„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Bewusstseinszustand

Als Bewusstseinszustand werden Arten des bewussten Erlebens bezeichnet, die sich u.a. durch die Merkmale Wahrnehmung, Selbstbewusstsein, Wachheit, Handlungsfähigkeit und Intentionalität auszeichnen.

In empirischen und theoretischen Wissenschaften bzw. Studien werden Bewusstseinszustände nach unterschiedlichen Gesichtspunkten identifiziert, klassifiziert und in Modellen beschrieben. Je nach methodischem, begrifflichem und theoretischem Ansatz können dabei beispielsweise subjektive Qualitäten des Sich-Anfühlens bzw. Empfindens (vgl. Emotion, Stimmung, Affekt) berücksichtigt werden, sowie deren Art und Intensität, objektive Körperzustände oder Zusammenhänge mit Handlungen, die beispielsweise angestoßen oder unterlassen werden.

Bewusstseinszustände können die folgenden Aspekte beinhalten:

 

·       Wahrnehmungen: von Vorgängen in der Umwelt und im eigenen Körper (“Ich höre ein Geräusch, ich empfinde Schmerz, mich juckt etwas”)

·       Mentale Zustände: wie Denken, Erinnern, Vorstellen („Ich grübele über ein Problem, ich erinnere mich an einen Urlaub, ich überlege, was ich morgen machen werde”)

·       Bedürfnisse, Affekte, Emotionen („Ich habe Durst, ich bin erschöpft, ich ängstige mich”)

·       Erlebnis der eigenen Identität und Kontinuität („Ich bin der, der ich gestern war”)

·       Meinigkeit des eigenen Körpers („Dies sind meine Beine, meine Hände, mein Gesicht”)

·       Autorschaft und Kontrolle der eigenen Handlungen und Gedanken („Ich möchte das tun, was ich gerade tue”)

·       Verortung des Selbst in Zeit und Raum („Es ist Ostermontag, ich befinde mich zu Hause”)

·       Unterscheidung zwischen Realität und Vorstellung („Was ich gerade sehe, existiert wirklich und ist kein Traum”)

·       selbstreflexives Ich („Wer bin ich, warum tue ich etwas?”)[1]

In verschiedenen Kulturen und auch bei Autoren des New Age wird von Möglichkeiten der Bewusstseinserweiterung und des Erreichens spezieller „erweiterter Bewusstseinszustände“ wie TranceWachtraum usw. ausgegangen.

1. Allgemein

a. Terminologie

Der Begriff „Bewusstseinsform“ wird meist synonym gebraucht. Dagegen impliziert der Begriff „Bewusstseinsebene“ eine Hierarchie oder auch eine Entwicklung der Bewusstseinszustände und wird somit nur innerhalb von bestimmten Theorien und Systemen verwendet.

b. Fragestellungen

Die Existenz verschiedener Bewusstseinszustände wirft mehrere Fragen auf. Zunächst sind dabei die Übergangsphasen und ihre Ursachen von wissenschaftlichem Interesse. Allgemeiner stellt sich die Frage, ob und wie das Gehirn verschiedene „Funktionsmodi“ realisiert, ob es eine allgemeine Beschreibung aller möglichen Zustände gibt und ob eine evolutionäre, kulturelle oder spirituelle Entwicklung der Zustände stattfindet. Einige Neurologen und Psychologen sind der Ansicht, dass die Erforschung „ungewöhnlicher“ Bewusstseinszustände auch zur Klärung klassischer philosophischer Probleme bezüglich des Bewusstseins beitragen könne.

Siehe auch: Leib-Seele-Problem, Neurophilosophie, Neurotheologie.

2. Merkmale

a. Objektive Merkmale

Gehirnwellen

Eine verbreitete Methode, um empirische Daten über Gehirnströme zu erhalten, ist die Aufzeichnung von EEG-Signalen. Es ist damit möglich, anhand der Verteilung typischer Schwingungsfrequenzen bestimmte Grundtypen von Bewusstseinszuständen festzustellen. Hauptsächlich benutzt man hierfür Frequenzen zwischen 0,4 und 40 Hz, und zwar bei Bewusstseinszuständen während Aufmerksamkeits- und Ruhephasen.

 

Der Zustand des Alltagsbewusstseins, der so genannte Beta-Zustand, der sich typischerweise zwischen 13 Hz und 21 Hz befindet, entspricht einem Zustand guter Aufmerksamkeit und Intelligenzleistung, während der Bereich mit einem Schwerpunkt von 21 bis 38 Hz als der Bereich einer „permanenten Alarmbereitschaft“ (Fritz Perls) bezeichnet wird. Der Alpha-Bereich (8–12 Hz) entspricht dem Zustand leichter Entspannung. Der Theta-Zustand (3–8 Hz) steht für Meditation und tiefe Entspannung. Die niedrigste Frequenz findet sich beim Delta-Zustand (0,4–3 Hz), der auf verschiedene Bewusstseinszustände wie Tiefschlaf, Trance oder Tiefenhypnose hinweist. Eine Aussage über den Grad der Wachheit ist mit Hilfe eines einzelnen Frequenzwertes nicht möglich; es müssen vielmehr die Frequenzverteilungskurve und die Unterschiede zwischen verschiedenen Elektrodenpunkten in Betracht gezogen werden.

