„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Dualismus

Der Dualismus (lat. dualis „zwei enthaltend“, und –mus) ist diejenige Position zum Leib-Seele-Problem, die im Geistigen und Materiellen zwei verschiedene Entitäten sieht, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen.

Je nachdem, wie das Materielle und das Geistige weiter spezifiziert werden und wie man sich ihr Verhältnis untereinander denkt, kann man zu verschiedenen Subrichtungen des Dualismus gelangen. Die drei wichtigsten Dualismen sind:

  • Interaktionistischer DualismusGeist und Materie sind verschiedene Entitäten und wirken wechselseitig aufeinander ein. Vertreter sind u.a. Descartes, laut ihm sind Geist und Materie eigenständige Substanzen und über die Zirbeldrüse kausal miteinander verknüpft.
  • Nichtinteraktionistischer Dualismus: Geist und Materie sind verschiedene Entitäten und wirken nicht aufeinander ein. Vertreter ist u.a. Leibniz, für den Geist und Materie eigenständige Substanzen waren und Gott ihren parallelen, nicht kausal verknüpften Ablauf managte. 
  • Epiphänomenalismus: Geist und Materie sind verschiedene Entitäten, doch nur die Materie wirkt auf den Geist ein. Vertreter sind u.a. Huxley, der glaubte, dass das Materielle (Gehirn) auf das Geistige (mentale Prozesse) einwirke, dies aber umgekehrt nicht geschehe.

Die drei vorgestellten Dualismen.
Die drei vorgestellten Dualismen.

Der nichtinteraktionistische Dualismus und vor allem seine Ausprägung der Okkasionalismus sind wissenschaftlich nicht haltbar, der Epiphänomenalismus wird im oben verlinkten Aufsatz näher beleuchtet und wir widmen uns jetzt dem interaktionistischen Dualismus.

1. Interaktionistischer (Substanz-)Dualismus

Zu jedem dieser Dualismen gibt es Unterarten. Ein nichtinteraktionistischer Dualismus ist beispielsweise der Okkasionalismus, bei dem Gott die kausal getrennt existierenden Seinsweisen Materie und Geist aufeinander abstimmt. Und der interaktionistische SUBSTANZdualismus ist die klassische Form des interaktionistischen Dualismus, die sowohl der Materie als auch dem Geist ein eigenständiges Sein und damit beiden den ontologischen Status einer Substanz zuspricht.

1.1. Vorgeschichte

Der Gedanke, dass unser Geist unabhängig vom Körper zu denken sei, reicht bis tief in die Philosophiegeschichte zurück. Vorstellungen einer immateriellen und unsterblichen Seele als Gegenstück zum zerfallenden Körper finden sich schon in der Antike, namentlich bei Platon. Im christlichen Mittelalter war die Unabhängigkeit der Seele vom Körper sogar eine notwendige Voraussetzung für das Funktionieren des ganzen Erlösungssystems. Seele und Körper galten damals als miteinander verbunden (interaktionistischer Dualismus), wie genau aber die Seele den Körper beseelt, hatte bisher nicht so detailliert interessiert. Das Leib-Seele-Problem wird erst in der Neuzeit so wirklich brisant, da jetzt das Geistige als deutlich unterschieden vom Materiellen gesehen wird und sich die Frage stellt, wie die Beiden miteinander interagieren.

1.2. Descartes Theorie

Die einflussreichste Theorie dazu entwarf der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes. Nach Descartes spaltet sich das Sein in einen Dualismus auf - die ausgedehnte Sache (res extensa) bzw. die Materie auf der einen und die denkende Sache (res cogitans) bzw. der Geist auf der anderen Seite. Sobald sich nun bspw. eine Person die Hand am Feuer verbrennt, gehen von der erwärmten Hand Signale aus, die ins Gehirn weitergeleitet werden und dort an einer bestimmten „Stelle“ auf den immateriellen Geist einwirken. Umgekehrt funktioniere das auch, wenn ich Schmerzen habe, wirkt der immaterielle Geist auf das Gehirn und sendet Signale aus, die mich meine Hand zurückziehen lassen. Nur wo genau liegt diese „Stelle“, an der zwei grundsätzlich unterschiedliche Substanzen wie Materie und Geist wechselwirken können?

