„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Der teleologische Gottesbeweis

Der teleologische Gottesbeweis (auch: desgin-argument) schlussfolgert von der Ordnung bzw. der scheinbaren Zweckhaftigkeit der Natur a posteriori auf die Existenz eines intelligenten Designers (Gott)[1]:

(P1) Das Universum ist (a) lebensfreundlich geordnet bzw. (b) zweckmäßig.
(P2) Wenn eine Entität geordnet oder zweckmäßig ist, wurde sie von einem intelligenten Designer erschaffen.

(C1) Das Universum wurde von einem intelligenten Designer erschaffen.
(C2) Dieser intelligente Designer ist (der abrahamitische) Gott.

Bildurheber: Hannes Grobe (CC BY 3.0)

Dieses Argument wird häufig mit der Uhrmacher-Analogie untermauert[2]:

(A1) Das Universum und Uhren sind sich ähnlich (sind geordnet bzw. zweckhaft).

(A2) Uhren haben die Eigenschaft von einem ID erschaffen wurden zu sein.

(K1) Also wurde auch das Universum von einem ID erschaffen.

„Sie flanieren an einem Strand entlang und finden dort unverhofft eine Uhr.   Natürlich werden Sie annehmen, dass diese Uhr von einem Uhrmacher erschaffen wurde. Dann muss aber auch das Universum erschaffen wurden sein, da dieses noch viel geordneter und zweckhafter ist als eine Uhr.“[3]

Oder der teleologische G. wird als Schluss auf die beste Erklärung formuliert:

(A1*) Das Universum ist (a) lebensfreundlich geordnet bzw. (b) zweckmäßig.

(A2*) Die beste (oder vielleicht sogar einzige) Erklärung für geordnete bzw. zweckmäßige Entitäten ist ein intelligenter Designer.

(K1*) Das Universum wurde von einem intelligenten Designer erschaffen. 

1. Kritik

1.1. Prämissen

(P1a) Das Universum ist lebensfreundlich geordnet.

Die Prämisse P1a ist unwahr. Das Universum ist überwiegend nicht lebensfreundlich geordnet. Sie müsste eigentlich lauten:

(P1a) Unser Planet Erde ermöglicht die irdische Form von Leben.

Das ist aber eine triviale Beobachtung: (i) Denn jedes Lebewesen muss sich notwendig immer in einer für das Lebewesen lebensfreundlichen Ordnung vorfinden, wäre dies nicht der Fall, könnte es gar nicht existieren (A. Prinzip).

(ii) Es ist auch nicht verwunderlich, dass unsere Lebensform so gut auf der Erde leben kann. Denn sie hat sich in evolutionärer Anpassung an die irdischen Umweltbedingungen entwickelt. Anders als der tG uns glauben lassen möchte, ist also nicht unsere Umwelt an uns, sondern wir an unsere Umwelt angepasst.

Es könnte auch noch ganz andere Lebensformen geben. Aus der Stringtheorie folgt die Existenz von 10500 Multiversen mit jeweils 1022 kosmischen Objekten. Das entspricht unvorstellbaren 10522 kosmischen Objekten. Für jedes dieser Objekte mag die Entstehung von Leben unwahrscheinlich sein. Dass aber überhaupt auf einem dieser kosmischen Objekte zeitweilig eine Form von Leben entstanden ist, war womöglich sehr wahrscheinlich.

Warum sollte ein intelligenter Designer überhaupt 10522 kosmische Objekte erschaffen, um dann die meisten von ihnen lebensunfreundlich zu gestalten? Die Situation der Menschheit gleich der eines Mannes, der in einen Raum hineingeboren wurde, der angenehm temperiert und schön dekoriert ist.  Zunächst liegt die Vermutung nahe, dass ein intelligenter Architekt das Haus extra für ihn gebaut hat. Dann aber erkundet der Mann die anderen Räume. Sie beinhalten gar keinen Sauerstoff und haben Temperaturen von minus zweihundert oder plus tausend Grad Celsius. Der Mann wird nun nicht mehr glauben, dass ein intelligenter Architekt Abermillionen von Räumen erbaut hat, um dann nur einen davon belebbar zu machen. Stattdessen wird er reine Willkür hinter der Gestaltung der Zimmer vermuten. Er wird sich ebenfalls nicht mehr darüber wundern, dass unter den vielen Zimmern eines lebensfreundlich ist.

