Rechtfertigung

Eine Rechtfertigung ist ein guter Grund für die Wahrheit einer Überzeugung.

Dabei gilt:

Laut dem Internalismus ist ein guter Grund für eine Überzeugung U ein  mentaler Zustand M, für den idR gilt: U ist (wahrscheinlich) wahr, falls M wahr ist.

Laut dem Externalismus ist ein guter Grund für eine Überzeugung U ein Sachverhalt S, für den gilt: U ist (wahrscheinlich) wahr, falls S der Fall ist.

Das heißt: Bei einer Rechtfertigung handelt es sich generell um eine Beziehung zwischen etwas, das rechtfertigt und etwas, das gerechtfertigt wird.

Diese Beziehung zwischen Rechtfertiger R und Gerechtfertigtem G ist:

(i) normativ: Denn wenn wir sagen, dass R G rechtfertigt, treffen wir eine Aussage darüber, wie ein guter Grund für die Wahrheit von G aussehen sollte. 

(ii) graduell. Denn R kann die Wahrheit von G notwendig (wahrheits-garantierend) oder auch nur wahrscheinlich (wahrheitsförderlich) machen.

1. Rechtfertigungstheorien

a. Klassische Rechtfertigungsstrategien

Nach den klassischen Strategien sind Überzeugungen nicht nur das Gerechtfertigte G, sondern auch das zu Rechtfertigende R in jeder Rechtfertigung.

Problem 1: Auch z.B. Wahrnehmungen können Überzeugungen rechtfertigen.

Problem 2: S könnte in der Überzeugung, dass p, also nur gerechtfertigt sein, wenn er mindestens eine weitere Überzeugung q besitzt, die die Überzeugung, dass p, (wahrscheinlich) wahr macht. Die Überzeugung q braucht dann aber auch wieder eine Überzeugung r, die q rechtfertigt etc. pp. Wenn also Überzeugungen immer durch Überzeugungen gerechtfertigt werden, droht ein Agrippa-Trillema:

A. Dogma: Mindestens eine Überzeugung ist selbstrechtfertigend.

B. Zirkel: Mindestens eine Überzeugung rechtfertigt eine Überzeugung, durch die sie zuvor selbst gerechtfertigt wurde.

C. Regress: Jede Überzeugung Un kann immer nur durch eine weitere Überzeugung Un+1 gerechtfertigt und damit niemals letztbegründet werden.

Die klassischen Strategien wählen die (sicher unbefriedigende) Strategie C.

b. Erkenntnistheoretischer Fundamentalismus

Der erkenntnistheoretische Fundamentalismus verfolgt die Strategie A. Das heißt er nimmt an, dass es neben den gewöhnlichen Überzeugungen, die nur durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden können, auch selbst-rechtfertigende Basisüberzeugungen gibt, die ihre eigene Wahrheit garantieren.  

Ausssichtsreiche Kanditaten für solche "Basisüberzeugungen" sind v.a.:

1. evidente Überzeugungen: a priori ("2+2=4"), analytisch ("Alle Junggesellen sind unverheiratet") und notwendig ("Ich existiere") wahre Überzeugungen.

2. unkorrigierbare Überzeugungen: Überzeugungen bzgl. Wahrnehmungen ("Ich sehe einen Laptop vor mir").

FazitEs gibt wirklich Überzeugungen, die ihre eigene Wahrheit garantieren.

Denn: Für U "Ich existiere" gilt bspw.: Wenn S glaubt, dass U, dann U, und zwar  egal, ob S sich in einem skeptischen Szenario befindet oder nicht!

Problem: Aus diesen Basisüberzeugungen lassen sich nur sehr wenige weitere Überzeugungen deduzieren. Nach dem (infallibilistischen) Fundamentalismus wären also unsere allermeisten Überzeugungen ungerechtfertigt.

c. Erkenntnistheoretischer Kohärentismus

Der erkenntnistheoretische Kohärentismus erlaubt die Strategie B. Das heißt er nimmt an, dass eine Überzeugung gerechtfertigt ist, wenn sie Teil von einem maximal kohärenten Systems von Überzeugungen ist. Das schließt nicht aus, dass einige Überzeugungen in diesem System sich gegenseitig rechtfertigen.

