„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Ich-Illusiontheorien

Es gibt viele Menschen und Theorien, die behaupten, das, was wir als "Ich" bezeichnen, sei nicht-existent:

Buddha soll Folgendes gesagt haben:

"Bloß Leiden gibt es, doch kein Leidender ist da.

Bloß Taten gibt es, doch kein Täter findet sich.

Erlösung gibt es, doch nicht den erlösten Mann.

Den Pfad gibt es, doch keinen Wand'rer sieht man da.

Von Dauer, Schönheit, Glück, Persönlichkeit

Ist leer die erste und die zweite Wahrheit,

Von Ichheit leer das todlose Gebiet,

Und ohne Dauer, Glück und Ich der Pfad."[1]

Rund 1.200 Jahre später schrieb David Hume:

"When I enter most intimately into what I call myself i always stumble on some particular perception or other, of heat or cold, light or shade, love or hatred, pain or pleasure. I never catch myself at any time without a perception, and never can observe any thing but the perception."[2]

In jüngster Zeit machten vor allem Werner Siefer und Christian Weber mit ihrem Buch "Ich – Wie wir uns selbst erfinden" auf sich aufmerksam:

"[Dieses Buch] ist eine Reise zum Mittelpunkt des Menschen, zu unserem Selbst. Dorthin, wo ein jeder nicht mehr ist als nur noch ein Ich. Doch Vorsicht! Dieser Ort heißt Nirgendwo. Und diesmal ist das keine besonders kitschige Phrase aus einem deutschen Schlager. Denn: Sie sind Niemand! Kein Ich, nirgends. Sie erfinden sich, jetzt, in diesem Augenblick, da Sie diesen Text lesen. Hinter Ihren Augen ist ein Nichts."[3]

Diese Theorien machen aber nur einen Sinn, wenn "Ich" als ein Gattungsbegriff für vom Gehirn grundverschiedene Entitäten und nicht einfach als ein Personalpronomen verwendet wird.

1. Cartesianisches Theater

Die beiden zuletzt genannten Autoren Siefer und Weber sind die geistigen Söhne des Hirnforschers Gerhard Roth. Dieser schreibt in "Fühlen, Denken, Handeln" selbst:

"[Die] erlebte Welt wird von unserem Gehirn in mühevoller Arbeit über viele Jahre hindurch konstruiert und besteht aus den Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Gefühlen, Wünschen und Plänen, die unser Gehirn hat. Innerhalb dieser Welt bildet sich [...] langsam ein Ich aus, das sich zunehmend als vermeintliches Zentrum der Wirklichkeit erfährt, indem es den Eindruck entwickelt, es "habe" Wahrnehmungen (d.h. dass Wahrnehmungen auf es bezogen sind), es sei Autor der der eigenen Gedanken und Vorstellungen, es rufe aktiv die Erinnerungen auf, es bewege den Arm, die Lippen, es besitze diesen bestimmten Körper, und so fort. Selbstverständlich ist dies eine Illusion, denn Wahrnehmungen, Gefühle, Intentionen und motorische Akte entstehen innerhalb der Individualentwicklung, lange bevor das Ich entsteht."[4]

Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass Roth gar nicht behauptet, es gäbe kein Ich. Er vertritt vielmehr zwei andere Thesen: (i) Das Ich bildet sich erst langsam in der erlebten Welt aus, die von unserem Gehirn konstruiert wird. (ii) Es ist eine Illusion anzunehmen, dieses Ich "habe" Wahrnehmungen [...], es sei Autor der eigenen Gedanken und Vorstellungen, es rufe aktiv die Erinnerungen auf, es bewege den Arm, die Lippen, es besitze diesen bestimmten Körper, und so fort."

Roths Meinung nach müssten Sätze wie:

(1a) "Ich erinnere mich an meine erste Liebe."
(1b) "Ich hebe meine Hand."

richtigerweise so übersetzt werden:

(2a) "Mein Gehirn erinnert sich an meine erste Liebe."
(2b) "Mein Gehirn bewegt meine Hand."

Dass diese Übersetzung nicht stimmen kann, zeigt schon der Ausdruck "mein Gehirn". Wie kann, wenn Roth Recht hat, ein Gehirn mein Gehirn sein? Und welchen Sinn hätte es dann noch zu sagen, dass es sich an meine erste Liebe erinnert und meine Hand bewegt?

Wenn ausschließlich die Übersetzungen (2) wahr sein können, ist das nur zu verstehen, wenn man davon ausgeht, dass Roth den ontologischen Dualismus akzeptiert, nach dem es einen substantiellen Unterschied zwischen "Seele" und "Gehirn" gibt. Dass (2) nicht in (1) überführt werden kann, bedeutet aber auch, dass Roth davon ausgeht, dass die menschliche Seele nicht auf das Gehirn und den Körper kausal einwirken kann. Roth vertritt also einen impliziten Epiphänomenalismus.

