„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Gottlob Freges Sinn- und Bedeutungstheorie

Dieser Aufsatz handelt von der (Sinn- und) Bedeutungstheorie Gottlob Freges (siehe auch: Über Sinn und Bedeutung).

1. Die „Fido“‐Fido Theorie

Nach der "Fido"Fido Theorie erschöpft sich die Bedeutung eines Ausdrucks oder Satzes in seinem Bezugsobjekt, d.h. im bezeichneten Gegenstand, in der bezeichneten Eigenschaft, oder im bezeichneten Sachverhalt.

Die Bedeutung des Eigennamens "Fido" ist der Hund Fido. Die Zuschreibung "ist blau" bezeichnet die Eigenschaft, blau zu sein. Und der Ausdruck "die Venus" hat dieselbe Bedeutung wie "der Abendstern", da beide denselben Planeten bezeichnen. Auch "Bremen liegt nördlich von München" und "München liegt südlich von Bremen" bezeichnet ein und denselben Sachverhalt (<Bremen, x R y, München>). Die "Fido"Fido Theorie führt Bedeutung also auf Bezug zurück.

Der Mathematiker und Philosoph Gottlob Frege (1848–1925) hatte ein wissenschaftliches Hauptziel: Er wollte erklären, was Mathematik ist. Seine Kernthese lautete, Mathematik sei keine fundamentale Disziplin, sondern sie lasse sich aus der Logik ableiten (Logizismus). Im Zuge seiner Überlegungen hat Frege nicht nur die moderne Logik geschaffen. Er hat auch gleichsam, nebenbei, die Grundlagen der modernen Sprachphilosophie gelegt.

Frege kritisierte die "Fido"Fido Theorie und behauptete, dass sich die Bedeutung von Ausdrücken und Sätzen nicht in ihrem Bezugsobjekt erschöpft. Ausdrücke haben neben ihrem Bezugsobjekt auch nämlich auch noch einen Sinn.

2. Das Argument vom Erkenntniswert

Für diese Haltung bringt er ein berühmtes Argument vor, das eine Voranmerkung verlangt: Er nennt das Bezugsobjekt eines Ausdrucks dessen "Bedeutung", was eine unglückliche Terminologie ist und sehr verwirrend sein kann. Wenn Frege also schreibt: "Mars und der rote Planet haben dieselbe Bedeutung", dann heißt das, "Mars" und der rote Planet haben dasselbe Bezugsobjekt".

(1) Bedeutung erschöpft sich in Bezugsobjekten. D.h. zwei Ausdrücke α und β  sind dann und nur dann semantisch voneinander unterschieden, wenn sie unterschiedliche Bezugsobjekte haben.

(2) „der Morgenstern“ und „der Abendstern“ bezeichnen beide die Venus. Also sind diese beiden Sätze bedeutungsgleich:

(A) "Der Morgenstern = der Morgenstern"

(B) "Der Morgenstern = der Abendstern"

(A) und (B) sind genau gleich aufgebaut und enthalten zueinander bezugsgleiche bzw. bedeutungsgleiche Ausdrücke – nämlich die Namen "der Morgenstern", "der Abendstern" und das Beziehungswort "x = y". D.h. die Sätze bezeichnen genau denselben Sachverhalt <Venus, ... = ... , Venus>.

(3) Die Sätze (A) und (B) haben jedoch einen unterschiedlichen Erkenntniswert

Jeder, der (A) versteht, weiß sofort, dass der Satz trivialerweise weil tautologisch wahr ist. (A) ist uninformativ, analytisch und a prioriDagegen kann man (B) verstehen, ohne zu wissen, dass der Satz wahr ist. (B) formuliert eine empirische Behauptung, die durch empirische Untersuchung geprüft werden musste. (B) ist somit potenziell informativ, synthetisch und a posteriori.

(4) Wir können nicht behaupten, es gäbe keinen semantischen Unterschied zwischen (A) und (B) und zugleich behaupten, (A) zu verstehen sei etwas ganz anderes als (B) zu verstehen.

Aus (4) folgt:

(5) (2) ist falsch. Es gibt doch einen semantischen Unterschied zwischen

(A) und (B).

(6) (2) folgt aus (1).

