„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Postwachstumsökonomie

Postwachstumsökonomie (auch: Wachstumsrücknahme, Wachstumswende oder Entwachstum, englisch: Degrowth) bezeichnet sowohl eine politische, ökonomische und soziale Bürgerbewegung als auch eine ökologisch orientierte Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften. Einendes Ziel ist die Reduktion des Konsum- und Produktionsniveaus- oder wachstums einer Volkswirtschaft als ein Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und individuellem Wohlbefinden.

Die Postwachstumsökonomie grenzt sich also von rein "qualitativen"  oder "grünen" Wachstumsmodellen durch eine generelle Wachstumskritik ab. Während erstere das Wirtschaftswachstum noch beibehalten und nur ökologischer gestalten möchten, d.h. u.a. ressourcen- und energiesparender produzieren (Ökoeffizienz) oder geschlossene Stoffkreisläufe schaffen (Ökoeffektivität), fordern Postwachstums-Befürworter eine Aufgabe des Wirtschaftswachstums und mitunter sogar eine Schrumpfung der Volkswirtschaf(Ökosuffizienz).

„Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen,

in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.“
- Ewart Boulding

1. Entstehungsgeschichte

Die Geburt des Begriffs "décroissance" (franz. für Degrowth oder Postwachstum) kann auf das Jahr 1972 zurückdatiert werden. Der Sozialphilosoph André Gorz fragte bereits damals, ob das „Gleichgewicht der Erde, für welches ein Nullwachstum – oder sogar eine Wachtsumsrücknahme – der materiellen Produktion eine notwendige Voraussetzung ist, mit dem Überleben des kapitalistischen Systems vereinbar” sei. Im selben Jahr wurde “Die Grenzen das Wachstums” vom Club of Rome publiziert. Diese Schrift zeigte die möglichen Folgen eines unbeschränkten Wachstums für Ökologie und Gesellschaft aufgrund der begrenzten Ressourcen und der Übernutzung der vorhandenen Naturschätze auf. Nach der Überarbeitung von 2004 ergab sich in den meisten errechneten Szenarien der Studie ein wirtschaftlicher Kollaps zwischen 2030 und 2100. Dies führte zu einer heftigen Kontroverse und breiten Diskussion, in der auch der Begriff „décroissance” immer wieder auftauchte. Weitere Intellektuelle wie Nicholas Georgescu-Roegen, Jacques Grinevald und Ivo Rens beeinflussten die frühe Postwachstums-Diskussion maßgeblich.

In den 1970ern bekam die Forderung nach einer Postwachstumsgesellschaft somit ihren Namen. Die Wachstumskritik als solche und das Nachdenken über Alternativen bestand hingegen schon lange vorher. So haben zum Beispiel die ersten Ökonomen, die von Wirtschaftswachstum sprachen, dies nie als ein auf immer gültiges Rezept, sondern als einen vorübergehenden Zustand betrachtet. Vertreter der Klassischen Nationalökonomie diskutierten die stationäre Ökonomie als unausweichlichen Endpunkt von Wirtschaftswachstum und Entwicklung. Auch John Maynard Keynes sagte eine dauerhafte Wachstumsabschwächung voraus und gab für diesen Fall fiskalpolitische Empfehlungen.

30 Jahre nach der ersten Erwähnung von „décroissance” begannen in Lyon das, was wir heute die Postwachstums-Bewegung nennen. Das Magazin „Silence“ veröffentlichte 2002 ein Sonderheft zum Thema „décroissance”, welches auf großes Interesse stieß. Im Deutschland der Gegenwart werden wachstumskritische Konzepte u.a. von Niko Paech, Gerhard Scherhorn, Adelheid Biesecker, Sabine Hofmeister und Uwe Schneidewind thematisiert. Sie orientieren sich an der Strategie der Suffizienz und dem partiellen Rückbau industrieller, insbesondere global arbeitsteiliger Wertschöpfungsprozesse zugunsten einer Stärkung lokaler und regionaler Selbstversorgungsmuster. Enthalten sind zudem Ansätze einer Geld- und Bodenreform.

2. Begründungen

2.1. Wachstumskritik

Wachstum führt zu ständig neuen Innovationen und effizienteren Technologien, jedoch nach Ansicht von Kritikern ebenso zu negativen Entwicklungen wie psychischer Überforderung (Leistungsdruck, Reizüberflutung), Ausbeutung natürlicher und gesellschaftlicher Ressourcen sowie zur Erzeugung zweifelhafter künstlicher Bedürfnisse. Während Güter, die über die Grundbedürfnisse hinausgingen, früher in Maßen konsumiert wurden, müssten sie in alternden Volkswirtschaften in Massen konsumiert werden, um das Wachstum voranzutreiben. Die damit einhergehenden ökologischen Probleme verschärfen sich zunehmends, seit China, Indien, Russland und das Baltikum in die Marktwirtschaft eingetreten sind.

