„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Dieser Aufsatz entspricht nicht zwangsläufig meinen Ansichten und Einschätzungen. Er soll lediglich die Argumentationslinie einer Gruppe von Geldsystemkritikern verdeutlichen.

Zins

Zins ist das Entgelt, das der Schuldner dem Gläubiger für vorübergehend überlassenes Kapital zahlt. Als dieses erfüllt der Zins verschiedene Funktionen:

·         Risikoprämie: pekuniäre Vergütung bezüglich des möglichen Ausfalls von Schuldzurückzahlungen.

·         Inflationsausgleich: pekuniärer Ausgleich bezüglich des Kaufkraftverlustes des Kredites aufgrund von Inflation.

·         Verzugszins: pekuniäre Pauschalisierung von Schadensersatz.

·         Opportunitätskosten: pekuniäre Entschädigung bezüglich entgehenden Gewinns.

Stets fungiert der Zins also als eine Leihgebühr für Geld und ist in jeder seiner Rollen in unserem Geldsystem essentiell. Jedoch zieht der Zins in seiner derzeitigen Konzeption auch eine Reihe negativer Effekte nach sich, wie in der folgenden Zinskritik erläutert wird.

 

Der Aufsatz Lösungsvorschläge skizziert schließlich ein grundlegend neues, alternatives Gesamtgeldsystem. Ein Negativzins“ würde in diesem die wichtigsten Funktionen des herkömmlichen Zinses gleichermaßen erfüllen, jedoch dessen negative Begleiterscheinungen nicht aufweisen und zusätzlich positive Effekte mit sich bringen.

1. Zins wird nicht mitgeschöpft

Der vorhergegangene Artikel Schuldgeld behandelt den Umstand, dass Geld in unserem System ausschließlich und grundsätzlich durch die Aufnahme neuer Schulden in gleicher Höhe geschöpft wird. Die Ausführungen unter diesem Abschnitt beziehen sich allein auf diese geldmengenerweiternden Kredite. Zu nicht geldschöpfenden Krediten ist dieser nicht kompatibel.

 

# Viele Missverständnisse entstehen aus einer mangelnden Differenzierung zwischen

dem Zins auf geldschöpfenden Krediten und dem auf nicht-gelschöpfenden Krediten heraus.

 

Der Geldemittent fordert neben dem gewährten Darlehenbetrag einen Zins auf jene Verbindlichkeit ein. Demzufolge wächst die nicht abbezahlte Schuldenmenge durch den prozentualen Zinssatz pro Zeitintervall, nicht aber die Guthabenmenge. 

Die durch den Wachstumsfaktor Zins zusätzliche globale Schuldenmenge ist „als Gegengewicht“ auf Seite der globalen Geldmenge nicht existent.

Die Schuldgeldschöpfung funktioniert auch umgekehrt. Mit der Schuldzurückzahlung wird die gleiche Menge an Geld vernichtetDa es schlussfolgernd durch den Zins global mehr Schulden als Geld gibt und eine Schuldenmenge nur mitsamt der gleichen Geldmenge aufgehoben werden kann, ist die Begleichung der Erdverschuldung grundsätzlich nicht möglich. Selbst wenn alles Geld  der Welt dazu verwendet werden würde, Schulden zu begleichen, ständen wir immer noch mit der über die Kreditlaufzeit anfallende Zinsmenge bei den Banken in der Kreide.

 

# Mit unserem System ist eine komplett schuldenlose Welt prinzipiell unmöglich.

Dieser Sachverhalt lässt sich gut anhand folgenden Gedankenspieles illustrieren. Es wird ein dem unseren identischen Wirtschaftskreislauf mit 2 Akteuren angenommen, eventuell 2 gestrandete Menschen auf einer abgelegenen Insel. Akteur B ist Geldemittent, Akteur K geldschöpfender Kreditnehmer. K nimmt bei B einen Kredit von 1000€ bei einem Zinssatz von 5% auf. Damit verpflichtet sich K bei B gesetzlich, die entliehene Geldsumme samt Zinsen zurückzuzahlen. Nach 12 Monaten  zahlt K den ursprünglichen Betrag von 1000€ an B zurück und nimmt damit sämtliches Geld aus dem Wirtschaftskreislauf. Seine Schulden sind jedoch mittlerweile auf 1050€ angewachsen. Die verbleibenden 50€, die K bräuchte um seine Schulden bei B vollständig abzubezahlen gibt es nicht.