 

In den letzten Jahren ist der Gamma-Bereich (zwischen 40 Hz und 80 Hz) durch erweiterte Messverfahren in den Blickpunkt der Forschung gerückt. Da in diesem Bereich die primäre Verarbeitung der Sinneswahrnehmung vermutet wird, erhofft man sich dadurch für die Zukunft auch objektivierbare Aussagen über die Art der Wahrnehmung und die Wahrnehmungsinhalte. Verschiedene Gemütszustände und Emotionen lassen sich für den Wachzustand heute schon unterscheiden.

Siehe auch: Mindmachine

b. Wachheit und Handlungsfähigkeit

Die Wachheit wird unter dem Begriff Vigilanz medizinisch und psychologisch in verschiedene Stadien eingeteilt. Diese reichen vom bewusstlosen Koma bis zur „höchsten Erregung“. Die Einteilung erfolgt meist durch phänomenologische Kriterien wie Ansprechbarkeit oder Orientierungssinn, kann aber auch durch physiologische Kriterien unterstützt werden. Man unterscheidet zum Beispiel zwischen SoporSomnolenz und Benommenheit.

2. Subjektive Merkmale

Wahrnehmung aus der Sicht des bewussten Erlebens umfasst alle Eindrücke, die bewusst werden. Darunter fallen die sinnliche Wahrnehmung, Handlungsintentionen, rein mentale Bilder und Gedanken ohne konkrete äußere Reize, Gedächtnisinhalte, Stimmungen, Emotionen, Affekte, Raum- und Zeitempfinden und die so genannte außersinnliche Wahrnehmung. Synästhetiker können die Eindrücke eines Sinnesorgans als Wahrnehmungen eines anderen Sinnesorgans erleben.

3. Einzelne Bewusstseinszustände

a. Wachzustand

Die wesentlichen Eigenschaften zur Unterscheidung von anderen Bewusstseinszuständen sind Gedanken, die in der Regel sprachlich organisiert sind, und Handlungsfähigkeit. Sprachlich gefasstes Denken ermöglicht und erweitert viele kognitive Fähigkeiten. Dieser Bewusstseinszustand ermöglicht somit ein sehr weit reichendes Planen der Lebensumstände, was als Vorteil im Kampf ums Überleben angesehen wird.

 

Der wachbewusste Zustand wird in der Regel so weit gefasst, dass auch Krankheitsbilder wie Halluzinationen und Psychosen dazu gerechnet werden.

 

Tagträume sind bildhafte, mit Träumen vergleichbare Phantasievorstellungen und Imaginationen, die im wachen Bewusstseinszustand erlebt werden.

Siehe auch: Vigilanz

b. Hypnagogie

Hypnagogie bezeichnet einen Bewusstseinszustand, der beim Einschlafen oder (zumeist nächtlichen) Erwachen auftreten kann. Eine Person im hypnagogischen Zustand kann visuelle, auditive und taktile Pseudohalluzinationen erleben, unter Umständen, ohne sich bewegen zu können.

c. Schlaf/Tiefschlaf

Physiologie und Veränderungen während des Schlafes sind Gegenstand intensiver Forschung. Verschiedene Schlafphasen korrelieren mit typischen Unterschieden im EEG. Schlafphasen sind bei fast allen Säugetieren und Vögeln nachweisbar. Der traumlose Schlaf bleibt für die betroffene Person ohne spätere, mögliche Erinnerung daran. Die Handlungsfähigkeit ist dabei eingeschränkt, jedoch nicht immer vollständig. Schlafwandler sind in Einzelfällen sogar ansprechbar und können antworten.

 

 

Der Schlaf des Menschen erfüllt wichtige Funktionen bei der Bereitstellung von kognitiven Fähigkeiten, Gedächtnis und ausgeglichener Stimmungslage.

d. Traum

Jakobs Traum: Die Engelsleiter
Jakobs Traum: Die Engelsleiter

Im gewöhnlichen Traumbewusstsein erlebt der Mensch die verschiedensten Szenarien, die aber während des Traums kaum oder gar nicht reflektiert werden. Die Erlebnisse werden hauptsächlich bildlich erfahren. „Traumhandlungen“ können scheinbar aktiv ausgeführt werden. Die Bandbreite an Gefühlen und Gemütszuständen ist sehr groß.

