„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Chemtrail

Laut einer gängigen Verschwörungstheorie aus den 1990er Jahren sind Chemtrails absichtlich mit zusätzlichen Chemikalien angereicherte Contrails, die zu den herkömmlichen Flugzeugabgasen beigemischt, oder zusätzlich emittiert werden.

Mehrere typische Chemtrails, zumindest für Chemmies.
Mehrere typische Chemtrails, zumindest für Chemmies.

1. eine typische Verschwörungstheorie

Einzelleute, die an die Existenz von Chemtrails glauben, werden im Folgenden einfachheitshalber Chemmies und die gesamte Gruppierung „Chemtrail-Szene“ genannt.

Bei der Frage nach dem Verhalten von Chemtrails herrscht unter Chemmies weitestgehend Konsens: Das Hauptunterscheidungsmerkmal von Chemtrails, bedingt durch deren chemischen Zusätze, gegenüber normalen Contrails, soll in ihrer Langlebigkeit und flächigen Ausbreitung liegen.

Warum aber sollte wer was genau in den Himmel sprühen wollen? Über Initiatoren, deren Motivation und die Zusammensetzung der Chemtrails ist sich die Chemtrail-Szene hingegen sehr uneins. Die einzelnen Vermutungen bezüglich dieser offenen Fragen innerhalb der Chemtrail-Szene sind prototypisch für die gesamte Verschwörerszene:

Der Auftraggeber der Chemtrails ist logischerweise stets mächtig und geheim. Im Einzelfall kann das sein: USA, UNO, EU, Israel / Juden, NWO, Illuminaten, Bilderberger, Freimaurer, Pharmaindustrie, Reptiloiden usw. – wer oder was halt gerade als Zielscheibe des eigenen Hasses herhalten muss.

Auch darüber, worin der Zweck der Chemtrail-Aktion eigentlich liegen soll, streiten Chemies. Wahlweise dienen Chemtrails: Der Geburten- oder Gedankenkontrolle, der weltweit koordinierten Bevölkerungsreduktion, der Wetter- (Geoengineering gibt es in kleiner Zahl übrigens echt, ist aber kein Geheimnis) oder Klimamanipulation (Treibhauseffekt!) oder militärischen Zwecken oder, oder, oder..

2. Kondensstreifen

Ich weiß nicht, ob es Chemtrails wirklich gibt, oder ob sie nur die Erfindung einiger Sensationsgeilen sind. Das, was ich jedoch an „Foto- und Videobeweisen“ von Chemmies kenne, sind ganz sicher keine Beweise für Chemtrails. Sie zeigen nichts, was nicht auch ein strinknormaler Kondensstreifen sein könnte.

2.1. Wolken

Worin Chemmies einen Chemtrail sehen wollen, kann man genauso gut auch einen alltäglichen Kondensstreifen erkennen. Um das zu verstehen, muss man verstehen, was Kondensstreifen sind und um zu verstehen, was Kondensstreifen sind, muss man verstehen, was Wolken sind, denn Kondensstreifen sind nichts anderes als eine besondere Art von Wolken.

Wie entsteht also eine Wolke? Wasser verdampft in Seen, Pfützen usw. und steigt von der Erde als Wasserdampf nach oben. Ab einer bestimmten Höhe kondensiert der Wasserdampf zu einer Wolke. Kondensation ist der Übergang von einem gasförmigen, zu einem flüssigen Zustand. Im unserem Fall kondensiert der aufsteigende Wasserdampf zu Wasser und irgendwann gefriert er zu Eiskristallen. Damit sich der Wasserdampf so „verfestigen“ kann, müssen mindestens zwei Voraussetzungen gegeben sein:

Zuerst einmal muss die Luft übersättigt sein, d.h. es ist mehr Wasser in der Luft, als diese tragen kann und infolgedessen muss der Wasserdampf Wasser in Form kleiner Tröpfchen abgeben. Umso kälter die Luft ist, desto weniger Feuchtigkeit kann sie aufnehmen. Da der Wasserdampf aufgrund seines relativ geringen Gewichts gegenüber den anderen Gasen in der Atmosphäre immer höher steigt und es mit zunehmender Höhe ja immer kälter wird, ist dann irgendwann der entscheidende Punkt erreicht, an dem der Wasserdampf die Feuchtigkeit, die er im warmen Zustand noch tragen konnte, jetzt nicht mehr tragen kann – er kondensiert, zu einer Wolke.

