Funktionalismus

Der Funktionalismus ist eine klassische Position in der Philosophie des Geistes (Leib-Seele-Problem). Er sagt v.a. aus, dass mentale Zustände ihrer Natur nach funktionale Zustände sind.

"[...] eine der wichtigsten theoretischen Entwicklungen

in der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts."

- Ned Block über den Funktionalismus

1. Entstehung

Der klassische Funktionalismus wurde in den 1960ern von Hilary Putnam und Jerry Fodor konzipiert. Die beiden Philosophen antworteten damit auf das scheinbare Defizit einer anderen Theorie: Hunde und Menschen können beide Kopfschmerzen haben, sie besitzen dabei aber sicher nicht dieselben neuronalen Zustände, weshalb die Identitätstheorie, nach der mentale Zustände mit neuronalen Zuständen type-identisch sind, falsch sein muss. Dieses Problem der multiplen Realisierung brachte die Funktionalisten dazu, sich zu überlegen, was unterschiedliche Wesen mit Kopfschmerzen sonst gemeinsam haben könnten. Ihre grundlegendste These lautet, dass diese Wesen dieselben funktionalen Zustände teilen.

Seit den Sechzigern wurde die funktionalistische Theorie vielfältig weiterentwickelt. Mittlerweile existiert eine schier unüberschaubare Anzahl funktionalistischer Subtheoriendie teilweise nur noch von Spezialisten unterschieden werden können.[1]

2. Funktionale Zustände

Um seine Grundidee zu verstehen, muss man sich mit dem zentralen des Funktionalismus vertraut machen: funktionale ZuständeEin funktionaler Zustand reagiert stets auf einen bestimmten Input mit einem bestimmten Output und geht dann in einen anderen funktionalen Zustand übergeht. Diese kausale Rolle definiert ihn.

Was damit gemeint ist, illustriert das Beispiel des Colaautomaten.[2] Gegeben sei ein Automat, der nach einem Einwurf von einem Euro eine Coladose ausgibt. Dabei akzeptiert er 1€- und 50 Cent-Stücke. Um funktionsfähig zu sein, muss der Automat verschiedene interne Zustände besitzen. Es muss einen Zustand geben, in dem der Automat einen Euro fordert, um eine Dose auszugeben, es muss aber auch einen Zustand geben, in dem der Automat nur noch 50 Cent fordert. Die funktionale Architektur eines solchen Automaten lässt sich in folgender Tabelle festhalten:

Aktueller Zustand

Input

Output

Neuer Zustand

Z1

1

Cola

Z1

Z1

0.50

/

Z2

Z2

1

Cola, 0.50

Z1

Z2

0.50

Cola

Z1

Der Automat besitzt zwei verschiedene Zustände, die jeweils auf zwei verschiedene Inputs reagieren und entweder im gleichen Zustand verbleiben können, oder in den anderen Zustand wechseln. Durch diese Tabelle definiert also die kausale Rolle des Automaten und damit auch seine funktionalen Zustände.

Laut dem Funktionalismus sind mentale Zustände nun in einer ähnlichen Weise definierbar: Wer sich in einem mentalen Zustand befindet (bspw. Kopfschmerzen hat), wird auf einen bestimmten Input in bestimmter Weise reagieren und in einen anderen mentalen (funktionalen) Zustand übergehen. Dabei besitzt auch der mentale Zustand Schmerz eine typische kausale Rolle: Er wird typischerweise durch eine Schädigung von Körpergewebe verursacht (1. input); verursacht darauf weinen o.ä. (2. output) und bewirkt bspw. den Wunsch, den Schmerz zu lindern (3. kausale Relation zu anderen Systemzuständen).

Diese kausale Rolle definiert nun jenen funktionalen Zustand, der mit dem mentalen Schmerzzustand identisch ist. Die These des Funktionalismus lautet also: ein Wesen hat Schmerzen, gdw. es in einem Zustand ist, der Träger der oben beschriebenen kausalen Rolle ist oder diese Rolle spielt (je nachdem, welche Untertheorie man bevorzugt).

