„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

1. Die Idee der Reduktion

Eine Reduktion besteht in der Rückführung einer Entität B in eine andere Entität A. Dabei ist typischerweise die Entität A, auf die reduziert wird, in irgendeiner Form elementarer als die zu reduzierende Entität B.

Konkret können Reduktionen wie folgt aufgefasst werden:

(1) als Elimination der ursprünglichen Entität B ("Entitäten der Art B gibt es nicht")

(2) als Konsolidierung der zu reduzierenden Entität B ("Entitäten der angeblichen Art B sind eigentlich Entitäten der Art A")

(3) als Transformation der untergeordneten Entität B (Beispiel: "die Gesetzesaussagen der Theorie B sind Spezialfälle, d.h. eine Teilmenge der übergeordneten Basistheorie A.")

Schon der Reduktionsbegriff selbst ist Teil einer philosophischen Kontroverse: Indem wir ihn zunächst als eine "Rückführung" charakterisiert haben, wurden wir nur die Wörter vertauscht (Reduktion, vom lat. "reducere", zurückführen), ohne aber geklärt zu haben, was unserer Meinung nach eine Reduktion bzw. eine Rückführung ausmachen soll: Was soll es beispielsweise heißen, wenn wir davon reden, dass die klassische Mechanik auf die spezielle Relativitätstheorie (Transformation?) oder dass die Biologie auf die Chemie und Physik (Konsolidierung?) rückführ- bzw. reduzierbar sind? Oder allgemeiner formuliert: Was bedeutet es, dass B auf A reduziert wird? Im Laufe der Diskussion verschiedener Reduktionsbehauptungen hat sich herausgestellt, dass auf diese (sprachanalytische) Frage verschiedene Antworten gegeben werden. D.h.: Der Begriff der Reduktion wird in verschiedenen Bedeutungen verwendet.

Dieser Aufsatz soll einen Überblick über die verschiedenen Arten und Auffassungen von Reduktion geben. Zunächst werde ich definieren, was ein Reduktionismus ist. Dann werde ich die grundsätzliche Unterscheidung zwischen Sukzessiven Reduktionen und Interlevel Reduktionen behandeln. Der dritte Part thematisiert die qualifizierenden Unterscheidungen zwischen Eliminativen  / Retentiven Reduktionen und prinzipiell möglichen / bloß heuristischen Reduktionen. Am Ende geht der Artikel noch auf das Für und Wider bestimmter Reduktionen ein. Eine hier bereits implizit getroffene Bezeichnung soll dabei beibehalten werden: A bezeichnet immer das, auf das reduziert wird, und B steht für das, was reduziert wird.

2. Reduktionismus

Reduktionismus ist dementsprechend die philosophisch-ontologische Lehre, die eine Reduzierbarkeit von B auf A behauptet. Ein Reduktionismus kann sich in so einer Auffassung ausdrücken: Das System B ist vollständig durch seine Einzelbestandteile der Art A bestimmt. Der gegenläufige Standpunkt zum Reduktionismus ist der Antireduktionismus, der eine Reduktion von B auf A für unmöglich hält. Leute, die die eine oder die andere Position bezüglich zweier zumindest dem Anschein nach verschiedener Entitäten vertreten, bezeichnet man diesbezüglich logischerweise als Reduktionisten oder Antireduktionisten. Von mir werden all diese Begriffe wertneutral verwendet, wohingegen in der öffentlichen Diskussion "Reduktionist" oder "Reduktionismus" häufig negativ konnotiert sind oder gar als Schimpfwörter benutzt werden.

Als das Gegenstück zum Reduktionismus kann der Holismus oder der Emergentismus verstanden werden. Plakativ gesagt behaupten der Holismus und Emergentismus, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Teile sei, während man den Reduktionismus so lesen kann, dass er genau dies verneint.

Der Reduktionismus kann (1) als generelles Programm vertreten werden, oder aber auch (2) auf einen bestimmten Geltungsbereich eingeschränkt werden:

(1)  Im ersten Sinne wurde ein Reduktionismus beispielsweise oft für alle Wissenschaftsbereiche behauptet. Eine solche Behauptung ist dann dem Ideal der Einheitswissenschaft verpflichtet und beinhaltet die Aussage, dass alle Entitäten der Welt theoretisch durch die eine, grundlegendste Wissenschaft zu erklären seien. Häufig sah man die Mikrophysik in der Rolle dieser grundlegendsten, alleserklärenden Wissenschaft.

(2)  Auch im zweiten Sinne kann man einen Reduktionismus interdisziplinär vertreten. So wurde beispielsweise schon des Öfteren behauptet, die Logik sei auf die Psychologie, die Psychologie auf die Neurobiologie oder die Biologie sei auf die Chemie und die Physik reduzierbar. Intradisziplinär hat man bspw. schon den Versuch unternommen, die Elektrodynamik auf die Strahlenoptik zu reduzieren, bisher jedoch ohne Erfolg.

Lässt sich wirklich alles mikrophysikalisch beschreiben? Also: Lassen sich selbst komplexeste soziale Phänomene wie ein Protestverhalten und Gruppenbildungen, oder das qualitative Phänomen des Bewusstseins, auf der Ebene der kleinsten Teilchen, der Quarks und Elektronen, hinreichend erklären? Manche Leute meinen ja, das ginge. Und auch wenn wir offensichtlich noch keine mikrophysikaliche Erklärung der Welt besitzen, ist das offensichtlich kein gutes Argument gegen diese Auffassung, denn wir können vieles noch nicht, was aber prinzipiell trotzdem möglich sein kann.

3. Grundsätzliche Unterscheidung:                 Sukzessive Reduktion vs. Interlevel Reduktion

Die Unterscheidung von sukzessiven und interlevel Reduktionen wurde in den frühen 1970er Jahren in die Wissenschaftsphilosophie eingeführt und hat sich seitdem als äußerst hilfreich erwiesen.

3.1. Sukzessive Reduktionen

Sukzessive (auch: diachrone) Reduktionen betreffen i.d.R. das Verhältnis von historisch aufeinanderfolgenden Theorien. Im Normalfall haben diese Theorien einen sich überschneideten Gegenstandsbereich, d.h. sie beschäftigen sich zumindest z.T. mit denselben Entitäten bzw. Phänomene, die dann von den Reduktionen betroffen sind.

