„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Aus Freund wird Feind

Für die meisten meiner Bekannten sind Saddam Hussein und Osama Bin Laden Feinde des Westens. Nur die wenigsten von ihnen wissen, dass dies nicht immer so war. Ursprünglich waren sie einmal „unsere“ Freunde. Die Geschichte, die ich Ihnen nun erzählen werde, ist nur ein kleiner räumlicher und zeitlicher Ausschnitt eines viel größeren Gesamtbildes von jüngster Außenpolitik. Natürlich ließe sich mit dem Wissen über die großen Zusammenhänge auch dieser Ausschnitt besser verstehen. Jedoch bin ich mit meinem überschaubaren Wissen um das Gesamtbild nicht fähig dieses zu skizzieren und besteht auch das Gesamtbild lediglich aus ein paar wenigen, immer wiederkehrenden Strukturen. Die eine ist das gezielte Aufbauen von Freund- und Feindbildern seitens des Wesens. Diese Vorgehensweise prägte und prägt die europäische und vor allem die amerikanische Außenpolitik der letzten Jahrzehnte entschieden mit. Anhand der besagten Personen Saddam Hussein und Osama Bin Laden möchte ich Ihnen erklären, wie dieses unseres Spiel abläuft. „Unseres.“

1. Untergang der Sowjetunion

Zu Zeiten des Kalten Krieges hieß das Feindbild des Westens noch Kommunismus und lag im Osten. Im Nahen Osten hatten wir noch einige Verbündete, die wir als Bollwerk gegen den bösen Ostblock, also gegen die Sowjetunion hochrüsteten. So zum Beispiel Reza Pahlavi, den Schah von Persien. Mit dem Machtverfall Pahlavis bildete sich ein neuer Herrscher über den heutigem Iran heraus. Ruholla Musavi Chomeini, ein islamischer Fundamentalist mit dem erklärten Ziel aus dem Iran ein Staat auf der Grundlage des Islam zu bauen. Die Waffen, die wir dem Iran zwecks Schutz vor den Sowjets geschenkt hatten, waren nun in der Hand dieses Islamisten. Ein wenig später begann dann auch schon der sukzessive Machtverfall der Sowjetunion. Ihr Ende war dann auch bald abzusehen. Und an diesem Zeitpunkt 1979 erklärte man den Iran quasi von Jetzt auf Nachher vom engen Verbündetem zum Feind des Westens schlechthin.

Bis hierhin waren meine Aussagen faktisch, folgender Passus sind spekulative Gedanken: Auf den Untergang der Sowjetunion war der militärisch-industrielle-Komplex nicht vorbereitet. Plötzlich stand man ohne Feindbild da. Und ohne Feindbild auch kein Hochrüsten. Sprich: Die milliardenschwere Rüstungsindustrie hatte starkes Interesse an einem neuen Feindbild, möglicherweise den Islam. Auch von Peak-Oil, dem weltweiten Erdölfördermaximum, war nun langsam die Rede. Und da der Nahe Osten die ergiebigsten Erdöllagerstätten der Welt sein eigen nennt, hat nun auch die gesamte westliche Zivilisation mitsamt ihres energieintensiven Lebensstandards ein Interesse an eben jenem. Trotzdem wird die westliche Bevölkerung nie einen Bedarf an Erdöl als Legitimation für Kriege hinnehmen. Und die Araber werden es uns auch nicht freiwillig geben, zumindest nicht zu den für uns vorteilhaften Konditionen. Also bedarf es für die Akzeptanz eines Krieges beim Volk eines nach außen hin heroischeren Motives für diesen.

