Identitätstheorie

Die Identitätstheorie (engl. Identity Theory) ist eine naturalistische[1]

Position zum Leib-Seele-Problem, die v.a. besagt, dass mentale Zustände mit bestimmten physischen[1] Gehirnzuständen a posteriori type-identisch sindOder kurz gesagt: Geist ist Gehirn.[2]

Sind Bewusstseinszustände und neuronale Zustände zwei Seiten derselben Medaille?
Sind Bewusstseinszustände und neuronale Zustände zwei Seiten derselben Medaille?

Die Identitätstheorie heißt deshalb so, weil sie mentale Zustände mit neuronalen Zuständen gleichsetzt, gewissermaßen "Identität" zwischen ihnen beansprucht. Nach ihr gibt es die beiden Zustände nicht separat, sondern nur eine Naturentität, zu der wir lediglich zwei verschiedene Zugänge haben:     (1) das subjektive Erleben und (2) das objektive Beschreiben.

1. Geschichte

Auch wenn die Grundidee hinter der I. schon älter ist[3], wird ihre endgültige Entwicklung erst dem australischen Philosophen J.J.C. Smart (1920 – 2012) gutgeschrieben. Die I. entstand damals als eine Reaktion auf das Scheitern des Behaviorismus. Der Behaviorismus behauptet, dass mentale Begriffe durch (bedeutungsgleiche!) physikalistische Begriffe ersetzt werden könnten. Identitätstheoretiker entgegen darauf, dass z.B. Empfindungen (wie Farbwahrnehmungen oder Gefühle) offenbar nicht vollständig als Verhaltensdispositionen analysiert werden können. Gleichzeitig verwirft der Identitätstheoretiker aber auch den Dualismus, der mentale Zustände für nichtphysikalisch hält. Wenn mentale Zustände physikalischer Natur, aber keine Verhaltensdispositionen sein sollen, was sind sie dann? Die Antwort liegt auf der Hand: Mentale Zustände sind identisch mit den damit einhergehenden Gehirnzuständen. Der mentale Zustand "Lust auf ein Eis zu haben" ist nichts anderes als ein "Neuronenfeuerwerk".

Für kurze Zeit wurde die I. die wichtigste Position innerhalb der analytischen Philosophie des Geistes. Sie hat diesen Bereich in seiner heutigen Form maßgeblich mitgeprägt. Aber schon ab Ende der 1960er lehnten viele Philosophen die Identitätstheorie aufgrund diverser Probleme ab.

2. Vergleiche

Als Smart die I. formulierte, benutzte er zwei Vergleiche, um seinen Grundgedanken zu verdeutlichen. Nach Smart sind mentale Zustände ebenso Gehirnzustände, wie Wasser H20 und der Blitz eine elektrische Entladung in der Atmosphäre ist. Diese Vergleiche sind aus mindestens zwei Gründen wichtig:

(1)  Erstens handelt es sich bei den Vergleichen um Fälle, in denen es erheblicher Forschungsarbeit bedurfte, um die Gleichsetzung vornehmen zu können. Der Nachweis dafür, dass Wasser H20 ist, lässt sich weder durch oberflächliche Betrachtung noch durch nicht-empirisches Nachdenken z.B. über die Bedeutungen der Ausdrücke "Wasser" und "H20" erbringen. Ähnlich soll es sich mit mentalen Zuständen verhalten, deren Identität zu neuronalen Zuständen viel (noch) neuro-empirischer Sachkenntnis bedarf. Dies erklärt, weshalb die I. richtig sein könnte, obwohl wir mentale Zustände bisher noch nicht als bloße Gehirnzustände beschreiben können.

(2)  Zweitens hat Wasser eine andere Bedeutung als H20. So gehört etwa zur Bedeutung von H20, ein Molekül zu sein. Zur Bedeutung von Wasser gehört das (so zumindest die Prämisse der Argumentation) nicht. Und trotzdem kann man mit Fug und Recht behaupten, dass Wasser und H20 identisch sind. Daraus folgt, dass zwei Entitäten identisch sein können, ohne gleichzeitig auch bedeutungsgleich sein zu müssen. Ausdrücke für mentale Zustände und Ausdrücke für Gehirnzustände können also unterschiedliche Bedeutungen haben und dennoch auf dasselbe Phänomen referieren und somit Identisches bezeichnen.