Zweitens muss das überschüssige Wasser ja irgendwo hin bzw. an etwas kondensieren. Wenn Sie beispielsweise im heißen Sommer eine Coke aus der Eis-Box nehmen und sich kleine Wassertröpfchen an ihrer Außenseite bilden, passiert nichts anderes, als dass das Wasser in der durch die kalte Cola rasch abkühlenden Luft unmittelbar an der Flasche irgendwo hin will und sich an die Flaschenoberfläche heftet. Nun gibt es in der Erdatmosphäre denkbar wenige Colaflaschen, weswegen sich der aufsteigende Wasserdampf an sogenannte Aerosole klammert.

Und die übersättigte Luft kondensiert an den Aerosolen, es entsteht eine Wolke. Bei Kondensstreifen es das gleiche Prinzip:

2.2. Flugzeuge fliegen

Damit ein Flugzeug nach vorne fliegt, muss es einen Impuls nach hinten abgeben. Moderne Düsenflugzeuge funktionieren nach dem Rückstoßprinzip: Kerosin wird verbrannt, die heißen Abgase strömen aus den Triebwerken und verleihen dem Flieger Vortrieb. Ingredienzen der Abgase sind u.a. Wasserdampf, Kohlenstoffdioxid, Schwefeldioxid und Rußpartikel.

2.3. Abgase

Die Triebwerkabgase verlassen nun mit einer hohen Geschwindigkeit, unter einem hohen Druck und hohen Temperaturen von bis zu 400°C die Düsen. Um den hohen Luftwiderstand zu meiden, der in erdnahen Gebieten herrscht, liegt die gewöhnliche Reiseflughöhe jetzt bei acht Kilometern oder mehr über dem Erdboden. Dort herrschen Temperaturen von um die – 50°C. Selbstverständlich dehnen sich die ausgestoßenen Triebwerkabgase aufgrund des hohen Druckunterschiedes explosionsartig aus und kühlen wegen des hohen Temperaturunterschiedes blitzschnell ab. Weil Luft aber nur sehr schlecht Wärme leitet, gelingt ein rechtzeitiger Temperaturausgleich zwischen Abgase und Umgebung nicht und der Wasserdampf in den Abgasen geht sofort in seinen festen Zustand über. Man sagt auch, er resublimiert.

2.4. Kondensstreifen

An den so entstandenen, „resublimierten“ Eiskristallen und den Rußpartikeln kann die Feuchtigkeit kondensieren und es entsteht ein Kondensstreifen (auch: Sublimationsstreifen, Contrails). Deshalb sind Kondensstreifen auch nicht mehr als eine besondere Art von Wolken, aka verfestigter Wasserdampf, die sich eben an Eiskristallen und Rußpartikeln, statt an Colaflaschen oder natürlichen Aerosolen festsetzt.

Dieses Bild zeigt das ganze Geschehen sehr gut. Direkt nach den Triebwerken ist noch nichts zu sehen. Erst nach einer gewissen Zeit in der kalten und trockenen Umgebung entstehen die ersten Eiskristalle und daraufhin Kondensstreifen. Mit der Zeit werden die Kondensstreifen immer größer und dichter. Was dann passiert, ob sich der Kondensstreifen schnell wieder auflöst oder lange am Himmel stehen bleibt, erfahren Sie jetzt.

2.5. Chemtrails und Contrails

Wie sich die Kondensstreifen dann weiterhin verhalten, ist unterschiedlich und hängt von mehreren meteorologischen Umständen ab. Einer der stärksten Faktoren ist dabei die Luftfeuchtigkeit. Ist die Luft eher trocken, saugt sie das Wasser auf wie ein Schwamm und ein Kondensstreifen vergeht wieder schnell oder entsteht gar nicht erst.

Wenn die Atmosphäre aber sehr feucht ist, kann die Luft nicht noch mehr Wasser aufnehmen und die Kondensstreifen können Stunden lang stehen bleiben, ohne sich „in Luft aufzulösen“. Dieses Phänomen der Langlebigkeit ist ganz normal und bei normalen Wolken bekommen wir es jeden Tag zu Gesicht. Langanhaltende (hohe Luftfeuchtigkeit) und großflächige (starker Druckabfall) Spuren hinter Flugzeugen müssen also keine giftigen Chemtrails von den bösartigen Weltverschwörern, es können auch gewöhnliche Contrails, entstanden innerhalb nicht seltener Rahmenbedingungen, sein.

