„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Supranaturalismus

Der Supranaturalismus (lat. "Übernatürlich") ist ein Weltbild, das das Übernatürliche miteinschließt. Supranaturalistische bzw. übernatürliche Entitäten wie Götter oder Seelen sollen der empirisch erforschbaren und somit falsifizierbaren Welt zugrunde liegen oder auch überschreiten, sind aber selbst kein Teil von ihr.

Volker Dittmar über "Naturalismus versus Supernaturalismus" (3 Texte)

Text 1

Eines der beliebten Argumente, welches von Gottesgläubigen immer wieder gebracht wird, ist Folgendes: 

 

"Es gibt eine spirituelle Welt und eine natürliche Welt. Du kannst die Methoden, die in der natürlichen Welt gelten, nicht auf diese spirituelle Welt übertragen." (Siehe dazu auch die Hinweise im Abschnitt über die Betfalle

 

 

Hier liegt ein interessanter Trugschluss vor. Nehmen wir einmal an, es gäbe diese spirituelle Sphäre (oder Welt)  [1] tatsächlich. Wenn sie also existiert, dann interagiert sie (in irgendeiner Form) mit der natürlichen (realen) Welt, die unserer Erfahrung zugänglich ist, oder sie tut es nicht. Wieder machen wir eine Fallunterscheidung (damit uns keine Möglichkeit entgeht) und analysieren die Konsequenzen. Als "spirituelle Sphäre" bezeichne ich ein unbestimmtes Etwas, welches "jenseits" oder "außerhalb" der natürlichen Welt existiert:

1.    Die spirituelle Sphäre existiert, aber sie interagiert nicht mit der natürlichen Welt [2].

2.    Die spirituelle Sphäre existiert und sie interagiert mit der natürlichen Welt:

a.    Unsere Welt beeinflusst die Sphäre einseitig.

b.    Die spirituelle Sphäre existiert beeinflusst unsere Welt einseitig.

c.    Die spirituelle Sphäre existiert und diese und die Welt beeinflussen sich wechselseitig.

3.    Die spirituelle Sphäre existiert und sie interagiert mit unserer Welt, aber diese Interaktion folgt keinen bzw. keinen erkennbaren Regeln[3].

4.    Die spirituelle Sphäre existiert nicht - es gibt daher auch keine Interaktion.

Position 3. bezeichnet man als Naturalismus - alles ist natürlich und alles lässt sich auch natürlich erklären. Aber diese Position interessiert uns momentan nicht. Position 1. und 2. bezeichnen wir als Supernaturalismus

Position 1. ist für uns auch uninteressant - wenn es keine Interaktion gibt, dann betrifft diese Sphäre uns nicht, sie kann keine Auswirkungen auf unser Leben haben. Und dann ist auch jede Spekulation darüber müßig, denn wie im vorigen Abschnitt gesehen tappen wir dann tatsächlich vollständig im Dunkeln. Position 1. kann man also nicht sinnvollerweise einnehmen, sie ist logisch absurd. "Irgendetwas" müsste uns, unsere Welt, unsere Sinnesorgane etc. schon beeinflussen, dass wir überhaupt annehmen können (nicht dürfen), dass die Sphäre existiert. 

Bleibt also noch Position 2. übrig, für die wir vier Fälle annehmen können. Wenn Fall 2a. zutrifft, dann ist dieser Fall für uns nicht von der Position 1. unterscheidbar. Wir bekommen keine "Rückmeldung" und können daher auch keine Rückschlüsse ziehen. 

Es bleiben für eine mögliche Betrachtung einer regelmäßigen Interaktion noch 2b. und 2c. übrig. Beiden Positionen ist gemeinsam, dass sie von einer Beeinflussung der natürlichen Welt ausgehen. Sobald es so einen Einfluss tatsächlich gibt, könnten wir ihn auch nachweisen, denn damit "erreicht" die spirituelle Welt die Welt der Natur, also die Domäne der Naturwissenschaften. Immerhin konnten die Naturwissenschaften auch Dinge wie Neutrinos nachweisen, und bei Neutrinos ist das sehr, sehr schwer. Es ist unerheblich, ob 2b. oder 2c. richtig ist, Nachweis ist Nachweis, obwohl es schwer vorstellbar ist, eine einseitige Interaktion anzunehmen. "Schwer vorstellbar" ist nicht dasselbe wie "unmöglich". Aber gleichgültig ob wir 2b. oder 2c. annehmen, beide Positionen ließen sich nachweisen. Folglich sind beide Bestandteile der Natur. 

