„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Welthunger

Hunger ist eine subjektiv wahrgenommene körperliche Empfindung, die bei einem Mangel an Nahrung eintritt. Die biologische Funktion des Hungerreizes besteht darin, die ausreichende Versorgung des Organismus mit Nährstoffen und Energie sicherzustellen. Reguliert wird das Hungergefühl unter anderem durch Neurotransmitter, die im Hypothalamus produziert werden.

Mit dem Ausdruck Welthunger wird die Situation beschrieben, dass international Menschen längerfristig unter Unter- oder Mangelernährung leiden.

Ein andauernder Nahrungs- und Flüssigkeitsmangel kann zu einem Hungertod führen.

1. Hunger früher

Hunger war lange Zeit der größte (Tod-)Feind des Menschen.

Die meisten unserer Vorfahren lebten andauend hart an der biologischen Armutsgrenze, unterhalb deren sie an Unterernährung und Hunger leiden mussten. Ein bisschen Pech oder ein kleiner Fehler konnte für eine ganze Familie oder ein Dorf leicht den Tod bedeuten. Wenn ein heftiger Regen die Weizenfelder zerstörte oder Räuber das Vieh mitnahmen, drohte man zusammen mit den Liebsten zu verhungern. Ein gemeinsames Missgeschick oder verherrende äußere Umstände führten zu großen Hungernöten. Wenn das alte Ägypten oder das mittelalterliche Indien von schweren Dürren heimgesucht wurden, war es beileibe keine Seltenheit, dass fünf oder zehn Prozent der Bevölkerung umkamen. Die Vorräte wurden knapp, der Transport erfolgte zu langsam, ausreichend Nahrungsmittel zu importieren war zu teuer - und die Mächtigen waren im Zweifelsfall viel zu ohnmächtig, um für Hilfe zu sorgen.

Wer ein beliebiges Geschichtsbuch aufschlägt, stößt mit hoher Wahrscheinlichkeit schnell auf schreckliche Darstellungen hungergeplagter, in den Wahnsinn getriebener Bevölkerungen. Im April 1694 schilderte ein französischer Beamter in der Stadt Beauvais die Folgen von Hunger und rasant steigenden Lebensmittelpreisen: Der gesamte Bezirk sei jetzt bevölkert von "unendlich vielen armen Seelen, ganz schwach vor Hunger und Elend, die an Entbehrung sterben, weil sie keine Arbeit oder keinen Beruf haben und deshalb kein Geld, um Brot zu kaufen. Verzweifelt versuchen sie, ihr Leben ein klein wenig zu verlängern und den Hunger zumindest ein bisschen zu stillen, und deshalb essen diese armen Leute so unreine Dinge wie Katzen und das Fleisch von Pferden, die gehäutet und auf den Misthaufen geworfen wurden. [Andere stürzten sich] auf das Blut, das fließt, wenn Kühe und Ochsten geschlachtet werden, und auf die Abfälle, die Köche auf die Straße werfen. Andere arme Kerle verspeisen Brennnensseln und Unkraut oder Wurzeln und Kräuter, die sie in Wasser kochen."[1]

Im selben Jahr (1694) überfiel auch ganz Frankreich eine große Hungersnot. In den vorrangegangenen zwei Jahren hatte schlechtes Wetter die Ernten zunichtegemacht, sodass die Getreidespeicher leer standen. Die Reichen verlangten exorbitante Preise für die Lebensmittel, die sie hatten horten können, und die Armen starben zuhauf. Zwischen 1692 und 1694 verhungerten rund 2,8 Millionen Franzosen - 15 Prozent der Bevölkerung -, während sich der Sonnenkönig Ludwig XIV. mit seinen Miträssen in Versailles vergnügte. Im Jahr darauf, 1695, traf der Hunger Estland und tötete ein Fünftel der Bevölkerung. 1696 war Finnland an der Reihe, wo ein Viertel bis ein Drittel der Menschen starb. Schottland erlebte zwischen 1695 und 1698 eine schwere Hungersnot, der in einigen Distrikten bis zu zwanzig Prozent der Bevölkerung zum Opfer fielen.[2]

Außerhalb Europas wütete der Hunger teilweise noch schlimmer. Eine der sicherlich größten Hungersnöte in der Geschichte der Menschheit war die Große Chinesische Hungersnot zwischen 1958 und 1961, der unglaubliche 20 bis 43 Millionen Menschen zum Opfer fielen.[3] Die Bezeichnung "Three Bitter Years" (Deutsch: Drei bittere Jahre) wird oft von chinesischen Bauern verwendet, um diese Periode zu beschreiben.[4]

2. Hunger heute

Heute sterben, zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, mehr Menschen, weil sie zu viel essen und nicht, weil sie zu wenig essen.

