„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Kausaler Gottesbeweis

Die kausalen Gottesbeweise wollen die Existenz Gottes beweisen, indem sie auf das Kausalitätsprinzip rekurrieren.

Eine sehr allgemeine Form:

(P1) Das Kausalitätsprinzip ist universell, d.h. alles hat eine Ursache.
(P2) Es ist nicht sinnvoll, einen
unendlichen Regress von Ursachen anzunehmen.
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

(S1) Folglich muss es eine erste Ursache gegeben haben, die keine Ursache besaß.
(S2) Diese erste Ursache ist Gott.

Kritik

Obwohl der kausale Gottesbeweis (fortan: kG.) intuitiv plausibel erscheint, ist er sowohl formal als auch inhaltlich falsch:

(1) Die Prämisse (P1) ist unbegründet. Warum sollte alles eine Ursache haben? Es wäre genauso gut vorstellbar, dass es unverursachte Ereignisse gibt Tatsächlich argumentieren vor allem Theologen gerne mit dem freien Willen, der unverursacht sein soll. Wenn also ein Theologe mit dem freien Willen argumentiert und mit dem Beweis der ersten Ursache, so ist das selbst-widersprüchlich. Aus Widersprüchen kann man aber alles Mögliche folgern. 

(2) Die Prämisse (P2) ist unbegründet. Es ist sehr wohl vorstellbar, dass es einen unendlichen Regress an Ursachen gegeben hat (beispielsweise: Das Universum existiert ewig, ohne Anfang). Tatsächlich, wenn (P1) wahr sein sollte, dann folgt daraus geradezu zwingend, dass es einen unendlichen Regress gegeben haben muss. 

(3) Die Schlussfolgerung (S1) widerspricht der Prämisse (P1). Wenn es eine erste Ursache gegeben hat, die nicht selbst verursacht war, dann hat eben nicht alles eine Ursache. Folglich muss (P1) falsch sein und somit auch die Schlussfolgerung. 

(4) Die Schlussfolgerung (S1) widerspricht der Prämisse (P2). Denn Gott selbst müsste ewig existieren, seine ewige Existenz entspräche einem unendlichen Regress von Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Wenn man dagegen einwendet, dass man das Kausalitätsprinzip (Ursache-Wirkung) nicht auf Gott anwenden kann, dann bricht der Beweis in sich zusammen, dann wäre nämlich ein Kausalitätsschluss auf die erste Ursache (Gott) nicht möglich, das geht nur, wenn Gott selbst dem Prinzip der Kausalität unterliegt. Und (P1) wäre wieder verletzt.

(5) Die Prämisse (P1) widerspricht der Prämisse (P2) - wenn alles eine Ursache hat, dann muss es einen unendlichen Regress von Ursachen gegeben haben. Aus widersprüchlichen Prämissen kann man beliebige Schlüsse ziehen und genau dieser Umstand wird für diesen (und ähnliche) "Beweise" genutzt. Laien kann man damit verwirren und beeindrucken.

2. Das Konzept "Ursache"

Es gibt noch zig weitere Indizien, die gegen Gott als Ursache des Universums sprechen und noch nicht angeführt wurden. Eines von ihnen ist dieses: Was bedeutet es, wenn wir sagen, Gott sei die Ursache der Existenz des Universums? Dazu muss man sich die Bedeutung des Begriffs "Ursache" etwas genauer ansehen. Normalerweise gibt es vier Vorbedingungen dafür, dass wir etwas als Ursache bezeichnen - die ersten drei der Vorbedingungen hat David Hume angeführt, die vierte Bedingung stammt aus der Evolutionären Erkenntnistheorie (siehe Vollmer 1988). Damit Ereignis A das Ereignis B verursacht haben kann, muss jede der folgenden Bedingungen erfüllt sein:

(1)   Es muss eine zeitliche Kontinuität geben, d. h. Ereignis A muss  zeitlich vor dem Ereignis B liegen.

(2)   Es muss eine räumliche Kontinuität geben, d. h. A und B müssen im selben,  miteinander verbundenen Raum, stattgefunden haben.

(3)   Ereignis A muss das Potenzial haben, B hervorzubringen.

(4)   Ereignis A muss Energie auf das Ereignis B übertragen haben.

