„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Sonderstellungsmerkmal Sprache?

Ob der Mensch mit seiner Sprachfähigkeit einen Sonderstatus in der Tierwelt einnimmt, kommt ganz auf die Definition von „Sprache“ an.

Die Leitfrage dieser Aufsatzreihe ist der philosophischen Anthropologie zuzuordnen. Wer hierin nicht so sehr bewandert ist, wird schnell denken, dass die Befähigung zur Sprache eine menschliche Exklusivität ist. Schließlich hat noch keiner Tiere sich unterhalten sehen. Nur Menschen allein verfügen über eine Sprache. Oder? Ganz so klar scheint auch diese Dichotomie nicht aufzugehen.

1. Sprachverstehen

Um Information mittels Sprache übertragen zu können, braucht es einen Sprecher und einen, der versteht. Zumindest in Sachen Sprachverständnis scheint es keine qualitativen Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu geben. Natürlich verstehen Tiere nicht annähernd so komplexe Sätze, wie wir das tun. Das sind aber nur quantitative Unterschiede, ein prinzipielles Sprachverständnis lässt sich bei zahlreichen Tierarten nachweisen.

Ein Beleg dafür wurde an meiner Zieluniversität erbracht: Die Verhaltensforscher/innen Josep Call, Julia Fischer und Juliane Kaminski von der Universität Göttingen untersuchten den Border Collie Rico. Dieser Hund sollte rund 200 Objektnamen, die sein Besitzer ihm beigebracht hat, beherrschen. Um dies zu testen, legten die Drei zehn von den 200 dem Hund namentlich bekannten Objekten in einen Nebenraum. Daraufhin nannte man dem Hund ein Objekt verbal und betraute ihm mit der Aufgabe, in den Nebenraum zu laufen und exakt dieses Objekt zu bringen. Wenn der Hund tatsächlich 200 Objektnamen verstehen und voneinander unterscheiden kann, sollte er dies hinbekommen. Und siehe da, bei 37 von 40 Versuchen holte Rico den richtigen Gegenstand.

Rico kann uns sogar zeigen, wie Tiere lernen, neue Wörter zu verstehen. In einer weiteren Testanordnung bekam er sieben bekannte, sowie einen unbekannten Gegenstand zu Gesicht. Für den bislang unbekannten Gegenstand nannte man Rico einen neuen Namen. Beispielsweise einen Ball und die zugehörige Bezeichnung “Ball“. Nun rief man dem Hund das neue Wort zu, etwa Ball und in sieben von zehn Fällen brachte der Hund dann auch sofort das richtige Objekt aus dem Nebenraum - dessen Bezeichnung er bis vor kurzem gar nicht kannte! Ein Test, der vier Wochen später durchgeführt wurde, zeigte, dass sich Rico auch noch nach längerer Zeit an den neu erlernten Begriff erinnern konnte. Damit erbrachte Rico, zumindest was das Sprachverständnis angeht, Leistungen, wie man sie von einem dreijährigen Kind erwartet. Und zeigt uns, dass das Begreifen von sprachlichen Akten kein menschliches Privileg ist.

Ein Border Collie
Ein Border Collie

Inzwischen hat man viele ähnliche Hundetests ausgeführt, die zeigen, dass Tiere nicht nur mit Objektbezeichnungen etwas anfangen können. Die Hündin Chaser (ebenfalls ein Border Collie) zum Beispiel kannte über tausend Spielzeuge beim Namen. Damit verstand sie fünfmal mehr Objektbezeichnungen als Rico und war in ihrem Fach einsame Spitze. Aber damit nicht genug. Am Wofford College, im US-Budesstaat Carolina, konnte Chaser zeigen, wie sie gehörte Aktivitäten, Orte und Personen sinnvoll mit Namen und Gegenständen zu verbinden vermag. Damit hatte Chaser bewiesen, dass er nicht nur mit Objektbezeichnungen sinnvoll operieren kann.

Ein Graupapagei, wie auch Pepperbergs Alex einer war.
Ein Graupapagei, wie auch Pepperbergs Alex einer war.

Dass Chaser all diese Begriffe auch inhaltlich versteht, und nicht nur Gruppen von Zusammenhängen gelernt hat, konnte der Test aber freilich nicht zeigen. Können Tiere auch abstraktere Begriffe, wie Adjektive oder Adverbien, verstehen? Dieser Frage widmete sich die Tierpsychologin Irene Pepperberg von der Brandeis University im US-Bundesstaat Massachusetts. Dafür lehrte sie einem Papagei akustische Signale als Symbole für fünf verschiedene Farben, vier unterschiedliche Formen und drei diverse Materialen zu interpretieren. Zeigte man dem Papagei nun einen blauen Ball und fragte ihn, welche Farbe er sehe, antwortete er korrekterweise mit dem akustischen Symbol für die Farbe Rot. Und wenn man fragte, welche Form der Gegenstand hatte, entgegnete er mit „rund“.

Anfangs trainierte man den Vogel auf diese paar Adjektive. Doch nach und nach führte man auch klammheimlich Objekte in den Test ein, die in der Lernphase noch gar nicht vorgekommen waren. Der Papagei aber zeigte sich unbeeindruckt und beantwortete trotzdem 85 Prozent von 170 Fragen richtig. Er hatte die Worte also nicht nur auswendig, sondern auch deren inhaltliche Bedeutung gelernt.

