„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Reduktionismus

Eine Reduktion besteht in der Rückführung einer Entität B auf eine Entität A.

Dabei kann eine Reduktion wie folgt analysiert werden:

1. Elimination: Entität B gibt es gar nicht.

2. Konsolidierung: Entität B ist eigentlich Entität A.

3. Transformation: Entität B ist eine Teilmenge (Spezialfall) von Entität A.

Die genaue Bedeutung von "Reduktion" ist aber Teil einer andauernden Debatte.

Aber: Entität A ist typischerweise in irgendeiner Form elementarer als Entität B.

Ein Reduktionismus behauptet daher die Reduzierbarkeit von einem B auf ein A.

Bekannte reduktionistische Schulen sind unter anderem:

Neopositivismus: Alle Einzelwissenschaften sind auf eine Einheitsw. reduzierbar.

Logiszismus: Die Mathematik ist auf die Logik reduzierbar.

Psychologismus: Die Logik ist auf die Humanpsychologie reduzierbar.

Naturalismus: Alles Geschehen ist auf ein naturhaftes Geschehen reduzierbar.

Reduktiver Physikalismus: Das Mentale ist auf das Physische reduzierbar.

Ein Antireduktioniusmus bestreitet die Reduzierbarkeit von B auf A.

Er vertritt dafür einen Holismus der Emergentismus bezüglich B oder verneint eine Supervenienzbeziehung von B gegenüber A.

Wenn der Reduktionismus wahr ist, dann ist das Verhalten von sozialen Gruppen vollständig durch die Gesetze der Quantenmechanik bestimmt.
Wenn der Reduktionismus wahr ist, dann ist das Verhalten von sozialen Gruppen vollständig durch die Gesetze der Quantenmechanik bestimmt.

1. Sukzessive Reduktion und Interlevel Reduktion

Eine Grundunterscheidung betrifft sukzessive und interlevel Reduktionen.

1.1. Sukzessive Reduktion

Eine sukzessive (auch: diachrone) Reduktion betrifft i.d.R. das Verhältnis von historisch aufeinanderfolgenden Theorien. Diese haben meistens einen sich überschneidenden Gegenstandsbereich, der dann von der Reduktion betroffen ist.

Beispiel 1: Die Spezielle Relativitätstheorie ist sukzessiv reduzierbar auf die historisch vorangegegangene klassische Mechanik im Limes Geschwindigkeit à 0.

Beispiel 2: Die Quantenmechanik ist sukzessiv reduzierbar auf die historisch vorangegangene klassische Mechanik im Limes hoher Quantenzahlen.

Der sukzessive Reduktionsbegriff enthält also zwei Bedeutungskomponenten: den des Zurückführens und den des Verringerns (i.S.v. Verkleinern, Vereinfachen).

Beispiel 1 & 2: Die Spezielle Relativitätstheorie und die Quantenmechanik werden bei ihrer sukzessiven Reduktion auf die klassische Mechanik nicht nur auf diese zurückgeführt, sondern ihr Geltungsbereich auch massiv verkleinert.

Die neuartigen Gesetze der SRT und der QM bei hohen Geschwindigkeiten oder niedrigen Quantenzahlen gehen dabei also komplett verloren. Das ist aber intendiert, da es ja um die Frage geht, ob sich die mathematischen Vorhersagen der SRT und QM im Geltungsbereich der klassischen Mechanik dieser annähern.

Dies ist eine Frage für Physiker, wissenschaftsphilosophisch interessanter ist die:

1.2. Interlevel Reduktion

Eine interlevel (auch: synchrone) Reduktion betrifft das Verhältnis von verschiedenen Gegenstandsbereichen, die dann von der Reduktion betroffen sind.

Klassische Beispiele: Die Biologie könnte interlevel reduzierbar auf die Chemie sein, die Chemie auf die Physik, die Soziologie und Logik auf die Psychologie usw.

Der interlevel Reduktionsbegriff impliziert somit eine Supervenienzbeziehung: Die Gegenstände der Disziplin B sind durch die Gegenstände der Disziplin A vollständig bestimmt: B-Unterscheidbarkeit impliziert A-Unterscheidbarkeit.

Häufiger Grund: Die Gegenstände der Disziplin B bestehen aus nichts anderem als aus Gegenständen der Disziplin A. Die Makrogegenstände werden also auf ihre  Mikrokonstituenten reduziert. Man spricht von einer "Mikroreduktion".

