Identitätstheorie

Der Identitätstheorie (engl. Identity Theory) zufolge sind mentale Eigenschaften mit physischen (genauer: mit Gehirn-)Eigenschaften a posteriori type-identisch. Oder kurz: Geist ist Gehirn.[1]

Formal ausgedrückt besagt die Identitätstheorie, dass zu jedem mentalen Prädikat M ein physisches Prädikat P existiert, so dass M und P, obwohl sie nicht synonym sind, dieselbe Eigenschaft bezeichnen. Es handelt sich bei ihr folglich um eine reduktiv-physikalistische Position zum Leib-Seele-Problem, da sie meint, dass auch mentale Eigenschaften wie beispielsweise die Qualität einer Schmerzempfindung letztlich physische Eigenschaften wie etwa das Feuern von C-Fasern sind.

1. Geschichte

Auch wenn die Grundidee hinter der Identitätstheorie schon älter ist, wird ihre endgültige Ausformulierung erst australischen Philosophen J.J.C. Smart (1920 – 2012) und Ullin Place (1924 – 2000) gutgeschrieben.

 

Die Identitätstheorie entstand damals als direkte Reaktion auf das Scheitern des logischen Behaviorismus. Der Behaviorismus behauptet, dass mentale Zustände durch Verhaltenszuschreibungen vollständig erklärt werden können. Das ist aber falsch, da Verhaltenszuschreibungen für beispielsweise Schmerzzustände weder notwendig (man kann sich einen Superstoiker vorstellen, der Schmerz empfindet, ohne Schmerzverhalten zu zeigen) noch hinreichend (man kann sich einen Zombie vorstellen, der Schmerzverhalten zeigt, ohne Schmerzen zu empfinden) sind.

 

Gleichzeitig verwirft der Identitätstheoretiker aber auch den Substanzdualismus, der mentale Eigenschaften für nicht-physikalisch hält. Wenn mentale Eigenschaften physikalisch, aber keine Verhaltensdispositionen sein sollen, was sind sie dann? Die Antwort liegt auf der Hand: Mentale Eigenschaften sind identisch mit den damit einhergehenden Gehirnzuständen. Die mentale Eigenschaft "Lust auf ein Eis zu haben" ist beispielsweise nichts anderes als ein "Neuronenfeuerwerk". Diese Identität ist mithin keine Frage der Bedeutung mentaler Ausdrücke, wie es im Semantischen Physikalismus angenommen wurde, sondern ein synthetisches Urteil bzw. eine empirische Entdeckung.

2. Identitätsbehauptung

2.1. Allgemeines zu Identitätsbehauptungen

Doch wie ist die zentrale Identitätsbehauptung der Identitätstheorie genau zu verstehen? Oder allgemeiner: wann sind generell zwei Eigenschaften  identisch? Laut Rudolf Carnap (Wiener Kreis) drücken zwei Prädikate genau dann dieselbe Eigenschaft aus, wenn sie sinngleich (synonym) sind. Das Problem an dieser Definition ist, dass wenn sie uneingeschränkt gelten soll, die These der Identitätstheorie, dass mentale Eigenschaften mit physischen Eigenschaften identisch sind, nach dem Scheitern des Semantischen Physikalismus auch als widerlegt gelten müsste.

Dass Carnaps Definition jedoch nicht uneingeschränkt gültig sein kann, zeigt sich an den folgenden Prädikaten, die offensichtlich jeweils dieselbe Eigenschaft ausdrücken, ohne aber synonym (sinngleich) zu sein:

‚x ist blau‘

‚x hat die Farbe des Himmels‘

‚x ist Wasser‘

‚x ist H2O‘

‚x ist ein Blitz‘

‚x ist eine best. Art elektrischer Entladung‘

‚x hat eine Temperatur von t K

‚x besteht aus Molekülen, deren mittlere kinetische Energie 2/3k ×mv2/2 Joule beträgt‘

Machen wir einen kleinen Ausflug in die Sprachphilosophie. Die folgenden beiden Identitätssätze haben nicht denselben epistemischen Status:

(1) Der Morgenstern = der Morgenstern
(2) Der Morgenstern = der Abendstern

„Ein Satz der Form „a = a gilt a priori und ist nach Kant analytisch zu nennen, während Sätze von der Form a = b oft sehr wertvolle Erweiterungen unserer Erkenntnis enthalten und a priori nicht immer zu begründen sind“
-
Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung“, S. 40

Der Unterschied im epistemischen Status kann also nicht am Bezug (in der Extension) der Ausdrücke ‘der Morgenstern’ und ‘der Abendstern’ hängen. Denn ‘der Morgenstern’ und ‘der Abendstern’ haben dieselbe Extension (die Venus). Es muss neben deshalb neben dem „externen“ Bezug noch einen anderen Aspekt der Bedeutung der Ausdrücke ‘der Morgenstern’ und ‘der Abendstern’ geben, der für den Unterschied im Erkenntniswert der beiden Aussagen (1) und (2) verantwortlich ist.

„Es liegt nun nahe, mit einem Zeichen (...) außer dem Bezeichneten, was die Bedeutung des Zeichens heißen möge, noch das verbunden zu denken, was ich den Sinn des Zeichens nennen möchte, worin die Art des Gegebenseins enthalten ist.“
- Gottlob Frege: „Über Sinn und Bedeutung“, S. 26

Ein Eigenname hat nach Frege also eine Bedeutung (= das bezeichnete Objekt) und einen Sinn (= die Art und Weise, wie das bezeichnete Objekte ‚gegeben’ ist.) Demnach bezeichnen die Ausdrücke ‘der Morgenstern’ und ‘der Abendstern’ denselben Gegenstand, aber sie bezeichnen ihn auf verschiedene Weise, und deshalb haben sie zwar dieselbe Bedeutung, aber verschiedene Sinne.

Nach Frage lässt sich also sagen: "a = b" ist genau dann eine wahre Identitätsaussage a posteriori, wenn die Ausdrücke ‘a’ und ‘b’ dasselbe bezeichnen, obwohl ihr Sinn verschieden ist.

Beispiele für Identitätsaussagen a posteriori:

(1) Der Morgenstern = der Morgenstern.
(2) Der Morgenstern = der Abendstern.
(3) Mount Everest = Tschomolungma.
(4) Benjamin Franklin = der Erfinder des Blitzableiters.
(5) Sir Walter Scott = der Autor des ‘Waverley’.
(6) Der Erfinder des Blitzableiters = der Erfinder der Zwei-Stärken Brille.

2.2. Näheres zu Identitätsbehauptungen

Die Identitätstheorie betrifft aber offensichtlich Eigenschaften, und keine Einzeldinge. Kann es sich bei ihrer zentralen These trotzdem auch um eine wahre Identitätsaussagen handeln? Oder: Könnnen auch Eigenschaften (wie mentale Eigenschaften) a posteriori identisch sein? Die folgenden Eigenschaftsidentitätsaussagen sprechen für diese Annahme:

(1) Die Eigenschaft, Wasser zu sein = die Eigenschaft H2O‘ zu sein
(2) Die Eigenschaft, ein Blitz zu sein = die Eigenschaft, eine bestimmte Art elektrischer Entladung zu sein.
(3) Die Eigenschaft, eine Temperatur von T K zu besitzen = die Eigenschaft, aus Molekülen zu bestehen, deren mittlere kinetische Energie 2/3k
 ´ mv2/2 Joule beträgt.

Zwei Dinge lassen sich festhalten.

Erstens: Eigenschaften sind nicht der Sinn bzw. die Intensionen von Prädikaten, sondern werden durch Prädikate in ähnlicher Weise bezeichnet, wie Gegenstände durch Namen bezeichnet werden.

Zweitens, was viel wichtiger ist: Die Analyse für a posteriori Identitätsaussagen lässt sich auf Eigenschaftsidentitäten übertragen: Die Aussage „Die Eigenschaft F = die Eigenschaft G“ ist genau dann a posteriori wahr, wenn die Prädikate ‘F’ und ‘G’ dieselbe Eigenschaft bezeichnen, obwohl ihr Sinn verschieden ist.

