„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

1. Ist der Tod ein Übel?

Wenn man sich der Frage zuwendet, ob der Tod etwas Schlechtes ist, trifft man auf ein augenscheinliches Paradoxon: Wie kann irgendetwas schlecht für mich sein, wenn ich nicht länger existiere? Eine mögliche Antwort könnte sein: Der Tod von Hans ist nicht schlecht für Hans, sondern für seine Angehörigen und Freunde, die ohne ihn weiterleben müssen. Das - der Abschied - ist zweifelsohne eine furchtbare Tatsache über den Tod, aber nicht der zentrale Inhalt. Bedenken wir folgende Geschichten:

1. Dein bester Freund begibt sich auf eine 100 Jahre dauernde Spacemission. Es gilt als sicher, dass du ihn nach dem Abschied nie wieder sehen wirst. Der Start des Shuttles verläuft normal und dein Freund kommt sicher in der anderen Galaxie an, zu der es definitiv keine Kontaktmöglichkeiten gibt.


2. Gleiche Geschichte, aber 15 Minuten nach dem Start gibt es einen Unfall im Maschinenraum und das Spaceshuttle explodiert, dein Freund stirbt. – 

Intuitiv ist die zweite Geschichte schlimmer. 

Die relevante Frage ist also: Worin begründet sich das Schlechtsein des Todes für die Person, die den Tod erleidet? Eine Möglichkeit wäre der Sterbeprozess als solcher: Von wilden Tieren zerfleischt zu werden, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden oder Krebs im Endstadium ohne entsprechende Medikation sind Beispiele für sehr schmerzhafte Tode. Ein schmerzhafter Tod ist etwas Negatives, aber der Sterbeprozess kann nicht das zentrale Element sein, denn es gibt auch schmerzlose (neutrale) Tode wie z.B. den Tod im Schlaf oder unter Medikation. Wie sieht es mit der Antizipation des Todes aus? Zu wissen, dass man sterben wird, wird häufig als große Belastung angeführt. Aber - wie schon Epikur bemerkte - macht es nur Sinn, dass die Antizipation des eigenen Todes dich bedrückt, wenn der Tod selbst etwas Negatives ist, das über diese Antizipation hinausgeht; folglich ist auch die Antizipation des Todes nicht sein zentraler Negativgehalt. Der vielversprechendste Kandidat ist der, der am offensichtlichsten fehlgeht: die Nichtexistenz nach dem Tod. Denn, wie kann dich etwas betreffen, wenn du nicht existierst? Hier hilft ein komparativistischer Ansatz.

 

Es gibt nämlich zwei Wege, auf denen mich etwas betreffen kann - 1. Es gibt Dinge, die intrinsische Werte für mich haben wie z.B. Schmerz. 2. Es gibt Dinge, die schlecht für mich sind, weil sie mir etwas intrinsisch Gutes vorenthalten. Nichtexistenz kann nicht im ersten Sinne schlecht für uns sein, wohl aber im zweiten Sinne - es sind gewissermaßen die Opportunitätskosten. Der Tod ist schlecht, weil er uns des Lebens beraubt, das (wenigstens potentiell) intrinsisch gut für uns wäre.

2. Lukrez' Argument gegen das Schlechtsein des Todes

Der Philosoph und Dichter Lukrez behauptet, dass unser Empfinden gegenüber dem Tod asymmetrisch sei. Die Nichtexistenz vor unserer Geburt lässt uns kalt, wohingegen uns die Nichtexistenz nach unserem Tod zutiefst schreckt und verunsichert. Wenn uns die Nichtexistenz vor unserer Geburt nicht bedrückt, dann - so Lukrez - sollte es auch die Nichtexistenz nach dem Tode nicht tun. Welche Möglichkeiten haben wir hier?

1. Wir können mit Lukrez einverstanden sein.,
2. Wir können sagen, dass Lukrez recht hat und den Spieß umdrehen. Es ist etwas schlecht daran tot zu sein, also muss auch etwas Schlechtes an der Nichtexistenz vor der Geburt sein.,
3. Lukrez hat recht, es gibt zwei Perioden der Nichtexistenz, aber sie sind tatsächlich asymmetrisch und das rechtfertigt unsere Wahrnehmung des Todes als schlecht.