Unter Draygombs Paradoxon wurde bereits beschrieben, dass keine einzige dieser vier Bedingungen auf Gott zutreffen kann, vor allem dann nicht, wenn man annimmt, dass Gott Zeit, Raum, Energie und die Potenzialität aller Dinge überhaupt erst hervorgebracht hat: 

(1)  Wenn es vor der Schöpfung keine Zeit gab, gab es auch kein "vor" der Schöpfung, damit entfällt die Möglichkeit, dass Gott die Ursache für das Universum gewesen sein kann.

(2)  Wenn auch der Raum erst mit dem Universum entstanden ist, dann kann Gott ebenfalls nicht die Ursache des Universums gewesen sein, weil er nicht räumlich in der Nähe des Universums gewesen sein kann.

(3)  Wenn alle Potenzialität erst mit dem Universum entstanden ist, kann man nicht sagen, dass Gott das Potenzial hatte, das Universum zu erschaffen.

(4)  Wenn die Energie erst mit dem Universum entstanden ist, dann kann man auch nicht sagen, dass Gott der Verursacher der Existenz von Energie ist, denn es hätte bereits Energie gegeben haben müssen, bevor Energie entstand - und das ist eine absurde Annahme.

Ist eine der vier Bedingungen nicht gegeben, so reicht das bereits aus, um mit Sicherheit sagen zu können, dass Gott das Universum nicht verursacht haben kann, mithin auch nicht der Schöpfer des Universums sein kann. Es ist aber keine einzige der Bedingungen erfüllt! Oder anders gesagt, ein Wesen, welches das Universum geschaffen oder verursacht hat, kann nicht existieren. Man kann es auch so ausdrücken, dass das Universum nicht verursacht sein kann, wenn man annimmt, dass es, bevor das Universum anfing zu existieren, weder Raum, Zeit noch Energie gab.


In Diskussionen versuchen sich Theisten meist damit herauszureden, dass Gott das Universum eben "irgendwie anders" verursacht haben müsse. Aber man kann redlicherweise ohne die vier Grundbedingungen nicht von Ursache sprechen, sondern müsste dafür einen völlig anderen Begriff von Schöpfung und Ursache benutzen - und würde damit jeden Sinn aus der Behauptung entfernen, Gott sei der Schöpfer des Universums. 


Das ähnelt dem Versuch, die Behauptung "Der Ball ist weiß" damit gegen die Tatsache, dass der Ball schwarz ist, zu "verteidigen", in dem man das Schwarz zu einer "anderen Art von Weiß" umdefiniert und weiterhin davon redet, dass der Ball weiß sei, während doch jeder sieht, dass er schwarz ist. Wenn man aber so die Begriffe verkehrt und umdefiniert, dann bedeutet dies, dass von allem ebenso das Gegenteil der Fall sein kann, die Worte verschwimmen, die Begriffe werden zu ihrem Gegenteil, man verwendet sie nur anders, versucht aber immer noch, sie im ursprünglichen Sinne zu verwenden. Das erschwert eine Diskussion bis hin zur Unmöglichkeit, miteinander zu reden, wenn man versucht, jedes Problem zu lösen, in dem man erstmal sich die Begriffe so zurechtdefiniert, wie man möchte. Denn selbst wenn man Weiß zu Schwarz umdefiniert - die Zuordnung von Begriffen zu Eigenschaften ist ja willkürlich - ist der Ball immer noch nicht schwarz und weiß gleichzeitig, der von mir oben skizzierte Widerspruch verschwindet nicht, in dem man die Begriffe umdefiniert.


Außerdem handelt es sich um ein magisches Wortverständnis - die Realität wandelt sich nicht, in dem wir die Worte anders verwenden. Die Welt bleibt die Gleiche, auch wenn wir eine andere Sprache reden und jedes Wort anders verwenden, als ursprünglich gedacht.

3. Das Konzept "Kausalität"

Es gibt noch einen schwächeren Einwand gegen Gott als der Ursache des Universums. Unter welchen Bedingungen können wir eine Kausalität (Ursache-Wirkungs-Beziehung) überhaupt annehmen? Genau dann, wenn wir eine Regelmäßigkeit beobachtet haben: Immer dann, wenn Ereignis A eintritt, tritt kurz darauf das Ereignis B ein. Das ist noch kein Beweis für Kausalität, so könnte man z. B. beobachten, dass immer dann, wenn in Hamburg um zwölf Uhr eine Sirene heult, die Menschen einer Fabrik in München zur Mittagspause eilen - aber die Sirene in Hamburg ist nicht die Ursache des Verhaltens der Menschen in München. Trotzdem ist eine Regelmäßigkeit oft ein Hinweis auf einen Kausalzusammenhang oder eben dem Verdacht, dass eine Kausalbeziehung vorliegen könnte. Regelmäßigkeit ist keine hinreichende, sehr wohl aber eine notwendige Bedingung für eine vernünftige Kausalitätsbehauptung. Von wie vielen Universen aber haben wir beobachten können, dass wann immer Gott sich anschickt, eines zu schaffen, auch tatsächlich ein Universum entsteht? Von keinem einzigen! Insofern ist es nicht gerechtfertigt, davon auszugehen, dass Gott die Entstehung des Universums kausal verursacht hat oder haben kann!

