Emergenztheorien des Mentalen

Die Emergenztheorie des Mentalen besagt, dass mentale Eigenschaften  emergente Eigenschaften E eines komplexen Systems S sind.

Nach Charlie Dunbar Broad lässt sich "Emergenz" weiterhin so analysieren[1]:

(E) Die Makroeigenschaft F eines komplexen Systems S mit der Mikrostruktur [C1, …, Cn; R] ist emergent, gdw.:

(a) Der Satz "Alle Systeme mit der Mikrostruktur [C1, …, Cn; R] haben die Eigenschaft F" ein wahres Naturgesetz ist[2], aber:

(b) Die Eigenschaft F kann prinzipiell nicht aus der Kenntnis all der Eigenschaften abgeleitet werden, die die Komponenten C1, …, Cn besitzen.

Die Bedingung (a) garantiert eine nomologische Supervenienz und die Bedingung (b) eine explanatorische Nichtreduktivität.[3]

Wie die Debatte um die Supervenienztheorie des Mentalen jedoch zeigt, garantieren (a) und (b) allein noch keinen mentalen Physikalismus.

Ein mentaler Physikalist muss mindestens die Realisierungsthese behaupten:

(a*) Der Satz "Alle Systeme mit der Mikrostruktur [C1, …, Cn; R] realisieren die Eigenschaft F" ist ein wahres Naturgesetz.

Die Emergenztheorie des Mentalen lässt sich somit wie folgt analysieren:

(EM) Die mentale Eigenschaft M eines komplexen Systems S mit der Mikrostruktur [C1, …, Cn; R], ist emergent, gdw.

(aM*) Der Satz "Alle physischen komplexen Systeme mit der Mikrostruktur [C1, …, Cn; R] realisieren die mentale Eigenschaft M" ist ein wahres Naturgesetz.

(bM) Die mentale Eigenschaft M kann prinzipiell nicht aus der Kenntnis all der Eigenschaften abgeleitet werden, die die Komponenten C1, …, Cn besitzen.

Es dürfte klar sein, warum eine so verstandene Emergenztheorie des Mentalen für einige Physikalisten derart attraktiv erscheint: Denn (aM*) impliziert die Realisierungsthese und somit potentiell einen "minimalen Physikalismus". Und (bM) macht diesen Physikalismus mit dem Umstand kompatibel, dass zumindest nicht alle mentale Eigenschaften explanatorisch reduzibel sind.

1. Kritik

Die entscheidende Schwachstelle aller nichtreduktiver Physikalismen scheint darin zu bestehen, dass sie sich durch die Realisierungsthese nicht hinreichend stark von einem Eigenschaftsdualismus abgrenzen lassen. Mit der Emergenztheorie des Mentalen lässt sich diese Schwachstelle wohlmöglich ausmerzen. Um dies genauer zu verstehen, bietet es sich an, die wesentlichen Unterschiede der folgenden Definitionen nochmal zu kontrastieren:

(R) Eine Makroeigenschaft eines Systems S ist explanatorisch reduzierbar, u.a. wenn sie auch aus den Mikroeigenschaften von S erklärt werden kann.
(E) Eine Makroeigenschaft eines Systems S ist emergent, u.a. wenn sie nicht aus den Mikroeigenschaften von S erklärt werden kann.

Charlie Dunbar Broad selbst erklärt den Unterschied so:

„Put in abstract terms the emergent theory asserts that there are certain wholes, composed (say) of constituents A, B, and C in a relation R to each other; that all wholes composed of constituents of the same kind as A, B, and C in relations of the same kind as R have certain characteristic properties; that A, B, and C are capable of occurring in other kinds of complex where the relation is not of the same kind as R; and that the characteristic properties of the whole R(A,B,C) cannot, even in theory, be deduced from the most complete knowledge of the properties of A, B, and C in isolation or in other wholes which are not of the form R(A,B,C). The [theory of reductive explainability] rejects the last clause of this assertion“[4]

Der entscheidende Unterschied zwischen (R) und (E) liegt also nicht im ontologischen Status, sondern in der epistemologischen Erklärbarkeit der jeweiligen Makroeigenschaft begründet. Der broadsche Emergenzbegriff (E) schließt damit nicht aus, dass die emergente Eigenschaften und die Mikroeigenschaften ontologisch identisch sein könnten, selbst wenn sie epistemologisch prinzipiell niemals als identisch identifiziert werden können.[5]

Diese "Identitäts-These" lässt sich mit (E) sogar explizit vertreten: 

(bMi) Die mentale Eigenschaft F kann epistemologisch prinzipiell nicht aus der Kenntnis all der Eigenschaften abgeleitet werden, die die Komponenten C1, …, Cn besitzen, ist aber ontologisch mit diesen identisch.

