„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Warum glauben wir?

Der Mensch läuft, um anzukommen, er isst, um satt zu werden und schläft, um danach erholt zu sein. Und warum glaubt der Mensch an Gott?

Fragen wir uns dafür zunächst einmal: Warum macht der Mensch denn überhaupt irgendetwas?

Für manche Äußerungen kann er ja wahrlich herzlich wenig: Er ist nun mal mit einer großen Nase auf die Welt gekommen oder hat von Geburt an braune Haare. Diese Umstände liegen nicht in seiner Hand und sind der Genetik zuzuschreiben. Andere Dinge aber können wir sehr wohl bewusst, sagen wir zumindest mehr oder weniger, beeinflussen. Wir können uns ja zum Beispiel ganz einfach auch dagegen entscheiden, zu schlafen, zu essen oder zu laufen. Entscheiden wir uns jedoch für eine solche „freie“ Tat, muss es in uns einen bewussten oder unbewussten Grund dafür geben. Ein, mein sehr allgemeiner Erklärungsansatz für diesen Handlungsgrund stellt die Bedürftigkeit des Menschen in die Mitte: Thomas hat Hunger und möchte deshalb einen Hamburger essen, Thomas ist müde und möchte deshalb bald schlafen, Thomas hat aber etwas im Wohnzimmer liegen lassen und möchte deshalb noch einmal dahin zurücklaufen usw. usf. Wir handeln, wenn wir (a) ein Bedürfnis verspüren und (b) wir uns von oder infolge von der Handlung eine Befriedigung dieses Bedürfnisses versprechen. Doch welche Bedürfnisse treiben uns zu Gott und wie erhoffen wir sie uns durch Gott eines Tages befriedigt zu wissen?

 

Eines muss klar sein: Die etwaige Existenz oder Nicht-Existenz Gottes allein ist kein hinreichender Gott für den Glauben oder Unglauben an bzw. ein Leben bzw. kein Leben mit Gott. Nur weil es Gott gibt, muss man ihm nicht sein Leben widmen. Einem Gott beispielsweise, der irgendwie in seinen eignen Sphären allmächtig vor sich hinexistiert, ohne uns Erlösung zu versprechen oder sich sonst wie für uns zu interessieren, dem würden wir keine Kirchen bauen oder Feste feiern. Wenn es zwei Götter geben sollte, einer „allgemein gutgesonnen“ und der andere „komplett bösartig“, dann würden wir uns auf die Seite des guten Gottes schlagen. Und auch wenn beide Götter nur erfunden wären, würden sich viele Menschen wahrscheinlich immer noch genauso opportunistisch verhalten. Es ist also nicht die bloße Existenz oder Nichtexistenz Gottes, die uns Glauben bzw. in seinem Willen handeln lässt, sondern vielmehr unsere genaue Vorstellung von Gott bzw. was wir uns dadurch von ihm erhoffen.

1. Sinn und Sehnsucht

Der christliche Glaube basiert auf der zentralen Annahme, Jesus Christus sei für die Sünden der Menschen am Kreuz gestorben und dass wir durch ihn ein ewiges, glückerfülltes Leben erlangen könnten. Christus´ Kreuz ist quasi seine Brücke, für uns, über die Sünden die uns seither von Gott getrennt hatten hinweg, hin zu Gott und in sein Himmelreich.

Mit diesem stellvertretenden Sühnetod beginnt die christlich-abendländische Zeitrechnung. Für einen Christen ist es die Kernessenz des Leben Jesu, der Weltgeschichte, seines Weltbildes und die Bibel dessen Grundlage. Nur: Jesus hat nie behauptet, dass sein Tod auch nur irgendetwas mit unseren Sünden zu tun hat. An keiner Stelle der Bibel, und ja ich habe sie durchgelesen, habe ich die zentrale Behauptung des Christentums gefunden.

Ich habe einen Theologen gefragt, ob das sein kann. Und ja, es kann nicht nur so sein - es ist tatsächlich auch so! Es gibt lediglich eine paar vage Formulieren Jesu (etwa Matthäus 26: 26-28, Einsetzung des Abendmahles oder Markus 10: 45), deren Interpretationsspielraum so weit ist, dass man die Aussage er wird für unsere Sünden ans Kreuz gehen rauslesen könnte und ein paar Statements von Personen nach Jesu (Kolosser 2: 14, Galater 2: 20). Die moderne Formulierung „Jesus ist für euch am Kreuz gestorben“, findet man aus Jesus Munde in unserer 1500-Seiten langen heiligen Schrift jedoch nicht so und auch nicht ungefähr so. Jesu „outet“ sich kein einziges Mal als Messias, wie er z.B.: durch Jesaja im alten Testament prophezeit wurde, obwohl dies im Sinne des Christentums doch eigentlich seine Botschaft an die Welt sein soll!

