„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Tischrücken

Tischrücken (ähnlich auch: Gläserrücken) ist eine spiritistische Praktik, bei der angeblich Kontakt zu den Seelen Verstorbener aufgenommen wird. Alle Teilnehmer legen dabei ihre sich gegenseitig berührende Hände auf einen Tisch oder ein umgedrehtes Trinkglas auf, woraufhin Fragen an tote Menschen gestellt werden. Im Laufe der Prozedur bewegt sich der Tisch oder das Glas, was als eine Art Antwortcode aus dem Reich der Toten interpretiert und mit einem Ouijabrett o.ä. übersetzt wird.

Ein Ouijabrett
Ein Ouijabrett

1. Ein kurzer Schwank aus der Wissenschaftstheorie

Der Physik Michael Faraday führte im Jahre 1853 ein entscheidendes Experiment bezüglich der Delegation unbewusster und unkontrollierter Bewegungen durch. Der Spiritismus war damals im starken Aufwind. Spiritismus bezeichnet den Versuch, Geister zu kontaktieren, zu beschwören oder eben als Medium zu benutzen. Seine Wurzeln hat er im US-Bundesstaat New York, vor allem in dessen kleineren Ortschaften, von dort aus er sich auch schnell in Europa ausbreitete.

In mystisch wirkenden Séancen (spiritistische Sitzungen) wollte man den Kontakt zu Verstorbenen herstellen können. Ein beliebtes Verfahren dabei war das Tischrücken. Hierbei setzte man sich um einen Tisch, legte seine Hände auf die Tischplatte und forderte die Geister durch ein Medium auf, sich zu zeigen. Wortwörtlich wie von Geisterhand setzte sich der Tisch dann urplötzlich in Bewegung. Was wirklich komisch war, weil keiner der Beteiligten das Gefühl hatte, selbst den Tisch bewegt zu haben.

Für ein „Ja“ sollten die Geister einmal klopfen oder rütteln, für ein „Nein“ zweimal. Es gab natürlich auch kompliziertere Codes, das Prinzip war aber immer das gleiche. Nun stellten die Teilnehmer ihre Fragen, der Tisch oder das Glas rüttelte und alle waren der festen Überzeugung, mit ihren Verwandten oder Bekannten, die eigentlich ja schon von ihnen gegangen waren, noch einmal geredet zu haben. Die Tische oder Gläser konnten in manchen, besonders bizarren Séancen sogar umstürzen, auf einer Seite balancieren oder gar schweben.

Es ist nicht verwunderlich, dass schnell Betrugsvorwürfe laut wurden. Geht die Vorstellung der Tischrücker doch gehörig gegen alles, was die modernen Wissenschaften annehmen. Man fand dann auch recht schnell Medien mit Teleskopstöcken, verborgenen Komplizen oder versteckten Seilen. Falsifiziert war der spiritistische Einfluss beim Tischrücken damit jedoch noch nicht und das kann er auch nie werden. Man kann Einzelaussagen wie „Es gibt mindestens einen übernatürlichen Einfluss bei einer Séance“ nicht endgültig falsifizieren, da man sich nie sicher sein kann, alle Séancen überprüft zu haben.

Faraday suchte also nach einem allgemeinen Prinzip, dass alle Tischrücker zumindest in der Theorie entmystifizieren könnte. Um zu beweisen, dass keine übernatürlichen Kräfte im Spiel waren, musste er also ein Experiment ersinnen, das aufzeigte, dass das Tischrücken auch ganz natürlich zu erklären ist. Anders als bei einer Beobachtung versucht man bei einem Experiment immer, alle möglichen Variablen bis auf die eine, die getestet werden soll, auszuklammern. So wird sichergestellt, dass auch nur die eine relevante Variable gemessen wird und nicht noch weitere das Ergebnis beeinflussen.

Hierzu klebte Faraday Karten mit einem sehr weichen Klebstoff auf die entsprechenden Tische. Immer, wenn die Teilnehmer einer Séance von nun an ihre Hände in die eine oder andere Richtung bewegten, gab der Klebstoff ein wenig nach und hinterlass einen Abdruck. Für den Fall, dass der Tisch von Geistern oder Seelen bewegt werden würde, sollten die Karten dieser Bewegung folgen und der Klebstoff unversehrt bleiben. Wenn es aber die Teilnehmer selbst waren, die den Tisch bewegten, würden sich die Karten auf dem Tisch auch eher bzw. mehr bewegen, als der Tisch selbst. Das Resultat des Experimentes lies keine Zweifel offen: Ausnahmslos bewegten sich alle Karten ein wenig weiter, als die Tische, auf denen sie lagen. Also steckten die Teilnehmer der Runde hinter der Bewegung und keine Geister.

