„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Montag, 30 April 2018 05:59)

    Protagoras hatte mit Euathlos vertraglich vereinbart, ihn in Rhetorik zu unterrichten, damit er Rechtsvertreter werden konnte. Euathlos bezahlte zunächst nur die Hälfte des reichlichen Honorars, und sie einigten sich darauf, daß dessen zweiter Teil fällig würde, sobald Euathlos seinen ersten Prozeß vor Gericht gewonnen hätte. Nach geraumer Zeit indessen hatte Euathlos noch immer nicht mit seiner Tätigkeit begonnen. Protagoras, der sich Sorgen um seinen Ruf machte und zudem sein Geld haben wollte, beschloß, vor Gericht zu gehen. Dort argumentierte er folgendermaßen:

    Euathlos behauptet, er brauche mir nichts zu zahlen, aber das ist absurd. Denn angenommen, er gewinnt diesen Prozeß. Da es sein allererster Auftritt vor Gericht ist, müßte er in dem Fall zahlen, weil er seinen ersten Prozeß gewonnen hat. Angenommen andererseits, er verliert den Prozeß. Dann müßte er zahlen, weil das Gerichtsurteil so lautet. Da er nicht anders kann, als den Prozeß zu gewinnen oder zu verlieren, muß er mir das Geld zahlen.

    Euathlos war ein guter Schüler gewesen und konnte dem Protagoras mit gleicher Argumentations-Münze heimzahlen:

    Protagoras behauptet, ich müsse ihm das Geld zahlen, aber gerade das ist absurd. Denn angenommen, er gewinnt diesen Prozeß. Da ich dann meinen ersten Prozeß nicht gewonnen habe, brauche ich ihm – so lautet unsere Vereinbarung – nichts zu zahlen. Angenommen andererseits, er verliert den Prozeß. Dann brauche ich ihm nichts zu zahlen, weil das Gerichtsurteil es so bestimmt. Da er nicht anders kann, als den Prozeß zu gewinnen oder zu verlieren, brauche ich ihm nichts zu zahlen.


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