„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Seele

Der hier intendierte Begriff "Seele" bezeichnet einen hypothetischen, körperlosen Teil eines Menschen, der gemäß diverser Religionen unsterblich sein soll.

1. Es gibt keine Seele

Es gibt keine Seele bzw. das, was viele noch "Seele" nennen (Psyche oder auch Bewusstsein), sitzt im Gehirn und ist das natürliche Produkt dessen. Im 21. Jahrhundert kann kein Naturwissenschaftler mehr ernsthaft den vorherstehenden Satz bestreiten. Denn für die gegenwärtige Naturwissenschaft kann es heute keinen Zweifel mehr daran geben, dass psychische Prozesse, genauso wie Prozesse der Wahrnehmung, der Kognition und der Motorik aufs Engste mit der Aktivität von Nervenzellen in unterschiedlichen Regionen des Gehirns verbunden sind. Eine körperunabhängige Seele widerspricht jeglichen physikalischen Prinzipien (z.B. Energieerhaltungssatz) und ist ausgemachter Anthropozentrismus.

 

Was die Religionen uns als Seele verkaufen wollen ist das Produkt eines langen evolutionären Prozesses. Zwar gibt es keinen eng umgrenzten Ort im Gehirn, von dem man sagen könnte, dass er alleiniger Sitz der Seele (=Psyche) sei, aber das Zusammenwirken vieler Komponenten des limbischen Systems mit der Hirnrinde konstituiert die Psyche. Das Geistige, bzw. Mental-Psychische ist somit keine eigenständige, immaterielle Wesenheit. Die Seele „sitzt“ im limbischen System und beinhaltet sowohl unbewusste als auch bewusste Gefühle (Emotionen).

 

Verletzungen am Gehirn, also (dem Sitz) der Seele, bedingen meistens auch Konsequenzen im Verhalten, also eine Verhaltensänderung bzw. eine Persönlichkeitsänderung. Schon der französische Arzt Paul Brock (1824-1880) hat herausgefunden, dass eine charakteristische Störung des Sprachvermögens (heute Broca-Aphasie genannt) eindeutig auf eine Verletzung in einem bestimmten Bereich des linken Frontallapens zurückzuführen war. Kurz darauf fingen die sogenannten "Lokalisten" an, weitere mentale Funktionen im Gehirn zu verorten: die räumliche Orientierung im rechten Scheitllappen oder die Verhaltensplanung und Impulskontrolle im Stirnhirn (usw.).

 

Bezüglich der Erforschung von Emotionen und „dem Psychischen“ an sich hat Antonio R. Damasio bahnbrechende Forschungen betrieben. Dieser hat sich vor allem auf die Auswirkungen, die eine Verletzung des unteren Stirnhirns auf die Impulskontrolle und das „moralische“ Verhalten hatte, spezialisiert. So kann heutzutage über eine funktionelle Magnetresonanz-Tomographie (fMRT) herausgefunden werden, ob jemand die Veranlagung dazu hat, gewalttätig zu sein.

 

Der berühmte Fall von Phineas P. Gage zeigt, dass die Persönlichkeit sich verändert, wenn sich Gehirnstrukturen ändern oder zerstört werden. Bei einem schweren Unfall schoss eine Eisenstange von unten nach oben durch seinen Schädel und beschädigte den orbitofrontalen und präfrontalen Kortex im Gehirn. Er überlebte den Unfall, war danach aber wie ausgewechselt. Aus dem freundlichen und ausgeglichenen Gage wurde ein kindischer, impulsiver und unzuverlässiger Mensch. Dieses Krankheitsbild ist heutzutage in der Neurologie als Frontalhirnsyndrom bekannt. Auch Demenz, also der Wegfall von Nervenzellen im Gehirn, führt dazu, dass sich Menschen stark verändern. Wie(so) soll die Persönlichkeit erhalten bleiben, wenn mit dem Gehirntod ALLE Nervenzellen ihren Dienst verweigern?

 

Fazit: Es deutet alles darauf hin, dass die Seele als immaterielle Entität nicht existiert sondern materiell im Gehirn verankert ist. Folglich kann nichts nach unserem Tod in den Himmel aufsteigen. Mit dem Tod unseres Gehirns und dessen Funktionen stirbt auch unser Ich, unsere Psyche, das, was Theisten „Seele“ nennen.

