Erkenntnistheoretischer Kontextualismus

Der erkenntnistheoretische Kontextualismus besagt, dass die Bedeutung und in Folge auch die Rechtfertigungsbedingungen und der Wahrheitswert von einigen Propositionen vom jeweiligen Äußerungskontext abhängig sind.

Frankreich ist nach Alltagsstandards sechseckig
Frankreich ist nach Alltagsstandards sechseckig

1. Kontextinvariante und Kontextabhängige Sätze

a. Ein kontextinvarianter Satz S1 hat einen vom Äußerungskontext unabhängigen Wahrheitswert. Das heißt: Alle Äußerungen von S1 in jedem möglichen Kontext K haben genau dieselben Wahrheitsbedingungen.

Beispiel 1: "Paris war 1998 die Hauptstadt von Frankreich", geäußert in K, ist wahr gdw. Paris 1998 die Hauptstadt von Frankreich war. Die Wahrheitsbedingung von S1 gilt also unabhängig von Aspekten des Äußerungskontextes.

b. Ein kontextabhängiger Satz S2 hat keinen vom Äußerungskontext unabhängigen Wahrheitswert. Das heißt: Die Wahrheitsbedingungen von S2 variieren mit dem jeweiligen Äußerungskontext K.

Beispiel 2: "Heute ist Donnerstag", geäußert in K, ist wahr gdw. der Tag, an dem K geäußert wird, ein Donnerstag ist. Die Wahrheitsbedingung von S2 ist also abhängig von Aspekten des jeweiligen Äußerungskontextes.

Beispiel 3: "Frankreich ist sechseckig", geäußert in K, ist wahr gdw. Frankreich nach den in K akzeptierten Präzisionsstandards sechseckig ist. Das heißt: Im Alltagskontext K geäußert ist S3 wahr. Im Kontext K* – auf der Jahrestagung der Gesellschaft für exakte Formen – geäußert ist S3 sicherlich unwahr.

Aber: Die Form Frankreichs hat sich zwischen K und K* nicht verändert! Die Umstände in der Welt sind genau dieselben. Was zwischen K und K* variiert, sind die Präzisionsstandards und damit die Bedeutung von "ist sechseckig". D.h. die Äußerung von S3 in K hat einen anderen semantischen Inhalt und damit andere Rechtfertigungs- und Wahrheitsbedingungen als die Äußerung von S3 in K*.

Daraus folgt: Wenn Bedeutung und Wahrheit kontextabhängig sind, dann ist auch Wissen kontextabhängig. Beispiel: Ist S4: "Kurt weiß, dass die Tiere im Gehege Zebras sind", geäußert in K, wahr? Das hängt davon ab, ob Kurts Evidenz alle Alternativen ausschließt, die nach den in K gültigen konversationalen Standards relevant sind. Wird S4 im Alltagskontext K geäußert, so ist S4 wahr. Denn Kurts Evidenz schließt alle nach Alltagsmaßstäben relevante Alternativen aus, z.B. dass im Gehege Shetlandponys, Tiger, Schildkröten oder Teppichpythons sind. Im Skeptikerkontext K* ist S4 aber falsch. Denn Kurts Evidenz schließt einige der in K* relevanten skeptischen Alternativen nicht aus, z.B. die Alternative, dass im Gehege geschickt als Zebras getarnte Maultiere sind.

2. Konsequenzen

2.1. Wissen-dass als dreistellige Relation

Gemäß dem Kontextualismus können die folgenden Äußerungen beide wahr sein:

· Sprecher A in K: "Kurt weiß, dass die Tiere im Gehege Zebras sind."
· Sprecher B in K*: "Kurt weiß nicht, dass die Tiere im Gehege Zebras sind."

Denn die Sprecher sagen Verschiedenes:

· A sagt, dass Kurt nach Alltagsstandards K etwas weiß.
· B sagt, dass Kurt nach gewissheiterfordernden Standards K* etwas nicht weiß.

Daraus folgt: Propositionales Wissen ist eine dreistellige Relation zwischen Denker S, Proposition P und Kontexstandard K.

2.2. Flüchtigkeit

t0 Sprecher A: "Das Meer ist eben."
t1 Sprecher B: "Wohl kaum. Ein Billardtisch, der ist eben."

B erzeugt einen neuen Kontext, in dem es falsch wäre zu behaupten, dass das Meer eben sei. Er tut dies allein dadurch, dass er ein Beispiel erwähnt, das strikteren Standards genügt.

t0 Sprecher A: "Ich weiß, dass die Erde um die Sonne kreist"
t1 Sprecher B: "Kannst du ausschließen, dass du ein Gehirn im Tank bist?"

B erzeugt wieder einen neuen Kontext, in dem es falsch wäre zu behaupten, A wisse, dass die Erde um die Sonne kreist. Er tut dies schlicht dadurch, dass er das außenweltskeptische Szenario erwähnt, wodurch er striktere Standards setzt.