Mehr noch: Wir könnten diese Beeinflussung nicht nur nachweisen, wir könnten im Fall 2c. dieses auch nicht von der Position 3. unterscheiden. 2c. und 3. sind dasselbe! Denn wenn etwas weder theoretisch noch praktischunterscheidbar ist, muss es gleich sein. Sobald etwas mit uns interagiert, nachweisbar ist, dann verhält es sich wie die natürliche Welt. Woran erkennen wir die natürliche Welt? Genau daran, dass sie mit uns interagiert und nachweisbar ist! Was interagiert und nachweisbar ist, ist für uns die natürliche Welt. 

Nun zur Position 2d. Ein Wunder wäre nach dieser Position ein Ereignis, für das wir keine Regeln finden können, weil das prinzipiell nicht geht. Damit wäre die Interaktion für uns nicht von zufälligen Ereignissen unterscheidbar. Wenn sich also spontan und ohne erkennbare Gesetzmäßigkeit mein Computer vor meinen Augen in eine Banane verwandelt, dann könnte ich weder wissen, was dies bedeutet, noch könnte ich praktische Konsequenzen daraus ziehen. Ich wüsste auch nicht, wer oder was dafür die Ursache ist (auf Ursachen können wir nur schließen, wenn es sich um ein regelmäßiges Ereignis handelt). Ich könnte vor allem auch nicht wissen, welchen Einfluss nun meine eigenen Handlungen auf die spirituelle Sphäre haben. Eine Religion, die behauptet, dass es bestimmte Regeln gibt, nach denen ich mich verhalten sollte, ist mit der Position 2d. nicht vereinbar, weil ja keine Regeln erkennbar oder ableitbar wären. Auch eine Kommunikation mit dieser Sphäre (durch Gebete oder Meditation etc.) wäre nicht möglich, weil Kommunikation auf beiden Seiten ein regelhaftes Verhalten voraussetzt. Es ist nicht möglich, aus reinem Zufall irgendwelche Regeln abzuleiten - und für mich wäre es nicht mehr als das. Folglich können sich Gläubige nicht auf die Position 2d. berufen. 

Außerdem kann ich nie ausschließen, dass der Zufall nicht doch natürliche Ursachen hat bzw. dass es natürlicherweise Ereignisse ohne jede Ursache gibt. Also ist auch diese Position nicht wirklich von Position 3. zu unterscheiden, sie ist für mich gleich. Auch eine Mixtur aus den Positionen von 2.a bis 2d. ändert nichts daran. 

Wir können auch die Position 1. nicht von der Position 3. unterscheiden. Beide sehen für uns gleich aus, theoretisch wie praktisch, sie sind also logisch und praktisch äquivalent (= gleichwertig). 

Was ist, wenn diese "Interaktion" nur zeitweilig auftritt? Wenn sie immer nur dann auftritt, wenn wir gerade nicht hinsehen, dann existiert für uns keine Interaktion, und auch hier gibt es für uns keine Unterscheidungsmöglichkeit und keine Regel (Position 2d.). Wenn sie auftritt und wir bemerken sie, dann können wir sie auch festhalten und dann wird sie uns als natürliches Phänomen erscheinen. Wenn solche Phänomene auftreten, dann sind sie entweder willkürlich (und für uns vom Chaos ununterscheidbar) oder regelmäßig und damit naturwissenschaftlich erforschbare natürliche Erscheinungen! Aber selbst chaotische Erscheinungen hinterlassen Spuren und könne damit nachgewiesen werden, wenn wir auch keine Regel finden. Das Entdecken einer Regel ist nur ein kleiner Teil der wissenschaftlichen Arbeit. 

Auch wenn es sich um singuläre Ereignisse handelt, so müssten diese Auswirkung auf die materielle Welt haben und damit wissenschaftlich erforschbar sein - auch singuläre Ereignisse sind empirische Tatsachen. Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, dass sich die Wissenschaft nur mit regelmäßigen oder im Labor unter kontrollierten Bedingungen auftretenden Phänomen beschäftigt. Weit gefehlt! Denn dann gäbe es keine Evolutionstheorie, keine Erforschung des Urknalls, keine Untersuchung von Supernovae u. v. a. mehr. Was innerhalb der materiellen Welt auftritt - also mit uns oder mit der Materie um uns herum interagiert, diese beeinflusst - hinterlässt Spuren oder Indizien. Und diese kann man erkennen - sonst wüssten wir nichts über unsere Vorfahren. 

