„Habe nun ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie! durchaus studiert mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor; heiße Magister, heiße Doktor gar, und ziehe schon an die zehen Jahr herauf, herab und quer und krumm meine Schüler an der Nase herum – und sehe, dass wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen!“ 

- Faust I, S. 354–365

Regelfolgenparadoxie und Privatsprache

Formen des Skeptizismus

Als philosophischer Skeptizismus wird die Auffassung beschrieben, dass Menschen allgemein oder in einer bestimmten Domäne nicht in der Lage sind, Wissen über die Welt zu erwerben. Demnach ist ein skeptisches Argument eines, das systematisch Wissens- und Erkenntnisansprüche untergraben soll. Bekannt ist beispielsweise Descartes` Traumargument, das darauf abzielt, dass wir uns zu jedem Zeitpunkt genauso gut auch in einem Traum vorfinden könnten, so dass jede Wahrnehmung, die wir machen, zweifelhaft ist, schließlich könnte sie ebenfalls nur geträumt sein. Descartes` Argument zielt somit darauf ab, zu zeigen, dass all unsere Wissensansprüche (die auf sinnlicher Wahrnehmung beruhen) fehlschlagen könnten, d. h., dass es sein könnte, dass wir nichts wissen.

Das skeptische Argument, dem dieser Artikel gewidmet ist, geht noch einen entscheidenden Schritt weiter. Falls es stichhaltig ist, ist es nicht nur möglich, dass zentrale menschliche Wissensansprüche, möglicherweise alle, unerfüllt bleiben, sondern es wäre tatsächlich der Fall, dass es sich so verhält. Es handelt sich hierbei um die sogenannte Regelfolgenparadoxie, die in den „Philosophischen Untersuchungen“  von Ludwig Wittgenstein eine Hauptrolle spielt und später von Saul Kripke im Buch „Wittgenstein on rules and private language untersucht wurde. Wird Wittgensteins Gedankengang nach Kripkes Interpretation wiedergegeben, werde ich im Folgenden der Kürze willen „Kripkenstein“ als Urheber bezeichnen.

Die Paradoxie 

Die Paradoxie lässt sich in Reinform an einem mathematischen Beispiel veranschaulichen. Nehmen wir die Gleichung „68+57“. Gewiss scheint die einzig korrekte Antwort 125 zu lauten. Warum ist das so? Weil die Regel der Addition dies vorschreibt. Was aber, so die skeptische Frage, garantiert, dass die Regel, die anzuwenden ist, die Addition ist, und nicht die Quaddition? Die Quaddition wäre so definiert, dass sie für alle Zahlen unter 57 den gleichen Regeln wie die Addition gehorcht. Für Zahlen ab 57 produziert sie jedoch stets 5 als Ergebnis. Gibt es eine Regel, die bestimmt, dass die Addition die Regel ist, die angewendet werden soll, und nicht die Quaddition oder eine analoge abnormale Regel? 

Sicherlich könnte man einwenden, dass man einfach so handeln soll, wie man es immer getan hat. Man hat 68+57 vermutlich schon mal addiert und das entsprechende Resultat erzielt. Nun könnte man die Zahlen des Beispiels als Reaktion schlicht erhöhen. Mathematische (und andere) Regeln sollen für eine unendliche Anzahl an Fällen Handlungsweisen vorgeben, es gibt also notwendigerweise Fälle, für die man die Regel noch nicht gebraucht hat, d. h. in diesem Beispiel, dass es Aufgaben gibt, die man noch nie berechnet hat. 

Es scheint jedoch offensichtlich, dass wir sowohl wissen, dass wir die Addition (und nicht die Quaddition) mit unseren bisherigen Rechnungen meinten, als auch, dass wir darin gerechtfertigt sind, die obige Gleichung mit „125“ zu beantworten. Woher stammt diese Gewissheit? Kripke geht davon aus, dass eine Tatsache, auf die wir verweisen können, hinsichtlich dieser beiden Fragen bestehen muss, um erstens behaupten zu können, dass wir addiert und nicht quaddiert haben und zweitens, dass wir darin für zukünftige Anwendungen der Regel gerechtfertigt sind. 