Mikroreduktionen erlauben Komplexitätshierachien. Ein Beispiel: Populationen  à  Lebewesen à Zellen à Moleküle à Atome à Elementarteilchen à Strings.

Also: Es gibt nur deshalb unterschiedliche Moleküle, weil diese aus unterschiedlichen Atomen aufgebaut sind. Und es gibt nur deshalb unter-schiedliche Atome, da diese aus unterschiedlichen Nukleonen aufgebaut sind.

Daraus folgt: Die Eigenschaften der komplexeren Teilchenfamilie B (zB Molekül)  supervenieren über die Eigenschaften der Teilchenfamilie A (zB Atom).

Aber: Supervenienz ist keine hinreichende Bedingung für Reduzierbarkeit!

1.2.1. Arten von interlevel Reduktionen

1.2.1.1. Ontologische Reduktion

Eine ontologische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. Entität B ist auf Entität A ontologisch reduzierbar, gdw. A und B substantiell identisch sind.

Beispiel 1: Die Chemie ist ontologisch reduzierbar auf die Physik, gdw. chemische Entität der Sache nach nichts weiter sind als physikalische Entitäten.

Beispiel 2: Die Logik ist ontologisch reduzierbar auf die Psychologie, gdw. logische Sachverhalte ihrem Wesen nach psychologische Sachverhalte sind.

Eine ontologische Reduktion ist offenbar nur dann möglich, wenn:

1. Entitäten der Art A nur aus Entitäten der Art B zusammengesetzt sind.

2. Bei dieser Zusammensetzung keine neuen Wechselwirkungen auftreten.

In diesem Sinne ist die Chemie ontologisch reduzierbar auf die Chemie. Denn:

1. Moleküle sind nur aus Atomen zusammengesetzt.

2. Bei dieser Zusammensetzung treten keine neuen Wechselwirkungen auf.

Alle für die Zusammensetzung relevanten Kräfte sind "alte" physikalische Kräfte.

Man könnte sagen: Die Chemie ist ein Teilgebiet der Physik.

1.2.1.2. Epistemologische Reduktion

Eine epistemische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A epistemisch reduzierbar, gdw. Wissen über B mit Wissen über A identisch ist.

Annahme: Wissen über B-Entitäten ist in den für B gültigen Gesetzen enthalten.

Beispiel 1: Die Biologie ist epistemisch reduzierbar auf die Chemie, gdw. Wissen über Gesetze der Biologie identisch ist mit Wissen über Gesetze der Chemie.

Eine epistemische Reduktion ist nach Ernst Nagel nur dann möglich, wenn:

1. Verbindbarkeitsbedingung: Der Begriff A* kann durch einen logisch äquivalenten Begriff B* ausgedrückt werden. Sodass gilt: B* ↔ A*.

Dazu benötigt es Sätze, die die Korrespondenz von A*- zu B*-Begriffen anzeigen.

Korrespondenzsatz: Der biologische Begriff "Hämoglobin" kann mittels chemischer Begriffe ausgedrückt werden, indem man die Strukturformel angibt.

2. Ableitbarkeitsbedingung: Die B`-Gesetze sind in den A`-Gesetzen logisch enthalten bzw. lassen sich aus diesen logisch ableiten. Sodass gilt: A'  B'.

Dazu muss man aufzeigen, dass B´-Gesetze Spezialfälle von A´Gesetzen sind.

Beispiel: Wenn die Mendelschen Regeln aus der Quantenmechanik ableitbar wären, dann würde es sich um einen Spezialfall der Quantenmechanik handeln.

Um nun die Gesetze der Vererbung aus den Gesetzen der Quantenmechanik abzuleiten, benötigt man: (a) die A´-Gesetze der Quantenmechanik, (b) die Korrespondenzsätze zu den entsprechenden B-Gesetzen der Genetik und (c) die Systemspezifikation, auf die man die Quantenmechanik anwenden will.

Also: Die epistemologische Reduktion der B-Entitäten auf A-Entitäten läuft so ab:

Aus:

(a) A-Gesetze & (b) bikonditionale Korrespondenzsätze für B-Begriffe &

(c) Systemspezifikationen.

lassen sich logisch ableiten:

(d) B-Gesetze.

Anmerkungen:

(1) Die epistemologische Reduktion kann ohne (c) Systemspezfikation nicht funktionieren. Denn ein Gesetz kann keine Aussagen über ein bestimmtes System treffen, wenn nicht angegeben ist, um welches System es sich dabei handelt.

