Erkenntnistheoretischer Fundamentalismus

Der Erkenntnistheoretische Fundamentalismus (auch: Fundamentismus; vom engl. Foundationalism) ist eine epistemologische Theorie, der zufolge es sogenannte Basisüberzeugungen gibt, die unmittelbar gerechtfertigt sind.

Roderick Chisholm, einer der moderneren Vertreter des Erkenntnistheoretischen Fundamentalismus.
Roderick Chisholm, einer der moderneren Vertreter des Erkenntnistheoretischen Fundamentalismus.

1. Rechtfertigung

Was bedeutet es, eine Rechtfertigung für eine Überzeugung p zu haben?

" [¼] a belief’s being justified implies the probability of its truth (...). [S]urely this implication of the probability of truth is an essential part of what makes it desirable and important that our beliefs be justified. If this implication is lacking why should we care whether our beliefs are justified? After all, the basic aim of cognition is to believe what is true and to avoid believing what is false.“
- William Alston, in: Routledge Encyclopedia of Philosophy.

Das heißt: Damit ein Subjekt S gerechtfertigt ist zu glauben, dass p, müssen seine rechtfertigenden Gründe wahrheitsförderlich (truthconducive) sein, d.h. sie müssen die Wahrheit der Überzeugung p zumindest wahrscheinlich machen.

Beispiel Uwe: Ich frage meinen Freund Uwe: "Warum glaubst Du, dass der HSV gewonnen hat?" und er antwortet: "Weil Hans es mir gesagt hat." Ist diese Antwort befriedigend? Für sich genommen nicht; vielleicht aber zusammen mit der weiteren Antwort: "Und weil Hans sich in diesen Dingen auskennt und ehrlich ist." Wenn also: (i) "Hans sagt, dass der HSV gewonnen hat" und wenn (ii) "Hans ist fachkundig" und (iii) "Hans ist ehrlich", dann hat Uwe gute Gründe für seine Überzeugung, dass der HSV gewonnen hat. Denn wenn die Bedingungen (i) bis (iii) der Fall sind, dann ist es (wahrscheinlich) wahr, dass der HSV gewonnen hat.

Also: Eine Überzeugung, dass q, ist ein guter Grund bzw. eine Rechtfertigung für die Überzeugung, dass p, gdw. p (wahrscheinlich) wahr ist, falls q wahr ist.

Daraus folgt:

1. S ist gerechtfertigt zu glauben, dass p, wenn gilt: S hat mindestens eine weitere Überzeugung q, die die Überzeugung, dass p, wahrscheinlich wahr macht.

Die Überzeugung q braucht dann aber wieder eine weitere Überzeugung r, die q wahrscheinlich wahr macht usw. usf. Wenn also Überzeugungen immer durch Überzeugungen gestützt werden, droht ein infiniter Rechtfertigungsregress.

Beispiel Uwe: Die Überzeugungen (i) bis (iii) rechtfertigen die Überzeugung, dass der HSV gewonnen hat. Woher aber will Uwe bspw. wissen, dass (iii) "Hans ist ehrlich"? Die Überzeugung (iii) braucht offensichtlich eine weitere Überzeugung wie bspw. (iv) "Hans hat mich noch nie angelogen", die (iii) stützt. Woher aber will Uwe bspw. wissen, dass er sich auf sein Gedächtnis verlassen kann? Offenbar braucht (iv) eine Überzeugung (v), die (iv) stützt, usw. usf.

Also: Eine Überzeugung q, kann eine Überzeugung p nur dann rechtfertigen, wenn sie selbst wiederum gerechtfertigt ist. Daraus folgt:

2. S ist gerechtfertigt zu glauben, dass p, genau dann wenn gilt: (i) S hat  mindestens eine weitere Überzeugung q, die die Überzeugung, dass p, stützt.  (ii) Die weitere Überzeugung q ist selbst gerechtfertigt.

Das heißt: Die Überzeugung, dass p, ist gerechtfertigt, genau dann wenn sie auf guten Gründen p1, ..., pn beruht. Aber nur, wenn diese Überzeugungen ihrerseits auf guten Gründen beruhen, und diese wieder, und diese wieder, usw, usf.

