Epiphänomen

Ein Epiphänomen (Apendix, Begleiterscheinung) ist eine Entität bzw. ein Phänomen, das zwar verursacht wird, selbst jedoch keine (signifikante) kausale Wirkungsrolle innehat.

Im Verhältnis zwischen einem Phänomen und dessen Epiphänomen verläuft das kausale Wirken nur in eine Richtung.
Im Verhältnis zwischen einem Phänomen und dessen Epiphänomen verläuft das kausale Wirken nur in eine Richtung.

Man unterscheidet zwischen einer starken und einer schwachen Deutung des Terminus "Epiphänomen":

1.    Gemäß der schwachen Deutung werden alle Zustände in einem bestimmten Kontext als Epiphänomene bezeichnet, die keine
signifikante
Wirkung auf diesen Kontext haben
. D.h.: Epiphänomene sind im gerade interessierenden Erklärungszusammenhang belanglos. In diesem Sinne ist z.B. Kohlerauch ein Epiphänomen im Kontext einer Dampflokomotive, insofern er nur von der Dampflokomotive verursacht wurde, selbst aber nicht nennenswert auf die DM einwirkt.

2.     Gemäß der starken Deutung werden alle Zustände in einem bestimmten Kontext als Epiphänomene bezeichnet, die überhaupt
keine
Wirkung auf diesen Kontext haben
. Diese Deutung liegt den meisten philosophischen Verwendungen von "Epiphänomen" zugrunde, doch zugleich wird kontrovers diskutiert, ob sich die starke Deutung überhaupt für irgendein Phänomen sinnvoll behaupten lässt. Es stellt sich nämlich die Frage, wie wir Kenntnis von etwas (im Kontext zu etwas anderem) erlangen sollen, das (zumindest: empirisch) keinerlei nachweisbaren kausalen Wirkungen hat.

1. Epiphänomenalismus

Epiphänomenalismus bezeichnet eine ihrem Ursprung nach dualistische Position/Theorie in der Philosophie des Geistes bzw. zum Leib-Seele-Problem. Der EP. behauptet, dass mentale Zustände bloße Begleiterscheinungen (Epiphänomene) neurophysiologischer Zustände sind, die selbst nicht kausal auf diese Zustände einwirken.

Laut dem Epiphänomenalismus ist unser phänomenales Erleben eine Einbahnstraße: Es wird zwar von der Physischen Welt verursacht, verursacht aber seinerseits nichts in der physischen Welt.
Laut dem Epiphänomenalismus ist unser phänomenales Erleben eine Einbahnstraße: Es wird zwar von der Physischen Welt verursacht, verursacht aber seinerseits nichts in der physischen Welt.

Zwar unterscheidet der Epiphänomenalismus die Bereiche Mental und Materiell. Dabei führt er aber den Bereich des epiphänomenalen Mentalen auf das Materielle zurück und ist somit eher dem Eigenschaftsdualismus als dem Substanzdualismus zuzuordnen. Mit seinem Kunstgriff umgeht der Epiphänomenalismus das interaktionistische Problem des klassischen descart´schen Dualismus, der uns eine Erklärung dessen schuldig blieb, wie ein substantieller Geist auf die materielle Welt einwirken können sollte.

Die umgekehrte Frage, wie und wo die postulierte Wirkung der Materie auf den Geist geschieht, bleibt indes auch beim Epiphänomenalismus offen.

Eine Übersicht über die 3 wichtigsten Dualismus-Typen.
Eine Übersicht über die 3 wichtigsten Dualismus-Typen.

Manche sehen im Epiphänomenalismus, wegen seiner Hauptthese - das Materielle sei das Eigentliche und das Mentale nur epiphänomenal -, tatsächlich eine verkappte Form des Monismus. Hubert Rohracher beispielweise vertrat explizit den EP als Monismus. Demzufolge wohnen mentalen Phänomenen weder Wirksamkeit noch Wirklichkeit inne, sie sind nur Nebenprodukte des Materiellen.

Mit einer solchen monistischen Sichtweise auf den EP wird die oben noch offengestandene Frage nach der Art der Wirkung vom Materiellen auf das Geistige obsolet. Es bleiben keine erklärungsbedürftigen, interaktionalistischen Prämissen mehr über.