(2) Die epistemologische Reduktion ist eine Typenreduktion. Denn die bikonditionalen Korrespondenzsätze (b) identifizieren Eigenschaftstypen.

(3) Die epistemologische Reduktion ist nicht notwendig eine Erklärung für B-Gesetze. Denn ein Teil der Prämissenmenge (a) bis (c) kann nicht als erklärungskräftig, sondern erklärungsbedürftig angesehen werden.

1.2.1.3. Explanatorische Reduktion

Eine explanatorische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A explanatorisch reduzierbar, gdw. B durch A erklärt werden kann.

Man spricht deshalb auch von einer "reduktiven Erklärung".

Beispiel 1: Biologische Entitäten sind explanatorisch reduzierbar auf chemische Entitäten, gdw. sie durch chemische Entitäten erklärt werden können.

Deduktiv-Nomologisches Modell: B kann durch A erklärt werden, gdw. sich B durch A unter Hinzunahme von sog. Antezedensbedingungen deduzieren lässt.

Wenn das Deduktiv-Nomologische Modell bedingungslos gelten würde, dann wären epistemische und explanatorische Reduzierbarkeit ein- und dasselbe.

Aber: Das DN-Modell gilt sicher nicht für alle wissenschaftliche Erklärungen.

Beispiel 2: Biologische Erklärungen sind häufig induktiv und differenzieren nicht eindeutig zwischen Antzendensbedingungen und Gesetzesaussagen. Trotzdem sind biologische Erklärungen sicher wissenschaftliche Erklärungen. 

1.2.1.4. Methodologische Reduktion

Eine methodologische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A method. reduzierbar, gdw. beide mit denselben Methoden erforscht werden.

Beispiel 1: Biologische Entitäten sind methodologisch reduzierbar auf chemische Entitäten, gdw. sie durch rein chemische Methoden erforscht werden können.

Aber: Methodologische Reduktionen sind meistens unmöglich. Die Evolution der Arten ist vielleicht ein chemischer Vorgang und kann chemisch erklärt werden. Aber trotzdem kann sie nicht mit den Methoden der Chemie erforscht werden.

1.2.1.5. Funktionelle Reduktion

Eine funktionelle Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A funktionell reduzierbar, gdw. A und B die gleichen Funktionen besitzen.

Beispiel: Biologische Entitäten sind funktionell reduzierbar auf chemische Entitäten, gdw. beide durch die gleiche kausale Rolle definiert sind.

Beispiel 2: Mentale Entitäten sind funktionell reduzierbar auf Physische Entitäten, gdw. beide durch die gleiche kausale Rolle definiert sind. 

Anmerkung: Explanatorische und funktionelle Reduktionen sind sicher in vielen, nach Expertenmeinungen womöglich aber nicht in allen Fällen identisch.

2. Qualifizierende Unterscheidungen

Die sukzessive Reduktion und die interlevel Reduktionen lassen sich nun weiter hinsichtlich für die wissenschaftliche Praxis relevante Aspekte differenzieren.

2.1. Eliminative vs. Retentive Reduktion

Der Unterschied von eliminativer und retentiver Reduktion differenziert hinsichtlich der Frage, was mit dem weniger gehaltvollen Reduktionspartner B nach erfolgter Reduktion geschieht: (1) Im Fall der eliminativen Reduktion wird B nach seiner Rückführung in A entbehrlich und daher eliminiert und (2) im Fall der retentiven Reduktion spielt B auch nach seiner Rückführung in A weiterhin eine Rolle.

Theatralisch gesprochen geht es also um das "Schicksal" von B: Stirbt es, oder lebt B in A weiter? Tatsächlich kommen beide Fälle vor. Und was logisch erscheint kann auch als Faustregel herhalten: Der weniger gehaltvolle Reduktionspartner B spielt dann noch weiterhin eine Rolle, wenn seine Beschreibungen für den entsprechenden Gegenstandsbereich (a) hinreichend korrekt und (b) ökonomischer sind als die Beschreibungen, die der gehaltvollere Reduktionspartner A parathält.

Ein Beispiel für eine retentive Reduktion ist die klassische Mechanik, für die die spezielle Relativitätstheorie für große Geschwindigkeiten eine Nachfolgetheorie ist. Obwohl aus der Sicht dieser Nachfolgetheorie die klassische Mechanik strenggenommen falsch ist, wird sie im Bereich nicht allzu hoher Geschwindigkeiten nach wie vor in Wissenschaft und Technik verwendet, weil sie dort quantitativ hinreichend genaue Aussagen liefert.

