„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Tugenderkenntnistheorie

Was behaupten wir, wenn wir sagen, eine Person weiß etwas? Wie verhalten sich Wissen und Begründen zueinander? Kann eine Person auch etwas wissen, ohne (gute) Gründe für ihre Überzeugung zu haben – oder gar dann, wenn sie über Gründe verfügt, die gegen die Wahrheit ihrer Überzeugung sprechen? Gibt es überzeugende Gründe für die Ansicht, wir wüssten überhaupt etwas über die Welt? – Wer sich solche Fragen stellt, macht bekanntlich Erkenntnistheorie.

Die Tugenderkenntnistheorie (TE) ist eine Familie von Theorien, in deren Antworten auf erkenntnistheoretische Fragen der Begriff der intellektuellen Tugend einen zentralen Platz hat.

Intellektuelle Tugenden sind Eigenschaften von Personen. Sie befähigen ihren Träger dazu, in kognitiven Belangen – das heißt, wenn es um das Erkennen oder das Denken geht – dasjenige zu tun, was korrekt oder angemessen ist: intellektuelle Tugenden machen eine Person zu einer, die gut darin ist, die Wahrheit zu erkennen. Damit gründet die TE auf der Annahme, dass der Weg zu den richtigen Antworten auf erkenntnistheoretische Fragen seinen Ausgang grundsätzlich in den Eigenschaften von Personen nimmt. Manche Vertreterinnen und Vertreter der TE sind sogar der Ansicht, dass der tugendtheoretische Ansatz den Blick für Fragen und Probleme öffnet, die bislang in der Erkenntnistheorie vernachlässigt wurden, wie etwa die Frage, wie wir uns in unserem intellektuellen Leben verhalten sollten, oder was es bedeutet im intellektuellen Bereich das Richtige zu tun.

1. Was ist Tugenderkenntnistheorie?

Seit den Anfängen der TE in den 1980er Jahren hat die Integration des Tugendbegriffs in die Erkenntnistheorie eine wahre Fülle von teilweise sehr unterschiedlichen Theorien innerhalb der Theorierichtung hervorgebracht. Denn die Behauptung, dass die intellektuellen Tugenden von Personen eine Rolle in der Erkenntnistheorie spielen sollten, wird in der Debatte sehr unterschiedlich ausgelegt – je nachdem, welche Frage mithilfe des Begriffs der intellektuellen Tugend beantwortet werden soll; hinzu kommt, dass der Begriff der intellektuellen Tugend selbst je nach Fragestellung unterschiedlich ausgelegt wird (vgl. Abschnitte 2. und 3.).

Manche Autorinnen und Autoren nehmen die Grundidee der TE zum Anlass, Fragen zu beantworten, die den Hauptstrang der Erkenntnistheorie im 20. Jahrhundert ausmachen, darunter die eingangs genannten, die alle etwas mit der Analyse oder Definition des Begriffs des Wissens zu tun haben. Andere sind der Ansicht, dass der Bezug auf intellektuelle Tugenden es ermöglicht, die Grenzen dieser traditionellen Erkenntnistheorie zu überwinden. Indem wir die Person in den Mittelpunkt unserer Untersuchung stellen, so die Kritiker des erkenntnistheoretischen Mainstream, können wir die strikten Begriffsdefinitionen und das technische Klein-Klein, das sie als typisch für die traditionelle Erkenntnistheorie ansehen, hinter uns lassen, – zugunsten einer Erkenntnistheorie, die mehr damit zu tun hat, wie wir unser intellektuelles Leben tatsächlich leben (oder vielmehr, wie wir es leben sollten). Schließlich ist es das Ziel der Erkenntnistheorie, so die Ansicht, die hinter diesem Ansatz steht, im Leben der einzelnen Person anwendbar zu sein.

Es hat sich gezeigt, dass es innerhalb der Disziplin eine große Vielfalt an unterschiedlichen Theorien gibt. Diese Beobachtung soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es durchaus charakteristische Eigenschaften gibt, die der Theorierichtung als Ganzer zukommen. Diese Gemeinsamkeiten sorgen dafür, dass die TE durchaus mehr ist als eine bloße Ansammlung von Theorien, die nur dem Namen nach verwandt sind. Sie rechtfertigen die Rede von der TE als einer Familievon Theorien. Zwei Gemeinsamkeiten verdienen es, in diesem Zusammenhang erwähnt zu werden: Erstens verstehen Tugenderkenntnis-theoretiker und –theoretikerinnen die Erkenntnistheorie als normative Disziplin (1.1.); zweitens beantworten sie die Fragen im Rahmen der Disziplin – anders als in der traditionellen Erkenntnistheorie gemeinhin üblich – unter Rückgriff auf die Eigenschaften von Personen (1.2.). Besonders der letzte Aspekt kann dabei als das eigentliche Alleinstellungsmerkmal der TE gegenüber anderen Ansätzen in der Erkenntnistheorie gelten.

1.1. Die Erkenntnistheorie als normative Disziplin

Vertreterinnen und Vertreter der TE nehmen an, dass die Erkenntnistheorie eine normative Disziplin ist. Das kann je nach Position Unterschiedliches bedeuten. Einig sind sich aber alle darin, dass die Untersuchungsgegenstände der Erkenntnistheorie wie beispielsweise Wissen, Weisheit oder Verstehen, erstens als bestimmten Gütekriterien unterworfen aufgefasst und zweitens als epistemische Güterverstanden werden, also als etwas, das für uns Menschen einen besonderen Wert hat. Der Anspruch der normativen Erkenntnistheorie besteht nun darin, diejenigen Eigenschaften von erkenntnistheoretisch interessanten Begriffen herauszuarbeiten, die den Normen, Werten und Bewertungspraktiken in unserem intellektuellen Leben zugrunde liegen: Wieso zeichnen wir eine Person, von der wir sagen, sie wisse etwas, in einer bestimmten (epistemischen) Weise als gut aus, in der wir das bei einer Person, die eine bloß wahre Meinung hat, offenbar nicht tun? Welche Eigenschaften zeichnen eine Person aus, die sich im intellektuellen Bereich richtig verhält? Welchen Charakter hat eine vorbildliche Forscherin? Diese und andere Fragen zu beantworten, ist die selbstauferlegte Aufgabe der TE.

