehirnsubstanz subjektive Erlebnisinhalte hervorgehen sollen? Wie lässt sich, allgemein formuliert, das Bewusstsein auf materialistischer Basis erklären?

Wir sehen, es stimmt, dass jede Stellungnahme große Fragen aufwirft und philosophische Konsequenzen gigantischer Reichweite birgt. Welche Position letzten Endes die Oberhand gewinnt oder welche Probleme grundsätzlicher Natur sind, ist bislang nicht abzusehen.

Eine schematische, aber äußerst komplizierte Übersicht aus Wikipedia zum Leib-Seele-Problem und den möglichen Positionen.

3. Der Kernpunkt des Bewusstseinproblems

An dieser Stelle sind wir mitten drin in der Bewusstseinsdebatte. Das Leib-Seele-Problem ist der eigentliche Kernpunkt der gesamten Philosophie des Geistes. Es wirft insbesondere eine Frage auf: Ist Bewusstsein eine zusätzliche Eigenschaft komplex strukturierter Materie unter meiner Schädeldecke, oder ist es eine eigenständige, oder vielleicht sogar die einzige Substanz der Welt?

Wenn das Bewusstsein ein eigenständiges Dasein führt, ist das ein herber Schlag für den Physikalismus. Wir können dann fragen, wie und wo dieses Bewusstsein in uns wohnt und warum nicht auch in Steinen? Wohnt es in Tieren? Wie sieht es mit Pflanzen aus? Wie und warum sind wir zum Bewusstsein gekommen? Und lassen sich solche Fragen dann überhaupt noch mit den alten, wissenschaftlichen Methoden beantworten?

Was aber wäre, wenn Bewusstsein unteilbar mit den Gehirnprozessen verbunden ist? In diesem Fall sind die meisten bisher gestellten Fragen witzlos, es ergeben sich aber gleichzeitig auch interessante, neue Fragen. Von dieser Warte aus gesehen, die auch Materialismus genannt wird (logischerweise lassen sich auch alle weiteren Standpunkte der Philosophie des Geistes im Leib-Seele-Problem finden und benennen), bringt es nichts, nach nicht-kommunzierbarer Qualia oder einem Bewusstsein an sich zu fragen. Denn außer neuronalen Prozessen und Potentialen gäbe es gar nichts.

Die eigentliche, bedeutungsschwere Frage muss dann eher lauten: warum erliegen wir der Illusion, Qualia zu haben?

Es geht aber noch weiter. Gehen wir davon aus, man könnte das Bewusstsein-generierende Gehirn scannen und technisch nachahmen. Oder das, was Kurzweil Upload nennt, wäre möglich. Hätten diese Imitate ein Bewusstsein? Eine Seele? Wenn, wie der Funktionalismus behauptet, jeder geistige Zustand auf einen Gehirnzustand zurückgeführt werden kann, ja. Müssten wir solch einem technischen Bewusstsein folglich auch Menschenrechte zuschreiben? Oder wenigstens Tierrechte? Dürfte man überhaupt mit ihnen experimentieren, oder bedarf es dafür erst ihrer vollen Zustimmung? Sie sehen, man rutscht vom Leib-Seele-Problem auch ganz schnell rein in grundlegende Fragen der Ethik. Um ehrlich zu sein, gelangt man mit dem LS-Problem, und um ein, zwei Ecken zu eigentlich jedem philosophisch relevantem Thema. Es ist also wirklich von enormer Bedeutung.

Aber spinnen wir das Ganze doch einmal weiter: Hätte mein Upload-Ich dieselbe Identität, wie das Original? Oder wäre es nur ein gut ausgescannter, behavioristischer Doppelgänger ohne Bewusstsein, ein digitaler Zombie? Oder anders formuliert, wenn mein körperliches Ich beim Versuch des Uploads stirbt, könnte ich dann wirklich, oder nur scheinbar in den Schaltkreisen einiger Hochleistungsrechner weiterleben? Klar, mein Upload-Ich würde allen versichern, dass Ich es bin, aber das würde auch ein bewusstloser Doppelgänger können. Wie aber sonst wollen wir den Solipsismus anpacken? Und was würde passieren, wenn wir meine Simulation auf ein Dutzend Computern laufen ließen? Wo würde ich dann fortexistieren? Überall? Auf einem Rechner? Nirgendwo?