4. Das Konzept "Kontigenz"

Normalerweise wird Gott noch etwas zugeschrieben, was für ihn wesentlich sein soll. Gott, so wird gesagt, kann von nichts anderem abhängen. Seine Existenz kann nicht auf etwas beruhen, was nicht Gott selbst ist. Man bezeichnet die Tatsache, dass unsere Existenz von etwas abhängt, als Kontingenz. Ich selbst bin als Person kontingent, d. h. meine Existenz hängt davon ab, dass meine Eltern existieren. Ohne meine Eltern gäbe es mich nicht. Meine Eltern wiederum hängen von ihren Eltern ab, sind also kontingent, usw. usf., bis zum ersten Ur-Einzeller, dessen Existenz wieder von verschiedenen Umständen abhängt (der Existenz der Erde, den Naturgesetzen usw. usf.). Man kann auch sagen, dass jede Existenz bedingt ist, also von bestimmten Bedingungen abhängt, ohne die es nicht existieren kann. Das bedeutet, dass jedes Ding ebenso gut auch nicht existieren könnte, denn wenn die Bedingungen nicht erfüllt sind, dann existiert es auch nicht. Hätte es meine Eltern nie gegeben, so würde es auch mich nicht geben. Daraus wurde abgeleitet, dass dies für Gott nicht gelten kann, ja nicht gelten muss. Gott kann nicht kontingent sein, andernfalls wäre er nicht Gott!

Daraus entstand der Kontingenzbeweis. Alles ist von Vorbedingungen abhängig, ohne die es nicht existieren könnte. Es sei aber sinnlos, diese Bedingungen bis ins Unendliche weiterzuführen, es muss also etwas geben, was von keiner Vorbedingung abhängt, also nicht kontingent ist. Dieses Wesen nennen wir Gott. Dieser Beweis ist dem der ersten Ursache sehr ähnlich und kann auch genauso widerlegt werden. Formal: 

(P1) Alles, was existiert, hängt von Vorbedingungen ab (ist also kontingent).
(P2) Es ist aber sinnlos, eine unendliche Kette von Vorbedingungen (oder Kontingenzen) anzunehmen.

-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
(S1) Es muss daher etwas gegeben haben, das von keiner Vorbedingung abhängt.

(S2) Dieses Wesen nennen wir Gott.
 

Es gelten die altbekannten Einwände in abgewandelter Form: Selbst wenn (S1) ein korrekter Schluss wäre, so folgt daraus nicht (S2), denn schon die Existenz des Universums selbst könnte von keiner Vorbedingung abhängen.

(P1) widerspricht (P2) und damit auch (S1). Ob (P2) gerechtfertigt ist, ist sehr zweifelhaft, bislang konnte nicht gezeigt werden, dass eine endlose Kette von Ursachen oder Kontingenzen unmöglich ist. Außerdem, wenn die Existenz von allem letztlich von Gott abhängt, ist Gott eine Vorbedingung für die Existenz des Bösen und aller Übel, womit man an seiner vollkommenen Güte zweifeln müsste, ebenso generell an seiner VollkommenheitDie Widerlegung soll hier aber nicht ganz ausgeführt werden.

Halten wir fest, dass Gott von nichts und niemandem abhängig sein kann, weil wir in dem Fall nicht von Gott reden würden (jedenfalls nicht von dem Gott des Judentums, Christentums und des Islams), die Annahme eines solchen nicht-kontingenten Gottes zugleich aber sehr problematisch ist. Greifen wir nun die Frage auf, woher Gott die Fähigkeit hat, seinen Willen zu aktualisieren, also real werden zu lassen?