Aber es geht auch gar nicht darum, ob genau diese Erlösergeschichte rund um die Person Jesus teilweise oder ganz erfunden wurde. Vielmehr geht es um ein Prinzip: Wenn viele Religionen von sich behaupten, sie hätten die einzig wahre Wahrheit gefunden, neben der es keine gleichwertige geben könne, dann müssen mindestens alle bis auf eine Religion auf Unwahrheiten beruhen. Es kann nicht mehrere einzige Götter geben, Menschen glauben aber an viele, weswegen einige von ihnen erfunden sein müssten, aber sollte sich jemand eine Heilsgeschichte wie die um Jesus Christus ausdenken? Und dann so viele Leute nach dieser Vorstellung ihr Leben ausrichten?

2. Sinn und Sehnsucht

Das anthropogen bewusste Erschaffen eines Gottesbildes kann natürlich verschiedenartig motiviert sein, die ersten Punkte, die ich in diesem Abschnitt zusammenfassen möchte, dürften dabei relativ offensichtlich sein:

Dem Mensch wird gemeinhin unwohl, denkt er an seinen eigenen Tod. Ihm missfällt die Vorstellung einfach nicht mehr zu sein oder er hat Angst vor der Ungewissheit, die dieses singuläre Ereignis mit sich bringt. Das christliche Heilsversprechen setzt genau da an: Durch den Kreuzestod Jesus Christus kann der Mensch seine eigene Endlichkeit überwinden und der eigene Tod ist nichts Undurchschaubares mehr, sondern durch die Bibel offengelegt.

Mehr noch, das Leben nach dem Tod, wie es darin beschrieben wird ist wahrhaft paradiesisch. Man ist von Gold und Glanz umgeben „und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“ (Offenbarung 21: 4). Und endlich kann man die verstorbenen, einem doch so nahestehendem Personen glücklich und sich durch die Vorstellung, sie eines Tages im Himmel alle in Ewigkeit und Glück wiederzusehen getröstet wissen.

Außerdem bietet der christliche Glaube ein passendes Pendant zur klaffenden Sinnlehre, die viele Menschen gerade heutzutage verspüren. Für jemanden der an den Gott der Bibel glaubt passiert nichts mehr zufällig, alles Geschehen, auch sein eigenes Schicksal ist Teil eines größeren, wunderbaren und sinnbehafteten Plans. Sein Leben hat einen Sinn.

Und nicht zuletzt tritt mit Gott eine Person in unser Leben, die ständig bei uns ist, uns vollkommen versteht und – wem würde das nicht guttuen? - unendlich und bedingungslos lieb hat. Dabei ist es, wie gesagt, vollkommen irrelevant, ob dieser Gott auch tatsächlich existiert oder nicht, dass Gefühl nicht mehr alleine zu sein und verstanden zu werden setzt z.B.: auch bei Schizophrenen ein, die sich ihren Freund offensichtlich einbilden.

Ein Gott, der uns die Angst vor dem Tod nimmt und ein ewig glückseliges Leben mit unseren Liebsten verspricht, ein Gott, der unser Wirken in einem größeren Wirkungszusammenhang sieht und dem Leben endlich wieder einen Sinn verleiht, ein Gott der immerzu für uns da ist und uns lieb hat, egal was wir wieder angestellt haben et cetera pp. Ein Gott, der offensichtlich unser Sinn für Sehnsüchte und unsere Sehnsucht nach Sinn zu befriedigen weiß. Ganz ehrlich, wenn ich mir mein eigenes Heilsversprechen schreiben könnte, es würde wahrscheinlich genauso aussehen.

Es mag sein, dass das alles stimmt. Genauso gut, wie es auch das fliegende Spaghettimonster geben könnte, könnte auch der Gott der Bibel existieren. Eines ist sicher: Wir wollen es! Vielleicht ein äußerst glücklicher Zufall für uns Menschen, vielleicht aber auch das entscheidende ein Motiv?

