„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Reduktionismus

Eine Reduktion besteht in der Rückführung einer Entität B auf eine Entität A.

Dabei kann eine Reduktion wie folgt aufgefasst werden:

1. Elimination: Entität B gibt es gar nicht.

2. Konsolidierung: Entität B ist eigentlich Entität A.

3. Transformation: Entität B ist eine Teilmenge (Spezialfall) von Entität A.

Die genaue Bedeutung von "Reduktion" ist aber Teil einer andauernden Debatte.

Aber: Entität A ist typischerweise in irgendeiner Form elementarer als Entität B.

Ein Reduktionismus behauptet also die Reduzierbarkeit von ein B auf ein A.

Bekannte reduktionistische Schulen sind unter anderem:

Neopositivismus: Alle Einzelwissenschaften sind auf eine Einheitsw. reduzierbar.

Logiszismus: Die Mathematik ist auf die Logik reduzierbar.

Psychologismus: Die Logik ist auf die Humanpsychologie reduzierbar.

Naturalismus: Alles Geschehen ist auf ein naturhaftes Geschehen reduzierbar.

Reduktiver Physikalismus: Das Mentale ist auf das Physische reduzierbar.

Ein Antireduktioniusmus bestreitet die Reduzierbarkeit von B auf A.

Er vertritt dafür einen Holismus oder Emergentismus bezüglich B oder verneint eine Supervenienzbeziehung von B gegenüber A.

Wenn der Reduktionismus wahr ist, dann ist das Verhalten von sozialen Gruppen vollständig durch die Gesetze der Quantenmechanik bestimmt.
Wenn der Reduktionismus wahr ist, dann ist das Verhalten von sozialen Gruppen vollständig durch die Gesetze der Quantenmechanik bestimmt.

1. Sukzessive Reduktion und Interlevel Reduktion

Eine Grundunterscheidung betrifft sukzessive und interlevel Reduktionen.

1.1. Sukzessive Reduktion

Eine sukzessive (auch: diachrone) Reduktion betrifft i.d.R. das Verhältnis von historisch aufeinanderfolgenden Theorien. Diese haben meistens einen sich überschneidenden Gegenstandsbereich, der dann von der Reduktion betroffen ist.

Beispiel 1: Die Spezielle Relativitätstheorie ist sukzessiv reduzierbar auf die historisch vorangegegangene klassische Mechanik im Limes Geschwindigkeit à 0.

Beispiel 2: Die Quantenmechanik ist sukzessiv reduzierbar auf die historisch vorangegangene klassische Mechanik im Limes hoher Quantenzahlen.

Der sukzessive Reduktionsbegriff enthält also zwei Bedeutungskomponenten: den des Zurückführens und den des Verringerns (i.S.v. Verkleinern, Vereinfachen).

Beispiel 1 & 2: Die Spezielle Relativitätstheorie und die Quantenmechanik werden bei ihrer sukzessiven Reduktion auf die klassische Mechanik nicht nur auf diese zurückgeführt, sondern ihr Geltungsbereich auch massiv verkleinert.

Die neuartigen Gesetze der SRT und der QM bei hohen Geschwindigkeiten oder niedrigen Quantenzahlen gehen dabei also komplett verloren. Das ist aber intendiert, da es ja um die Frage geht, ob sich die mathematischen Vorhersagen der SRT und QM im Geltungsbereich der klassischen Mechanik dieser annähern.

Dies ist eine Frage für Physiker, wissenschaftsphilosophisch interessanter ist die:

1.2. Interlevel Reduktion

Eine interlevel (auch: synchrone) Reduktion betrifft das Verhältnis von verschiedenen Gegenstandsbereichen, die dann von der Reduktion betroffen sind.

Klassische Beispiele: Die Biologie könnte interlevel reduzierbar auf die Chemie sein, die Chemie auf die Physik, die Soziologie und Logik auf die Psychologie usw.

Der interlevel Reduktionsbegriff impliziert somit eine Supervenienzbeziehung: Die Gegenstände der Disziplin B sind durch die Gegenstände der Disziplin A vollständig bestimmt: B-Unterscheidbarkeit impliziert A-Unterscheidbarkeit.

Häufiger Grund: Die Gegenstände der Disziplin B bestehen aus nichts anderem als aus Gegenständen der Disziplin A. Die Makrogegenstände werden also auf ihre  Mikrokonstituenten reduziert. Man spricht von einer "Mikroreduktion".