Aus (5) und (6) folgt:

(7) (1) ist falsch. Bedeutung erschöpft sich nicht in Bezugsobjekten. Ausdrücke und Sätze haben neben ihrem Bezugsobjekt noch eine weitere semantische Eigenschaft – sie haben einen Sinn.

Frege formuliert dies so:

"Es liegt nun nahe, mit einem Zeichen (Namen, Wortverbindung,

Schriftzeichen) außer dem Bezeichneten, was die Bedeutung des Zeichens

heißen möge, noch das verbunden zu denken, was ich den Sinn des Zeichens

nennen möchte, worin die Art des Gegebenseins enthalten ist."
- Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 26 (meine 
Hervorhebung)

3. Freges Theorie des Sinns

(1) Der Sinn eines Namens ist eine Gegebenheitsweise – eine „Art des  Gegebenseins des Bezeichneten“ (SB 26)

Freges Idee: Eigennamen wie "der Abendstern" und "der Morgenstern" präsentieren ihr Bezugsobjekt auf eine bestimmte Weise. Der erste Ausdruck präsentiert sein Bezugsobjekt als denjenigen Himmelskörper, der am Abendhimmel zu sehen ist. Der zweite Ausdruck präsentiert sein Bezugsobjekt als denjenigen Himmelskörper, der am Morgenhimmel zu sehen ist.

Eine solche Präsentation eines Gegenstandes erfasst nie alle seine Aspekte. Im Gegenteil, sie streicht einen (oder einige) heraus. Das meint Frege, wenn er betont, der Sinn eines Eigennamen beleuchte dessen Bedeutung* "immer nur einseitig" (SB 27).

(2) Einen Namen zu verstehen heißt, seinen Sinn zu erfassen.

„Der Sinn eines Eigennamens wird von jedem erfasst, der die Sprache oder das Ganze von Bezeichnungen hinreichend kennt, der er angehört.“
- Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 27

Freges Idee: Wer die Ausdrücke "der Abendstern" und "der Morgenstern" verstanden hat, weiß, wie sie ihre Bezugsobjekte präsentieren. Aber er weiß deswegen noch lange nicht, dass sie sich auf dasselbe Objekt beziehen.

Verstehen richtet sich also auf den Sinn, nicht auf die Bezugsobjekte (die Bedeutung) eines Ausdrucks.

(3) Zwei Namen können dieselbe Bedeutung, aber verschiedene Sinne  haben.

„"24" und "4 X 4" haben zwar dieselbe Bedeutung; d. h. sie sind Eigennamen derselben Zahl; aber sie haben nicht denselben Sinn; und daher haben "24 = 42" und "4 X 4 = 42" zwar dieselbe Bedeutung, aber nicht denselben Sinn;“
- Gottlob Frege: Funktion und Begriff, S. 14

Weil der Sinn eines Ausdrucks sein Bezugsobjekt auf eine bestimmte Weise  präsentiert und man dasselbe Objekt auf verschiedene Weisen präsentieren kann, können bedeutungsgleiche (bezugsgleiche) Ausdrücke sinnverschieden sein. Genau das ist bei "der Abendstern" und "der Morgenstern" der Fall. Aus demselben Grund hat "Der Morgenstern ist der Abendstern" und "4 x 4 = 16" auch einen anderen Erkenntniswert als "der Morgenstern ist der Morgenstern" und "16 = 16". Sinne sind feiner unterschieden als Bedeutung bzw. Bezugsobjekt!

(4) Freges Theorie des Sinns: Der Sinn eines Namens bestimmt dessen Bezugsobjekt.

„Die regelmäßige Verknüpfung zwischen dem Zeichen, dessen Sinn und dessen Bedeutung ist derart, dass dem Zeichen ein bestimmter Sinn und diesem

wieder eine bestimmte Bedeutung entspricht (...) .“
- Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 
27 (m.H.)

In jedem Fall gilt: wenn die Ausdrücke α und β denselben Sinn haben, dann müssen sie auch dasselbe Bezugsobjekt haben. Sinngleichheit garantiert Gleichheit der Bezugsobjekte aber nicht andersherum.

Viele Interpreten verstehen Frege auch stärker. Demnach ist es der Sinn eines Ausdrucks, der zuallererst dafür sorgt, dass der Ausdruck ein Bezugsobjekt  hat und welches er hat. Der Sinn eines Ausdrucks α ist eine Bedingung, deren  Erfüllung den Bezug von α bestimmt:

àα bezieht sich auf x gdw. x erfüllt den Sinn von α.