2. Saddam Hussein

Der Iran musste also bekämpft werden. Wie gegen die Sowjetunion machten wir das aber nicht direkt, sondern ließen erneut für uns kämpfen. Mit allein 68 deutschen Unternehmen rüstete der Westen Saddam Hussein gegen Chomeini hoch. Wir hatten die Wehrhaftigkeit Chomeinis jedoch unterschätzt. Somit entwickelte sich aus alldem der Erste Golfkrieg, infolgedessen allein die durch unsere Chemieanlagenlieferungen ermöglichten Giftgaseinsätze Husseins mehrere Tausend Menschen starben. Insgesamt fielen dem Krieg Hunderttausende zum Opfer. Auslöser war ursprünglich Saddams Angst, die islamische Revolution im Iran könnte über die irakischen Shiiten ins eigene Land schwappen. Finanziell ruiniert schließt der Irak unter Hussein schlussendlich einen Friedensvertrag mit dem Iran.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Chemical_weapon1.jpg
Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Chemical_weapon1.jpg

Um aus der wirtschaftlichen Misere rauszukommen, brauchte der Irak Öleinnahmen. Daher überfällt Hussein jetzt das Emirat Kuwait. Das Verhaltensmuster Husseins hatte sich nicht wirklich geändert. Wie damals im Krieg gegen den Iran mordet er nun in Kuwait, einem anderen diktatorisch geführtem Nachbarstaat. Jedoch war der Krieg Husseins gegen den Iran ja im Interesse des Westens. Der Krieg gegen Kuwait wurde nun als eine Bedrohung der eigenen Wirtschaftsinteressen aufgefasst. Das ist der einzige Unterschied und Grund dafür, dass auch im Falle Husseins aus einem langjährigem Freund plötzlich ein Feind wurde. Nur ein Jahr nach dem irakischen Einmarsch in Kuwait bombardiert die US-Armee Iraks Hauptstadt Bagdad und der Nachrichtensender CNN sendet Livebilder vom Genozid. Das war der Auftakt des Zweiten Golfkrieges, infolgedessen wir diesmal selbst runter zum Persischen Golf gingen. Und wenn man bei der ganzen Geschichte überhaupt irgendwie von Moral reden kann, so ist es diese: Den Massenmord Saddam Husseins an Schiiten und Kurden haben wir geduldet, ja unterstützt. Aber wenn er danach wieder Menschen umbringt und dies jetzt gegen unsere wirtschaftlichen Interessen ist, sind diese Taten teuflisch und er selbst mit Hitler zu vergleichen.

3. Osama bin Laden

Zwischen den Jahren 1979 und 1989 führte die Sowjetunion in Afghanistan Krieg. Gegen die Sowjets rüsteten wir Mudschaheddin, islamistische Freiheitskämpfer auf. Osama Bin Laden war einer dieser durch die CIA ausgebildeten Söldner. Als die atheistischen Sowjets 1988 aus Afghanistan abzogen, wollten die Mudschaheddin um Osama bin Laden weitere Ungläubige mit weiteren Gleichgesinnten bekriegen. Unter der CIA bildete Osama bin Laden also zehntausende Moslems zum heiligen Krieg aus und unter bin Laden entstand nach der sowjetischen Intervention in Afghanistan al-Qaida. Ohne unsere Unterstützung hätte es al-Qaida in seiner heutigen Form nie gegeben. Was wir zurzeit in Afghanistan erleben, ist, dass unsere ehemaligen Söldner nun für einzelne afghanische Landesfürsten und folglich mit al-Qaida gegeneinander kämpfen.

„During the anti-Soviet jihad Bin Laden and his

fighters received American and Saudi funding.

Some analysts believe Bin Laden

himself had security training from the CIA.

-      BBC News

Aus einem für die Freiheit kämpfenden Freund wurde nun ein islamistischer Feind. Wirklich sein Verhalten geändert hat Osama bin Laden nicht, Sie kennen das Spiel ja bereits.

4. al-Qaida

Sehen wir uns als drittes und letztes wirklich exemplarisches Beispiel al-Qaida an. Al-Qaida in Afghanistan waren und sind böse. Nun ist im März 2011 ein weiterer Konflikt ausgebrochen, bei dem es genauso wenig die Guten oder die Bösen gibt. Im Bürgerkrieg in Syrien kämpft die syrische Regierung um Baschar al-Assad gegen verschiedene Oppositionsgruppen. Beide morden grausam und das syrische Volk leidet zutiefst. Nur hat der Westen hier viele geostrategische, geopolitische und nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen am Sieg der Oppositionsgruppen. Unter den Oppositionsparteien sind al-Qaida-nahe und auch al-Qaida-Kämpfer selbst. Nur während al-Qaida in Afghanistan noch die bösen, fanatischen, söldnerischen Gotteskrieger sind, so sind dieselben in Syrien plötzlich die guten Patrioten oder Freiheitskämpfer und es gilt wieder sie zu unterstützen.