Genauer gesagt, alle hier aufgezählten Positionen sind gleich! Sie sind logisch und praktisch und in jeder vorstellbaren Hinsicht ununterscheidbar. Deswegen ist Naturalismus und Supernaturalismus dasselbe - wir können künstliche Unterschiede erfinden, aber es sind eben nur Erfindungen, Einbildungen, waghalsige Konstruktionen. Nur, weil wir etwas denken können, muss es nicht existieren. Damit aber etwas für uns eine Relevanz hat, muss es von Nicht- oder Irrelevantem unterscheidbar sein. Ist dies nicht der Fall, ist es unerheblich.

Das widerspricht erheblich der christlichen Position, und wie wir bei der Apologetik gesehen haben, wird auch damit argumentiert, von christlicher Seite aus. Nichtsdestotrotz handelt es sich um Scheinargumente. Eine supernaturalistische Position können wir weder theoretisch noch praktisch einnehmen. Damit wird "absurd und beliebig" zu einem Synonym für "supernaturalistisch". 

Alles, was die Supernaturalisten tun, ist, sich selbst und andere darüber hinwegzutäuschen, dass sie ihre "Ableitungen" aus ihrer "supernaturalistischen" (= denkunmöglichen) Position sich nach Belieben "aus den Fingern" saugen, d. h. letztlich doch aus einer naturalistischen Position, oder dass sie versuchen, die Unterschiede zwischen "wahr" und "ist eine haltlose und unbegründete Spekulation" bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen. Denn "wahr" kann nur etwas sein, was sich im Einklang mit den empirischen Tatsachen befindet. Verlassen wir die Empirie, dann kehren wir auch der Wahrheit den Rücken. 

Das mag schwer einzusehen sein, und es ist deswegen so schwer, weil wir (christlich-)kulturell so sehr beeinflusst worden sind. Jetzt wissen Sie, warum sich 
Freidenker als Freidenker bezeichnen: Weil sie in der Lage sind, sich (mindestens teilweise) von überkommenen, widerlegten, kulturell indoktrinierten, orthodoxen Positionen frei zu denken

Man mag einwenden, dass dies eine ignorante Position ist. Mag sein, aber der Punkt ist, dass sich Naturalismus 
und Supernaturalismus hinsichtlich ihrer Ignoranz nicht unterscheiden! 

Einfache Gemüter werden mir jetzt unterstellen, ich würde behaupten, was nicht erkennbar sei, sei auch nicht vorhanden. Weit gefehlt. Es mag vorhanden sein oder auch nicht - es ist nur nicht erkennbar (und das ist etwas anderes). Wenn man allerdings zwischen "nicht erkennbar" und "nicht vorhanden" nicht unterscheiden kann, dann sind beide Positionen in praktischer Hinsicht identisch. Erst wenn wird das (bislang) Nicht-Erkennbare erkennbar gemacht haben, dann können wir eine Unterscheidung treffen - aber dann gehört es keiner spirituellen (oder transzendenten) Sphäre mehr an. 

Man kann es auch anders formulieren: Was nicht mit dem Universum interagiert, ist irrelevant, was interagiert, ist (empirisch) erkennbar. Reine Vernunft ohne jede Empirie ist reiner Unsinn (darauf war Kant zuerst gekommen). 

Es gibt mit Supernaturalismus noch ein weiteres Problem - wir müssten allwissend sein, um bei einem unerklärlichen Phänomen auf eine nicht-natürliche Ursache zu schließen, denn wir kennen nicht alle natürlichen Faktoren, es könnte also im Gegensatz zu unserer Annahme doch natürlich sein. Anders gesagt, wir gewinnen nichts an Erkenntnis dazu, wenn wir supernaturalistische Erklärungen "erlauben", sondern wir blockieren damit meist nur die Suche nach natürlichen Erklärungen. 