Klartext: Die Machtlosigkeit eines epiphänomenalen Bewusstseins

Was bedeutet das alles? Im Klartext verneint der Epiphänomenalismus die Ideen von Autonomie und Selbstbestimmung.

Es gehört zu den Grunderfahrungen unseres Subjektseins, dass wir uns als frei und eigenverantwortlich verstehen. Über unser intentionales Seelenleben (d.h. über unsere Überzeugungen, Wahrnehmungen, Absichten und Wünsche) scheinen wir ganz offenbar unser Verhalten zu lenken: Wenn ich einen Kaffee möchte, dann mache ich mir einen und wenn ich Schmerzen habe, zucke ich zusammen und verziehe mein Gesicht. Bei all diesen Dingen scheint es offensichtlich zu sein, dass sich meine mentalen Zustände auf meine Physis ausleben. Der Epiphänomenalismus vereint nun genau dies. Er versteht mentale Phänomene als etwas, von denen wir zwar glauben, dass sie unsere physische Agitation zumindest mitkonstituieren, die in Wirklichkeit aber nur eine untergeordnete, ontologische Begleiterrolle spielen.

Der Epiphänomenalismus unter Miteinbezug der Zeit. Am Pfeilanfang steht die Ursache für das am Pfeilende verursachte.
Der Epiphänomenalismus unter Miteinbezug der Zeit. Am Pfeilanfang steht die Ursache für das am Pfeilende verursachte.

Was uns zusammenzucken lässt ist nicht der Schmerz, aber der neurophysiologische Sachverhalt, der diesen Schmerz verursacht. Was uns erröten lässt ist nicht die tiefempfundene Liebe zu unserem Schwarm, sondern das Neuronenfeuer, das dieses Liebesgefühl verursacht.

Und das bewusste Geruchserlebnis eines frischgemahlenen Kaffees, der aus der Küche kommt, hat auch absolut keinen Einfluss darauf, dass mein Körper kurz darauf in die Küche geht, sich eine Tasse Kaffee eingießt und ihn hinunterschlürft. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun! Wenn es nach dem Epiphänomenalismus geht, kann ich noch so sehr wollen und versuchen, etwas zu machen oder zu unterlassen, so etwas wie eine mentale Verursachung kann es nie geben und ich werde nie in der Lage sein, irgendetwas willentlich zu unternehmen.

„Das Gefühl des Wollens ist nicht die Ursache für eine freiwillige Handlung,
aber vielmehr das Symbol dessen, was der Zustand unseres Hirns und
die unmittelbare, wahre Ursache dieser Handlung ist.“
  Huxley

2. Geschichtliches

2.1. Epiphänomenalismus im 18.ten und 19.ten Jahrhundert

Eine der ersten expliziten Umschreibungen des "Epiphänomenalismus" findet sich im Essai de Psychologie des Schweizer Naturforschers und philosophischen Schriftstellers Charles Bonnet: "Die Seele ist ein bloßer Zuschauer der Bewegungen ihres Körpers, […] der letztere führt von selbst aus alle Reihen von Aktionen durch, welche das Leben konstituieren, […] er bewegt sich von selbst; […] es ist der Körper allein, der Ideen abbildet, vergleicht und anordnet; welcher Überlegungen formt, sich Dinge vorstellt und Pläne aller Art verwirklicht, usw." (1755)

Mehr als ein Jahrhundert später äußerte der britische Philosoph Shadworth Hodgson dieselbe Ansicht, dass: "das Bewusstsein nicht von früheren Bewusstseinszuständen erzeugt wird, jedoch werden beide durch die Wirkung des Gehirns produziert, und, umgekehrt, gibt es keinen Grund, zu sagen, dass […] Bewusstseinregungen das Gehirn oder dessen Wirkungen ändern könnten." (1865)