Der Dualismus im Allgemeinen und der Epiphänomenalismus im Speziellen haben mit so schwerwiegenden Problemen zu kämpfen, dass sie inzwischen von der  Mehrheit der Philosophen abgelehnt werden. Hier habe ich über diese Probleme geschrieben: Substanzdualismus, Seele, Cartesianischer Dualismus, EpiphänomenalismusEs scheint mir insbesondere seltsam, sich die Evolution als einen Prozess vorzustellen, bei dem sich nach und nach aus komplizierten Makromolekülen immer komplexere Lebewesen evolviert haben und dann plötzlich und irgendwann eine nicht-natürliche Seele entstanden ist, die im Großen und Ganzen noch einmal die gleichen Aufgaben erfüllt wie das Gehirn. Es gibt keine empirischen Gründe für diese Annahme.

Und natürlich würde auch Gerhard Roth, ein bekennender Naturalist, diese so niemals explizit vertreten. Das Problem ist, dass wir nicht zuletzt durch René Descartes im Westen die tiefliegende Vorstellung entwickelt haben, das "Ich" müsste etwas ganz anderes sein als das Gehirn oder der Körper. Wenn wir vom "Ich" reden, müssten wir damit eine Art "Homunkulus" bezeichnen, der neben dem Gehirn noch im Kopf sitzt und Reize wahrnimmt und Erlebnisse hat. Diese  cartesianische Vorstellung hat wohl auch Roth zu der Annahme gebracht, wenn es im Gehirn keinem Homunkulus gibt, dann gibt es auch kein Ich.

2. Selbstevidente Aussagen, Personalpronomen

Neben seinem Seele-Geist-Dualismus ist Descartes vor allem für sein Cogito-Argument bekannt. In der Meditationes de prima philosophia schreibt er:

"Aber ich habe in mir die Annahme gefestigt, es gebe gar nichts in der Welt, keinen Himmel, keine Erde, keine Geister, keine Körper: also bin doch auch ich nicht da? Nein, ganz gewiß war Ich da, wenn ich mich von etwas überzeugt habe. Aber es gibt irgendeinen sehr mächtigen, sehr schlauen Betrüger, der mit Absicht mich immer täuscht. Zweifelos bin also auch Ich, wenn er mich täuscht; mag er mich nun täuschen, soviel er kann, er wird doch nie bewirken können, dass ich nicht sei, solange ich denke, ich sei etwas. Nachdem ich alles genug und übergenug erwogen habe, muss ich schließlich festhalten, dass der Satz, Ich bin, ich existiere [...], sooft ich ihn ausspreche oder im Geiste fasse, notwendig wahr sei."

Die Pointe dieser Passage ist nicht, wie oft geglaubt wird, dass die Überzeugung, dass ich existiere, aus der Überzeugung, dass ich denke, abgeleitet wird (cogito, ergo sum). Es ist vielmehr der selbstreferentielle und letztendlich selbstevidente Charakter der Überzeugungen "ich denke" und "ich existiere". Wenn eine Person denkt "ich denke" oder "ich existiere", werden diese Überzeugungen allein dadurch wahr gemacht. Denn das "ich" bezieht sich auf den Urheber dieser Überzeugungen, und der muss existieren und muss denken, wenn er diese Überzeugungen hat. Eine Person kann sich in den Überzeugungen "ich denke" oder "ich existiere" also unmöglich irren.

Es gibt also zweifelslos so etwas wie "ich", auf das man sich mit Überzeugungen wie "ich existiere" sinnvoll beziehen kann und das diese wahr macht. Dieses "ich" ist aber kein Gattungsbegriff, mit dem mehrere Arten wie cartesische Seelen oder Gehirne bezeichnet werden. Das wird daran deutlich, dass Überzeugungen mit Gattungsbegriffen wie "der Löwe ist ein Säugetier" unabhängig vom Urheber wahr sind, Überzeugungen wie "ich bin eine Frau" hingegen nicht. Das Wort "ich" ist vielmehr als ein Personalpronomen zu verstehen, mit dem die aussagende Person immer auf sich selbst verweist.

Eine Person erlebt sich als ein phänomenales Selbst. Wenn sie sich zusätzlich darüber bewusst ist, also ein Selbstbewusstsein besitzt, kann sie von sich als "ich" reden. Damit meint sie nicht einen immateriellen Wesenskern oder ihr Gehirn, sondern eine Reihe von Körperattributen, Persönlichkeitseigenschaften und Bewusstseinsinhalten, mit denen sie sich identifiziert. Der Satz (1b) "Ich hebe meine Hand" kann folglich wahr sein, wenn es eine Hand ist, die durch Gründe und Wünsche gehoben wird, mit denen sie sich jeweils identifiziert. Dieser Satz bleibt auch dann noch wahr, wenn diese Gründe und Wünsche auf Hirnstrukturen reduzierbar und sogar letztendlich neuronal determiniert sind (Vgl. Kompatibilismus).

