Intentionalität

Intentionalität bezeichnet die "Gerichtetheit" von mentalen Zuständen.[1]

Wenn Johannes bspw. glaubt: "Herodot war ein Historiker", dann ist seine Überzeugung auf den Menschen Herodot gerichtet und deswegen intentional. Intentionale Zustände bestehen also immer zwischen einem Subjekt (Johannes) und einem Objekt (Herodot). Dadurch erhalten sie einen semantischen oder repräsentationalen Inhalt, der wahr ist, gdw. Herodot tatsächlich ein Historiker war. Intentionalität macht mentale Zustände also wahrheitsfähig.

Wissenschaftliche Erklärungen führen gemäß dem Hempel-Oppenheim-Schema ein Explanandum (das zu Erklärende) auf ein Explanans (die Erklärung) zurück. Die Temperatur von Wasser wird beispielsweise durch die Rückführung auf die mittlere kinetische Energie der Wassermoleküle erklärt. Wenn laut dem Identitätstheoretiker mentale Zustände letztendlich neuronale Zustände sind, dann müsste die Überzeugung "Herodot war ein Historiker" auf einen Zustand im Gehirn reduziert werden können. Eine Reduktion von intentionalen Zuständen auf neuronale Zustände scheint aber geradezu unmöglich. Neuronale Zustände "geschehen" einfach gemäß den Naturgesetzen. Sie sind weder wahr noch falsch noch bedeuten oder beziehen sie sich auf irgendetwas.

1. Franz Brentano

Der Begriff der Intentionalität ist ein geistesphilosophischer Fachterminus und weder mit dem alltäglichen Begriff der Intention im Sinne von Absicht, noch mit dem semantischen Begriff der Intension gleichbedeutend. Die klassische Begriffsbestimmung geht auf Franz Brentano zurück:

„Jedes psychische Phänomen ist durch das charakterisiert, was die Scholastiker des Mittelalters die intentionale (auch wohl mentale) Inexistenz eines Gegenstandes genannt haben, und was wir, obwohl mit nicht ganz unzweideutigen Ausdrücken, die Beziehung auf einen Inhalt, die Richtung auf ein Objekt (worunter / hier nicht eine Realität zu verstehen ist), oder die immanente Gegenständlichkeit nennen würden. Jedes enthält etwas als Objekt in sich, obwohl nicht jedes in gleicher Weise. In der Vorstellung ist etwas vorgestellt, in dem Urteile ist etwas anerkannt oder verworfen, in der Liebe geliebt, in dem Hasse gehasst, in dem Begehren begehrt usw. Diese intentionale Inexistenz ist den psychischen Phänomenen ausschließlich eigentümlich. Kein physisches Phänomen zeigt etwas Ähnliches.“
- Franz Brentano: Psychologie vom empirischen Standpunkte[2]

Franz Brentanos erste These lautet also, dass die Intentionalität eine Eigenschaft des Mentalen ist, die mit den Phrasen "Beziehung auf einen Inhalt" oder "Richtung auf ein Objekt" beschrieben werden kann. Das Objekt eines intentionalen Zustandes muss dabei nicht zwangsläufig raumzeitlich existieren, es kann auch eine abstrakte Entität (rechnen mit Zahlen) sein. Der Wunsch Harry Potter zu sein, bezieht sich sogar auf eine nicht-existente Entität. Diese Besonderheit nannte Brentano "intentionale Inexistenz".

Bretanos zweite These lautet, dass Intentionalität das definierende Merkmal des Mentalen (Geistigen) ist. Alles Mentale wäre intentional und alles Intentionale auch mental. Das Physische dahingegen sei kausal. Wenn Johannes sich daran erinnert, dass er dachte, dass Herodot ein Historiker war, dann bezieht sich seine Erinnerungen auf einen vorherigen intentionalen Zustand. Sein damit einhergehender neuronaler Zustand bezieht sich aber auf nichts, er ist ein Glied aus einer Kette von elektrochemischen kausal wirksamen Ereignissen.

Ich halte Bretanos zweite These für falsch. Wenn Johannes nervös, erfreut, erschöpft ist oder sich einfach nur unwohl fühlt, dann haben diese mentalen Zustände zwar in der Regel eine Ursache, sie sind aber auf nichts gerichtet. Es gibt also sehr wohl nicht-intentionale mentale Zustände.[3] Allerdings sind alle diese Zustände phänomenal, das heißt es fühlt sich für Johannes auf eine bestimmte Weise an nervös, erfreut oder erschöpft zu sein. Umgekehrt scheinen auch alle nicht-phänomenalen mentalen Zustände intentional zu sein. Daher denke ich, dass Intentionalität und Qualia jeweils hinreichend, aber nicht notwendig für die Existenz des Mentalen sind. Jeder mentale Zustand ist also entweder intentional oder phänomenal. Jede mentale Eigenschaft wird entweder gedacht oder erlebt.