2. Das Agrippa‐Trilemma

Wenn man dieser Begriffsanalyse folgt, entsteht das Bild eines Rechtfertigungsbaumes, bei dem jeder Überzeugungsast Rn durch einen anderen Überzeugungsast Rn+1 gerechtfertigt ist. Es bleiben drei Möglichkeiten:

A. Dogma: Mindestens ein Ast endet mit einer Basisüberzeugung, die selbst nicht durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden muss.

B. Zirkel: Mindestens ein Ast Rn+1 wird durch einen vorangegangenen Ast Rn gerechtfertigt, er hat die Form einer Rechtfertigungsschleife.

C. Regress: Mindestens ein Ast setzt sich im unendlichen Regress fort.

Siehe auch: Münchhausen-Trilemma.

Der erkenntnistheoretische Fundamentalismus verfolgt die Strategie A. Das heißt er nimmt an, dass es neben den gewöhnlichen Überzeugungen, die nur durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden können, auch Basisüberzeugungen gibt, die ihre Rechtfertigung in sich selbst tragen.

3. Der erkenntnistheoretische Fundamentalismus

Der erkenntnistheoretische Fundamentalismus kennt drei Grundthesen:

(1) Es gibt unmittelbare und mittelbare gerechtfertigte Überzeugungen.

(2) Nicht unmittelbar gerechtfertigte Überzeugungen Rn müssen in einem Rechtfertigungsbaum durch einen weiteren Ast Rn+1 gerechtfertigt werden, der in einer unmittelbar gerechtfertigten Überzeugung endet.

(3) Unmittelbar gerechtfertigte Überzeugungen müssen nicht durch andere Überzeugungen gerechtfertigt werden, sie rechtfertigen sich selbst.

Der Fundamentalist muss also folgende Fragen beantworten:

  • Was sind unmittelbar gerechtfertigte Überzeugungen?
  • Welche Überzeugungen sind unmittelbar gerechtfertigt?

3.1. Der infallibilistische Fundamentalismus

Der Infallibilismus besagt, dass jemand in einer Überzeugung, dass p, nur dann gerechtfertigt sein kann, wenn p wahr ist. Das heißt Rechtfertigungen müssen nicht nur wahrheitsförderlich, sondern sogar wahrheitsgarantierend sein.

Dies gelte für mittelbar und unmittelbar gerechtfertigte Überzeugungen.

Weiter vertritt ein Infallibilist zwei Thesen:

These 1: Eine Überzeugung ist gerechtfertigt, gdw. sie unmittelbar gerechtfertigt ist oder sie aus unmittelbar gerechtfertigten Überzeugungen wahrheitsgarantierend deduziert werden kann.

These 2: Eine Überzeugung ist unmittelbar gerechtfertigt, wenn sie ihre eigene Wahrheit garantiert. 

Es gibt zwei Arten von Überzeugungen, die als unmittelbar gerechtfertigt gelten:

a. evidente Überzeugungen

b. unkorrigierbare Überzeugungen

a. evidente Überzeugungen

Laut René Descartes sind evidente Überzeugungen dadurch charakterisiert, dass ihre Wahrheit sofort, mühelos und ohne irgendeinen Restzweifel erkannt werden können, wenn der reine und aufmerksame Geist sie betrachtet:

„Unter Intuition verstehe ich nicht das schwankende Zeugnis der Sinne oder das trügerische Urteil der verkehrt verbindenden Einbildungskraft, sondern ein so müheloses und deutliches Begreifen des reinen und aufmerksamen Geistes, dass über das, was wir erkennen, keinerlei Zweifel zurückbleibt, oder, was dasselbe ist: eines reinen und aufmerksamen Geistes unbezweifelbares Begreifen, welches allein dem Licht der Vernunft entspringt und das, weil einfacher, sogar zuverlässiger ist als die Deduktion“
- René Descartes: Regeln zur Leitung des Geistes (Regel 3, 5)

Heiße Anwärter auf den Status evidendeter Aussagen sind:

1. A priori wahre Aussagen, deren Wahrheit sich durch reines Nachdenken logisch ergibt.

Beispiel 1"Hans ist 1,80m groß oder Hans ist nicht 1,80m groß." (A « ØØA).