Klassische Beispiele für sukzessive Reduktionen sind die Reduktion der Speziellen Relativitätstheorie auf die klassische Mechanik im Limes V à 0; die Reduktion der Quantenmechanik auf die klassische Mechanik im Limes hoher Quantenzahlen; oder die Reduktion der Wellenoptik auf die geometrische Optik im Limes großer Wellenlängen. An diesen Beispielen zeigt sich, dass der sukzessive Reduktionsbegriff gleich zwei Bedeutungskomponenten enthält: den des Zurückführens und den des Verringerns im Sinne von Verkleinern oder Vereinfachen. So wurde die spezielle Relativitätstheorie bei ihrer Reduktion auf die klassische Mechanik nicht nur auf diese zurückgeführt, sondern ihr Geltungsbereich auch massiv verringert. All die neuartigen Geltungen der im Bereich hoher Geschwindigkeiten gehen der SRT bei ihrem Übergang in die klassische Mechanik verloren, was in diesem Fall jedoch intendiert ist, da man sich gerade dafür interessiert, ob sich die quantitativen Aussagen der spezielle Relativitätstheorie für den speziellen Fall kleiner, gegen Null gehender Geschwindigkeiten tatsächlich an die der klassischen Mechanik annähern.

Nun sind sukzessive Reduktionen jedoch weit mehr das Arbeitsgebiet der theoretischen Physik, speziell der mathematischen Physik, als das der (Wissenschafts-)Philosophie. Denn bspw. die Frage, ob die meist quantitativen Aussagen einer späteren, typischerweise komplexeren Theorien bei einem Grenzübergang quantitativ in die der früheren Theorie übergehen, ist eine primär mathematische Frage, die von innerwissenschaftlichen Interesse ist und auch nur in diesem Bereich gelöst werden kann. Die relevanten Grenzübergänge sind mathematisch z.T. äußerst heikel, sodass sogar das Gros der theoretischen Physiker sich damit begnügt, sie plausibel zu machen, ohne sie wirklich zu beweisen. Unser Aufsatz ist philosophisch intendiert und soll keinesfalls in einer mathematischen Abhandlung enden, weswegen wir diesen Absatz nun ein wenig abrupt beenden und uns dafür umso intensiver den interlevel Reduktionen widmen wollen:

3.2. Interlevel Reduktionen

Interlevel (auch: bereichsverbindende, synchrone) Reduktionen betreffen das Verhältnis von verschiedenen Gegenstandsbereichen. Sie sind es, die das große Interesse der Wissenschaftsphilosophie treffen.

Klassische Beispiele für Interlevel Reduktionen sind die Versuche der Reduktion der Biologie auf Chemie und Physik, der Chemie auf Physik, der Optik auf Elektromagnetismus, der Soziologie auf Psychologie oder des Mentalen auf Psychisches oder Physisches. In all diesen Reduktionsversuchen steckt die Idee, dass die Elemente einer komplexeren Entität B durch die Elemente der relativ dazu einfacheren Entität A hervorgebracht werden, so dass B abhängig ist von A. Ein solches Abhängigkeitsverhältnis ist supervenient, d.h. Unterschiede zwischen B-Entitäten kann es nur aufgrund von Unterschieden zwischen A-Entitäten geben. B-Entitäten können sich nicht ändern, es sei denn, die zugehörigen A-Entitäten ändern sich.

Wie kommt es zu einer Abhängigkeit der B-Entitäten von A-Entitäten? Im allerhäufigsten Fall sind die B-Entitäten aus A-Entitäten zusammengesetzt; die Elemente von A und B stehen dann im Verhältnis von Teilen und Ganzem. Man spricht in diesen Fällen von "Mikroreduktionen", Mikroreduktionen erlauben hierarchisch angeordnete Komplexitätsniveaus, wie z.B. bei Populationen à mehrzellige Lebewesen à Zellen à Moleküle à Atome à Elementarteilchen

("à" steht für: besteht aus).

Selbstverständlich gibt es nur deshalb einen Unterschied zwischen Molekülen, weil sie aus unterschiedlichen Atomen bzw. aus den gleichen Atomen unterschiedlich zusammengesetzt sind. Gleiches gilt für Nukleonen: Es gibt nur deshalb verschiedene Arten von ihnen, weil sie aus verschiedenen Quarks zusammengesetzt sind. Moleküle sind also auf Atome und Nukleonen auf Quarks supervenient

Ein determinierendes Verhältnis von A auf B kann aber auch anders als durch eine Teil-Ganzes Beziehung gegeben sein: In der Philosophie des Geistes werden beispielsweise verschiedene Reduktionen zwischen dem Physischen und dem Mentalen diskutiert und dabei eine Hervorbringung und Determination des Mentalen durch das Physische ("Gehirn erschafft Geist") unterstellt, ohne dass damit immer eine Teil-Ganzes Beziehung gemeint ist. In dualistischen Auffassungen wird zum Beispiel davon ausgegangen, dass der Geist kein Teil der physischen Welt ist, von dieser aber hervorgebracht und determiniert wird. Es wird also ein determinierendes Verhältnis von A auf B unterstellt, ohne dabei eine Teil-Ganzes Beziehung zu behaupten.

Auch wenn sukzessive und interlevel Reduktionen in diesem Text theoretisch analytisch genau voneinander getrennt werden sollen, gelingt dies in der Realität praktisch häufig nicht. Es gibt zig Beispiele, bei denen die beiden Arten untrennbar miteinander verwoben sind und sich nicht vernünftig sagen lässt, dass das eine ein rein sukzessive Reduktion und das andere eine rein interlevel Reduktion sei. Nehmen wir den Versuch einer interlevel Reduktion von B auf A, bei dem sich herausstellt, dass die Theorien von A weiterentwickelt werden sollten, oder die bislang akzeptierten Theorien von B einiger Korrekturen bedürfen. In diesen Fällen kann es zu einer wechselseitigen Beeinflussung der Entwicklung von reduzierende und reduzierte Theorie kommen. Ein reales Beispiel hierfür ist die sich gegenseitig beeinflussende Entwicklung der Thermodynamik und der statistischen Mechanik, bei denen sich nicht sagen lässt, ob sie sich sukzessiv reduktiv oder interlevel reduktiv entwickeln.