(P1b) Das Universum ist zweckmäßig.

Die Prämisse P1b ist ebenfalls unwahr. Das Universum als Ganzes verfolgt keinen Zweck. In populärwissenschaftlichen Büchern lesen wir zwar häufig Dinge wie, dass das Universum einen Wärmetod oder ein Stadium größtmöglicher Unordnung "anstrebe". Das Universum vollführt aber nicht wirklich eine intentionale Handlung, die Verwendung des Verbs "anbieten" ist hier nichts weiter als ein rhetorisches, indes leicht irreführendes Stilmittel (siehe: Nektarbeispiel).

(P2) Wenn eine Entität geordnet oder zweckmäßig ist, wurde sie von einem intelligenten Designer erschaffen.

Die Prämisse (P2) führt in einen infiniten Regress: Denn wenn sie wahr wäre, dann braucht der intelligente Designer selbst einen intelligenten Designer, da er eine zweckmäßige Entität darstellt. Der Designer vom intelligenten Designer muss dann wiederum designet wurden sein usw. usf. (Münchhausentrilemma) Somit widerlegt (P2) die Existenz Gottes als causa sui anstatt sie zu beweisen!

Falls ein Theist nun einwendet, dass Gott selbst keinen Designer bräuchte, gesteht er ein, dass (P2) unwahr und der teleologische Gottesbeweis ungültig ist.

Der Theist steht somit vor folgendem Dilemma:

A. Wenn (P2) wahr ist, widerlegt der TG den abrahamitischen Gott.

B. Wenn (P2) unwahr ist, beweist der TG nicht den abrahamitischen Gott.

Die Prämisse (P2) ist unwahr bzw. Option B ist korrekt. Leben weist bspw. eine hohe Ordnung (niedrige Entropie) auf und handelt zweckorientiert. Es wurde  aber nicht durch einen Designer erschaffen sondern hat sich evolutiv entwickelt.

1.2. Konklusionen

(C1) Das Universum wurde von einem intelligenten Designer erschaffen.

Die Konklusion (K1*) ist unzulässig. Siehe: Schluss auf die beste Erklärung.

Der Konklusion (K1) ist ebenfalls unzulässigDer Beobachter in (A2) kann die Uhr nicht als erschaffen dekuvrieren, da laut (K1) nicht nur die Uhr, sondern auch der Strand und das komplette Universum von einem iD erschaffen wurden.

(C2) Dieser intelligente Designer ist (der abrahamitische) Gott.

Aber nehmen wir pro forma an, dass ein Beobachter die Uhr doch als erschaffen dekuvrieren und die Konklusion (K1) ziehen könnte. Dann folgt - wie David Hume gezeigt hat - aus (K1) nicht (C2), ganz im Gegenteil[4]:

·        Das Universum beinhaltet Übel, das spricht gegen einen allgütigen Gott.

·        Eine Uhr wird von mehreren Menschen erschaffen, das spricht gegen den Monotheismus.

·        Das Universum und ein Uhrmacher sind beide unvollkommen, das spricht allgemein gegen einen vollkommenen Gott.

·        usw.

Insbesondere der letzte Punkt offenbart eine entscheidende Schwäche aposteriorischer Gottesbeweise: Die Prämissen reichen nicht aus um auf die starke Konklusion (C2) zu schließen. Denn wenn gilt:

(A) Es existiert ein abrahamitischer "universumerschaffender" Gott.

(B) Es existiert ein Universum.

Dann ist nur der Schluss (A) à (B) zulässig. Der teleologische Gottesbeweis vollzieht aber den Schluss (B) à (A). Dieser Schluss ist nicht nur nicht-zwingend sondern nicht einmal der Schluss auf die beste Erklärung. Angesichts evolutionärer Rudimente und weltlicher Übel sind die Evolution und der Naturalismus viel besser Erklärungen für B als (A) bzw. für C2 als P1a.