Die meisten werden die dritte Möglichkeit wählen und im Sinne der Opportunitätskosten werden auch wir versuchen für die Asymmetrie beider Nichtexistenzen zu argumentieren.
Eine typische Antwort ist folgende: Die Nichtexistenz vor dem Tod ist nicht mit Verlust verbunden, die Nichtexistenz nach dem Tod schon. Diese Antwort scheitert jedoch, denn mit dem Tod verlieren wir das Gehabte und vor der Geburt besitzen wir das Leben noch nicht. Ist es nicht seltsam, dass wir uns mehr um den Verlust von etwas (das Nicht-mehr-besitzen), als das Noch-nicht-besitzen sorgen? Ist es gleich gut zehn Jahre früher geboren zu sein als zehn Jahre länger zu leben? Die Angelegenheit ist komplizierter, als es auf den ersten Blick erscheint.

2.1. Welche Antworten bietet die Literatur?

Thomas Nagel: Die Geburt ist ein notwendiger Fakt - denn eine frühere Geburt hieße eine früheres Ei, ein anderes Spermium, ein anderer Mensch, aber der Tod ist nur ein kontinuierlicher Fakt. Eine frühere Geburt ist nicht möglich, ein späterer Tod schon.
Replik auf Nagel: Stellen wir uns eine Gametenbank vor und die Frage eines Individuums, dass in dieser Gametenbank gezeugt wurde: "Hätten Sie mein Spermium und mein Ei zehn Jahre früher zusammengebracht..?" - Es scheint, dass die Geburt nicht immer ein notwendiger Fakt ist.

Fred Feldmann: Was geschieht, wenn wir uns vorstellen, früher gelebt zu haben? Wir nehmen unser ganzes Leben und transferieren es auf einen früheren Zeitpunkt. Wir stellen uns kein längeres Leben vor, sondern das gleiche Leben früher. So ist es kein Wunder, dass die Nichtexistenz vor unserer Geburt kein Problem für uns darstellt, da uns in diesem Fall kein weiteres Leben zuwächst. Im Fall der Nichtexistenz nach dem Tod jedoch schon, denn je länger wir leben, desto länger leben wir.
Replik auf Feldmann: Es gibt mögliche Fälle, in denen wir länger gelebt hätten, wenn wir früher geboren wären. Angenommen, in zwei Monaten trifft ein riesiger Meteorit die Erde und löscht alles Leben aus. Wenn ich 10 Jahre früher geboren wäre, hätte ich 30 Jahre gelebt und nicht nur 20.

Derek Parfit: Warum ist Verlust schlimmer als Noch-nicht-besitzen? Es ist keine willkürliche Entscheidung, sondern Ausdruck einer generellen menschlichen Herangehensweise: Wir sorgen uns auf eine Art und Weise um die Zukunft, auf die wir uns nicht um die Vergangenheit kümmern - wir sind zukunftsgerichtete Wesen. Ein Beispiel: Es steht eine schwere, aber notwendige Operation an und die Gabe von Schmerzmitteln ist nicht möglich. Nach der Operation wird jedoch eine Lokalamnäsie durchgeführt und die Schmerzen der Operation vergessen. Angenommen, du, als Patient, wachst auf und fragst - du hast ja keine Erinnerung -: Ist die Operation schon vorbei? Würdest du dich eher über ein Ja oder ein Nein freuen? Offenkundig will man die Operation bereits hinter sich gebracht haben. Ist das seltsam? Für dein Leben macht es keinen Unterschied! Dieses Beispiel verdeutlicht, dass wir uns Schmerzen in die Vergangenheit und Freude in die Zukunft projektieren wollen. Wir haben eine asymmetrische Einstellung gegenüber der Zeit.
Replik auf Parfit: Ist diese Einstellung rational?

Unterm Strich ist die beste Antwort auf Lukrez' Frage strittig. Allerdings erfassen die Opportunitätskosten den Kern des Nachteils des Todes: Der Tod beraubt dich des Lebens und nimmt dir, was du hättest, wenn du noch am Leben wärest.

Gastautor: Max-Magnus Fritzsche


Anmerkung: Dieser Gastbeitrag zeigt einen Ausschnitt aus
einer umfassenderen Hausarbeit zum Thema "Ist der Tod ein Übel?"

Kommentare: 0

Impressum | Datenschutz | Sitemap
Es darf kein Inhalt dieser Seite weiterverbreitet werden, sofern nicht mein Einverständnis dafür vorliegt.