„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Erkenntnis

Erkenntnis ist ein philosophischer, nicht einvernehmlich konkretisierter Terminus und namensgebend für die Erkenntnistheorie. Strittig ist u.a., ob Erkenntnis den Prozess des Erkennens von X bezeichnet, oder, den Zustand, X erkannt zu haben.

Eins ist man sich indes darin, dass Erkenntnis eine Beziehung zwischen (einem erkennenden) Subjekt und einem (erkannten) Objekt ausdrückt. Man kann Erkenntnis also, in einer allerersten Annäherung, als eine Relationsbenennung zwischen Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt charakterisieren.

Was charakterisiert eine Erkenntnis noch? Hier mein Vorschlag:

1. Erkenntnis ist eine Überzeugung

Erkenntnis lässt sich im Kopf des Erkenntnissubjekts lokalisieren, sie wird erfahren. Somit handelt es sich bei der Erkenntnis um einen mentalen Zustand.
Erkenntnis ist aber nicht irgendein solcher Zustand, wie
Wahrnehmungen, Gefühle
und Wünsche. Sie drückt sich in einer Überzeugung aus. Und Überzeugungen sind etwas Besonderes. Von einer Überzeugung sprechen wir in Bezug auf die Auffassung, dass X der Fall sei. Dabei kann diese Überzeugung entweder wahr oder falsch sein. Man sagt diesbezüglich auch sagen, Überzeugungen besitzen einen Wahrheitswert, was garantiert nicht auf alle mentalen Zustände zutrifft. Das Gefühl des Verliebtseins beispielsweise kann weder wahr noch falsch sein, es ist einfach da. Die Überzeugung, jemand sei verliebt, hat hingegen einen klar definierbaren Wahrheitswert.

2. Erkenntnis ist eine wahre Überzeugung

Aber Obacht, nicht alle wahrheitsfähigen Überzeugungen qualifizieren sich auch als Erkenntnis. Wenn Sie beispielsweise in einer Quizshow sitzen und die Überzeugung äußern, Angela Merkel könne fliegen, würde man Ihnen wohl kaum eine Erkenntnis in Bezug auf die Flugfertigkeit von Frau Merkel zuschreiben. Dabei ist "Angela Merkel kann fliegen" durchaus eine wahrheitsfähige Überzeugung (d.h. sie kann wahr sein, gdw., Frau Merkel fliegen kann), aber das ist sie de facto eben nicht (weil Frau Merkel nicht fliegen kann).

Erkenntnis ist die Einsicht in einen Sachverhalt. Ein Mensch, der glaubt, Frau Merkel könne fliegen, hat offensichtlich keine Einsicht in die Flug(un)fähigkeit von Frau Merkel. Dahingegen ist die Überzeugung, "Angela Merkel kann nicht fliegen", als Einsicht in den benannten Sachverhalt und somit als Erkenntnis zu werten. Ergo: Erkenntnis ist eine wahre Überzeugung. Von einer wahren Überzeugung sprechen wir, gemäß der landläufigsten Wahrheitsauffassung, wenn die Überzeugung mit dem realen Sachverhalt übereinstimmt (Korrespondenztheorie der Wahrheit).

3. Erkenntnis ist eine nicht-zufällige, wahre Überzeugung

Es könnte natürlich aber auch passieren, dass unser Quizshow-Gast rein zufällig die richtige Antwort auf eine Frage gibt. Was, wenn er raten oder eine Münze würfen würde und aufgrund dessen wahrheitsgemäß antwortet? Obwohl er dann eine (Art) wahre Überzeugung hätte, könnten wir ihm nicht guten Gewissens eine Erkenntnis zuschreiben. Wenn der Gast überzeugt ist, Merkel könne nicht fliegen, weil er auf eine höhere Macht beim Münzwurf vertraut, hat er dies nicht erkannt, auch wenn die Überzeugung wahr ist. In seinem Fall wäre es blanker Zufall, dass seine Überzeugung und der realitere Sachverhalt zusammenfallen.

Wir müssen unsere Definition von Erkenntnis also nochmal weiter einschränken, in etwa so: Erkenntnis ist eine nicht-zufällige, wahre Überzeugung (siehe auch: Gettier-Problem).

4. Erkenntnis ist eine nicht-zufällige, wahre und persönlich-gerechtfertigte Überzeugung

Aber auch diese Definition kann nicht hinreichend sein. Wenn wir uns vorstellen, unser Q-Gast hätte einen Telefonjocker eingesetzt, der die richtige Antwort gewusst hätte und wäre so zu der wahren Überzeugung gelangt, dass Frau Merkel sicher nicht fliegen kann, wäre diese Überzeugung nicht mehr zufällig gewesen. Denn sie beruht jetzt auf den Wissensstand desjenigen am Telefonhörer. Aber hätte eine derartige Überzeugung auch das Ding zur Erkenntnis? Wenn wir davon ausgehen, dass Kandidat und Telefonjocker sich nie zuvor kennengelernt haben, wohl kaum.

Die Antwort des Kandidaten wäre zwar nicht mehr zufällig, weil er jetzt die Worte des Mannes an der anderen Seite der Leitung nachredet, auf Nachfrage hin könnte er sie aber nicht begründen. Für ihn, der vielleicht gar nicht weiß, wer oder was ein "Angela Merkel" ist und was "Flugfähigkeit" bedeutet, wurde seine Einsicht in die Frage keinen Deut größer. Seine Antwort ist immer noch unwissentlich, also nicht das Produkt einer eigenen Erkenntnis.

Es liegt auf der Hand, was es noch zu einer Erkenntnis braucht: Eine Begründung. Allgemeiner lässt sich anstatt von Begründungen auch von Rechtfertigungen reden, also: Erkenntnis ist eine (selbst-)gerechtfertigte Überzeugung.

 

Aber auch diese Definition kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein:

Duhem-Quine-These

5. Der Definitionsvorschlag - Tücken und Stärken

Jeder Schritt, der uns zu diesem finalen Definitionsvorschlag gebracht hat, ist, wie sollte es auch anders sein, innerhalb der philosophischen äußerst Fachwelt. Immanuel Kant war beispielsweise der Auffassung, dass Erkenntnis auch falsch sein könnte (ϟPunkt 2). „Ich habe erkannt, dass Merkel fliegen kann“, das hört sich für uns vielleicht komisch an, für Kant aber war es durchaus eine legitime Aussage. Außerdem ist der Ausdruck "Erkenntnis" noch in einem weiteren Sinne doppeldeutig: Er bezeichnet nicht nur den Prozess und das Resultat des Erwerbs einer gerechtfertigten Überzeugung, viele unterscheiden auch zwischen apersonaler (wissenschaftliche Erkenntnis: Menschen sind keine Pflanzen) und personaler Erkenntnis (Ich sehe gerade grün). Fällt personelle Erkenntnis auch unter unsere Definition?

Trotz all dieser Einbusungen besitzt der Definitionsvorschlageinen gewissen Mehrwert: Er bestimmen drückt aus, was sowohl alltagssprachlich als auch unter Akademikern häufig unter Erkenntnis verstanden wird. Und, wie Wittgenstein so schön sagte: "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache."

Stand: 2017

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