Technologische, ökonomische und politische Entwicklungen haben in den letzten hundert Jahren ein robustes Sicherheitsnetz geschaffen, das die allermeisten Menschen über der biologischen Armutsgrenze hält. Manche Gegenden werden von Zeit zu Zeit immer noch von Hungersnöten heimgesucht, aber sie sind mittlerweile die absolute Ausnahme und fast immer durch menschliches Machtstreben und nicht durch Naturkatastrophen und fehlende Nahrungsressourcen verursacht. Wenn der Aktivist Jean Ziegler sagt, ein Kind, das heute noch an Hunger stirbt, wird ermordet, hat er sicher Recht. Die weltweiten Reserven reichen um ein Vielfaches aus, um jeden Menschen mit genügend Nahrung zu versorgen. Wenn trotzdem noch ein Mensch verhungert, dann haben ihn im Regelfall irgendwelche afrikanische Warlords oder asiatische Terrormilizen getötet, nicht die Natur. Es gibt heute praktisch keine "natürlichen" Hungersnöte mehr auf dieser Welt, sondern nur politische.

Für die allermeisten Menschen gilt heute Folgendes: Selbst wenn jemand seinen Job und seinen gesamten Besitz verliert, ist es wenig wahrscheinlich, dass er an Hunger stirbt. Private Versicherungssysteme, staatliche Stellen und internationale Hilfsorganisationen bewahren ihn vielleicht nicht vor Armut, aber sie versorgen ihn mit ausreichend täglichen Kalorien, damit er überlebt. Wahrscheinlicher ist dahingegen, dass er aufgrund von Mangelernährung und fehlenden Nährstoffen früher stirbt als ein wohlhabender Mensch, der sich eine ausgewogene Ernährung leisten konnte. Dann stirbt er aber frühzeitig an Fehlernährung, nicht aber direkt an Hunger. Wenn heute irgendwo auf der Welt eine Getreideernte verhagelt wird oder von Pilzen befallen ist, sorgt ein globales Handelsnetz dafür, dass sich die Nation billig Kalorien vom Ausland kaufen kann und nicht hungern werden muss.

Zwar leiden noch immer Millionen Menschen jeden Tag Hunger, aber, in den meisten Ländern sterben nur recht wenige tatsächlich daran, so zynisch sich das vielleicht auch anhören mag. Und Armut verursacht auch noch zweifellos zahlreiche andere Gesundheitsprobleme und Mangelernährung verkürzt die Lebenserwartung selbst in den reichsten Ländern dieser Erde. So leiden etwa im reichen Frankreich erschreckende sechs Millionen Menschen (rund zehn Prozent der Bevölkerung) unter Ernährungsunsicherheit. Wenn sie am Morgen aufwachen, wissen sie nicht, ob sie mittags etwas zu essen bekommen, sie gehen oft hungrig zu Bett, oder sie ernähren sich unausgewogen und ungesund - viel ungesunde Kohlenhydrate und Fette, Zucker und Salz, wenig Eiweiß und Vitamine.[3] Doch Fehlernährung und Ernährungsunsicherheit ist nicht Hunger, und das Frankreich des 21. Jahrhunderts ist nicht das von 1694. Selbst in den heruntergekommensten Behausungen rings um Beauvais oder Paris sterben die Menschen nicht, weil sie wochenlang nichts zwischen die Zähne bekommen hätten.

Der gleiche Wandel vollzog sich auch in zahlreichen anderen Ländern, allen voran in China. Jahrtausendelang verfolgte der Hunger jede chinesische Regierung, vom Gelben Kaiser bis zu den roten Kommunisten. Noch vor ein paar Jahrzehnten war China ein Synonym für Nahrungsmittelknappheit. Millionenfach verhungerten Chinesien im Zuge des verheerenden "Großen Sprungs nach vorn", und Fachleute prophezeiten in schöner Regelmäßigkeit, das Problem werde sich mit zunehmender Bevölkerung immer weiter verschlimmern. 1974 fand die erste Welternährungskonferenz in Rom statt, und die Delegierten erklärten, dass China seine Milliardenbevölkerung niemals ernähren könne und deshalb geradewegs auf eine Katastrophe zusteuere. Tatsächlich steuerte das bevölkerungsreichste Land der Erde auf eines der größten Wirtschaftswunder der Menschheitsgeschichte zu. Seit 1974 gelang den Chinesen hundertmillionenfach der Sprung aus der Armut, und obwohl noch immer Hunderte Millionen unter Mangel und Fehlernährung leiden, ist China zum ersten Mal in seiner Geschichte frei von Hunger.

