„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Fiktion und Kooperation

Das Sonderstellungsmerkmal des Homo Sapiens im Tierreich - und gleichzeitig der Grund für den Erfolg unserer Art - sind bestimmte, herausragende geistige Fähigkeiten, die uns dazu befähigen, in großer Anzahl flexibel miteinander kooperieren zu können.

Eine dieser herausragenden Fähigkeiten ist die zur Kooperation in großer Anzahl.

1. Der Mensch ist (für sich) kein Erfolgsmodell

Wir alle wären gerne etwas Besonderes. Ich würde gerne glauben, dass mich als Individuum etwas Substantielles von Schimpansen unterscheidet. Aber die Wahrheit ist, dass wenn man mich und einen Schimpansen einzeln auf einer Insel aussetzen würde, der Affe viel höhere Überlebenschancen hätte als ich. Einzeln oder selbst zu zehnt sind wir Menschen den Schimpansen beschämend ähnlich. Jeder Versuch, unsere einzigartige Position in der Welt reduktionistisch zu verstehen, also durch Rückführung auf unsere Gehirne, Körper oder Familienbeziehungen, ist aus diesem Grund zum Scheitern verurteilt. Der wahrhaft hinreichende Unterschied zwischen uns und den anderen Tieren, ist das Vermögen, kooperative Netzwerke zu schaffen, in denen mitunter Millionen von völlig Fremden miteinander auf gemeinsame Ziele hinarbeiten.

Wir können im großen Stil miteinander kooperieren, weil wir gemeinsamen intersubjektiven Fiktionen folgen. Wir arbeiten erfolgreich mit Fremden zusammen, weil wir wie sie an Dinge wie Götter, Nationen, Geld oder Menschenrechte glauben. Und doch existiert keines dieser Dinge außerhalb der Geschichten, die Menschen erfinden und sich gegenseitig erzählen. Es gibt keine Götter im Universum, keine Nationen, kein Geld und keine Menschenrechte – außer in der gemeinsamen Vorstellung der Menschen. Kein Schimpanse lässt sich überzeugen, eine Banane herzugeben, weil man ihm verspricht, dass er nach seinem Tod im Himmel Bananen ohne Ende erhalten wird, oder weil man ihm im Austausch für die Banane ein objektiv vollkommen wertloses Stück Papier anbietet. Sapiens können solchen Geschichten folgen, das ist der wesentlichste Grund, warum wir die Welt regieren und Schimpansen in Zoos und Forschungslabors eingeschlossen sind. Wenn wir den Geschichten Glauben schenken, dann regieren sie letztendlich uns, wenn wir aber erkennen, dass sie nur in unseren intersubjektiven Realitäten existieren, dann regieren wir über sie die Welt.

2. Die bedeutendsten Dinge der Welt existieren nur in unserer Vorstellung

Intersubjektive Fiktionen wie Legenden, Mythen, Götter und Religionen tauchen erstmals mit der kognitiven Revolution auf. Viele Tier- und Menschenarten konnten „Vorsicht Löwe!“ rufen. Aber dank der kognitiven Revolution konnte nur der Sapiens sagen: „Der Löwe ist der Schutzgeist unseres Stammes.“ Nur mit der menschlichen Sprache lassen sich Dinge erfinden und weitererzählen. Man könnte sie deshalb als „fiktive Sprache“ bezeichnen.

Nur wir Menschen können über etwas sprechen, das gar nicht existiert, und noch vor dem Frühstück zehn Gebete an einen fiktiven Wettergott verrichten. Einen Affen würden wir nie zu so etwas bringen. Aber warum ist diese fiktive Sprache dann so wichtig? Sind Phantasiegeschichten nicht gefährlich und irreführend, wenn man sich in der Welt zurechtfinden möchte? Warum hat sich unsere geistige Fähigkeit, an unwahre Geschichten zu glauben, nicht in Chaos aufgelöst und als evolutionäre Sackgasse erwiesen? Ist es nicht ein wahnsinniger Selektionsnachteil, sich Legenden über Einhörner auszudenken, wenn man die gleiche Zeit nicht auch viel besser mit Jagen, Kämpfen und Vögeln verbringen könnte?