Alle Teilnehmer, die Faraday befragt hatte, versicherten ihn aber, sich nie bewegt zu haben. Die Conclusio, dass manche Teilnehmer sich ihrer Handlungen gar nicht bewusst waren und sich somit quasi selbst austricksten, lag nahe. In nachfolgenden Experimenten bediente er sich eines Messgerätes, das ermittelte, welchen seitlichen Druck die angeblichen Spiritisten auf die Karten ausübten. Sobald einer das Gerät sah, kamen alle seine unbewussten Bewegungen zum Erliegen. Nach Faraday zeigt dies uns nicht etwa, dass die Teilnehmer schummelten, sondern dass sie „unbewusste Muskelhandlungen“ vollführten. Dies war nach meinem Wissen der erste Beweis dafür, dass wir manchmal nicht wissen und glauben, was wir tun. Das Unterbewusste kam in das wissenschaftliche Bewusstsein.

Man kann dies schön am Oujiabrett, wir haben es bereits kennengelernt, sehen. Auf diesem sind die Buchstaben des lateinischen bzw. der Kultur adäquaten Alphabetes angebracht und die Anwesenden legen ihre Finger auf ein umgedrehtes Glas, das sich auf eine Frage hin über die Buchstaben hinweg bewegt, ohne dass es jemand bewegt haben möchte. Was unergründlich scheint, ist auf den zweiten Blick leicht zu erklären: Die Armmuskulatur ermüdet beim Glasrücken schnell und es wird zunehmend schwieriger, den Finger noch bewusst zu verfolgen. Jeder kleinen Bewegung versuchen die Teilnehmer daraufhin entgegenzusteuern und verstärken die Rührungen so nur noch mehr. Solche Korrekturen unter den Muskelpartien sind völlig normal und sogar evolutionär notwendig, um aufrecht laufen zu können oder eine Tasse heißen Tee sicher in der Hand zu halten. Kein einziger Muskel in unserem Körper ist je völlig unbewegt und so erklärt sich auch das Phänomen des Tischrückens auf ganz natürlicher, biologischer Weise.

2. Was bleibt?

Was bleibt also vom Mysterium des Tichrückens? Nichts. Zumindest nichts, was nicht auch auf herkömmlicher Weise erklärt werden könnte. So ist zum Beispiel längst bekannt, dass das Denken an oder Sehen einer Bewegung die Wahrscheinlichkeit, dass man exakt diese Bewegung auch selbst ausführt, erheblich vergrößert. Man nennt diesen Umstand auch den Carpenter Effekt oder den ideomotorischen Effekt. Spiritisten, die nun fest konzentriert daran denken, dass Geister ein Glas bewegen werden, ziehen es folglich mit erhöhter Wahrscheinlichkeit selbst über den Tisch.

Ein weiterer Effekt, der beim Tischrücken sicher eine Rolle spielt, ist der sogenannte Kohnstamm-Effekt. Benannt wurde er nach dem Neurologen Oskar Kohnstamm, der 1915 herausfand, dass durch bewusste Denkvorgängen (etwa auch bei der Meditation)unwillkürliche Muskelbewegungen hervorgerufen werden können, die mit dem Denkvorgang unbewusst koordiniert sind.

Auch Lügendetektoren machen sich den Umstand zunutze, dass Emotionen Muskelkonzentrationen auslösen können. Beobachten lässt sich das zum Beispiel, bei Studenten in Prüfungsangst, denen die Knie schlottern. In einem Lügentest geht man nun her und misst u.a. kleinste Gesichtsmuskel-kontraktionen auf bestimmte Fragen. Wenn nun außergewöhnliche Reaktionen beobachtet werden und diese nicht zu der Antwort passen, könnte dies daran liegen, dass der Proband lügt. So zumindest die Theorie. Valide ist ein solches Verfahren sicherlich nicht, denn der Proband kann auch einfach nervös sein, obwohl er die Wahrheit spricht. Der Zusammenhang zwischen emotionalem Erleben und Muskeltätigkeiten ist aber dennoch – hier und stets - gegeben.

Bei und für einen Einzelnen sind diese Muskelkonzentrationen noch kaum merklich (außer, man lernt Körpersprache zu lesen). Aber in einer Gruppe von Leuten, die in einer Situation alle das gleiche erwarten und folglich auch alle den gleichen Muskelkontraktionen unterliegen, können sich all die kleinen Bewegungen addieren und zu einer einzigen, größeren heranwachsen. Und in Folge etwa Gläser, oder ganze Tische verrücken.

Stand: 2015

Kommentare: 1
  • #1

    christian (Freitag, 18 November 2016 12:05)

    Wir haben selbst test gemacht. Dabei ist eine Person aus dem Raum gegangen und hat einen von drei gegenständen gehalten. Wir fragten den Tisch welchen Gegenstand er in der Hand indem wir die Gegenstände nannten. Bei dem richtigen Gegenstand sollte der Tisch kopfen. Wir haben es mindestens 10x Probiert und immer hat er richtig gelegen. Jeder vpn uns war mal die Person die den Raum verlassen hatte. Somit konnte auch keine Absprache stattgefunden haben. Das zweite experiment war das die Person die rausgegangen ist (nicht am Tisch saß) sich eine Zahl von 1-10 merken sollte und der Tisch so oft klopfen sollte. Was auch immer funktioniert hat. Somit kann es nicht sein das wir selbst gedückt haben, da wir es nicht wissen konnten.


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