3. Angst

„Die Religion stützt sich vor allem und hauptsächlich auf die Angst. Teils ist es die Angst vor dem Unbekannten und teils, wie ich schon sagte, der Wunsch zu fühlen, dass man eine Art großen Bruder hat, der einem in allen Schwierigkeiten und Kämpfen beisteht. Angst ist die Grundlage des Ganzen – Angst vor dem Geheimnisvollen, Angst vor Niederlagen, Angst vor dem Tod. Die Angst ist die Mutter der Grausamkeit, und es ist deshalb kein Wunder, dass Grausamkeit und Religion Hand in Hand gehen, weil beide aus der Angst entspringen. […] Eine gute Welt braucht Wissen, Güte und Mut, sie braucht keine schmerzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, keine Fesselung der freien Intelligenz durch Worte, die vor langer Zeit von unwissenden Männern gesprochen wurden. Sie braucht einen furchtlosen Ausblick auf die Zukunft und eine freie Intelligenz.“

 Bertrand Russell in Warum ich kein Christ bin

Nun arbeiten Religionen (leider!) nicht nur mit positiven Anreizen. Bertrand Russel etwa hat in seinem grandiosen Aufsatz Warum ich kein Christ bin die negativen Anreize, die das Christentum setzt, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt. Den wesentlichen Unterschied zwischen der vergangenen antiken und der aktuellen christlichen Welt konstatierte er im „Fehlen jeglichen Sündenbegriffs“ bei den alten Griechen. Der Sündenbegriff infiltriere unser Denken, die Angst vor Sünde und Strafe sei Triebfeder des Glaubens.

  • Schuldgeld: Nicht nur im Religions-, auch im Wirtschaftsunterricht lehrt man uns die absurde Idee, dass jemand mit Schulden auf die Welt kommen kann, ohne irgendetwas dafür getan zu haben.

 

Tatsächlich sind nicht nur die Versprechen bei Annahme bzw. Einhaltung der Lehre bzw. Regeln, sondern auch die Androhungen bei Nichtannahme bzw. Nichteinhaltung der Lehre bzw. Regeln für viele ein Grund zu glauben.

Gegenwärtig betont die Kirche mehr die Versprechen, den neutestamentlich gütigen und errettenden Gott (z.B. Jesusfreak-Bewegung), im Mittelalter lag der Fokus hingegen klar auf den alttestamentarischen, patriarchalischen und strafenden Gott und negativen Anreizen (z.B. Ablassbriefe). Warum ist das so? Sehen wir uns dazu den damals und heute herrschenden Zeitgeist an: Früher war der Glaube ein großer Machtfaktor. Die Menschen wurden von Existenzängsten getrieben, wer den Glauben der Menschen beherrschte, beherrschte ihre Ängste, beherrschte sie. Heutzutage ist man aufgeklärter, aber auch orientierungsloser. Nun pickt man sich eben gerade die anderen Sätze heraus und instrumentalisiert somit ein hoch widersprüchliches uraltes Buch für seine eigenen Bedürfnisse. Früher war der Glaube ein Machtinstrument für ein ohnmächtiges Volk, heute immer mehr der Sinnautomat für den Einzelnen. Die institutionalisierten Religionen passen sich dabei nur schwerfällig an die westliche Spiritualisierung an.

Aber gehen wir zurück zu unserer eigentlichen Fragestellung: Wie kam der Glaube auf die Erde? Es ist gut vorstellbar, dass der Glaube zur Machtausübung erfunden (etwa von Paulus durch die Mystifizierung des Todes eines Mannes) oder neuinterpretiert, dabei oft mit Negativassoziationen gearbeitet wurde. Auch sein Fortbestand wird zumindest in Teilen noch durch immerwährende Angstzustände gesichert. Die Lehre einer ewigen, qualvollen Hölle ist dabei nur die Spitze des Eisberges. Mehr dazu hier: Theodizee.

Oder einfacher ausgedrückt: Es scheint mir zumindest wahrscheinlich, dass Gott durch Wünsche / Ängste entstanden ist und durch Wünsche / Ängste fortexistiert.

„Wer keine Angst vorm Teufel hat, braucht auch keinen Gott.“

4. gerade dann, wenn.