Eine sehr schöne weiterführende Diskussion zum Thema findet sich bei Neukamm unter dem Titel:
Wissenschaft und Metaphysik - Supernaturalismus versus Naturalismus

Es gibt noch zwei weitere Argumente für den Supernaturalismus: Das Argument der Anfangsparameter des Universums - wenn bestimmte Naturkonstanten nur ein ganz kleines bisschen vom jetzigen Wert abweichen würden, dann gäbe es kein intelligentes Leben im Universum bzw. überhaupt kein Leben. Dazu habe ich eine ausführliche Erwiderung geschrieben unter: Gottesbeweise / Das Theistische anthropische Prinzip I. 

Das zweite Argument ist sehr viel komplizierter, weil es sich der Quantenmechanik (QM) bedient, ein Gebiet, das kaum jemand versteht. Nur kurz für Kenner (alle anderen bitte weglesen!):

1.    In der Welt der Quanten gibt es eine sehr starke Verschränkung von nahezu allem mit nahezu allem Anderen, was bedeutet, die Wechselwirkungen sind noch sehr viel umfassender als in der uns direkt zugänglichen Welt.

2.    Es gibt ursachenlose Wirkungen (d. h. echten Zufall), der zu merkwürdigen Effekten führen kann, die wir als "Wunder" interpretieren können - Geschehnisse, die sehr unwahrscheinlich sind, aber nicht unmöglich (und wenn man lange genug wartet oder genügend Fälle hat, dann muss das Wunder auch tatsächlich irgendwann mal geschehen).

3.    In der QM kann Materie und Energie aus dem Nichts entstehen - das ist keine bloße Theorie, das ist ein messbarer Effekt.

4.    Alle Regeln sind lediglich stochastischer Natur.

5.    Der Beobachter beeinflusst das zu beobachtende Ereignis - es gibt keine Unabhängigkeit von Subjekt und Objekt, und dies führt wiederum zum Teil zu als zufällig zu interpretierenden Ereignissen.

Das aber bedeutet, dass "Wunder" und "übernatürliche Ereignisse" geschehen können, und zwar als Teil von völlig normalen Prozessen. D. h. wir können auch größere Wunder nicht von natürlichem Geschehen unterscheiden, und damit existiert erst recht kein Anlass, einen Supernaturalismus zu bemühen, selbst dann nicht, wenn sich Ihr Computer spontan in eine Eistüte verwandelt ...


Es gibt aber auch ohne die verkomplizierende Quantenmechanik gute Gründe, warum Wunder weder die Existenz Gottes beweisen noch irgendeine Religion stützen: 
Wunder und Naturalismus.


Wem diese Argumentation nicht einleuchtet, der lese gleich noch den zweiten Text.

"Wissenschaftler erklären das Unbekannte mit dem Bekannten,

Theologen das Bekannte mit dem Unbekannten

- Letzteres macht die Welt selbst unbekannt und uns fremd."


Anmerkungen:

 

  1. Es handelt sich hierbei nicht um einen Aspekt unserer Welt wie Information o. ä., denn diese gehört zu unserer natürlichen Welt dazu.
  2. Ich hatte zuerst von der "realen Welt" geschrieben, aber da Gläubige "ihre" spirituelle Welt für ebenso "real" halten wie die natürliche Welt hoffe ich, damit Missverständnissen vorzubeugen.
  3. Diese Ergänzung und alle Überlegungen dazu verdanke ich Lars Gawallek, der mir dazu eine sehr interessante Email geschrieben hat - vielen Dank, Lars!

Text 2

Vielen Anhängern eines Supernaturalismus leuchtet meine Argumentation nicht ein, und zwar aus folgendem Grund:

 

Wenn eine spirituelle Sphäre jenseits unserer Welt existiert, dann sind die Methoden, die zur Erforschung der natürlichen Welt dienen, doch wohl für diese andere Welt nicht angemessen? Wieso kann ich dann Behauptungen über diese andere Welt anstellen?

 

Nennen wir die natürliche Welt der Einfachheit halber Diesseits und die spirituelle Sphäre Jenseits (nicht das Reich der Toten, sondern eine Welt jenseits der uns bekannten Welt). 