 

Er kann sie sich nicht selbst verliehen haben, denn dann müsste man sofort fragen, woher er die Fähigkeit hat, sich selbst solche Fähigkeiten zu verleihen usw. usf., man gerät in einen unendlichen Regress. Nimmt man an, wie es die Theologen tun, dass ein unendlicher Regress nicht durchführbar ist oder logisch nicht möglich, dann kann Gott nicht existieren. Wieso?  Weil Gott dann von etwas abhängig sein müsste, was nicht auf ihn zurückgeht. Die Fähigkeit zur Schöpfung kann er sich nicht selbst verliehen haben, aber von der Vorbedingung, diese Fähigkeit zu haben, hängt seine Existenz als Gott ab. Ohne diese Fähigkeit wäre er nicht Gott! Man kann nun sagen, dass diese Fähigkeit zum Wesen Gottes selbst gehört, aber das beantwortet nicht die Frage danach, warum Gott das alles kann. Sein Wesen, seine Eigenschaften, sind dann von seiner Natur abhängig, aber diese Natur kann er nicht erschaffen haben, was bedeutet, dass diese für ihn grundlegend ist. Gott ist von seiner eigenen Natur abhängig, und diese Natur ist etwas, was Gott nicht geschaffen hat, er ist also kontingent, was seine Fähigkeiten betrifft. Aber behaupten die Theologen nicht, dass Gott nicht kontingent sein kann, sonst wäre er nicht Gott? Aber da es auch für Gott Vorbedingungen gibt, deren Schöpfer er nicht sein kann, ist Gott kontingent. Wenn er aber kontingent ist, ist er nicht Gott. Der von jüdischen, christlichen und islamischen Theologen postulierte Gott ist somit widerlegt.

5. Fazit

Einen Gott, der die Ursache des Universums darstellt, gibt es höchstwahrscheinlich nicht, weil es nutz- und sinnlos ist, Gott als die Ursache des Universums zu bezeichnen. Wenn alles eine Ursache hat, musste auch Gott eine Ursache gehabt haben und wenn wir bei Gott eine Ausnahme machen wollen, können wir gleich das Universum als ewig existent annehmen und müssen nicht erst eine extra, ominöse und semantisch unterbestimmte Entität "Gott" postulieren.

Und ein Gott, der von nichts abhängig ist, kann ebenfalls nicht existieren, weil seine Fähigkeit zur Schöpfung von einer grundlegenden Natur abhängig istKurz: die abrahamitischen Gottheiten existieren nicht.

Es nützt nichts, die Begriffe anders zu definieren, weil man damit keine Probleme löst, sondern nur die Diskussion unmöglich macht. Setzt man für Gott die Logik außer Krafthandelt man sich eine Fülle weiterer Probleme ein. Alle diese Probleme lassen sich vermeiden, wenn man annimmt, dass das Universum unverursacht und nicht geschaffen ist, oder ewig existiert, oder kein Beginn und kein Ende hat, aber in jedem dieser Fälle kann ein Schöpfergott nicht existieren. 

6. Der Denkfehler, der hinter all dem steckt

Die Annahme, dass Gott (z.B. aufgrund des kG.) existiert, beruht häufig auf einem ganz bestimmten Denkfehler - dieser Fehler macht die Annahme, dass es einen Gott gibt, gefühlsmäßig so plausibel, aber nichtsdestotrotz handelt es sich um einen Fehler. Wir nehmen normalerweise an, dass wenn alle Elemente einer Menge eine bestimmte Eigenschaft haben, dass diese Eigenschaft dann auch für die Menge insgesamt gilt. Wenn alle Dinge im Universum eine Ursache haben (oder kontingent sind), dann muss auch die Gesamtheit aller Dinge - also das Universum selbst - eine Ursache haben (oder kontingent sein). Wie man sieht, kann man diese Behauptung nicht aufrechterhalten, ohne dass sich logische Widersprüche ergeben. Ein Beispiel, um den Fehlschluss zu verdeutlichen, der hinter diesen Annahmen steckt:

(1) Alles im Universum hat eine Ursache, folglich muss das Universum selbst eine Ursache haben. 
(2) Alle Kaninchen, die jemals existiert haben, konnten nicht älter werden als 100 Jahre. Folglich kann die Gesamtheit der Kaninchen nicht älter als 100 Jahre sein.