Die These der Identitätstheorie "mentale Eigenschaft M = physische Eigenschaft P" ist also wahr genau dann, wenn die Prädikate ‘M’  ‘P’ dieselbe Eigenschaft bezeichnen und ihr Sinn verschieden ist.

D.h.: Zu jedem mentalen Prädikat M gibt es ein physisches Prädikat P, so dass M und P, obwohl sie nicht synonym sind, dieselbe Eigenschaft bezeichnen.

Die nächste entscheidende Frage lautet also: Unter welchen Bedingungen sind Eigenschaftsidentitätsaussagen wahr? Sehen wir uns hierzu die folgende Eigenschaftsidentitätsaussage genauer an:

(1) Die Eigenschaft eines Gases, eine Temperatur von x Kelvin zu haben, ist identisch mit seiner Eigenschaft, dass die mittlere kinetische Energie seiner Moleküle 2/3k × mv2/2 Joule beträgt.

Die einfache – und richtige – Antwort lautet hier offensichtlich: Die Aussage (1) ist wahr, gdw. wenn die Eigenschaft, eine Temperatur von x Kelvin zu haben, tatsächlich identisch ist mit der Eigenschaft, dass die mittlere kinetische Energie der Moleküle 2/3k × mv2/2 Joule beträgt.

Formaler ausgedrückt: Eine Eigenschaftsidentitätsaussage ist wahr, gdw. wenn das Prädikat 1 dieselbe Eigenschaft bezeichnet wie das Prädikat 2.

(1) ist also wahr. Aber warum ist das so?

In der Literatur findet sich folgende Antwort: Weil sich die klassische Thermodynamik auf die statistische Mechanik reduzieren lässt. Der hierbei zenrale Begriff der "Theorienreduktion" geht auf Ernest Nagels "The Structure of Science" (1961) zurück. Hierin behauptet Nagel folgendes: Eine Theorie T1 lässt sich genau dann auf eine Theorie T2 reduzieren, wenn alle Gesetze von T1 – evtl. mit Hilfe geeigneter Brückengesetze – aus den Gesetzen von T2 abgeleitet werden können.

Zur Veranschaulichung ein kurzes Beispiel: Das Galileische Fallgesetz (G) lässt sich auf das zweite Gesetz der Newtonschen Mechanik (N1) und das Newtonsche Gravitationsgesetz (N2) reduzieren.

(G) s = ½ × g × t2 (g = 9,81 m/s2)
(N1) F = m
 × a (Kraft = Masse × Beschleunigung)
(N2) F = f
 × (m1 × m2)/r2 (f = 6,67´
10-11 Nm2kg-2)

(1) Erdmasse: mE = 5,97 × 1024 kg
(2) Erdradius: r = 6.370.000 m

Aus (1) und (2) ergibt sich aufgrund von (N2) die Kraft, die auf einen Körper mit der Masse m1 an der Erdoberfläche wirkt:

(3) F = 6,67/1011 × (m1 × 5,97 × 1024)/6.370.000 = 9,81 × m1

Und aus dieser Kraft resultiert nach (N1) die Beschleunigung eines Körpers mit der Masse m1 an der Erdoberfläche:

(4) a = F/m1 = 9,81 m/s2

Aus dieser Beschleunigung lässt sich die Geschwindigkeit, die dieser Körper nach t Sekunden erreicht (bei Anfangsgeschwindigkeit 0), folgendermaßen berechnen:

      (5) v = ò 9,81m/s2 dt = 9,81 × t m/s

Und hieraus wiederum ergibt sich die Strecke s, die er nach t Sekunden zurückgelegt hat:

(6) s = ò 9,81 ´ t m/s dt = ½ × 9,81 ´ t2 m

Nagels Reduktionsbegriff besitzt jedoch mindestens zwei schwerwiegende Probleme:

 

(A) Stimmt die Ableitung tatsächlich?
Die Ableitung des Galileischen Fallgesetzes aus der Newtonschen Mechanik und dem Newtonschen Gravitationsgesetz gelingt nur, wenn man unberücksichtigt lässt, dass sich die Gravitationskraft, die die Erde auf den fallenden Körper ausübt, während des Falls – wenn auch nur geringfügig – verändert. 
Streng genommen lässt sich aus der Newtonschen Mechanik und dem Newtonschen Gravitationsgesetz also nur ein Gesetz ableiten, das mit dem Galileischen Fallgesetz fast identisch ist und das für fast alle praktischen Zwecke mit Galileis Gesetz gleichgesetzt werden kann.

 

(B) Der Status der Brückengesetze
Der Status der Brückengesetze bleibt bei Nagel völlig unklar. Offenbar sind sie mehr als bloße empirische Gesetzmäßigkeiten. Wenn sie aber selbst als Identitätsaussagen zu deuten sind, dann wäre die Rückführung von Eigenschaftsidentitätsbehauptungen auf die Reduzierbarkeit von Theorien zirkulär.

C.A. Hooker schlägt aus diesem Grund eine alternative Theorienreduktion vor: Eine Theorie T1 lässt sich genau dann auf eine Theorie T2 reduzieren, wenn jeder Begriff von T1 in der Weise einem Begriff von T2 zugeordnet werden kann, dass zu jedem Gesetz L von T1 aus den Gesetzen von T2 ein Bildgesetz L* abgeleitet werden kann.

Dabei ist L* ist ein Bildgesetz von L, wenn es dem Gesetz hinreichend ähnlich ist, das aus L dadurch entsteht, dass man jeden in ihm vorkommenden Begriff von T1 durch den ihm zugeordneten Begriff von T2 ersetzt.

 

Nach Hooker lässt sich die klassische Thermodynamik deshalb auf die statistische Mechanik reduzieren, weil dem Begriff der Temperatur T der klassischen Thermodynamik der Begriff der mittleren kinetischen Energie mv2/3k so zugeordnet werden kann, dass z.B. für das Gesetz von Boyle und Charles
(BC) der klassischen Thermodynamik aus der statistischen Mechanik ein Bildgesetz
(BC*) abgeleitet werden kann. (BC) P
 × V = N × k × T (BC*) P × V = N × k × mv2/3k

 

Vorteil 1: Brückengesetze spielen nach Hookers Definition überhaupt keine Rolle mehr.
Vorteil 2: Auch die Reduktion des Galileischen Fallgesetzes auf die Newtonsche Mechanik und Gravitationstheorie ist nach Hookers Definition kein Problem mehr, da sich das Gesetz, das sich aus der Newtonschen Mechanik und Gravitationstheorie tatsächlich ableiten lässt, vom Galileischen Fallgesetz nur geringfügig unterscheidet.

2.3. Wann ist die Identitätsbehauptung der Identitätstheorie wahr?

Halten wir also fest: Unter welchen Umständen ist die Identitätsbehauptung der Identitätstheorie wahr? Wenn mentale Eigenschaften M mit physischen Eigenschaften P a posteriori identisch sind. Und damit dem so ist, müssen wiederum vier notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen erfüllt sein:

       1. M und P müssen auf dieselben Dinge zutreffen.

 

D.h. es muss gelten: Für alle x: x hat M genau dann, wenn x P hat.

Diese Bedingung ist allein natürlich noch nicht hinreichend. Wenn zufälligerweise alle und nur die Münzen in meiner Tasche einen roten Fleck haben, dann ist Folgendes wahr:

Für alle x: x ist eine Münze in meiner Tasche genau dann, wenn x eine Münze mit einem roten Fleck ist.


Trotzdem ist die Eigenschaft, eine Münze in meiner Tasche zu sein, nicht mit der Eigenschaft identisch, eine Münze mit einem roten Fleck zu sein.

       2. M und P müssen nomologisch koextensional sein.

 

D.h. es muss gelten: Der Satz „Für alle x: x hat F genau dann, wenn x G hat“ ist ein wahres Naturgesetz.