Wichtig ist, dass eine solche funktionale Charakterisierung unabhängig ist von der ontologischen Realisierung des Systems. Der Funktionalismus schließt also nicht a priori aus, dass auch Götter oder insbesondere auch Roboter
entsprechende funktionelle Zustände einnehmen und Bewusstsein haben können!

So wie Colaautomaten prinzipiell sowohl aus Kunststoff als auch aus Stahl sein können, so kann auch der mentale Zustand "Kopfschmerzen" von Menschen, Katzen und Robotern erlebt werden, insofern die drei im selben funktionalen Zustand sind. Nicht zuletzt aufgrund dieses Umstandes war der Funktionalismus lange Zeit die herrschende Orthodoxie in der KI-Forschung.

3. Realisierung der Zustände

Funktionalisten erklären jedoch nicht nur, was funktionale Zustände sind. Sie haben auch eine klare Vorstellung davon entwickelt, was es heißen kann, dass funktionale Zustände durch physische Zustände realisiert werden. Dieser Aspekt soll durch ein zweites Beispiel verdeutlicht werden. Nehmen wir an, wir finden auf der Straße ein kleines Gerät, das von oben so aussieht:

A = Lämpchen, B = lichtempfindlicher Widerstand, F = Schalter
A = Lämpchen, B = lichtempfindlicher Widerstand, F = Schalter

Wir untersuchen das Gerät (nennen wir es "U") eine Zeitlang und stellen Folgendes fest:

(1) Wenn U im Zustand Y1 ist, leuchtet A ständig.

(2) Wenn U im Zustand Y2 ist, leuchtet A genau dann, wenn auf die Fläche B nur wenig Licht fällt.

(3) Wenn U im Zustand Y1 ist, dann geht U in den Zustand Y2 über, wenn der Druckknopf F betätigt wird, und umgekehrt.

(4) U ist immer entweder im Zustand Y1 oder im Zustand Y2.

Wir stehen also vor derselben Situation wie bei dem zuvor geschilderten Getränkeautomaten. Auf der einen Seite müssen wir, um das Verhalten von U erklären zu können, annehmen, dass dieses Gerät zwei verschiedene Zustände Y1 und Y2 annehmen kann, auf der anderen Seite sind jedoch diese beiden Zustände wieder nur implizit durch die Verhaltensgesetze (5)-(8) charakterisiert. Will heißen, auch die Zustände Y1 und Y2 des Geräts U sind funktionale Zustände, die allein durch ihre (in den Gesetzen (5)-(8) festgehaltene) kausale Rolle charakterisiert sind.

Ein wichtiger Punkt in diesem Beispiel ist, dass wir zu der Annahme, dass U die beiden funktionalen Zustände Y1 und Y2 annehmen kann, nur aufgrund von Verhaltensbeobachtungen gekommen sind. Was passiert aber, wenn wir mehr über die innere Struktur von U erfahren? Nehmen wir an, dass wir uns eines Tages entschließen, das Gerät zu öffnen, und dass wir dabei feststellen, dass es einige elektronische Bauteile enthält, die gemäß dem folgenden Plan verschaltet sind:

A = Lämpchen, B = lichtempfindlicher Widerstand, C = Batterie, D = Relais, E = Schalter, F = Schalter
A = Lämpchen, B = lichtempfindlicher Widerstand, C = Batterie, D = Relais, E = Schalter, F = Schalter

Die Entdeckung der durch diesen Schaltplan beschriebenen inneren Struktur ermöglicht uns eine neue "interne Erklärung" für das Verhalten von U: Wenn der Umschalter F in der Stellung 1 ist, leuchtet das Lämpchen A durchgehend; wenn sich dieser Umschalter allerdings in der Stellung 2 befindet, leuchtet A genau dann, wenn der Schalter E geschlossen ist; und dies ist genau dann der Fall, wenn nur wenig Licht auf den lichtempfindlichen Widerstand B fällt, denn wenn viel Licht auf B fällt, wird der Schalter E durch das Relais D geöffnet.