Derselbe falsche Schluss, einmal, wie in (1), nicht offensichtlich, aber in (2) offensichtlich falsch. Wenn "kann nicht älter als 100 Jahre werden" eine Eigenschaft aller jemals existierenden Kaninchen war, so gilt dies nicht für die Gesamtheit aller Kaninchen. Man wechselt die Ebene - man schließt von der Gesamtheit aller einzelnen konkreten Kaninchen darauf, dass die Menge der Kaninchen selbst nicht älter als 100 Jahre ist. Der Fehler in (2) ist deswegen so offensichtlich, weil wir ganz genau wissen, dass es schon vor mehr als 100 Jahren Kaninchen gab, und weil wir wissen, dass sich Kaninchen fortpflanzen, es also eine Kette von Kaninchen gibt, so dass die Gesamtheit der Kaninchen nicht die Eigenschaft jedes einzelnen Kaninchens haben muss. Die "Menge aller Kaninchen" hat auch weder ein Fell noch rote Augen, auch wenn alle Kaninchen diese Eigenschaft hätten

Aber was Universen angeht, so haben wir nicht viel Erfahrung - wir kennen nur genau eines, und das auch noch unvollkommen. Von daher widerspricht unsere Erfahrung nicht dem Fehlschluss, weil wir schlicht keine Erfahrung haben, die dem widersprechen könnte! Daher fällt der logische Widerspruch in (1) nicht auf, und die Theologen können uns diesen Fehlschluss "unterjubeln", so wie er auch ihnen vermittelt worden ist (viele Theologen glauben an die Richtigkeit dieses Fehlschlusses). Lässt man sich von seiner Intuition nicht irreleiten und denkt die logischen Konsequenzen "bis zum bitteren Ende" durch, dann wird offensichtlich, dass mit der Behauptung, dass Gott existiert, etwas nicht stimmen kann.

Machen wir das nochmal deutlich: Wenn die Gesamtheit aller Dinge, die existiert, eine Ursache hat (und/oder kontingent ist), dann gilt dies auch für alle Dinge, die ich dieser Menge hinzufüge. Finde ich nur ein Ding, für das das nicht gilt, dann gilt auch, dass nicht alle Dinge, die existieren, eine Ursache haben muss (oder kontingent sind). Wenn man also zu der Gesamtheit aller Dinge, die existieren, noch Gott, der ja auch existieren müsste, hinzufügt, dann muss entweder die Gesamtheit aller Dinge (auch Gott!) eine Ursache haben, oder es haben nicht alle Dinge (wie etwa Gott) eine Ursache. Wenn aber nicht alles, was existiert, eine Ursache haben muss, dann kann man dies auch vom Universum behaupten, denn mit der Annahme, dass es einen Gott gibt, widerspricht man explizit der Behauptung, dass alles eine Ursache haben müsste. Außer natürlich, man nimmt an, dass auch die Existenz Gottes eine Ursache hat, aber dann reden wir nicht mehr über den monotheistischen Gott und die Frage der Erstverursachung wurde mit ihm nur um eine Stufe weitergeschoben. Die "Gesamtheit aller Dinge" muss nicht genau die Eigenschaft haben, die jedes einzelne Mitglied der Gesamtheit hat, dieser Schluss ist unlogisch

Die Umdefinition der Begriffe nützt nichts, weil man dann entweder mitten in seiner Argumentation die Definitionen ändern muss, was bedeutet, dass die Argumentation inkonsistent ist, also logisch falsch, oder man muss zugeben, dass der Schluss nicht aus der Argumentation folgt, womit die Argumentation ungültig wird. Und wenn man mitten in der Argumentation die Dinge umdefiniert, also aus Schwarz plötzlich Weiß macht, dann ist alles möglich - und aus Falschem folgt Beliebiges (aber eben meist Falsches). In diesem nichtssagenden Fall kann dann auch endlich folgen, dass Gott existiert.