Mikroreduktionen erlauben Komplexitätshierachien. Ein Beispiel: Populationen  à  Lebewesen à Zellen à Moleküle à Atome à Elementarteilchen à Strings.

Also: Es gibt nur deshalb unterschiedliche Moleküle, weil diese aus unterschiedlichen Atomen aufgebaut sind. Und es gibt nur deshalb unter-schiedliche Atome, da diese aus unterschiedlichen Nukleonen aufgebaut sind.

Daraus folgt: Die Eigenschaften der komplexeren Teilchenfamilie B (zB Molekül)  supervenieren über die Eigenschaften der Teilchenfamilie A (zB Atom).

Aber: Supervenienz ist keine hinreichende Bedingung für Reduzierbarkeit!

1.2.1. Arten von interlevel Reduktionen

1.2.1.1. Ontologische Reduktion

Eine ontologische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. Entität B ist auf Entität A ontologisch reduzierbar, gdw. A und B substantiell identisch sind.

Beispiel 1: Die Chemie ist ontologisch reduzierbar auf die Physik, gdw. chemische Entität der Sache nach nichts weiter sind als physikalische Entitäten.

Beispiel 2: Die Logik ist ontologisch reduzierbar auf die Psychologie, gdw. logische Sachverhalte ihrem Wesen nach psychologische Sachverhalte sind.

Eine ontologische Reduktion ist offenbar nur dann möglich, wenn:

1. Entitäten der Art A nur aus Entitäten der Art B zusammengesetzt sind.

2. Bei dieser Zusammensetzung keine neuen Wechselwirkungen auftreten.

In diesem Sinne ist die Chemie ontologisch reduzierbar auf die Chemie. Denn:

1. Moleküle sind nur aus Atomen zusammengesetzt.

2. Bei dieser Zusammensetzung treten keine neuen Wechselwirkungen auf.

Alle für die Zusammensetzung relevanten Kräfte sind "alte" physikalische Kräfte.

Man könnte sagen: Die Chemie ist ein Teilgebiet der Physik.

1.2.1.2. Epistemologische Reduktion

Eine epistemische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A epistemisch reduzierbar, gdw. Wissen über B mit Wissen über A identisch ist.

Annahme: Wissen über B-Entitäten ist in den für B gültigen Gesetzen enthalten.

Beispiel 1: Die Biologie ist epistemisch reduzierbar auf die Chemie, gdw. Wissen über Gesetze der Biologie identisch ist mit Wissen über Gesetze der Chemie.

Eine epistemische Reduktion ist nach Ernst Nagel nur dann möglich, wenn:

1. Verbindbarkeitsbedingung: Der Begriff A* kann durch einen logisch äquivalenten Begriff B* ausgedrückt werden. Sodass gilt: B* ↔ A*.

Dazu benötigt es Sätze, die die Korrespondenz von A*- zu B*-Begriffen anzeigen.

Korrespondenzsatz: Der biologische Begriff "Hämoglobin" kann mittels chemischer Begriffe ausgedrückt werden, indem man die Strukturformel angibt.

2. Ableitbarkeitsbedingung: Die B`-Gesetze sind in den A`-Gesetzen logisch enthalten bzw. lassen sich aus diesen logisch ableiten. Sodass gilt: A'  B'.

Dazu muss man aufzeigen, dass B´-Gesetze Spezialfälle von A´Gesetzen sind.

Beispiel: Wenn die Mendelschen Regeln aus der Quantenmechanik ableitbar wären, dann würde es sich um einen Spezialfall der Quantenmechanik handeln.

Um nun die Gesetze der Vererbung aus den Gesetzen der Quantenmechanik abzuleiten, benötigt man: (a) die A´-Gesetze der Quantenmechanik, (b) die Korrespondenzsätze zu den entsprechenden B-Gesetzen der Genetik und (c) die Systemspezifikation, auf die man die Quantenmechanik anwenden will.

Also: Die epistemologische Reduktion der B-Entitäten auf A-Entitäten läuft so ab:

Aus:

(a) A-Gesetze & (b) bikonditionale Korrespondenzsätze für B-Begriffe &

(c) Systemspezifikationen.

lassen sich logisch ableiten:

(d) B-Gesetze.

Anmerkungen:

(1) Die epistemologische Reduktion kann ohne (c) Systemspezfikation nicht funktionieren. Denn ein Gesetz kann keine Aussagen über ein bestimmtes System treffen, wenn nicht angegeben ist, um welches System es sich dabei handelt.