 

 

Verschiedene Schulen der Psychologie, wie beispielsweise die Tiefenpsychologie, weisen der Bearbeitung erinnerter Träume eine große Rolle für die psychische Gesundheit zu (vgl. Traumdeutung).

e. Klartraum

Eine Person kann im Traum ein reflexives Bewusstsein von der Traumsituation besitzen. Aristoteles beispielsweise beschreibt eine solche Situation als häufig:

 

„oft nämlich sagt einem, wenn man schläft, etwas in seinem Bewusstsein: Was dir da erscheint, ist nur ein Traum“

 

Léon d’Hervey de Saint-Denys publizierte 1867 anonym das Buch Les Rêves et les moyens de les diriger, das Techniken vorschlägt, in einer solchen Situation bewussten Träumens Kontrolle über den Verlauf des Traums auszuüben. Frederik van Eeden prägte 1913 in einem psychologischen Fachbeitrag für diese Situation des reflexiv bewussten Träumens und gegebenenfalls der aktiv-bewussten Verlaufssteuerung den Ausdruck "luzides Träumen". Grundlegende Forschungsarbeiten erfolgten in den 1980er Jahren durch den deutschen Psychologe Paul Tholey. Inzwischen wird die internationale Klartraumforschung besonders unter psychiatrischen und sportwissenschaftlichen Zielsetzungen betrieben.

 

 

In einigen Yoga-Schulen werden entsprechende Techniken kultiviert („Traumyoga“). Buddhistische Traditionen sehen darin die Möglichkeit, sich des illusionären Charakters der Wahrnehmung insgesamt bewusst zu werden. Demnach soll es möglich sein, im wachbewussten Zustand ebenso zum „wahren“ Selbstbewusstsein zu „erwachen“ wie im Traum zum Klartraum.

f. Koma

Das tiefe Koma wird als das Gegenteil vom Wachbewusstsein angesehen. Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit sind offenbar zum Erliegen gekommen. Es existiert kein Selbstbewusstsein, welches den Zustand reflektieren könnte. Im so genannten Wachkoma (apallisches Syndrom) ist der Patient scheinbar wach, reagiert aber nicht auf seine Umwelt. In allen komatösen Zuständen kann eine elektrische Aktivität des Gehirns überwiegend im Delta-Bereich bei 0,5 Hz bis 4 Hz gemessen werden; sobald diese und alle andere EEG-Aktivität erloschen ist, spricht man vom Hirntod.

g. Trance

Trance bezeichnet einen (wach-)schlafähnlichen oder einen höchst konzentrierten Bewusstseinszustand, bei dem eine Person sich intensiv mit einer Thematik beschäftigt. Untertypen sind Ekstasehypnotische Trance, Halluzinationen und Traumatische Trance.

Anmerkungen

[1] Das Bemerkenswerte daran ist, sich die hier aufgezählten Typen von Bewusstseinsinhalte tatsächlich voneinander trennen lassen. Wie häufig bei Erkenntnissen aus der Hirnforschung stammt auch diese nicht von der Untersuchung gesunder Menschen, sondern ist aus dem Vergleich mit Menschen gewonnen worden, die an spezifischen Beeinträchtigungen leiden. Es mag ein wenig befremden, dass Wissenschaftler so scharf zwischen diesen einzelnen T.v. Bewusstseinsinhalten unterscheiden. Immerhin fühlt es sich für uns doch so an, als sei es stets dasselbe Ich, das sich bewusst darüber ist, dass etwa unser Arm juckt, der Magen knurrt, dass wir gerade wach sind, in einer Zeitung lesen oder auf einem Bürostuhl sitzen. Und doch: Jeder einzelne dieser T.v. Bewusstseinsinhalten, so haben Neuroforscher herausgefunden, kann ausfallen, ohne dass die anderen T.v. Bewusstseinsinhalte davon beeinträchtigt wären. Das zeigt sich an Patienten mit bestimmten neurologischen Störungen, die ihr Ich auf dramatische Weise anders wahrnehmen als Gesunde. So gibt es Menschen, denen infolge eines Hirntumors das selbstreflexive Ich abhandengekommen ist. Zwar spüren sie nach wie vor ihren Körper, können sprechen, sich Gedanken über die Zukunft machen – und doch haben sie keinerlei Ahnung mehr, wer sie sind: Sie erkennen sich nicht im Spiegel. Andere Betroffene wissen nicht mehr, wo sie sich gerade aufhalten; oder sie behaupten, sie seien an zwei unterschiedlichen Orten gleichzeitig – und finden das durchaus nicht seltsam. Wieder andere sind sich zwar völlig bewusst darüber, wer sie sind und wo sie sich befinden; doch haben sie (etwa nach einem Schlaganfall) ihr Empfinden dafür verloren, dass ihr eigener Körper zu ihnen gehört, sie fühlen sich wie Geister in fremder Haut.

Verweise

Dieser Aufsatz ist z.T. der deutschen Wikipedia entnommen.

Kommentare: 1
  • #1

    Marko Huemer (Montag, 03 Oktober 2016 11:43)

    Guten Tag!
    Eine sehr interessante Auflistung der von Bewusstseinszuständen.
    Einige davon lassen ich sogar durch die Bewusstseinkontrolle beeinfluss oder lenken.
    Besonders interessant finde ich momentan das Thema Bewusstseinserweiterung. Hierzu möchte ich dir gerne folgendes zeigen. Es sind meine persönlichen Erfahrungen hierzu: https://www.youtube.com/playlist?list=PLp21M5oHbM2YOD8LVOsTj94cYyA9FHDNQ

    LG Marko


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