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Im Himmelbild oben stecken ebenso keine beängstigenden Anomalien, die nicht durch einen etwas differenziellen Blick erklärt werden könnten. „Aber die Kondensstreifen sind unterschiedlich breit!“ Ja, das stimmt, ist aber ganz natürlich. Zum einen Mal liegt das an den verschiedenen Luftschichten, in denen die Flugzeuge fliegen und die alle unterschiedlich feucht sind.

Außerdem sehen wir den Tageshimmel wie eine zweidimensionale Bildfläche, dabei ist es eigentlich die hohe, dreidimensionale Atmosphäre, die wir beobachten. Von unserem Blickpunkt aus kann man deshalb nur sehr schwer einschätzen, wie hoch ein Flugzeug tatsächlich ist. Auch wenn es für uns manchmal so aussehen mag, als könnten sich zwei Piloten regelrecht zuwinken, können sie realiter dennoch tausende Höhenmeter entfernt voneinander fliegen – und sich folglich wieder in verschiedenen Luftschichten, in denen sich Kondensstreifen stark unterschiedlich ausbilden, fliegen. Im Inneren der vielen Luftschichten gibt es wieder Auf- und Abtriebe, verschiedene Druck- und Temperaturzonen usw., was auch das Phänomen der abgeschnittenen oder sequenzartigen Kondensstreifen, ganz ohne ominöse Geheimbünde, erklärt.

Und da wären da noch die verschiedenen Triebwerkklassen, von denen die neueren wegen ihren kühleren Abgasen eher langlebige Kondensstreifen bilden, als die älteren usw. usf. Wie Sie hoffentlich sehen, ist die Herausbildung von Wolken- bzw. Kondensstreifen ein hochkompliziertes Themenfeld. Aus diesem Grund sollten Laien sich zweimal überlegen, ob sie mit einem flüchtigen Blick empor erkennen können: „Das ist komisch. Das ist ein Chemtrail.“ Das ist vermessen.

3. Fazit

Bringen wir es auf den Punkt: Es ist nichts am Himmel, was wir nicht auch mit den „offiziellen Geschichten“ erklären könnten. Zumindest nicht, soweit ich das beurteilen kann. Was denkt ihr? Habe ich etwas Wichtiges übersehen? Schreibt es mir ggfs. in die Kommentare! Einem solchen möchte ich mich in meiner Geisteshaltung nämlich nicht verschließen. Bis dahin aber bleibe ich äußerst skeptisch, was diese Verschwörungstheorie angeht.

Ansonsten sei noch angemerkt, dieser Aufsatz ist nur grundständiger, nicht allumfassender Natur. So wie ich dazu komme, schreibe ich ein paar auf diesen grundständigen Aufsatz aufbauende Blogeinträge zu den einzelnen Diskussionspunkten rund um Chemtrails nieder und verlinke sie euch dann unter diesem Aufsatz.

4. Verweise

  • Be the Change: Ein positiver Nebeneffekt für den Chemmier: Die bösen Chemtrails halten als universeller Sündenbock her. Ich bin krank? Das liegt nicht daran, dass ich zu viel rauche, zu wenig Sport mache und zu ungesund esse. Nein, die Chemtrails sind schuld. Arrrghh!! Böse Chemtrails! Die Kinder können sich nicht richtig konzentrieren? Arrrghh!! Böse Chemtrails! Es ist arschkalt draußen? Arrrghh!! Böse Chemtrails!!!!!