(2) Die epistemologische Reduktion ist eine Typenreduktion. Denn die bikonditionalen Korrespondenzsätze (b) identifizieren Eigenschaftstypen.

(3) Die epistemologische Reduktion ist nicht notwendig eine Erklärung für B-Gesetze. Denn ein Teil der Prämissenmenge (a) bis (c) kann nicht als erklärungskräftig, sondern erklärungsbedürftig angesehen werden.

1.2.1.3. Explanatorische Reduktion

Eine explanatorische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A explanatorisch reduzierbar, gdw. B durch A erklärt werden kann.

Man spricht deshalb auch von einer "reduktiven Erklärung".

Beispiel 1: Biologische Entitäten sind explanatorisch reduzierbar auf chemische Entitäten, gdw. sie durch chemische Entitäten erklärt werden können.

Deduktiv-Nomologisches Modell: B kann durch A erklärt werden, gdw. sich B durch A unter Hinzunahme von sog. Antezedensbedingungen deduzieren lässt.

Wenn das Deduktiv-Nomologische Modell bedingungslos gelten würde, dann wären epistemische und explanatorische Reduzierbarkeit ein- und dasselbe.

Aber: Das DN-Modell gilt sicher nicht für alle wissenschaftliche Erklärungen.

Beispiel 2: Biologische Erklärungen sind häufig induktiv und differenzieren nicht eindeutig zwischen Antzendensbedingungen und Gesetzesaussagen. Trotzdem sind biologische Erklärungen sicher wissenschaftliche Erklärungen. 

1.2.1.4. Methodologische Reduktion

Eine methodologische Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A method. reduzierbar, gdw. beide mit denselben Methoden erforscht werden.

Beispiel 1: Biologische Entitäten sind methodologisch reduzierbar auf chemische Entitäten, gdw. sie durch rein chemische Methoden erforscht werden können.

Aber: Methodologische Reduktionen sind meistens unmöglich. Die Evolution der Arten ist vielleicht ein chemischer Vorgang und kann chemisch erklärt werden. Aber trotzdem kann sie nicht mit den Methoden der Chemie erforscht werden.

1.2.1.5. Funktionelle Reduktion

Eine funktionelle Reduktion ist eine Form der interlevel Reduktion. B ist auf A funktionell reduzierbar, gdw. A und B die gleichen Funktionen besitzen.

Beispiel: Biologische Entitäten sind funktionell reduzierbar auf chemische Entitäten, gdw. beide durch die gleiche kausale Rolle definiert sind.

Beispiel 2: Mentale Entitäten sind funktionell reduzierbar auf Physische Entitäten, gdw. beide durch die gleiche kausale Rolle definiert sind. 

Anmerkung: Explanatorische und funktionelle Reduktionen sind sicher in vielen, nach Expertenmeinungen womöglich aber nicht in allen Fällen identisch.

2. Qualifizierende Unterscheidungen

Jede dieser Reduktionsbehauptungen lässt sich nun noch weiter differenzieren:

2.1. Eliminative vs. Retentive Reduktion

Nach einer eliminativen Reduktion von B auf A wird A entbehrlich.

Nach einer retentiven Reduktion von B auf A spielt A weiterhin eine Rolle. 

Faustregel 1: Eine Reduktion ist wahrscheinlich retentiv, wenn die Beschreibung von B hinreichend korrekt und ökonomischer ist als die Beschreibung von A.

Beispiel: Die Reduktion der klassischen Mechanik auf die spezielle Relativität-stheorie ist retentiv. Denn bei niedrigen Geschwindigkeiten ist die KM einfacher zu rechnen als die SRT und liefert trotzdem hinreichend genaue Aussagen.

Faustregel 2: Interlevel Reduktionen sind meistens retentiv. Denn selbst wenn die Biologie auf die Physik zurückgeführt werden könnte, würden immer noch biologische Termini und Gesetze verwendet werden, weil sie einfachere Aussagen über die Chemie gestatten als ihre Übersetzung in physikalisches Vokabular.

Also: Sukzessive Reduktionen haben einen großen Einfluss auf die Forschungspraxis, interlevel Reduktionen nicht. Die Angst einiger Wissenschaftler, ihr Forschungsbereich würde nach einer erfolgreichen Reduktion auf einen anderen Forschungsbereich eliminiert würden, ist also meistens unbegründet.