Auch diese Bedingung ist nicht hinreichend. Denn der folgende Satz ist ein wahres Naturgesetz:

Für alle x: x ist ein Pendel mit der Länge l genau dann, wenn x ein Pendel mit der Schwingungsdauer 2
p Öl/g ist.

Aber die Eigenschaft, ein Pendel mit der Länge l zu sein, ist nicht mit der Eigenschaft identisch, ein Pendel mit der Schwingungsdauer 2
p Öl/g zu sein.

   3. Die Prädikate ‚M‘ und ‚P‘ sind synonym, d.h. ‚M‘ und ‚P‘ sind

       sinngleich.

Wie bereits gesehen ist dies keine notwendige Bedingung für die Identität von M und P.

Leibniz’ Gesetz

UI Ununterscheidbarkeit des Identischen: Wenn a und b identisch sind, haben sie alle Eigenschaften gemeinsam. Symbolisch: a = b
 ® "F(Fa « Fb)

IU Identität des Ununterscheidbaren: Wenn a und b alle Eigenschaften gemeinsam haben, sind sie identisch. Symbolisch:
 "F(Fa « Fb) ® a = b

à Identitätstest: Wenn a eine Eigenschaft hat, die b nicht hat, können a und b nicht identisch sein.

   4. M und P haben alle Eigenschaften gemeinsam. D.h., alle

       Eigenschaften, die M hat, hat auch P (und umgekehrt).

 

Zumindest diese Bedingung kann nicht uneingeschränkt gelten, weshalb die Identitätstheorie mittlerweile von vielen verworfen wird. Mehr dazu gleich.

3. Argumente für die Identitätstheorie

Fassen wir also zusammen: Nach der Identitätstheorie sind mentale und neuronale Eigenschaften a posteriori identisch. So wie Wasser a posteriori identisch ist mit H2O, Blitze a posteriori identisch sind mit bestimmten elektrischen Entladungen und die Temperatur eines Gases a posteriori identisch ist mit der mittleren kinetischen Energie seiner Moleküle.

Diese Vergleiche sind aus noch mindestens drei weiteren Gründen wichtig:

(1)  Erstens handelt es sich bei den Vergleichen um Fälle, in denen es erheblicher Forschungsarbeit bedurfte, um die Gleichsetzung vornehmen zu können. Der Nachweis dafür, dass Wasser H20 ist, lässt sich weder durch oberflächliche Betrachtung noch durch nicht-empirisches Nachdenken z.B. über die Bedeutungen der Ausdrücke "Wasser" und "H20" erbringen. Ähnlich soll es sich mit mentalen Eigenschaften verhalten, deren Identität zu neuronalen Eigenschaft erst durch viel neurowissenschaftliche Arbeit erkannt werden kann. Dies erklärt auch, weshalb die Identitätstheorie richtig sein könnte, obwohl wir mentale Eigenschaften bisher nicht als neuronale Eigenschaften beschreiben können.

(2)  Zweitens hat Wasser eine andere Bedeutung als H20. So gehört etwa zur Bedeutung von H20, ein Molekül zu sein. Zur alltäglichen Bedeutung von Wasser gehört das nicht. Und man kann trotzdem mit Fug und Recht behaupten, dass Wasser und H20 identisch sind. Daraus folgt, dass zwei Entitäten identisch sein können, ohne gleichzeitig auch bedeutungsgleich sein zu müssen. Ausdrücke für mentale Zustände und Ausdrücke für Gehirnzustände können also unterschiedliche Bedeutungen haben und dennoch auf dasselbe Phänomen referieren und somit Identisches bezeichnen.

(3)  Drittens bezeichnen Wasser und H20 unterschiedliche Zugänge zu ein und demselben Gegenstand. Wenn wir von einer subjektiv-phänomenologischen Perspektive auf diesen Gegenstand schauen, reden wir von Wasser. Und aus einer objektiv-beschreibenden Perspektive heraus wird von H20 gesprochen. Ähnlich haben wir laut der Identitätstheorie zwei Zugänge zu einer physikalischen Eigenschaft: Einmal den subjektiv-phänomenologischen Zugang, nach dem wir die Eigenschaft zum Beispiel als stechenden Schmerz wahrnehmen. Und einmal die objektiv-beschreibende Perspektive, nach der wir ein neuronales Feuern in den C-Fasern beobachten. Der Schmerz und das Feuern der C-Fasern sind laut der Identitätstheorie quasi zwei Seiten derselben Medaille.

Sind Bewusstseinszustände und neuronale Zustände zwei Seiten derselben Medaille?
Sind Bewusstseinszustände und neuronale Zustände zwei Seiten derselben Medaille?

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Wie lässt sich hieraus ein Argument für die Identitätstheorie machen? Man könnte argumentieren, dass eine Person immer genau dann Schmerzen verspürt, wenn in seinem Gehirn die CFasern feuern. Aber folgt daraus, dass Schmerzen und das Feuern von C-Fasern identisch sind? Nein. Das empirische Ergebnis belegt nur eine Korrelation Schmerzen und CFaserFeuern treten immer gemeinsam auf. Das können aber auch ein interaktionistischer Substanzdualist oder ein Eigenschaftdualist erklären.

 

Die Identitätsthese ist stärker als die Annahme einer bloßen Korrelation. Sie besagt, dass wir es nur mit einer einzigen Eigenschaft zu tun haben. Um sie stark zu machen, benötigt man also ein zusätzliches Argument. Ein mögliches solches Argument für die Identitätstheorie ist, dass sie das schwerwiegende Problem der mentalen Verursachung lösen kann. Dualistische Theorien müssen davon ausgehen, dass meine Handlungen entweder durch meine mentalen und neuronalen Zustände systematisch überdeterminiert oder dass meine mentalen Zustände überhaupt nicht kausal wirksam sind, was beides nicht plausibel erscheint. Ähnliche Erklärungsprobleme haben auch nichtreduktive Physikalismen (siehe auch: Argument der kausalen Ausschließung). Nach der Identitätstheorie handelt es sich bei meiner Entscheidung zu essen und dem neuronalen Ereignis, der mich den Löffel heben lässt, aber um ein und denselben Vorgang. Es scheint so, als könnten wenn überhaupt dann nur reduktive Physikalismen mentale Verursachungen erklären.

4. Argumente gegen die Identitätstheorie

4.1. Smarts erster Einwand

John Smart war nicht nur ein Mitbegründer der Identitätstheorie, sondern zeitgleich auch einer ihrer schärfsten Kritiker:

„Jeder, so ungebildet er auch sein mag, kann völlig problemlos über seine Nachbilder oder Schmerzen reden oder darüber, wie Dinge für ihn aussehen oder sich anfühlen; trotzdem weiß er vielleicht nicht das geringste über Neurophysiologie. Jemand mag wie Aristoteles glauben, das Gehirn sei dazu da, den Körper zu kühlen, ohne dadurch in seiner Fähigkeit wahre Aussagen über seine Empfindungen zu machen eingeschränkt zu sein. Also können die Dinge, über die wir sprechen, wenn wir unsere Empfindungen beschreiben, keine Gehirnprozesse sein.“

- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 57

Die Struktur dieses Einwands lässt sich wie folgt zusammenfassen:

 

(1) a weiß alles (eine Menge) über F.
      Es ist nicht der Fall, dass a alles (eine Menge) über G weiß.
      F ist nicht identisch mit G. (Die Identitätstheorie ist falsch)

Auf den ersten Blick sieht dieses Argument ganz plausibel aus (und es erinnert auch ein wenig an das Wissensargument). Denn offenbar beruht es auf Leibniz’ Gesetz der Ununterscheidbarkeit des Identischen: Wenn a und b identisch sind, haben sie alle Eigenschaften gemeinsam.