Links

Gastbeitrag von: Felix Kruppa

Kommentare: 11
  • #11

    WissensWert (Mittwoch, 07 Juni 2017 03:36)

    http://www.philolex.de/seele.htm

  • #10

    WissensWert (Montag, 17 April 2017 00:58)

    Antwort auf diese Aussage: "Aber wie kann es sein,dass aus dieser "leblosen" Materie, was die Nervenzellen in unserem Gehirn ja letztendlich sind,unser Bewusstsein und unser "Geist",also das wir sind,entsteht."

    Wir wissen es nicht. Niemand weiß bisher, wie das Zusammenwirken biochemischer Bauteile subjektives Erleben ermöglicht. Die wahrscheinlichste These ist: Bewusstsein ist wahrscheinlich ein emergentes Epiphänomen aus komplexen Mustern von Datenverarbeitung. Bewusstsein (Qualia) ist, wie sich Informationsverabrietungsprozesse mit bestimmter Struktur "von innen anfühlen" (Max Tegmark).

    Ähnlich wie aus bestimmten komplexen Biochemie-Kaskaden als Epiphänomen "Leben" resultiert - ergibt sich Bewusstsein wahrscheinlich als Epiphänomen von Datenverarbeitung.

    Aber das ist nur eine Hypothese.

    Soviel aber wissen wir schon heute: OHNE die neuronale Grundlage gibt es kein Bewusstsein. Werden diese komplexen Informationsverarbeitungsstrukturen nur gering gestört - erlischt Bewusstsein (Schlaf, Narkose, Hirnschaden, Tod).

    Wenn wir auch noch nicht wissen, WIE Bewusstsein aus neuronaler Aktivität entsteht, wissen wir doch mit extrem hoher Sicherheit, DASS es an neuronale Aktivität gebunden ist.

    Ein Fortbestehen von menschlichem Bewusstsein ohne neuronale Grundlage - ich meine, das muss bereits heute als nahezu perfekt widerlegt gelten.

  • #9

    WissensWert (Sonntag, 09 April 2017 22:29)

    Wissenschaftler haben 'Homo Sapiens' Zehntausenden von seltsamen Experimenten unterworfen und in jeden Winkel unseres Herzens und jede Windung unseres Gehirns geschaut. Doch eine Seele haben sie bislang nicht entdeckt. Es gibt keinerlei wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Sapiens im Gegensatz zu Schweinen über eine Seele verfügen.

    Wäre das alles, könnten Leute immer noch behaupten, die Wissenschaftler müssten eben weiter suchen. Wenn sie die Seele bislang nicht gefunden haben, dann vielleicht deshalb, weil sie nicht genau genug hingeschaut haben. Doch die Biowissenschaften zweifeln nicht nur deshalb an der Existenz einer Seele, weil dazu bislang jeder Beweis fehlt, sondern weil allein schon die Vorstellung einer Seele den Grundprinzipien der Physik (z.B. Energieerhaltungssatz) und Evolutionstheorie widerspricht.

    Gemünzt auf die Evolutionstheorie bedeutet das: Die Evolutionstheorie kann die Vorstellung einer ganzheitlichen, unteilbaren, unveränderlichen und potentiell ewigen Seele nicht akzeptieren, da ein solches Gebilde schlicht nicht aus einer schrittweise Evolution erwachsen kann. Mutation und Selektion konnten ein menschliches Auge hervorbringen, weil selbiges aus sukzessiv evolvierten TEILEN besteht. Die Seele aber hat keine Teile.

    Die Existenz von Seelen lässt sich also nicht mit der Evolutionstheorie in Einklang bringen. Evolution bedeutet Veränderung, und die ist nicht in der Lage, immerwährende Gebilde hervorzubringen. Aus Sicht der Evolution ist das, was einem menschlichen Wesenskern am nächsten kommt, unsere DNA, und das DNA-Molekül ist eher Motor der Mutation als Sitz der Unsterblichkeit.