In diesem Zusammenhang ist nun entscheidend, dass es eine interessante Beziehung zwischen der internen und der externen Erklärung für das Verhalten von U gibt. Offenbar gibt es zwei physische Zustände in U, die genau die für die funktionalen Zustände Y1 und Y2 charakteristische Rolle innehaben, nämlich die beiden Zustände:

Umschalter F ist in Position 1

und

 

Umschalter F ist in Position 2

Dies zeigt sich daran, dass für diese beiden physischen Zustände genau die Gesetz (1)-(4) gelten bzw. genauer: dass die folgenden Analoga dieser Gesetze wahr sind:

(5*) Wenn der Umschalter F in Position 1 ist, leuchtet A ständig.

(6*) Wenn der Umschalter F in Position 2 ist, leuchtet A genau dann, wenn             auf das Bauteil B nur wenig Licht fällt.

(7*) Wenn der Umschalter F in Position 1 ist, dann geht er in die Position 2            über, wenn der Druckknopf F betätigt wird, und umgekehrt.

(8*) Der Umschalter F ist immer in Position 1 oder in Position 2.

Und weil das so ist, sagt man, dass in U die beiden funktionalen Zustände Y1 und Y2 durch die physischen Zustände Umschalter F in Position 1 und Umschalter F in Position 2 realisiert sind.

Somit gilt: Wenn ein System S die funktionalen Zustände Z1, ..., Zn annehmen kann, dann werden diese Zustände genau dann durch die physischen Zustände P1, ..., Pn von S realisiert, wenn diese physische Zustände genau die kausalen Rollen innehaben, durch die die funktionalen Zustände Z1, ..., Zn charakterisiert sind.

4. Substanz-Dualismus und Identitätstheorie

Bisher haben wir gelernt, dass nach funktionalistischer Auffassung mentale Zustände die Träger charakteristischer kausaler Rollen sind. Ferner wurde festgehalten, dass der Funktionalismus eine Erklärung für die verschiedenartige Realisierbarkeit mentaler Zustände liefert, da kausale Rollen von unterschiedlich realisierten Systemen gespielt werden können. Der letzte Abschnitt hatte sich schließlich der Frage gewidmet, was es bedeuten soll, dass funktionale Zustände durch physische Zustände realisiert sind. Im Folgenden soll nun das Verhältnis des Funktionalismus zum Substanz-Dualismus und der Identitätstheorie näher erörtert werden, auch, um das Gefühl für die funktionalistischen Theorien zu stärken.

Da alle uns bekannten funktionalen Zustände von materiellen Systemen realisiert werden (etwa von Colaautomaten), wird der Funktionalismus häufig als eine materialistische, naturalistische oder physikalische Position interpretiert. Dabei nimmt der Funktionalismus bezüglich der funktionalen Zustände eine
eigentlich ontologisch neutrale Position einEs ist z.B. möglich, Funktionalist und zeitgleich Substanzdualist zu sein. Betrachten wir dies am Beispiel der Schmerzen: Dem Funktionalismus zufolge hat ein Organismus deshalb Schmerzen, weil er sich in einem Zustand befindet, der die Schmerz-Rolle spielt. Dabei spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass die Schmerz-Rolle von einem Zustand einer nicht-physischen Substanz wie einer immateriellen Seele gespielt werden kann. Folglich kann man sich vorstellen, dass auch eine funktionalistische Form des Substanzdualismus zuträfe.

Selbst Putnam schreibt:

„[…] die Hypothese funktionaler Zustände [ist] mit dem Dualismus
nicht inkompatibel. Obwohl es sich von selbst versteht, dass die Hypothese ihrer Inspiration nach „mechanistisch“ ist, ist es eine bemerkenswerte Tatsache, dass ein System, das aus einem Leib und einer „Seele“ besteht, wenn es solche Dinge gibt, ohne weiteres [die Gesetze des Alltagspsychologie erfüllen] kann.“ Putnam 1967, 130)

Der Funktionalismus wird erst dann zu einer physikalistischen Theorie, wenn man zusätzlich diese Prämisse einführt: Alle mentalen Zustände sind durch physische Zustände realisiert. Dann gelangt man zu Thesen, wie dass die mentalen Zustände des Menschen eindeutig durch funktionale Zustände des Gehirns (und nicht etwa einer Seele) realisiert werden. Tatsächlich vertreten die allermeisten Funktionalisten heute einen derartigen physikalistischen Funktionalismus.