7. Verweise

  • AGOD-MYGOD-FEHLSCHLUSS: Selbst wenn der kG. die Existenz Gottes beweisen würde, wäre damit noch längst nicht die Existenz des christlichen oder sonst eines konkreten Gottes verifiziert. Dieser Einwand lässt sich gegen alle Gottesbeweise vorbringen. Nehmen wir für unseren Fall an, (S1) wäre durch (P1) und (P2) gerechtfertigt. Dann folgt logisch daraus aber keineswegs (S2), dass Gott die erste Ursache gewesen sein muss. Es wäre nur bewiesen wurde, dass es eine erste Ursache gegeben haben muss, diese erste Ursache könnte aber auch das Universum selbst, eine unpersönliche Kraft oder dein eigener Geist sein. Es könnten ein Gott oder mehrere Götter sein, bekannte Götter wie unbekannte. Der Teufel selbst könnte diese erste Ursache gewesen sein. Es könnten Wesen sein, die über begrenzte Macht verfügen und über begrenztes Wissen, Wesen, die fehlbar sind. Es könnte sich um körperliche Wesen handeln. Usw. usf. Meistens wird der Übergang von (S1) zu (S2) in den Gottesbeweisen "unterschlagen", aus gutem Grund, denn hier liegt eine der großen, generellen Schwächen jedes Gottesbeweises verborgen.
  • Kosmologischer Gottesbeweis: Der kG. Gehört zu den sog. kosmologischen Gottesbeweisen (aus bestimmten Eigenschaften des Kosmos wird auf Gott geschlossen). Die meisten der kosmologischen Gottesbeweise folgen demselben oder einem sehr ähnlichen Schema und lassen sich auch nahezu schematisch widerlegen. Um den Beweis zu "retten" müsste man zeigen, dass alle fünf Widerlegungen (1) bis (5) falsch sind, es reicht nicht zu zeigen, dass eines der Argumente falsch istUnd es müsste gezeigt werden, dass der Übergang von (S1) auf (S2) gerechtfertigt ist und es sich um den eigenen Gott und nicht einen der tausend anderen handelt.
  • Tautologie: Interessant ist noch das (implizite getroffene) Argument: (P1') "Alles hat eine Ursache außer Gott". In diesem Fall hat man Gott bereits in der Prämisse drin stecken, das bedeutet, man setzt voraus, was man zu beweisen sucht (was einen zu der Logik führt "Wenn Gott existiert, dann existiert Gott" - eine Tautologie).

Stand: 2016

Kommentare: 6
  • #6

    WissensWert (Sonntag, 09 Juli 2017 23:34)

    Nochwas: Die Annahme einer kausalen Verursachung drückt aus, dass ein Ereignis A ein anderes und zeitlich (und räumlich) nachstehendes Ereignis B bedingt hat. Demgemäß sind Raum und Zeit notwendige Bedingungen für eine kausale Verursachung. Da beide mit dem Urknall aber erst entstanden sein sollen, ist es sinnlos, nach der kausalen Ursache für den Urknall zu fragen. Der Urknall, und nicht Gott, ist die beste Erklärung für eine erste Ursache, da mit ihm das Ursache-Wirkungs-Schemata erst begonnen hat, einen Sinn zu machen.

  • #5

    IntellectusCreatur (Donnerstag, 22 Juni 2017 00:52)

    Ihre Kritik an der Prämisse P2:

    "(2) Die Prämisse (P2) ist unbegründet. Es ist sehr wohl vorstellbar, dass es einen unendlichen Regress an Ursachen gegeben hat."

    haben Sie in Ihrem eingenen Artikel:

    https://www.sapereaudepls.de/2016/01/25/argument-aus-dem-neandertal/

    widerlegt:

    "Fehler 2. Unendlicher Regress"

    Eigentlich alle Kritiken an dem Ontologischen Gottesbeweis und dem Argument nach Kalam werden hier gut widerlegt:

    https://www.youtube.com/watch?v=GKDUdb0Z03o

  • #4

    WissensWert (Freitag, 10 Februar 2017 20:28)

    Mir ist etwas Weiteres aufgefallen:

    Wenn etwas ewig existiert, kann es keinen Schöpfer haben. Gott existiert ewig, also ist es unmöglich, dass er geschaffen wurde.

    Wer dem zustimmt, setzt die Logik voraus.

    Gleichzeitig setzt er die ewige Gültigkeit der Logik voraus. Ohne Logik könnte es sehr wohl sein, dass etwas ewig existiert, aber trotzdem einen Schöpfer hat. Dazu muss es nur eine Zeit gegeben haben, in der die Logik nicht galt.

    Folglich kann die Logik nicht von Gott geschaffen worden sein, da sie ewig gültig war.

  • #3

    WissensWert (Samstag, 18 Juni 2016 23:54)

    Abt. Diskurswerfen:

    Ich versuche nochmal, zu erklären, warum das folgende Argument falsch sein muss:

    Alles, was beginnt, zu existieren, hat eine Ursache.
    Das Universum begann zu existieren.
    Folglich hat das Universum eine Ursache.

    Zunächst muss man sich fragen: Was ist eine Ursache?

    Die Definition einer Ursache, ganz allgemein, ist die:

    Wenn A eine Wirkung auf B ausübt, dann nennen wir A die Ursache und B die Wirkung. Beispiel:

    Wir werfen einen Stein in einen Teich. Dadurch bilden sich Wellen auf dem Wasser. Der Stein (A) ist also die URSACHE der Wellen (B). Die Wellen sind die WIRKUNG des Steinwurfs.