Ich habe im vorigen Abschnitt mit Logik argumentiert, um zu zeigen, dass ein Jenseits für uns nicht existieren kann. Das ist unabhängig von der Logik, unabhängig von der Betrachtungsmethode - was von Anhängern des Supernaturalismus meist übersehen wird, sondern gründet sich auf dem Begriff der ein- oder zweiseitigen Interaktion. Wahrnehmung basiert auf Interaktion, ohne diese gibt es (prinzipiell) keine Wahrnehmung. Ich sehe, weil Photonen von den Objekten ausgestrahlt werden, die Reizimpulse auf meiner Netzhaut erzeugen. Aber lassen wir diese Einwände einen Moment beiseite und nehmen wir an, ein Jenseits existiere tatsächlich, auch unabhängig von unserer Wahrnehmung. Können wir dann Aussagen darüber treffen? 

Wenn man behauptet, über das Jenseits könne man keine Aussagen machen, dann ist das Problem damit erledigt - wir können nur darüber schweigen, damit unterscheidet es sich, von den Aussagen her, auch nicht von Nicht-Existenz. Wenn man behauptet, man könne darüber Aussagen machen, dann müsste man demonstrieren können, dass diese tatsächlich über das Jenseits etwas aussagen. Kann man das nicht zeigen, dann ist dies auch nicht besser, als wenn man keine Aussagen darüber machen könnte. 

Wir können zur Illustration wieder eine Fallunterscheidung machen:

1.    Das Jenseits existiert und wir können sinnvollen Aussagen darüber machen.

2.    Das Jenseits existiert und wir können keine sinnvollen Aussagen darüber machen.

3.    Das Jenseits existiert nicht und wir können sinnvollen Aussagen darüber machen.

 

4.    Das Jenseits existiert nicht und wir können keine sinnvollen Aussagen darüber machen.

Interessant ist für uns nur der erste Fall, alles andere ist erkennbar unsinnig (wie 3. und 4.) oder uninteressant (Fall 2.). Wenn es also existiert, dann müssen wir uns fragen, wie wir sinnvolle Aussagen machen können. Reichen unsere Sprache und unsere Logik dafür aus? Wie überprüfen wir, ob unsere darüber getroffenen Aussagen auch stimmen? Wenn wir eine neue Sprache und/oder eine neue Logik dafür entwickeln, wie können wir dann zeigen, dass wir etwas Sinnvolles aussagen? 

Nun nehmen wir einmal den für uns günstigsten Fall an: Das Jenseits existiert nicht nur, sondern wir können auch noch sinnvolle Aussagen darüber treffen. Diese müssen wir aber auch, damit sie sinnvoll für uns sind, verstehen. Wir müssten also die Aussagen in eine Sprache übersetzen, die für uns verstehbar ist, und in eine Logik, die ebenfalls für uns verstehbar ist. Gelingt dieses Dolmetschen nicht, ist das Jenseits für uns wertlos, die Aussagen sind nur sinnloses Rauschen. Information bewegt sich stets zwischen zwei Polen: Erstmaligkeit und Bestätigung. Reine Erstmaligkeit enthält für uns keine Information, ist nichts weiter als Rauschen. Reine Bestätigung enthält keine neue Information, ist also ebenfalls wertlos. Jede sinnvolle Information bewegt sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen. 

Es muss also etwas am Jenseits sein, was uns bekannt und vertraut ist, wo wir mit unserer Denkweise weiter kommen, womit wir etwas anfangen können. Ohne diese Anknüpfungspunkte ist es für uns wie ein Buch in einer vollkommen unverständlichen Sprache. Dasselbe gilt für die logische Nachvollziehbarkeit, auch hier müssten wir (etwa durch Übersetzung in unsere Logik) das Ganze erst verstehbar machen. 

In dem Moment, wo es für uns verstehbar und nachvollziehbar ist, oder gar noch überprüfbar, ist es für uns ein Bestandteil unserer natürlichen Welt, mit natürlichen Mitteln zu begreifen. Wenn es nicht Bestandteil der natürlichen Welt ist, entzieht es sich jedem Verständnis. Kant war es, der dies völlig richtig erkannt hat: Wenn es nicht bestimmte angeborene Erkenntnisstrukturen gibt, auf denen sich unsere ganze Erkenntnis aufbaut, dann gibt es auch keine Erkenntnis. Dies beschränkt zugleich unsere Erkenntnis und macht sie möglich. Was Kant nicht wusste, war die Herkunft dieser Erkenntnisstrukturen, die er als a priori (= vor aller Erfahrung) bezeichnete. Wir müssen erst Erfahrungen haben, um weitere Erfahrungen machen zu können. Aus dieser Falle entkommen wir nicht. Diese Grundstrukturen legen fest, was wir überhaupt wissen können (und in welchen Grenzen). Unsere gesamte Erkenntnis ist im Mesokosmos entstanden, unsere Lebens- und Erfahrungswelt. Überschreiten wir diese Welt, versagt bereits unsere Anschauung (wie im Mikro- und Makrokosmos). Wir können unsere eigene Erfahrung nicht transzendieren (= überschreiten). Wir können nur auf dieser Basis aufbauend uns neuere Erkenntnis aneignen, aber nicht, in dem wir unsere Herkunft vergessen. 