Verbreitete Definitionen von "Kohärenz" sind u.a.:

1. "Konsistenz": Ein System von Überzeugungen ist (maximal) kohärent, gdw. es keine Widersprüche enthält.

Aber: Aus der Logik weiß man, dass es beliebig viele konsistente Mengen von Überzeugungen gibt, die nach 1. alle gleichermaßen gerechtfertigt sein müssten.

2. "Abduktion": Ein System von Überzeugungen ist kohärent, gdw. es nur Überzeugungen enthält, die entweder die beste Erklärung anderer systeminterner Überzeugungen sind oder durch Aussagen der ersten Art erklärt werden.

Dementsprechend: Ein System ist maximal kohärent, wenn in ihm so viel wie möglich erklärt wird und nur so viel wie nötig unerklärt bleibt.

Probleme:

A. Das Problem gleichwertiger und inkompatibler maximal kohärenter Überzeugungssysteme. Auch nach der zweiten Definition wird es immer noch (beliebig) viele alternative Überzeugungssysteme geben, die genauso kohärent   und deshalb nach dem Kohärentismus auch (genauso!) gerechtfertigt sind.

B. Das Problem des fehlenden Weltbezugs. Gemäß dem Kohärentismus werden empirische Überzeugungen allein durch ihre Beziehungen zu einem System von Überzeugungen gerechtfertigt. Ein solches in sich geschlossenes System von Überzeugungen kann nichts mit der Welt zu tun haben und trotzdem maximal kohärent sein. Denn es hängt an keiner Stelle von Wahrnehmungs-überzeugungen ab und kann daher auch kein empirisches Wissen konstituieren.

C. Das Problem des Zusammenhangs von Kohärenz und Wahrheit. Nach den klassischen Strategien ist Rechtfertigung wahrheitsförderlich. Kohärenz ist aber nicht wahrheitsförderlich. Ein Märchen oder eine Religion können z.B. können kohärent sein, das macht sie aber nicht wahrscheinlich wahr.

d. Erkenntnistheoretischer Kontextualismus

Der erkenntnistheoretische Kontextualismus besagt, dass die Bedeutung und in Folge auch die Wahrheits-, Wissens und Rechtfertigungsbedingungen  einiger Überzeugungen vom jeweiligen Äußerungskontext K abhängig sind.

Er unterscheidet dabei zwei Arten von Sätzen:

1. kontextinvariante Sätze haben kontextunabhängige Wahrheitsbedingungen.

Beispiel 1: "2+2 = 4" ist in jedem Äußerungskontext K wahr, gdw. 2+2 = 4.

1. kontextvariante Sätze haben kontextabhängige Wahrheitsbedingungen.

Beispiel 2"Frankreich ist sechseckig" ist wahr, gdw. Frankreich nach den in K akzeptierten Präzisionsstandards sechseckig ist. Das heißt: Im Alltagskontext K geäußert ist S3 wahr. Im Kontext K* – auf der Jahrestagung der Gesellschaft für exakte Formen – geäußert ist S3 sicherlich unwahr.

Folge 1: Bedeutung und i.F. Wahrheit, Wissen und Rechtfertigung sind flüchtig:

t0 Sprecher A: "Ich weiß, dass die Erde um die Sonne kreist"
t1 Sprecher B: "Kannst du ausschließen, dass du ein Gehirn im Tank bist?"

Die Aussage von Sprecher A ist zu t0 im Alltagskontext K gerechtfertigt. 

Sprecher B schafft einen skeptizistischen Kontext K, in dem höhere epistemische Standards gelten und in dem die Aussage von A nicht mehr gerechtfertigt ist.

Folge 2: Skeptizistische Alternativen können kontextabhängig zurückgewiesen werden.

Sprecher A kann mit Fug und Recht behaupten, dass seine Aussage im Alltagskontext K gerechtfertigt ist. Skeptizistische Alternative zeigen also nicht, dass unsere Überzeugungen per se ungerechtfertigt sind oder kein Wissen darstellen. Sie zeigen nur, dass unsere Überzeugungen nach  gewissheitserfodernden Standards kein Wissen darstellen.

Stand: 2019

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