1.2. Die Tugenderkenntnistheorie als personenbasierte Theorie

Die TE ist eine personenbasierte Theorie. In ihrem Rahmen sind Eigenschaften von Personen grundlegend für eine Analyse epistemischer Normen, Regeln und Werte – das unterscheidet sie von anderen, so genannten überzeugungsbasierten

Theorien in der Erkenntnistheorie. Was das bedeutet, lässt sich veranschaulichen, indem man eine strukturelle Analogie der Erkenntnistheorie zur normativen Ethik bemüht. In der normativen Ethik unterscheidet man drei Großgruppen von Theorien, die Antworten auf die Frage liefern, was es heißt, dass etwas – beispielsweise eine Handlung oder eine Person – moralisch gut ist: die Deontologie, den Konsequentialismus und die Tugendethik. Während die ersten beiden als handlungsbasierte Theorien gelten, wird die Tugendethik als personenbasierte Theorie verstanden. Diese Einordnung kommt zustande, weil deontologische und konsequentialistische Theorien die Frage nach dem moralisch Guten als die Frage nach dem guten Handeln auffassen und diese Frage unter direktem Rückgriff auf die guten Eigenschaften von Handlungen beantworten. Tugendtheorien ziehen demgegenüber bestimmte gute Eigenschaften von Personen heran, um die Frage nach dem moralisch Guten zu beantworten. Ihr zufolge sind Handlungen beispielsweise nur in Abhängigkeit von der moralischen Bewertung von Personen moralisch einzuordnen. In diesem Sinne ist die moralische Bewertung einer Person für diese Theorierichtung primär.

 

Um das alles etwas anschaulicher zu machen, hier noch einmal die These in Anwendung: Die Grundidee der Deontologie ist (etwas vereinfacht), dass eine Handlung genau dann gut ist, wenn die Handlung mit einer gewissen Regel übereinstimmt. Für den Konsequentialismus gilt, dass sich, ob eine Handlung gut ist, daran entscheidet, ob sie gute Folgen hat. In beiden Fällen wird die moralische Qualität einer Handlung unter Betrachtung der Eigenschaften der Handlung selbstbewertet. Im Falle von Tugendtheorien in der Ethik ist das anders. Eine Tugendethik entscheidet die Frage, ob eine bestimmte Handlung gut ist, weder anhand der Frage, ob diese Handlung mit  bestimmten Regeln übereinstimmt, noch anhand ihrer Folgen, sondern im Hinblick auf die Frage, welche Art von Person die Handlung getan hat. Eine Handlung ist der Tugendethik zufolge genau dann gut, wenn sie von einer tugendhaften Person ausgeführt wurde. (Das bedeutet freilich nicht, dass tugendhafte Personen nicht in Einzelfällen schlecht handeln könnten oder etwas tun könnten, was moralisch belanglos wäre – entscheidend ist, dass wenn man als Tugendethiker die Frage beantworten möchte, was das gute Handeln ausmacht, man vorher entscheiden wird, was eine gute Person ist.)

 

Ganz analog zur tugendethischen Analyse von guten Handlungen ist die TE personenbasiert. Das wird an ihrer (etwas vereinfachten) Analyse von gerechtfertigten Überzeugungen deutlich: Eine Überzeugung gilt der TE zufolge genau dann als gerechtfertigt, wenn sie das Produkt einer intellektuellen Tugend einer Person ist. Wie man sieht, ist die Bewertung einer Eigenschaft der Person als gute Eigenschaft (denn Tugenden sind gute Eigenschaften) auch in diesem Fall primär. Bei erkenntnistheoretischen Pendants zu deontologischen Theorien aus der Moralphilosophie ist das anders, denn ihnen zufolge ist eine Überzeugung genau dann gerechtfertigt, wenn die Überzeugung selbst mit bestimmten Regeln übereinstimmt (nämlich mit solchen, die festlegen, unter welchen Umständen es für eine Person rational ist, etwas zu glauben). Ein Beispiel ist die so genannte traditionelle Analyse von Wissen. Ihr zufolge ist die Überzeugung einer Person genau dann gerechtfertigt, wenn die Person gute Gründe für ihre Überzeugung hat und es eine Regel gibt, die sagt, dass es unter diesen Umständen rational ist, so überzeugt zu sein. Die traditionelle Analyse von Wissen ist also eine überzeugungsbasierte Theorie. Gleiches gilt für die erkenntnistheoretischen Pendants zum Konsequentialismus in der Ethik, beispielsweise für die so genannte Verlässlichkeitstheorie von Wissen. Gemäß der Verlässlichkeitstheorie von Wissen ist eine Überzeugung nämlich genau dann gerechtfertigt, wenn sie auf verlässliche Weise zustande gekommen ist. Im Falle der Verlässlichkeitstheorie bedeutet das: wenn sie das Ergebnis eines Prozesses der Überzeugungsbildung ist, der in den allermeisten Fällen wahre Meinungen hervorbringt. Auch die Verlässlichkeitstheorie kann demnach als überzeugungsbasierte Theorie verstanden werden.

 

Ich halte fest, dass Tugendtheorien sowohl in der Ethik als auch in der Erkenntnistheorie etwas genau dann als (epistemisch oder moralisch) gut auszeichnen, wenn sein Ursprung eine gute Eigenschaft der Person ist – eine ihrer Tugenden. Das ist gemeint, wenn gesagt wird, sie seien personenbasierte Theorien.