David Lewis: Wahrheits- und Wissenszuschreibungen stehen unter einem Vorbehalt, für den gilt: Sobald ihn jemand erwähnt, wird die Wahrheits- bzw. Wissenszuschreibung falsch. Wahrheit bzw. Wissen sind daher nur flüchtlig.

„S knows that p if S’s evidence eliminates every possibility in which not‐p

– Psst! – except for those possibilities that we are properly ignoring”

- David Lewis: Elusive Knowledge, S. 566

3. Argumente für den Kontextualismus

3.1. Das Alltagsargument

Der Kontextualismus entspricht unserer alltäglichen Praxis der Wissenszuschreibung. Wenn A in einem Philosophieseminar sagt, dass er nicht weiß, dass der Professor wirklich vor ihm sitzt, legt er einen gewisssheits-erfordernden Wissensstandard an. Wenn A danach der Putzfrau sagt, sie solle nicht abschließen, da der Professor noch im Raum sitzt, hat sich die Evidenz von A nicht verändert. Was sich verändert hat, ist der Äußerungskontext K.

„It is an essential characteristic of our concept of knowledge that tighter criteria are appropriate in different contexts. It is one thing in a street encounter, another in a classroom, another in a law court – and who is to say it cannot be another in a philosophical discussion? And this is directly mirrored by the fact that we have different standards for judging that there is some reason to think an alternative is true, i.e. relevant.”(Gail Stine 1976, 149)

3.1. Das antiskeptizistische Argument

Der Kontextualismus ermöglich eine kontextabhängige Zurückweisung der skeptizistischen Alternative A: Denn die skeptizistische Alternative zeigt nicht, dass unsere Überzeugungen über die Welt per se kein Wissen darstellen.  "Kurt weiß, dass die Tiere im Gehege Zebras sind" ist beispielsweise nach Alltagsstandards K wahr. Nach gewissheitserfordernden Standards ist dieser Satz aber falsch. Die skeptizistische Alternative zeigt nur, dass unsere Überzeugungen über die Welt nach gewissheits-erfodernden Standards kein Wissen darstellen.  D.h. es gilt: Der Skeptiker hat Recht, aber trotzdem haben wir Wissen von der Welt. Es kommt darauf an, welche Standards man anlegt.

„In this context – under normal circumstances, in zoos of integrity, etc. – that an animal on display has been deliberately disguised to fool trusting zoo‐ goers is just not a relevant hypothesis, one that I need trouble myself about rejecting”

(Stine 1976, 148)

4. Einwände gegen den Kontextualismus

4.1. Der Widerspruchseinwand

Wenn Kurt im Alltagskontext K und Karl im gewissheitserfordernden Kontext K* steht, dann sagt Kurt etwas Wahres, wenn er äußert:

(S) "Wenn Kurt äußert: "Ich weiß, dass die Tiere im Gehege Zebras sind", sagt er etwas Wahres. Aber Kurt weiß nicht, dass die Tiere im Gehege Zebras sind."

Aber ist das nicht ein Widerspruch? Ich denke nicht. (S) ist genauso wenig ein Widerspruch wie (S*):

(S*) "Wenn Kurt nach Alltagsstandards K äußert "Frankreich ist sechseckig", sagt er etwas Wahres. Aber nach Gewissheitsheitsstandards K* ist Frankreich gar nicht sechseckig."

Die Verwirrung in S und S* besteht nicht durch eine innere Inkonsistenz, sondern in dem Umstand, dass in einem Satz zwischen zwei Kontextstandards gewechselt wird. Und genau diese Verwirrung löst der Kontextualismus auf!

4.2. Der Priorisierungseinwand

Dieser Einwand besagt: Der Kontextualismus liefert keine Antwort auf die Frage, welche Standards tatsächlich zählen und welche Evidenz diese erfüllt.

Aber: Unsere epistemischen Standards variieren nun einmal von Kontext zu Kontext. Ein Hobbyastronom, ein Physikprofessor und ein Wissenschaftsphilosoph haben und sollten auch allesamt eine unterschiedliche Wahrheitsbedingung für den Satz: "Ich weiß, dass die Erde den Mond anzieht" besitzen.

"Wenn jemand ernsthaft, nicht nur im philosophischem Oberseminar, sondern ernsthaft behauptet, dass der Tisch vor ihm nicht existiert, dann hat er kein philosophisches, sondern ein psychologisches Problem."

- Julian Nida-Rümelin

Stand: 2019

Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Donnerstag, 03 Januar 2019 04:40)

    Das ist keine kontextualistische Auffassung: "Ich weiß, dass p. Denn ich kann alle Alternativen ausschließen – wenn man von den skeptischen Alternativen mal absieht." Aber diese: "Ich weiß, dass p. Denn bisher konnte mir keiner zeigen, weshalb nicht-p".

  • #1

    WissensWert (Montag, 04 Juni 2018 05:36)

    Im Kontext wenn semantische Externalismus als wahr vorausgesetzt wird ist der Außenweltskeptizismus falsch. Aber unter Gewissheitsvoraussetzungen können wir auch nicht wissen, ob es eine Außenwelt gibt oder der semantische Externalismus wahr ist oder wahr sein kann.


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