  • #8

    WissensWert (Mittwoch, 08 Februar 2017 04:22)

    Auf der einen Seite sind Gläubige der Meinung, Gott habe dem Menschen die "unsterbliche Seele" eingehaucht. Auf der anderen Seite wissen sie, dass Menschen sich in einem lückenlosen Kontinuum aus Bakterien entwickelt haben. In welchem Stadium soll eine "unsterbliche Seele" - oder eine immaterielle Extra-Zutat hinzugekommen sein, die ihn vom Rest des Tierreichs absondert? Das kann nur heißen, dass irgend ein behaarter Australopithecus von Gott plötzlich mit der Bürde einer Seele und einer moralischen Verantwortlichkeit belastet wurde, die seine Eltern noch nicht zu tragen hatten. Eine absurde Idee.

  • #7

    WissensWert (Samstag, 04 Februar 2017 03:09)

    Gibt es eine vom Körper unabhängige Seele?

    Es gibt heute keinen sachlichen Grund mehr, von der Existenz einer unsterblichen Seele und der Dualität von Geist und Körper auszugehen - abgesehen von Wunschdenken.

    Die Vorstellung, dass der Geist etwas Immaterielles sei, kann man leicht nachvollziehen, da wir unseren Körper zwar als physikalisches Objekt “begreifen” können, aber das Phänomen der geistigen Vorgänge und der Subjektivität des Bewusstseins jedoch eben nur verschwommen durch sich selbst wahrnehmen können bzw. konnten. So entsteht schnell das Vorurteil, dass der Geist (die Seele, das Bewusstsein) etwas sei, das jenseits physikalischer Vorgänge liege.

    Die moderne Hirnforschung, die sich auch bildgebende Verfahren angeeignet hat, aber auch Hirnverletzungen und Missbildungen für Rückschlüsse darüber nutzt, wie Hirnprozesse und “geistige” Prozesse korrelieren, zeigt eindeutig, dass unser Hirn als physikalischer Apparat bereits hinreichend erklären kann, wieso sich im Organismus ein “Geist” und ein “Subjekt” entwickelt. Die Frage der Qualia ist zwar eine Sache, die sich (für unsere begrenzten auf den Mesokosmos “geeichten” Gehirne) der anschaulichen Begreifbarkeit entzieht - etwa so wie das Wesen von Quanten, die gleichzeitig Welle und Teilchen sind, oder die Größe des Kosmos - aber trotzdem auch als somatisches Wertungsphänomen zumindest im Ansatz nachvollziehbar ist.

    Auch weitere Disziplinen können hierzu beitragen wie z.B. die Informatik, Biokybernetik, evolutionäre Anthropologie, Psychologie, Tierverhaltensforschung uvm. die im Grunde “Geistesleistungen” und “Subjektivität” teils nicht nur als rein biologisches evolutionäres Produkt erklären können, sondern teilweise solche Leistungen in Ansätzen bereits künstlich erzeugen können, wie z.B. die Entstehung einen visuellen Kortex in einem simulierten neuronalen Netz im Deep Learning Projekt des Google Brain Teams. Und so wie wir subjektiv nicht wissen können, wie es ist, jemand anderes zu sein, oder ein Schimpanse, ein Delphin oder eine Fledermaus, können wir auch nicht wissen, wie es ist, ein künstliches neuronales Netz zu sein, ob es nicht bei seiner Informationsverarbeitungsleistung auch Subjektivität "empfindet".

    Nicht nur die Geistesleistungen der Informationsverarbeitung und Bewertung von neuronal (wieder-) erkannten Mustern, sondern auch die Tatsache, dass sämtliche Erinnerungen in der physikalischen Assoziations-Struktur des Hirn gespeichert sind, und diese die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen ausmachen, und die Tatsache, dass der “Wille” auf den evolutionären Zweck der Erhaltung des eigenen Körpers und die Reproduktion der eigenen Linie ausgelegt ist, machen die Existenz einer vom Körper “ablösbaren” Seele unsinnig. Was soll eine Seele noch für einen Willen haben, wozu soll sie überhaupt etwas wollen? Wie soll sie auf die physikalischen Informationen, die im Hirn gespeichert sind, zugreifen, insbesondere, nachdem das Hirn bereits verwest.

    Mit heutigem Wissen gibt es absolut keinen Grund mehr, von der Existenz einer unsterblichen, vom Hirn unabhängigen “Seele” auszugehen. Abgesehen eben von Wunschdenken, weil man sich mit seiner Endlichkeit nicht abfinden kann.