    (1¢) F F.
              ØF G.
          Also:
 ØF
 F

Aber ist Leibniz’ Gesetz hier tatsächlich anwendbar? Schauen wir uns hierzu ein weiteres Argument an:

    (2) Georg IV. weiß, dass Scott Scott ist.
          Georg IV. weiß nicht, dass Scott der Autor des ‘Waverley’ ist.
          Also: Scott ist nicht der Autor des ‘Waverley’.

Dieses Argument ist offensichtlich falsch, da Verben wie "wissen" oder "glauben" intensionale Kontexte erzeugen. In solchen Kontexten ist Leibniz’ Gesetz der Ununterscheidbarkeit des Identischen nicht anwendbar.

Leibniz’ Gesetz der Ununterscheidbarkeit des Identischen ist eng mit Freges Substitutionsprinzip verwandt:

    (S) Wenn man in einem Satz S einen Ausdruck a durch einen          

          bezugsgleichen Ausdruck b ersetzt, kann sich der Wahrheitswert

          dieses Satzes nicht ändern.

Denn es gilt: a und b sind genau dann bezugsgleich, wenn a = b.

(S) liefert somit folgenden Test für Bezugsgleichheit:

(TS) Wenn man in einem Satz S den Ausdruck a durch den Ausdruck b

        ersetzt und dabei ein Satz entsteht, der zumindest einen anderen                 Wahrheitswert haben kann als S, dann sind a und b nicht bezugsgleich.

Auch der folgende Schluss ist im Allgemeinen gültig (Dabei sei S[b] der Satz, der aus dem Satz S[a] dadurch entsteht, dass in S[a] a durch b ersetzt wird.):

(1’’)  S[b] kann einen anderen Wahrheitswert haben als S[a]. Also: a und b            sind nicht bezugsgleich.

Problem: Freges Substitutionsprinzip (S) gilt zwar im Allgemeinen, aber nicht immer. Es kann z.B. sein, dass Franz weiß, dass Benjamin Franklin den Blitzableiter erfunden hat, ohne zu wissen, dass er auch der Erfinder der Zwei-Stärken-Brille war. Und daher kann der erste Satz wahr und der zweite falsch sein, obwohl die Ausdrücke ‘Benjamin Franklin’ und ‘der Erfinder der Zwei-StärkenBrille’ dieselbe Person bezeichnen:

(a) Franz glaubt, dass Benjamin Franklin den Blitzableiter erfunden hat, und
(b) Franz glaubt, dass der Erfinder der Zwei-Stärken-Brille den Blitzableiter        erfunden hat.

Diesem Umstand wird terminologisch durch die Unterscheidung zwischen extensionalen und intensionalen Kontexten Rechnung getragen.
Wenn in einem Satz S ein Vorkommnis des Ausdrucks a jederzeit salva veritate – d.h. ohne dass sich der Wahrheitswert von S ändern kann – durch ein Vorkommnis eines bezugsgleichen Ausdrucks ersetzt werden kann, dann erzeugt S für dieses Vorkommnis von a einen extensionalen Kontext.

Wenn eine wahrheitserhaltende Ersetzung des Vorkommnis a in S nur dann garantiert ist, wenn man a durch einen sinngleichen Ausdruck ersetzt, dann erzeugt S für dieses Vorkommnis von a einen intensionalen Kontext.

Bezogen auf unser Problem heißt das, dass ein (TS) nur in extensionalen Kontexten zu verlässlichen Ergebnissen führt. Sprich: Der folgende Schluss ist nur gültig, wenn S[x] für a einen extensionalen Kontext darstellt: S[b] kann einen anderen Wahrheitswert haben als S[a]. Also: a und b sind nicht bezugsgleich.

Wer aus der Tatsache, dass ein Ausdruck a in einem intensionalen Kontext nicht salva veritate durch einen bezugsgleichen Ausdruck b ersetzt werden kann, schließt, dass a und b nicht denselben Bezug haben, der begeht daher einen intensionalen Fehlschluss.

4.2. Smarts zweiter Einwand

„Selbst wenn die [bisherigen] Einwände (¼) nicht zeigen, dass Empfindungen mehr sind als Gehirnprozesse, so zeigen sie doch, dass die Eigenschaften von Empfindungen über die Eigenschaften von Gehirnprozessen hinausgehen. D.h., auch wenn es möglich sein sollte, um die Annahme der Existenz von irreduzibel psychischen Prozessen herumzukommen, kommt man doch nicht darum herum, zuzugestehen, dass es irreduzibel psychische Eigenschaften gibt. Denn angenommen, wir identifizieren den Morgenstern mit dem Abendstern. Dann muss es einige Eigenschaften geben, die logisch implizieren, der Morgenstern zu sein, und einige, ganz andere Eigenschaften, die implizieren, der Abendstern zu sein. Ebenso muss es einige Eigenschaften geben (z.B. die, ein gelber Blitz zu sein), die sich logisch von jenen der physikalistischen Beschreibung unterscheiden.“

- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 59

Was ist die Pointe dieses Einwandes? Der Identitätstheorie zufolge bezeichnet (sprachlich ausgedrückt) zwar jedes mentale Prädikat eine physische Eigenschaft. Dennoch haben mentale und physikalische Prädikate nie denselben Sinn. Aber – folgt nicht aus der Tatsache, dass mentale und physikalische Prädikate nie denselben Sinn haben, dass es nicht-physische Eigenschaften geradezu geben muss?

Es stellt sich somit die Frage: Worin besteht der Sinn eines Prädikats F? Eine mögliche Antwort darauf könnte lauten: Der Sinn eines Prädikats F besteht aus einer Reihe von Merkmalen M1, ¼, Mn, für die gilt: F trifft auf einen Gegenstand x genau dann zu, wenn x alle Merkmale M1, ¼, Mn besitzt.

Beispiele:

·         Das Prädikat ‚ist ein Schimmel‘ trifft auf x genau dann zu, wenn x weiß und ein Pferd ist.

·         Das Prädikat ‚ist ein Junggeselle‘ trifft auf x genau dann zu, wenn x ein erwachsener Mann ist, unverheiratet ist und nie verheiratet war.

·        Das Prädikat ‚hat eine Schmerzempfindung’ trifft auf x genau dann zu, wenn x die Merkmale M1, ... Mn hat.

Eine Konsequenz hieraus ist: Wenn das mentale Prädikat M und das physikalische Prädikat P sinnverschieden sind, dann muss es zwei verschiedene Mengen von Merkmalen M1, ¼, Mn und P1, ¼, Pm geben, für die gilt:

· M trifft auf x genau dann zu, wenn x alle Merkmale M1, ¼, Mn besitzt.
· P trifft auf x genau dann zu, wenn x alle Merkmale P1, ¼, Pm besitzt.

Dabei muss auch gelten: Die Merkmale M1, ¼, Mn können nicht alle physische Merkmale sein, da M sonst doch in physikalischer Sprache definierbar wäre. Folgt damit aber nicht, dass es nicht-physikalische Eigenschaften (bzw. Merkmale von Eigenschaften) geben muss? Smarts Erwiderung sieht wie folgt aus: Die Merkmale, die für den Sinn mentaler Prädikate ausschlaggebend sind, sind weder physische noch nicht-physische Merkmale; diese Merkmale sind ontologisch neutral (‘topic-neutral’).

Beispiel: Der Sinn des Satzes ‚Ich sehe ein gelb-oranges Nachbild‘ wird nach Smart am besten so analysiert: In mir geht etwas vor, das genau so ist, wie das, was in mir vorgeht, wenn meine Augen geöffnet sind, ich wach bin und bei guter Beleuchtung eine Orange vor mir liegt, d.h. wenn ich tatsächlich eine Orange sehe.

