„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Die Gegenwart (auch: Jetztzeit) ist ein nicht genau bestimmter Zeitpunkt, oder ein Zeitintervall zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Ein Leben in der Gegenwart

"Wir müssen uns nicht über die Zukunft beunruhigen,

denn wir leben in einer Gegenwart, die für immer andauern wird."

Douglas Rushkoff

Bewusstseinsinhalte sind nicht statisch. Die Erlebnisse, Gedanken, Bedürfnisse, Vorstellungen, Gefühle… in unseren Köpfen wechseln stetig. Wir erleben diesen Wechsel als eine Art Zeitfluss. Diese Fluss ist mitnichten symmetrisch, im Gegenteil, er birgt eine tiefe Asymmetrie in sich: Er kommt von dem, was wir Vergangenheit nennen. Alle Inhalte auf dieser Seite scheinen auf alle Ewigkeit festzustehen. Und er fließt in Richtung Zukunft, wo die Inhalte möglich, aber noch nicht realisiert zu sein scheinen. Man spricht aufgrund dieser erlebten Gerichtetheit der Zeit auch von einem Zeitpfeil.

Die beiden Seiten, Vergangenheit und Zukunft, sind jedoch nie selbst Bestandteil unseres Erlebens, sondern nur die geistigen Abstraktionen aus unserem immer gegenwärtigen Erleben. Die Vorstellung einer Vergangenheit rührt von einem gegenwärtigen Bündel an Bewusstseinsinhalten, den wir Erinnerungen getauft haben. Von diesem schließen wir regelmäßig auf die Existenz einer solchen Vergangenheit, was einer Zeit vor dieser Gegenwart entsprechen soll. Selbst erlebt haben wir eine solche Vergangenheit aber noch nie. Auf der anderen Seite hält uns ein Bündel namens Erwartungen an dem Glauben, dass es eine Zeit nach dieser, eine sog. Zukunft gäbe. Aber auch diese Zukunft hat noch nie einer von uns erlebt.

Das einzige, was wir erleben, ist Gegenwart mit immer neuen Bewusstseinsinhalten. Die Konstrukte Vergangenheit und Zukunft sind nützlich, weil wir ohne sie im praktischen Leben aufgeschmissen wären. Aber sind sie auch mehr als das?

Eine Minimalsicherheit

Was sind die erkenntnistheoretischen Konsequenzen aus dem Präsentismus?

Er lehrt uns ganz grundlegend, dass ich nicht wissen kann, ob meine Existenz eine Zukunft, und auch nicht, ob sie eine Vergangenheit hat. Ein Nachher muss es nicht geben, denn jetzt könnte der letzte Moment meiner Existenz sein. Ganz einfach.

Aber auch ein Vorher muss es nicht gegeben haben. Steve Ramizes vom MIT manipulierte beispielsweise den Hippocampus von Labormäusen derart, dass er ihnen gezielt falsche Erinnerungen einpflanzen konnte. Das Gleiche kann auch mit uns passieren. Nur, weil wir Erinnerungen haben heißt das nicht, dass wir auch eine Vergangenheit haben. Stellt man das menschliche Gehirn in Analogie zu einem Computer, entspricht das Gedächtnis einer Festplatte. Und wer versichert mir, dass nicht ein allmächtiger Programmierer mich gerade eben in die Welt gesetzt und mir dabei ein paar vergangenheitsillusionierende Erinnerungen auf die interne Festplatte geschrieben hat?

Welche absurd-anmutenden Gedanken lassen das zu? Es macht denkbar, dass ich allein jetzt existiere und mir das jetzt gar nicht auffällt. Erinnerungen und Erwartungen könnten mir die Illusion einer zeitlichen Kontinuität geben. Dass ich in einer Dauerschleife stecke und immer wieder denselben Moment, wäre möglich, mit immer denselben Erinnerungen und Erwartungen, durchlebe und mir das gar nicht auffällt. Ich hätte das fälschliche, aber ewig wiederkehrende, Gefühl, jetzt nur einmalig und vorübergehend diesen Moment hier zu durchleben.

Meine Gegenwartsmomente könnten sich aber auch fundamental voneinander unterscheiden. Im vorherigen Gegenwartsmoment hätte ich eine indische Frau mit entsprechenden Bewusstseinsinhalten –u.a. Erinnerungen und Erwartungen – sein können, im jetzigen ein New Yorker Banker und im nächsten eine chilenische Transe. Wenn ich jedes Mal die entsprechenden Erinnerungen, Erwartungen usw. der Personen im Kopf hätte, hätte ich das Gefühl, schon seit immer in ihren Körpern zu stecken. Mir würden kein einziges Mal Ungereimtheiten auffallen können, denn außer diesen unsicheren Bewusstseinsinhalten habe ich ja nur den unmittelbaren Gegenwartsmoment. Als übernächste Station könnte ich dann noch schließlich als Darmvirus in der Antarktis, ohne nennenswerte Bewusstseinsinhalte, vollbringen. Vielleicht tue ich das auch tatsächlich?

