„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Selbsterkenntnis

Der Ausspruch „Erkenne dich selbst“, im Griechischen: Gnothi Seauton, war der Ausgangspunkt des antiken Philosophierens. Eine denkbar einfache Form der Selbsterkenntnis ist die visuelle, etwa in einem Spiegel. Der Mensch kann den Typ im Spiegel schon 18 Monate nach seiner Geburt als ein Abbild seiner selbst identifizieren. Steht er damit allein da? Ist diese Fertigkeit sich selbst wiederzuerkennen dem übrigen Tierreich vorenthalten? Oder gibt es auch andere Tiere, neben dem Homo sapiens, die so etwas können?

Der Spiegeltest

Was sehen Sie bei einem Blick in den Spiegel? Sich selbst natürlich. Was so selbstverständlich klingt, ist eine beachtliche Leistung. Sich selbst im Spiegel erkennen zu können erfordert ein großes Maß an Abstraktionsvermögen und Intelligenz.

Um nun zu testen, ob gleichsam ein Tier sich selbst als Subjekt ausmachen kann, hält man diesem einfach auch einen Spiegel vors Gesicht. Beim sogenannten Spiegeltest hält man einem Lebewesen einen Spiegel (wahlweise auch ein Video oder ein Bild, auf dem es zu sehen ist) ins Sichtfeld und wartet seine Reaktion ab. Eine weitverbreite Abwandlung dieses Tests ist der Markierungstest, bei dem das Teststier eine Farbmarkierung auf die Stirn oder auf eine anderen Stelle, die es ohne Spiegel nicht wahrnehmen kann, aufgemalt wird. Daraufhin wartet man ab, ob das Tier eine Reaktion zeigt, die darauf schließen lässt, dass es realisiert, dass es sich im Spiegel selbst sieht. Eine solche Reaktion kann beispielsweise sein, dass es versucht, sich den Fleck auf der Stirn wegzuwischen.

Bestanden haben den Spiegeltest bisher u.a. folgende Tiere:


·         Affen (Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans)

·         Elefanten (Asiatische Elefanten)

·         Zahnwale (insbesondere Delfine)

·         Elstern

·         Tauben


Es ist in manchen der hier aufgelisteten Fälle umstritten, ob die Tiere nicht mit Tricks den Test bestanden haben. Bei den Affen aber ist man sich überwiegend einig darin, dass diese sich selbst im Spiegel zu konstatieren vermögen.

Die Geschichte des Spiegeltests

Wie Besitzer dieser Haustiere bestätigen können, sind Hunde, Katzen, Hamster und Kaninchen nicht in der Lage, sich selbst im Spiegel zu entdecken. Hunde und Katzen stürzen sich in der Regel anfangs aufs Wildeste auf ihr Spiegelbild, suchen hinter dem Spiegel nach dem augenscheinlich anderen Lebewesen, oder knurren es misstrauisch an. Nach geraumer Zeit verlieren sie aber dann auch schnell das Interesse daran und ignorieren den Spiegel total. Von Wellensittichen weiß man sogar, dass sie mit dem Spiegelbild schmusen und einige Fischarten bekämpfen es energisch. Offenbar handeln all diese Tiere in der Annahme, dass es sich bei dem Tier im Spiegel nicht um sie selbst handelt.

Wie sieht es aber mit Affen aus? Ja, ich weiß, das haben wir weiter oben bereits geklärt: Affen bestehen den Spiegeltest. Die dahinterstehende Geschichte dürfte aber noch einmal extra interessant sein. Alles fing, wie so oft wenn es um Tiere geht, mit dem britischen Naturforscher Charles Darwin an. Im Jahre 1872 setzte er zwei Orang-Utans einem Spiegel vor und hielt schriftlich fest, wie sie mit dem Spiegelbild spielten und es küssten. Er konnte jedoch nicht ausmachen, ob sie sich im Spiegel erkannten oder nicht.

Hundert Jahre später erst entwickelte der amerikanische Psychologe Gordon Gallup einen entsprechenden Test, der dieser Frage auf den Grund gehen sollte. Für diesen ließ er junge Schimpansen vor einem Spiegel herumtollen, verabreichte ihnen dann ein Betäubungsmittel und malte einen gut sichtbaren, roten Punkt (deshalb auch oft „Rouge-Test“) auf deren Stirn und einen zweiten über das Ohr. Als die Schimpansen aufwachten, stellte er wieder einen Spiegel in ihr Gehege.

Sie und ich würden sofort begreifen, was Sache ist, uns an die Stirn fassen und vielleicht versuchen, den Punkt abzuwischen. Auch die Schimpansen in Gallups Versuch und viele weitere Affenarten tun es uns gleich und erkennen sich im Spiegel. Nun gibt es aber auch einige Affenarten, beispielsweise Gorillas, die im Spiegeltest gnadenlos durchrasseln. Da ist die Frage, wieso? Kapieren diese Tiere nicht, was ein Spiegel ist? Doch. Auch Affenarten, die den Spiegeltest nicht bestehen, verstehen in der Regel, was Spiegel sind und können sie für andere Zwecke benutzen.

Wenn man ihnen beispielsweise eine Erdnuss hinter ein unumgängliches Brett legt, die sie nur mithilfe eines Spiegels sehen können, achten diese Tiere auf den Spiegel, um ihre Hände hinter dem Brett zu koordinieren und die Erdnuss hervorzuholen. Was daraus folgt, ist hochinteressant: Es gibt offenbar Tiere, die sich über die Funktion von Spiegeln im Klaren sind und ihre Umwelt in ihm wiederfinden, nur ihr Selbstbild bildet da merkwürdigerweise eine Ausnahme. Besitzen diese Tiere vielleicht kein so ein klares Selbstbild wie unsereins?

All das sind Fragen, die sich die Wissenschaft derzeit stellt. Die Richtung, in die sie uns führt, kann schon heute abgeschätzt werden: Tatsächlich scheint der Graben zwischen Mensch und Tier auch an dieser Stelle kleiner zu sein als vielleicht gedacht.

Verweise

  • Philosophie des Geistes: Einige interpretieren den Spiegeltest dahingehend, dass er auch Hinweise auf die Existenz eines Bewusstseins, mehr noch: eines Selbstbewusstsein liefern könne. Gallup, der Erfinder des Spiegeltests, ist felsenfest davon überzeugt. Der Spiegeltest zeige laut ihm, dass Tiere über ein Selbstbewusstsein und eine Vorstellung von ihrer persönlichen Vergangenheit und Zukunft haben. Aber kann uns solch ein simpler Test wirklich etwas über das Bewusstsein von Tieren sagen? Ja und Nein. Als hinreichendes Kriterium wird das Bestehen des Spiegeltests weithin akzeptiert. Ob es jedoch auch als ein notwendiges Kriterium zu deuten ist, ist jedoch umstritten. Man kann wohl auch (selbst-)bewusst sein, ohne den Spiegeltest zu schaffen.

  • Tiermisshaltung: Auch die Kluft zwischen Mensch und Schwein ist in vielerlei Hinsicht schmaler, als man das im christlich geprägten Mittelalter annahm. Beispielsweise genetisch, aber auch bezüglich ihrer Leidensfähigkeit stehen uns diese Tiere sehr nahe. Wie aber rechtfertigen wir es dann, dass es für die Menschen ein Menschenrechtskatalog gibt und mit Schweinen umgegangen werden darf, wie mit dem letzten Dreck?

Bildquelle: Spiegeltest

Stand: 2015

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