    Damit der Stein, den ich werfe, eine Wirkung haben kann, müssen aber ein paar Voraussetzungen erfüllt sein:

    1. Der Stein muss existieren. Sollte er das nicht tun, wäre die Aussage: Ein nicht-existierender Stein übt die Wirkung aus, dass sich Wellen auf dem Teich bilden. Dann aber hätten die Wellen keine Ursache. Was nicht existiert, kann keine Ursache sein.

    2. Der Teich MUSS existieren. Sonst würde ich sagen: Ich werfe einen Stein in einen nicht existierenden Teich, der daraufhin Wellen schlägt. Das ist erkennbar Unsinn.

    3. Der Stein muss Energie auf das Wasser des Teichs ausüben. Durch die Übertragung dieser Energie bilden sich Wellen.

    4. Zeit muss vorgehen: Bevor ich den Stein werfe, wenn ich ihn werfe. Und Wellen bilden sich nur dann, wenn Zeit vergeht. Wellen sind räumliche Bewegungen von Wassermolekülen in der Zeit.

    Anders gesagt: Indem ich den Stein werfe, überträgt er Energie auf das Wasser im Teich, und diese Energieübertragung ist die Ursache für die Wellen in der Zeit. Der Stein, als Ursache, BEWIRKT eine Zustandsänderung des Wassers.

    Für eines aber gibt es kein Beispiel - kein einziges. Nämlich, dass eine Ursache die EXISTENZ eines weiteren Objekts bewirkt. Denn das Wasser im Teich muss vorhanden sein. Das Wasser entsteht nicht dadurch, dass ich den Stein werfe. Nur die Bewegung der Wassermoleküle in Raum und Zeit entsteht als Wirkung.

    Wenn man sagt: Der Beginn der Existenz des Universums hat eine Ursache, dann werden gleich drei der Punkte der Definition verletzt:

    Punkt 2. ist nicht gegeben: Das Universum existiert nicht. Folglich kann nichts eine Wirkung auf das nicht existierende Universum ausüben.

    Punkt 3. ist nicht erfüllt: Wenn bereits Energie existiert, muss sie irgendwo herkommen. Das bedeutet, zum Zeitpunkt der Verursachung gab es bereits Energie (damit auch Materie - denn Energie und Materie sind dasselbe). Dann gab es schon Materie, BEVOR das Universum existierte.

    Punkt 4 ist nicht erfüllt: Denn die Zeit wird gebildet von der Bewegung von Materie in einem Raum. Gibt es keinen Raum und keine Materie, gibt es auch keine Zeit.

    Eine Ursache kann durch Energieübertragung den Zustand eines schon existierenden Objekts bewirken. Es gibt aber keine "Existenzursache". Man hat noch nie beobachtet, dass etwas zu existieren beginnt. Man kann eine Ausnahme anführen: Vakuumenergie. Nur hat diese keine Ursache, da sogar alle vier Punkte der Definition nicht erfüllt wären.

    Im Argument wird eine Ursache plötzlich zu einer "Existenzursache", die es aber nicht gibt. Diese erfüllt keinen Punkt der Definition. Aber ALLE Ursachen, die wir je beobachtet haben, erfüllen alle vier Punkte der Definition! Bei einer Existenzursache reden wir, bildlich gesprochen, von einem Haus, das keine Wände, kein Fundament, und kein Dach hat, also kein Haus ist.

    Korrekt wäre daher das genaue Gegenteil der ersten Voraussetzung im Argument:

    Nichts, was zu existieren beginnt, kann eine Ursache haben.

    Dann würde aus dem Argument aber:

    Nichts, was zu existieren beginnt, kann eine Ursache haben.
    Das Universum begann zu existieren.
    Folglich hat das Universum keine Ursache.

    Der Trick, mit dem das Argument die Vernunft aushebelt und eine Illusion erzeugt, liegt darin, dass aus einer Ursache plötzlich, indem man das Wort völlig anderes definiert, eine Existenzursache. Wer immer das glaubt, wurde getäuscht und ausgetrickst. Man hat ihn beschwindelt. Und man muss sich nicht wundern, dass einem der Wind hart ins Gesicht bläst, wenn man versucht, auch andere mit diesem Schwindel zu täuschen.

    Denn nicht alle Menschen sind so dumm, diesen Betrug nicht zu durchschauen. Manche beherrschen die elementare Logik und können die Begriffe definieren. Aber einige können es sich nicht eingestehen, dass man sie betrogen und ausgetrickst hat!