Gläubige Menschen sagen oft etwas wie: „Spätestens in einem abstürzendem Flugzeug gibt es keine Atheisten mehr.“ Damit wollen sie ausdrücken, dass alle Menschen in schwersten Situationen ihren Gott brauchen. Und tatsächlich, in ihrem Ringen suchen und finden psychisch oder physisch leidende Menschen oft Halt in einer höheren Macht. Ich kann das sehr gut nachvollziehen: Wenn mein Flugzeug im steten Sinkflug begriffen wäre, würde auch ich auf eine allmächtiges Wesen hoffen, dass mich rettet.

Doch was sagt uns dieser Spruch wirklich? Doch gerade dies, dass uns die Vorstellung eines allmächtigen Gottes genau dann kommt, wenn wir sie brauchen. Wir kennen unser Motiv, hochverdächtig also. Menschen in einem abstürzenden Flugzeug werden schlagartig und frontal mit Endlichkeit, Nichtigkeit und Hilflosigkeit usw. konfrontiert – kurz – sie sind hochbedürftig und suchen im freien Fall händeringend nach Halt, mitunter nach Gott. Müsste aber nicht, wäre da wirklich ein allmächtiges Wesen, dass sich uns zeigen möchte, dieses in ihrer unbegrenzten Allmacht dazu fähig sein, sich unmissverständlich und für alle ersichtlich zu zeigen, und nicht nur infolge eines urmenschlichen Sicherheitsbedürfnis in schwierigen Situationen?

5. Man findet, was man sucht

Manch ein Gläubiger mag nun protestieren: „Stimmt nicht! Mein Gott offenbart sich auch, wenn man ihn nicht sucht.“ Doch stimmt das?

In den meisten Fällen nicht. Man findet i.d.R. meist nur und genau das Transzendente Etwas, was man auch sucht. Oder haben Sie schon einmal von einem Menschen gehört, der in einem asiatischen Kloster Buddha suchte und Jesus fand? Wohl kaum. Wenn solche Fälle doch in großem Maße auftreten würden, wäre das wohlmöglich stark ein starkes Indiz für die Offenbarung eines christlichen Gottes. Tatsächlich finden aber auch genau die Leute Jesus, die Jesus suchen und diejenigen Buddha, die Buddha suchen. Und nochmal: Würde es einen einheitlichen Gott geben, der alles kann und sich uns offenbaren will, fänden sich alle Wahrheitssuchende beim gleichen Gottesbild wieder. Stattdessen aber landen „Unvoreingenommene“ bei den unterschiedlichsten Befunden.

6. Besser sein

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“
„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“

Nicht wenigen Menschen geht es mit ihrem Glauben in erster Linie nicht darum, gut dran zu sein. Besser zu sein, lautet die Devise. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie bekämen von heute an 500€ mehr Gehalt vom Chef. Prima, oder? Bis Sie erfahren, dass ihr Arbeitskollege für die gleiche Arbeit 1000€ oben drauf bekommt. Plötzlich sind sie unzufrieden, obwohl ihr Jahresgehalt gerade noch um 6.000€ aufgestockt wurde. Oft vergleichen wir und oft geht es mehr um das relative besser, als um das absolute gut sein. Es geht uns um Identifikation, Profilierung.

In dieser traurigen Angewohnheit machen wir keinen Halt vor Interreligiösem:

In den säkularisiert, christlich-westlichen Staaten findet man das vielleicht nicht ganz so häufig. In arabisch-muslimischen und auch im Judentum, sagt deine Religionszugehörigkeit viel über den Stellenwert, den du für eine Person hast, aus.

Die Bewohner einer abgelegenen Küstenregion im Mittelmeer, jüdische Israeliten beispielsweise sehen sich selbst als das von Gott außerwählte Volk, und nicht selten als die Kämpfer für das Gute, an. Bewusst oder unbewusst sind sie von der Überlegenheit der eigenen Gruppierung überzeugt. Und wo sich einer überlegen fühlt, sieht er andere als unterlegen an.

Aber auch texanische Christen rüsten sich für die apokalyptische Schlacht gegen den Antichristen, der wahlweise Kommunismus oder Islam heißt. Ein Kampf von uns, den Guten, gegen sie, den Bösen.

Nicht zu vergessen beim Geltungsdrang der Religiösen sollte man den Islam und den arabisch-islamischen Rechtsbegriff „Kāfir“ (Ungläubiger). Unter vielen Muslimen ist Kāfir ein sehr derbes Schimpfwort, mit dem man einen Menschen entwürdigt.