Ja, ist es, teilweise. Aber mit der fiktiven Sprache können wir uns nicht nur Dinge ausmalen – wir können sie uns vor allem gemeinsam vorstellen. Wir können Mythen erfinden, wie die Schöpfungsgeschichte der Bibel, die Traumzeit der Aboriginals oder die nationalistischen Mythen der modernen Nationalstaaten. Diese und andere Mythen verleihen dem Sapiens die beispiellose Fähigkeit, flexibel und in großen Gruppen (1) großflächig und (2) flexibel zusammenzuarbeiten. Ameisen und Bienen arbeiten zwar auch in großen Gruppen zusammen, doch sie spulen nur starre Programme ab und kooperieren nur mit ihren Geschwistern. Schimpansen sind flexibler als Ameisen, doch auch sie arbeiten nur mit einigen wenigen Artgenossen zusammen, die sie gut kennen. Sapiens sind dagegen ausgesprochen flexibel UND können mit einer großen Zahl von wildfremden Menschen kooperieren. Und genau deshalb, nicht etwa aus moralischen Gründen, beherrschen die Sapiens die Welt, während Ameisen unsere Essensreste verzehren und Schimpansen kein weltweites Affenwirtschaftssystem aufgebaut haben.

3. Die Peugeot-Legende

Jede großangelegte menschliche Unternehmung – angefangen von einem archaischen Stamm über eine antike Stadt bis zu einer mittelalterlichen Kirche, einem modernen Staat oder eine vielleicht einmal existierende Weltregierung - ist fest in gemeinsamen Geschichten verwurzelt, die nur in den Köpfen der Menschen existieren. Glaubensgemeinschaften basieren auf diesen kollektiven Mythen. Zwei Katholiken, die einander nie zuvor begegnet sind, verstehen einander ohne lange Erklärungen, weil beide glauben, dass es einen Gott gibt, der seinen Sohn auf die Erde geschickt hat, und dass dieser sich kreuzigen ließ, um die Menschheit von ihren Sünden zu erlösen. Zwei Serben, die einander nicht kennen, verstehen sich problemlos, weil sie beide an die Existenz der serbischen Nation, des serbischen Territoriums und der serbischen Flagge glauben. Konzerne basieren auf gemeinsamen wirtschaftlichen Mythen: Zwei Mitarbeiter von Google, die einander noch nie gesehen haben, können um den halben Erdball hinweg zusammenarbeiten, weil sie an die Existenz von Google, Aktien und Dollars glauben. Rechtsstaaten fußen auf gemeinsamen juristischen Mythen: Zwei wildfremde Anwälte können effektiv kooperieren, weil sie an die Existenz von Recht, Gesetz und Menschenrechten glauben.

Diese Dinge existieren jedoch nur in den Geschichten, die wir Menschen erfinden und einander erzählen. Götter, Nationen, Geld, Menschenrechte und Gesetze gibt es gar nicht – sie existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungswelt.

Dass „primitive Menschen“ ihre Gesellschaft zusammenhalten, indem sie an Geister glauben und bei Vollmond um ein Feuer herumtanzen, verstehen wir sofort. Dabei übersehen wir gern, dass die fortschrittlichen Institutionen unserer modernen Gesellschaft keinen Deut anders funktionieren. Ein gutes Beispiel sind die Großkonzerne: Im Grunde sind Unternehmer und Anwälte gar nichts anderes als mächtige Zauberer. Die Geschichten, die sich moderne Juristen erzählen, sind sogar noch viel sonderbarer als die der alten Schamanen. Warum das so ist, verrät uns die Legende von Peugeot.

Auf vielen Straßen von Paris bis Sydney kann man eine Ikone bewundern, die entfernt an den Löwenmenschen aus dem Hohlenstein-Stadel erinnert. Es ist die Kühlerfigur von Autos der Marke Peugeot, einer der ältesten und größten Kraftfahrzeughersteller in Europa. Peugeot begann als kleiner Familienbetrieb im Tal von Valentigney, das rund 300 Kilometer von der Stadel-Höhle entfernt im Westen von Frankreich liegt. Heute beschäftigt der Konzern weltweit rund 200.000 Mitarbeiter, von denen sich die wenigsten je persönlich begegnet sind. Diese wildfremden Menschen arbeiten derart effektiv zusammen, dass Peugeot im Jahr 2008 mehr als 1,5 Millionen Fahrzeuge baute und einen Umsatz von rund 55 Milliarden Euro machte.