    Man könnte auch formulieren, dass alles, was zu existieren beginnt, einen URSPRUNG hat. Nur ist das leider unmöglich, und das Argument ist damit widerlegt.

  • #2

    WissensWert (Donnerstag, 09 Juni 2016 02:12)

    Aus „Warum ich kein Christ bin“ von Bertrand Russell:

    „Das Argument, das wohl am einfachsten und leichtesten zu verstehen ist, ist das einer ersten Ursache. (Es wird behauptet, dass alles, was wir auf dieser Welt sehen, eine Ursache hat und dass man zu einer ersten Ursache gelangen muss, wenn man die Kette der Ursachen immer weiter zurückverfolgt, diese erste Ursache nennt man Gott.) Dieses Argument hat heute kaum noch Gewicht, vor allem, weil der Begriff der Ursache nicht mehr die gleiche Bedeutung hat wie früher. Die Philosophen und Wissenschaftler haben sich darüber hergemacht, und der Begriff hat viel von seiner früheren Vitalität verloren. Aber auch unabhängig davon muss man einsehen, dass das Argument, es müsse eine erste Ursache geben, keinerlei Bedeutung haben kann. Ich muss zugeben, dass ich als junger Mann, als ich diese Fragen sehr ernsthaft erwog, lange Zeit das Argument der ersten Ursache gelten ließ, bis ich eines Tages, im Alter von achtzehn Jahren, John Stuart Mills Autobiographie las und darin folgenden Satz fand: »Mein Vater lehrte mich, dass es auf die Frage »Wer hat mich erschaffen?« keine Antwort gibt, da diese sofort die weitere Frage nahe legt: »Wer hat Gott erschaffen?« Wie ich noch immer glaube, machte mir dieser ganz einfache Satz den Trugschluss im Argument der ersten Ursache deutlich. Wenn alles eine Ursache haben muss, dann muss auch Gott eine Ursache haben. Wenn es etwas geben kann, das keine Ursache hat, kann das ebenso gut die Welt wie Gott sein, so dass das Argument bedeutungslos wird. Es liegt genau auf der gleichen Linie wie die Ansicht des Hindus, die Welt ruhe auf einem Elefanten und der Elefant stehe auf einer Schildkröte; als man ihn fragte: »Und was ist mit der Schildkröte?«, sagte der Inder: »Sprechen wir von etwas anderem!« Das Argument ist wirklich um keinen Deut besser. Es gibt weder einen Grund dafür, warum die Welt nicht auch ohne eine Ursache begonnen haben könnte, noch, warum sie nicht schon immer existiert haben sollte. Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass die Welt überhaupt einen Anfang hatte. Die Idee, dass alles einen Anfang haben müsse, entspringt nur der Armut unserer Vorstellungskraft. Deshalb brauche ich wohl keine weitere Zeit mehr auf das Argument der ersten Ursache zu verschwenden.“

  • #1

    WissensWert (Donnerstag, 09 Juni 2016 01:58)

    Korrigiert man die Fehler des Beweises, kann man daraus einen Beweis gegen die Existenz Gottes machen:

    Vor allem (4) zeigt, dass der Beweis nur genau dann gültig sein kann, wenn man die im Beweis enthaltenen Prinzipien auch auf Gott anwenden kann. Wenn dies geht, dann funktioniert damit auch automatisch jeder Beweis gegen Gott, der dieselben Prinzipien verwendet. Wenn es also einen Gottesbeweis gäbe, dann könnte man eventuell einen Beweis gegen Gott konstruieren. Das ist tatsächlich problemlos möglich - mehr noch: Die Beweise gegen Gott sind überzeugender als die für Gott, weil sie nicht auf Denkfehlern wie (1) bis (5) basieren.

    Man kann nämlich folgern, wenn (P1) wahr ist, dass es einen unendlichen Regress an Ursachen gegeben haben muss und dass folglich das Universum keine erste Ursache gehabt haben kann, also ewig existiert. Wenn das Universum ewig existiert, dann hatte es keinen Schöpfer, folglich existiert der christliche Schöpfergott nicht. Für die Annahme, dass das Universum ewig existiert, spricht zudem, dass weder Materie noch Energie vernichtet werden können (man kann sie nur umwandeln). In diesem Beweis gegen Gott steckt zumindest kein Denkfehler (wie in dem Beweis für Gott) und er stimmt mit unseren empirischen Evidenzen und Beobachtungen überein. Folglich ist seine Plausibilität größer.


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