1.3. Zwei Spielarten der Tugenderkenntnistheorie

Anhand des für sie jeweils einschlägigen Verständnisses von intellektuellen Tugenden lassen sich zwei Ansätze innerhalb der TE unterscheiden: die Tugendverantwortungstheorie auf der einen Seite und die Tugendverlässlichkeitstheorie auf der anderen. Die Quelle der Inspiration für beide ist die Philosophie von Aristoteles, denn er ist der erste Philosoph, der intellektuelle und moralische Tugenden unterscheidet. Im vierten Buch der Nikomachischen Ethik definiert Aristoteles die intellektuellen Tugenden als kognitive Fähigkeiten, mit denen eine Person über das, was wahr, und das, was falsch ist, korrekt urteilen kann. Seine Beispiele für intellektuelle Tugenden sind etwa wissenschaftliches Wissen (episteme), praktische Weisheit (sophia) und intuitive Vernunft (nous), mit denen der Mensch unterschiedliche Wahrheiten erkennen kann. Die intellektuellen Tugenden unterscheidet Aristoteles von den moralischen Tugenden, die er als Charaktereigenschaften definiert – wie etwa die Eigenschaft, gerecht oder tapfer zu sein –, die ihren Träger dazu disponieren, unter bestimmten Umständen angemessen zu empfinden und angemessen zu handeln.

 

Die aristotelische Unterscheidung zwischen moralischen und intellektuellen  Tugenden ist für die Systematik innerhalb der TE interessant, weil der Begriff der intellektuellen Tugend, der für eine Variante der TE, die so genannte Tugendverlässlichkeitstheorie, einschlägig ist, an den Begriff der intellektuellen Tugenden angelehnt ist, den Aristoteles verwendet. Innerhalb dieser Theorie sind intellektuelle Tugenden also als Fähigkeiten zu verstehen. Die so genannte Tugendverantwortungstheorie dagegen versteht unter einer intellektuellen Tugend etwas, das mit Aristoteles Begriff der moralischen Tugend strukturell eng verwandt ist. Die zwei Arten der TE, die im Folgenden thematisiert werden, unterscheiden sich also im Wesentlichen darin, dass sie jeweils andere Verständnisse von Tugend für die Erkenntnistheorie nutzbar machen, von denen aber beide in Aristoteles‘ Philosophie angelegt sind. Die einen verstehen unter einer intellektuellen Tugend in etwa dasselbe wie Aristoteles. Die anderen meinen mit einer intellektuellen Tugend in etwa das, was Aristoteles eine moralische Tugend nennt.

2. Die Tugendverlässlichkeitstheorie

Die Tugendverlässlichkeitstheorien sind ausnahmelos so genannte konservative Theorien. Das bedeutet, dass sie den Begriff der intellektuellen Tugend auf zentrale Fragen und Probleme der traditionellen Erkenntnistheorie anwenden: Sie sind insofern konservativ, als sie mit ihren Fragen den thematischen Rahmen der traditionellen Erkenntnistheorie erhalten. Der Begriff von Tugend, der für die Tugendverlässlichkeitstheorie einschlägig ist, entspricht in etwa dem, was wir mit einer intellektuellen Fähigkeit meinen: Eine intellektuelle Fähigkeit ist eine dispositionale Eigenschaft des kognitiven Apparates von Personen, die sie in die Lage versetzt, unter bestimmten Umständen auf verlässliche Art und Weise nur das zu glauben, was wahr ist. (Wobei dispositionale Eigenschaften solche sind, die ein Ding hat, aber nicht unter allen Umständen zeigt, wie die Eigenschaft von Zucker wasserlöslich zu sein; dass Fähigkeiten Dispositionen sind bedeutet unter anderem, dass eine Person, die die Fähigkeit hat, Fahrrad zu fahren, diese Fähigkeit auch behält, wenn sie im Moment nicht Fahrrad fährt.) Intellektuelle Fähigkeiten einer Person sind beispielsweise ihr Wahrnehmungsvermögen, ihr Erinnerungsvermögen und ihre Fähigkeit, logisch zu schließen, bei deren korrekter Ausübung (näherungsweise) wahre Sätze aus anderen wahren Sätzen gefolgert werden.

 

Wie ihr Name verrät, handelt es sich bei der Tugendverlässlichkeitstheorie um eine Weiterentwicklung der einfachen Verlässlichkeitstheorie des Wissens. Laut der einfachen Verlässlichkeitstheorie ist Wissen definiert als wahre Meinung, die das Produkt eines verlässlichen Überzeugungsbildungsprozesses ist. Ein Überzeugungsbildungsprozess ist dieser Theorie zufolge genau dann verlässlich, wenn er mehr wahre als falsche Meinungen generiert. Die Tugendverlässlichkeitstheorie unterscheidet sich von dieser Form der Verlässlichkeitstheorie darin, dass sie nicht über Prozesse, sondern über Fähigkeiten spricht. Ihr zufolge ist eine wahre Meinung zudem nur dann Wissen, wenn die Person am Ende aufgrund einer ihrer intellektuellen Fähigkeit etwas Wahres und nicht etwas Falsches glaubt. Man kann diesen letzten Aspekt auch fassen, indem man sagt, dass die Tugendverlässlichkeitstheorie für Wissen fordert, dass die Tatsache, dass eine Person Recht hat mit ihrer Meinung, dadurch erklärtwird, dass ihre Meinung das Produkt ihrer intellektuellen Fähigkeit ist. So gesehen, stellt die Tugendverlässlichkeitstheorie eine Weiterentwicklung der einfachen Verlässlichkeitstheorie dar, die strengere Bedingungen für den Begriff des Wissens vorsieht als ihre Vorgängerin. Der Grund für diese Strenge ist die Intuition, dass eine Person nur dann wirklich etwas weiß, wenn sie (oder ihre Fähigkeit) dafür verantwortlich ist, dass sie Recht hat mit dem, wovon sie überzeugt ist. Dieser Intuition soll im Rahmen der Tugendverlässlichkeitstheorie durch den Bezug auf Fähigkeiten der Person genüge getan werden.