Weiteres Beispiel bezüglich der muslimischen Religion: Nicht nur Westler echauffieren sich (wie ich finde zu Unrecht) über Mädchen mit Kopftüchern, es gibt auch Araber, die sich Mädchen ohne Kopftücher aufregen. Vor nun gut zwei Jahren habe ich einen Mann mit seiner verschleierten Ehefrau herablässig auf eine unverschleierte herabsehen und auf den Boden spucken sehen.

Manchmal kommt es mir so vor, als ob es in ausnahmslos jeder Religion reichlich Leute gibt, die peinlich genau auf die religiösen Verhaltenssätze schauen, nur um sich damit gegenüber weniger strengen oder gar nicht gläubigen Mitmenschen zu profilieren. Weil er sich und dem Mitmenschen das Gefühl seiner moralischen Überlegenheit suggerieren, weil er etwas Besseres sein möchte.

"Da ist etwas in einem, über das man nichts weiß, etwas, dass man so lange verleugnet, bis es zu spät ist, etwas dagegen zu tun. Es ist der einzige Grund, dass man am Morgen aufsteht, seinen beknackten Chef erträgt und all das Blut, den Schweiß und die Tränen. Und das nur damit dass alle wissen, wie gut, attraktiv, großzügig, witzig und clever man ist. Fürchtet oder verehrt mich, aber bitte haltet mich für etwas Besonderes. Wir haben alle die selbe Sucht. Wir sind Anerkennungsjunkies. Wir gieren alle nach dem Schulterklopfen, der goldenen Uhr, dem verdammten Applaus, dem Siegerpokal. Shine on you crazy diamond. Wir sind bloß Affen, in Anzüge gesteckt, die um Anerkennung betteln. Wenn wir das wüssten, würden wir all das nicht tun. Irgendjemand versteckt diese Wahrheit vor uns. Und hätte man eine zweite Chance, dann würde man fragen: Wieso?"

- Revolver (Film)

"Koexistenz beschreibt das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhängige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge." Wikipedia
"Koexistenz beschreibt das gleichzeitige Vorhandensein verschiedener Systeme. Verstanden wird darunter oft das friedliche, aber unabhängige Nebeneinander zweier (mehrerer) Dinge." Wikipedia

Ich weiß nicht, ob wir unterm Strich ohne Religionen besser dran wären, ein Grund weniger zwischen „verschiedenen Menschen“ zu unterscheiden hätte die Welt damit.

7. einfache Welterklärung

7.1. Bedürfnis Welterkenntnis

Im Laufe seiner biologischen und schließlich kulturellen Evolution wurde das Verlangen auch das nicht unmittelbar zum Überleben notwendige zu begreifen beim Menschen immer stärker. Man will die Welt verstehen. Wohlmöglich war es dieses unscheinbare Bedürfnisse, gekoppelt mit der Fähigkeit es zu befriedigen, was unsere Art so erfolgreich werden ließ.

Aus diesen Kräften als ominöse Lückenfüller beim menschlichen Weltverständnis wurden dann mehr und mehr Götter, Halbgötter und andere übernatürliche Wesenheiten. Ein Donnergott erklärte so zum Beispiel die Wetterphänomene, über den Feuergott brachte er das Feuer auf die Welt, ein Jagdgott entschied über Glück und Pech bei der Jagd und die Fruchtbarkeitsgöttin über eine gelungene oder misslungene Geburt. Aus diesem Götterzoo entwickelten sich Götterwelten, wie man sie beispielsweise bei den Griechen, Römern und Germanen vorfinden konnte. Damit sind wir jetzt bei einem Polytheismus, d.h. der Glaube an viele Götter. Vor allem mit Abraham und den drei ihm entstammenden monotheistischen Weltreligionen (Judentum, Christentum, Islam) schwanden diese Götter mit ihren Fachgebieten und übrig blieb ein einziger Gott als Welterklärung. Diese Form des Glaubens, der Monotheismus, ist vor allem im westlichen Kulturkreis und im Nahen und mittleren Osten vertreten.