4.3. Der dritte (vierte und fünfte) Einwand

Der dritte Einwand:

„Das Nachbild befindet sich nicht im physikalischen Raum. Der Gehirnprozess befindet sich im physikalischen Raum. Also ist das Nachbild kein Gehirnprozess.“

- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 61

Der vierte Einwand:

„Man kann sinnvollerweise von einer molekularen Bewegung im Gehirn sagen, sie sei langsam oder schnell, gerade oder kreisförmig, aber es ist nicht sinnvoll, dies von der Erfahrung, etwas Gelbes zu sehen, zu sagen.“

- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 62

Smarts Erwiderung auf den von ihm selbst vorgeschlagenen dritten Einwand lautet: „Dies ist eine ignoratio elenchi. Mir geht es nicht darum, zu zeigen, dass das Nachbild ein Gehirnprozess ist, sondern dass die Erfahrung, ein Nachbild zu haben, ein Gehirnprozess ist.“ (Smart, 61) Selbst wenn der Einwand stichhaltig wäre, würde er also nur zeigen, dass Nachbilder nicht mit Gehirnprozessen identisch sind. Smart behauptet aber nicht, dass Nachbilder mit Gehirnprozessen identisch sind, sondern dass die mentalen Zustände, die im Haben von Nachbildern bestehen, Gehirnprozesse sind. Und das ist etwas ganz anderes.

Man kann den dritten Einwand aber auch noch modifizieren:

(i) Die mentalen Zustände, die im Haben von Nachbildern bestehen, befinden sich nicht im physikalischen Raum.
(ii) Gehirnprozesse befinden sich im physikalischen Raum.
(iii) Also sind die mentalen Zustände, die im Haben von Nachbildern bestehen, keine Gehirnprozesse.

In dieser Form ist der dritte dem vierten Einwand sehr ähnlich. Beide sind Anwendungen des Gesetzes der Ununterscheidbarkeit des Identischen (Leibniz Gesetz), d.h. sie unterstellen, dass Gehirnprozesse Eigenschaften haben, die mentale Zustände nicht haben, und schließen daraus, dass mentale Zustände keine Gehirnprozesse sind.

Ein fünfter Einwand geht dabei sogar noch einen Schritt weiter. Er besagt nicht nur, dass Gehirnprozesse Eigenschaften haben, die mentale Zustände nicht haben, sondern auch, dass sie Eigenschaften haben, die mentale Zustände nicht haben können. Die Schlussfolgerung des fünften EInwandes ist schärfer: Die These, mentale Zustände seien mit Gehirnprozessen identisch, ist nicht nur falsch, sie stellt vielmehr einen Kategorienfehler dar.

Smarts Replik auf Einwand 4 (s.o.) ist die folgende:

„Bisher haben wir der Redeweise, Erfahrungen seien schnell oder langsam, gerade oder kreisförmig, noch keinen Sinn verliehen. ¼ Ich sage lediglich, dass es sein kann, dass sich ‘Erfahrung’ und ‘Gehirnprozess’ de facto auf dasselbe beziehen. Und wenn das so ist, dann können wir leicht eine Konvention akzeptieren (die keine Veränderung, sondern eine Ergänzung unserer augenblicklich für Erfahrungsworte geltenden Verwendungsregeln wäre), derzufolge es sinnvoll wäre, über Erfahrungen in der für physikalische Prozesse angemessenen Weise zu sprechen.“
- J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, S. 62

Eine alternative Erwiderung wäre: Das Problem liegt darin, dass Smart an erster Stelle unvorsichtiger Weise behauptet, mentale Zustände seien mit Gehirnprozessen identisch. Damit provoziert er den Vorwurf eines Kategorienfehlers. Zustände und Prozesse gehören nun einmal zu verschiedenen ontologischen Kategorien.

Diese Unachtsamkeit ist jedoch, wie schon Thomas Nagel in seinem Aufsatz "Physicalism" (1965) bemerkt hat, schnell behoben. Man braucht nur - wie wir das ja auch schon getan hatten - die ursprüngliche Formulierung die die These zu ersetzen: Mentale Eigenschaften (Zustände) sind identisch mit physischen Eigenschaften (Zuständen) des Körpers eines Menschen.

„Statt Gedanken, Empfindungen, Nachbilder und dergleichen mit Gehirnprozessen zu identifizieren, schlage ich vor, das Haben einer Empfindung durch eine Person damit zu identifizieren, dass sich der Körper dieser Person in einem bestimmten physikalischen Zustand befindet oder dass in ihrem Körper ein bestimmter physikalischer Prozess abläuft. Man beachte, dass beide Ausdrücke in dieser Identitätsaussage zum selben logischen Typ gehören, nämlich (um es terminologisch neutral auszudrücken) dass ein Subjekt ein bestimmtes Attribut besitzt. Die Subjekte sind die Person und ihr Körper (nicht ihr Gehirn), und die Attribute sind psychologische und physikalische Zustände, Ereignisse, etc.“

- Thomas Nagel Physicalism, S. 216

Dieser Schachzug liefert eine ebenso einfache wie elegante Erwiderung auf den vierten und fünften Einwand: Die physischen Eigenschaften (Zustände) des Körpers eines Menschen sind ebenso viel oder ebenso wenig im Raum wie seine mentale Eigenschaften. Und es hat ebenso wenig Sinn, zu sagen, dass der mentale Zustand, der darin besteht, dass ich einen stechenden oder bohrenden Schmerz empfinde, selbst stechend oder bohrend ist, wie es Sinn hat, davon zu sprechen, dass ein Gehirnzustand langsam oder schnell, gerade oder kreisförmig ist.

4.4. Notwendigkeit und A Priorizität

Dieser Einwand besagt: Die Beziehung zwischen mentalen und Hirnzuständen ist doch bestenfalls kontingent, also möglich, aber nicht notwendig.

Und Smarts Antwort lautet: Das zeigt nur, dass mentale und physikalische Prädikate sinnverschieden sind, nicht aber, dass diese Prädikate nicht dieselbe Eigenschaft bezeichnen. Vorraussetzung dafür ist, dass die Beziehung zwischen zwei Eigenschaften M und P genau dann notwendig (nicht kontingent!) ist, wenn der Satz „Für alle x: x hat M genau dann, wenn x P hat“ analytisch wahr ist.

 

Smart geht also davon aus, dass die drei Begriffe notwendig, analytisch und a priori wahr extensionsgleich sind, und es gilt: x ist notwendig wahr « x ist analytisch wahr « x ist a priori wahr.

 

Saul Kripke argumentierte in "Naming and Necessity" gegen diese Auffassung: Immerhin ist Notwendigkeit eine metaphysische und A Priorizität eine epistemische Kategorie – und die können laut Kripke sehr wohl auseinander fallen.

Kripke zufolge müssen wir vier Arten von Wahrheiten unterscheiden:

· notwendige Wahrheiten a priori
· kontingente Wahrheiten a posteriori
· notwendige Wahrheiten a posteriori
· kontingente Wahrheiten a priori

Dies ist für die Identitätstheorie von größter Bedeutung, weil nach Kripkes Überlegungen die a posteriori wahren Aussagen nicht mehr einfach mit den kontingenterweise wahren Aussagen gleichgesetzt werden können. Kripke ist der Überzeugung, dass a posteriori wahre Identitätsaussagen wie „Mount Everest = Tschomolungma“ oder „Die Eigenschaft, ein Blitz zu sein = die Eigenschaft, eine bestimmte Art elektrischer Entladung zu sein“ notwendig wahr sind. Dabei gilt: Eine Aussage A ist genau dann notwendig wahr, wenn A in allen möglichen Welten wahr ist, d.h. wenn es keine denkbare Situation gibt, in der A falsch ist. (Eine mögliche Welt ist eine vollständige Art und Weise, wie sich die Dinge verhalten könnten.)

Wenn Kripke also recht hat, würde der Nachweis, dass es für jeden mentalen Zustand M und jeden physischen Zustand P zumindest (metaphysisch) möglich ist, dass jemand in M, aber nicht in P ist (oder umgekehrt), die Identitätstheorie zu Fall bringen.

(K1) Alle wahren Identitätsaussagen der Form „a = b“ sind notwendig wahr, wenn die Ausdrücke a und b starre Bezeichner sind.