    Darüber hinaus (was keine Argumentation zur Feststellung ihrer Existenz ist) hat das Konzept der Seele auch einige ethische “Komplikationen”. Zum einen ist individuell die Vorstellung ewiger Existenz kontraproduktiv, da gerade die Vergänglichkeit, die Endlichkeit und Knappheit eine Sache kostbar macht. Gerade weil etwas nicht ewig verfügbar ist, gibt das den Ansporn, die Motivation, das knappe Gut “Lebenszeit” sinnvoll zu nutzen, etwas daraus zu machen. Wüsste man von seiner Unsterblichkeit gäbe es gar keinen Grund, Projekte in Angriff zu nehmen und sie zu Ende zu führen - man hat ja die Ewigkeit zur Verfügung und kann so alles auf “später” oder gar das “nächste Leben” verschieben.

    Noch tragischer jedoch ist die kollektive Wirkung der Idee, dass der physikalische Tod nicht das Ende der eigenen Existenz bzw. aller Individuen sei. Im Grunde wäre die Tötung eines Menschen gar kein großer Schaden, da ja seine Seele entweder wiedergeboren wird oder aber in “den Himmel” kommt. Ein grausamer Gedanke, der sicherlich in der Abwertung der diesseitigen Existenz nicht unerheblich für das Jahrhunderte lange Wüten der christlichen Kirchen auf die Vernichtung von “fleischlichem” Leben gewirkt hat.

    Es gibt heute nicht nur keinen sachlichen Grund mehr, von der Existenz einer körperunabhängigen “Seele” auszugehen, sondern es sprechen alle Erkenntnisse dagegen.

  • #6

    WissensWert (Samstag, 04 Februar 2017 02:57)

    Wo ist der Sitz der "Seele"?

    Es gibt ein Gedankenexperiment, das - natürlich auch nur allegorisch - die Nichtphysikalität unseres Willens und Geistes in Frage stellt:

    Angenommen man konstruiert ein technologisches Neuron, das exakt die Aufgaben eines biologischen Neurons erfüllt. Dann tauscht man es im Hirn eines Menschen aus. Der Mensch funktioniert körperlich und "seelisch" genauso weiter. Dann ersetzt man nach und nach alle anderen Neuronen durch künstliche, die exakt die gleiche Aufgabe erfüllen, wie die zuvor biologischen. Also gleiche synaptische Botenstoffe, gleiches Niveau, wann ein Neuron "feuert", gleiche Verknüpfungen mit anderen Neuronen.

    Ab welchem Punkt verschwindet die Seele, das Bewusstsein und die "Menschlichkeit" dieses Menschen?

  • #5

    WissensWert (Mittwoch, 14 Dezember 2016 03:04)

    https://www.dasgehirn.info/entdecken/grosse-fragen-1/wie-das-gehirn-die-seele-formt-6091/

  • #4

    WissensWert (Dienstag, 06 Dezember 2016 23:37)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Seele

  • #3

    WissensWert (Dienstag, 01 November 2016 12:08)

    https://m.futurezone.at/meinung/naechstes-mal-werde-ich-regenwurm/228.228.085

  • #2

    WissensWert (Dienstag, 25 Oktober 2016 18:56)

    http://www.spektrum.de/magazin/warum-wir-an-die-seele-glauben/1371767 Ein guter und kostenloser (!) Artikel aus der Zeitschrift Gehirn und Geist über die Seele. Wer einen Überblick über die wichtigsten Begriffe und Argumentationslinien der Diskussion um die Seele sucht, ist hier richtig!

  • #1

    WissensWert (Montag, 08 August 2016 03:54)

    Die Vorstellung, dass der Geist etwas Immaterielles sei, kann man leicht nachvollziehen, da wir unseren Körper zwar als physikalisches Objekt “begreifen” können, aber das Phänomen der geistigen Vorgänge und der Subjektivität des Bewusstseins jedoch eben nur verschwommen durch sich selbst wahrnehmen können bzw. konnten. So entsteht schnell das Vorurteil, dass der Geist (die Seele, das Bewusstsein) etwas sei, das jenseits physikalischer Vorgänge liege.