Daran ändern auch Offenbarungen nichts - entweder können wir sie nicht verstehen, weil sie unsere Erfahrungen überschreiten, oder aber, wir können sie verstehen, dann sind sie Bestandteil unserer Erfahrungswelt und damit auch unserer Logik und unserem Denken zugänglich - und damit auch unserer Kritik

Wieder einmal sehen wir, dass der Versuch, etwas unserer Kritik zu entziehen, nicht wirklich funktionieren kann. In dem Moment, wo man es doch schafft, wird der nicht-kritisierbare Sachverhalt auch zugleich vollständig inhaltsleeroder sinnfrei. Es steht einem frei, leere Definitionen zu schaffen und sein Leben danach auszurichten, aber damit entzieht man dem Leben Sinn, statt es ihm zu geben. 

Die meisten dieser Versuche machen nur scheinbar Sinn. Nehmen wir ein Beispiel: Die Komplexität des Lebens und die Intelligenz, so sagen einige Theisten, sei ohne eine planende und denkende (= intelligente) Wesenheit (Gott) nicht vorstellbar. Damit wird aber vorausgesetzt, was eigentlich erklärt werden sollte, Gott ist nämlich bereits intelligent und komplex, und seine Intelligenz und Komplexität spiegelt sich in der Welt wieder und wird benutzt, um seine Intelligenz und Komplexität zu "beweisen" usw. usf. Das ist eine höchst zirkuläre (und damit sinnfreie) Definition, und sie erklärt keineswegs, woher Intelligenz und Komplexität kommt (denn woher kommt die Intelligenz Gottes?). Zu sagen, diese Intelligenz existiere schon immer, ist keine Erklärung, die Herkunft der Intelligenz bleibt weiterhin schleierhaft, folglich erklärt dies nichts. Wenn wir aber sagen, dass aus einfachen Dingen durch Selbstorganisation und Selbstreproduktion allmählich immer komplexere Dinge entstehen und schließlich sogar Intelligenz, dann haben wir eine echte Erklärung. Dabei können wir aber nicht über bestimmte Grundlagen hinaus zurückblicken. 

Wenn man also Intelligenz und Komplexität als von Gott geschaffen ansieht, dann hat man ebenfalls eine leere Definition und keine Erklärung. Es ist sehr schwer, geradezu eine besondere Kunst, nicht-leere Definitionen zu schaffen. Sobald wir uns von den 
Evidenzen entfernen, geschieht das aber recht schnell. 

Bliebe noch zu klären, ob man das Jenseits nicht negativ definieren kann, so wie die Theologen dies bei Gott mit der negativen Theologie versucht haben. Man sagt nicht, was etwas ist, sondern was es nicht ist. Leider führt uns dies nicht weiter, denn normalerweise benutzen wir negative Eigenschaften, um etwas als nicht existierend zu beschreiben. Ein Beispiel: 

Gott ist unwandelbar, unbeschreiblich, unsichtbar, unendlich. Dasselbe können wir auch vom Nichts sagen: Das Nichts ist unwandelbar, unbeschreiblich, unsichtbar und unendlich. Eine rein negative Definition ohne positive Eigenschaften definiert Nichtexistenz. Dasselbe passiert, wenn wir es auf das Jenseits anwenden.

"Wenn man sinnlose Fragen stellt,

dann bekommt man Antworten wie '42' oder 'Gott'."

Text 3

Im vorherigen Abschnitt habe ich bereits angedeutet, dass es für uns eine übernatürliche Sphäre nicht geben kann, weil wir sie nicht denken können. Wenn man diese Gedanken weiter durchdenkt, dann wird man feststellen, dass dies auch auf unsere Erfahrung übertragbar ist. 