3.2.1. Arten von interlevel Reduktionen

3.2.1.1. Ontologische Reduktion

Eine Art von Interlevel Reduktionen ist die ontologische Reduktion. Die ontologische Reduktion thematisiert, ob sich B-Entitäten ihrer Substantialität nach von A-Entitäten unterscheiden.

Zum Beispiel behauptet der ontologische Reduktionismus der Biologie auf Physik und Chemie, dass biologische Entitäten der Sache nach nichts weiter sind als physikalische und chemische Entitäten (Reduktion als Konsolidierung). Dieser Auffassung ist heute die Mehrheit aller Biologen. Umgekehrt meint der ontologische Antireduktionismus der Logik auf die Psychologie, dass logische Sachverhalte dem Wesen nach etwas anderes sind als bloß psychologische Sachverhalte. Nahezu alle Logiker vertreten einen Antireduktionismus der Logik auf Psychologie bzw.: einen Antipsychologismus.

Im Kontext des Leib-Seele Problems wird oft von dualistischen Positionen gesprochen. Gemeint ist damit ein ontologischer Dualismus, beziehungsweise ein ontologischer Antireduktionismus, der behauptet, dass mentale Entitäten substantiell anders sind als physische Entitäten und sich nicht auf diese reduzieren lassen. Dualistische Positionen zum Leib-Seele Problem werden heute nur noch von einer kleinen Minderheit eingenommen.

Offensichtlich ist eine ontologische Reduktion nur dann möglich, wenn:

(1) die Elemente von B aus solchen von A zusammengesetzt sind und
(2) bei dieser Zusammensetzung keine neuen Wechselwirkungen ins Spiel dazukommen als die von A ("das Ganze nicht mehr als die Summe seiner Teile" ist), sprich nur bei Mikroreduktionen.

Nach dem heutigen Verständnis ist die Chemie ontologisch auf die Physik reduzierbar, weil (1) Moleküle aus Atomen zusammengesetzt sind und (2) die für ihre Zusammensetzung relevanten Kräfte physikalische Kräfte sind, also keine für die Chemie spezifischen Wechselwirkungen existieren. Man könnte sagen, die Chemie ist ein Teilgebiet der Physik.

3.2.1.2. Epistemologische Reduktion

Neben der ontologischen R. ist auch die epistemologische R. der Art nach eine interlevel R. Die epistemologische (auch: epistemische) Reduktion hat zur zentralen Frage, ob ein Wissen über B-Entitäten auf ein Wissen über A-Entitäten zurückgeführt werden kann.

Bei der Diskussion der epistemologischen Reduktion wird oft die Annahme getroffen, dass das Wissen über B-Entitäten in den für B geltenden (Natur-)Gesetzen enthalten ist. Entsprechend wird beispielsweise im Rahmen der epistemologischen Reduktion der Biologie auf Chemie und Physik behauptet, dass die biologischen Gesetze auf chemische und physikalische Gesetze rückführbar seien. Für diese Rückführung müssen zwei Bedingungen erfüllt sein, die von Ernest Nagel in seiner einflussreichen Arbeit die Verbindbarkeits- und Ableitbarkeitsbedingung genannt werden:

(1) Die Verbindbarkeitsbedingung ist notwendig, weil das Vokabular von B normalerweise Begriffe enthält, die in A nicht vorkommen. Beispielsweise gibt es in der Biologie den Begriff des Hämoglobins (Blutfarbstoff), der kein physikalischer oder chemischer Begriff ist. Wenn die B-Gesetze der Biologie, in denen typisch biologische Begriffe wie Hämoglobin vorkommen, auf die A-Gesetze der Chemie und Physik zurückgeführt werden, dann müssen die typisch biologischen Begriffe chemisch und physikalisch ausgedrückt werden können. Dafür benötigt man Sätze, die angeben, welche biologischen B-Begriffe mit den chemischen und physikalischen A-Begriffen korrespondieren, solche Sätze heißen dann folglich Korrespondenzsätze. Die Verbindbarkeitsbedingung fordert die Angabe von Korrespondenzsätzen.

Dazu muss man für einen biologischen Begriff B* einen logisch äquivalenten Ausdruck A* finden, der ausschließlich aus chemischen und physikalischen A-Begriffen aufgebaut ist. Der B-Begriff des Hämoglobins kann beispielsweise mittels chemischer A-Begriffe ausgedrückt werden, indem man die Strukturformel des Hämoglobins angibt. Aussagenlogisch kann die logische Äquivalenz von B* mit A* mit einem Bikonditional ausgedrückt werden: B* <-> A*. Wenn sich ein solches Bikonditional aufschreiben lässt, dann ist die Verbindbarkeitsbedingung erfüllt.

Selbst in der Fachliteratur werden Bikonditionale häufig noch bikonditionale Brückengesetze genannt, was insofern irreführend ist, als dass der damit behauptete Status eines Bikonditionals, Gesetze auszudrücken, überhaupt nicht klar ist. Die Reduktion der Optik auf die Elektrodynamik bedeutete beispielsweise die Identifikation von Licht mit elektromagnetischen Wellen, womit die Verbindbarkeitsbedingung erfüllt war, aber reden wir hier wirklich von (Natur-)Gesetzen? Naturgesetze machen typischerweise keine Identifikationsaussagen, wie es bei der Reduktion der Optik auf die Elektrodynamik der Fall ist, sondern beschreiben einen gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen verschiedenen Größen. Es ist also fraglich, ob Bikonditionale immer Gesetze ausdrücken und glücklicherweiße können wir diese Frage überspringen: Wie auch immer der Status eines Bikonditionals en Detail aussehen mag, sicher ist, dass sich mittels bikonditionaler Korrespondenzsätze biologische B-Gesetze mit chemischen und physikalischen A-Begriffen reformulieren lassen, indem man die entsprechenden biologischen B-Begriffe zugunsten von chemischen und physikalischen A-Begriffen eliminiert.

(2) Die Ableitbarkeitsbedingung fordert, dass die reformulierten B-Gesetze auf die A-Gesetze zurückgeführt werden können, d.h. dass sie in den A-Gesetzen enthalten sind. Dieses "Enthaltensein" bedeutet, dass die B-Gesetze aus den A-Gesetzen logisch ableitbar sind bzw. sein sollen.