Was aber sind die Konsequenzen aus dem physikalistischen Funktionalismus? Die Philosophen David Armstrong und David Lewis haben unabhängig voneinander dafür argumentiert, dass der physikalistische Funktionalismus die Identitätstheorie nicht etwa verdrängt, sondern sogar implizieren könnte!

Ihr Argument wird gelegentlich auch als Transitivitätsargument bezeichnet[3]. Wir wollen es im Folgenden charakterisieren. Es soll dazu angenommen werden, dass der mentale Zustand Schmerz neurophysiologisch mit dem Feuern von C-Fasern im Gehirn korreliert. Weiterhin sei "S" der mentale Zustand Schmerz; "R" der funktionale Zustand, der die Schmerz-Rolle spielt; und "F" das Feuern von C-Fasern. Es gilt also:

(P1)  S = R. (die These des Funktionalismus)
(P2)  Die zweite Prämisse lautet: R = F (physikalistische These).

(K)    Gemäß dem Prinzip der Transitivität der Identität gilt also: S = F.

          (These der Type-Identitätstheorie).

Mit anderen Worten: Wenn wir von der naheliegenden Annahme (P2) ausgehen, dass die Schmerz-Rolle "R" von den C-Fasern "F" gespielt wird, so folgt aus dem Funktionalismus die Identitätstheorie. In unserem Beispiel haben wir die Type-Identitätstheorie hergeleitet (K). Man kann das Transitivitätsargument aber auch umformen und die Token-Identitätstheorie ("F" = ein einzelner neuronaler Zustand) oder eine eingeschränkte Identitätstheorie ("F" = das Feuern von C-Fasern bei Menschen) herleiten.

5. Argumente für und gegen den Funktionalismus

Bei den Argumenten für den Funktionalismus können wir uns kurz fassen. Nicht etwa, weil wenig für den Funktionalismus spräche, er ist immer noch eine der dominierenden Theorien, sondern weil das meiste bereits gesagt oder zumindest angedeutet wurde:

-      Für den Funktionalismus spricht, dass er eine ontologisch neutrale Analyse für die Bedeutung mentaler Ausdrücke liefert und das ohne jede Bezugnahme auf mentales Vokabular.

-      Für den Funktionalismus spricht, dass er dem begrifflichen Zusammenhang zwischen mentalen Zuständen (ich spüre schmerz; ich habe den Wunsch auf Heilung etc.) und Verhalten auf eine Weise Rechnung trägt, die auch die kausalen Interaktionen zwischen verschiedenen mentalen Zuständen berücksichtigt.

-      Für den Funktionalismus spricht, dass er – anders als die (klassische) Identitätstheorie – mit der Multirealisierbarkeit mentaler Zustände und damit auch mit der Möglichkeit von Einzelwissenschaften vereinbar ist. Damit vermeidet der Funktionalismus zugleich einen unangemessenen Speziesismus, demzufolge nur Menschen oder Lebewesen mit dem gleichen Zentralnervensystem mentale Zustände haben können.

-      Für den Funktionalismus spricht schließlich, dass er – wenn man ihn um eine entsprechende These ergänzt – eine akzeptable Version des Physikalismus (und auch der Identitätstheorie) darstellt.