    Die moderne Hirnforschung, die sich auch bildgebende Verfahren angeeignet hat, aber auch Hirnverletzungen und Missbildungen für Rückschlüsse darüber nutzt, wie Hirnprozesse und “geistige” Prozesse korrelieren, zeigt eindeutig, dass unser Hirn als physikalischer Apparat bereits hinreichend erklären kann, wieso sich im Organismus ein “Geist” und ein “Subjekt” entwickelt. Die Frage der Qualia ist zwar eine Sache, die sich (für unsere begrenzten auf den Mesokosmos “geeichten” Gehirne) der anschaulichen Begreifbarkeit entzieht - etwa so wie das Wesen von Quanten, die gleichzeitig Welle und Teilchen sind, oder die Größe des Kosmos - aber trotzdem auch als somatisches Wertungsphänomen zumindest im Ansatz nachvollziehbar ist.

    Auch weitere Disziplinen können hierzu beitragen wie z.B. die Informatik, Biokybernetik, evolutionäre Anthropologie, Psychologie, Tierverhaltensforschung uvm. die im Grunde “Geistesleistungen” und “Subjektivität” teils nicht nur als rein biologisches evolutionäres Produkt erklären können, sondern teilweise solche Leistungen in Ansätzen bereits künstlich erzeugen können, wie z.B. die Entstehung einen visuellen Kortex in einem simulierten neuronalen Netz im Deep Learning Projekt des Google Brain Teams. Und so wie wir subjektiv nicht wissen können, wie es ist, jemand anderes zu sein, oder ein Schimpanse, ein Delphin oder eine Fledermaus, können wir auch nicht wissen, wie es ist, ein künstliches neuronales Netz zu sein, ob es nicht bei seiner Informationsverarbeitungsleistung auch Subjektivität "empfindet".

    Nicht nur die Geistesleistungen der Informationsverarbeitung und Bewertung von neuronal (wieder-) erkannten Mustern, sondern auch die Tatsache, dass sämtliche Erinnerungen in der physikalischen Assoziations-Struktur des Hirn gespeichert sind, und diese die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen ausmachen, und die Tatsache, dass der “Wille” auf den evolutionären Zweck der Erhaltung des eigenen Körpers und die Reproduktion der eigenen Linie ausgelegt ist, machen die Existenz einer vom Körper “ablösbaren” Seele unsinnig. Was soll eine Seele noch für einen Willen haben, wozu soll sie überhaupt etwas wollen? Wie soll sie auf die physikalischen Informationen, die im Hirn gespeichert sind, zugreifen, insbesondere, nachdem das Hirn bereits verwest.
    Mit heutigem Wissen gibt es absolut keinen Grund mehr, von der Existenz einer unsterblichen, vom Hirn unabhängigen “Seele” auszugehen. Abgesehen eben von Wunschdenken, weil man sich mit seiner Endlichkeit nicht abfinden kann.

    Darüber hinaus (was keine Argumentation zur Feststellung ihrer Existenz ist) hat das Konzept der Seele auch einige ethische “Komplikationen”. Zum einen ist individuell die Vorstellung ewiger Existenz kontraproduktiv, da gerade die Vergänglichkeit, die Endlichkeit und Knappheit eine Sache kostbar macht. Gerade weil etwas nicht ewig verfügbar ist, gibt das den Ansporn, die Motivation, das knappe Gut “Lebenszeit” sinnvoll zu nutzen, etwas daraus zu machen. Wüsste man von seiner Unsterblichkeit gäbe es gar keinen Grund, Projekte in Angriff zu nehmen und sie zu Ende zu führen - man hat ja die Ewigkeit zur Verfügung und kann so alles auf “später” oder gar das “nächste Leben” verschieben.

    Noch tragischer jedoch ist die kollektive Wirkung der Idee, dass der physikalische Tod nicht das Ende der eigenen Existenz bzw. aller Individuen sei. Im Grunde wäre die Tötung eines Menschen gar kein großer Schaden, da ja seine Seele entweder wiedergeboren wird oder aber in “den Himmel” kommt. Ein grausamer Gedanke, der sicherlich in der Abwertung der diesseitigen Existenz nicht unerheblich für das Jahrhunderte lange Wüten der christlichen Kirchen auf die Vernichtung von “fleischlichem” Leben gewirkt hat.

    Es gibt heute nicht nur keinen sachlichen Grund mehr, von der Existenz einer körperunabhängigen “Seele” auszugehen, sondern es sprechen alle Erkenntnisse dagegen.


Impressum | Datenschutz | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.