Um präziser zu werden müssen wir die Ableitungsbedingung etwas genauer formulieren. Dies lässt sich daran zeigen, dass die epistemologische Reduktion zeigen will, dass die B-Gesetze Spezialfälle der Gesetze von A sind. Wenn beispielsweise die biologischen Gesetze der Vererbung letzten Endes aus der Quantenmechanik ableitbar wären, dann wären sie auf Spezialfälle der Quantenmechanik, d.h. Aussagen, die die Quantenmechanik macht, wenn sie auf eine bestimmte Klasse sich reprozuriender Systeme angewendet wird. Man würde sagen, die Gesetze der Vererbung sind aus den Gesetzen der Quantenmechanik ableitbar, bzw. die Gesetze der Vererbung sind als ein Spezialfall in den Gesetzen der Quantenmechanik enthalten.

Um nun die Gesetze der Vererbung aus den Gesetzen der Quantenmechanik abzuleiten, benötigt man als Prämissen dieser Ableitung nicht nur die A-Gesetze der Quantenmechanik und die zugehörigen Korrespondenzsätze für die entsprechenden Begriffe der Genetik, sondern auch die Spezifikation der Systeme, auf die man die Quantenmechanik anwenden will.

Alles in allem lässt sich die epistemologische Reduktion der B-Entitäten auf A-Entitäten folgendermaßen charakterisieren:

Aus:

A-Gesetze & bikonditionale Korrespondenzsätze für B-Begriffe & Systemspezifikationen

lassen sich logisch ableiten:

B-Gesetze.

Dreierlei ist hierzu anzumerken:

(1) Die Hinzunahme der Systemspezifikationen zu den Prämissen der Ableitung ist essentiell, ohne sie wäre die Ableitung nicht möglich: Ein Gesetz vermag keine Aussagen über ein bestimmtes System zu machen, wenn nicht die Information bereitsteht, um welches System es sich dabei handelt.

(2) Die epistemologische Reduktion ist eine Typenreduktion (engl.: "type-type-Reduktion"). Gemeint ist damit, dass bikonditionale Korrespondenzsätze B-Eigenschaften mit A-Eigenschaften identifizieren. Eigenschaften sind dabei stets allgemein, d.h. sie kommen allen Entitäten eines bestimmten Typs zu. Hat eine Entität die Eigenschaft eins Typs nicht, gehört sie diesem auch nicht an. Korrespondenzsätze ordnen einem Typ von B-Gegenständen (denen B* zukommt) einen Typ von A-Gegenständen (denen A* zukommt) zu. Der (englischsprachige) Gegenbegriff zu "type-type" ist "token-token" ("token" bezeichnet ein Einzelexemplar); er bedeutet die Zuordnung eines einzelnen B-Gegenstands zu einem einzelnen A-Gegenstand.

(3) Die epistemologische Reduktion wird häufig mit einem Erklärungsanspruch verbunden, d.h. die Behauptung, dass die obige Ableitung eine Erklärung der B-Gesetze liefere. Das ist oft, aber durchaus nicht immer der Fall. Es ist insbesondere dann nicht der Fall, wenn im gegebenen Kontext ein Teil der Prämissenmenge der Ableitung nicht als erklärungskräftig für die B-Gesetze, sondern selbst als erklärungsbedürftig angesehen wird. Zum Beispiel kann eine Prämisse so rätselhaft erscheinen, dass sie selbst erklärungsbedürftig ist. Dies ist z.B. beim Problem des Physikalismus mit der Erklärung von Qualia der Fall: Für die epistemologischer Reduktion psychischer auf physischer Vorgänge benötigt man Bikonditionale, die psychische Zustände mit neuronalen Korrelaten verknüpfen. Warum jedoch eine physische Konfiguration etwa mit einer Rot-Empfindung, einer Blau-Empfindung oder einem Schmerzgefühl korreliert ist, bleibt dabei rätselhaft. Alle bisherigen Versuche einer epistemologischen Reduktion des Psychischen auf das Physische machen Gebrauch von solchen unverstandenen Korrespondenzsätzen, die mehr erklärungsbedürftig als erklärungskräftig sind. Sie liefern keine Erklärung für die B-Entitäten.

3.2.1.3. Explanatorische Reduktion

An dritter Stelle wollen wir die explanatorische Reduktion diskutieren. Die explanatorische Reduktion  (auch: reduktive Erklärung) betrifft die Frage, ob B-Entitäten mittels der Ressourcen von A erklärt werden können.

Die Position der explanatorischen Reduktion der Biologie auf Physik und Chemie behauptet beispielsweise, dass biologische Entitäten chemisch und physikalisch erklärt werden können. Die genauere Explikation des Begriffs der explanatorischen Reduktion hängt natürlich davon ab, was man unter einer Erklärung versteht. Angenommen, man würde an dieser Stelle dem Hempel-Oppenheim-Schema der Erklärung bedingungslos folgen, gemäß dem, grob gesagt, eine Erklärung aus einer Ableitung aus Gesetzen und sogenannten Antezdens-Bedingungen besteht, so fiele der Begriff der explanatorischen Reduktion mit dem vorher behandelten der epistemologischen Reduktion zusammen. 

Tatsächlich aber gilt das Hempel-Oppenheim-Schema sicher nicht für alle Erklärungstypen, so dass sich der Begriff der explanatorischen Reduktion von dem der epistemologischen Reduktion unterscheidet: Viele in den Biowissenschaften als befriedigend empfundene Erklärungen etwa haben nicht den Grad an Explizitheit, den das Hempel-Oppenheim-Schema fordern würde. Jene biowissenschaftlichen Erklärungen stützen sich häufig auf ein recht grobes Verständnis der wichtigsten Kausalfaktoren einer Entität und es fehlt ihnen daher die vom Hempel-Oppenheim-Schema verlangte Differenzierung von Antzendens-Bedingungen und Gesetzesaussagen. Eine allgemeine Charakterisierung der explanatorischen Reduktion muss deshalb stets vage bleiben, da sie Raum für verschiedene Erklärungstypen geben muss. Allgemein lässt sich sagen, dass bei der explanatorischen Reduktion auf der A-Ebene eines Prozesses, eines Mechanismus, einer Struktur oder dergleichen die angemessene Erklärung einer B-Entität gesucht wird.