Die ebenfalls islamistische Terrorgruppe ISIS wurde ursprünglich von Mitgliedern der Terrororganisation Al-Qaida im Irak gegründet. Auch die ISIS waren im syrischen Bürgerkrieg gegen Assad aktiv und zählten somit für uns zu den Guten. Und so wurde auch die ISIS massiv von den USA gegen Syrien unterstützt, ein Grund für ihre Stärke. Mitte 2013 versritten sich die Anführer der beiden Terrororganisationen dann und außerhalb Syriens erkennt man beide wieder als das, was sie am ehesten sind: Böse und gemeingefährlich.

Kommentare: 3
  • #3

    WissensWert (Freitag, 10 März 2017 15:14)

    „Es gehört zur Genialität eines großen Führers, selbst auseinanderliegende Gegner immer als nur zu einer Kategorie gehörend erscheinen zu lassen, weil die Erkenntnis verschiedener Feinde bei schwächlichen und unsicheren Charakteren nur zu leicht zum Anfang des Zweifels am eigenen Rechte führt. Sowie die schwankende Masse sich im Kampfe gegen zu viele Feinde sieht, wird sich sofort die Objektivität einstellen und die Frage aufwerfen, ob wirklich alle anderen unrecht haben und nur das eigene Volk oder die eigene Bewegung allein sich im Rechte befinde. Damit aber kommt auch schon die erste Lähmung der eigenen Kraft. Daher muss eine Vielzahl von innerlich verschiedenen Gegnern immer zusammengefasst werden, so dass in der Einsicht der Masse der eigenen Anhänger der Kampf nur gegen einen Feind allein geführt wird. Dies stärkt den Glauben an das eigene Recht und steigert die Erbitterung gegen den Angreifer auf dasselbe.“
    A. Hitler, Mein Kampf, Band 1, Kapitel 3.

    Erschreckend, wie kühl berechnend und zweckrational Hitler seine Propagandataktiken entwickelt hat. Dabei konnte ich nicht umhin, an Erdogan zu denken, der ja dem türkischen Volk immer wieder einschärft, die PKK, der IS und die Gülen-Bewegung seien eigentlich Verbündete und würden von einem einzigen fremden Machtzentrum aus gesteuert, das auch für die Gezi-Proteste 2013 verantwortlich gewesen sei.

  • #2

    sapereaudepls (Donnerstag, 18 September 2014 02:05)

    Bin Laden hat sich geärgert.
    Und der Grund ist verständlch, was nicht heißt dass ich es gutheiße.

    Denn nachdem die Amerikaner, nachdem sie in Kuwait waren, in der ganzen Region und auch in Saudi Arabien Militärbasen aufgebaut haben. Und Saudi-Arabien ist das Land mit Mekka und Medina, das sind die heiligen Stätten des Islam. Das ist so, als ob muslimische Kämpfer in unserem heiligen Land, im Vatikan, stationiert wären. Im Interview meinte Bin Laden einmal, dass die USA Saudi Arabien in eine amerikanische Kolonie verwandelt habe.

    Man muss das verstehen. Und nicht nur Verstehen, Verständnis ist das Stichwort. Der Islam wird gemeinhin als sehr befremdlich wahrgenommen, als sehr fern. Und man kann es nicht rational finden, dass Bin Laden sich daran störte. Aber man sollte es akzeptieren.

    Und DANN hat Bin Laden zum heiligen Krieg gegen den Westen aufgerufen. Zuvor war er, wie gesagt, unser Freund.

  • #1

    Denker (Donnerstag, 18 September 2014 01:21)

    Man hatte sicher einen Grund, dann gegen Bin Laden zu sein.


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