Interlevel Reduktionen sind im Regelfall auch retentive Reduktionen, und zwar aus dem schon genannten Grund der Ökonomie. Selbst wenn die Chemie restlos auf die Physik zurückgeführt werden könnte, würden typische chemisch relevante Termini und Gesetze weiterhin verwendet werden, weil sie einfachere Aussagen über chemisch relevante Sachverhalte gestatten als ihre Übersetzungen in physikalisches Vokabular. Dementsprechend sind Befürchtungen von Vertreten eines Wissenschaftsgebietes B (z.B. Chemie), von dem Wissenschaftler eines anderen Gebietes A (z.B. Physik), wenn die Reduktion von B auf A gelänge, dass damit auch ihr Arbeitsgebiet eliminiert würde, meist unbegründet. Forschungspraktisch haben solche Reduktionsversuche i.d.R. wenig direkte Konsequenzen.

2.2. Tatsächliche durchführbare vs. Prinzipiell mögliche vs. Heuristische Reduktion

Eine selbsterklärende Unterscheidung ist die zwischen (1) tatsächlich durchführbaren R., (2) prinzipiell möglichen R., und (3) (bloß) heuristischen Reduktionen.

Mit dieser Unterscheidung werden verschieden starke Ansprüche betitelt, mit denen eine Reduktionsbehauptung oder Antireduktionsbehauptung aufgestellt werden kann. Im stärksten Fall (1) wird die tatsächliche Durchführbarkeit einer bestimmten Reduktion behauptet. Wenn ich zum Beispiel die gegenwärtig mögliche, vollständige Aufklärung der chemischen Struktur einer biologischen Substanz behaupte, vertrete ich damit einen partiellen Reduktionismus der Biologie auf Chemie und gebe dem Antireduktionismus bzgl. dieser Substanz keinen Fußbreit. Eine Abschwächung ist die Behauptung (2), eine bestimmte Reduktion sei zwar im Prinzip möglich, tatsächlich aber wegen praktischer Schwierigkeiten (momentan und bis auf weiteres) nicht durchführbar. (1) und (2) sind beides kategorische Reduktionsbehauptungen.

Konträr dazu steht (3) eine als (bloß) heuristisch qualifizierte Reduktionsbehauptung. Mit ihr wird asseriert, dass in einem bestimmten Gebiet eine reduktionistische Forschungsstrategie heuristisch fruchtbar sei. Dabei kann ein heuristischer Reduktionismus in einem bestimmten Gebiet durchaus mit dem entsprechenden kategorischen Antireduktionismus verträglich sein (und umgekehrt)! Beispielsweise hielt der Biophysiker Max Delbrück die Biologie für prinzipiell nicht auf die Physik reduzierbar, verfolgte aber in der Biologie ein reduktionistisches Forschungsprogramm, weil er nur so die spezifisch biologischen Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren können glaubte.

3. Argumente Pro & Contra Reduktion

Bei Argumenten für oder wider die Möglichkeit von Reduktionen ist zuallererst der bereits angesprochene Anspruch zu berücksichtigen, mit dem eine Reduktionsbehauptung aufgestellt oder bestritten wird. Handelt es sich um eine kategorische oder bloß heuristische Reduktionsbehauptung? Über bloß heuristische Reduktionsbehauptungen streitet man sich in den Wissenschaften eher selten. Bei kategorischen Reduktionsbehauptungen sind die Debatten dafür umso hitziger.

Hinsichtlich der kategorischen Reduktionsbehauptungen fällt auch eine fundamentale, argumentative Asymmetrie auf, was die Begründung von reduktionistischen bzw. antireduktionistischen Positionen betrifft. Eine reduktionistische Behauptung ist eine Existenzbehauptung, nämlich jene, dass die entsprechende Reduktionsbeziehung wirklich existiert bzw., dass die behauptete Reduktion in Wirklichkeit durchführbar ist. Existenzbehauptungen werden am direktesten dadurch belegt, dass die als existierend behauptete Sache vorgewiesen bzw. konstruiert wird, ergo eine behauptete Reduktion durchgeführt wird.