Aber in welcher Form existiert dieses Unternehmen Peugeot eigentlich? Es gibt zwar viele Fahrzeuge von Peugeot, aber die sind natürlich nicht das Unternehmen. Selbst wenn alle Peugeots der Welt von einem Tag auf den anderen verschrottet und eingestampft werden, verschwindet das Unternehmen nicht. Es produziert weiter neue Autos und legt jedes Jahr eine Bilanz vor. Das Unternehmen besitzt Fabrikhallen, Maschinen und Ausstellungsräume und beschäftigt Fließbandarbeiter, Buchhalter und Sekretärinnen, aber auch diese sind zusammengenommen nicht das Unternehmen Peugeot. Wenn eine Katastrophe sämtliche Fließbänder und Bürogebäude zerstören und sämtliche Peugeot-Mitarbeiter auslöschen würde, dann könnte das Unternehmen Kredite aufnehmen, neue Mitarbeiter anstellen, neue Fabrikhallen bauen und neue Fließbänder anschaffen. Peugeot hat Manager und Aktionäre, aber auch die sind nicht das Unternehmen. Selbst wenn alle Manager gefeuert und alle Aktien verkauft werden sollten, würde das Unternehmen selbst nach wie vor existieren.

Aber das bedeutet noch lange nicht, dass Peugeot unverwundbar oder unsterblich wäre. Wenn ein Gericht heute die Zerschlagung des Unternehmens anordnen würde, dann blieben die Fabriken, Arbeiter, Buchhalter, Manager und Aktionäre zwar erhalten, aber Peugeot wäre von einem Moment auf den anderen verschwunden. Man könnte fast den Eindruck bekommen, als wäre Peugeot gar nicht Teil unserer physischen Realität. Existiert es denn überhaupt?

In Wirklichkeit ist Peugeot ein Produkt unserer kollektiven Phantasie. Das Wort „Phantasieprodukt“ meint etwas, das nur erfunden ist, und das nur deshalb existiert, weil wir so tun, als würde es existieren. Aus diesem Grund sprechen Juristen von einer juristischen Fiktion. Das Unternehmen ist unsichtbar, es handelt sich nicht um ein physisches Objekt. Trotzdem existiert es als juristische Person. Genau wie Sie und ich muss es sich an die Gesetze der Länder halten, in denen es Fahrzeuge herstellt und verkauft. Es kann Bankkonten eröffnen und Eigentum erwerben. Es zahlt Steuern und kann verklagt werden, und zwar völlig unabhängig von den Menschen, die es besitzen oder für es arbeiten.

Peugeot gehört zu einer bestimmten Gruppe von juristischen Fiktionen, die als „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ bezeichnet werden. Hinter diesen Unternehmen verbirgt sich eine der originellsten Erfindungen der Menschheit. Der Homo sapiens kam ungezählte Jahrtausende lang ohne diese Konstruktion aus. Bis vor relativ kurzer Zeit konnten nur Menschen aus Fleisch und Blut Eigentum erwerben. Wenn Jean im Frankreich des 13. Jahrhunderts eine Werkstatt zum Bau von Fuhrwerken gründete, dann war er das Unternehmen. Wenn ein Fuhrwerk, das Jean gebaut hatte, eine Woche nach dem Verkauf auseinanderfiel, dann machte der verärgerte Kunde ihn höchstpersönlich dafür verantwortlich. Wenn sich Jean 1000 Goldmünzen geliehen hatte, um seine Werkstatt zu eröffnen, und nun pleite ging, dann musste er diesen Kredit zurückzahlen, indem er sein privates Eigentum verkaufte: sein Haus, seine Kuh und seinen Acker. Vielleicht musste er sogar das eine oder andere Kind in die Knechtschaft verkaufen. Und wenn er seine Schulden damit immer noch nicht begleichen konnte, dann wurde er in den Schuldturm gesteckt oder von seinen Gläubigern in die Sklaverei verkauft. Jean musste für sämtliche Verpflichtungen seiner Werkstatt haften, und zwar bis zum letzten Pfennig.

Zu Jeans Zeiten hätten Sie es sich vermutlich reiflich überlegt, ehe Sie ein Unternehmen gegründet hätten. Tatsächlich schreckte diese rechtliche Situation viele ab, sich als Unternehmer zu betätigen. Die meisten Menschen hatten Angst, dieses wirtschaftliche Risiko auf sich zu nehmen. Die Gefahr war einfach zu groß, damit sich und ihre ganze Familie ins Elend zu stürzen.