Es ist jedoch äußerst schwierig, anzugeben, worin diese Tatsache bestehen könnte. Denn abnormale Regeln wie die Quaddition lassen sich absichtlich definieren, um mit jeder unserer vergangenen Handlungen kompatibel zu sein. In Wittgensteins Worten: „Unser Paradox war dies: eine Regel könne keine Handlungsweise bestimmen, da jede Handlungsweise mit der Regel in Übereinstimmung zu bringen sei.“ 

Regelregress

Diese Art des mathematischen Skeptizismus könnte für sich allein einfach ausgehebelt werden. Man müsste nur darauf rekurrieren, wie die Addition mathematisch definiert ist, und angeben, dass man gemäß dieser Definition verfahren will. Dummerweise kommt sie nicht allein. Sprache zu benutzen, heißt ebenfalls, Regeln zu folgen: zum einen grammatikalischen Regeln, zum anderen impliziten sprachlichen Normen, an denen wir uns orientieren, um zu bestimmen, wann man einen Begriff anwenden darf, um einen sinnvollen Satz zu bilden. Für jeden Ausdruck gilt schließlich, dass es nur in bestimmten Kontexten sinnvoll ist, ihn zu äußern. Beide Regeln lassen sich folglich nach Manier des mathematischen Beispiels uminterpretieren (z. B. „Quammatik“). Es handelt sich hierbei um einen Fall von „Regeln zur Deutung von Regeln“. Dies ist natürlich nicht erfolgreich, sondern führt nur in einen infiniten Regress, den „Regelregress“. Wie kann also die Tatsache aussehen, die unsere skeptischen Fragen beantwortet, die wir nun in allgemeine Form bringen können:

1.    Woher weiß ich, welcher Regel ich in der Vergangenheit gefolgt bin?
2.   
Woher weiß ich, welcher Regel ich in zukünftigen Fällen folgen soll?

Kripke erwägt mehrere Optionen, die er jedoch verwirft. Ich werde zwei davon dennoch erwähnen. 

Dispositionen und „Meinens-Erlebnisse“ 

Der erste Antwortversuch hebt darauf ab, das Folgen einer Regel dispositional, d. h. als Anlage zu einem bestimmten Verhalten, zu analysieren. Zwecks Anschaulichkeit wird dazu das altbekannte Beispiel herangezogen. Kripke beschreibt die Analyse so: „Mit `+` die Addition meinen bedeute: wenn man nach der Summe von „x+y“ gefragt werde, disponiert zu sein, die Summe von x + y als Lösung zu nennen.“ In obigen Fall bedeutet das, „125“ zu sagen, sofern die Summe von 68 + 57 erfragt wird. Mit „+“ die Addition gemeint zu haben, der Addition-Regel gefolgt zu sein, heißt also, dass man mit „125“ geantwortet hätte, wäre man gefragt worden. Das Hauptproblem dieser Erwiderung ist jedoch, dass sie die zweite skeptische Frage nicht beantwortet. Sie sagt uns nicht, wie wir zukünftig handeln sollen, weil sie uns keine Rechtfertigung dafür liefert, mit „125“ zu antworten. Wir wissen dann zwar, dass wir mit „125“ antworten würden, aber nicht, warum wir nicht irgendeine andere Zahl nennen sollten. Folglich verfehlt sie Kripkes Anspruch an eine Lösung der Paradoxie. 

Ein zweiter bedeutender Konter auf die Paradoxie lautet, dass wir die Rechtfertigung zur Anwendung der Regel durch spezielle Qualia erhalten, die mit dem Befolgen der Regel verbunden sind. „Qualia“ heißen in philosophischer Terminologie basale, subjektive Erlebnisgehalte. Diese These zu vertreten, bedeutet folglich im konkreten Beispiel, darauf zu beharren, dass es ein spezielles, unverwechselbares Erlebnis dafür gibt, mit „+“ die Addition zu meinen. Es unterscheide sich davon, die Quaddition zu meinen. Kripke selbst verweist darauf, dass jedes Erlebnis selbst interpretiert werden müsse, um zu schließen, dass es eine Rechtfertigung dafür gibt, zu addieren und nicht zu quaddieren. Es entsteht dementsprechend der altbekannte Regelregress. 