Analytisch wahre Aussagen, deren Wahrheit sich allein aus den Bedeutungen ihrer Wörter erschließt, könnten ebenfalls evidente Aussagen darstellen.

Beispiel 2: "Alle Junggesellen sind unverheiratet."

Descartes’ selbst nannte die folgenden Beispiele für nach ihm evidente Aussagen:

1. Ich denke.
2. Ich existiere.
3. Jedes Dreieck wird von drei Linien begrenzt.
4. Jede Kugel wird von einer einzigen Oberfläche begrenzt.
5. Jede Ursache muss mindestens so viel Realität haben wie die Wirkung.

Bekannt wurde vor allem sein erstes Beispiel für evidente Aussagen:

6. Ich denke, also existiere ich.

“Aber ich habe in mir die Annahme gefestigt, es gebe gar nichts in der Welt, keinen Himmel, keine Erde, keine Geister, keine Körper: also bin doch auch ich nicht da? Nein, ganz gewiss war ich da, wenn ich mich von etwas überzeugt habe. (...) [Und mag mich auch ein allmächtiger Betrüger] täuschen, soviel er kann, er wird doch nie bewirken können, dass ich nicht sei, solange ich denke, ich sei etwas. Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muss ich schließlich festhalten, dass der Satz, Ich bin, ich existiere, sooft ich ihn ausspreche oder im Geiste auffasse, notwendig wahr sei.”
- René Descartes, 2. Meditation

Der Gedanke "Ich" muss sich stets auf ein Subjekt beziehen, um gedacht werden zu können. Deshalb ist der Satz "Ich denke, also existiere ich" notwendig wahr.

Daraus folgt:

1. Wenn jemand denkt "Ich denke", ist das notwendigerweise wahr  Denn die Bedeutung von "Ich" garantiert, dass der Gedanke "Ich" auf den Denker dieses Gedankens referiert. Und das Vorkommnis des Gedankens garantiert, dass der Denker auch tatsächlich existiert.

2. Wenn jemand denkt "Ich existiere", ist das notwendigerweise wahr.

Also: "Ich denke" und "Ich existiere" sind evidente Überzeugungen.

b. unkorrigierbare Überzeugungen

Für Infallibilisten sind unkorrigierbare Überzeugungen dadurch charakterisiert, dass sie ihre eigene Wahrheit garantieren.

Eine mögliche Definition (siehe Keith Lehrer):

Die Überzeugung, dass p, ist unkorrigierbar, wenn gilt:

(i) Wenn S glaubt, dass p, dann ist p wahr.

(ii) wenn p wahr ist, glaubt S, dass p.

D.h.: P ist unkorrigierbar, wenn gilt: p ist wahr, gdw. S glaubt, dass p.

Heiße Anwärter auf den Status unkorrigierbarer Überzeugungen sind:

1. Wahrnehmungsüberzeugungen:

1a. aufgrund von Wahrnehmungen sind nicht unkorrigierbar. Denn wenn ich die Wahrnehmungsüberzeugung "vor mir steht ein Laptop" habe, weil ich vor mir einen Laptop wahrnehme, könnte diese Überzeugung unwahr sein, wenn ich bspw. ein Gehirn im Tank bin oder ein cartesianischer Dämon mich täuscht.

1b. in Bezug auf Wahrnehmungen sind unkorrigierbar. Denn wenn ich vor mir einen Laptop sehe, und deshalb die Wahrnehmungsüberzeugung habe "ich sehe vor mir mir einen Laptop", dann ist diese Überzeugung wahr, selbst wenn ich bspw. ein Gehirn im Tank bin oder ein cartesianischer Dämon mich täuscht.

Warum sind Wahrnehmungsüberzeugungen in Bezug auf Wahrnehmungen  unkorrigierbar? Weil gilt: Genau dann wenn S glaubt, dass p, dann p - und zwar egal, ob S sich in einem skeptischen Szenario befindet oder nicht.

Lässt sich an dieser Analyse noch irgendwie zweifeln?