Trotz all dieser unbestrittenen Vorzüge gibt es jedoch auch eine ganze Reihe von schwerwiegenden Einwänden gegen den Funktionalismus:

5.1. Seltsame Realisierungen

Eine erste Gruppe von Einwänden geht auf Ned Block zurück, dieser hat in seinem Aufsatz "Troubles with Functionalism" (1978) für die These argumentiert, dass es Systeme geben kann, die funktional äquivalent zu uns sind (d.h., die dieselben funktionalen Zustände aufweisen wie wir), denen wir aber definitiv keine mentalen Zustände zuschreiben. Also, so Block, kann die Annahme nicht richtig sein, dass mentale Zustände allein durch eine kausale Rolle charakterisiert sind.

Diese These verdeutlicht Block u.a. mit seinem berühmt gewordenen Gedankenexperiment vom Chinesisches Zimmer:

Angenommen, wir überreden die Regierung Chinas zu einem riesigen Funktionalismus-Experiment. Jeder der eine Milliarde Menschen in China bekommt ein spezielles Funkgerät, mit der er jeden anderen Chinesen kontaktieren kann. Koordiniert wird das Ganze über riesige Scheinwerfer, die Kommandos an die Wolkendecke projizieren. Ein solches System aus Menschen, Funkgeräten und Scheinwerfern könnte, so Block, zumindest für eine kurze Zeit jeden funktionalen Zustand realisieren, den auch ein Mensch realisieren kann.

„Es ist keineswegs ausgemacht, dass dieses System aus der Bevölkerung Chinas und einem künstlichen Körper physikalisch unmöglich ist. Es könnte für eine kurze Zeit, sagen wir für eine Stunde, funktional äquivalent zu Dir sein.“ (Block 1978, 276)

Dennoch wäre es laut Block vollkommen absurd anzunehmen, dass ein solches System mentale Zustände hätte. Daher können funktionale Zustände und mentale Zustände nicht identisch sein. Blocks Einwand ist als der Einwand der "seltsamen Realisierungen" bekannt geworden. Falls Block und unser Bauchgefühl nicht daneben liegen, muss die These des Funktionalismus – mentale Zustände sind identisch zu funktionalen Zuständen – falsch sein oder zumindest unvollständig.

5.2. Externalismus

Hilary Putnam, der wie gesagt selbst einer der Begründer des Funktionalismus war, wurde gegen Ende seines Lebens selbst zu einem der einflussreichsten Kritiker dieser Position. Seine bekanntesten gegen den Funktionalismus gerichteten Argumente stehen im Zusammenhang mit dem externalistischen Slogan: „Gedanken sind nicht im Kopf“. Putnam versucht zu zeigen, dass ein Gedanke kein rein interner Zustand ist, sondern von der Gemeinschaft und Umwelt mitkonstituiert wird, der Funktionalismus also nicht hinreichend sein kann. Da aber funktionale Zustände interne Zustände sind, sei eine Identifikation von mentalen und funktionalen Zuständen nicht möglich. Putnam bietet zwei Argumente an:

1) Ulmen und Buchen: Putnam erklärt, dass er über Ulmen und Buchen jeweils nur wisse, dass sie Bäume seien. Das bedeute, dass die interne funktionale Struktur dieser Gedanken die gleiche sein könne. Dennoch sind die Gedanken „Die Ulme ist ein Baum“ und „Die Buche ist ein Baum“ verschieden, weil sie sich auf Verschiedenes beziehen. Wenn aber Gedanken verschieden sein können, obwohl die funktionale Struktur die gleiche ist, dann können Gedanken und funktionale Zustände nicht identisch sein.

2) Zwillingserde: Putnams zweites Argument basiert auf einem Gedanken-experiment: Er stellt sich einen Planeten vor, der unserer Welt bis ins Detail gleicht. Es gibt nur einen Unterschied: Was bei uns H20 ist, ist auf der Zwillingserde eine Substanz XYZ, die jedoch die gleichen Makroeigenschaften hat wie Wasser. Sie ist also flüssig, durchsichtig, geruchlos etc. Nun hat eine Person A auf der Erde die gleiche funktionale Struktur wie sein Zwilling B auf der Zwillingserde. Dennoch haben sie einige verschiedene Gedanken: A bezieht sich mit dem Gedanken „Wasser ist flüssig“ auf die Substanz H20, B mit dem gleichen Gedanken auf XYZ. Das Ergebnis: Da Personen mit gleicher funktionaler Organisation unterschiedliche Gedanken haben können, sind Gedanken nicht mit funktionalen Zuständen identisch.