Selbst wenn jede Anwendung der Regel, d. h. Addition, mit einem speziellen Quale, sagen wir Kopfschmerzen, assoziiert gewesen wäre, gäbe uns das dennoch keine Auskunft darüber, wie in weiteren Fällen zu handeln wäre. Die Kopfschmerzen könnten ebenso zeigen, dass stattdessen zu quaddieren sei, weil es sich bei ihrem Auftreten stets um einen Fall der Quaddition gehandelt haben könnte. Ex hypothesi besteht schließlich nicht die Möglichkeit, zwischen beidem logisch zu differenzieren. Darüber hinaus nennt Wittgenstein Argumente, die beabsichtigen, die Vorstellung vom speziellen Erlebnis des Meinens (zum Beispiel des „Plus-Meinens“) zu widerlegen. 

Semantischer Skeptizismus

Aus den bisherigen Schritten der Paradoxie ergibt sich anscheinend, dass keine Tatsache darüber existiert, ob jemand etwas mit etwas meint. Diese Entdeckung lässt sich nun radikalisieren, sobald man annimmt, dass das, was der Sprecher meint, wenn er einen Begriff gebraucht, festlegt, was der Begriff bedeutet. Wenn „Meinens-Tatsachen“ die Bedeutung eines Begriffs festlegen und es solche Tatsachen nicht gibt, folgt unweigerlich, dass Bedeutung selbst nicht existiert. Man kann dies als „semantischen Skeptizismus“ bezeichnen. Somit habe Wittgenstein, gemäß Kripke, „anscheinend nachgewiesen, […] dass jegliche Sprache und alle Begriffsbildung unmöglich, ja unbegreiflich ist.“ Offenbar muss Sprache jedoch möglich sein, denn sie ist ja. Das ist der Widerspruch, dem sich die Lösung der Paradoxie stellen muss. 

Die skeptische Lösung

Bei Kripkensteins Antwort auf die Paradoxie handelt es sich um eine sogenannte „skeptische Lösung“. Eine skeptische Lösung ist allgemein dadurch charakterisiert, dass sie das Fehlen der Rechtfertigung, die der Skeptiker angreift, eingesteht, jedoch darauf beharrt, dass die alltägliche, menschliche Lebenspraxis dessen ungeachtet fortgesetzt werden kann, da sie dieser Rechtfertigung in Wirklichkeit nicht bedarf. Somit konzediert Kripke, dass nichts die von ihm aufgestellten Bedingungen erfüllen kann, es also keine Tatsache gibt, die uns sagt, welcher Regel wir in vergangenen Fällen gefolgt sind, und welcher Regel wir in zukünftigen Fällen folgen sollen. Dennoch sollen wir auf andere Art berechtigt sein, Sprache zu benutzen und anderen zuzuschreiben, dass sie mit ihren Äußerungen etwas meinen. 

Kripke weist darauf hin, dass die unmögliche Schlussfolgerung aus der Paradoxie, Sprache sei sinnlos, nur gezogen werden muss, falls man annimmt, dass Tatsachen und Wahrheitsbedingungen zum Wesen sinnvollen Behauptens gehören. Wittgenstein habe dieses Bild von Sprache jedoch aus dem Weg geräumt. Anstelle der Frage nach der Wahrheit eines Ausdrucks treten zwei neue Fragen: 

1.    „Unter welchen Umständen ist es angebracht, diesen Ausdruck zu behaupten?“

 

2.    „Welche Rolle spielt unsere Praktik des Behauptens dieses Ausdrucks unter diesen Bedingungen in unserem Leben, und was ist ihr Nutzen?“ 

Die Aussage „57+68=125“ muss gar nicht wahr in dem Sinne sein, dass sie mit bewusstseinsunabhängigen Tatsachen übereinstimmt. Diese Idee der Übereinstimmung werde durch die Regelparadoxie widerlegt. Da Aussagen und mentalen Zuständen keine eindeutige, exakte Interpretation zukommen kann, wie der Regelregress zeigt, ist der möglichen Übereinstimmung zwischen ihnen und den Tatsachen die Grundlage entzogen. Wahrheitszuschreibungen sind nur ein weiterer Teil sprachlichen Handelns, nichts, was über unseren Umgang mit Sprache hinausweist. 