"Mit einem Wort, Cleanthes, wer deiner Hypothese folgt, ist vielleicht imstande zu behaupten oder zu vermuten, dass das Universum irgendwann einmal aus so etwa wie einem Plan heraus entstanden ist. Doch darüber hinaus kann er absolut nichts ermitteln …]. Nach allem, was er weiß, ist diese Welt, sofern man einen höheren Maßstab anlegt, sehr fehlerhaft und unvollkommen: Vielleicht war sie bloß der erste, noch ungeübte Versuch einer Gottheit im Kindesalter, die später, beschämt über ihre schwache Vorstellung, die Flinte ins Korn warf; oder sie ist nur das Werk einer unselbstständigen und untergeordneten Gottheit, das den Vorgesetzten dieser Gottheit zum Spott dient; oder sie ist das kindische Greisenwerk einer schon alterschwachen Gottheit, das sich seit deren Tode von dem ersten empfangenen Antrieb und der dabei mitbekommenen Energie aufs Geratewohl weiterbewegt. Mit Recht äußerst du Zeichen des Entsetzens, Demea, über die befremdlichen Unterstellungen; doch sie und tausend andere ihrer Art stammen von Cleanthes, nicht von mir. Von dem Augenblick an, wo man die göttlichen Eigenschaften für begrenzt hält, werden alle diese Unterstellungen möglich. Ich [...] kann nicht glauben, dass ein so wildes und grundloses System der Theologie in irgendeiner Hinsicht besser ist als gar keines."
- David Hume: Dialoge über natürliche Religion, S. 59

Einzelnachweise

[1] Der Teleologische Gottesbeweis wird im Englischen daher oft als "argument from design" bezeichnet. Da man dabei jedoch von einem Tatbestand bloßer Ordnung auf einen Planer dieser Ordnung schließen will, wäre der Ausdruck "argument to design" adäquater. Vergleich: Antony Flew: Revisiting Arguments to Design (1999), S. 52 – 53.

[2] Analogieschlüsse haben generell die Form:

(P1) As und Bs sind sich ähnlich.

(P2) As haben die Eigenschaft F.
(K1) Bs haben ebenfalls die Eigenschaft F.

[3] Die Analogie geht nicht auf: Wenn die Uhr bereits dem gesamten Universum entspricht, haben Strand, Beobachter etc. keine Entsprechungen mehr.

[4] David Hume: Dialoge über natürliche Religion, S. 54 f.

Siehe auch

Stand: 2018

Kommentare: 9
  • #9

    WissensWert (Montag, 12 November 2018 04:37)

    Prämisse:

    Die häufigste Analogie, die benutzt wird um das Argument des Designs darzustellen, ist das "Uhrmacher Argument". Wenn Sie eine Uhr auf dem Boden finden würden ohne je den Uhrmacher getroffen zu haben würden Sie trotzdem annehmen, dass sie, aufgrund ihres Designs, ihrer Schönheit; der Art wie jedes Teilchen kompliziert entwickelt wurde um zusammenzuarbeiten, einen Schöpfer hat.

    Theisten zeigen auf den menschlichen Körper und die präzise Art wie alle unsere Organe zusammenarbeiten und behaupten, er sei die verblüffenste "Schöpfung" von allen und dass sicherlich eine Art Schöpfer dahinter stecken würde.

    Kritik:
    Das berühmteste Argument für Gott ist zugleich das am einfachsten auseinanderzunehmende. Wenn alles hinreichend Komplizierte einen Schöpfer haben muss, wer hat dann Gott kreiert? So einfach ist es. Wie auch immer, wenn Sie diesen Mangel in der theistischen Logik aufzeigen, machen sie einen weiteren Trugschluss: den Sonderfall um zu behaupten, dass Gott die Ausnahme der Regel sei und somit keinen Schöpfer brauche.

    Weiterhin, every example to date a theist can make to suggest that humans are too complex to have "happened by accident" (another false claim) has been debunked by scientists. The famous Dover trial put the argument from design on trial and the theists failed miserably to prove their case.