Betrachten wir mal unsere eigene Psyche (in ihrer Gesamtheit, Bewusstes, Unbewusstes, Vorbewusstes und Unterbewusstes etc.). Nun kann man grob drei Informationsquellen betrachten, von denen Informationen in unsere Psyche gelangen können:

1.    Von den Sinnesorganen (Augen, Ohren, Nase, Tastsinn etc.)

2.    Vom Körperinneren her (Gleichgewichtssinn, taktiler Positionssinn, Schmerzempfinden etc.)

3.    Von der Psyche selbst (innerpsychische Verarbeitung)

Jetzt nehmen wir einmal an, es gäbe noch einen vierten Weg - den "übernatürlichen Weg" (Telepathie beispielsweise). Telepathie müsste insofern ein "natürliches" Phänomen sein, weil es Reaktionen im Gehirn auslösen muss - bislang ist es noch nicht gelungen, psychische Vorgänge ausfindig zu machen, die dies nicht tun. Wir sind hier nicht besser als die Messgeräte der Physiker: Damit wir etwas bemerken oder erkennen muss es mit uns interagieren, d. h. es muss Zustände im Gehirn ändern. 

Andererseits bewirken auch äußere Einwirkungen auf unsere Psyche Änderungen, sei es nun das Skalpell eines Chirurgen oder Rauschgifte. Wir können also ziemlich sicher sagen, dass unsere Psyche mit der materiellen Welt selbst interagiert. Und alles, was mit uns interagiert, ist auch ein Teil dieser Welt. 

Wir könnten daher auch behaupten, dass Telepathie o. Ä. ein erforschbares (weil wahrnehmbares) Phänomen dieser Welt wäre. Telepathie wäre irrelevant (unbemerkbar), wenn es keine Änderungen in unserer Psyche bewirken würde. Deswegen die Schlussfolgerung, dass wir Telepathie (wenn sie denn existierte) als ein natürliches, erforschbares Phänomen betrachten können. 

Eine telepathische Information wäre also als Ursache für Zustandsänderungen in unserer Psyche. Zu einer Ursache-Wirkungsbeziehung gehört immer auch eine Energieübertragung - ohne diese können wir allenfalls vom "zufälligen Zusammentreffen zweier unzusammenhängender Ereignisse" reden. Diese Energieübertragung wäre die Interaktion. 

Also: Ich denke gerade intensiv an einen alten Freund - das Telefon klingelt, und just dieser alte Freund meldet sich. Das kann reiner Zufall sein, aber eben auch Telepathie. Aber was immer es auch tatsächlich ist, ich kann es ohne eine Batterie physikalischer Messgeräte nicht von Position 3. unterscheiden. Denn meine Gedanken müssen etwas in seiner Psyche ausgelöst haben. Für meinen Freund kam der handlungsauslösende Impuls aus seinem eigenen Inneren. Auch für ihn ist ohne ein externes Messgerät dies nicht von rein innerpsychischen Vorgängen unterscheidbar. 

Anders gesagt: Ohne externe 
Evidenz (Übereinstimmung mit externen Fakten) gibt es keine Möglichkeit, selbst telepathische Phänomene von rein innerpsychischen Vorgängen wie Traum, Halluzination, innerem Denken, unbewussten Impulsen oder reinem Zufall etc. zu unterscheiden. Wieder anders gesagt: Es gibt tatsächlich nur drei Positionen für uns, so wie oben beschrieben, selbst wenn man "übernatürliche" Phänomen mit ins Kalkül zieht! Denn da wir diese nicht von Position 3. unterscheiden können, sind sie für uns identisch. Können wir sie von Position 3. unterscheiden, dann nur, wenn sie sinnlich erfahrbar sind (intersubjektiv prüfbar). Dann aber gehören sie zu Position 1. Ereignisse der Position 2. gehören mittlerweile ebenfalls zu den messbaren Phänomen. 

Wir können also nur unterscheiden zwischen zwei Positionen: sinnlich erfahrbar und intersubjektiv nachprüfbar oder nicht nachprüfbar, dann also subjektiv (und damit nicht von Traum, Halluzination, Einbildung, unterbewusste Projektion etc. unterscheidbar). Wir hatten beim 
Münchhausentrilemma gesehen, dass etwas nur dann wahr sein kann, wenn es widerlegbar ist. Da innerpsychische Phänomene mangels Nachprüfbarkeit nicht widerlegbar sind (wer könnte mit Aussicht auf Erfolg bestreiten, dass ich letzte Nacht von rosa Einhörnern geträumt habe?), können die innerpsychischen Erscheinungen anderer Menschen für uns keinen Wahrheitscharakter haben, sind also in jeder Hinsicht für uns unverbindlich. Sie können weder wahr noch falsch sein. Deswegen ist die persönliche Gotteserfahrung kein Beweis für Gott, d. h. kein Satz, zu dem wir "wahr" oder "falsch" sagen können.