Nirgendwo, denn das Original ist tot, so könnte man argumentieren. Wir können das LS-Problem aber noch verschärfen: Nun erfinden wir uns Neuroprothesen, die Stück für Stück ein lebendes Gehirn durch Computerchips ersetzen sollen. Hört sich verrückt an, ich weiß, aber weltweit arbeiten diverse Forschungsgruppen an exakt dieser Vision. Immer dann, wenn sich eine Prothese in das Gehirn vollständig integriert hat, setzen wir die nächste ein. Das machen wir immer und immer wieder. Irgendwann haben wir alle Nervenzellen amputiert und das Gehirn besteht jetzt nur noch aus Siliziumchips.

Angenommen diese Chips sind funktional identisch mit den Hirnbestandteilen, die sie ersetzen, wäre das Kunstgehirn dann auf ganzer Linie identisch mit seinem Vorbild? Denkt in ihm das gleiche Bewusstsein wie einst in dem Neuronen-Gewebe, das es ersetzen soll? Oder wäre dieses Bewusstsein sukzessiv oder sogar an einem bestimmten Zeitpunkt während der versuchten Transformation verschwunden? Ist die kontinuierliche Identität eines Menschen einfach nur an die Funktion seines Gehirns gebunden, oder ausschließlich an ein bestimmtes, biologisch-strukturelles Nervenkonglomerat, dass grundsätzlich nicht nachgebaut werden kann? Oder existiert der Geist gar gänzlich unabhängig von der Materie, ähnlich einer Seele, die einfach weiterschwebt, wenn ihre Fleischeshülle wegstirbt?

Diese Fragen halte ich wirklich für interdisziplinär herausfordernd und wichtig. Und das Leib-Seele-Problem liefert uns ein gutes, theoretisches Konstrukt, um sie zu bearbeiten.

4. Verweise

  • Religionen: Die großen Weltreligionen sind fast alle dualistisch. Christen und Muslime glauben an eine unsterbliche, immaterielle Seele, die im sterblichen Körper schlummert und Hindus an Atman, das unzerstörbare Selbst des Menschen. Allein das Judentum und der Buddhismus kennen so etwas wie eine ewige, geistige Essenz des Menschen nicht. Selbst nicht-religiöse Menschen im Westen vertreten oft eine Form des Dualismus. Alternativmediziner beispielsweise sind fest von der Wirkung des Geistes auf den Körper überzeugt und New-Ager sprechen von der Macht der Bewusstseins.

  • Analytische Philosophie: Viele analytische Philosophen behaupten, das Leib-Seele-Problem sei nur ein Scheinproblem.

  • Emergenz: Die nichtreduktionistischen Physikalisten glauben, dass jede mentale Eigenschaft eine physische Basis besitzt und durch diese auch realisiert ist. Die Emergenztheoretiker hingegen meinen, diese mentalen Eigenschaften hätten zwar eine physikalische Basis, sie seien aber nicht mit dieser identisch und auch nicht durch sie realisiert.

  • Erhaltungssätze: Verletzt Descartes Interaktionismus nicht auch die Erhaltungssätze der Physik?

  • Identität: Laut den Identitätstheoretikern ist jede mentale Eigenschaft identisch mit einer physikalischen Eigenschaft.

  • Kausalität: Es gibt auch Dualismen, die ganz ohne Kausalität auskommen wollen. Einer davon ist der psychologische Parallelismus, der keine Wechselwirkungen zwischen Geist und Körper sieht.

  • Metaphysik: Man könnte meinen, das Leib-Seele-Problem tritt überall kulturunabhängig auf, so offensichtlich scheint es. Aber weit gefehlt. Die östliche Philosophie beispielsweise geht von grundsätzlich anderen, metaphysischen Annahmen aus, aufgrund derer das Leib-Seele-Problem gar nicht auftaucht. Es gilt und ist vor allem ein spezifisches Problem der europäischen Philosophie.

  • Sprache: Der als solcher wahrgenommene Dualismus zwischen Geist und Körper hat sich so tief in unser Unterbewusstsein gegraben und ist so fest in unserer Sprache verankert, dass wir problemlos von „meinem Gehirn“ und „Ich“ als zwei grundsätzlich unterschiedliche Dinge sprechen - und auch denken! Auch die Sprachphilosophie im weiteren Sinne hat ihren Beitrag zur Leib-Seele-Debatte geleistet: Alle mentalen Prädikate sind für den semantischen Physikalisten in physikalischer Sprache definierbar.

  • Willensfreiheit: Epiphänomenalismus nennt sich der Standpunkt, dass keinerlei kausale Wirksamkeiten mentaler Eigenschaften existieren. Damit rettet er zwar These 1 des Bieri-Trilemmas, also die kausale Geschlossenheit der physischen Welt (s.o.), muss dafür aber wahrscheinlich die menschliche Willensfreiheit aufgeben.