 

  • Bestätigungstendenz: Mit dem Wort Bestätigungstendenz (confirmation bias) wird der Umstand bezeichnet, dass ein Mensch im Besonderen, oder der Mensch im Allgemeinen, dazu neigt an einer Überzeugung, wenn er sie schon einmal innehat, auch dann, wenn sie möglicherweise falsch ist, festzuhalten und nur einseitig Bestätigungen für sie und keine Gegenargumente wahrzunehmen bzw. zu suchen. Die Bestätigungstendenz kann im Unterbewussten, der Mensch erwägt gar nicht erst die mögliche Relevanz von andersartigen Informationen und alternativen Erklärungen, und im Bewussten, der Mensch will nicht die mögliche Relevanz von andersartigen Informationen und alternativen Erklärungen sehen, ihren Grund haben. Ich glaube mich nicht allzuweit aus dem Fenster zu lehnen, wenn ich behaupte, die Bestätigungstendenz konnte beispielsweise gut im Vietnamkrieg beobachtet werden: Die vom Weißen Haus gewählten Methoden haben allen Beteiligten irgendwann mehr geschadet, als genutzt, aber einmal gefasst wollte bzw. hat man das bezüglich der eigenen Entscheidungen in Washington nicht (ge)sehen. Und auch bei vielen Chemmies ist die Resistenz gegen Gegenargumente sicherlich auf den confirmation bias zurückzuführen.

 

  • Cui Bono?: Just in time mit dem „Chemtrailproblem“ bieten die großen Propagandisten der Szene auch die passenden Lösungen an. Kultiviert wird beides anfänglich hauptsächlich durch das Internet. Hat ein Kunde dann erst einmal angebissen, wird er auf entsprechende Bücher, DVDs, Seminare, Vorträge, DVD´s und Spendenmöglichkeiten hingewiesen. Allein ein sogenannter „Cloudbuster“, der gegen Chemtrails helfen soll, kostet 500€ und mehr. So bringt die Esoterik- und / oder Verschöwererszene jedes Jahr Produkte im Gesamtwert von mehreren Milliarden Euro an den Mann. Das Geschäftsmodell ist klar: Angst. Die Frage müssen sich die Verkäufer, die Brandstiftergemeinde und kostenpflichtige Feuerwehr zugleich sind, gefallen lassen: Cui Bono? Wem nützt es?

 

  • Falsifikationismus: Wenn sich Chemtrails nicht von konventionellen Contrails unterscheiden lassen, also es gar kein mögliches Szenario gibt, dass man eindeutig ein Chemtrail als solchen identifizieren könnte, dann können auch alle Wolken und überhaupt die komplette Atmosphäre, alle Materie von „ihnen“ mit toxischen Mitteln zersetzt wurden sein. Eine empirische Theorie aber, die nicht an der Erfahrung scheitern kann, ist wissenschaftlich nicht ernst zu nehmen. Es kann sein, das sie Recht hat, bis sie sich aber nicht traut Vorhersagen zu treffen, die sich auch als falsch herausstellen können, steht sie auf einer Stufe mit „Das mit Frau Holle kann stimmen, beweise mir erst einmal, dass es Frau Holle nicht gibt.“ Und wenn die Zusätze so feinstrukturell sein sollen, wie Chemmies gerne behaupten, dass man sie nicht im Regenwasser nachweisen kann, dann können ebenso gut gelbe Männchen, die man aufgrund ihrer geringen Größe weder sehen noch messen kann, in den Wolken leben. Kann alles sein, ein wahrer Naturwissenschaftler aber wird sich mit solchen Theorien nicht ernsthaft auseinandersetzen (können).

 

  • HAARP: Eng verwoben mit der Chemtrail-Theorie ist die Haarp-Theorie. „Haarpler“ glauben, dass unbekannte Mächte von geheimen Anlagen aus das Wetter und die Ionosphäre beeinflussen wollen. Was im Kern nicht einmal falsch ist, es gibt Haarp und die Versuche Einfluss auf die Ionosphäre zu nehmen tatsächlich. Haarp ist jedoch weder geheim, noch wären die Dinge, die Haarpler dieser Organisation unterstellen, auch nur physikalisch möglich.

 

  • Intuition: Nur weil diese zugegeben unterhaltsame Vorstellung von Chemtrails aller Wahrscheinlichkeit nach nicht korrekt ist, heißt das aber natürlich nicht, dass es nicht interessant wäre, ab und zu einmal gezielt in den Himmel zu sehen. Leute, die längere Zeit an einem Ort wohnen, können sogar nur anhand der Wolken am Himmel ziemlich genau vorhersagen, ob es morgen regnen wird oder nicht. Fragt man sie, woher sie das überhaupt wissen, können sie das oft gar nicht ausmachen. Sie wissen es einfach. Intuitiv. Bei der Intuition erkennt das Unterbewusstsein nämlich: „Hey, derartige Wolken habe ich doch schon öfters gesehen“, kramt ein wenig im Gedächtnis nach, vergleicht, findet bestenfalls Überschneidungen, und kann dann sagen, ob die Wolken am Himmel bisher Regen bedeutet haben oder nicht.