2.2. tatsächliche durchführbare vs. prinzipiell mögliche vs. heuristische Reduktion

Eine Reduktion kann prinzipiell:

1. tatsächlich durchführbar,

2. prinzipiell möglich,

3. oder bloß heuristisch sein.

1. und 2. sind kategorische Reduktionsbehauptungen.

3. dahingegen ist nur eine heuristische Reduktionsbehauptungen. D.h. mit ihr wird nur asseriert, dass eine reduktionistische Forschungsstrategie heuristisch fruchtbar ist. Sie schließt einen kategorischen Antireduktionismus nicht aus.

Beispiel: Der Biophysiker Max Delbrück vertrat einen kategorischen Antireduktionismus zwischen Biologie und Physik. Dennnoch verfolgte er in der Biologie ein reduktionistisches Forschungsprogramm, weil er nur so einige spezifisch biologischen Gesetzmäßigkeiten aufzuspüren können glaubte.

Die philosophische Debatte dreht sich v.a. um kategorische RB.

Stand: 2019

Kommentare: 6
  • #6

    WissensWert (Freitag, 22 Februar 2019 00:46)

    Frage: Wenn B durch A erklärt werden kann, wird B dann immer durch A erklärt?

    Hilary Putnam: Gegeben sei ein Brett mit einer quadratische Öffnung von 2 cm Seitenlänge und einer kreisförmigen Öffnung von 2 cm Durchmesser, dazu noch ein Holzstab mit quadratischem Querschnitt von 1,9 cm Kantenlänge. Möchte man erklären, warum sich das Holzstab nicht durch das runde Loch, wohl aber durch das quadratische Loch stecken lässt, so bezieht man sich auf die geometrischen Verhältnisse (die Diagonale des Stabquerschnitts misst ca. 2,69 cm, also geht der Stab nicht durch das Loch von 2 cm Durchmesser) und auf die aus der Empirie bekannte Festigkeit des Materials Holz. Aufgrund welcher molekularen Struktur das Holz jedoch seine Festigkeit hat, ist im gegebenen Kontext völlig irrelevant, da auch jede andere molekulare Realisierung der Festigkeit, z.B. die bei Eisen oder Glas, zum gleichen Ergebnis führen würde. Putnams Beispiel zeigt, dass es Fälle gibt, in denen eine reduktive Erklärung, obwohl im Prinzip möglich, gänzlich unangemessen sein kann: Der Rekurs auf B-Eigenschaften und B-Relationen genügt für die gesuchte Erklärung vollkommen.

  • #5

    WissensWert (Mittwoch, 20 Februar 2019 02:27)

    Auch wenn sukzessive und interlevel Reduktionen in diesem Text theoretisch analytisch genau voneinander getrennt werden sollen, gelingt dies in der Realität praktisch häufig nicht. Es gibt zig Beispiele, bei denen die beiden Arten untrennbar miteinander verwoben sind und sich nicht vernünftig sagen lässt, dass das eine ein rein sukzessive Reduktion und das andere eine rein interlevel Reduktion sei. Nehmen wir den Versuch einer interlevel Reduktion von B auf A, bei dem sich herausstellt, dass die Theorien von A weiterentwickelt werden sollten, oder die bislang akzeptierten Theorien von B einiger Korrekturen bedürfen. In diesen Fällen kann es zu einer wechselseitigen Beeinflussung der Entwicklung von reduzierende und reduzierte Theorie kommen. Ein reales Beispiel hierfür ist die sich gegenseitig beeinflussende Entwicklung der Thermodynamik und der statistischen Mechanik, bei denen sich nicht sagen lässt, ob sie sich sukzessiv reduktiv oder interlevel reduktiv entwickeln.

  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 07 Juni 2017 03:26)

    http://www.philolex.de/reduktio.htm

  • #3

    WissensWert (Montag, 15 Mai 2017 19:00)

    »Es gibt keine Definition der Philosophie. Ihre Definition ist identifiziert mit der expliziten Darstellung dessen, was sie zu sagen hat.« Max Horkheimer

  • #2

    WissensWert (Montag, 15 Mai 2017 19:00)

    Wissenschaftstheorie – für die methodologischen Hintergründe der Reduktionismusdebatte
    Philosophie des Geistes – für die Frage nach der Reduzierbarkeit des Geistes
    Metaethik – für die Frage nach der Reduzierbarkeit der Ethik
    Abwärtskausalität
    Psychologismus
    Soziologismus

  • #1

    WissensWert (Freitag, 26 August 2016 03:52)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Reduktionismus


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