Semantischer Holismus

Der semantische Holismus (auch: Bedeutungsholismus) besagt, dass nicht Ausdrücke oder Sätze sondern Theorien (Sprachen) Träger von Bedeutung sind. 

„the doctrine that only whole languages or whole theories or whole belief systems really have meanings, so that the meanings of smaller units … are merely derivative“.
- Jerry Fodor und und Ernest Lepore über den Semantischen Holismus

Willard Van Orman Quine formulierte den Bedeutungsholismus in Abgrenzung zur Verifikationstheorie. Die Verifikationstheorie behauptet u.a. dass sich einzelne Sätze empirisch überprüfen lassen. Das ist nach Quine aber falsch. Empirisch überprüfbar sind nur Gesamtheiten von Sätzen, d.h. Theorien:

„[O]ur statements about the external world face the tribunal of experience not individually but only as a corporate body“

- Willard Van Orman Quine: Zwei Dogmen des Empirismus, S. 41

Beispiel: Aus dem Satz S "Da steht ein Baum" folgt nur zusammen mit Sätzen B1...Bn über Lichtverhältnisse, Blickrichtungen etc. Sätze, die sich direkt an Erfahrung testen lassen. Der getestete Satz ist nicht S, sondern S & B1...Bn.

Daraus folgt ein Überprüfungsholismusempirisch überprüfbar sind nicht einzelne Sätze, sondern nur ganze Theorien.

Aus Teilen der Verifikationstheorie einerseits und dem Überprüfungsholismus andererseits schlussfolgert Quine einen Bedeutungsholismus:

(P1) Semantischer Gehalt ist immer empirischer Gehalt. D.h. ein sprachliches Element hat nur dann eine Bedeutung, wenn es empirisch überprüfbar ist (Verifikationismus).

(P2) Empirisch überprüfbar sind Theorien, nicht einzelne Sätze (Überprüfungsholismus).

(K1) Nicht Sätze, sondern Theorien sind die Träger von Bedeutung. (Bedeutungsholismus).

Wenn wir an der Verifikationstheorie und am Überprüfungsholismus festhalten, folgt also notwendig ein Bedeutungsholismus.

„The unit of empirical significance is the whole of science“

- Willard Van Orman Quine: Zwei Dogmen des Empirismus, S. 42

Wenn aber nur Theorien und keine Sätze Bedeutung haben, kann es keine rein analytischen Sätze geben. Denn jeder Satz über Bedeutungszusammenhänge hängt wieder mit Sätzen über Weltwissen zusammen und ist somit nicht mehr rein analytisch. Ein vermeintlich analytischer Satz ist letztlich mit den empirischen Sätzen verwoben, und umgekehrt gilt dies für die vermeintlich rein synthetischen Sätze. Die Unterscheidungen von analytisch und synthetisch sowie von Bedeutungswissen und Weltwissen müssen folglich aufgegeben werden.

Quine findet hierfür ein anschauliches Bild: Die Gesamtheit der wissenschaftlich anerkannten Sätze soll eine netzartige, kugelförmige Struktur bilden. An der Peripherie dieser Kugel liegen die Sätze, die von Sinneserfahrungen handeln, näher dem Mittelpunkt liegen Sätze, die grundlegende Gesetzmäßigkeiten zum Gegenstand haben, so wie die Gesetze der Physik, und, noch weiter innen, die Gesetze der Mathematik und Logik. Die Sätze hängen miteinander zusammen durch die logischen Gesetze. D. h. stellt sich ein bisher für wahr (falsch) gehaltener Satz als falsch (wahr) heraus, so müssen nach den Gesetzen der Logik auch andere Sätze in ihrem Wahrheitswert korrigiert werden.

Betrachten wir z.B. die Satzmenge:

{"Alle Menschen sind sterblich",
"Sokrates ist ein Mensch",
"Sokrates ist sterblich"}.

Nehmen wir nun an, es stellt sich heraus, dass Sokrates in Wirklichkeit nicht sterblich, sondern unsterblich ist. Dann müssen wir, um die Konsistenz des Systems zu gewährleisten, auch einen der anderen beiden Sätze aufgeben. Quines Pointe liegt nun darin, dass sich nicht von vorneherein sagen lässt, welche Sätze wir in einem solchen Konfliktfall aufgeben würden. Ob wir uns also in obigem Beispiel dafür entscheiden würden zu sagen, dass nicht alle Menschen sterblich sind, oder, dass Sokrates kein Mensch ist.

Nach Quine kann im Prinzip an jedem Satz festgehalten werden, egal wie neue Erfahrungen aussehen (siehe auch: Duhem-Quine-These). Widerspricht beispielsweise eine neue empirische Erfahrung einem Satz an der Peripherie, so kann an diesem festgehalten werden, indem beispielsweise die neue Erfahrung zu einer Halluzination erklärt wird. Umgekehrt ist auch kein Satz immun gegen Revision. So ist vorgeschlagen wurden, selbst logische Gesetze wie den Satz vom ausgeschlossenen Dritten aufzugeben, um etwa die Quantenphysik zu vereinfachen. Eine Modifikation der logischen Gesetze würde bedeuten, dass sich nicht nur die entsprechenden Sätze, sondern gleichzeitig auch die Regeln ändern, nach denen die Wahrheitswerte im Netzwerk propagiert werden.

Tatsächlich ist es nach Quine so, dass es im Fall einer neuen, widersprechenden Erfahrung die "natürliche Tendenz" gibt, das System so wenig wie möglich zu stören und daher eher die Sätze an der Peripherie zu korrigieren als die im Zentrum, aber hier lässt sich keine scharfe Grenze ziehen. Diese Überlegung mündet bei Quine in der provokanten These, dass es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Glauben an physikalische Gegenstände und dem Glauben an die Götter Homers gebe. In beiden Fällen handele es sich um kulturbedingte Setzungen. Die Konzeption der physikalischen Gegenstände hat sich allerdings "als effizienter erwiesen, in den Fluss der Erfahrungen eine handhabbare Struktur einzuarbeiten" ("it has proved more efficacious [...] as a device for working a manageable structure into the flux of experience."). Beide Konzeptionen sind allerdings durch die Erfahrung "unterdeterminiert", d. h. auch die Existenz der physikalischen Gegenstände lässt sich nicht unter Bezugnahme auf Erfahrungen beweisen.

Stand: 2018

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