Die erste aufgeführte Frage muss in jeder konkreten Situation neu beantwortet werden. Eine notwendige Bedingung ist allerdings die Übereinstimmung mit der Sprachgemeinschaft. Man wird nur sagen, dass es angebracht ist, etwas zu behaupten, wenn man die Begriffe, die man verwendet, so nutzt, wie sie normalerweise gebraucht werden. Auf den altbekannten Fall wirft das neues Licht: Man ist berechtigt, zu addieren und nicht zu quaddieren, da das in der Sprachgemeinschaft akzeptiert wird. Eine weitere Rechtfertigung besteht nicht. Daher Wittgenstein: „Wir folgen der Regel blind.“ Es gehört schlicht mit zum Sprachspiel, dass man seiner Neigung vertrauen und „125“ antworten darf, ohne weiter darin gerechtfertigt zu sein.

Die zweite Frage stellt pragmatische Anforderungen. Die zugehörige Sprachpraxis muss einen ganz konkreten Nutzen im praktischen Leben aufweisen. Die Addition kann beispielsweise einem Supermarktkassierer dazu dienen, den korrekten Preis zu verlangen, wenn jemand fünf Äpfel kaufen will. Mehr als die Erfüllung dieser beiden Bedingungen sind gar nicht nötig, um Sprache sinnvoll zu gebrauchen. 

Das Privatsprachenargument

Auf der Grundlage der skeptischen Lösung beweist Kripkenstein die Unmöglichkeit einer privaten Sprache. „Privat“ ist eine Sprache, wenn sie nur vom isolierten Sprecher selbst verwendet wird. Dementsprechend sind die Regeln, die den korrekten Gebrauch dieser Sprache festlegen, ebenfalls privat. Ob man berechtigt ist, einer Regel zu folgen, hängt aber von der Übereinstimmung mit der Gemeinschaft ab. Wenn jemand massiv vom Verhalten der Gemeinschaft abweicht, z. B. „5“ statt „125“ antwortet, wird man ihm nicht bescheinigen, der Regel (richtig) zu folgen. Im Fall einer Privatsprache bricht dieses Kriterium hingegen weg. Mithin zerfällt der Unterschied zwischen „glauben, einer Regel zu folgen“ und „einer Regel folgen“. Damit gibt es keine einschränkende Bedingung mehr für den Gebrauch eines Begriffs, jeder ist gleichermaßen berechtigt beziehungsweise unberechtigt. Der Sprecher kann jeden Begriff in jedem erdenklichen Kontext gebrauchen, es macht keinen Unterschied. Damit ist eine Privatsprache vollkommen beliebig und im Endeffekt sinnlos.

Zusammengefasst verlangt die skeptische Lösung Kripkenstein gewaltige Zugeständnisse an den Skeptiker ab. Dies war aber nötig geworden, da der Regelregress die Sinnhaftigkeit der Sprache als solcher bedrohte. Die ganze Vorstellung, Sprache sei auf außersprachliche Tatsachen und Wahrheiten gerichtet, muss gemäß Kripkenstein revidiert werden. Stattdessen nehmen die Frage nach der Übereinstimmung mit der Sprachgemeinschaft und den pragmatischen Gründen für eine Sprachpraxis die Rolle ein, eine Rechtfertigung für den Gebrauch eines bestimmten Ausdrucks zu liefern. Daraus ließ sich dann sehr geradlinig das eigentliche Privatsprachenargument entwickeln. Wer Kripkensteins skeptische Lösung nicht hinnehmen will, sieht sich weiterhin mit einem der radikalsten skeptischen Probleme konfrontiert, das je entdeckt worden ist. 

Stand: 2016

Gastbeitrag von: Leonard Dung

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