Tatsächlich ist in den meisten Ländern heute das weitaus schlimmere Problem, dass die Menschen zu viel essen. Im 18. Jahrhundert erteilte Marie Antoinette den hungernden Massen bekanntlich den Rat, wenn sie kein Brot hätten, sollten sie doch einfach Kuchen essen. Heute nehmen das nur allzu viele Menschen für bare Münze. Ausgerechnet sind es gegenwärtig die armen Menschen, die früher Hunger litten und kaum Kalorien zu Essen bekamen, und heute zu viel und zu fett- und zuckerhaltig essen, während die reichen Bewohner von Beverly Hills sich an Gartensalat und gedämpftem Tofu mit Leinsamensmoothies und Quinoa erfreuen, stopfen die Armen Bürger im Ghetto South Los Angeles Billigburger, Pizza und Schokoriegel in sich hinein. Im Jahr 2014 waren mehr als 2,1 Milliarden Menschen übergewichtig, während 850 Millionen an Unterernährung litten. 2010 starben rund eine Million Menschen an Hunger und Unterernährung, während der Fettleibigkeit drei Millionen zum Opfer fielen.[5]

Karte des Anteils an unterernährten Menschen an der Gesamtbevölkerung nach Staat.
Karte des Anteils an unterernährten Menschen an der Gesamtbevölkerung nach Staat.

2.1. Lösungsansätze

Wir haben den Welthunger also bereits sehr effektiv bekämpft. Auch das muss mal gesehen werden und man darf sich auch ruhig mal darüber freuen! Aber natürlich ist jeder Mensch, der heute noch verhungert, einer zu viel!

Das Welthungerproblem und dessen Lösungsansätze sind komplex. Ein Patentrezept gibt es nicht. Je nach Region müssen die dortigen sozialen, politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und geographischen Bedingungen berücksichtigt werden. Langfristig müssen Nahrungsversorgung und Einkommen der Armen gesteigert werden, indem deren Produktivität erhöht wird. Und kurzfristig sind Maßnahmen erforderlich, die diese Menschen kurzfristig versorgt.

Des Weiteren werden folgende Lösungsansätze (teilweise kontrovers) diskutiert:

Eindämmung des Bevölkerungswachstums, z.B. durch staatliche Maßnahmen, vermehrte sexuelle Aufklärung zur Empfängnisverhütung und allgemeine Bildungsprogramme insbesondere für Mädchen und Frauen. Laut Studien der Weltbank ist die Geburtenrate bei Frauen ohne Schulbildung dreimal höher als bei Schulabsolventinnen. Kontrovers beurteilt werden staatlich verordnete Maßnahmen wie die Ein-Kind-Politik Chinas; im dicht bevölkerten afrikanischen Ruanda, wo die Geburtenrate bei etwa sechs Kindern pro Paar liegt, bestehen Pläne für eine „Drei-Kinder-Politik“.

Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsmethoden, insbesondere die Förderung produktiverer und umweltschonender Anbautechniken und entsprechende Bildungsprogramme für Bauern. Die Bekämpfung der Desertifikation soll verhindern, dass landwirtschaftlich nutzbares Land verloren geht.

Gezielte Förderung demokratischer Reformen und Programme zur Bekämpfung von Korruption durch internationale Organisationen. So kann undemokratischen Strukturen und schlechten Regierungsführungen entgegengewirkt werden, die in vielen Entwicklungsländern Hunger verursachen oder begünstigen. Viele internationale Hilfsorganisationen setzen auf die großartigen Schulspeisungsprogramme. Durch kostenlose Schulmahlzeiten steigt die Zahl der Kinder und vor allem der Mädchen, die zur Schule geschickt werden, deutlich an. Gleichzeitig können sich Kinder, denen der Magen nicht vor Hunger knurrt, besser auf den Unterricht konzentrieren. So haben sie die Chance, den Kreislauf aus Hunger und mangelnder Bildung zu durchbrechen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen unterstützt jährlich über 20 Millionen Kinder in Entwicklungsländern mit Schulmahlzeiten.