Auf viele Fragen fanden und finden wir jedoch keine Antwort. Und so entstanden mit diesem Bedürfnis auch die ersten Ausprägungen der menschlichen Religiosität: Zu Beginn der Kulturentwicklung sahen wir noch hinter jedem Naturereignis und jedem uns unerklärlichen Phänomen eine bewusste Kraft, wie es der Mensch eine ist. Der entsprechende Terminus für diese Entwicklungsstufe der Religion ist Pantheismus („Alles ist Gott“) oder „Animismus(Allbeseelung). Interessanterweise trat das kulturelle Phänomen (Falls wir Gott erschaffen haben sollten, ist Religion nicht viel mehr) Religion damals, vor etwa 120.000 Jahren, zum ersten Mal nicht nur beim Menschen, sondern auch beim Neandertaler auf.

2. bezeichnend

Für Fundamentalisten war und ist Gott bzw. die eigene religiöse Lehre eine Allantwort auf absolut alles. Eine denkbar einfache Antwort, so eine einfache Allantwort. Gott. Was soll ich tun? Hör auf Gott. Gott sagt einem, was Gut und Böse, richtig oder falsch ist. Man muss nicht mehr selbst ständig selbstständig nachdenken, was nun das richtige Verhalten wäre. Die Antwort ist Gott. Und nun frage ich: Wo liegt der grundlegende, intellektuelle Unterschied zwischen wissenschaftsfeindlichen Theisten, die Gott um gutes Wetter bitten und Kindern, für die der Schnee aus Frau Holles Kissen kommt?

Liberalere Theisten akzeptieren die wissenschaftliche Erklärung von bspw. Wetterphänomenen. Ist etwas auf natürlichem Wege erklärbar, schleudert Gott, schwuppdiwupp, die Blitze doch nicht mehr vom Himmel. Sondern die Elektrostatik und die Meteorologie. Gott ist hier noch für metaphysische und diejenigen anderen Fragen zuständig, die wir immer noch nicht auf natürlichem Wege erklären können.

„Alle großen Wahrheiten beginnen als Blasphemie.“
George Bernard Shaw

Ist das nicht bezeichnend? Ist es nicht bezeichnend, dass Gott immer für genau das verantwortlich war und sein soll, worauf wir noch keine anderen Antworten als die „Allantwort Gott“ haben? Und sich immer zurückzieht, sobald die Wissenschaft eine weitere Erklärung hat? Das Primat eines real existierenden Gottes dürfte sich doch nicht mit der Zeit ändern? Nicht im ständigen Rückzugsgefecht gegenüber der irdischen Wissenschaften stehen?

 „Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermütig,

um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen.

Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelikatesse gegen uns Denker

- im Grunde sogar ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken!“

- Friedrich Nietzsche

Stimmt, ist sie: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.“ – Mt 5,3 [Lutherbibel]

Verweise

  • Aus Freund wird Feind: Der Gott-Teufel Dualismus ist die denkbar einfachste Vorstellung von Gut und Böse überhaupt. Auf der einen Seite gibt es den guten Gott, lebe für ihn und du kämpfst für das Gute. Auf der anderen Seite steht der böse Teufel, lebe für ihn und du kämpfst für das Schlechte. Mit einem solch einfachen Weltbild muss man selbst nicht mehr darüber nachdenken, was man für Gut oder Böse hält, man lässt sich blindlinks von der Lehre treiben.

  • Bestätigungstendenz: Auch ohne dass es einem bewusst ist, erkennt man etwas schneller als richtig an, wenn es ihm emotional zuspricht. Und ist man dann erst einmal von der Richtigkeit seiner Auffassung überzeugt, verändert sich nachweislich das eigene denken, handeln, fühlen usw. dahingehend, dass man selektiv nur noch das wahrnimmt, was die eigene Meinung belegt. Kaum ein Phänomen ist in der Psychologie besser bestätigt, als diese sogenannte Bestätigungstendenz.

 

  • Beziehung: Wir bitten Gott um und danken ihn für etwas. Wir suchen seine Nähe, da sie uns erfüllt. Et cetera: Ist es nicht eine hoch egoistische Beziehung, die Gläubige zu Gott unterhalten? Wären sie auch ohne Eigennutz bereit, ihrem Leben einem Gott zu übergeben?

 

  • #Fragen #Schöpfung: Wenn Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, heißt das doch, dass das Paradies Grenzen hat und folglich nicht unendlich sein kann. Wohin führt uns ein gottgefälliges Leben?