Von daher ist völlig klar, wie für eine konkrete Reduktionsbehauptung, dass B tatsächlich reduzierbar sei, argumentiert werden muss: die behauptete Reduktion muss vorgeführt werden. Genau dies ist in unzähligen Fällen von interlevel Reduktionen, etwa im Rahmen der Physik, Chemie, Pharmazie, Biologie, Geologie, Linguistik und Ökonomie geschehen, in denen zigmal ontologische, explanatorische und funktionelle Reduktionen durchgeführt wurden. Makroökonomische Effekte, sprachliche Sätze, die Plattentektonik, Zellen, Pharmazeutika, Stoffe und Atome wurden als Systeme von kleineren Einheiten A analysiert und anschließend auf verschiedene Weisen auf diese reduziert. Antireduktionisten leugnen diese Erfolge für gewöhnlich nicht, bestreiten aber, dass sie sich (unbeschränkt) fortsetzen lassen. Auch für sukzessive Reduktionen gibt es klare Exempel, wie etwa die bereits erwähnte Reduktion der speziellen Relativitätstheorie auf die Newtonsche Mechanik.

Schon spürbar weniger klar ist die zu verwendende Argumentations-strategorie für Reduktionen, die nur im Prinzip möglich sein sollen, d.h. die nicht tatsächlich vorgeführt werden können! Hier muss plausibel gemacht werden, dass die behauptete Reduktion mit ausreichenden Mitteln durchführbar wäre. Bei interlevel Reduktionen bezieht man sich dabei häufig auf bereits erzielte Erfolge bestimmter Forschungsprogramme. In den biomedizinischen Wissenschaften herrscht beispielsweise die Überzeugung vor, dass sich biomedizinisch relevante Stoffe chemisch vollständig charakterisieren lassen, ja dass alle Lebensvorgänge eine rein materielle, auf physikalisch-chemische Prozesse reduzierbare Grundlage haben. So beinhaltet die Überzeugung zumindest die ontologische, die explanatorische und die funktionelle Reduktion der entsprechenden Teile der biomedizinischen Wissenschaften auf Physik und Chemie. Tatsächlich vorgeführt sind diese Reduktionen aber natürlich bis dato nur zu einem sehr geringen Teil. Das Fehlen empirisch auch nur einigermaßen erhärteter Alternativen und die sich bislang kontinuierlich einstellenden Erfolge dieses reduktionistischen Programms lassen für die meisten Forscher keine Grenzen für es erkennen.

Gleichermaßen werden auch viele sukzessive Reduktionen für als im Prinzip möglich erklärt, obwohl ihre praktische Durchführung noch aussteht. So konnten, entgegen landläufigen Auffassungen, beispielsweise die Reduktion der Quantenmechanik auf die klassische Mechanik, die der Allgemeinen Relativitätstheorie auf die Newtonsche Gravitationstheorie oder der Elektrodynamik auf die Strahlenoptik bisher nicht rigoros durchgefüht werden. Es sind unheimlich komplexe mathematische Probleme, deren Lösung jedoch als prinzipiell möglich eingeschätzt wird. Die Grundlage für diesen Optimismus bildet der hohe Grad von empirischer Bestätigung, dem die jeweiligen Theoriepaare in ihren Bereichen haben. Aufgrund dessen gibt es keinen Grund für die gegenteilige Annahme, die komplexe Theorie B ließe sich nicht auf die weniger komplexe Theorie A reduzieren, wenn man nur den Übergangsbereich mathematisch angemessen behandeln könnte.

Antireduktionisten argumentieren häufig destruktiv, indem sie versuchen zu zeigen, dass die Etablierung der entsprechenden reduktionistischen Behauptung nicht gelingt. Hierfür gibt es verschiedene, z.T. überlappende Strategien:

(1) Man kann die Voraussetzungen attackieren, auf denen eine bestimmte Reduktionsbehauptung beruht. So hat beispielsweise eine epistemische (interlevel) Reduktion die Voraussetzung, dass das entsprechende B-Wissen Gesetzform besitzt. In Wahrheit liegen für viele Gebiete außerhalb der Physik aber Wissensaspekte keineswegs in Gesetzform vor und es ist fraglich, ob es auf Gesetzform gebracht werden kann. Ähnlich muss man für eine funktionelle (interlevel) Reduktion voraussetzen, dass sich die B-Phänomene durch ihre Funktionen, grob gesagt, hinreichend charakterisieren lassen. Letzte Voraussetzung ist beispielsweise im Kontext des Leib-Seele-Problems problematisch. Lässt sich eine elementare Empfindung wie eine Rotempfindung funktional von einer Gelbempfindung abgrenzen? Antireduktionisten, die im Sinne von (1) argumentieren, scheinen die Reduktionsbehmühungen in den genannten Fällen als irregeleitet, weil in ihren Augen schon die Voraussetzungen für die Frage nach der Reduktion nicht gegeben sind.