2. Auflösungsversuche

Stand: 2018

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 06 September 2018 00:28)

    DIE ILLUSION DES BEWUSSTEN WILLENS

    Wir Menschen vermuten erstaunlich schnell, dass hinter Ereignissen, die wir beobachten, Pläne und Absichten stecken. Selbst kleine Kinder reagieren anders auf Objekte, die sich selbstständig bewegen, als auf Objekte, die von etwas anderem gezogen oder geschoben werden. Wenn die alter werden, entwickeln sie eine "native Theorie" oder Mentalisierung, das heißt, sie verstehen, dass andere Menschen Wünsche, Überzeugungen, Pläne und Absichten haben. Es scheint, als seien wir darauf programmiert, Lebewesen zu erkennen und ihnen Handlungen zuzuschreiben. Diese Fähigkeit hat sich vermutlich aus guten biologischen Gründen entwickelt: Das Überlebenden könnte durchaus davon abhängen, dass man unterscheiden kann, ob es sich bei einem Ereignis um eine unbedeutende Bewegung handelt oder un die absichtsvolle Handlung eines anderen Lebewesens.

    Dank dieser Fähigkeit ziehen wir allerdings oft voreilig den Schluss, dass ein bestimmtes Ereignis bewusst von jemandem herbeigeführt wurde. Zeichentrickfilme und Computerspiele funktionieren nur deshalb. Selbst ausgesprochen primitive Darstellungen vermitteln uns die Illusion von echten Lebewesen, weshalb wir Jerry mit laufen Rufen vor Toms neuem Anschlag warnen und jedes Mal aufschreiben. Wenn der arme Kenny aus 'Southpark' stirbt. Es scheint uns völlig natürlich, so zu tun, als hätten unbelebte Gegenstände Gedanken und Wünsche. Niemand wundert sich, wenn ich sage, "Meine Uhr denkt, dass heute Donnerstag ist" oder "Mein Laptop hat beschlossen, meinen Vortrag zu sabotieren". Dennett spricht von der "intentionalen Handlung", das heißt, wir behandeln nicht nur andere Menschen, sondern auch Computer, Uhren oder Zeichentrickfiguren so, als verfügten sie über Absichten. Laut Sennett handelt es sich in der Regel un eine vereinfachte, aber wirkungsvolle Methode, um eine Situation zu erfassen.

    Aber wir unterstellen nicht nur anderen Menschen Wünsche und Absichten, sondern wir gehen davon aus, dass wir selbst ein Ich mit Wünschen und Absichten haben, das Handlungen in Gang setzt. Wenn wir fühlen, etwas willentlich herbeigeführt zu haben, dann haben wir den Eindruck, unser Ich habe es getan. Aus evolutionärer Sicht ist es völlig gleichgültig, ob dieses Zentrum des Willens lediglich eine Fiktion ist, solange diese Fiktion nützlich ist.
    Wie immer können wir eine Menge über diesen Prozess lernen, wenn er nicht so funktioniert, wie er soll. Im vorigen Abschnitt haben wir Situationen kennengelernt, in denen wir Dinge tun, ohne das Gefühl zu haben, dass wir sie tun. In anderen Situationen ist das Gegenteil der Fall.

    Diese "Kontrollillusion" ist zum Beispiel typisch für Lotto und andere Glücksspiele. Wenn wir die Möglichkeit haben, uns auf einem Zettel für verschiedene Zahlen zu entscheiden, erscheinen uns die Gewinnchancen größer als beim Kauf eines Loses, und wenn wir tatsächlich im Lotto gewinnen, haben wir das Gefühl, mit der Wahl der Zahlen einen Beitrag geleistet zu haben. Ohne diese Kontrolle plus ion würden Spielkasinos vermutlich nicht existieren, denn wir beteiligen uns vor allem deshalb an Glücksspielen, weil wir das Gefühl haben, dass wir das Ergebnis mit unseren Handlungen beeinflussen können. Wenn wir uns ein Ergebnis vorstellen und dieses tatsächlich eintritt, dann haben wir den Eindruck, das Ergebnis herbeigeführt zu haben. [WÜRFELWURF] Wenn wir den ganzen Abend an eine Freundin denken und diese uns schließlich anruft, dann meinen wir, unsere Gedanken hätten den Anruf bewirkt. Dieses Gefühl ist oft überzeugender als unser Wissen, dass wir mit unseren Gedanken allein gar nichts bewirken können.


Impressum | Datenschutz | Cookie-Richtlinie | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.