Der Philosoph John L. Pollock schreibt:

“(...) suppose you have a clock that, upon the hour, both strikes and flashes a red light. Suppose the clock and its light are situated in the lower left corner of your visual field while you are attending closely to something in the center of your visual field (e.g., a wasp buzzing around your nose). If you hear the clock strike you may form the belief that the red light is flashing and hence that you are appeared to redly in the lower left corner of your visual field, but you may not attend to that part of your visual field because you are much too intent upon what the wasp is doing. (...) You believe that you are being appeared to redly without being ‘directly’ aware of it. (...) This sort of example appears to make perfectly good sense and to describe a situation one could actually be in. Furthermore, it is apparent that in a case like this you could be wrong about how you are appeared to. If the clock is broken and the light not flashing, then you may not be appeared to redly at all. It follows that the belief that you are appeared to redly is not incorrigible.”
- John L. Pollock: Contemporary Theories of Knowledge, S. 59f.

Pollock argumentiert: Es ist möglich, dass man zu der Überzeugung kommt, dass man einen bestimmten Wahrnehmungseindruck hat, obwohl dieser Wahrnehmungseindruck gar nicht vorliegt. Denn: Zu einer Wahrnehmungs-überzeugung in Bezug auf Wahrnehmungen kann man aus schlechten Gründen kommen, die nichts mit dem Wahrheitsgehalt dieser Überzeugung zu tun haben.

Gemäß Pollock gibt es also prinzipiell keine unkorrigierbaren Überzeugungen.

Aber: Seine Argumentation richtet sich nur gegen diese Definition:

(A) S ist in seiner Überzeugung, dass p, unmittelbar gerechtfertigt, wenn p unkorrigierbar ist.

Pollocks Argumentation richtet sich nicht (direkt) gegen diese Definition:

(B) S ist in seiner Überzeugung, dass p, unmittelbar gerechtfertigt, wenn S auf dem Weg der Introspektion (direct awareness) zu p gekommen ist.

c. Zwischenfazit

Es existieren also wahrscheinlich sowohl evidente als auch unkorrigierbare – und somit letztendlich unmittelbar-gerechtfertigte Überzeugungen.

Aber: Ein grundsätzliches Problem des infallibilistischen Fundamentalismus ist, dass sich aus unmittelbar-gerechtfertigte nur wenige Überzeugungen deduzieren.

Nach der These 1 des Infallibilismus sind also unsere allermeisten Überzeugungen ungerechtfertigt.

3.2. Der fallibilistische Fundamentalismus

Der Fallibilismus besagt, dass jemand in einer Überzeugung, dass p, auch gerechtfertigt sein kann, wenn p nur wahrscheinlich wahr ist. Das heißt Rechtfertigungen müssen nicht wahrheitsgarantiert, sondern können auch nur wahrheitsförderlich sein.

Der Fallibilist vertritt auch zwei Thesen:

These 1: Eine Überzeugung ist gerechtfertigt, gdw. sie unmittelbar gerechtfertigt ist oder sie aus unmittelbar gerechtfertigten Überzeugungen mindestens wahrheitsförderlich deduziert oder induziert werden kann.

These 2: Eine Überzeugung ist unmittelbar gerechtfertigt, wenn sie eine Eigenschaft E besitzt und Überzeugungen mit der Eigenschaft E im Allgemeinen wahr sind.

Aber:

(1) Lässt sich überhaupt zeigen, dass Überzeugungen mit einer Eigenschaft E (z.B. Wahrnehmungsüberzeugungen) zumindest im Allgemeinen wahr sind? Dagegen sprechen skeptizistische Argumente wie brain in a vat.

(2) Lässt sich zeigen, dass bestimmte Schlüsse /z.B. induktive oder abduktive Schlüsse) gültige Wahrscheinlichkeitsschlüsse sind?

Dagegen sprechen Induktionsprobleme wie Goodmans Paradox.

Nicht wenige Erkenntnistheoretiker verneinen diese oder ähnliche Fragen und wenden sich deshalb einer alternativen Theorie der Rechtfertigung zu:

Siehe auch:

Stand: 2018

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