Heute mögen hinduistische Erweckungsbewegungen, fromme Muslime, japanische Nationalisten und chinesische Kommunisten verkünden, sie würden völlig unterschiedlichen Wegen und Zielen folgen, aber sie alle sind inzwischen der Überzeugung, dass Wirtschaftswachstum erstrebenswert ist. Ähnliche Ansichten brachten den Islamisten Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei an die Macht. Der Name seiner Partei (AKP) - zeugt von ihrer Orientierung am wirtschaftlichen Aufschwung, und tatsächlich ist es der Regierung Erdogan gelungen, über mehr als ein Jahrzehnt für eindrucksvolle Wachstumsraten zu sorgen, was ihr Anerkennung von allen Seiten einbrachte. Wirtschaftswachstum ist zu einem wichtigen Knotenpunkt geworden, an dem sich fast alle modernen Religionen, Ideologien und Bewegungen treffen. Die Sowjetunion mit ihren größenwahnsinnigen Fünfjahresplänen war vom Wachstum genauso besessen wie der rücksichtslose amerikanische Räuberbaron. So wie Christen und Muslime beide an den Himmel glauben und allenfalls unterschiedlicher Meinung sind, wie man dorthin gelangt, so glaubten während des Kalten Krieges sowohl Kapitalisten als auch Kommunisten, sie könnten mittels Wirtschaftswachstum den Himmel auf Erden schaffen, und zankten sich allein um die genaue Methode.

Selbst wenn wir weiter schnell genug rennen und es uns gelingt, sowohl den wirtschaftlichen Zusammenbruch als auch den ökologischen Kollaps zu verhindern, schafft das Rennen an sich enorme Probleme. Auf individueller Ebene führt es zu einem hohen Maß an Stress und Anspannung. Nach Jahrhunderten des Wachstums und des Fortschritts sollte und könnte das Leben eigentlich ruhig und friedlich sein, zumindest in den fortgeschrittenen Industrieländern. Wenn unsere Vorfahren wüssten, welche Geräte und Ressourcen uns zur Verfügung stehen, würden sie glauben, wir müssten doch eigentlich himmlische Ruhe frei von allen Sorgen und Kummernissen genießen. Die Wahrheit ist eine ganz andere. Trotz all unserer Errungenschaften fühlen wir uns ständig unter Druck, noch mehr zu tun und noch mehr zu produzieren.

2.2. Kritik an den Wachstumsmodellen

Bei allen Wachstumstheorien handelt es sich um Modelle, nicht um Darstellungen der realen Verhältnisse. Die Abweichung zwischen Modellen und Realität wird z. B. mit der Entwicklung des Bruttosozialproduktes der Bundesrepublik belegt, das seit 1950 nicht wie in den Modellen exponentiell, sondern tatsächlich nur linear gewachsen ist (siehe Grafik „Wachstumskurven Deutschland“). Dies wiederum ist gleichbedeutend mit prozentual gesunkenen Wachstumsraten! Das häufig zu beobachtende Absinken der Wachstumsraten vor allem in entwickelten Industrienationen ist nach Meinung der Kritiker unter Bezugnahme auf die Unmöglichkeit dauerhaft exponentiellen Wachstums '„weder konjunktur- noch politikbedingt, sondern systemimmanent“.

(Erhard Glötzl (1997)).

Vor diesem Hintergrund wird in verschiedener Weise gefordert, die Modelle an die realen Bedingungen anzupassen. Die herrschenden ökonomischen Theorien dürften nicht zu einem „Wachstumszwang“ führen. Der Mathematiker Jürgen Grahl weist darauf hin, dass exponentielles Wachstum in der Natur zum Beispiel beim Wachstum von Bakterienkulturen oder bei Tumoren, sprich, (ausschließlich) bei primitiven bzw. krankhaften Prozessen beobachtet wird, die schließlich an ihrer eigenen Dynamik scheitern. Deshalb warnt er davor, in Wirtschaftsmodellen mit exponentiellem Wachstum zu operieren.