1.3. Zirbeldrüse

Descartes vermutete die relevante Schnittstelle in der Zirbeldrüse, die im Gehirn liegt. Hier liege laut Descartes der Hauptsitz der Seele. Zwar sei die Seele auch irgendwie mit dem ganzen restlichen Körper verbunden, jedoch übe sie in der Zirbeldrüse einen besonders starken Einfluss aus. Lebensgeister stoßen die Zirbeldrüse und reizen so die Seele zur Empfindung, oder andersherum. Auf diese Weise interagieren Geist und Materie miteinander.

2. Das Problem

Aber damit verschiebt Descartes das Problem nur nach hinten, ohne es zu lösen. Die Zirbeldrüse ist selbst ein materielles Organ und Descartes kann nicht erklären, wie dieses mit dem Geist wechselwirkt. Er verschärft das Problem auch noch, indem er behauptet Körper und Geist seien eigenständige Substanzen und grundverschieden beschaffen (denkend und ausgedehnt). Auf der einen Seite reale physische Objekte, Größe und Formen und auf der anderen Erfahrungen, Erinnerungen und Schmerz – wie soll eine Verbindung dieser Entitäten aussehen? Körper und Geist sind bei Descartes nun mal zwei völlig unterschiedliche Dinge und dass die die beiden über die Zirbeldrüse miteinander verbunden seien, ist eine lose Behauptung ohne weiteren Erklärungsansatz.

Das Problem der Inkompatibilität von Körper und Geist obliegt allen dualistischen Weltanschauungen, sie alle ersinnen einen Geist neben dem Körper, ohne ernsthaft erklären zu können, wie dieser mit selbigem kommunizieren soll.

3. Monismus

Wenn man den Substanz-Dualismus ernst nimmt, ist er ohne metaphysische Hilfsannahmen nicht lösbar. Egal wie trickreich man ihn konzipiert, das Bindungsproblem macht einem jedes Mal einen Strich durch die Rechnung. Deshalb vertritt heute niemand mehr ernsthaft einen Substanz-Dualismus. Eine Alternative und das Gegenstück zum Dualismus ist der Monismus, wonach sich alle Weltphänomene auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Bei Monismen löst sich das Bindungsproblem sogleich im Nichts auf, denn wo nur noch eine grundlegende Entität existiert, muss man nichts mehr verbinden. Die meisten Monismen sind materialistisch, d.h. sie sehen die eine grundlegende Entität in der Materie. Bewusstsein ist dann nur noch ein Nebenprodukt des materiellen Gehirns und nicht mehr selbst Substanz.

Das löst zwar das Bindungsproblem, dafür hat der (materialistische) Monismus aber mit anderen Problemen zu kämpfen, wie zum Beispiel mit dem der Qualia: Wie entsteht aus unbewusster Materie das (Nebenprodukt) Bewusstsein?