(2) Oder man kann eine bestimmte reduktionistische Behauptung angreifen, indem man sie für irrelevant erklärt, weil sie an Gegenargumenten, z.B. a wesentlichen antireduktionistischen Zügen der betrachteten Phänomene vorbeiginge. Hinsichtlich der Biologie argumentieren Reduktionisten häufig damit, dass biologische Prozesse rein physiklisch-chemische Prozesse seien und daher die Biologie auf Physik und Chemie reduzierbar sei. Antireduktionisten entgegnen dem, dass dies am eigentlichen Reduktionsproblem der Biologie vorbeigehe, das darin besteht, dass sich spezifisch biologische Begriffe nicht durch physikalisch-chemische Begriffe verstehen ließen und spezifisch biologische, nämlich funktionale Erklärungen in Physik und Chemie keinen Platz finden können. Hier wird die Behauptung des ontologischen Reduktionismus gekontert, dass die eigentlich relevanten Reduktionfragen die Existenz von physikalisch-chemischen Äquivalenten für biologische Begriffe und den eigenständigen Erklärungsmodus funktionaler Erklärungen beträgen, und dass es hier keinerlei Reduktionschancen gäbe.

(3) Man kann aber auch die Argumente angreifen, die für eine bestimmte reduktionistische Behauptung angeführt werden. Hier gibt es wieder zwei grundsätzliche Herangehensweisen. (a) Man kann konkrete Prämissen der entsprechenden Argumente als unzutreffend oder unerfüllbar zurückweisen, oder (b) man kann pauschal bestreiten, dass die aufgestellte Behauptung überhaupt begründet werden kann.

(3a) Für die erstgenannte Strategie ist das "Argument der multiplen Realisierung" ein sehr prominentes Beispiel, dass sich gegen die Möglichkeit der epistemologischen Reduktion richtet, genauer gegen die dort geforderte Existenz von Korrespondenzsätzen. Gemäß dem AdmR ist es zumindest häufig der Fall, dass eine bestimmte B-Eigenschaft B* durch verschiedene A-Eigenschaften A* realisiert werden kann. Beispielsweise ist hinsichtlich der Reduktion der Psychologie auf die Neurowissenschaften relevant, dass ein bestimmter psychologischer Zustand B* (z.B. "X sieht rosa") durch sehr verschiedene neurologische Zustände A1*, A2, …, AN* realisiert werden kann. Wenn die Menge der Ai* endlich und tatsächlich angebbar ist, dann könnte man noch den Korrespondenzsatz:

  • B* <-> (A1* oder A2* oder … AN*)

ins Auge fassen. Falls hingegen die Menge der möglichen Ai* nicht überschaubar ist, z.B. weil sich ein neurologischer Zustand B* auch mittels verschiedenartiger Materialien realisieren lässt (Funktionalismus), dann kann man keinen handbaren Reduktionsansatz für B* mehr aufstellen. In diesem Fall muss die Reduktion scheitern, weil sie multiple Realisierbarkeit von B* es unmöglich macht, die für eine Reduktion unabdingbaren Reduktionssätze zu formulieren.

(3b) Gegen die Möglichkeit von interlevel Reduktionen, bei denen die B-Entitäten aus A-Entitäten zusammengesetzt sind (Mikroreduktionen), ist eine beliebte Strategie der Rekurs auf "Emergenz" oder der Satz "das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile". Mit solchen Verweisen soll zum Ausdruck gebracht werden, dass bezüglich solcher "Ganzheiten" Reduktionsversuche ganz grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind, weil die jeweiligen B-Entitäten Eigenschaften aufweisen, die von der A-Ebene her nicht verständlich sein können. Das Auftreten solcher "ganzheitlichen" Eigenschaften, so wird manchmal hinzugefügt, sei ein Grundcharakteristikum der Materie. Dieser relativ pauschale Einwand gegen Reduktionsmöglichkeiten wird bei Reduktionisten, sofern er nicht näher plausibilisiert werden kann, als Suspekt eingeschätzt.