(5) Der Sinn eines Namens ist nichts Psychologisches, keine Vorstellung, sondern verschiedenen Sprechern zugänglich.

Die Vorstellung unterscheidet sich dadurch wesentlich von dem Sinne

eines Zeichens, welcher gemeinsames Eigentum von vielen sein kann

und also nicht Teil oder Modus der Einzelseele ist;“
- Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 29

Ein und derselbe Sinn eines Ausdrucks kann von vielen verschiedenen Sprechern erfasst werden. Das unterscheidet sie von Vorstellungen. Anders als Bezugsobjekte sind Sinne aber keine konkreten Gegenstände.

„Die Bedeutung eines Eigennamens ist der Gegenstand selbst,

den wir damit bezeichnen; die Vorstellung, welche wir dabei haben,

ist ganz subjektiv; dazwischen liegt der Sinn, der zwar nicht mehr subjektiv

wie die Vorstellung, aber doch auch nicht der Gegenstand selbst ist.”

- Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 31

Die Gesamtbedeutung eines Namens umfasst somit zwei Aspekte – seinen Sinn und sein Bezugsobjekt (so er eins hat).

Diese Aspekte sind nicht unabhängig voneinander: Der Sinn eines Namens wird von kompetenten Sprechern verstanden. D.h. der Sinn eines Ausdrucks ist für die Beziehung SpracheSprecher maßgeblich. Und der Sinn eines Namens legt dessen Bedeutung fest. D.h.: der Sinn eines Ausdrucks ist für die Beziehung SpracheWelt maßgeblich. Das gilt nicht nur für Namen, sondern für alle möglichen Ausdrücke.

Jetzt führt Frege einen weiteren Begriff ein, den wir in der Alltagssprache ganz anders gebrauchen:

(6) Der Sinn eines wahrheitsfähigen Satzes ist ein Gedanke.

„Ohne damit eine Definition geben zu wollen, nenne ich Gedanken

etwas, bei dem überhaupt Wahrheit in Frage kommen kann. Was

falsch ist, rechne ich ebenso zu den Gedanken wie das, was wahr ist.

Demnach kann ich sagen: der Gedanke ist der Sinn eines Satzes
- Gottlob Frege: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung, S. 
33

Frege macht zwei wichtige Annahmen über Gedanken. Ganz im Sinne von (5) betont er, Gedanken seien nichts Psychologisches:

„Ich verstehe unter Gedanken nicht das subjektive Tun des Denkens, sondern dessen objektiven Inhalt, der fähig ist,

gemeinsames Eigentum von vielen zu sein.“

- Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 32

Frege nimmt zudem an, dass Gedanken zeitlos wahr oder falsch sind.

Der Sinn eines Satzes oder komplexen Ausdrucks wird durch die Sinne seiner  Teile bestimmt.

Das Kompositionalitätsprinzip für Sinn: Der Gedanke eines Satzes ist bestimmt durch die Sinne seiner Teile. (Für jeden anderen semantisch komplexen Ausdruck und seinen Sinn gilt dasselbe.)

Die Substitutionsregel für Sinn: In jedem Satz lässt sich ein Ausdruck durch einen sinngleichen ersetzen, ohne dass sich der ausgedrückte Gedanke ändert. (Für jeden anderen skA und seinen Sinn gilt dasselbe.)

(7) Auch Prädikate haben Sinne.

Frege sagt nicht viel über die Sinne von Prädikaten. Klar ist lediglich, dass Prädikate ihren Sinn zum Gedanken der Sätze beisteuern, in denen sie vorkommen.

4. Zusammenfassung

Bedeutung: Sprachliche Bedeutung ist so etwas wie Fregescher Sinn. Denn der

Sinn ist der geteilten Inhalte eines Ausdrucks, den ein kompetenter Sprecher versteht und anderen Sprechern mitteilt. Es gibt auch klare Unterschiede zwischen sprachlicher Bedeutung und Sinn. Oftmals weicht der Fregesche Sinn eines Ausdrucks von seiner sprachlichen Bedeutung ab. Frege erklärt uns, worin die Inhalte unserer Sätze bestehen und wie Denken und Sprechen zusammenhängen. Aber er gibt keine Theorie sprachlicher Bedeutung!