"Wir brauchen nur zu fragen, mit welcher Geschwindigkeit sich das ,Jetzt' durch die Zeit bewegt und wie das Gefühl von Vergehen mit dem Eindruck von Beständigkeit vereint werden kann, um zu bemerken, dass wir das Wesen der Zeit noch immer nicht verstehen."

- Edward R. Harrison

Bleibt denn überhaupt irgendwas, dessen ich mir sicher sein kann? Ja, ich denke schon. Mein gegenwärtiges Erleben in seiner subjektiven Erscheinungsform, scheint mir doch nur sehr schwer anzweifelbar zu sein. Alle Erkenntnis über diese hinaus scheint aber schon unsicher zu werden: Aufgrund seiner Qualia denkt der Mensch in einer objektiven Realität zu leben. Qualia ist im Kern aber ein subjektives Phänomen und kann auch erträumt werden. Sie muss nicht von einer Außenwelt verursacht werden. Vielleicht träume ich nur, dass es eine Außenwelt gibt?

Treiben wir es auf die Spitze: Vielleicht existiere nur Ich im Jetzt. Vergangenheit und Zukunft könnten mir ebenso durch meinen Verstand vorgegaukelt werden, wie alles um mich herum, die vermeintliche Außenwelt.

2. Verweise

  • #Ein Erleben in der Vergangenheit

  • Evolutionäre Erkenntnistheorie: Ohne Ausnahme sind alle unsere Erlebnisse dadurch gekennzeichnet, dass wir sie – unabhängig von ihrem konkreten Inhalt – immer im Jetzt erleben. Dass wir über ein Bewusstsein verfügen, wird also immer bedeuten, dass es sich für sich selbst in der Gegenwart befindet. Gegenwärtigkeit bedeutet, dass einem ein bestimmter geistiger Inhalt als aktual gegeben erscheint. Aus evolutionärer Sicht ist die Gegenwärtigkeit der Bewusstheit gut erklärbar. Denn, um sich herauszubilden, musste das Bewusstsein einen evolutionären Vorteil mit sich gebracht haben. Dieser war eventuell, dass ein bewusstes Wesen mit seinen Erinnerungen an frühere Entscheidungen und dem daraus gezogenem Wissen jetzt Entscheidungen treffen kann, die seine und die Zukunft seiner Spezies betreffen.

  • Jetzt: Bewusstes Leben in der Gegenwart!

  • Kausalität: Stellt man sich den Zeitfluss als eine nahtlose Aneinanderreihung von Gegenwartsmomenten vor, kommt man nicht um die Frage herum, ob, und wenn ja, was für ein Zusammenhang zwischen diesen Augenblicken besteht. Gemeinhin vermuten wir hier einen recht großen, potentiellen Zusammenhang: Momente können von vorhergegangenen Momenten kausal beeinflusst werden. Aber nehmen wir das wirklich wahr, oder ist das nur wieder eine konstruierte Vorstellung unseres Kopfes? Tatsächlich nehmen wir nur verschiedene, raumzeitliche Sequenzen wahr und vermuten daraufhin einen kausalen Zusammenhang zwischen diesen. Was aber wäre, wenn Gegenwartsmoment B nicht aus Gegenwartsmoment A hervorgeht (Veränderung bzw. Kausalität), sondern wenn Gegenwart B einer komplett anderen Welt (Neuschöpfung), als die von Gegenwartsmoment A entspricht? Wenn ich in einer Welt zwei Billardkugeln aufeinander zurollen und gleich danach in der anderen sie wieder voneinander abprallen sehe? Dann ist zwar die innere Konsistenz gewahrt, weshalb wir meinen Kausalität zu beobachten, mit realer Kausalität hat das dann aber nichts zu tun.

  • Konstruktivismus: Was wäre, wenn das, was wir Zeit nennen, nur in unserem Kopf entstünde? Dann gäbe es keine Zeit. Nur Uhren. – Eine typische Philosophenaussage.
  • Philosophie der Gegenwart 

  • Tiermisshaltung: Was haltet ihr von dieser Idee: Wer kein Konzept von seiner Zukunft bzw. seinem Tod hat, für den ist das eigene Ende auch nicht weiter schlimm. Denn er erlebt seinen Tod ja nicht mehr und zu Lebzeiten konnte er keine Angst vor ihm haben. Wichtiger als das Wann des Todes ist bei einem solchen Wesen also eindeutig das Wie des Todes – und auch seines Lebens. Übertragen wir diesen Ansatz auf die agrarwirtschaftliche Viehnutzung: Geht es wirklich darum, eine Zukunft zu haben, oder vielmehr darum, eine Vorstellung von der Zukunft bzw. ein angenehmes Leben und einen schmerzfreien Tod zu haben?

  • Zeitreisen: Der Traum von der Reise von jetzt, zu jetzt.

Stand: 2015

Kommentare: 1
  • #1

    WissensWert (Sonntag, 09 Oktober 2016 21:05)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Gegenwart


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