5.3. Qualia

Weiterhin werden von Kritikern des Funktionalismus gemeinhin zwei zusammenhängende Argumente ins Spiel gebracht, die als das "Argument der vertauschten Qualia" ("inverted qualia argument") und das "Argument der fehlenden Qualia" ("absent qualia argument") bekannt geworden sind. Diese Argumente[4] sollen zeigen, dass mentale Zustände nicht einfach funktionale Zustände sein können, da sie Aspekte haben, die sich nicht auf kausale Rollen reduzieren lassen. Ausgangspunkt dieser Argumente ist die Überlegung, dass es für die kausale Rolle einer Empfindung letzten Endes keine Bedeutung haben kann, wie es sich "anfühlt", diese Empfindung zu haben (Qualia), ob sie mit dem einen oder anderen qualitativen Eindruck verbunden ist.

Das Argument der vertauschten Qualia geht so: Wir können uns vorstellen, dass bei einer Person, nennen wir sie Martine, aufgrund einer angeborenen Farbanamolie rote Dinge wie Tomaten, Feuerwehrautos und Mohnblumen Empfindungen auslösen, die nicht mit einem Rot-, sondern mit einem Grüneindruck verbunden sind - d.h. Empfindungen, die sich so anfühlen wie die Empfindungen, die bei uns durch Gurken, Gras und Laubfrösche ausgelöst werden; und dass umgekehrt Gurken, Gras und Laubfrösche bei Martine Empfindungen hervorrufen, die nicht mit einem Grün-, sondern mit einem Roteindruck verbunden sind. Da diese Farbanamolie seit ihrer Geburt besteht, hat Martine natürlich gelernt, die Empfindungen, die bei ihr durch Tomaten, Feuerwehrautos und Mohnblumen hervorgerufen werden, mit dem ´Wort´ "rot" und die Empfindungen, die bei ihr durch Gurke, Gas und Laubfrösche verursacht werden, mit dem ´Wort´ "grün" zu assoziieren. Auf die Frage "Welche Farbe haben Tomaten?" antwortet sie also ohne zu zörgern mit "Rot" und auf die Frage "Wie sehen Laubfrösche aus?" ebenso problemlos mit "Grün".

Offenbar haben also bei Martine die Empfindungen, die bei ihr mit einem Grüneindruck verbunden sind, dieselbe kausale Rolle wie bei uns die Empfindungen, die mit einem Roteindruck verbunden sind (und umgekehrt). Denn sie werden durch dieselben Dinge verursacht (Tomaten, Feuerwehrautos, Mohnblumen), die bei uns Rotempfindungen verursachen; und sie verursachen unter anderem dieselben verbalen Reaktionen, die bei uns von Rotempfindungen hervorgerufen werden. Also gehören Martines "Grünempfindungen" und unsere Rotempfindungen dem Funktionalismus zufolge ´zu demselben Typ´ mentaler Zustände Doch damit nicht genug: Martines "Grünempfindungen", d.h. die Empfindungen, die bei Martine mit einem Grüneindruck verbunden sind, sind dem Funktionalismus zufolge gar keine Grün-, sondern Rotempfindungen. Denn für einen Funktionalisten ist eine Rotempfindungen eben der mentale Zustand, der durch Tomaten, Feuerwehrautos und Mohnblumen verursacht wird und der seinerseits z.B. die sprachliche Reaktion "Tomaten sind rot" hervorruft - ganz unabhängig davon, welcher Eindruck mit diesem Zustand verbunden ist. Konsequenterweise ist es für den Funktionalisten daher letzten Endes sogar belanglos, ob ein mentaler Zustand ´überhaupt´ mit irgendeinem Eindruck verbunden ist, ob es sich überhaupt "irgendwie anfühlt", in diesem Zustand zu sein. Jeder Zustand, der die richtige kausale Rolle innehat, ´ist´ ein Rot-bzw. Grünempfindung - völlig unabhängig davon, welcher Eindruck mit ihm verbunden ist und ob überhaupt ein Eindruck mit ihm verbunden ist.