 

Das zentrale Projekt von Tugendverlässlichkeitstheorien ist eine Analyse des Wissensbegriffs. Wissen ist gemäß der Tugendverlässlichkeitstheorie eine wahre Meinung, die der Anwendung oder dem bestehenden Funktionieren einer intellektuellen Fähigkeit der Person zu verdanken ist. Glaubt eine Person etwa aufgrund ihrer Wahrnehmung (wenn sie zum Beispiel hingesehen hat), dass vor ihr ein Baum steht, und vor ihr steht tatsächlich ein Baum (die Meinung ist also wahr), dann weiß sie, dass vor ihr ein Baum steht. So trivial diese Definition des Wissens auf den ersten Blick aussehen mag, so erklärungsmächtig ist sie – das behaupten zumindest ihre Vertreterinnen und Vertreter. Denn sie beanspruchen für ihre Theorie, dass sie uns in die Lage versetzt, die grundlegenden Probleme der traditionellen Erkenntnistheorie zu lösen – selbst in Fällen, in denen die Dinge nicht so klar sind, wie bei der Überzeugung der Person über den Baum. Diese Vorteile sind der Gegenstand des nächsten Abschnittes.

 

Einflussreiche Vertreter der Tugendverlässlichkeitstheorie sind (unter anderen) Ernest Sosa (1991, 2007, 2009), John Greco (2010), Alvin Goldman (1992) und Wayne Riggs (2002).

2.1. Die Vorteile der Tugendverlässlichkeitstheorie

Vertreterinnen und Vertreter der Tugendverlässlichkeitstheorie beanspruchen einige wichtige Vorteile für ihre Theorie. So argumentieren sie dafür, dass die Tugendverlässlichkeitstheorie gut zu unseren vortheoretischen Urteilen über Fälle passt, in denen wir einer Person intuitiv Wissen zu- oder absprechen würden. Wir würden beispielsweise von einer Person, die nachgesehen hat, sagen, sie wisse, wie das Wetter draußen ist, nicht aber von einer Person, die ihre Überzeugungen nur mithilfe eines Blicks in eine Kristallkugel oder unter Inanspruchnahme eines Wahrsagers gebildet hat – selbst wenn diese Person dann zufällig eine wahre Meinung über das Wetter hat. Im ersten Fall spielen die Fähigkeiten der Person eine wichtige Rolle, im zweiten Fall ist es pures Glück, wenn die Person sich nicht irrt.

 

Desweiteren sind Tugendverlässlichkeitstheoretiker und -Theoretikerinnen der Ansicht, dass ihre Theorie eine plausible Antwort auf den erkenntnistheoretischen Skeptizismus bietet, der für die traditionelle Erkenntnistheorie eine wichtige Rolle spielt. Der Skeptizismus ist deshalb theoretisch so interessant wie bedrohlich, weil er mit gültigen Argumenten zu zeigen scheint, dass es unmöglich ist, überhaupt etwas zu wissen – obwohl wir glauben, wir wüssten eine ganze Menge. Die Grundidee des skeptischen Arguments ist diese: Um etwas zu wissen, müssen wir relevante Alternativen ausschließen, für die gilt, dass wenn sie der Fall wären, wir nicht wüssten, was wir zu wissen glauben. Da wir diese Alternativen aber nicht ausschließen können, so der Skeptiker, können wir auch nichts wissen. Wäre unsere Welt beispielsweise so beschaffen, wie die Welt im Spielfilm Matrix oder würde uns die Realität von einem bösen Dämon nur vorgegaukelt, wäre ein Gutteil unserer Überzeugungen falsch, obwohl – und das ist der wichtige Punkt – so, wie uns die Welt erscheint, nicht zu entscheiden wäre, ob wir in einer solchen Welt leben oder nicht. Da wir solche Szenarien nie ausschließen können, so der Skeptiker, können wir auch nichts wissen. Die Tugendverlässlichkeitstheorie begegnet diesem skeptischen Argument, indem sie bestreitet, dass wir ausschließen müssen, dass wir getäuscht werden, um etwas über unsere Außenwelt zu wissen. Wissen ist in der Theorie schließlich das Produkt von intellektuellen Fähigkeiten und die sind ihrerseits immer an bestimmte Umstände gekoppelt, in denen sie verlässlich sind (oder eben nicht). Tugendverlässlichkeitstheoretiker und -Theoretikerinnen argumentieren dafür, dass nicht alle denkbaren Umstände relevant für die Frage sind, ob jemand eine Fähigkeit hat: Nur weil es Welten geben könnte, in denen eine Fähigkeit nicht verlässlich wäre, heißt das nicht, dass sie de facto nicht verlässlich ist. Wenn sie aber verlässlich ist, dann haben wir Wissen (Greco 2005, 685).

 

Nicht zuletzt sind die Vertreterinnen und Vertreter der Tugendverlässlichkeitstheorie der Ansicht, dass diese mit den so genannten Gettier-Fällen (Edmund Gettier 1963) umgehen kann, in denen eine Person zwar eine wahre gerechtfertigte Meinung hat, ihre Meinung aber genauso gut hätte falsch sein können und es sich deshalb nicht um Wissen handelt. Diese Fälle zeigen, dass Wissen eine Überzeugung ist, die mehr als nur zufällig wahr ist. Tugendverlässlichkeitstheoretiker glauben die richtige Antwort auf die Frage gefunden zu haben, worin die Nicht-Zufälligkeit von Wissen besteht: Wissen ist mehr als nur zufällig wahr, weil die stabilen und verlässlichen Fähigkeiten von Personen dafür sorgen, dass sie unter den Umweltumständen, die der Ausübung ihrer Fähigkeit angemessenen sind, nur das glauben, was wahr ist.

2.2. Die Probleme der Tugendverlässlichkeitstheorie

Die Wissensanalyse der Tugendverlässlichkeitstheorie ist darauf festgelegt, dass eine Person die etwas weiß, eine wahre Meinung hat, die ihren intellektuellen Fähigkeiten geschuldet ist. Eine wahre Meinung, die den intellektuellen Fähigkeiten einer Person geschuldet ist, wird oft als eine Errungenschaft  oder persönliche Leistung dieser Person aufgefasst. Bei persönlichen Leistungen ist es der Fall, dass die Person, die diese Leistung vollbracht hat, auch für diese Leistung verantwortlichist. Hier lauern Probleme für die Tugendverlässlichkeitstheorie. Zum einen haben wir als Menschen das meiste, was wir wissen, nicht aufgrund unserer eigenen intellektuellen Fähigkeiten herausgefunden. Ein Großteil unseres Wissens ist vielmehr eine intellektuelle Leistung unserer Mitmenschen und insbesondere der Generationen vor uns – vieles, das wir wissen, haben wir nur aufgrund des Zeugnisses anderer Personen erfahren. Heißt das, dass es sich bei den entsprechenden Überzeugungen nicht um Wissen handelt, weil es nicht unsere eigene Errungenschaft ist? Das wäre sicher eine Konsequenz aus der Theorie, die sie sehr unattraktiv machen würde.