3. Type- oder Tokenidentität?

Um die Bedeutung des zweiten Grundes zu verstehen, muss man einen Begriff von der wichtigen Unterscheidung zwischen Type und Token haben. Betrachten wir dafür zunächst ein illustratives Beispiel: Regenbogenfische sind Süßwasserfische, die in Teilen Australiens und Neuguineas beheimatet sind. Angenommen, wir fischen in Australien und sehen fünf Regenbogenfische aus der Wasseroberfläche aufspringen. In diesem Fall haben wir es mit fünf Tokens der Types "Regenbogenfisch" zu tun. Die Tokens sind die einzelnen Tiere; der Type ist die Art oder die Klasse, der die einzelnen Tiere angehören. Wichtig ist, dass die fünf Regenbogenfisch-Tokens nicht nur dem Type "Regenbogenfisch", sondern außerdem vielen anderen "Types" angehören. Sie sind zum Beispiel auch Tokens des Types "Fisch", "Tier", "Lebewesen", "materieller Gegenstand" und "etwas, das in der deutschsprachigen Wikipedia einen eigenen Artikel besitzt".

Nun, da der Unterschied zwischen Type und Token klargestellt ist, können wir des Weiteren zwischen Type-Identität und Token-Identität unterscheiden. Wieder ist ein Beispiel hilfreich: Die Sängerin Posh Spice gehörte einst der britischen Pop-Band The Spice Girls. Nachdem sie die Band verlassen hatte, heiratete sie den englischen Starfußballer David Beckham und hörte von da an auf den Namen "Victoria Beckham". Wird man heute von Posh Spice auf eine Party eingeladen, dann wird man zugleich auch von Victoria Beckham auf eine Party eingeladen, denn die beiden sind ein und dieselbe Person, d.h. sie sind token-identisch.

Anders verhält es sich mit der Identität zwischen Wasser und H20 bzw. mit der Identität zwischen Blitz und elektrischer Ladung in der Atmosphäre. Hierbei handelt es sich je um eine Type Identität. Jedes Token des Types Wasser ist ein Token des Types H20, und jedes Token des Types Blitz ist ein Token des Types elektrische Entladung in der Atmosphäre.

Wenn Identitätstheoretiker damals behaupteten, Gehirnzustände seien mit mentalen Zuständen identisch, wollten sie damit eine Type-Identität postuliert haben. Dies ist so zu verstehen: Angenommen, jedes Token des Types "Schmerz" sei ein Token des Types "Feuern von C-Fasern" (diese Analogie sollte auf keinen Fall zu ernst genommen werden!). Dann würde zwischen Schmerzen und Feuern von C-Fasern ein Verhältnis der Type-Identität bestehen, und eben solch ein Verhältnis postulieren die Identitätstheoretiker.

Darstellung der Identitätstheorie: Alle mentalen Zustände m1-m5 gehören dem gleichen mentalen Type (etwa „Wunsch auf Eis“) an. Sie sind mit neuronalen Zuständen n1-n5 identisch, die wiederum dem gleichen neuronalen Type angehören. Die Types sind somit auch identisch.

4. Das Problem der multiplen Realisierung

Diese "Type-Identitätstheorie" war lange Zeit en vogue. Doch dann kam der Philosoph Hilary Putnam mit einem klugen Einwand hervor, der heute als das Problem der "Problem der multiplen Realisierung" bekannt ist. Putnams Grundgedanke ist folgender: Inzwischen wissen wir, dass ein bestimmter mentaler Zustand bei verschiedenen Personen mit unterschiedlichen neuronalen Zuständen einhergehen bzw. korreliert sein kann. Wenn man Personen eine bestimmte Aufgabe vorlegt und zugleich z.B. mittels eines PET-Scans die Aktivierungsmuster ihrer Gehirne beobachtet, ergeben sich in der Regel zwar sehr ähnliche, aber nicht exakt dieselben Muster. Weiter wissen wir, dass sich sogar bei ein und derselben Person die Korrelation zwischen mentalen und Gehirnzuständen im Laufe ihres Lebens dramatisch verändern kann. Nach Gehirnverletzungen z.B. können andere Teile des Gehirns die Funktionen des geschädigten Gewebes übernehmen. Nur aufgrund dieser Plastizität des Gehirns sind wir in der Lage, im Laufe unseres Lebens unsere geistigen Fähigkeiten trotz des täglichen Zugrundegehens tausender von Nervenzellen (einigermaßen) zu erhalten.