Ein starrer Bezeichner (rigid designators) ist ein Bezeichner, der in jeder möglichen Welt denselben Gegenstand bezeichnet (Designatoren wie „Wasser“ oder „H2O“ sind zum Beispiele rigide, weil sie unter allen, auch kontrafaktischen Umständen dieselbe Substanz meinen. „Das Lieblingsgetränk meiner Oma“ hingegen ist ein nicht-rigider Designator, da damit zwar in der Realität ebenfalls Wasser gemeint ist, jedoch Umstände denkbar sind, in denen dies nicht der Fall ist.)

 

So gesehen ist die These (K1) trivial; wenn die Aussage „a = b“ wahr ist und ‚a‘ und ‚b‘ in jeder möglichen Welt denselben Gegenstand bezeichnen, dann muss „a = b“ offenbar in jeder möglichen Welt wahr sein. Kripke argumentierte dafür, dass Eigennamen und Eigenschaftsbezeichner starre Bezeichner sind. Wahre Identitätsaussagen wie diese sind nicht notwendig wahr:

· Benjamin Franklin = der Erfinder der Zwei-Stärken-Brille.

· Die Venus = der hellste Stern am Abendhimmel. Denn Ausdrücke wie ‚der Erfinder der Zwei-Stärken-Brille‘ sind kein starrer Bezeichner. Die Zwei-Stärken-Brille hätte nämlich auch von Spinoza erfunden werden können. Also gibt es eine mögliche Welt, in welcher der Ausdruck ‚der Erfinder der Zwei-Stärken-Brille‘ nicht auf Benjamin Franklin, sondern auf Spinoza zutrifft.

Analoges gilt für ‚der hellste Stern am Abendhimmel’.

 

Wie steht es mit den Begriffen ‘a priori’ und ‘a posteriori’? Traditionell wird ein Satz ‘a priori wahr’ genannt, wenn seine Wahrheit ohne Rückgriff auf Erfahrung eingesehen werden kann; ‘a posteriori wahr’ dagegen heißt ein Satz, wenn er nur unter Bezug auf Erfahrung gerechtfertigt werden kann. Diese Erläuterung leidet allerdings daran, dass nicht klar ist, was hier unter ‘Erfahrung’ verstanden werden soll. Nur Sinneserfahrung oder auch Introspektion oder vielleicht sogar das, was manchmal ‘Intuition’ genannt wird?

 

Trotzdem ist der folgende Satz offenbar a priori wahr:

(1) Alle Junggesellen sind unverheiratet.

Denn um seine Wahrheit einzusehen, benötigt man nur das linguistische Wissen, dass der Ausdruck ‘Junggeselle’ auf (und nur auf) unverheiratete männliche Erwachsene zutrifft. Wer der deutschen Sprache mächtig ist, weiß also schon allein aufgrund seiner Sprachkompetenz, dass der Satz (1) wahr ist.

Dasselbe scheint für folgenden Satz zu (2) „Ich bin jetzt hier“ zu gelten. Die Regeln der deutschen Sprache besagen doch:

· Der Ausdruck ‘ich’ bezeichnet den jeweiligen Sprecher.
· Der Ausdruck ‘jetzt’ bezeichnet den jeweiligen Äußerungszeitpunkt.
· Der Ausdruck ‘hier’ bezeichnet den jeweiligen Äußerungsort.

Jeder, der den Satz (2) äußert, scheint daher etwas Wahres zu sagen; denn jeder ist in dem Moment, in dem er einen Satz äußert, an dem Ort, an dem er den Satz äußert. Generell gilt: Ein Satz ist genau dann a priori wahr, wenn man ohne Rückgriff auf Erfahrung einsehen kann, dass jeder etwas Wahres sagt, der diesen Satz äußert.

Ein Satz ist notwendig wahr genau dann, wenn er in allen möglichen Welten wahr ist. kontingent wahr genau dann, wenn er wahr, aber nicht in allen möglichen Welten wahr ist. a priori wahr genau dann, wenn man ohne Rückgriff auf Erfahrung einsehen kann, dass jeder etwas Wahres sagt, der diesen Satz äußert. a posteriori wahr genau dann, wenn er wahr, aber nicht a priori wahr ist.

Beispiele für notwendige Wahrheiten a posteriori sind z.B.:

(3) Cicero = Tullius
(4) Der Morgenstern = der Abendstern,
(5) Wasser = H2O.

Diese Aussagen sind notwendig wahr, weil alle Bezeichner ihn ihnen starr sind. Aber sie sind nur a posteriori wahr. Aufgrund der Sinnverschiedenheit der Bezeichner reicht linguistisches Wissen allein nicht aus, um zu erkennen, dass jeder etwas Wahres sagt, der einen dieser Sätze äußert. Nur aufgrund von Erfahrung können wir wissen, dass die betreffenden Bezeichner jeweils dieselbe Person, denselben Gegenstand bzw. denselben Stoff bezeichnen.

 

(2) Ich bin jetzt hier. Wir hatten schon gesehen, dass dieser Satz a priori wahr ist. Denn allein aufgrund unserer Sprachkompetenz wissen wir, dass jeder, der diesen Satz äußert, etwas Wahres sagt. Aber keine seiner Äußerungen ist notwendig wahr. Denn natürlich könnte jeder, der diesen Satz äußert, zu dem Zeitpunkt, an dem er ihn äußert, woanders sein. D.h., natürlich gibt es viele mögliche Welten, in denen sich derjenige, der diesen Satz äußert, zum Zeitpunkt seiner Äußerung an einem anderen Ort aufhält als dem, an dem er sich zu diesem Zeitpunkt in der wirklichen Welt befindet.

 

Was folgt aus all dem laut Kripke nun für die Identitätstheorie? Zunächst einmal, dass eine Identitätsaussage wie:

(6) Schmerz ist identisch mit dem Feuern von C-Fasern

nur dann wahr sein kann, wenn sie notwendig wahr ist – vorausgesetzt, dass die Ausdrücke ‘Schmerz’ und ‘das Feuern von C-Fasern’ starre Bezeichner sind.

Kripke will also zeigen, dass die Aussage (6) nicht notwendig wahr ist und dass wir daher – da die Ausdrücke ‘Schmerz’ und ‘das Feuern von C-Fasern’ starre Bezeichner sind – um die Schlussfolgerung nicht herumkommen, dass (6) – also die Identitätstheorie sogar falsch ist.

 

Erstens: ‚Schmerz‘ und ‚das Feuern von C-Fasern‘ sind starre Bezeichner.„Tatsächlich scheint es, dass beide Ausdrücke ‘mein Schmerz’ und ‘mein sich-in-dem-und-dem-Gehirnzustand-Befinden’ ¼ starre Bezeichner sind. Das heißt, wann immer etwas der und der Schmerz ist, dann ist es wesentlich genau dies, nämlich der und der Schmerz, und wann immer etwas der und der Gehirnzustand ist, dann ist es wesentlich genau dies, nämlich der und der Gehirnzustand. Somit sind beide Ausdrücke starre Bezeichner. Man kann nicht sagen, dieser Schmerz hätte etwas anderes sein können, ein anderer Zustand. Beide Ausdrücke sind starre Bezeichner.“ (Saul Kripke: The Semantics of Natural Language, S. 213f.)

 

Zweitens: Die Aussage (6) ist nicht notwendig wahr.
Das zentrale Argument für seine These, dass die Aussage (6) nicht notwendig wahr ist, ergibt sich für Kripke aus der Tatsache, dass sich herausstellen könnte, dass Schmerz nicht mit dem Feuern von C-Fasern identisch ist; d.h. daraus, dass der Satz wahr ist:

(6¢) Es könnte sich herausstellen, dass Schmerz nicht mit dem Feuern von C-Fasern identisch ist.

Denn seiner Meinung nach gilt:

(7) Wenn sich herausstellen kann, dass p, dann ist es auch möglich, dass p.