Die prominenteste und einflussreichste Artikulation und Verteidigung des Epiphänomenalismus entstammt aus der Feder des britischen Biologen, Physiologen und Philosophen Thomas Henry Huxley. Dieser schrieb 1874 einen vielbeachteten Aufsatz mit dem suggestiven Titel: "Über die Hypothese, dass Tiere Automaten sind, und ihre Geschichte". Huxley behauptet darin, dass nichtmenschliche Tiere und (vermutlich) auch Menschen sich selbst bewusste Automaten sind: Sie genießen ein bewusstes und geistiges Leben, ihr Verhalten sei jedoch komplett durch physikalische Mechanismen determiniert. Huxley war überzeugt, dass tierische und menschliche Körper rein physikalische Mechanismen darstellen würden, und dass die Prozesse hinter Leben und Bewusstsein in gleicher Weise erklärt werden können, wie alle physikalischen Phänomene. Diese mechanistische Auffassung behielt er bei: "es wurde nicht nur jeder Angriff, der auf den Epiphänomenalismus verübt wurde, abgestoßen […] er ist jetzt auch der ausdrückliche und implizite Fundamentalsatz der gesamten wissenschaftliche Physiologie-Lehre." (1874)

Schon Descartes argumentierte so, dass nicht-menschliche Tiere bloße, mechanische Automaten seien und den gleichen Gesetzen wie unbewusste Materie unterlägen. Huxley übernahm Descartes Verteidigung des Automatismus durch eine Berufung auf Reflexhandlungen. Er fand heraus, dass Frösche nicht imstande waren, ohne einen bestimmten Teil ihres Gehirns Maßnahmen willentlich zu initiieren, aber dennoch reflexhafte Handlungen zu vollführen vermochten. Daraus schloss er, dass Bewusstsein für (reflexhafte) Handlungen (von Fröschen) nicht notwendig sei und deshalb von etwas anderem, dem Gehirn, verursacht werden müsse:

„Der Frosch läuft, hüpft, schwimmt, und führt seine Turnübungen
auch ohne Bewusstsein, und folglich auch ohne Willensakt,
genauso gut aus wie mit; und wenn ein Frosch in seinem natürlichen Zustand irgendetwas besitzt, was dem entspricht, das wir „Willensakt“ nennen,
so haben wir folglich keinen Grund anzunehmen, dass es sich hierbei um irgendetwas anderes handelt, als um eine Begleiterscheinung molekularer Veränderungen im Gehirn, die einen Teil der Kette bilden, welche seine Bewegungen hervorbringt.“
                                                                                                                              - Huxley, 1874

Huxley stimmte mit Descartes darin überein, dass Tiere Automaten seien, aber er wollte nicht akzeptieren, dass sie auch frei von Mentalität sein sollten: "Schlafende Hunde dünken uns oft zu träumen. Falls sie das auch tatsächlich tun, muss man zugeben, dass ihre Gedanken weitergehen, wenn sie schlafen; und in diesem Fall gibt es keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie bei Bewusstsein sind."

Automatenstatus und Bewusstsein waren für Huxley zwei verschiedene Dinge und folgerichtig trennte er die beiden Fragen schärfer voneinander, als das Descartes tat. Huxley behauptete: Tiere haben Schmerzerfahrungen, aber der Schmerz ist, wie ihre Körperbewegungen, nur das Ergebnis neurophysiologischer Prozesse. Tiere sind folglich bewusste Automaten. Ganz im Kontrast zu Descartes, der Tiere als unbewusste Automaten klassifizierte.

Ähnlich wie bei den reflexartigen Bewegungen von Frösche, deuten nach Huxley einige Überlegungen darauf hin, dass wir zwar Automaten, jedoch bewusste Automaten sind. Er bezog sich dafür auf eine Fallstudie von Dr. Mesnet, der einen französischen Soldaten aus dem deutsch-französischen Krieg 1870 untersucht hatte. Von Zeit zu Zeit fiel dieser Soldat in einen tranceähnlichen Zustand, in dem er sich ganz seltsam verhielt:

"Wenn der Mann sich zufällig an einem ihm bekannten Ort wiederzufinden glaubte, verhielt er sich normal; […] Er aß, trank, rauchte, lief herum, zog sich an uns aus, wachte und schlief zu den gewohnten Stunden ein. Dennoch konnten Stifte in seinem Körper oder starke Stromschläge durch seinen Körper geschossen werden, ohne dass er auch nur die geringsten Anzeichen von Schmerzen zeigte; kein Geruch, sei er angenehm oder unangenehm gewesen, machte auf ihn den geringsten Eindruck; er aß und trank mit Begierde alles, was man ihm angeboten hatte. Und nahm man Asant, Essig oder Chinin, trank er es runter wie Wasser; kein Lärm berührte ihn, und Licht beeinflusste ihn nur unter bestimmten Bedingungen."
Huxley, 1874

Nachdem Mesnet´s Patient augenscheinlich Dinge tun konnte, für die man normalerweise ein Bewusstsein braucht, schien Bewusstsein weniger notwendig für Handlungen. Da es jedoch unmöglich war, zu beweisen, dass der Patient in seinem anormalen Zustand tatsächlich bewusstlos war, beanspruchte Huxley überhaupt gar nicht erst bewiesenzu haben, dass Menschen bewusste Automaten seien, doch zumindest dachte er: "der Fall des Frosches rechtfertigt entschieden die Annahme, dass der Patient in seinem abnormalen Status eine reine unempfindliche Maschine darstellt."

Die naturalistisch-mechanistischeEinstellung Huxleys in Bezug auf den menschlichen Körper brachte ihn zu der Überzeugung, dass (1) allein das Gehirn Verhalten verursacht. Zugleich kam er über seinen Dualismus zu der Überzeugung, dass (2) das Geistige im Wesentlichen nicht-physisch ist. Er versöhnte diesen beiden, gefühlsmäßig diskordanten Überzeugungen miteinander, indem er das Mentale auf den Status eines bloßen Epiphänomens (des Physischen) herunterstufte.

2.2. Epiphänomenalismus im 20.ten Jahrhundert

Die meisten zeitgenössischen Philosophen lehnen den Substanz-Dualismus (2) und die Vorstellung einer epiphänomenalen Mentalität (1) gleichermaßen ab. Damit geben sie beide Kernüberzeugungen Huxleys auf, und das zugunsten von Monismen (anstatt 2) und Identitätstheorien(anstatt 1).

Der Epiphänomenalismus scheint für viele Denker überholt, was nicht zuletzt auch an den vielen guten Einwänden liegt, die gegen ihn ins Feld geführt wurden.

3. Argumente für den Epiphänomenalismus

#Epiphänomenalismus #Pro

4. Argumente gegen den Epiphänomenalismus

#Epiphänomenalismus #Contra

6. Verweise

  • Anomaler Monismus: Läuft Donald Davidsons anomaler Monismus auf einen Epiphänomenalismus hinaus, wenn er nur konsequent zuendegedacht wird?
  • Bieri-Trilemma: Der Epiphänomenalismus bestreitet die zweite Prämisse des Bieri-Trillemas, d.h., (2) dass mentale Zustände im Bereich physischer Phänomene wirksam sind. Die anderen beiden Sätze lauten: (1) Mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene. (2) Der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen. Es können nicht alle drei Prämissen gleichzeitig für wahr gehalten werden, ohne dass man sich in Widersprüchen verfängt.
  • Bindungsproblem
  • Emergenz: Einige Emergenztheorien sehen mentale Konstrukte ebenfalls als Produkt von materiellen Vorgängen (Bewusstsein beispielsweise als das Produkt hinreichend vieler und korrekt vernetzter Neuronen). Weitergehende Aussagen über Wirkungen und Rückwirkungen zwischen Materiell und Mental werden von Emergenztheorien i.d.R. jedoch nicht getroffen.
  • Qualia: Sind Qualia epiphänomenal? Oder gibt es vielleicht gar keine Q.?
  • Willensfreiheit: Wenn der Epiphänomenalismus Recht hat und alle Wünsche und Vorhaben nur Begleiterscheinungen physikalischer Mechanismen sind, müssen wir die Vorstellung einer eigenen Willensfreiheit endgültig zu Grabe tragen. Denn diese Mechanismen, auf denen unsere mentalen Akte beruhen sollen, sind Teil der physikalischen Welt, die ihrerseits wieder durch streng mechanistische (deterministische oder probabilistische) Gesetze verursacht ist.

Bildquellen: Einbahnstraße, Grafik4.

Stand: 2015

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