(4) Das stärkste Argument gegen ins Auge gefasste Reduktionen entspricht der Entwicklung einer überzeugenden Theorie, die die B-Entitäten ohne Rückgriff auf erwägte Kandidaten für A-Entitäten erklärt und gleichzeitig verständlich macht, warum die B-Ebene auf keinen Fall auf die A-Ebene reduzierbar sein kann (in welchem Sinne auch immer). Dies ist deshalb solch eine starke Strategie, weil es nicht bei der sterilen Leugnung der Reduktionsmöglichkeit von B auf A bleibt (so überzeugend diese auch ausfallen mag). Vielmehr werden für die B-Ebene Dinge oder Wechselwirkungen eingeführt, die auf der A-Ebene nicht existieren.

Die Glaubwürdigkeit der Existenz dieser gegenüber der A-Ebene eigenständigen und unabhängigen B-Entitäten steht und fällt mit der Leistungsfähigkeit der Theorie, in deren Kontext diese Entitäten  als B-unabhängig postuliert werden. Zum Beispiel setzte sich in der Physik die Überzeugung von der Irreduzibilität von Gravitationsphänomenen und elektrischen Phänomenen auf mechanische Phänomene deswegen durch, weil Theorien eingeführt wurden, die jene Phänomene auf der Grundlage nicht mechanisch-angesetzter Wechselwirkungen hervorragend erklären konnten. Das Motiv für die Einführung solcher nicht-mechanischer Theorien war das Scheitern aller vorangegangenen Versuche, mechanische Erklärungen für jene Phänomene zu finden – was die Unmöglichkeit solcher reduktiven Erklärungen aber natürlich nicht beweist!

Die Diskussion zwischen Reduktionisten und Antireduktionisten tappt vielfach auf der Stelle. Aufgrund zu wenig differenzierter Reduktionsbegriffe entstehen Missverständnisse, die nicht sein müssten, und aufgrund verschiedener fachlicher Hintergründe wird die Kraft bestimmter Argumente sehr unterschiedlicher eingeschätzt. Zudem haben beide Parteien oft starke Vorurteile gegenüber dem anderen und sind deshalb nicht mehr empfänglich für neue Argumente.

Eine bei den Reduktionisten weitverbreitete Vormeinung ist die "fundamental reduktionistische Intuition", auch wenn diese nicht oft explizit benannt wird. Diese Intuition besagt, dass bei Mikroreduktionen aus dem ontologischen Reduktionismus der epistemologische, der explanatorische und der funktionelle Reduktionismus gefolgert werden können. Der Grund hierfür sei, dass in der Information über die Teile eines Systems und über ihre Konfiguration alle Information über das System selbst enthalten sei, so dass im Prinzip alles Wissen über die B-Ebene aus dem über die A-Ebene extrahierbar ist.

Dieser reduktionistischen Vormeinung steht eine ebenso starke antireduktionistische Vormeinung gegenüber, die man die "fundamentale emergentistische Intuition" nennen könnte. Sie findet sich im zugehörigen Aufsatz "Emergenz" thematisiert.

4. Verweise

  • Induktionsproblem: Zu den antireduktionistischen Argumentationsstrategien muss kritisch angemerkt werden, dass jede Antireduktionsbehauptung gleichzeitig auch eine Unmöglichkeitsbehauptung ist. Für einen Antireduktionismus muss nicht begründet werden, dass dieser oder jener vorgeschlagene Reduktionsversuch scheitert, sondern dass es grundsätzlich unmöglich ist, die entsprechende Reduktionsbeziehung zu konstruieren. Ein solches Argumentationsziel gilt in den empirischen Wissenschaften aber als grundsätzlich konstruktiv unerreichbar, denn es muss für unzählig viele Reduktionswege gezeigt werden, dass sie nicht hinhauen. Empirische Wissenschaften können nur das Gegenteil beweisen, nämlich dass eine Antireduktionsbehauptung nicht stimmt, indem sie einen Weg der Reduktion finden und die Behauptung somit falsifizieren.
  • Dualismus: Dem (Substanz-)Dualismus wohnt ein klar antireduktionistisches Moment inne: Die Auffassung, dass sich eine immaterielle Entität B (Geist) nicht auf eine materielle Entität A (Körper) reduzieren ließe. Umgekehrt fallen oft auch der (monistische) Materialismus und ein genereller Reduktionismus zusammen - jedoch nicht zwangsläufig und nicht immer! Viele Philosophen formulieren auch einen nichtreduktiven Materialismus. Die Popularität von Positionen, die sowas versuchen, d.h. die einen Antireduktionismus mit einem Materialismus zusammenbringen wollen, hat in den letzten Jahrzehnten sogar enorm zugenommen.
  • Epiphänomenalismus: Aus der Sicht des Epiphänomenalismus sind mentale Phänomene nichts weiter als die reduzierbaren Begleitphänomene der ihr zugrundeliegenden, physikalischen Vorgänge.
  • Natur & Geist: Ein reduktiver Naturalismus meint, dass alles in der Welt durch die Naturwissenschaften erklärt werden kann. Der reduktive Physikalismus geht noch einen Schritt weiter und behauptet, dass alles in der Welt allein durch die Physik erklärt werden könnte. Ein nichtreduktiver Physikalismus / Naturalismus proklamiert hingegen nur, dass alles dem Wesen nach physikalisch / natürlich sei. Er meint jedoch nicht, dass sich Dinge wie z.B. Qualia auf die harten Naturwissenschaften reduzieren lassen.