Abstrahiert man von dieser Definition, könnte es intuitiv plausibel scheinen, dass man für B-Entitäten nur noch A-Erklärungen akzeptiert, sobald solche zur Verfügung stehen bzw. erarbeitet werden können. Was jedoch nicht der Fall ist. Der amerikanische Sprachphilosoph Hilary Putnam hat hierfür ein überzeugendes, alltägliches Beispiel vorgelegt: Gegeben sei ein Brett mit einer quadratische Öffnung von 2 cm Seitenlänge und einer kreisförmigen Öffnung von 2 cm Durchmesser, dazu noch ein Holzstab mit quadratischem Querschnitt von 1,9 cm Kantenlänge. Möchte man erklären, warum sich das Holzstab nicht durch das runde Loch, wohl aber durch das quadratische Loch stecken lässt, so bezieht man sich auf die geometrischen Verhältnisse (die Diagonale des Stabquerschnitts misst ca. 2,69 cm, also geht der Stab nicht durch das Loch von 2 cm Durchmesser) und auf die aus der Empirie bekannte Festigkeit des Materials Holz. Aufgrund welcher molekularen Struktur das Holz jedoch seine Festigkeit hat, ist im gegebenen Kontext völlig irrelevant, da auch jede andere molekulare Realisierung der Festigkeit, z.B. die bei Eisen oder Glas, zum gleichen Ergebnis führen würde. Putnams Beispiel zeigt, dass es Fälle gibt, in denen eine reduktive Erklärung, obwohl im Prinzip möglich, gänzlich unangemessen sein kann: Der Rekurs auf B-Eigenschaften und B-Relationen genügt für die gesuchte Erklärung vollkommen.

3.2.1.4. Methodologische Reduktion

Verwandt, aber nicht identisch mit der explanatorischen Reduktion ist die methodologische (auch: prozedurale) Reduktion. Die methodologische Reduktion stellt die Frage in den Raum, ob die Erforschung von B-Entitäten mittels der üblicherweise für die Erforschung von A-Entitäten spezifischen Methoden zu erfolgen hat.

Beispielsweise behauptet die Position des methodologischen Reduktionismus der Biologie auf Physik und Chemie, dass biologische Entitäten ausschließlich mittels physikalischer und chemischer Methoden erforscht werden können.

In dieser starken, kategorischen Form ist die Forderung nach einer methodologischen Reduktion offensichtlich unhaltbar. Ein Grund hierfür ist insbesondere, dass die vorhergegangenen vier Reduktionsformen voraussetzen, dass spezifisches Wissen über das Niveau B vorhanden ist, an dem eine ontologische, epistemologische oder explanaorische Reduktion dann ansetzen kann. Die Forderung nach einer methodologischen Reduktion würde jedoch die Erzeugung von solchem Wissen gerade untersagen. Auch aus diesem Grund vertreten Reduktionsbefürworter in der Regel andere Formen der Reduktion und nicht die methodologische, diese wird ihnen von Reduktionsgegnern allenfalls hinterhergesagt.

3.2.1.5. Funktionelle Reduktion

Zum Schluss sprechen wir über die funktionelle Reduktion. Die funktionelle Reduktion fragt, ob die B-Entitäten mit bestimmten A-Entitäten identifiziert werden können, die die gleichen Funktionen wie die B-Entitäten besitzen.

Dabei ist der Funktionsbegriff entscheidend und in einem besonders weiten Sinne zu verstehen: Gemeint sind primär Bedingungen, die zum Auftreten von B-Entitäten führen und Wirkungen, die von ihnen ausgehen. Angewendet auf unser Paradebeispiel: Die Position des funktionellen Reduktionismus der Biologie auf Physik und Chemie steht für die These, dass biologisch definierte Substanzen, z.B. bestimmte Produkte einer Tier- und Pflanzenart, mit physikalisch und chemisch charakterisierten Substanzen identifiziert werden können, die insbesondere die gleichen Wirkungen haben wie die biologisch definierten Substanzen.

Das Verhältnis von explanatorischer Reduktion und funktioneller Reduktion ist in Expertenkreisen ungeklärt. Es deutet sich an, dass sie in vielen, womöglich aber nicht in allen Fällen identisch sind.

2. Qualifizierende Unterscheidungen

In den vorausgegangenen Abschnitten wurden verschiedene Reduktions-behauptungen diskutiert. Jede dieser Reduktionsbehauptungen lässt sich nun nochmal weiter differenzieren, indem Unterscheidungen bezüglich zusätzlicher Aspekte getroffen werden, die ebenso relevant für die (wissenschaftliche) Praxis sind.

2.1. Eliminative vs. Retentive Reduktion

Der Unterschied von eliminativer und retentiver Reduktion differenziert hinsichtlich der Frage, was mit dem weniger gehaltvollen Reduktionspartner B nach erfolgter Reduktion geschieht: (1) Im Fall der eliminativen Reduktion wird B nach seiner Rückführung in A entbehrlich und daher eliminiert und (2) im Fall der retentiven Reduktion spielt B auch nach seiner Rückführung in A weiterhin eine Rolle.

Theatralisch gesprochen geht es also um das "Schicksal" von B: Stirbt es, oder lebt B in A weiter? Tatsächlich kommen beide Fälle vor. Und was logisch erscheint kann auch als Faustregel herhalten: Der weniger gehaltvolle Reduktionspartner B spielt dann noch weiterhin eine Rolle, wenn seine Beschreibungen für den entsprechenden Gegenstandsbereich (a) hinreichend korrekt und (b) ökonomischer sind als die Beschreibungen, die der gehaltvollere Reduktionspartner A parathält.

Ein Beispiel für eine retentive Reduktion ist die klassische Mechanik, für die die spezielle Relativitätstheorie für große Geschwindigkeiten eine Nachfolgetheorie ist. Obwohl aus der Sicht dieser Nachfolgetheorie die klassische Mechanik strenggenommen falsch ist, wird sie im Bereich nicht allzu hoher Geschwindigkeiten nach wie vor in Wissenschaft und Technik verwendet, weil sie dort quantitativ hinreichend genaue Aussagen liefert.

Interlevel Reduktionen sind im Regelfall auch retentive Reduktionen, und zwar aus dem schon genannten Grund der Ökonomie. Selbst wenn die Chemie restlos auf die Physik zurückgeführt werden könnte, würden typische chemisch relevante Termini und Gesetze weiterhin verwendet werden, weil sie einfachere Aussagen über chemisch relevante Sachverhalte gestatten als ihre Übersetzungen in physikalisches Vokabular. Dementsprechend sind Befürchtungen von Vertreten eines Wissenschaftsgebietes B (z.B. Chemie), von dem Wissenschaftler eines anderen Gebietes A (z.B. Physik), wenn die Reduktion von B auf A gelänge, dass damit auch ihr Arbeitsgebiet eliminiert würde, meist unbegründet. Forschungspraktisch haben solche Reduktionsversuche i.d.R. wenig direkte Konsequenzen.