Dem steht ein Emergenzbegriff mitsamt "Nichtidentitäts-These" gegenüber:

(bMni) Die mentale Eigenschaft F kann epistemologisch prinzipiell nicht aus der Kenntnis all der Eigenschaften abgeleitet werden, die die Komponenten C1, …, Cn besitzen, und ist auch ontologisch nicht mit diesen identisch.

Die Identitäts-These (bMi) hat den Vorteil, dass sich der Emergenzbegriff mit ihr nun klar von einem Eigenschaftsdualismus abgrenzen lässt. Sie ist außerdem theoretisch zulässig, da explanatorische Reduzierbarkeit Identität impliziert, aber nicht umgekehrt.[5] Jedoch ist (bMi) intellektuell ziemlich unbefriedigend. Insbesondere ist sie bisher nichts weiter als eine faule ad-hoc-Annahme.

 

Die Anhänger der Identitäts-These müssen daher gute Gründe dafür nennen, weshalb mentale Eigenschaften und physische Eigenschaften zwar identisch sind, aber dennoch prinzipiell miteinander nicht identifiziert werden können.

Etliche Geistesphilosophen bezweifeln, dass es derartige prinzipielle Gründe überhaupt geben kann. Sie schließen (bMi) aus und fordern insbesondere seit den Neunzigern, dass ein Physikalismus nicht nur eine ontologische, sondern auch eine explanatorische Reduzierbarkeit behaupten muss. Ansgar Beckermann[6] und Terence Horgan[7] gehören zu den ausdrücklichen Befürwortern dieser Forderung, Jaegwon Kim widerspricht ihr.[8] Ein kontroverser Beitrag kam außerdem von Thomas Nagel, der mutmaßt, dass es vielleicht erst einer wissenschaftliche Revolution in den Kognitions- und Neurowissenschaften bedarf, bevor das Qualiaproblem gelöst werden kann. Colin McGinn meint, dass wir es niemals werden lösen können, da unser Gehirn dafür nicht gemacht ist.

Die Nichtidentitäts-These (bMni) hat den Vorteil, dass sie nicht mit derartigen definitorischen Plausibilitätsproblemen zu kämpfen hat. Da sie jedoch explizit behauptet, dass mentale Eigenschaften nicht-physischer Natur sind, scheint sie auf einen Eigenschaftsdualismus festgelegt zu sein. Der Eigenschaftsdualismus ist aber gerade die Gegenposition zum Eigenschaftsphysikalismus und folglich eigentlich eine dezidiert nicht-physikalistische Position. Dem ließe sich entgegenhalten, dass auch nach dem Eigenschaftsdualismus Subjekte Träger von mentalen Eigenschaften sind und diese damit, wenn man Subjekte als physische Entitäten auffasst, physisch realisieren. Wenn man Kims Analyse der Realisierungsthese also teilt, ist die Nicht-Identitätsthese zumindest mit einem "minimalen Physikalismus" vereinbar. Aber auch dann ergibt sich für den Nichtidentitäts-Emergenztheoretiker eine unbefriedigende Situation:

2. Pepper-Kim-Dilemma

Denn die Nichtidentitäts-Emergenztheoretiker ist auf die These festgelegt, dass mentale und physische Eigenschaften nicht-identisch sind. Damit steht er vor einem Dilemma:

(i) Epiphänomenalismus: Entweder er hält emergente M-Eigenschaften nicht für auf den Bereich des Physischen wirksam, dann sind sie nicht mental wirksam.

(ii) Downward-Causation: Oder er hält emergente M-Eigenschaften für auf den Bereich des Physischen wirksam, dann ist der Bereich des Physischen nicht kausal geschlossen.