 

Nun könnte man behaupten, dass die Rolle, die unsere intellektuellen Fähigkeiten im Wissensfall spielen, nur eine sehr kleine sein muss – sie müssen nur irgendwiebeteiligt sein, damit eine Überzeugung Wissen ist. Dann ergeben sich für die Tugendverlässlichkeitstheorie aber Probleme aufgrund von so genannten Fällen von umgebungsbedingtem epistemischem Zufall, die als Sonderfälle der bereits erwähnten Gettier-Fälle verstanden werden können. Hier ist ein solcher Fall, der auf Alvin Goldman zurückgeht (vgl. Goldman 1976, 772f.): Stellen wir uns vor, Ella fährt in ihrem Auto auf der Landstraße und identifiziert die Gegenstände, die ihr ins Blickfeld kommen. Sie sieht eine Kuh und denkt „Da ist eine Kuh“, sie sieht einen Baum und denkt „Da ist ein Baum“, sie sieht ein Windrad und denkt „Da ist ein Windrad“. Stellen wir uns weiter vor, dass die Regierung des Landes besonders fortschrittlich und ökologisch wirken aber gleichzeitig möglichst wenig Geld ausgeben möchte. Aus diesem Grund hat sie jede Menge Windradattrappen aufgestellt, die aber von der Straße aus von echten Windrädern nicht zu unterscheiden sind. Nehmen wir schließlich an, dass das, worauf Ella gerade blickt und für sie aussieht wie ein Windrad, tatsächlich das einzige echte Windrad in der ganzen Gegend ist. Wir haben es hier offenbar mit einem Fall zu tun, in dem Ella eine wahre Meinung hat, deren Korrektheit ihren intellektuellen Fähigkeiten geschuldet ist: Dass sie Recht hat in Bezug auf das Windrad ist ihren Fähigkeiten zu verdanken und damit hat sie eine intellektuelle Leistung vollbracht. Die Bedingungen der Tugendverlässlichkeitstheorie sind erfüllt und wir müssten Ella Wissen zusprechen. Das Problem ist allerdings wieder, dass Wissen inkompatibel mit epistemischem Zufall zu sein scheint. Eine wahre Überzeugung, die ebenso gut hätte falsch sein können, kann kein Wissen sein. In dem beschriebenen Fall ist der Zufall in der Umgebung angelegt und er spielt eine zu große Rolle dafür, dass Ella etwas Wahres glaubt, als dass Ella wissen könnte, dass da drüben ein Windrad steht. Schließlich hätte sie genau dasselbe geglaubt in unzähligen Fällen, in denen da kein Windrad, sondern nur eine Attrappe gestanden hätte – und in diesen Fällen hätte sie etwas geglaubt, das falsch ist. Manche Tugenderkenntnistheoretiker beißen in den sauren Apfel und modifizieren ihre Version der TE entsprechend in einer Reaktion auf dieses Beispiel mit einer gesonderten anti-Glücksbedingung für Wissen (vgl. z.B. Pritchard 2010), behalten aber die Grundidee der TE bei. Das Problem mit dieser Art von Theorie ist, dass sie das Element der Tugend in seiner Bedeutung deutlich herunterspielt. Es wird dann immer weniger klar, wieso die Grundidee der TE überhaupt so überzeugend als Ausgangspunkt für eine Theorie des Wissens sein sollte.

3. Die Tugendverantwortungstheorie

Anders als im Fall der Tugendverlässlichkeitstheorie gibt es keine einheitliche Beschreibung einer Grundidee, die allen Formen der Tugendverantwortungstheorie gerecht werden würde. Gemeinsam ist diesen Formen der TE allenfalls der Bezug auf den Begriff der intellektuellen Charaktertugend, der seinerseits an Aristoteles‘ Begriff der moralischen Tugend angelehnt ist. Denn für Tugendverantwortungstheorien ist ein Verständnis intellektueller Tugend einschlägig, demzufolge intellektuelle Tugenden andauernde, tief im Wesen der Person verankerte Charaktereigenschaften sind, die das Fühlen, Denken und Verhalten der Person beeinflussen. Der tugendhaften Person erlaubt ihr intellektueller Charakter, so die Idee, im intellektuellen Bereich auf verantwortliche und gute Weise zu handeln – daher auch die Rede von der Tugendverantwortungstheorie. Was es bedeutet, intellektuell verantwortungsvoll zu handeln, ist je nach Theorie unterschiedlich auszulegen. Es hilft, sich an paradigmatische Beispiele zu halten: intellektuelle Charaktertugenden sind Eigenschaften wie intellektueller Schneid, intellektuelle Offenheit, intellektuelle Großzügigkeit und intellektuelle Ehrlichkeit.

 

Die Namen dieser Charaktereigenschaften legen bereits nahe, dass es sich bei intellektuellen Charaktertugenden um Eigenschaften handelt, die moralischen Tugenden sehr ähnlich sind. Die intellektuellen Tugenden unterscheiden sich von den moralischen Tugenden lediglich dadurch, dass sie, anstatt auf gute Handlungen, auf intellektuelle Güter wie Wissen, Verstehen und Weisheit gerichtet sind. Eine tugendhafte Person zeichnet sich im Allgemeinen durch Charaktereigenschaften aus, die sie sowohl geneigt machen, unter bestimmten Umständen auf eine bestimmte Art und Weise zu empfinden (etwas zu wollen), als auch gemäß dieser Empfindungen auf eine bestimmte Art und Weise zu handeln. Einer einflussreichen Auffassung von intellektuellen Charaktertugenden zufolge ist die intellektuell tugendhafte Person eine, die sowohl motiviert ist, nur das zu glauben, was wahr ist, als auch erfolgreich darin ist, eben das zu tun.