Und wir wissen auch, dass sich die Neurophysiologie der meisten Tiere mehr oder weniger stark von der unsrigen unterscheidet. Soll allein daraus schon folgen, dass diese Tiere nicht dieselben mentalen Zustände (z.B. Schmerzen) haben wie wir? Und wie steht es schließlich mit Marsmenschen und Robotern? Sollen diese Wesen schon deshalb kein dem unseren vergleichbares mentales Leben haben, weil ihr ‘Gehirn’ nicht aus Nervenzellen, sondern z.B. aus Silizium-Chips besteht? Offensichtlich machen es alle diese Überlegungen ziemlich unwahrscheinlich, dass jeder mentale Zustand mit genau einem neuronalen Zustand korreliert ist. Und eben deshalb steht die klassische Type-Identitätstheorie auf einer empirisch äußerst schwachen Grundlage.

Die Grundidee hinter der Identitätstheorie, mentale Zustände seien neuronale Zustände, ist damit aber noch nicht vom Tisch. Es existiert nämlich auch noch eine alternative Formulierung der Identitätstheorie: Angenommen, Menschenschmerzen seien z.B. identisch mit einem bestimmten Menschengehirnzustand, während Katzenschmerzen nur mit einem bestimmten Katzengehirnzustand identisch sind. Ian Ravenscroft nennt dies die eingeschränkte Identitätstheorie. Eine weitaus bekanntere Form ist Token-Identitätstheorie, die die Identität mentaler Zustände eines Individuums mit dessen Gehirnzustand postuliert. Die Token-Identitätstheorie besitzt kein Problem mit der Erklärung der multiplen Realisierbarkeit
mentaler Zustände 
(siehe auch: anomaler Monismus)
.

5. Verweise

  • Funktionalismus: Alles in allem trug der Einwand der multiplen Realisierung trotzdem zu einem rasanten Popularitätsverlust der Identitätstheorie bei. Hillary Putnam, der den Einwand gerade ins Spiel gebracht hatte, bot auch gleiche seine Alternative zur I. an: den Funktionalismus. Laut dem Funktionalismus sollen verschiedene Gehirnzustände alle einen funktionalen Zustand realisieren, der dann mit dem mentalen Zustand identisch sei. Eine beliebte Analogie ist der Bauplan einer Uhr: Der Bauplan spezifiziert funktionale Zustände, wobei die Uhr aus diversen Materialen gebaut werden kann, die alle die funktionalen Zustände realisieren. Der Funktionalismus wurde für die folgenden Jahrzehnte zur „orthodoxen Lehre“ in der Philosophie des Geistes. Bis in letzter Zeit vermehrt Stimmen auftraten, die wiederum den Funktionalismus kritisierten und mitunter eine Rückkehr zur Identitätstheorie forderten. Vertreter dieser Forderung weisen u.a. darauf hin, dass der Funktionalismus das Problem der Qualia nicht lösen könne.

6. Endnoten

[1] Für den umgekehrten Fall, ob Gehirn auch Geist ist, legt sich die I. nicht fest. Tatsächlich kann davon ausgegangen werden, dass zumindest so rum kein Schuh draus werden kann, nicht jeder Gehirnzustand ist ein mentaler Zustand. Beispielsweise gibt es neben den Neuronen noch eine große Anzahl von Glialzellen im menschlichen Gehirn, die eine unterstützende und schützende Funktion haben. Kein mentaler Zustand dürfte mit einem Zustand einer oder mehrerer solcher glialer Zellen identisch sein.

[2] Die I. ist naturalistisch, weil sie mentale Zustände mit physischen Gehirnzuständen gleichsetzt. Die einschränkende Betonung liegt dabei auf dem Adjektiv "physisch", denn schließlich behauptet auch der Eigenschaftsdualismus, dass geistige Zustände Eigenschaften des Gehirns seien, ist hingegen aber keineswegs naturalistisch, sondern vertritt eine bipolare Auffassung zwischen Natur und Geist. Der Eigenschaftsdualismus vertritt folglich die These, dass mentale Zustände nichtphysikalische Eigenschaften des Gehirns wären und ist somit dualistisch. Die I. hingegen postuliert keine zweite substantielle Entität neben der physischen Wirklichkeit, weshalb sie naturalistischer Art ist.

[3] Vgl. hierzu #Identitätstheorie #Vorgänger.

Bildquellen: 1, 2

Stand:  2016

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Montag, 15 August 2016 21:44)

    Die Identitätstheorie erhält Auftrieb dadurch, dass das physikalische Konzept der Materie und ihrer Wechselwirkungen erkennbar nicht abgeschlossen ist. Daraus erwächst die Hoffnung, dass sich aus zukünftigen Erweiterungen des physikalischen Verständnisses möglicherweise auf direktem Wege die Emergenz der neuen „Dimension“ des Bewusstseins ableiten lässt.


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