Verweise

  • #Okkasionalismus: Ein weiterer, wenn auch gegenwärtig nicht so einflussreicher Dualismus ist der Okkasionalismus von Nicolas Melabranche. Wenn ich etwas tun will, so ist diese Intention ein immaterielles Ereignis in meinem Geist. Dieser Vorfall wird dann von Gott registriert, der den Körper entsprechend in Gang setzt. Der Okkasionalismus ist ein nichtinteraktionistischer Dualismus, da Körper und Geist hier nicht direkt miteinander verknüpft sind. Gott ist kein kausales Bindeglied, sondern gleicht die Körper- und die Geisteswelt nur so miteinander ab, dass sie in einer kausal wirkenden Weise zusammenfallen. Wenn Sie einen Stein werfen wollen, sorgt Gott dafür, dass sich Ihr Arm bewegt und der Stein durch die Luft fliegt.
  • Intuition: Der Dualismus reagiert auf die intuitive Kluft zwischen dem mentalen Innenleben und der materiellen Realität, indem er behauptet, es seien auch in (der) Wirklichkeit zwei grundverschiedene Entitäten im Spiel – die mentale und die physische eben. Der (interaktionistische) Dualismus ist also deshalb intuitiv einleuchtend, weil er sich mit unserer Alltagserfahrung in Übereinstimmung befindet. Wir erleben auf der einen Seite eine geistige Welt voller Wahrnehmung, Gefühlen und Gedanken, über die wir mithilfe von Sinneswahrnehmung, Handlungsabsichten und Sprache mit der physischen Welt auf der anderen Seite interagieren können.
  • Leibniz: Gottfried Wilhelm Leibniz entwickelte den Psychologischen Parallelismus, ein Nichtinteraktionistischer Dualismus, d.h. Geist und Materie sind zwar zwei verschiedene Entitäten, besitzen indes keinen Wirkungseinfluss aufeinander. Die prästabilierte Harmonie zwischen Innen- und Außenwelt (wenn ich einen Stein werfen möchte, bewegt sich meine Hand) erklärt er sich über die von ihm postulierten Monaden. Sie nehmen die Rolle ein, die im Okkasionalismus Gott zukommt, nur dass Gott beim Psychologischen Parallelismus nur noch der große Programmierer darstellt, der die Monaden so eingestellt hat, dass sie im Gleichklang miteinander harmonieren, so wie Uhren, die unabhängig voneinander immer dieselbe Zeit anzeigen, weil ein Uhrmacher sie präzise aufeinander abgestimmt hat. Wichtig ist zu sehen, dass die Monaden selbst nicht miteinander wechselwirken, sondern eben nur durch Gotteshand aufeinander abgestimmt wurden. An und für sich ist dieses Modell stimmig, benötigt jedoch viele unbewiesene Zusatzannahmen (Gott, Monaden …), weshalb es sich nicht durchsetzen konnte.
  • Neurowissenschaften: Religionen sind i.d.R. dualistisch, die Naturwissenschaft denkt streng monistisch-naturalistisch. Mentale Zustände (einschließlich Bewusstsein) sind streng mit neuronalen Aktivitäten korreliert, was für eine monistische oder zumindest interaktionistisch dualistische Sicht der Dinge spricht. Die nichtinteraktionistischen Dualismen von Leibniz und den theistischen Okkasionalisten scheinen somit angesichts der neurowissenschaftlichen Erkenntnisse obsolet zu sein.