 

# gib mir die Welt plus 5%

De facto wird wohl nie die gesamte Menschheit ihr ganzes Geld simultan zur Schuldentilgung aufbringen. Daher spiegelt die isolierte Betrachtung von Krediten auch nicht vollständig die Realität wieder. Das Gedankenspiel versagt also an dem Punkt, dass Kredite in Wirklichkeit zeitversetzt aufgenommen und beglichen werden. Und sofern Banken die Zinseinnahmen wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückführen, war es bislang immer möglich die fälligen Kredite zurückzuzahlen. Nichtsdestotrotz weist der Zins hier eine versklavende Facette auf, da sich die Menschheit zur Tilgung der fälligen Kredite zwangsläufig und unausweichlich immer mehr bei den Zentral- und Geschäftsbanken verschulden muss.

Wachstumszwang

Da die weltweite Geldmenge aufgrund des Zinses immer weiter ansteigen muss, kommt es bei einer stagnierenden Realwirtschaft zu einer permanenten Geldentwertung. Dieser Inflation kann nur mit einem gleichzeitig wachsenden Waren-und Dienstleistungsverkehr Einhalt geboten werden. Eine jede Volkswirtschaft unterliegt demzufolge innerhalb des Schneeballsystems zwischen der fortschreitenden Kreditausweitung und dem Ziel der Preisniveaustabilität mehr oder weniger einem Wachstumszwang.

 

# Stillstand bedeutet Rückschritt.

Die restlichen Ausführungen dieses Artikels beziehen sich auf jedwede Art von Zinsen.

2. Gewinner & Verlierer

bedingungsloses Spitzeneinkommen

Durch den Zins fließt Geld vom Kreditnehmer zum Kreditgeber und generiert somit ein nahezu leistungsloses, bedingungsloses Spitzeneinkommen. Dies ist die fundamentale Ursache für die immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich, wie anhand dieses Beispiels verdeutlicht wird. Frau B ist rechtmäßige Erbin des Vermögens ihrer ihr bislang unbekannten Großtante. Als diese beschließt sie die unverhoffte, runde Milliarde Euro bei der Bank ihres Vertrauens für einen Zinssatz von 5% anzulegen. Nach einem Jahr ist sie durch den Zins ohne irgendetwas getan zu haben um 50.000.000 Euro reicher. Und mit jedem Tag könnte sie sich allein durch die Zinsen des gesparten Geldes ein Eigenheim (136.986€) kaufen. Binnen 14 Jahre wird sich ihre Milliarde quasi von selbst verdoppelt haben und dabei ist der fünfprozentige Zinssatz noch sehr knapp bemessen.

 

# Es gibt arme Arbeitslose und reiche Arbeitslose.

 

Das Beispiel ist simpel gehalten, legt jedoch vieles plastisch offen. Zum einen mal fällt auf, dass der Mechanismus der Reichtumsspirale von selbst funktioniert. Frau B weis wohlmöglich selbst nicht wie und warum ihr so geschieht, während ihr Bankguthaben stetig anwächst. Zum anderen frägt man sich, wie dieser Mechanismus der Reichtumsspirale überhaupt funktioniert. Augenscheinlich scheint Frau B das Geld auf der Bank für sich arbeiten zu lassen. Doch Geld arbeitet nicht, Menschen arbeiten. Geld selbst hat keinen intrinsischen Wert, sondern repräsentiert lediglich den Wert von Waren und Dienstleistungen. Folglich kann Frau B, greifen wir wieder auf unser Beispiel zurück, mit ihren Zinsen ein reales Einfamilienhaus kaufen. Somit erkauft Frau B sich mit ihren Zinsen reale Materialen (Zement, Möbel usw.), Arbeitskosten (Arbeitszeit, Know-How usw.) und ähnliches.

der Preis des Zinses

Doch wer erarbeitet den für Frau B durch den Zins entstehenden realen Mehrwert, wenn nicht das Geld? Wir. Durch unsere Zinsabgaben. Viele Menschen glauben, ohne persönliche Schulden würden sie keine Zinsen bezahlen. Doch das ist ein Irrglaube. Wir zahlen Zinsen nicht nur ab, wenn wir uns Geld geliehen haben. Ein Kreditgeber (z.B.: eine gewöhnliche Bank) macht Profit, indem er aufgrund geliehenen oder geschöpften Geldes Kredite gegen Zins verleiht. Dieser Sollzins muss folglich dem produktiven Wirtschaftskreislauf entzogen werden. Dies geschieht entweder durch Abgabe von Besitz oder Produktivitätszuwachs, jeweils in Zinshöhe.

