„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Akt und Potenz

Akt (lateinisch actus, altgriechisch νέργεια energeia; weitgehend synonym ist entelecheia[1]) und Potenz (lateinisch potentia, griechisch δύναμις, dynamis) sind philosophische Gegensatzpaare. "Potenz" bezeichnet die noch nicht realisierte Möglichkeit, zu der aber ein Vermögen (eine Fähigkeit) oder Disposition besteht. "Akt" bezeichnet dahingegen die Realisierung oder Verwirklichung dieser Möglichkeit.

Diese Unterscheidung geht auf die Naturphilosophie und Ontologie des Aristoteles bzw. des Aristotelismus zurück. Dabei kann zudem zwischen aktiver und passiver Potenz unterschieden werden. Die passive Potenz bedeutet die Empfangsmöglichkeit einem Akt gegenüber. Passive Potenz hat zum Beispiel ein Stück Lehm, das zu einer Vase geformt werden kann. Die aktive Potenz bedeutet das Vermögen, selbst einen Akt hervorzubringen. Aktive Potenz hat zum Beispiel ein Künstler, der aus einem Stück Lehm eine Vase oder einen Krug formen kann. Sowohl aktive wie passive Potenz betrifft die ontologisch sachhaltige Zuschreibung konkreter Vermögen und ist insofern mehr als logische Möglichkeit. Ein Sachverhalt ist nämlich schon dann logisch möglich, wenn sein Gegenteil nicht logisch notwendig ist; eine Potenz kommt einer Sache aber nur dann zu, wenn die aktuale Welt so eingerichtet ist, dass die Sache ein Vermögen zu einem entsprechenden Akt besitzt.

Für Aristoteles hat die Wirklichkeit eine ontologische Priorität vor der Möglichkeit.[2] Eines der Argumente für diese Position ist, dass die Realisierung je bestimmter Veränderungen nicht erklärbar wäre, wenn nicht jeweils ein Prinzip vorausgesetzt wird, das diese Veränderung verursacht. Da eine unendliche Reihe von Aktualisierern außerdem undenkbar ist, nimmt Aristoteles als erstes Prinzip seiner Kosmologie einen unbewegten Beweger an - nicht etwa nur eine ungeformte Materie mit Potenz zur Veränderung. Dieses erste Prinzip bezeichnet er außerdem als nur auf sich selbst bezogenes Denken. Zugleich ist es mit der vollkommensten Art der Bewegung verbunden, der Kreisbewegung. Gott bzw. seine Vernunfttätigkeit ist "wirkliche Tätigkeit".[3]

Die Lehre von Akt und Potenz hatte einen großen Einfluss auf die spätere griechische und lateinische und insbesondere auch auf die mittelalterliche Scholastik. Allerdings ging es im mittelalterlichen Denken nicht mehr um das Problem des Werdens und der Veränderung des Seienden, sondern um das Verhältnis des Seienden zum Sein, also um das Verhältnis der geschaffenen Dinge zu Gott. Für Thomas von Aquin, der die Akt-Potenz-Lehre mit der Lehre von der Analogie des Seins verband (analogia entis ), bezeichnen die aristotelischen Begriffe dynamis (Potenz) und energeia (Akt) nicht mehr nur Prinzipien des veränderlich Seienden, sondern sind zugleich und vor allem Bestimmungen des Absoluten und damit letztlich Gottes. Demnach kommt Gott als dem unendlichen Vermögen zugleich auch höchste Wirklichkeit zu. In Gott, der als selbstständiges Sein (esse subsistens ) bestimmt wird, fallen Akt und Potenz zusammen, da bei ihm kein Unterschied zwischen Sein und Tun besteht. Alles geschaffene Seiende trägt zwar den Unterschied von Akt und Potenz in sich, jedoch in unterschiedlichem Grad. In der Hierarchie des Seienden stehe dasjenige am höchsten, das möglichst wenig Potenzialität und möglichst viel an aktuellem Sein in sich trage (beispielsweise sei das Kind gegenüber dem Erwachsenen unvollkommener, weil es lediglich als Möglichkeit in sich trage, was bei diesem bereits verwirklicht ist).

1. Bewegung (Vorsokratiker)

Stand: 2018

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