Einzelnachweise

[1] http://www.palikanon.com/wtb/sacca.html

 

[2] David Hume: A Treatise of Human Nature, p. 525

 

[3] Werner Siefer, Christian Weber, Ich – Wie wir uns selbst erfinden, S. 7

 

[4] Gerhard Roth, Aus Sicht des Gehirns, S. 395 f.

Siehe auch

Stand: 2018

 

Kommentare: 4
  • #4

    WissensWert (Montag, 04 Juni 2018 05:03)

    Illusionstheorien: Das Problem ist, dass wir uns aus der ersten Person Perspektive als frei erleben und das neuronale Geschehen aus der dritten Person Perspektive erstens für unser Endscheiden verantwortlich und zweitens determiniert zu sein scheint (siehe: Neurodeterminismus).
    EXPERIENCE GAP https://youtu.be/_rZfSTpjGl8

  • #3

    WissensWert (Mittwoch, 16 Mai 2018 21:39)

    "Das Ich ist nicht als ein fundamentales Naturphänomen anzusehen, sondern als ein kulturelles Artefakt, das in einem gesellschaftlich gestörten Attributionsprozess zustande kommt."
    - Wolfgang Prinz (zitiert nach: Michael Pauen: Die Zukunft der Hirnforschung)

  • #2

    WissensWert (Mittwoch, 08 November 2017 18:30)

    "Als relativ beständig zeigt sich ferner der an einen besonderen Körper (den Leib) gebundene Komplex von Erinnerungen, Stimmungen, Gefühlen, welcher als Ich bezeichnet wird. Ich kann mit diesem oder jenem Ding beschäftigt, ruhig und heiter oder aufgebracht und verstimmt sein. Doch bleibt (pathologische Fälle abgerechnet) genug Beständiges übrig, um das Ich als dasselbe anzuerkennen. Allerdings ist auch das Ich nur von relativer Beständigkeit. Die scheinbare Beständigkeit der Ich besteht vorzüglich nur in der Kontinuität , in der langsamen Änderung. Die vielen Gedanken und Pläne von gestern, welche heute fortgesetzt werden, an welche die Umgebung im Wachen fortwährend erinnert (daher das Ich im Traum sehr verschwommen, verdoppelt sein, oder ganz fehlen kann), die kleinen Gewohnheiten, die sich unbewusst und unwillkürlich längere Zeit erhalten, machen den Grundstock des Ich aus. Größere Verschiedenheiten im Ich verschiedener Menschen, als im Laufe der Jahre in einem Menschen eintreten, kann es kaum geben. Wenn ich mich heute meiner frühen Jugend erinnere, so müsste ich den Knaben (einzelne wenige Punkte abgerechnet) für einen anderen halten, wenn nicht die Kette der Erinnerungen vorläge IDENTIFIKATION. Schon manche Schrift, die ich selbst vor 20 Jahren verfasst, macht mir einen höchst fremden Eindruck. Die sehr allmähliche Änderung des Leibes trägt wohl auch zur Beständigkeit des Ich bei, aber viel weniger, als man glaubt. Diese Dinge werden noch viel weniger analysiert und beachtet, als das intellektuelle und moralische Ich. (Anm.1) Als ich diese Zeilen schrieb (1886), war mir Ribots schönes Buch "Les maladies de la personalité", in welcher dieser die Wichtigkeit der Gemeingefühle für die Konstitution des Ich hervorhebt, noch nicht bekannt. Ich kann seiner Ansicht nur zustimmen.
    -
    Das Ich ist sowenig absolut beständig wie der Körper. Was wir am Tode so sehr fürchten, die Vernichtung der Beständigkeit, das tritt im Leben schon im reichlichen Maße ein. Was uns das Wertvollste ist, bleibt in unzähligen Exemplaren erhalten, oder erhält sich bei hervorragender Besonderheit in der Regel von selbst. Im besten Menschen liegen aber individuelle Züge, um die er und andere nicht zu trauern brauchen. Ja zeitweilig kann der Tod, als Befreiung von der Individualität, sogar ein angenehmer Gedanke sein."
    - Ernst Mach

  • #1

    WissensWert (Mittwoch, 08 November 2017 18:23)

    "Das Ich ist so wenig absolut beständig wie der Körper. Was wir am Tode so sehr fürchten, die Vernichtung der Beständigkeit, das tritt im Leben schon im reichlichen Maße ein. Was uns das Wertvollste ist, bleibt in unzähligen Exemplaren erhalten, oder erhält sich bei hervorragender Besonderheit in der Regel von selbst. Im besten Menschen liegen aber individuelle Züge, um die er und andere nicht zu trauern brauchen. Ja zeitweilig kann der Tod, als Befreiung von der Individualität, sogar ein angenehmer Gedanke sein." - Ernst Mach


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