 

# Der Zins muss aus der Wirtschaft gewonnen werden.

Um die Zinskosten aufgenommener Kredite begleichen zu können, muss also stets mehr erwirtschaftet oder weniger anderweitig hergegeben werden. Für einen Staat bedeutet dies weniger Sozialausgaben, Subventionen usw. und / oder höhere Steuern. Ein Unternehmen muss sein Produkt entweder billiger herstellen (Lohnsenkungen usw.), oder teurer verkaufen (laufende Zinskosten in den Preis einberechnen). usw.

 

„Mal verliert man und mal gewinnen die Anderen.“

Otto Rehhagel (Steuerzahler)

 

# Der Zins steckt überall

Der Zins erhöht alle Preise an Waren und Dienstleistungen, die im Laufe der Wertschöpfungskette anfallen. Beim Preis eines Autos als Endprodukt beispielsweise schlägt der Zins vom Rohstoffaufbau, über den Karosseriebau bis zur Lackierung ein.

 

# Der Zins macht die Welt teurer.

 

Um wieviel teurer der Zins die Verkaufspreise macht, ist umstritten und nur abschätzbar, da die dazugehörige Gleichung zu komplex ist und viele Unbekannte hat. Geschätzt wird der Zinsanteil im Endpreis eines durchschnittlichen Produktes i.d.R. auf 30-70%!

Da die meisten Zinserträge Bankzinserträge sind, lassen sich diese bei einer solch pauschalen Rechnung den Haushaltsausgaben gegenüberstellen. Dabei ist die Schätzung immer gemittelt und der Zinsanteil bei einer Dienstleistungen logischerweise erheblich niedriger, als bei einem Wohnungs-/Mietpreis (>70%).

Umverteilungsprozess

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass der Habenzins auf Geldguthaben dieses vermehrt und der direkte und indirekt erhobene Sollzins Geld abschöpft. Ab einer Kapitalschwelle von etwa einer Million Euro (abzgl. Schulden) übersteigen bei einer durchschnittlichen Privatperson die Mehreinnahmen durch das Zinssystem, die entstehenden Ausgaben. Da weit über 99% der Weltbevölkerung ein Vermögen, das unter dieser kritischen Marke liegt ihr Eigen nennt, profitieren nur einige wenige Menschen (ohne dafür zu arbeiten) auf Kosten der Mehrheit (egal, ob sich der Einzelne verschuldet hat, oder nicht) vom Zins. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass sich die sozialen Unterschiede zwangsläufig auf den Wachstumszwang hin verschärfen.

 

 

# Der Zins bewirkt einen Umverteilungsmechanismus von Fleißig nach Reich.

# Die Intelligenten leben von den Dummen und die Dummen leben von der Arbeit.

 

Dabei wissen sowohl die Nettozinsempfänger, als auch die Nettozinszahler häufig nicht wie ihnen passiert. Da hat einer einen Millionenbetrag gewonnen und sein Geld wird einfach immer mehr und jemand anderes ist bereits in ärmliche Verhältnisse hineingeboren, arbeitet 14 Stunden am Tag ohne dadurch auf einen grünen Zweig zu kommen und frägt sich, was er anders macht als die Reichen.

 

# Umso reicher der Mensch, desto reicher macht ihn der Zins.

Umso ärmer der Mensch, desto ärmer macht ihn der Zins.

Verweis

Texte, die im Zusammenhang mit der Zinsthematik von Interesse sein könnten:

 

·         Wachstum

·         #bedingungsloses Grundeinkommen
·         #Zinsanteil im Endpreis
·         #Umverteilungsprozess
·         #Zinskritik der Ethik
·         #Kritik der Kritik
·         #ProMittelstand #WinWin

 

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