Die Erfolgsgeschichte mit der Papageienforschung geht aber noch weiter. Die Vögel konnten in Untersuchungen nicht nur passiv die Semantik von Wörtern beherrschen, sondern sie auch selbst sinnig verwenden: Nach viele Lehrstunden zeigte Pepperberg ihrem Vogel Alex zwei Objekte, nämlich ein rotes, eckiges und ein rotes, eckiges Metallstück und ein rotes, rundes Holzstück. Fragte Sie ihn nun: Was ist gleich?, entgegnete Alex tatsächlich mit dem Laut für die Farbe. Während er auf Was ist verschieden? mit den Symbolen für Form und Material antwortete.

Alex konnte offensichtlich gehörte Begriffe abstrahieren und die damit bezeichnenden Gegenstände hinsichtlich ihrer Form oder Funktion kategorisieren. Großartig! Ähnliches gelang später Chasar.

2. Sprache & Kommunikation

Zum Sprachakt gehört aber nicht nur Verständnis, sondern vor allem auch das Sprechen selbst. Können Tiere auch sprechen? Die Beantwortung dieser und überhaupt jeder Frage sollte man sich generell immer so einfach wie möglich machen. Jedoch nicht noch einfacher. Und auf diese Frage, ob Tiere sprechen können, gibt es nun einmal keine angemessene „Ja-Nein-Antwort“. Zuallererst müssen wir zwischen echter Sprache und anderen Formen der Kommunikation unterscheiden. Um das Fazit einmal vorneweg zu nehmen: Tiere können kommunizieren, aber nicht sprechen. Tierische Kommunikation ist aber eine Vorstufe von Sprache, weshalb auch bezüglich der Sprachfähigkeit kein qualitativer Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht.

Eine Grüne Meerkatze.
Eine Grüne Meerkatze.

Grünmeerkatzen, eine Gattung der Altweltaffen, verfügen beispielsweise über ein statisches Repertoire von drei Schreien, mit denen sie ihre Artgenossen vor unterschiedlichen Gefahren warnen können. Und selbst Bienen kommunizieren, wenn sie anhand komplexer Tänze Informationen über Lage und Entfernung von Nahrungsquellen weitergeben. Auch der Vogelgesang, den wir jeden Frühling wieder genießen dürfen, kommuniziert Inhalte, etwa die Paarungsbereitschaft eines Männchens.

Diese und weitere Arten der Kommunikation spielen im Leben zahlreicher Tiere eine entscheidende Rolle. Doch ist die Bedeutung ihrer Signale zementiert und kein Tier fähig, Signale auf innovative Weise neu zu kombinieren und so neue Bedeutungen zu erzeugen. Die „tierische Sprache“ lebt nicht. In einer echten, lebhaften Sprache wie der unseren können eigentlich sinnlose Laute und Zeichen in an sich unendlich vielen Kombinationen zusammengestellt werden und so neue Bedeutungen kreieren.

Alle Versuche, Tierarten die menschliche oder eine der menschlichen ähnlichen Sprache beizubringen, sind weitgehend gescheitert. Hier und da schien es mal Hoffnung zu geben, unterm Strich kam bei allen Tierbeobachtungen aber nur Kommunikation, keine Sprache zu Vorschein. Zig Orang Utans, Schimpansen und Gorillas haben eine Zeichensprache erlernt und sich ein Vokabular von vielen Hundert Zeichen angeeignet. Aber sie repetierten Gelerntes in der Folgezeit nur. Versuche, neue Sprachzeichen für neue Dinge zu erfinden, mit Worten zu spielen oder den Kindern Gutenachtgeschichten zu erzählen, blieben aus.

Welches Fazit können wir aus alldem ziehen? Dass Sprache ein quantitatives, aber kein qualitatives Unterscheidungsmerkmal zwischen uns Menschen und den Tieren ist. Denn, auch wenn Tiere mit Worten nicht so kreativ und abstrakt umgehen können wie wir, so vermögen sie sie dennoch Großteils zu verstehen und begrenzt auch selbst anzuwenden. Dass Tiere dabei nicht solche Laute wie wir von sich geben und wir sie „nicht reden hören“, liegt an ihrer Rachenhöle, die sowas nicht zulässt und nicht daran, dass sie wirklich nicht kommunizieren. Das machen sie allemal.

Verweise

  • Mem: Wörter, die über Generationen hinweg weitergegeben werden, nennt man auch Meme.

  • Pressefreiheit: In klammen Zeiten druckt man auch einmal eine Doppelseite C&A-Werbung und verzichtet dafür lieber auf einen Bericht über sklavische Kinderarbeit in der Bekleidungsindustrie. Verlagshäuser sind Unternehmen, Unternehmen sind abhängig von Geld und deshalb nie wirklich frei.

  • Sprachphilosophie

Stand: 2015

Kommentare: 1
  • #1

    Seelenlachen (Sonntag, 01 November 2015 02:58)

    https://www.facebook.com/BigThinkdotcom/videos/10153225908943527/?comment_tracking=%7B%22tn%22%3A%22O%22%7D


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