2.2. Tatsächliche durchführbare vs. Prinzipiell mögliche vs. Heuristische Reduktion

Eine selbsterklärende Unterscheidung ist die zwischen (1) tatsächlich durchführbaren R., (2) prinzipiell möglichen R., und (3) (bloß) heuristischen Reduktionen.

Mit dieser Unterscheidung werden verschieden starke Ansprüche betitelt, mit denen eine Reduktionsbehauptung oder Antireduktionsbehauptung aufgestellt werden kann. Im stärksten Fall (1) wird die tatsächliche Durchführbarkeit einer bestimmten Reduktion behauptet. Wenn ich zum Beispiel die gegenwärtig mögliche, vollständige Aufklärung der chemischen Struktur einer biologischen Substanz behaupte, vertrete ich damit einen partiellen Reduktionismus der Biologie auf Chemie und gebe dem Antireduktionismus bzgl. dieser Substanz keinen Fußbreit. Eine Abschwächung ist die Behauptung (2), eine bestimmte Reduktion sei zwar im Prinzip möglich, tatsächlich aber wegen praktischer Schwierigkeiten (momentan und bis auf weiteres) nicht durchführbar. (1) und (2) sind beides kategorische Reduktionsbehauptungen.

Konträr dazu steht (3) eine als (bloß) heuristisch qualifizierte Reduktionsbehauptung. Mit ihr wird asseriert, dass in einem bestimmten Gebiet eine reduktionistische Forschungsstrategie heuristisch fruchtbar sei. Dabei kann ein heuristischer Reduktionismus in einem bestimmten Gebiet durchaus mit dem entsprechenden kategorischen Antireduktionismus verträglich sein (und umgekehrt)! Beispielsweise hielt der Biophysiker Max Delbrück die Biologie für prinzipiell nicht auf die Physik reduzierbar, verfolgte aber in der Biologie ein reduktionistisches Forschungsprogramm, weil er nur so die spezifisch biologischen Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren können glaubte.

3. Argumente Pro & Contra Reduktion

Bei Argumenten für oder wider die Möglichkeit von Reduktionen ist zuallererst der bereits angesprochene Anspruch zu berücksichtigen, mit dem eine Reduktionsbehauptung aufgestellt oder bestritten wird. Handelt es sich um eine kategorische oder bloß heuristische Reduktionsbehauptung? Über bloß heuristische Reduktionsbehauptungen streitet man sich in den Wissenschaften eher selten. Bei kategorischen Reduktionsbehauptungen sind die Debatten dafür umso hitziger.

Hinsichtlich der kategorischen Reduktionsbehauptungen fällt auch eine fundamentale, argumentative Asymmetrie auf, was die Begründung von reduktionistischen bzw. antireduktionistischen Positionen betrifft. Eine reduktionistische Behauptung ist eine Existenzbehauptung, nämlich jene, dass die entsprechende Reduktionsbeziehung wirklich existiert bzw., dass die behauptete Reduktion in Wirklichkeit durchführbar ist. Existenzbehauptungen werden am direktesten dadurch belegt, dass die als existierend behauptete Sache vorgewiesen bzw. konstruiert wird, ergo eine behauptete Reduktion durchgeführt wird.

Von daher ist völlig klar, wie für eine konkrete Reduktionsbehauptung, dass B tatsächlich reduzierbar sei, argumentiert werden muss: die behauptete Reduktion muss vorgeführt werden. Genau dies ist in unzähligen Fällen von interlevel Reduktionen, etwa im Rahmen der Physik, Chemie, Pharmazie, Biologie, Geologie, Linguistik und Ökonomie geschehen, in denen zigmal ontologische, explanatorische und funktionelle Reduktionen durchgeführt wurden. Makroökonomische Effekte, sprachliche Sätze, die Plattentektonik, Zellen, Pharmazeutika, Stoffe und Atome wurden als Systeme von kleineren Einheiten A analysiert und anschließend auf verschiedene Weisen auf diese reduziert. Antireduktionisten leugnen diese Erfolge für gewöhnlich nicht, bestreiten aber, dass sie sich (unbeschränkt) fortsetzen lassen. Auch für sukzessive Reduktionen gibt es klare Exempel, wie etwa die bereits erwähnte Reduktion der speziellen Relativitätstheorie auf die Newtonsche Mechanik.

Schon spürbar weniger klar ist die zu verwendende Argumentationsstrategorie für Reduktionen, die nur im Prinzip möglich sein sollen, d.h. die nicht tatsächlich vorgeführt werden können! Hier muss plausibel gemacht werden, dass die behauptete Reduktion mit ausreichenden Mitteln durchführbar wäre. Bei interlevel Reduktionen bezieht man sich dabei häufig auf bereits erzielte Erfolge bestimmter Forschungsprogramme. In den biomedizinischen Wissenschaften herrscht beispielsweise die Überzeugung vor, dass sich biomedizinisch relevante Stoffe chemisch vollständig charakterisieren lassen, ja dass alle Lebensvorgänge eine rein materielle, auf physikalisch-chemische Prozesse reduzierbare Grundlage haben. So beinhaltet die Überzeugung zumindest die ontologische, die explanatorische und die funktionelle Reduktion der entsprechenden Teile der biomedizinischen Wissenschaften auf Physik und Chemie. Tatsächlich vorgeführt sind diese Reduktionen aber natürlich bis dato nur zu einem sehr geringen Teil. Das Fehlen empirisch auch nur einigermaßen erhärteter Alternativen und die sich bislang kontinuierlich einstellenden Erfolge dieses reduktionistischen Programms lassen für die meisten Forscher keine Grenzen für es erkennen.