Die Form diesess Arguments:

(i) Schmerz = das Feuern von C-Fasern
(ii) Wenn die Aussage „Schmerz = das Feuern von C-Fasern“ wahr ist, dann muss sie auch notwendig wahr sein.
(iii) Es ist möglich, dass gilt: Schmerz
 ¹ das Feuern von C-Fasern.
(iv) Also: Schmerz
 ¹ das Feuern von C-Fasern.

Dieses Argument scheint jedoch eine Schwäche zu haben. Denn Kripke selbst schreibt häufig, dass sich herausstellen könnte, dass Wasser nicht H2O ist, dass Wärme nicht die Bewegung von Molekülen ist oder dass Blitze keine elektrischen Entladungen sind. Auf der anderen Seite ist er jedoch zugleich von der notwendigen Wahrheit dieser Aussagen überzeugt. Also scheint Kripke selbst an der Richtigkeit des Prinzips (7) zu zweifeln.

Kripkes Erwiderung: Der Satz

(8¢) Es könnte sich herausstellen, dass Wasser nicht H2O ist.

ist genau genommen falsch. Wahr ist nur die verwandte Aussage:

(8²) Es ist möglich, dass sich überall dort, wo in unserer Welt tatsächlich Wasser ist (in Seen und Flüssen, im Meer, im Schwimmbecken, usw.) ein anderer Stoff befindet, der dieselben Oberflächeneigenschaften hat wie Wasser – d.h. der genauso aussieht, schmeckt und riecht wie Wasser, der genauso unseren Durst löscht wie Wasser, usw.

Aus der Wahrheit dieser Aussage folgt aber nicht, dass diese Aussage nur kontingent und eben deshalb falsch ist:

(8) Wasser ist H2O.

Mit der Aussage (6) ist das seiner Meinung nach aber anders. Denn wenn wir versuchen, zu der Aussage:

(6¢) Es könnte sich herausstellen, dass Schmerz nicht das Feuern von C-Fasern ist.

eine Aussage zu formulieren, die der Aussage (8²) entspricht, kommen wir zu:

(6²) Es ist möglich, dass wir immer dann, wenn wir sagen, dass wir Schmerzen haben, in einem Zustand sind, der gar kein Schmerz ist, der sich aber genauso schmerzhaft anfühlt wie richtige Schmerzen.

Dies ist aber Unsinn! Denn es ist zwar möglich, dass ein anderer Stoff als Wasser dieselben Oberflächeneigenschaften hat wie Wasser (dass er genauso aussieht, schmeckt und riecht wie Wasser, dass er genauso unseren Durst löscht wie Wasser, etc.).

 

Aber es ist nicht möglich, dass ein Zustand, der kein Schmerz ist, sich genauso anfühlt wie Schmerz. Denn Schmerzen sind die Zustände, die sich schmerzhaft anfühlen. Jeder Zustand, der sich genauso anfühlt wie Schmerz, ist ein Schmerz.

 

Die Aussage (6) ist also nicht bloß scheinbar, sie ist wirklich kontingent. Und daher muss sie falsch sein. Denn wahr kann sie nur sein, wenn sie notwendig wahr ist.

4.5. Das Problem der Multirealisierbarkeit mentaler Zustände

àMultirealisierbarkeitsargument

Dieses Problem ist das wohl schwerwiegendste der Identitätstheorie. Es findet seinen Ansatz hierin: Eine Identitätsaussage wie (1) kann nur dann wahr sein, wenn der Satz (2) zumindest ein wahres Naturgesetz ist:

(1) Schmerz = das Feuern von C-Fasern.
(2) Ein Wesen hat genau dann Schmerzen, wenn seine C-Fasern feuern.

ProblemWir wissen heute, dass ein bestimmter mentaler Zustand bei verschiedenen Personen durchaus mit unterschiedlichen neuronalen Zuständen korreliert sein kann. Wenn man Personen eine bestimmte Aufgabe vorlegt und zugleich z.B. mittels eines PET-Scans die Aktivierungsmuster ihrer Gehirne beobachtet, ergeben sich in der Regel zwar sehr ähnliche, aber nicht exakt dieselben Muster. Weiter wissen wir, dass sich sogar bei ein und derselben Person die Korrelation zwischen mentalen und Gehirnzuständen im Laufe ihres Lebens dramatisch verändern kann. Nach Gehirnverletzungen z.B. können andere Teile des Gehirns die Funktionen des geschädigten Gewebes übernehmen. Nur aufgrund dieser Plastizität des Gehirns sind wir in der Lage, im Laufe unseres Lebens unsere geistigen Fähigkeiten trotz des täglichen Zugrundegehens tausender von Nervenzellen (einigermaßen) zu erhalten.

 

Wir wissen schließlich, dass sich die Neurophysiologie der meisten Tiere mehr oder weniger stark von der unsrigen unterscheidet. Soll allein daraus schon folgen, dass diese Tiere nicht dieselben mentalen Zustände haben wie wir? Und wie steht es schließlich mit Marsmenschen und Robotern? Sollen diese Wesen schon deshalb kein dem unseren vergleichbares mentales Leben haben, weil ihr ‘Gehirn’ nicht aus Nervenzellen, sondern z.B. aus Silizium-Chips besteht? Offensichtlich machen es alle diese Überlegungen ziemlich unwahrscheinlich, dass jeder mentale Zustand mit genau einem neuronalen Zustand korreliert istUnd eben deshalb steht die klassische Type-Identitätstheorie empirisch auf einer äußerst schwachen Grundlage.

4.6. Fodors antireduktionistisches Wissenschaftsbild

Jerry Fodor hat in seinem Aufsatz "Special Sciences" (1974) dieses Ergebnis generalisiert: Es sei im allgemeinen nicht der Fall, dass den Artbegriffen, die in Einzelwissenschaften wie der Geologie, Psychologie, Soziologie oder der Wirtschaftswissenschaft eine entscheidende Rolle spielen, in eindeutiger Weise Artbegriffe der Physik entsprechen. Man kann daher grundsätzlich nicht davon ausgehen, dass diese Wissenschaften auf die Physik reduzierbar  sind.

„Die Gründe dafür, dass es unwahrscheinlich ist, dass jede Art einer physikalischen Art entspricht, sind: (a) Häufig kann man interessante Generalisierungen (z.B. Generalisierungen, die kontrafaktische Aussagen stützen) über Ereignisse formulieren, deren physikalische Beschreibungen keine Gemeinsamkeiten aufweisen. (b) Oft ist die Frage, ob die physikalischen Beschreibungen der unter solche Generalisierungen subsumierten Ereignisse etwas gemeinsam haben, offensichtlich vollkommen irrelevant für die Wahrheit dieser Generalisierungen oder für ihre Interessantheit oder für den Grad ihrer Bestätigung oder überhaupt für irgendeine ihrer epistemologisch wichtigen Eigenschaften. Die Einzelwissenschaften beschäftigen sich vorwiegend mit der Formulierung von Generalisierungen dieser Art. Ich gehe davon aus, dass diese Bemerkungen offensichtlich sind bis hin zur Selbstbestätigung; sie springen ins Auge, sobald man den (anscheinend radikalen) Schritt macht, die Existenz der Einzelwissenschaften überhaupt ernst zu nehmen.“
- Jerry Fodor: Special Sciences 1974, S. 141

Ein Beispiel: Betrachten wir den wirtschaftswissenschaftlichen Begriff Austausch von Zahlungsmitteln, dann ist es Fodor zufolge durchaus wahrscheinlich, dass jedes einzelne Ereignis, das unter diesen Begriff fällt, d.h. dass jeder einzelne Austausch von Zahlungsmitteln ein physikalisches Ereignis in dem Sinne ist, dass es für dieses Ereignis eine wahre Beschreibung im Vokabular der Physik gibt. Unwahrscheinlich ist jedoch, dass alle diese Ereignisse unter denselben physikalischen Artbegriff fallen.