 

  • Klimatologie: Einige Chemmies unterstellen den Sprühern auch gute Absichten: Klimaschutz sei das Ziel. Und tatsächlich beeinflussen Kondensstreifen das Klima. Wie eine normale Wolke blockieren nämlich auch Kondensstreifen das einfallende Sonnenlicht. Sie tragen also dazu bei, die Albedo (Rückstrahlfähigkeit der Erde) zu erhöhen. Umso höher die Albedo, desto mehr Sonnenlicht wird sofort zurückgestrahlt, desto weniger Licht / Wärme erreicht logischerweise die Erdoberfläche. Auf der anderen Seite tragen Wolken sowie ihre spezielle Ausprägung, die Kondensstreifen, aber auch zum Treibhauseffekt bei. Denn die vom Erdboden reflektierte Wärme wird an ihnen wieder auf die Erde zurückgeworfen, anstatt gen All abgestrahlt. Weil es ein hochkomplexes System ist, ist die summa summarum Auswirkung von Kondensstreifen auf das Klima noch nicht genau bekannt. Dass es eine klimatische Wirkung von Kondensstreifen gibt, ist jedoch sicher, und wird auch nicht verheimlicht.

 

  • Ockhams Rasiermesser: Mit der Chemtrailtheorie ist es ein wenig wie mit einem spannenden, twistzersetzten Blockbuster: Wenn so viele Faktoren ineinandergreifen müssen, wird das Ganze zwar unterhaltsam, jedoch relativ unwahrscheinlich. Ockham´s Razor fordert, dass gerade diejenige Theorie unter mehreren zu präferieren sei, die am wenigsten solche Unwahrscheinlichkeiten und Hypothesen beinhaltet. Dass aber eine globale Verschwörung wie die mit den Chemtrails geheim bleibt, und bisher noch nicht ein Eingeweihter oder Wissenschaftler oder „Truther“ stichhaltige Belege für die Existenz von Chemtrails hervorbringen konnte, ist schon sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Blicken Sie doch nur einmal in ihr Alltagsleben: Schon bei fünf oder sechs in ein Geheimnis eingeweihte Personen ist es unwahrscheinlich, dass nicht irgendwer „ausplaudert“. Eine global funktionierende Vertuschungskampagne würde gegen alles sprechen, was wir über die menschliche Psyche wissen. Und es gibt ja auch eine Theorie, die das alles ganz ohne unbeweisbare Hypothesen und Unwahrscheinlichkeiten erklären kann: Es gibt keine Chemtrails, was Chemmies für Chemtrails halten, sind in Wirklichkeit gewöhnliche Kondensstreifen.

 

  • Physik: Wenn man ein wenig Ahnung von Physik (Thermodynamik!) und Meteorologie hat, sieht man, dass die Streifen am Himmel keiner kühnen Theorie bedürfen, sondern ganz einfach als Kondensstreifen zu enttarnen sind. Das physikalische bzw. meteorologische Wissen der meisten Menschen ist aber leider derart rudimentär, dass sie auf den Unsinn mit den Chemtrails reinfallen. Gleiches gilt auch für die Raumfahrt: Das Verhalten und die Ausstattung von Flugzeugen scheint nur dann verdächtig, wenn man keine Ahnung von der Thematik hat. Wäre da etwas Verdächtiges dabei, hätte doch schon längst ein ehrenhafter Mann vom Fach „die Bombe platzen lassen“. Leider hören die wenigsten Verschwörungstheoretiker auf rationale Argumente.

 

  • Politik: Eine Verschwörungstheorie hat nicht nur, wie der Name vielleicht irrtümlich vermuten lässt, eine theoretische, sondern auch eine praktische Dimension. Auf die Chemtrailtheorie trifft das vielleicht mehr als auf alle anderen zu. Nicht nur Internetforen und Videoclips, auch Bürgerinitiativen („Sauberer Himmel“) und sogar größere Parteien (verstärkt rechte, bspw. FPÖ und NPD; aber selbst auch die Grüne Partei) sind von der Chemtrailtheorie , natürlich nicht alle gleichermaßen stark, infiltriert.