 

Die Charaktertugenden haben damit (zumindest in den meisten Versionen der Theorie) sowohl eine Erfolgs– als auch eine Motivationskomponente. Das unterscheidet sie insbesondere von den kognitiven Fähigkeiten, mit denen die Tugendverlässlichkeitstheorie arbeitet, die ja ausschließlich über Wahrheitszuträglichkeit, also epistemischen Erfolg, definiert sind. Einige Vertreter der Tugendverantwortungstheorie gehen allerdings so weit zu behaupten, dass auch eine Person, die überhaupt keine wahren Meinungen hat – die also in diesem Sinne nicht erfolgreich ist (und damit auch nichts weiß, denn man kann nichts wissen, was nicht wahr ist) – intellektuell tugendhaft im vollen Sinne des Wortes sein kann; sie muss nur das tun, was sie gemäß ihrer tugendhaften Motivation für richtig hält. Auf der anderen Seite gibt es die Auffassung, dass intellektuelle Charaktertugenden Eigenschaften des Charakters sind, die verlässlich zu wahren Meinungen führen. Der Unterschied zur Tugendverlässlichkeitstheorie besteht bei diesen Theorien darin, dass es sich bei dem für sie zentralen Tugendbegriff eben um intellektuelle Charaktereigenschaften und nicht um intellektuelle Fähigkeiten handelt, wobei beide Arten von Eigenschaften über ihre Wahrheitszuträglichkeit definiert sind.

 

Einflussreiche Vertreter der Tugendverantwortungstheorie sind (unter anderen) Linda Zagzebski (1996, 1999), Jason Baehr (2011), Lorraine Code (1986), Christopher Hookway (1994), James Montmarquet (1991), Jonathan Kvanvig (1992), Roberts und Wood (2007) und Julia Driver (2000).

3.1. Die Tugendverantwortungstheorie als Theorie des Wissens

Die wichtigste Vertreterin einer Tugendverantwortungstheorie als Wissenstheorie ist Linda Zagzebski (1996). Sie definiert Wissen als eine wahre Meinung, die das Resultat einer tugendhaften intellektuellen Handlung ist. Eine tugendhafte Handlung ist bei Zagzebski eine Handlung, die in jeder Hinsicht ausgezeichnet oder lobenswert ist. Sie ist eine Vertreterin der Tugendverantwortungstheorie, die sowohl die Motivations- als auch die Erfolgskomponente als notwendig für die Analyse von Wissen erachtet. Da eine intellektuell tugendhafte Handlung (i) eine ist, die auf bestimmte Weise motiviert und erfolgreich ist, und (ii) da es das Ziel der intellektuell tugendhaften Person ist, nur wahre Überzeugungen zu haben, ergibt sich, dass Wissen dieser Theorie zufolge schlicht und einfach definiert werden kann als eine Überzeugung, die aus einer tugendhaften intellektuellen Handlung resultiert.

 

Eine wichtige Hintergrundannahme dieser Theorie des Wissens ist, dass moralische und intellektuelle Tugenden sich in ihrer Struktur nicht wesentlich unterscheiden. Denn beide haben eine Motivations- und eine Erfolgskomponente und sind auf etwas gerichtet, das für das menschliche Leben von Wert ist. Zagzebski ist der Ansicht, dass sich die zwei Arten von Tugenden nur darin unterscheiden, dass sie auf unterschiedliche Ziele gerichtet sind: auf die Wahrheit im Fall der intellektuellen Tugenden, auf das Gute im Fall der moralischen Tugenden. Insofern bietet Zagzebski eine Theorie des Wissens an, die in der Lage sein soll, nicht nur epistemische, sondern auch moralische Normativität einheitlich zu erklären. Genauer gesagt geht Zagzebski noch weiter und vertritt die Ansicht, dass epistemische Normativität eine Sonderform der moralischen Normativität ist. In ihren Augen ist also das Wahre Teil des Guten.

 

Wie zu erwarten ist, kommt diese Theorie besonders gut mit Wissen zurecht, das man in Ermangelung einer besseren Bezeichnung als anspruchsvolles Wissen bezeichnen könnte: Wissen, das zum Beispiel durch wissenschaftliche Praxis oder anders ausgedrückt durch bewusstes Nachdenken und Forschen zustande gekommen ist. Ein Problem hat diese Theorie mit anspruchslosem Wissen, wie es als Resultat der sinnlichen Wahrnehmung vorkommt. Hier ist es besonders unplausibel, dass eine Person überhaupt auf eine bestimmte Weise motiviert sein muss, um etwas zu wissen. Im Gegenteil, selbst wenn eine Person dazu motiviert wäre, nur von Falschem überzeugt zu sein, und beim Überqueren einer Straße sähe, dass ein Auto auf sie zukommt, und deshalb einen Schritt zurückginge, würden wir dennoch sagen wollen, sie wisse, dass da ein Auto auf sie zukommt. Zagzebski hat in späteren Veröffentlichungen eingestanden, dass ihre Theorie im Kern tatsächlich als eine Theorie von anspruchsvollem Wissens zu verstehen ist, hat aber gleichzeitig darauf bestanden, dass es sich bei diesem Wissen ohnehin um etwas handelt, dass wir als Menschen besonders wertschätzen – nicht zuletzt, weil es mit dem, was es heißt, gut zu leben, besonders eng verbunden sei (vgl. Zagzebski 2013).