Gleichermaßen werden auch viele sukzessive Reduktionen für als im Prinzip möglich erklärt, obwohl ihre praktische Durchführung noch aussteht. So konnten, entgegen landläufigen Auffassungen, beispielsweise die Reduktion der Quantenmechanik auf die klassische Mechanik, die der Allgemeinen Relativitätstheorie auf die Newtonsche Gravitationstheorie oder der Elektrodynamik auf die Strahlenoptik bisher nicht rigoros durchgefüht werden. Es sind unheimlich komplexe mathematische Probleme, deren Lösung jedoch als prinzipiell möglich eingeschätzt wird. Die Grundlage für diesen Optimismus bildet der hohe Grad von empirischer Bestätigung, dem die jeweiligen Theoriepaare in ihren Bereichen haben. Aufgrund dessen gibt es keinen Grund für die gegenteilige Annahme, die komplexe Theorie B ließe sich nicht auf die weniger komplexe Theorie A reduzieren, wenn man nur den Übergangsbereich mathematisch angemessen behandeln könnte.

Antireduktionisten argumentieren häufig destruktiv, indem sie versuchen zu zeigen, dass die Etablierung der entsprechenden reduktionistischen Behauptung nicht gelingt. Hierfür gibt es verschiedene, z.T. überlappende Strategien:

(1) Man kann die Voraussetzungen attackieren, auf denen eine bestimmte Reduktionsbehauptung beruht. So hat beispielsweise eine epistemische (interlevel) Reduktion die Voraussetzung, dass das entsprechende B-Wissen Gesetzform besitzt. In Wahrheit liegen für viele Gebiete außerhalb der Physik aber Wissensaspekte keineswegs in Gesetzform vor und es ist fraglich, ob es auf Gesetzform gebracht werden kann. Ähnlich muss man für eine funktionelle (interlevel) Reduktion voraussetzen, dass sich die B-Phänomene durch ihre Funktionen, grob gesagt, hinreichend charakterisieren lassen. Letzte Voraussetzung ist beispielsweise im Kontext des Leib-Seele-Problems problematisch. Lässt sich eine elementare Empfindung wie eine Rotempfindung funktional von einer Gelbempfindung abgrenzen? Antireduktionisten, die im Sinne von (1) argumentieren, scheinen die Reduktionsbehmühungen in den genannten Fällen als irregeleitet, weil in ihren Augen schon die Voraussetzungen für die Frage nach der Reduktion nicht gegeben sind.

(2) Oder man kann eine bestimmte reduktionistische Behauptung angreifen, indem man sie für irrelevant erklärt, weil sie an Gegenargumenten, z.B. a wesentlichen antireduktionistischen Zügen der betrachteten Phänomene vorbeiginge. Hinsichtlich der Biologie argumentieren Reduktionisten häufig damit, dass biologische Prozesse rein physiklisch-chemische Prozesse seien und daher die Biologie auf Physik und Chemie reduzierbar sei. Antireduktionisten entgegnen dem, dass dies am eigentlichen Reduktionsproblem der Biologie vorbeigehe, das darin besteht, dass sich spezifisch biologische Begriffe nicht durch physikalisch-chemische Begriffe verstehen ließen und spezifisch biologische, nämlich funktionale Erklärungen in Physik und Chemie keinen Platz finden können. Hier wird die Behauptung des ontologischen Reduktionismus gekontert, dass die eigentlich relevanten Reduktionfragen die Existenz von physikalisch-chemischen Äquivalenten für biologische Begriffe und den eigenständigen Erklärungsmodus funktionaler Erklärungen beträgen, und dass es hier keinerlei Reduktionschancen gäbe.

(3) Man kann aber auch die Argumente angreifen, die für eine bestimmte reduktionistische Behauptung angeführt werden. Hier gibt es wieder zwei grundsätzliche Herangehensweisen. (a) Man kann konkrete Prämissen der entsprechenden Argumente als unzutreffend oder unerfüllbar zurückweisen, oder (b) man kann pauschal bestreiten, dass die aufgestellte Behauptung überhaupt begründet werden kann.

(3a) Für die erstgenannte Strategie ist das "Argument der multiplen Realisierung" ein sehr prominentes Beispiel, dass sich gegen die Möglichkeit der epistemologischen Reduktion richtet, genauer gegen die dort geforderte Existenz von Korrespondenzsätzen. Gemäß dem AdmR ist es zumindest häufig der Fall, dass eine bestimmte B-Eigenschaft B* durch verschiedene A-Eigenschaften A* realisiert werden kann. Beispielsweise ist hinsichtlich der Reduktion der Psychologie auf die Neurowissenschaften relevant, dass ein bestimmter psychologischer Zustand B* (z.B. "X sieht rosa") durch sehr verschiedene neurologische Zustände A1*, A2, …, AN* realisiert werden kann. Wenn die Menge der Ai* endlich und tatsächlich angebbar ist, dann könnte man noch den Korrespondenzsatz:

  • B* <-> (A1* oder A2* oder … AN*)

ins Auge fassen. Falls hingegen die Menge der möglichen Ai* nicht überschaubar ist, z.B. weil sich ein neurologischer Zustand B* auch mittels verschiedenartiger Materialien realisieren lässt (Funktionalismus), dann kann man keinen handbaren Reduktionsansatz für B* mehr aufstellen. In diesem Fall muss die Reduktion scheitern, weil sie multiple Realisierbarkeit von B* es unmöglich macht, die für eine Reduktion unabdingbaren Reduktionssätze zu formulieren.

(3b) Gegen die Möglichkeit von interlevel Reduktionen, bei denen die B-Entitäten aus A-Entitäten zusammengesetzt sind (Mikroreduktionen), ist eine beliebte Strategie der Rekurs auf "Emergenz" oder der Satz "das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile". Mit solchen Verweisen soll zum Ausdruck gebracht werden, dass bezüglich solcher "Ganzheiten" Reduktionsversuche ganz grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind, weil die jeweiligen B-Entitäten Eigenschaften aufweisen, die von der A-Ebene her nicht verständlich sein können. Das Auftreten solcher "ganzheitlichen" Eigenschaften, so wird manchmal hinzugefügt, sei ein Grundcharakteristikum der Materie. Dieser relativ pauschale Einwand gegen Reduktionsmöglichkeiten wird bei Reduktionisten, sofern er nicht näher plausibilisiert werden kann, als Suspekt eingeschätzt.