  • Pluralismus: Pluralismus (lat. „pluriens“ = mehrfach) bezeichnet in der Philosophie eine Lehre, nach der es nicht nur ein irreduzibles Grundprinzip gibt (Monismus), auch nicht nur zwei (Dualismus), sondern viele nicht auseinander ableitbare Seinsbereiche die Welt ausmachen.
  • Popper: Pluralistisch mutet Karl R. Poppers Drei-Welten Lehre an, der die dualistische Weltauffassung von einer physikalischen und mentalen Welt um eine „Welt 3“ erweiterte. Die 3.te Welt setzt sich aus den Produkten des menschlichen Geistes zusammen, also aus Systemen, Argumenten usw. Da im Zweifelsfall alles aus Welt 3 problemlos auf die zweite Welt des Mentalen zurückgeführt werden kann, ist Poppers Lehre aber doch nicht pluralistisch, sondern nur dualistisch.
  • Platon: Platon stand für einen expliziten Dualismus, was sich in seiner Argumentation für die Seelenwanderung zeigt: „Kann die Seele den Tod des Körpers überleben, so muss sie etwas anderes als der Körper sein.“ Die Seele war bei Platon das Immaterielle, Geistige - der Körper das Materielle, Physische. Neoplatonisten wie Plotin waren dann aber wieder eher dem Monismus zugeneigt. 
  • Qualia: Der Eigenschaftsdualismus behauptet nicht, dass eine Person aus zwei Substanzen zusammengesetzt sei, sondern, dass es nur ein Personenobjekt gäbe, das aber körperliche und seelische Eigenschaften aufweise. Als nichtmaterielle Eigenschaften des Körpers sehen die Eigenschaftsdualisten oft die Qualia (z.B.: das subjektive Erlebnis der Röte einer Rose) an, da es zweifelhaft ist, ob diese auf materielle Zustände zurückgeführt werden kann.
  • Sonderstellungsmerkmal (Bewusstsein): Wenn es nach Descartes geht, besitzt nur der Mensch eine Seele. Tiere sind in seinen Augen bloße Maschinen und ihre scheinbaren Empfindungen nur mechanische Reflexe. Auch diese Auffassung verträgt sich nicht mit den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung und der modernen Evolutionstheorie. Wenn Tiere wie wir ein Produkt der Evolution sein sollen, müssen wir ihnen zumindest graduell eine gleiche Empfindsamkeit und Bewusstsein zusprechen.
  • Universalienfrage, math.: Dualistische Weltanschauungen scheitern am Bindungsproblem. Aber auch innerhalb eigentlich monistischer, da allein materialistischer Strömungen gibt es Streitigkeiten darüber, wie sich einzelne Seinsbereiche untereinander verhalten. Das Verhältnis von Mathematik bzw. mathematischen Objekten und der Natur wäre so ein Konflikt. Wenn die Mathematik nur in die Welt hineingedacht wird, warum eignet sie sich dann so gut dazu, fächerübergreifend Phänomene in der Natur und der Gesellschaft zu beschreiben? Und wenn die Mathematik eine prädizierte Stellung im Sein einnimmt und ihnen auch außerhalb von Natur und Denken eine Existenz zukommt, käme dies nicht einer Aufgabe des monistischen Gedankens gleich?
  • Vorstellung: Wie kommt Descartes auf den dualistischen Gedanken, dass Geist auch ohne Materie (= lebendes Gehirn) existieren könnte? Descartes argumentiert wie folgt: Ich kann mir problemlos vorstellen, dass Geist ohne Materie existiert. Was man sich vorstellen kann, muss auch prinzipiell möglich sein. Folglich ist es prinzipiell möglich, dass Geist ohne Materie existiert. Und wenn es prinzipiell möglich ist, dass Geist ohne Materie existiert, dann müssen Geist und Materie zwei verschiedene Entitäten sein. An diesen Schlussfolgerungen lässt sich nichts aussetzen, an den Prämissen (Warum sollte z.B. etwas möglich sein, nur weil es vorstellbar ist?) jedoch schon.
  • Zombie: David Chalmers Vorstellung, es könnte philosophische Zombies geben, beruht auf einer dualistischen Grundüberzeugung. Philosophische Zombies sind genauso wie wir Menschen, nur dass sie über kein Bewusstsein verfügen. Wenn phil. Zombies real möglich sein sollten, dann kann am materialistischen Monismus etwas nicht stimmen. Denn dann gehen aus (den gleichen) Gehirnzuständen nicht zwingend auch Bewusstseinszustände hervor. Es läge dann nahe anzunehmen, dass Bewusstseinszustände abgekoppelt von der Materie eine eigene, geistige Entität darstellen. Zombies, also Körper ohne Geist, sind im Übrigen das Gegenteil von einer Seele, die ein Geist ohne Körper ist.

Stand: 2015

Kommentare: 2
  • #2

    Seelenlachen (Sonntag, 20 März 2016 23:22)

    Ich lese mir deine Argumente gerne durch, wenn du sie anbringen möchtest :)

    (Oder du möchtest sie gar als Gastbeitrag hier veröffentlichen, ich versuche meine Website zurzeit mehr für solche zu offenen).

  • #1

    wewo (Sonntag, 20 März 2016 23:16)

    Da muss ich leider widersprechen. Ich versuche zwar nicht, jemanden davon zu überzeugen (was wohl auch nur sehr schwierig bis gar nicht möglich wäre), aber ich vertrete ernsthaft einen Substanz-Dualismus. :)


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