Stand: 2015

Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Samstag, 14 Januar 2017 01:56)

    https://www.youtube.com/shared?ci=1QQ_PefsYyE

  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 10 August 2016 19:53)

    Bis zum 18. Jahrhundert wurde anstatt des Begriffes Bewusstsein der Begriff Seele benutzt, um Psychisches von Physischem zu unterscheiden. Der Seelenbegriff, der so alt wie die Religion und die Philosophie selbst ist, wurde jedoch durch den neutraleren Begriff des Bewusstseins ersetzt. Zumal weil er automatisch Assoziationen mit der Religion hervorruft, wie zum Beispiel mit der Sterblichkeit oder Unsterblichkeit der Seele. Weiters verbindet man mit dem traditionellen Begriff der Seele ein den Körper belebendes Prinzip, das zur höheren intellektuellen Sphäre, die der heutigen Bewusstseinskomplex bezeichnet, hinzutritt. Leib und Seele wurden in der Geschichte auch als zwei Körper gesehen, wobei die Seele als feinstofflicher Körper dem gröber stofflichen Körper, dem Leib, innewohnt. Bei Descartes finden wir ebenfalls substanzialistische Ansätze. Er sprach der Seele Dinglichkeit zu, indem er sie als res cogitans der res extensa, dem räumlichen Körper, gegenüberstellte.

    Für die Lösung des Leib-Seele-Problems können wir drei Grundmodelle heranziehen. Der psycho-physische Interaktionismus postuliert ein wechselseitiges Kausalverhältnis zwischen dem physischen und psychischen Bereich, wobei beide völlig gleichrangig sind. Diese Kausalität ist jedoch unglaubwürdig. Wie würden psychische Zustände wie der Wille, Gedanken oder Pläne in der Realität als Ursache wirken? Wenn ich meine Augen schließe, empfinde ich psychische Veränderungen, die nicht kausal bestimmt sein können. Jeder mentale Wechsel ist von unzähligen chemischen und physischen Vorgängen begleitet. Wir können weder eine totale Differenz zwischen den beiden Bereichen annehmen, noch könnten wir beide isolieren und ihr Verhältnis in einem Experiment nachweisen. Verbesserungsvorschläge für die Theorie des Interaktionismus finden wir bei Vertretern des Okkasionalismus. Sie argumentieren, dass ein Gott oder eine höhere Kraft eingreift und die Erkenntnissache herstellt. Leibniz baut auf dieser Theorie auf und sagt, dass Gott nur einmal eingreift, nämlich bei der Erschaffung der Welt. Am Beispiel von zwei synchron laufenden Uhren veranschaulicht er den Einklang zwischen Körper und Seele, der durch eine genaue göttliche Vorausschauung bedingt ist. Nur für den Menschen scheint ein Einklang als gegenseitiger Einfluss zu bestehen. Spinoza hingegen argumentiert in der ontologischen Zwei-Aspekte-Theorie, dass die res cogitans und die res extensa nur zwei differente Betrachtungsweisen einer zugrundeliegenen göttlichen Substanz sind. Beide beziehen sich auf denselben Referenten. Hier besteht die Schwierigkeit, dass die Identität der beiden Bereiche nicht durch ein Drittes verglichen werden können (tertium comparationis). Schließlich bietet der Parallelismus die These an, dass es gar keine Interaktion zwischen den beiden Bereichen gibt.

    Diese dualistischen Leib-Seele-Theorien stehen monistischen Erklärungsansätzen gegenüber, die die Selbständigkeit eines Bereiches postulieren. Der materialistische Epiphänomenalismus bestimmt den psychischen Bereich als Nebenprodukt des physischen, der auf "ihm drauf sitzt". Es gibt für ihn nur eine Beeinflussung vom physischen auf den psychischen Bereich und nicht umgekehrt. Wird der Körper stimuliert, dann folgt eine Veränderung im Bewusstsein. Problematisch ist, dass diese mechanistische Erklärung Verursachung durch Mentales verbietet. In diesem Fall würden menschliche Entscheidungen wie Pläne oder der Wille nur Begleiterscheinungen des Körpers sein. Wir müssten dann darauf schließen, dass alles ohne menschliches Bewusstsein geschieht. In den Geisttheorien hingegen nimmt man die Prävalenz des Psychischen an. Es sind ideelle Theorien, die im englischen auch "Reverse Epiphenomenalism" genannt werden. Das Geistige ist logischer Grund und Bedingung für das Materiale. Daraus folgt, dass die Außenwelt auf die Erkenntnisleistung des Subjekts zurückzuführen ist. Die Annahme, dass die Welt nur im Bewusstsein existiert, finden wir bei Descartes und Leibniz, im formalen Idealismus (Kant, Fichte, Schelling), sowie bei Hegel und Husserl.


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