Daher stellten sich die Menschen kollektiv ein Unternehmen vor, das nur noch „beschränkte Haftung“ übernahm. Dieses Unternehmen war rechtlich unabhängig von den Menschen, die es gründeten, leiteten oder finanzierten. In den vergangenen Jahrhunderten wurden Unternehmen dieser Art zu den wichtigsten Protagonisten der Wirtschaft, und inzwischen haben wir uns so sehr an sie gewöhnt, dass wir völlig vergessen haben, dass sie nur in unserer Phantasie existieren. Im Gesetz werden diese Unternehmen auch als „Körperschaften“ bezeichnet, was eigentlich ironisch ist, denn diese Bezeichnung kommt vom Wort „Körper“ und genau den haben diese Unternehmen ja gerade nicht. Trotzdem behandelt das Gesetz sie genau so, als handele es sich um Menschen aus Fleisch und Blut.

Diese Unternehmen gab es auch schon im Frankreich des Jahres 1896. Damals beschloss Armand Peugeot, die elterliche Eisengießerei, in der Federn, Sägen und Fahrräder hergestellt wurden, zu einer Automobilfabrik umzubauen. Dazu gründete er eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Er taufte das Unternehmen zwar auf seinen Namen, doch es existierte unabhängig von ihm. Wenn eines seiner Autos liegenblieb, konnte der Kunde das Unternehmen Peugeot verklagen, aber nicht Armand Peugeot persönlich. Wenn das Unternehmen Peugeot Millionen von Franc aufnahm und pleite ging, dann schuldete Armand Peugeot den Gläubigern nicht einen einzigen Franc. Den Kredit hatte schließlich das Unternehmen Peugeot aufgenommen, nicht der Sapiens Armand Peugeot. Der Gründer starb im Jahr 1915. Das Unternehmen Peugeot existiert bis heute.

Aber wie genau schuf der Mensch Armand Peugeot das Unternehmen Peugeot? Ungefähr so, wie französische Dorfpfarrer im katholischen Nachbardorf jeden Sonntag aus Brot den Leib Christi erschufen. Im Grunde ging es in beiden Fällen um Geschichten und darum, andere Menschen von der Wahrheit dieser Geschichten zu überzeugen. In der Geschichte des Pfarrers ging es um das Leben und Sterben eines Mannes namens Jesus Christus, wie es von der katholischen Kirche erzählt wird. Wenn ein Priester mit all seinen heiligen Gewändern und geweihten Gerätschaften im richtigen Moment die richtigen Worte sprach, verwandelten sich gewöhnliche Oblaten in den Leib Christi, und gewöhnlicher Wein in das Blut Christi. Der Priester sprach die lateinische Formel „Hoc est corpus meum!“ (zu deutsch „das ist mein Leib“) und Hokuspokus! wurde das Brot zu Fleisch. Und nachdem der Priester alle nötigen Formeln gesprochen hatte, waren auch die Gläubigen überzeugt, dass es sich tatsächlich nicht mehr um Brot und Wein, sondern um den Leib und das Blut Christi handelte, und sie behandelten sie mit einer Ehrfurcht, die sie einer Oblate und einem Schluck Wein nie entgegengebracht hätten.

Im Falle des Unternehmens Peugeot stand die entscheidende Geschichte im französischen Gesetzbuch, wie es vom französischen Parlament verabschiedet worden war. Nach diesem Gesetz musste ein Notar nur die richtigen juristischen Rituale zelebrieren, die erforderlichen bürokratischen Zaubersprüche und Eide auf ein mit Schnörkeln verziertes Papier schreiben, sein Siegel darunter setzen, und Hokuspokus! schon war ein neues Unternehmen gegründet. Nachdem der Notar alle nötigen Formeln gesprochen hat, glaubten auch die Nachbarn von Peugeot, dass es nun zwei Peugeots gab: ihren Nachbarn Armand und dessen neues Unternehmen, die Peugeot AG. Letztere behandelten sie nun mit der Ehrfurcht, wie sie ein richtiges Unternehmen verdient hat.

( Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peugeot_New_Logo.jpg )
( Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peugeot_New_Logo.jpg )

Ideen von: Yuval Noah Harari

Stand: 2017

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Diese Website darf gerne zitiert werden, für die Weiterverwendung ganzer Texte bitte ich jedoch um kurze Rücksprache.