3.2. Nicht-traditionelle Formen der Tugendverantwortungstheorie

Lorraine Code (1987) gilt als die erste Philosophin des 20. Jahrhunderts, die eine Tugendverantwortungstheorie in Reinform vertreten hat. Anders als später Zagzebski verwendet sie den Begriff der intellektuellen Charaktertugend allerdings nicht in einer Analyse des Wissens, wie sie in der traditionellen Erkenntnistheorie angestrebt wird. Code setzt den Fokus ihrer Theorie vielmehr auf die Rolle von Personen als aktiven Akteuren und den Platz der intellektuellen Charaktertugenden im Vollzug ihres intellektuellen Lebens. Die oberste intellektuelle Charaktertugend, von der all die anderen intellektuellen Tugenden gleichsam ausstrahlen, ist für Code die intellektuelle Verantwortung, die Personen für sich selbst in ihrem intellektuellen Leben und für das intellektuelle Leben ihrer Mitmenschen haben. Personen als intellektuelle Akteure sind Code zufolge auch in dem Sinne verantwortlich, als sie für die Entscheidungen, die sie im Vollzug ihres intellektuellen Lebens treffen, genauso zur Verantwortung gezogen werden können und sollten, wie für die moralisch relevanten Entscheidungen im nicht-intellektuellen Teil ihres Lebens. Code sieht eine enge Verbindung zwischen unserer Verantwortung, das Wahre zu glauben, und unserer Verantwortung, ein gutes Leben zu führen. Mithilfe einer genauen Analyse von literarischen Texten entwickelt Code Beispiele, die zeigen sollen, dass der Fokus der traditionellen Erkenntnistheorie auf der einzelnen Person und ihren Überzeugungen zu eng ist, um alle Aspekte des menschlichen intellektuellen Lebens einzufangen – so, wie es eine gelungene Erkenntnistheorie ihrer Ansicht nach tun sollte.

 

Während Codes Arbeit letzten Endes immer noch als Theorie der Erkenntnis verstanden werden kann, beschäftigt sich James Montmarquet (1993) im Grunde nur deshalb mit der Erkenntnistheorie, weil er eine genuin moralische Frage beantworten möchte. Seine Überlegungen nehmen ihren Ausgang von der Beobachtung, dass Person A häufig Dinge tut, die Person B zwar als moralisch falsch und vielleicht sogar verwerflich erachtet, die aber vom intellektuellen Standpunkt von Person A aus gesehen angemessen oder sogar notwendig erscheinen. Gemeint sind beispielsweise die Handlungen eines Diktators, der aufgrund seiner Überzeugungen – etwa seiner Überzeugungen bezüglich des Wertes unterschiedlicher Gruppen von Menschen und seiner gottgewollten Stellung an der Spitze des Staates – nur das tut, was ihm aus seiner Perspektive richtig erscheint. Wie können wir, so ist Montmarquets moralphilosophische Frage, solche Menschen kritisieren, wenn sie doch nur das tun, was ihnen richtig erscheint? Denn sollten wir nicht alle so handeln, wie es uns richtig erscheint? Die Grundidee von Montmarquets Antwort auf diese Frage besteht darin, dass wir diese Menschen moralisch kritisieren können, weil sie ihrer Verantwortung in ihrem intellektuellen Leben nicht nachgekommen sind. Denn sie haben offenbar nicht erkannt, dass alle Menschen gleich viel wert sind und dass ihre gesellschaftliche Machstellung lediglich das Resultat von historischen Gegebenheiten, nicht von göttlicher Vorsehung ist. Montmarquet entwickelt zur Beantwortung seiner Frage eine Theorie darüber, unter welchen Umständen eine Überzeugung gerechtfertigt ist, die auf den Begriff der intellektuellen Sorgfalt (conscientiousness) als oberster Charaktertugend aufbaut.

4. Schluss

Das Verdienst der TE ist es, die Person ins Zentrum der Erkenntnistheorie gerückt zu haben. Dieser Neuorientierung ist eine thematische Öffnung der Erkenntnistheorie in den letzten Jahrzehnten gefolgt, die sicher auch durch die Entwicklungen in der Debatte um die Integration des Tugendbegriffs in die Erkenntnistheorie beeinflusst wurde. Eine besonders spannende Entwicklung ist in diesem Zusammenhang die soziale Erkenntnistheorie, für deren Forschungsfeld ein Fokus auf intellektuell zuträglichen und abträglichen Charakterzügen von Menschen besonders geeignet erscheint – geht es dort doch unter anderem um die Frage, wie Wissen in Gemeinschaft entsteht und weitergegeben wird. Intellektuell tugendhafte Menschen scheinen für den Erfolg dieses Unternehmens eine nicht zu unterschätzende Rolle zu spielen.

 

Darüber hinaus versprechen unterschiedliche Versionen der Tugendverantwortungstheorie eine wirklich regulative Erkenntnistheorie möglich zu machen, eine Erkenntnistheorie, die in unserem intellektuellen Leben tatsächlich anwendbar ist, indem sie intellektuelle Vorbilder entwirft, an die man sich in schwierigen Entscheidungssituationen halten kann. Nicht zuletzt gilt die Tugendverlässlichkeitstheorie heute vielen als die ernstzunehmende Kandidatin dafür, die richtige Analyse des Wissens zu sein. Auch in diesem Zusammenhang haben die Debatten in der Erkenntnistheorie von einem Bezug auf intellektuelle Tugenden profitiert. Ob und inwiefern die einzelnen Theorien innerhalb der TE wirklich halten können, was sie versprechen, ist eine Frage, die in der zeitgenössischen Erkenntnistheorie sicher noch eine ganze Weile fruchtbar diskutiert werden wird.

5. Verwendete Literatur

·        Axtell, G.: “Recent Work in Virtue Epistemology”, American Philosophical Quartely 34 (1) (1997), 410-430.
Ein Überblicksartikel über die frühen Veröffentlichungen in der Tugenderkenntnistheorie.

·       Baehr, J.: The Inquiring Mind. On Intellectual Virtues and Virtue Epistemology, Oxford, University Press 2011.
Eine Verteidigung der Tugendverantwortungstheorie als autonome Theorierichtung. Das Buch enthält einen lesenswerten Appendix zum Verhältnis der hier dargestellten zwei Formen der TE.