Ein Austausch von Zahlungsmitteln z.B. mag darin bestehen,

· dass auf Schnüre aufgereihte Schnecken- und Muschelscheiben (Wampums) den Besitzer wechseln;
· dass 10 Euro-Scheinen den Besitzer wechseln
· dass ein Scheck unterschreiben und überreicht wird; usw.

Es wäre daher schon recht merkwürdig, wenn allen diesen verschiedenen Tätigkeiten etwas physikalisch Interessantes gemeinsam wäre.

Der entscheidende Punkt: Die verschiedenen Arten des Zahlungsverkehrs haben interessante Gemeinsamkeiten und werden deshalb von den Wirtschaftswissenschaften unter denselben Begriff „Austausch von Zahlungsmitteln“ subsumiert. Physikalisch gesehen haben die verschiedenen Arten des Zahlungsverkehrs aber keine Gemeinsamkeiten. (Und wenn sie sie hätten, wäre das irrelevant.) Das Bild, das reduktionistisch eingestellte Wissenschaftler vom Verhältnis der Einzelwissenschaften zur Physik haben, müsste folglich grundlegend revidiert werden.

Dem traditionellen Bild zufolge verhält es sich so. Wenn wir in einer Einzelwissenschaft E ein Gesetz haben der Form:

 

(i) Für alle x: Wenn x F hat, hat x auch F¢,

 

dann entsprechen den Begriffen F und F¢ von E physikalische Begriffe P und P¢, so dass sich aus der Physik das Gesetz:

 

(ii) Für alle x: Wenn x P hat, hat x auch P¢

 

ableiten lässt.

 

Ein Beispiel: Dem Begriff der Temperatur T der klassischen Thermodynamik entspricht der physikalische Begriff der mittleren kinetischen Energie mv2/3k, so dass zum Gesetz von Boyle und Charles (BC) aus der statistischen Mechanik das Bildgesetz (BC*) abgeleitet werden kann:

 

(BC) P × V = N × k × T
(BC*) P
 × V = N × k × mv2/3k

 

Die verschiedenen Ereignisse, die unter einen einzelwissenschaftlichen Artbegriff F fallen, können auf sehr unterschiedliche Weise physikalisch realisiert sein. D.h., dem Artbegriff F werden viele verschiedene physikalische Begriffe P1, ¼, Pn, ¼entsprechen. Und das Verhältnis zwischen einzelwissenschaftlichen und physikalischen Gesetzen wird sich eher so darstellen.

 

Angenommen, das Ereignis Fa verursacht das Ereignis F¢a und Fa wird durch das physikalische Ereignis Pia realisiert. Dann gilt folgendes: Pja verursacht ein anderes physikalisches Ereignis P¢ja, das seinerseits eine Realisierung von F¢a ist. Allerdings sind da auch Ausnahmen möglich; d.h., es kann Realisierungen von Fa geben, die keine Realisierungen von F¢a verursachen. Und dies ist der systematische Grund dafür, dass einzelwissenschaftliche Gesetze im Allgemeinen nicht ausnahmslos gelten.

5. Konsequenzen für die Identitätstheorie

Es ist klar, dass die Identitätstheorie auf völlig hoffnungslosem Posten steht, wenn Fodor mit diesen Überlegungen Recht hat. Und alles spricht dafür, dass er damit Recht hat. Die Multirealisierbarkeit mentaler Zustände und  Eigenschaften gilt daher heute als das entscheidende Argument gegen die Identitätstheorie. Sie wurde zuerst von Hillary Putnam ins Spiel gebracht, der zugleich auch eine Alternative zur Identitätstheorie entwickelt hat: Laut dem Funktionalismus werden mentale Zustände durch funktionale Zustände realisiert. Eine beliebte Analogie ist der Bauplan einer Uhr: Der Bauplan spezifiziert funktionale Zustände, wobei die Uhr aus diversen Materialen gebaut werden kann, die alle die funktionalen Zustände realisieren. Der Funktionalismus wurde für die folgenden Jahrzehnte zur "orthodoxen Lehre" in der Philosophie des Geistes.

In letzter Zeit kamen aber vermehrt Stimmen auf, die eine Rückkehr zur Identitätstheorie forderten. Dies liegt zum einen mal daran, dass der Funktionalismus keine überzeugende Erklärung von Qualia hat. Und zum anderen an Jaegwon Kims neue Überlegungen zu multiplen Realisierungen.

Aber selbst wenn die klassische Identitätstheorie nach Smart und Place falsch sein sollte, ist dies noch nicht das Ende für die These, dass mentale und neuronale Eigenschaften identisch sind. Alles hängt davon ab, wie man "Identität" weiter ausbuchstabiert. Die klassische Identitätstheorie postuliert eine Type-Identität zwischen mentalen und neuronalen Zuständen, also dass jeder „Typ“ von mentalen Zuständen (beispielsweise: müde sein) mit Typen von neuronalen Zustand (beispielsweise: feuernde C-Fasern) identisch ist. Das erscheint empirisch unplausibel, da daraus folgen würde, dass mein Hund oder ein Roboter niemals müde sein können, da sie nicht dieselbe Art von neuronalen Zuständen haben können wie ein Mensch.

Die Identitätstheorie lässt sich aber auch mit einer Token-Identität vertreten, man spricht dann aber vom "anomalen Monismus". Der anomale Monismus behauptet, dass jeder einzelne mentale Zustand-"Token" mit einem einzelnen neuronalen Zustand-Token identisch ist. Im Gegensatz zur klassischen Identitätstheorie behauptet der anomale Monismus also nicht, dass alle mentalen Zustände, die etwa unter den Type „Müdigkeit“ fallen, mit neuronalen Zuständen identisch sind. Sondern nur, dass das für einzelne Zustands-Token gilt. Damit löst der anomale Monismus das Problem der multiplen Realisierung: Jeder einzelne Müdigkeits-Token ist mit einem einzelnen Gehirnzustands-Token identisch.

8. Einzelnachweise

[1] Für den umgekehrten Fall, ob Gehirn auch Geist ist, legt sich die Identitätstheorie nicht fest. Tatsächlich kann davon ausgegangen werden, dass zumindest so rum kein Schuh draus werden kann, nicht jeder Gehirnzustand ist ein mentaler Zustand. Beispielsweise gibt es neben den Neuronen noch eine große Anzahl von Glialzellen im menschlichen Gehirn, die eine unterstützende und schützende Funktion haben. Kein mentaler Zustand dürfte mit einem Zustand einer oder mehrerer solcher glialer Zellen identisch sein.

9. Literatur

Ansgar Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, Kapitel 5.

Ian Ravenscroft: Philosophie des Geistes. Eine Einführung, Kapitel 3.

Jerry Fodor: Special sciences, or the Disunity of Science as a Working Hypothesis, 77–115, 1974. 

Jerry Fodor: Special Sciences. Still Autonomous after all these Years, 149–163.

J.J.C. Smart: Sensations and Brain Processes, in: Philosophical Review, 68, 141-156.

J.J.C. Smart: The Identity Theory of Mind, < plato.stanford.edu/entries/mind-identity >

Saul Kripke: Identity and Necessity, 135–164.

U.T. Place: Is Consciousness a Brain Process?, 42–51.

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Stand:  2018

Kommentare: 2
  • #2

    Wissenswert (Freitag, 15 Dezember 2017 03:09)

    http://versuch.file2.wcms.tu-dresden.de/w/index.php/Identitätstheorie

  • #1

    WissensWert (Montag, 15 August 2016 21:44)

    Die Identitätstheorie erhält Auftrieb dadurch, dass das physikalische Konzept der Materie und ihrer Wechselwirkungen erkennbar nicht abgeschlossen ist. Daraus erwächst die Hoffnung, dass sich aus zukünftigen Erweiterungen des physikalischen Verständnisses möglicherweise auf direktem Wege die Emergenz der neuen „Dimension“ des Bewusstseins ableiten lässt.


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