2.3. Kopplung von Wachstums- und Zinsrate

Die Wirtschaftswissenschaften postulieren im langfristigen Trend eine ebenfalls gleichbleibende Zinsrate, die etwas unter der Wachstumsrate liegen soll und an diese gekoppelt ist. Von 1950 bis 1980 folgte die tatsächliche Entwicklung dieser Prognose. Seit 1980 jedoch blieb die Zinsrate trotz real sinkender Wachstumsrate etwa konstant und ist seither höher. Dies ist nach Auffassung wachstumskritischer Ökonomen eine systemimmanente Folge des exponentiellen Wachstums, die auf der anderen Seite allerdings zu exponentiell wachsenden Geldvermögen und Zinsströmen führe. Wenn die Zinsraten höher als die Wachstumsrate sind, sei es rentabler, mit Geld zu spekulieren statt damit real zu investieren, so dass diese Gelder dem realen Geldkreislauf entzogen würden. In diesem Zusammenhang wird gern auf den Nutzen einer Tobin-Steuer verwiesen.

Der Zinseszinseffekt führt laut einigen Wachstumskritikern zwangsläufig und systemimmanent zu einem exponentiellen Wachstum der Schulden auf der einen Seite und der verzinslichen Guthaben auf der anderen Seite und somit früher oder später in eine Hyperinflation oder einen Systemcrash. Diese Argumentation fußt letztlich auf dem simplen Gedankenexperiment des „Josephspfennigs“ als „dem“ Beispiel für einen unmöglichen exponentiellen Verlauf auf das Wirtschaftswachstum (siehe Grafik): Man stelle sich vor, Joseph hätte für seinen Sohn Jesus zu seiner Geburt einen einzigen Eurocent zu 5% angelegt. Bei einem einfachen Zinssatz läge auf Jesus Sparbuch jetzt 1 Euro, bei einem Zinssatz wäre es aber der Geldwert von 150 Millionen Erden aus purem Gold.

Beispiel für exponentielles Zinswachstum.
Beispiel für exponentielles Zinswachstum.

2.4. weitere Argumente und Gegenargumente

Als weitere Gründe für die Notwendigkeit einer Postwachstumsökonomie werden diskutiert:

1. Skepsis gg. grünen Wachstumsmodellen: Die Vorstellung, in Geld transferierte Wertschöpfung können vollständig von ökologischen Schäden entkoppelt werden, entbehre jeder empirischen oder theoretischen Grundlage.  Wachstum führe notwendig zu Ressourcenverbrauch und Schadstoffemissionen, weil mehr Güter produziert, transportiert und entsorgt werden.

2. Wohlstand ist nicht gleich Glück: Nach Erreichen eines bestimmten Niveaus bewirken Zunahmen des Einkommens bzw. Konsums keine weitere Steigerung des individuellen Wohlbefindens bzw. Glücks. Dies ist empirisch belegt. Das Wohlbefinden der meisten Menschen könne sogar erhöht werden, indem überflüssige Aufgaben und Arbeitsstress wegfallen und sich Menschen vom materiellen Überfluss und modernen Leistungsdenken befreien.

3. Zweifel an neoliberaler Entwicklungslogik: Die Vorstellung der neoliberalen Entwicklungspolitik, wonach Hunger, Armut und sogar Verteilungsungerechtigkeit durch ökonomischen Wachstum und Öffnung der Märkte zu beseitigen sei, ist träumerisch. Das Umschwenken der Effekte in größere soziale Ungleichheiten und sinkendes Bruttonationalglück ist nicht ausgeschlossen.

4. Peak-EverythingDas als „Peak Oil“ apostrophierte Phänomen einer zu erwartenden Ressourcenverknappung weitet sich absehbar dergestalt aus, dass von einem herannahenden „Peak Everything“ auszugehen ist. Insbesondere die explosionsartige Nachfragesteigerung von Aufsteigernationen wie China und Indien führt zu einer entsprechenden Verteuerung jener Ressourcen, auf deren bislang vermeintlich unbegrenzter Verfügbarkeit der materielle Wohlstand basierte (Vgl. etwa Peak Sand).

Wachstumsbefürworter entgegnem dem:

1. Wachstum erhöht den materiellen Wohlstand und verringert so die Armut. Postwachstumsbefürforworter entgegnen dem, dass der globale Wohlstand bereits ausreichend ist, er aber gerechter verteilt werden muss.

2. Wachstum sichert den sozialen Frieden, weil es Verteilungskonflikte entschärft: Wenn der Kuchen größer wird, können sich einzelne Gruppen ein größeres Stückchen abschneiden, ohne dass andere Gruppen sich mit einem kleineren Stück bescheiden müssen.

3. Wachstum erleichtert die Finanzierung der öffentlichen Haushalte insofern mit ihm tendenziell auch die Steuereinnahmen steigern. Das ermöglicht die Bereitstellung von neuen Sozialleistungen oder einer allgemeinen staatlichen Krankenversicherung.

Stand: 2017

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