Der Philosoph Achim Stephan hat dieses Dilemma, in Anlehnung an seine Proponenten, als "Pepper-Kim-Dilemma" bezeichnet[9]: Stephen Pepper schließt die zweite Option von vornerein aus und argumentiert gegen die erste.[10] Jaegwon Kim schließt die erste Option für einen Physikalisten aus und argumentiert gegen die zweite.[11] An anderer Stelle zeigt Stephan aber auf, dass dem Nichtidentitäts-Emergenztheoretiker eigentlich noch eine dritte Option offensteht:

(iii) Irrealismus: Er schreibt M-Eigenschaften überhaupt keine Realität zu.[12]

Diese Option wird von Terence Horgan eruiert, es handelt sich daher eher um ein "Pepper-Kim-Horgan-Trilemma". Interessanterweise hat sie andere Beweggründe als der artverwandte Eliminativismus, ontologisch laufen aber beide auf dasselbe hinaus.[13] Die These des Irrealismus ist schon allein deshalb falsch, weil Horgan wirklich davon überzeugt ist, dass man sie ernstnehmen sollte und weil "Horgan hat eine Überzeugung" eine mentale Eigenschaften ist. Die These (ii) widerspricht den Energieerhaltungssätzen, den nach Richard Feynman wichtigsten Prinzipien der Naturwissenschaften[14] und damit auch dem Physikalismus. Bleibt noch die These (i), die zumindest die unerfreuliche und kontraintuitive Konsequenz hätte, dass ich niemals aufgrund meiner Gründe, Überzeugungen und Wünsche, sondern immer nur aufgrund meiner P-Eigenschaften wie "x hat feuernde C-Fasern" gehandelt habe.

Einzelnachweise

[1] Ansgar Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes (2008), S. 220 f.

[2] Nach Broad gibt es einen wichtigen epistemischen Unterschied zwischen der Bedingung (a) bei emergenten gegenüber der (wortgleichen!) Bedingung (a) bei reduktiv erklärbaren Eigenschaften. Denn wenn F emergent ist, dann beschreibt (a) ein nicht weiter ableitbares Gesetz ("an unique and ultimate law"). Ein solches Gesetz kann allein dadurch entdeckt werden, dass man feststellt, dass eine endliche Anzahl von n Systemen die emergente Eigenschaften F haben, und dass man dieses Ergebnis induktiv auf alle Systeme mit derselben Mikrostruktur überträgt. Bei reduktiv erklärbaren Eigenschaften liegen die Dinge ganz anders: "Um das Verhalten einer Uhr voraussagen zu können, muss man noch nie in seinem Leben eine Uhr gesehen haben. Wenn einer Person erklärt wurde, wie die Uhr konstruiert ist, und wenn sie durch das Studium ´anderer´ materieller Systeme die allgemeinen Regeln über die Bewegung und die mechanischen Eigenschaften von Federn und starren Körpern gelernt hat, kann sie genau vorhersagen, wie sich ein System, das wie eine Uhr konstruiert ist, verhalten muss." Vergleich: C.D. Broad: The Mind and its Place in Nature (1925), S. 65 

[3] C. D. Broad spricht von einer "mechanischen Erklärung", meint damit aber exakt dasselbe wie Joseph Levine mit dem Begriff der "explanatorischen Erklärung". Vergleich: Ansgar Beckermann In: Grenzen und Grenzüberschreitungen: XIX. Deutscher Kongress für Philosophie, Bonn, 23.–27. September 2002. Vorträge und Kolloquien, S. 393 f.: "Es ist durchaus verblüffend zu sehen, daß der Begriff der reduktiven Erklärung, den man bei Levine und Chalmers findet, bis ins Detail dem Begriff der mechanischen Erklärung entspricht, den C. D. Broad schon 1925 mit dem Begriff der Emergenz kontrastiert hat."

[4] C. D. Broad: The Mind and its Place in Nature (1925), S. 61

[5] Achim Stephan: Emergenz (2007), S. 173

[6] ebd.

[7] Ansgar Beckermann: Eigenschafts-Physikalismus. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 50 (1996), S. 3 – 25.

[8] Terence Horgan: From Supervenience to Superdupervenience: Meeting the Demands of a Material World. (1993). In: Mind 102, S. 555 – 586

[9] Achim Stephan: Emergenz (2007), S. 175

[10] Achim Stephan: Emergenz (2007), S. 197

[11] Stephen Pepper: Emergence. In: The Journal of Philosophy 23, S. 241-245

[12] Jaegwon Kim: Epiphenomenal and Supervenient Causation. In: Midwest Studies in Philosophy 9, S. 257-270.

[13] Achim Stephan: Emergenz (2007), S. 196

[14] Terence Horgan: From Supervenience to Superdupervenience: Meeting the Demands of a Material World (1993), S. 581

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Stand: 2019

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