Diese Konsequenz, so die Vertreter der ´Argumente der vertauschten Qualia´, ist völlig absurd. Das Entscheidende an jeder Empfindung ist doch, wie sie sich anfühlt. Was einen mentalen Zustand zu einer Rotempfindung macht, ist also nicht seine kausale Rolle, sondern der mit ihm verbundene qualitative Eindruck, die Art und Weise, wie es sich anfühlt, in diesem Zustand zu sein. Martines "Grünempfindungen" sind daher tatsächlich Grünempfindungen und nicht etwa Rotempfindungen, auch wenn diese Empfindungen bei Martine die kausale Rolle innehaben, die normalerweise Rotempfindungen spielen. Kausale Rollen (funktionale Zustände) können deshalb nicht das entscheidende Merkmal mentaler Zustände sein. Der Funktionalist verfehlt genau das, was wirklich zählt.

Vertreter des Argumentes der fehlenden Qualia argumentieren ähnlich wie Ned Block: Es ist vorstellbar, dass es behaviorale und neuronal-funktionale Doppelgänger des Menschen gibt, die aber über kein phänomenales Bewusstsein (d.h. über keine Qualia) verfügen. Gemäß dem Funktionalismus müssten diese funktional-identische Wesen, die in der Fachdiskussion als "philosophische Zombies" gehandelt werden, aber auch über dieselben Quale verfügen. Falls es also solche Zombies geben kann, muss der Funktionalismus falsch sein.

Ganz allgemein lässt sich kritisieren bzw. zusammenfassen, dass wenn alle mentalen Zustände funktionale Zustände sein sollten, dann auch Erlebnisse, wie etwa Schmerzen, funktionale Zustände sein müssen. Nun ist es zweifellos plausibel, dass auch etwa Schmerzen funktional zu beschreiben sind: Wer Schmerzen hat, wird in der Regel zu einem bestimmten Verhalten neigen – z. B. im Bett liegen, aber nicht tanzen – und auch bestimmte andere mentale Zustände haben – etwa Trauer, aber nicht Euphorie.

Die entscheidende Frage ist aber, ob mit der funktionalen Beschreibung das Phänomen Schmerz schon hinreichend charakterisiert bzw. vollständig erfasst ist. Und hier ergeben sich ernsthafte Zweifel: Sicherlich, die funktionale Charakterisierung ist ein wichtiger Teil des Schmerzes, doch ein anderes Element scheint ausgelassen zu sein: Das subjektive Schmerzerleben. Die Tatsache jedoch, dass wir Schmerzen erleben – also Schmerzqualia haben –, scheint durch eine funktionale Beschreibung in keiner Weise berücksichtigt zu werden. Der Vorwurf an den Funktionalismus ist daher, dass er nicht die Qualia bzw. Erlebnisgehalte der mentalen Zustände erklären könne. Es sei daher unklar, ob eine bestimmte funktionale Architektur hinreichend für Erleben sei. Daher erscheint es unplausibel, mentale Zustände mit funktionalen Zuständen gleichzusetzen (zur Veranschaulichung dienen die Argumente der vertauschten und fehlenden Qualia).

Trotz ihrer riesigen prima facie Plausibilität werden die Kritikpunkte um Qualia, wie überhaupt nahezu alles in der Philosophie, selbst wieder heftig kritisiert.

Einige Philosophen (wie z.B. Daniel Dennett) behaupten sogar, dass es Qualia gar nicht wirklich gäbe.

Anmerkungen

[1] Eine Einführung in die Philosophie des Geistes, in der fast alle Spielarten des Funktionalismus ausführlich diskutiert werden, bietet Braddon-Mitchell/Jackson

[2] Ned Block: Troubles with Functionalism.