Reform der Welthandelsstrukturen, etwa der Abbau der milliardenschweren insbesondere EU-(Agrar-)Exportsubventionen, mit denen die Industrieländer ihre landwirtschaftlichen Überschüsse verbilligt in Entwicklungsländer exportieren und so in Konkurrenz zu der einheimischen, sich z.T. selbsternährenden Kleinlandwirtschaft treten.

Schuldenerlässe, höhere und effizientere (uneigennützigere) Entwicklungshilfen, Agrartreibstoffproduktions zurückfahren und Sicherstellung gerechter Rohstoffpreise. Auch ein verbesserter Zugang für landwirtschaftliche Produkte aus Entwicklungsländern zu den Märkten der Industrieländer. Ob höhere landwirtschaftliche Exporte den Hungernden helfen, ist jedoch fraglich. Meist kommen die Exporterlöse lediglich einer kleinen Schicht von Großgrundbesitzern zugute. In vielen Ländern ist der Landbesitz sehr ungleich verteilt, die Mehrheit der Hungernden sind landlose Landarbeiter und Kleinbauern. Landreformen wären vielerorts ein Ansatz, um die Ursachen von Hunger und Armut anzugehen.

Börsenspekulationen auf Nahrungsmittel gesetzlich verbieten, um
Engpässe zu vermeiden.

Bekämpfung der Nahrungsmittelverschwendung im Besonderen in den Industrieländern. Von den 80 Kilogramm Lebensmitteln, die jeder Deutsche im Jahr wegwerfe, sind mindestens 50 Kilogramm vermeidbar.

Verzicht auf tierische- insbesondere auf Fleischprodukte. Für ein Kilo Rindfleisch werden außerhalb der EU bis zu 49 Quadratmeter Fläche benötigt. Zum Vergleich: Auf einem Viertel Quadratmeter Boden lässt sich bereits ein Kilo Kartoffel anbauen. Mit anderen Worten: Würden wir das (z.B. Getreide), was wir den Tieren verfüttern, selber essen, könnte damit ein Vielfaches an Menschen ernährt werden.

Verbesserung von Düngern und Pestiziden, Ertragsoptimierung durch Gentechnik.

Mehr Insekten essen statt Großtiere. Zur Erzeugung eines Kilogramms Insektenessen wird deutlich weniger Futter benötigt als für Großtiere. Außerdem sind die meisten Insekten sehr gesund: kohlenhydrat- fett- und cholesterinarm-, dafür viele Proteine, teilweise auch Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente.

Einzelne Forscher untersuchen auch Grundeinkommenskonzepte zur Bekämpfung des Hungers. Frankman und Busilacchi denken zur Finanzierung eines solchen transnationalen Grundeinkommens eine global erhobene Ökosteuer oder eine Börsentransaktionssteuer an. Eine Studie der NGO FIAN befindet, dass sich das Transfervolumen im Grundeinkommensfall eher noch verringern würde. Würde gemäß dieser Studie ein Land wie Deutschland weniger als den Betrag, den es sowieso schon an Entwicklungshilfe zahlen müsste, nämlich 0,24 % des Bruttoinlandsprodukts, in einen internationalen Grundeinkommensfonds für Ernährung einzahlen, könnte der Hunger mit einem Schlage ausradiert werden.[6]

Stand: 2017

Anmerkungen

[1] Tim Blaning, The Pursiut of Glory, New York 2008, S. 52

 

[2] Siehe z.B. J. Neumann und S. Lindgren, Great Historical Events That Were Significantly Affected by the Weather: 4.

 

[3] Peng Xizhe (彭希哲), "Demographic Consequences of the Great Leap Forward in China’s Provinces," Population and Development Review 13, no. 4 (1987), 639–70.

 

[4] Different Life of Scientist Yuan Longping (Chinesisch) Guangming Daily. 22. Mai 2007.

 

[5] "Global Burden of Disease, Injuries and Risk Factors Study 2013", in ´Lancet´, 18.

 

 

[6] http://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/25124/ssoar-avinus-2008-27042008-frankman-a_planet-wide_citizens_income_an.pdf?sequence=1

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Samstag, 18 März 2017 01:08)

    https://www.youtube.com/watch?v=qErZ2AQDMB4


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