"Ich behaupte, wir sind beide Atheisten. Ich glaube nur an einen Gott weniger als Du. Wenn Du verstehst, warum Du alle anderen möglichen Götter ablehnst, dann wirst Du verstehen, warum ich Deinen ablehne." (Stephen Roberts)

Gastbeitrag von: Volker Dittmar

AUS DEM VIDEO:

 

"What´s supernatural?"

"Supernatural is nothing. It explains away all problems. Anytime anyone brings up one on those paradoxes you mentioned, we just say "It's supernatural".

For exemple, how can a timeless being

make a decision, when every decision require at least

two distinct temporal states?

"Because he's supernatural."

How can a spaceless being be distinguishable from other identities without distance to separate them?

"Supernatural"

How can a spaceless being retain the countless

gigabytes of information that would require to know everything?

"Super" "Natural"

And how can he be immune to causality and

complexity?

Supernatural?

That's right. The supernatural is not bound to any form of reality with which anyone will ever be familiar. It can be created, destroyed or eternal. It has never been sampled or measured in

any way, shape, or form. Its existance is entirely unverifiable,

and therefore any characteristics of it are elligible to be invented by anyone. On the spot. Any and all problems with the concept of

god, or any assertion, really, can immediately be cured by attributing them to the supernatural. This can completely nullify any and all arguments. Forever."

"But surely no thinking person is ever

going to be satisfied with that."

 

"You'd be surpised..."

Stand: 2016

Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Mittwoch, 25 Januar 2017 00:33)

    Wenn «Gott» (bitte definieren) in die Natur eingreift, dann macht ihn das zu einem erforschbaren Teil der Natur. Alles, was auf die Natur einwirkt, ist nicht mehr übernatürlich, und es entzieht sich nicht der Wissenschaft.

  • #3

    WissensWert (Dienstag, 19 Juli 2016 07:40)

    https://www.facebook.com/scrutatorbibelkritik/videos/1519542435018038/

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 12 Juli 2016 00:37)

    Es ist selbstwidersprüchlich, Gott nicht zu definieren, oder zu behaupten, er ließe sich nicht wissenschaftlich erforschen, und sich darüber zu beschweren, dass die Wissenschaft (oder der Naturalismus) diesen Gott nicht berücksichtigt.

  • #1

    WissensWert (Sonntag, 10 Juli 2016 21:43)

    Es gibt zwei Typen von übernatürlichen Postulaten:

    (1) Das Postulat einer übernatürlichen Entität, die keinen Impakt auf die empirische Welt besitzen soll. Dieses ist per definitonem nicht falsifizierbar. Genauso wenig, wie die Idee des Sternes, der immer dann am Himmelszelt auftaucht, wenn gerade niemand hinschaut. Wie das Beispiel mit dem Stern zeigt, ist die Unwiderlegbarkeit eines Postulats noch nicht hinreichend dafür, dass es vernünftig ist, an dessen Existenz zu glauben. Und da eine supranaturalistische Entität des Typs (1) per definitonem auch keinen Erklärungswert und keine Notwendigkeit in unserer empirischen Welt besitzen kann, sollte gemäß Ockham’s Razor von seiner Nichtexistenz ausgegangen werden.

    (2) Das Postulat einer übernatürlichen Entität, die einen Impakt auf die empirische Welt besitzen soll. Es gibt keine Evidenz für eine solche Entität, weil nichts aus der Erfahrung auf außerempirische Beeinflussung hindeutet oder gar dessen Notwendigkeit einfordert. Die Postulate des Typs (2), wie zum Beispiel Zeus der Donnergott, wurden im Laufe der Geschichte fast alle falsifiziert oder die von ihnen vorhergesagten Phänomene konnten alternativ durch empirische Begebenheiten erklärt werden. Nichts deutet darauf hin, dass diese Siegesserie abreißen sollte. Es ist von daher auch von der Nichtexistenz aller Entitäten des Typs (2) auszugehen.


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