·       Code, L.: Epistemic Responsibility, Hanover, NH, University Press of New England 1987.
Die erste Monographie zur Tugendverantwortungstheorie. Code gilt auch als Vorläuferin der sozialen und feministischen Erkenntnistheorie, die beide in diesem Werk eine Rolle spielen.

·       Driver, J.: „Moral and Epistemic Virtue“, in: Axtell, G.: Knowledge Belief, and Character: Readings in Virtue Epistemology, Lanham: Rowman and Littlefield 2000, 123-134.
Eine Verteidigung einer Definition von Charaktertugend, derzufolge diese Eigenschaften lediglich über ihre Wahrheitszuträglichkeit, nicht über eine Komponente der intrinsischen Motivation, definiert sind.

·       Goldman, A.: “Epistemic Folkways and Scientific Epistemology”, in: Goldman, A.: Liaisons: Philosophy Meets the Cognitive and Social Sciences, Cambridge, MA, MIT Press 1992.
Eine Monographie zur Tugendverlässlichkeitstheorie, die speziellen Fokus auf die Rolle intellektueller Tugenden in einer sozialen Erkenntnistheorie legt.

·       Greco, J.: Achieving Knowledge. A Virtue-Theoretic Account of Epistemic Normativity, Cambridge, University Press 2010.
Eine von wenigen Darstellungen und Verteidigungen einer Tugendverlässlichkeitstheorie in Buchform.

·       Hookway, C.: “Cognitive Virtues and Epistemic Evaluations”, International Journal of Philosophical Studies 2 (2) (1994), 211-227.
Ein Artikel zur Tugendverantwortungstheorie, der die Wichtigkeit einer Untersuchung des intellektuellen Lebens von Personen und der Rolle wissenschaftlicher Untersuchung betont.

·       Kvanig, J.: The intellectual Virtues and the Life of the Mind, Savage, MD, Rowman and Littlefield 1992.
Beides, ein streitbarer Angriff auf die Tugendverlässlichkeitstheorie und die Entwicklung einer alternativen, autonomen Tugendverantwortungstheorie.

·       Montmarquet, J.: Epistemic Virtue and Doxastic Responsibility, Lanham, MD, Rowman and Littlefield 1993.
Eine frühe Monographie zur Tugendverantwortungstheorie. Ein wichtiger Text auch in der Debatte um die Frage, inwiefern man sich überhaupt entscheiden kann, von etwas überzeugt zu sein (voluntariness of belief, doxastic voluntarism).

·        Riggs, W.: “Reliability and the Value of Knowledge”, Philosophy and Phenomenological Research 64 (1) (2002), 79-96.
Ein Artikel, der einen Vergleich zwischen der (Tugend-)Verlässlichkeitstheorie und der generischen oder einfachen Verlässlichkeitstheorie des Wissens anstellt.

·        Roberts, R.; Wood, J.Y.: Intellectual Virtues. An Essay in Regulative Epistemology, Oxford, University Press 2007.
Enthält Analysen einzelner Charaktertugenden und versteht sich selbst als Beitrag zu einer regulativen, in alltäglichen Leben anwendbaren Erkenntnistheorie.

·        Sosa, E.: A Virtue Epistemology. Apt Belief and Reflective Knowledge, Bd.1, Oxford, University Press 2007.
Der erste Band einer Darstellung und Verteidig einer speziellen Version der Tugendverlässlichkeitstheorie, des so genannten Tugendperspektivismus.

·        Sosa, E.: Knowledge in Perspective. Cambridge, UK, University Press 1991.
Die erste Monographie zur Tugendverlässlichkeitstheorie.

·        Sosa, E.: Reflective Knowledge. Apt Belief and Reflective Knowledge, Bd.2, Oxford, University Press 2009.
Der zweite Band einer Darstellung und Verteidig einer besonderen Form der Tugendverlässlichkeitstheorie, des so genannten Tugendperspektivismus.

·        Zagzebski, L.: “What is Knowledge”, in: Greco, J.; Sosa, E. (Hg.): The Blackwell Guide to Epistemology, Oxford, Blackwell 1999.
Der einflussreichste Entwurf einer verantwortungstheoretischen Analyse von Wissen.

·        Zagzebski, L.: Virtues of the Mind, Cambridge, UK, University Press 1996.
Eine einflussreiche Monographie zu einer verantwortungstheoretischen Wissensanalyse.

·        Zagzebski, L.: “Knowledge and the Motive for Truth”, in: Steup, M.; Turri, J.; Sosa, E. (Hgg.): Contemporary Debates in Epistemology, 2nd Edition, Malden (MA)/Oxford, Wiley-Blackwell 2013.

6. Weiterführende Literatur: Sammelbände zur TE

·        Axtell, G.: Knowledge Belief, and Character: Readings in Virtue Epistemology, Lanham: Rowman and Littlefield 2000.

·        DePaul, M; Zagzebski, L.: Intellectual Virtue: Perspectives from Ethics and Epistemology, Oxford, University Press 2003.

·        Fairweather, A; Zagzebski, L.: Virtue Epistemology, Essays on Epistemic Virtue and Responsibility, Oxford, University Press 2001.

·        Greco, J.; Turri, J.: Virtue Epistemology: Contemporary Readings, Cambridge (MA): MIT Press 2012.

7. Materialien

Ein gut gemachtes Video über die wichtigsten Grundideen der Tugenderkenntnistheorie auf Englisch.

http://janusblog.squarespace.com/
Der Janus-Blog, das größte englischsprachige Forum zur TE.

http://plato.stanford.edu/entries/epistemology-virtue/
Der Eintrag zur Tugenderkenntnistheorie auf der Stanford Encyclopedia of PHilosophy. Von einem Hauptvertreter der TE geschrieben, gibt dieser Artikel einen guten, wenn auch recht voraussetzungsreichen Einblick in die Grundlagen der TE.

http://philpapers.org/rec/KINWPH
Ein Überblicksartikel in deutscher Sprache über die neuere Literatur zur Tugenderkenntnistheorie. Allerdings leider nur kostenfrei mit Universitätsbibliothekszugang!

Gastbeitrag von: Steven Kindley

Stand: 2017

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