 

  • Psychologie: Stark mit der vorhin angesprochenen Bestätigungstendenz hängt der primacy effect zusammen. Wenn zum Beispiel ein Unbedarfter das erste Mal etwas über „Chemtrails“ hört und ihm die Thesen schlüssig zu sein scheinen, wird er für die nächsten, wohlmöglich diesen entgegen gerichteten und viel besseren, Argumenten längst nicht mehr so empfänglich sein. Fragt man ihn nun nach dem Grund für seinen festen Glauben an Chemtrails, bezieht er sich vermutlich überdurchschnittlich oft auf die Informationen, die er zuerst gehört hat. Das ist der primacy effect. Wiederrum eng mit dem primacy effect ist das sozialpsychologische Phänomen der belief persistence verwandt: Wenn sich eine Person erst einmal für eine bestimmte Überzeugung entschieden hat, ist es auch mit deutlich ihrer Überzeugung widersprechenden Befunden nur sehr schwierig, sie wieder von ihrem Standpunkt abzubringen. Dass diese belief persistence dann auch auf die subjektive Bewertung und Interpretation von Belegen einschlägt, kann sich wohl jeder denken. Und damit sind wir beim nächsten psychologischen Phänomen: Selektive Wahrnehmung. Von all den Pro- und Contraargumenten, die ein Chemmie bezüglich seiner Überzeugung so liest, werden nur die Informationen (bewusst oder unbewusst) herausgefiltert, die in sein konspiratives Raster passen. Die stammen oft von unstudierten oder anonymen Leuten aus dem Internet, hingegen hochdozierten Fachleuten, auf deren Forschung unsere ganze moderne Welt beruht, wird kein Gehör geschenkt. Oft gelten sie als korrupt und nicht vertrauenswürdig. Den Befürwortern seiner eigenen Theorie wird aber kaum einmal misstraut – selektive Wahrnehmung!! Aber das ist beileibe noch nicht alles, was es von psychologischer Seite aus Interessantes über Chemtrails zu sagen gibt. Ein paar Aspekte mehr: Die Chemtrailtheorie bestätigt die gemeinen Vorurteile von den korrupten Politikern, unbekannten Mächten – das gefällt uns und was gefällt, wird gerne auch gleich geglaubt. Mit der Chemtrailtheorie kann man sich selbst als einer der einzigen aufgeklärten Kämpfer gegen die große, böse Weltverschwörung sehen – das gefällt uns und was gefällt, wird gerne auch gleich geglaubt. Die Chemtrailtheorie ist offen für jedes individuelle Feindbild – die Rechten können Israel oder gleich den Juden die Schuld geben, die Linken den USA oder gleich dem Kapitalismus und nicht wenige Anhänger der Republikaner wollen schon die Muslime hinter den Chemtrails entlarvt haben. Jeder bekommt also sein perfekt zugeschnittenes Feindbild, eine flexible Projektionsfläche, an der jeder seine ganz eigenen Vorurteile und seinen persönlichen Hass auslassen kanndas gefällt uns und was gefällt, wird gerne auch gleich geglaubt.

 

  • Texanischer Scharfschütze: Metaphorisch gesprochen drehen Chemmies gerne argumentativ am Glücksrad und bestimmen erst im Nachhinein, welche Zahl gewinnt. Sie verhalten sich wie der texanische Scharfschütze.

 

5. Bildquellen

Stand: 2014

Kommentare: 2
  • #2

    WissensWert (Donnerstag, 15 Dezember 2016 20:15)

    http://de.verschwoerungstheorien.wikia.com/wiki/Chemtrail

  • #1

    WissensWert (Dienstag, 16 August 2016 13:15)

    Chemikaliendusche oder doch bloß Wasserdampf? Forscher haben die vermeintlichen Belege für die sogenannten "Chemtrails" einer kritischen Überprüfung unterzogen. Nach Ansicht von knapp 80 Atmosphärenforschern ist es demnach äußerst unwahrscheinlich, dass eine absichtliche Freisetzung von Chemikalien hinter den Streifen und Daten steckt:

    http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-20510-2016-08-16.html


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