  • #8

    WissensWert (Montag, 12 November 2018 04:33)

    http://philolex.de/gottesbe.htm#tgb

  • #7

    WissensWert (Freitag, 09 November 2018 02:55)

    Die Größe des Universums kann als ein Argument gegen die Existenz Gottes ausgelegt werden. Dazu folgende Analogie: Wir wachen - ohne Erinnerung an unsere Herkunft, ohne Wissen, wer wir sind - in einem Haus auf. In dem Raum lebt es sich angenehm, nicht zu heiß, nicht zu kalt, Wasser und Nahrung ist vorhanden, die Luft ist atembar etc. pp. Die Vermutung, dass der Architekt des Hauses es speziell für unsere Bedürfnisse gebaut hat, liegt nahe. Aber dann finden wir heraus, dass es noch tausende und abertausende anderer Räume gibt. Einige sind so kalt, dass wir sofort sterben, andere so heiß, dass wir augenblicklich verbrennen, einige sind giftig und bringen uns sofort um - es sind sogar alle Räume so, die wir außer unserem noch finden. Wie groß ist jetzt die Wahrscheinlichkeit, dass ein uns wohlgesonnener Architekt dieses Haus erbaut hat? Beziehungsweise: Wie groß ist jetzt die Wahrscheinlichkeit, dass ein intelligenter Architekt eine Ansammlung von unzähligen Räumen erbaut hat, damit wir in einem bewohnbaren davon leben können?

  • #6

    WissensWert (Freitag, 09 November 2018 02:51)

    "The sun will be unable to support life on this planet some day. It is already unable to support life on several other planets. What does this fact prove about design? Nothing. The axis of the earth has been different and will be different again. Someday this planet will be uninhabitable. What does that prove about design, intelligent or otherwise? Nothing. We can't deny that if millions of factors did not occur, we wouldn't be here. So what? Many of these factors did not exist in the past and will not exist in the future on this planet. There was a time when there was no life on this planet and there will be a time when no life exists here in the future. There was a time when this planet did not exist and there will be a time in the future when it will not exist. What does that prove about design? Nothing. There are countless planets that exist which do not have the conditions necessary for life. What do they prove about design? Nothing."
    - Todd Carroll: Argument from design (2013)

  • #5

    WissensWert (Montag, 05 November 2018 04:06)

    https://www.youtube.com/watch?v=pRgfDi8kKvc

  • #4

    WissensWert (Montag, 05 November 2018 04:05)

    Das Universum ist so beschaffen, dass der Mensch ideal darin leben kann, also muss es mit der Absicht geschaffen worden sein, die Menschheit zu beherbergen. Die Naturkonstanten sind genau richtig für uns. Würden sie nur um wenige Prozent abweichen, gäbe es keine Sonne, keine Erde und kein Leben. Sollte dieses Argument zutreffen, wäre das Universum eine Art Freigelände im Zoo, geschaffen mit der Absicht, eine bestimmte Tierart zu halten. Bei Lichte betrachtet, ist das aber unsinnig. Wir sind in der Situation eines Lottogewinners, der feststellt, dass er gewonnen hat, obwohl die Chancen 1:13,9 Millionen gegen ihn stehen. Alle Kugeln bei der Ziehung müssen exakt richtig gemischt worden sein, und exakt richtig aufgenommen worden sein, damit er gewinnt. Kann das Zufall sein? Natürlich, denn bei den vielen Millionen Lottospielern ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass tatsächlich jemand gewinnt.

    Die Naturkonstanten bestimmen, wie das Universum aussieht, und wie Leben beschaffen sein könnte. Bei den Milliarden Planeten allein in unserer Milchstraße ist die Entstehung von Leben alles andere als unwahrscheinlich. Intelligenz entsteht durch die Evolution immer dann, wenn sie einen Vorteil bietet. Früher oder später wird sie also fast zwangsläufig auftreten.

    Nur wenn wir annehmen, dass von Anfang an Menschen entstehen sollten, müssen wir das Eingreifen eines Planers oder Schöpfers annehmen. Dann kommen wir aber auf einen Zirkelschluss: Ein Gott ist genau dann nötig, wenn wir einen vorbestehenden Plan annehmen. Andererseits kann es nur einen Plan geben, wenn wir einen vorbestehenden Gott annehmen. Zirkelschlüsse sind aber bereits in der Antike als logische Fehler bekannt.

  • #3

    WissensWert (Montag, 05 November 2018 04:05)

    https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2013/03/15/das-baum-argument-fur-die-existenz-gottes/

  • #2

    WissensWert (Montag, 05 November 2018 04:03)

    https://manglaubtesnicht.wordpress.com/2013/02/18/beweise-durch-design-das-bananen-argument-fur-die-existenz-gottes/

  • #1

    WissensWert (Montag, 05 November 2018 04:03)

    https://www.paul-natterer.de/atheismus-debatte#h2-3-teleologisches-argument


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