[3] da es sich auf das logische Prinzip der Transitivität der Identität stützt.

[4] Beide Argumente gehen im Wesentlichen auf Ned Block und Jerry Fodor

zurück.

Siehe auch

Functionalism in Stanford Encyclopedia of Philosophy.

Functionalism in Internet Encyclopedia of Philosophy.

Stand: 2017

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 15 Juni 2017 05:23)

    Ich wurde gefragt, was "Inputs" und "Outputs" im Funktionalismus sein sollen. Tatsächlich ist diese Frage ein weiterer (wenngleich mich auch nicht überzeugender) Kritikpunkt am F.
    (vgl. Beckermann 2008)

    KRITIK AN DER DEFINITIONSSCHWIERIGKEIT ZENTRALER BEGRIFFE UND KONZEPTE.

    Wir haben oben also den Funktionalismus kennengelernt, dessen Position sich auf die kurze Formel bringen lässt, dass mentale Zustände wie Schmerzen oder Gedanken durch ihre jeweilig typischen kausalen Rollen charakterisiert sind. Also durch die Ereignisse außerhalb des Systems, durch die sie verursacht werden (inputs), durch das, was sie selbst außerhalb des Systems verursachen (outputs), und durch ihre kausalen Relationen zu anderen mentalen Zuständen. So weit, so gut. Was aber ist mit "außerhalb des Systems" gemeint, wo liegt die Grenze und was sind in diesem Kontext überhaupt inputs und outputs? Laut Beckermann (2008) sind hier mindestens drei Möglichkeiten denkbar:

    (1) Inputs sind die elektrochemischen Signale, die das Gehirn von Sinnesorganen erhält, und outputs die elektrochemischen Signale, die das Gehirn an die Muskeln schickt.
    (2) Inputs sind die physikalischen Reize, die von unseren Sinnesorganen verarbeitet werden (das in unsere Augen fallende Licht, die auf unsere Ohren treffenden Schallwellen, die Geruchsmoleküle, die unsere Nase erreichen, usw.) und outputs sind die Bewegungen unserer Gliedmaßen.
    (3) Inputs sind die verschiedenen Umweltsituationen, in denen wir uns befinden, und outputs sind die Veränderungen in unserer Umwelt, die wir durch unsere Handlungen hervorrufen.
    Das Problem der Funktionalisten ist nun: Egal für welche dieser Möglichkeiten sie sich auch entscheiden, sie werden sich auf jeden Fall mit unliebsamen Konsequenzen konfrontiert sehen.

    Die erste Möglichkeit (1) impliziert beispielsweise einen Speziesismus. Denn nach ihr können nur solche Wesen mentale Zustände haben, deren Sinnesorgane die gleichen elektromagnetischen Signale erzeugen wie unsere, plus deren Effektoren durch die gleichen elektrochemischen Signale gesteuert werden wie unsere Muskeln. Wesen mit anders funktionierenden Sinnesorganen oder Effektoren (z.B. Cyborgs) werden damit von vornerein aus dem Kreis der mentalen Wesen ausgeschlossen. Der Einwand des Speziesismus gilt auch gegen die Auffassung (2), mit einer solchen Definition von "input" und "output" kann der Funktionalismus den Mentalbiologismus doch nicht überwinden. Und wie sieht es mit (3) aus? Auch diese Auffassung hat in Probleme mit Lebewesen, deren Sinnesorgane anders funktionieren als unsere. Denn eine Fledermaus wird beispielsweise ganz anders auf dieselben Umweltreize reagieren als wir Mensch das tun. Diese Probleme, die viele Funktionalisten dabei haben, input und output plausibel zu charakterisieren, hängen eng mit einem weiteren Kritikpunkt zusammen, der auf Stephen Schiffer zurückgeführt werden kann.

    Soweit Beckermann. Meiner Meinung nach zeigen diese von ohmaufgeführten Speziesismus-Probleme jedoch lediglich auf, dass der Funktionalist die Begriffe "input" und "output" ebenso unabhängig von einer ontologischen Realisierung charakterisieren muss!


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