(4) Das stärkste Argument gegen ins Auge gefasste Reduktionen entspricht der Entwicklung einer überzeugenden Theorie, die die B-Entitäten ohne Rückgriff auf erwägte Kandidaten für A-Entitäten erklärt und gleichzeitig verständlich macht, warum die B-Ebene auf keinen Fall auf die A-Ebene reduzierbar sein kann (in welchem Sinne auch immer). Dies ist deshalb solch eine starke Strategie, weil es nicht bei der sterilen Leugnung der Reduktionsmöglichkeit von B auf A bleibt (so überzeugend diese auch ausfallen mag). Vielmehr werden für die B-Ebene Dinge oder Wechselwirkungen eingeführt, die auf der A-Ebene nicht existieren.

Die Glaubwürdigkeit der Existenz dieser gegenüber der A-Ebene eigenständigen und unabhängigen B-Entitäten steht und fällt mit der Leistungsfähigkeit der Theorie, in deren Kontext diese Entitäten  als B-unabhängig postuliert werden. Zum Beispiel setzte sich in der Physik die Überzeugung von der Irreduzibilität von Gravitationsphänomenen und elektrischen Phänomenen auf mechanische Phänomene deswegen durch, weil Theorien eingeführt wurden, die jene Phänomene auf der Grundlage nicht mechanisch-angesetzter Wechselwirkungen hervorragend erklären konnten. Das Motiv für die Einführung solcher nicht-mechanischer Theorien war das Scheitern aller vorangegangenen Versuche, mechanische Erklärungen für jene Phänomene zu finden – was die Unmöglichkeit solcher reduktiven Erklärungen aber natürlich nicht beweist!

Die Diskussion zwischen Reduktionisten und Antireduktionisten tappt vielfach auf der Stelle. Aufgrund zu wenig differenzierter Reduktionsbegriffe entstehen Missverständnisse, die nicht sein müssten, und aufgrund verschiedener fachlicher Hintergründe wird die Kraft bestimmter Argumente sehr unterschiedlicher eingeschätzt. Zudem haben beide Parteien oft starke Vorurteile gegenüber dem anderen und sind deshalb nicht mehr empfänglich für neue Argumente.

Eine bei den Reduktionisten weitverbreitete Vormeinung ist die "fundamental reduktionistische Intuition", auch wenn diese nicht oft explizit benannt wird. Diese Intuition besagt, dass bei Mikroreduktionen aus dem ontologischen Reduktionismus der epistemologische, der explanatorische und der funktionelle Reduktionismus gefolgert werden können. Der Grund hierfür sei, dass in der Information über die Teile eines Systems und über ihre Konfiguration alle Information über das System selbst enthalten sei, so dass im Prinzip alles Wissen über die B-Ebene aus dem über die A-Ebene extrahierbar ist.

Dieser reduktionistischen Vormeinung steht eine ebenso starke antireduktionistische Vormeinung gegenüber, die man die "fundamentale emergentistische Intuition" nennen könnte. Sie findet sich im zugehörigen Aufsatz "Emergenz" thematisiert.

4. Verweise

  • Induktionsproblem: Zu den antireduktionistischen Argumentationsstrategien muss kritisch angemerkt werden, dass jede Antireduktionsbehauptung gleichzeitig auch eine Unmöglichkeitsbehauptung ist. Für einen Antireduktionismus muss nicht begründet werden, dass dieser oder jener vorgeschlagene Reduktionsversuch scheitert, sondern dass es grundsätzlich unmöglich ist, die entsprechende Reduktionsbeziehung zu konstruieren. Ein solches Argumentationsziel gilt in den empirischen Wissenschaften aber als grundsätzlich konstruktiv unerreichbar, denn es muss für unzählig viele Reduktionswege gezeigt werden, dass sie nicht hinhauen. Empirische Wissenschaften können nur das Gegenteil beweisen, nämlich dass eine Antireduktionsbehauptung nicht stimmt, indem sie einen Weg der Reduktion finden und die Behauptung somit falsifizieren.
  • Dualismus: Dem (Substanz-)Dualismus wohnt ein klar antireduktionistisches Moment inne: Die Auffassung, dass sich eine immaterielle Entität B (Geist) nicht auf eine materielle Entität A (Körper) reduzieren ließe. Umgekehrt fallen oft auch der (monistische) Materialismus und ein genereller Reduktionismus zusammen - jedoch nicht zwangsläufig und nicht immer! Viele Philosophen formulieren auch einen nichtreduktiven Materialismus. Die Popularität von Positionen, die sowas versuchen, d.h. die einen Antireduktionismus mit einem Materialismus zusammenbringen wollen, hat in den letzten Jahrzehnten sogar enorm zugenommen.
  • Epiphänomenalismus: Aus der Sicht des Epiphänomenalismus sind mentale Phänomene nichts weiter als die reduzierbaren Begleitphänomene der ihr zugrundeliegenden, physikalischen Vorgänge.
  • Descartes: Methodischer Zweifel: Über die Auffassung, dass Descartes zumindest eine Spielart des Reduktionismus begründet hat HIER (Anfang).
  • Natur & Geist: Ein reduktiver Naturalismus meint, dass alles in der Welt durch die Naturwissenschaften erklärt werden kann. Der reduktive Physikalismus geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass alles in der Welt allein durch die Physik erklärt werden könnte. Ein nichtreduktiver Physikalismus / Naturalismus proklamiert hingegen nur, dass alles dem Wesen nach physikalisch / natürlich sei. Er meint jedoch nicht, dass sich Dinge wie z.B. Qualia auf die harten Naturwissenschaften reduzieren lassen.

Bildquellen

Menschenmenge (bei: Lauri Myllyvirta)

Stand: 2016

Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 07 Juni 2017 03:26)

    http://www.philolex.de/reduktio.htm

  • #3

    WissensWert (Montag, 15 Mai 2017 19:00)

    »Es gibt keine Definition der Philosophie. Ihre Definition ist identifiziert mit der expliziten Darstellung dessen, was sie zu sagen hat.« Max Horkheimer

  • #2

    WissensWert (Montag, 15 Mai 2017 19:00)

    Wissenschaftstheorie – für die methodologischen Hintergründe der Reduktionismusdebatte
    Philosophie des Geistes – für die Frage nach der Reduzierbarkeit des Geistes
    Metaethik – für die Frage nach der Reduzierbarkeit der Ethik
    Abwärtskausalität
    Psychologismus
    Soziologismus

  • #1

    WissensWert (Freitag, 26 August 2016 03:52)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Reduktionismus


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