Referenz: Der Bezug der Ausdrücke unserer Sprache kommt durch ihren Sinn zustande: Worauf sich ein Ausdruck α bezieht, hängt davon ab, welchen Sinn er hat. Z.B., dass „der Morgenstern“ die Venus bezeichnet, liegt am Sinn des Ausdrucks. (Gerade so, wie die ‚Fido’Fido Theorie Bedeutung auf Bezug zurückführen will, führt eine Fregesche Semantik Bezug auf Bedeutung/Sinn zurück!)

5. Was leistet Freges Theorie?

Eine semantische Theorie wie die von Frege wird an ihrer Erklärungskraft gemessen. Was also kann Freges Semantik erklären?

Wie wir bereits gesehen haben, erklärt Freges Theorie:

  • Worin das Verstehen einer Sprache besteht: Sprachverstehen besteht im Erfassen von Sinn.
  • Wie der Weltbezug von Sprache zu Stande kommt: der Weltbezug von Sprache kommt durch den Sinn von Ausdrücken zu Stande.
  • Worin der semantische Unterschied zwischen bezugsgleichen Ausdrücken bestehtsemantische Unterschiede in bezugsgleichen

    Ausdrücken wie z.B. „der Morgenstern“ und „der Abendstern“ sind

    Unterschiede des Sinns.

Also: Freges Theorie kann erklären, warum Sätze mit leeren Bezeichnern  nicht bedeutungslos sind.

Warum ist "Eldorado liegt in Venezuela" überhaupt bedeutungsvoll – immerhin hat "Eldorado" kein Bezugsobjekt? Frege erklärt das so: „Eldorado“ zwar kein Bezugsobjekt, aber einen Sinn. Der Satz drückt einen Gedanken aus, den man verstehen kann. Aber wahr oder falsch ist er nicht.

„Warum wollen wir denn aber, dass jeder Eigenname nicht nur einen Sinn, sondern auch eine Bedeutung habe? Warum genügt uns der Gedanke nicht? Weil und soweit es uns auf seinen Wahrheitswert ankommt. Nicht immer ist dies der Fall.“

- Gottlob Frege: Über Sinn und Bedeutung, S. 33

6. Einwände gegen Freges Semantik

(1) Auf der einen Seite erklärt Frege, der Sinn eines Eigennamens sei eine Gegebenheitsweise seines Bezugsobjektes – eine „Art des Gegebenseins des

Bezeichneten“ (Sinn und Bedeutung, S. 26). Auf der anderen Seite erklärt Frege, leere Eigennamen hätten zwar einen Sinn, aber kein Bezugsobjekt. Aber wie kann der Name „Eldorado“ als Sinn eine Präsentationsweise seines Bezugsobjekts haben, wenn er doch kein Bezugsobjekt hat?

Einwand (1) lautet also: Frege verspricht nur, das Problem leerer Bezeichner zu lösen. Tatsächlich löst er es gar nicht.

(2) Frege zeichnet Gedanken als die in Kommunikation übermittelten, öffentlich  zugänglichen Inhalte aus. Aber häufig drücken Sprecher und Hörer verschiedene Gedanken mit einem Satz aus, z.B. wenn sie mit einem Namen wie „Klaus Klabunde“ verschiedene Sinne verbinden.

Einwand (2) lautet also: Fregesche Gedanken sind keine wirklich plausiblen Kandidaten für kommunizierte Inhalte. Ihre Übermittlung setzt viel zu viel Übereinstimmung voraus.

(3) Der Begriff des Sinns ist für Freges Semantik zentral. Aber was ist Sinn? Frege charakterisiert Sinne indirekt über ihre Funktion. Der Sinn eines Ausdrucks ist dasjenige, was alle die aufgeführten Funktionen hat und alle die erwähnten Erklärungen ermöglicht. Aber was für Dinge sind Sinne? Und warum sollten wir glauben, es gäbe genau eine Art von Ding, die alle die angeführten Funktionen hat?

Einwand (3) lautet also: Freges Theorie zeigt auf, was eine Theorie sprachlicher Bedeutung leisten muss. Aber da Frege uns keine überzeugende Antwort auf die Frage gibt, was Sinne sind, leistet seine eigene Theorie dies nicht.

Stand: 2018

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.