Stand: 2016

Kommentare: 6
  • #6

    WissensWert (Freitag, 22 Februar 2019 00:46)

    Frage: Wenn B durch A erklärt werden kann, wird B dann immer durch A erklärt?

    Hilary Putnam: Gegeben sei ein Brett mit einer quadratische Öffnung von 2 cm Seitenlänge und einer kreisförmigen Öffnung von 2 cm Durchmesser, dazu noch ein Holzstab mit quadratischem Querschnitt von 1,9 cm Kantenlänge. Möchte man erklären, warum sich das Holzstab nicht durch das runde Loch, wohl aber durch das quadratische Loch stecken lässt, so bezieht man sich auf die geometrischen Verhältnisse (die Diagonale des Stabquerschnitts misst ca. 2,69 cm, also geht der Stab nicht durch das Loch von 2 cm Durchmesser) und auf die aus der Empirie bekannte Festigkeit des Materials Holz. Aufgrund welcher molekularen Struktur das Holz jedoch seine Festigkeit hat, ist im gegebenen Kontext völlig irrelevant, da auch jede andere molekulare Realisierung der Festigkeit, z.B. die bei Eisen oder Glas, zum gleichen Ergebnis führen würde. Putnams Beispiel zeigt, dass es Fälle gibt, in denen eine reduktive Erklärung, obwohl im Prinzip möglich, gänzlich unangemessen sein kann: Der Rekurs auf B-Eigenschaften und B-Relationen genügt für die gesuchte Erklärung vollkommen.

  • #5

    WissensWert (Mittwoch, 20 Februar 2019 02:27)

    Auch wenn sukzessive und interlevel Reduktionen in diesem Text theoretisch analytisch genau voneinander getrennt werden sollen, gelingt dies in der Realität praktisch häufig nicht. Es gibt zig Beispiele, bei denen die beiden Arten untrennbar miteinander verwoben sind und sich nicht vernünftig sagen lässt, dass das eine ein rein sukzessive Reduktion und das andere eine rein interlevel Reduktion sei. Nehmen wir den Versuch einer interlevel Reduktion von B auf A, bei dem sich herausstellt, dass die Theorien von A weiterentwickelt werden sollten, oder die bislang akzeptierten Theorien von B einiger Korrekturen bedürfen. In diesen Fällen kann es zu einer wechselseitigen Beeinflussung der Entwicklung von reduzierende und reduzierte Theorie kommen. Ein reales Beispiel hierfür ist die sich gegenseitig beeinflussende Entwicklung der Thermodynamik und der statistischen Mechanik, bei denen sich nicht sagen lässt, ob sie sich sukzessiv reduktiv oder interlevel reduktiv entwickeln.

  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 07 Juni 2017 03:26)

    http://www.philolex.de/reduktio.htm

  • #3

    WissensWert (Montag, 15 Mai 2017 19:00)

    »Es gibt keine Definition der Philosophie. Ihre Definition ist identifiziert mit der expliziten Darstellung dessen, was sie zu sagen hat.« Max Horkheimer

  • #2

    WissensWert (Montag, 15 Mai 2017 19:00)

    Wissenschaftstheorie – für die methodologischen Hintergründe der Reduktionismusdebatte
    Philosophie des Geistes – für die Frage nach der Reduzierbarkeit des Geistes
    Metaethik – für die Frage nach der Reduzierbarkeit der Ethik
    Abwärtskausalität
    Psychologismus
    Soziologismus

  • #1

    WissensWert (Freitag, 26 August 2016 03:52)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Reduktionismus


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